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Interview mit Dominique Horwitz zu „Tod in Weimar“

Für meinen neuen Arbeitgeber, die Thüringer Allgemeine habe ich kürzlich den Schauspieler Dominique Horwitz interviewt. Horwitz, der seit einigen Jahren in Weimar lebt, hat ja gerade einen Krimi geschrieben: „Tod in Weimar„. Hier der Link zu dem wie ich finde einigermaßen interessanten Interview. „Jede Figur trägt Züge von mir“.

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Sabine Hofmann&Rosa Ribas: Ein Krimi in einer Zeit des Schweigens und Verschweigens

Barcelona ist eine beliebte Party-Meile für Touristen aus aller Welt. Dass die spanische Metropole aber viel mehr zu bieten hat als Tattoo-Studios und T-Shirt-Läden zeigt ein neuer Kriminalroman. „Das Flüstern der Stadt“ zeigt ein bodenständigeres Barcelona und erinnert an eine dunkle Periode spanischer Geschichte, die nicht so lange vergangen ist, wie man das vermuten würde. Ich habe mit den beiden Autorinnen Sabine Hofman und Rosa Ribas über ihr Buch (hier der Link zu meinem Text über „Das Flüstern der Stadt“), aber auch über Barcelona und die jüngere spanische Geschichte gesprochen

Ist Barcelona ein guter Krimi-Tatort?

Ribas: Im Grunde eignet sich natürlich jede Stadt als Tatort, aber Barcelona ist wegen seiner Struktur, der Architektur und der Geschichte der perfekte Ort für eine Kriminalgeschichte, wie wir sie erzählen wollten. Wenn man Krimis schreibt, sollte man seine Figuren zudem durch Orte bewegen, die man selber kennt, um den Geist der Stadt, der ja für eine Kriminalgeschichte immer wichtig ist, erfassen zu können.

Was macht Barcelona als Krimi-Tatort aus?

Hofmann: Es ist eine alte Stadt, und es ist eine Hafenstadt, eine Metropole, in der viele Milieus nebeneinander existieren. Wenn man die unsichtbaren Grenzen in der Stadt überschreitet, ist man gleich in einer ganz anderen Welt, in der völlig andere Menschen mit ganz eigenen Lebensgewohnheiten leben, die ihr Viertel zudem nur sehr selten verlassen…

Ribas: … weil die Ausprägung dieses Viertel-Denkens in Barcelona sehr stark ist, vergleichbar mit Berlin, wo man ja auch oft von mehreren Städten innerhalb einer Stadt spricht. Wir beschreiben zudem das Barcelona der fünfziger Jahre, im Vorfeld eines großen kirchlichen Kongresses. Das Franco-Regime hatte Barcelona als Veranstaltungsort nicht ausgewählt, weil es so schön war, sondern, um die eigenen Macht über die Stadt zu demonstrieren. Barcelona hat lange Widerstand gegen die Falangisten geleistet – mit der Ausrichtung des katholischen Kongresses signalisierte das faschistische Regime: „Wir machen mit euch, was wir wollen.“ In unserem Buch diese Stadt zu zeigen, die sich nicht beugen wollte, und am Ende doch gebrochen wurde, war uns besonders wichtig.

Wenn man durch das Barcelona Ihrer Schauplätze läuft, wirkt die Stadt besonders düster. Ist Barcelona trotz des heiteren Image, dass sie im Ausland hat, im Grunde eine düstere Stadt?

Ribas: Barcelona hat eine dunkle Seite. Vor allem die Altstadt ist eine sehr enge Stadt. Das hängt mit der Lage zusammen. Barcelona kann nicht wachsen, weil es zwischen Meer und Bergen eingekeilt liegt. Deshalb ist es auch ohne Touristen schon immer eine volle, eine laute Stadt gewesen. Es gibt aber auch einen starken Kontrast in Barcelona: Auf der einen Seite das bourgeoise Barcelona mit seinem unverschämten Reichtum und auf der andere Seite das unvorstellbare Elend, derer, die – den Slums in Brasilien gleich – in einfachsten Verhältnissen in Baracken hausten.

Ich würde mich jetzt gerne Ihrem Buch nähern und dazu vorweg einige Themen nennen, über die ich gerne sprechen würde. Ich habe für mich vier wichtige Hauptstränge identifiziert. Da ist zunächst das Portrait der Stadt Barcelona, dann selbstverständlich die ganze politische Geschichte, dann habe ich – vermutlich wenig überraschend – die Selbstbewusstwerdung einer Frau herausgelesen und schließlich gibt es natürlich die Krimihandlung. Vielleicht können wir uns den Themen in dieser Reihenfolge widmen. Warum haben Sie also den Krimi in der Franco-Zeit angesiedelt?

Ribas: Für uns war das Thema Literatur und Sprache wichtig, und als wir uns bei der Vorbereitung unserer Krimi-Idee damit auseinandergesetzt haben, kamen sehr schnell die fünfziger Jahre in den Fokus, und zwar als Zeit des Schweigens und Verschweigens. Das war dann auch für mich persönlich sehr wichtig, weil dieses Schweigen auch bei uns Zuhause galt. Wir haben zwar über die Vergangenheit gesprochen, aber meine Eltern habe lange Zeit vieles eben auch totgeschwiegen. Es war sehr wichtig, mit meinen Eltern doch einmal über diese Zeit zu sprechen zu können, weil man plötzlich vieles viel besser versteht, auch die ganz persönliche Geschichte. Schließlich hat uns diese Vergangenheit der Unfreiheit mitgeprägt.

Hofmann: Es war überdies reizvoll, sich damit auseinanderzusetzen, wie Verbrechen und deren Aufklärung in einer Diktatur funktionieren, weil man sich ganz sicher sein kann, dass die Polizei in diesem Fall nicht auf der Seiten der „Guten“ und die Wahrheitsfindung nicht im Mittelpunkt ihres Interesses steht. Daher schien es uns spannend, eine Krimihandlung in diese Zeit zu verlegen. Hier verknüpfen sich zwei der Stränge, die Sie genannt haben.

Ribas: Wenn ein Krimi in der heutigen Zeit angesiedelt ist, kann ohne weiteres der Polizist der Gute sein. Spielt er jedoch in der Franco-Zeit, ist es undenkbar, dass ein Polizist eine „Galionsfigur“ des Guten und Gerechten sein kann. In jenen Jahren musste es immer ein Außenseiter sein, der die Wahrheit herausfindet, ein Privatdetektiv oder ein Journalist. Unsere beiden Protagonistinnen sind solche Außenseiter, und als Frauen in jenen Jahren noch viel mehr. Die beiden haben natürlich überhaupt keine Möglichkeit, einen Fall wirklich zu untersuchen, deshalb lassen wir sie auch mehr oder weniger zufällig auf die Beweise stoßen. .

Hat es in Spanien eine öffentliche Aufarbeitung der Franco-Diktatur gegeben? Gab es so eine Art spanische 68-er-Bewegung, die sich mit den Verbrechen der Väter auseinandergesetzt hat?

Ribas: Das fehlt bis heute. Und wir bezahlen es teuer. Man hat versucht, nach Francos Tod einen klaren Schnitt zu machen, aber wir haben erkennen müssen, dass das natürlich nicht geht. Es sind einfach zu viele Wunden offen, es sind so viele Verbrechen ungestraft geblieben. Es tut weh zu sehen, dass es Jahre dauert, die Leiche eine Franco-Opfers aus einem Massengrab zu bergen und würdevoll zu bestatten, selbst wenn man weiß, wo der Betreffende erschossen wurde.

Hofmann: Die Diskussion um die Massengräber jener Jahre und die Exhumierung der Erschossenen hat erst in diesem Jahrtausend begonnen. Es hat über 25 Jahre gedauert, bevor der Prozess in Bewegung kam – und es bleibt bis heute immer noch schwierig für die Angehörigen. Wir haben noch ein anderes Beispiel, ein einfaches, aber sichtbares Zeichen für den Umgang mit dieser Zeit. Das Polizeikommissariat, das in unserem Roman eine wichtige Rolle spielt, hat es tatsächlich gegeben und tatsächlich war es an Ort des Schreckens, wo gefoltert und getötet wurde. Heute ist es ein Hotel mit allem erdenklichen Luxus, glänzender Marmor, und es gibt nicht einmal eine Plakette, die auf die Verbrechen jener Jahre hinweist.

Ihr Buch „Das Flüstern der Stadt“ ist in Spanien bereits im vergangenen Jahr erschienen. Hat das eine Debatte ausgelöst, oder wurde es nur als Krimi wahrgenommen?

Ribas: Ich war viel in Leseclubs unterwegs, wo über das Buch gesprochen wurde. Dort habe ich das starke Interesse gespürt, über die Franco-Zeit zu diskutieren. Gelegentlich hat es sich angefühlt wie ein Dammbruch, weil es so ein großes Bedürfnis gibt, darüber zu reden. Aber man muss das natürlich richtig einordnen: Eine allgemeine Debatte wird in Spanien nicht durch einen einfachen Kriminalroman ausgelöst.

Haben Sie versucht, mit ihrem Roman bewusst die Sprache der 50er Jahre zu treffen?

Hofmann: Ich habe versucht, anachronistische Wörter und Formulierungen zu vermeiden und habe ich eine schlichte und einfache Standardsprache gewählt. Ich bin beim Schreiben der deutschen Fassung immer wieder auf Begriffe gestoßen, wie sie meine Eltern gebraucht haben, so wie „Mäntel wenden“, die ich dann mit großem Vergnügen benutzt habe, weil sie so perfekt in die Zeit passen. Ich bin aber nicht explizit auf das Vokabular Deutschlands der 50er Jahre gegangen. Das hätte falsche Assoziationen geweckt.

Ich würde mich jetzt gerne Ana, ihrer Protagonistin nähern. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass ihr Krimi sich vor allem an eine weibliche Leserschaft richtet.

Hofmann: Wir hatten beim Schreiben keine Zielgruppe im Kopf. Dass im Zentrum zwei Frauen stehen sollten, war eine Entscheidung, die wir zu Beginn getroffen haben, gewissermaßen eine Bauchentscheidung. Im Verlauf der Arbeit hat sich dann herausgestellt,wie interessant es sein kann, die Handlungsmöglichkeiten von Frauen im Spanien der fünfziger Jahren auszuloten.

Ribas: Unsere Figuren können nicht aus ihrer Haut. Wir konnten sie schließlich nicht agieren lassen wie moderne Frauen. Wir haben versucht, etwas zu vermeiden, was wir selber in Romanen hassen, nämlich Figuren, die anachronistisch, also nicht der Epoche entsprechend, in der sie leben,  handeln. Deshalb haben wir eine Protagonistin erdacht, die ambitioniert ist, etwas erreichen will, aber ständig gegen Wände läuft. Und trotzdem probiert sie es weiter und weiter. Da mussten wir uns immer wieder zurücknehmen, wenn wir gemerkt haben: so kann eine Frau in den 50er Jahren nicht denken. Wir haben versucht, mit Details zu zeigen, wie beklemmend diese Zeit war. Wie beispielsweise eine Frau angesehen wurde, die auf der Straße raucht, in den Augen der Gesellschaft konnte sie nur eine Prostituierte sein.

Ich würde Ihnen gerne meine Wahrnehmung schildern, wie ich darauf gekommen bin, dass sich ihr Krimi vielleicht an eine weibliche Zielgruppe richtet. Im gesamten Buch kommt keine positiv besetzte Männerfigur vor. Männer sind – und das scheint in den allgemeinen Krimizeitgeist zu passen – entweder Schurken, Böse oder Trottel, liebenswert zwar, aber eben doch Trottel. Sehen Sie das auch so?

Ribas: Eigentlich nicht, aber natürlich haben wir mit den Rollenbildern gespielt. Unser Kommissar ist am Anfang ein klassischer franquistischer Polizist. Im Verlauf des Romans wird er eher ambivalent, weil wir keine Schwarz-Weiß-Figuren wollten. Also ist er als Polizist ein Schläger, aber gleichzeitig ein liebevoller Vater.

Hofmann: Er ist eben auch in seiner Zeit gefangen.Allerdings sind ja auch unsere Heldinnen nicht strahlend und reinweiß. Ana ist bereit, für ihre Karriere einiges hinzunehmen, sie sieht – beschämt und entsetzt – zu, wie bei einem Verhör eine Zeugin geschlagen wir und arrangiert sich doch mit dem Schläger Castro, weil sie die Berichterstattung über den Mordfall als Chance für ihren beruflichen Wunschtraum begreift.

Haben Sie, damit es in die Zeit passt, auch die kleine Romanze mit hineingepackt. Ich hab beim Lesen gedacht, warum reitet Ihre Ana nicht einfach als verlorene Heldin in den Sonnenuntergang , zieht reif geworden ihres Weges?. Warum muss die noch einen Kerl abkriegen?

Hofmann: Wir haben ihr am Ende die kleine Romanze gegönnt, weil wir den Roman nicht mit zwei einsamen Frauen enden lassen wollten. Was daraus wird, in welcher Hinsicht und wofür sie einen Kerl abkriegt, bleibt ja offen. Wir haben auch hier mit den gängigen Rollenbildern gespielt, ohne ihr ein Verhalten zuzuschreiben, dass ihr damals nicht möglich gewesen wäre.

Offen gestanden haben Sie mir nach der Lektüre ein wenig den Spaß verdorben. Ich hatte mich gefreut, endlich mal einen Krimi zu lesen, der keine Fortsetzung zulässt.. Jetzt haben Sie aber verraten, dass es einen zweiten Band gibt…

Ribas: …Es ist keine Fortsetzung im eigentlichen Sinne. Die Geschichte mit den zwei Frauenfiguren hat in Spanien sehr gut funktioniert, daher war die Versuchung groß, etwas Ähnliches zu machen. Wir sind allerdings einen anderen Weg gegangen: Wir bleiben zwar in der Zeit, aber sonst wird alles anders. Ana ist allein, ohne Beatriz, sie muss Barcelona verlassen und arbeitet in einem kleinen Dorf. Das neue Buch ist viel düsterer. Wenn „Das Flüstern der Stadt“ grau ist, ist der neue Band schwarz. Das war ein großes Risiko, weil die Leser ja häufig mehr von dem Bekannten erwarten. Aber es hat sich gelohnt. Auch das zweite Buch ist in Spanien sehr gut angekommen, wie ein Kritiker schrieb: „Die Franco-Zeit hat jetzt ihren Kriminalroman.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Geschichte als Krimi zu erzählen? Man hätte die Handlung ja auch als Roman ohne Krimi-Plot aufschreiben können?

Hofmann: Das hätten wir wahrscheinlich nicht zu zweit geschrieben. Zu den Dingen, die uns von Anfang an so klar waren, dass wir nicht mehr darüber geredet haben, gehörte, dass es ein Krimi sein sollte. Das Genre Krimi eignet sich für eine Zusammenarbeit besonders gut, weil es dort viele Genre-Regeln gibt, an denen man sich abarbeiten kann und auf die man sich nicht neu einigen muss. Außerdem lieben wir Krimis. Es war total spannend, eine Krimi-Handlung in eine bestimme Zeit zu setzen, zu sehen, warum in einer bestimmten Ära Verbrechen begangen werden, oder darzustellen, wie es in dieser Zeit mit Ermittlungen und Wahrheit aussieht.

Spielt beim Schreiben der Reiz, den mal als Leser beim Krimi häufig empfindet, sich geistig sozusagen am Abgrund zu bewegen und einen Blick in die Finsternis zu werfen, auch eine Rolle?

Ribas: Ja unbedingt. Man hat sozusagen die Erlaubnis, sich in den Abgründen der menschlichen Seele umzuschauen.

Die Reise nach Barcelona zum Interview ermöglichte der Rowohlt-Verlag

Autor:

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„Ich mag es, wenn es kracht“ – Marc Elsberg über „Blackout“

Marc Elsberg ist nicht sehr nett. Er schaltet Europa den Strom ab – einfach so und vollständig. In seinem Thriller „Blackout“ beschreibt der Österreicher ungemein spannend und höchst unterhaltsam einen Alptraum. Elsberg, der im Übrigen eigentlich doch ganz nett, ist entwirft ein Szenario, bei dem eine Attacke auf einen eigentlich unbedeutenden Teil der Stromversorgung sich zu einem nicht mehr zu kontrollierenden Flächenbrand auswächst. In einem Gespräch erzählt der Autor, wie er auf diese und andere Ideen kam.

 

Was ist Ihr liebstes elektrisches Gerät?

Elsberg: Das ist eine schwierige Entscheidung zwischen I-Phone und I-Book. Am Ende gewinnt wahrscheinlich die Kaffeemaschine.

Sie haben einen Thriller rund um einen europaweiten Stromausfall geschrieben. Können Sie sich ein Leben ohne Strom vorstellen?

Elsberg: Definitiv nicht. Ich bin auf jeden Fall ein Mensch, der die Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation sehr schätzt – und diese Annehmlichkeiten gibt es nur mit Strom. Dazu gehört auch die ganze Vernetzung der modernen Gesellschaft, auf die ich nicht nur als Autor bei meinen Recherchen angewiesen bin. Aber auch alles andere, Licht, Fernsehen, Aufzug im Haus. Ich wohne unter dem Dach – ohne Aufzug in den fünften Stock? Naja, hielte natürlich fit…

Sie deuten das prä-elektrifizierte Leben in „Blackout“ als kleines Idyll an. Dort gibt es Inseln der Selbstversorger, die ohne Strom auskommen, ein Bergdorf in Österreich, der Hof in der niederländischen Provinz. Das haben Sie nicht als kleine Fluchten erdacht?

Elsberg: Das ist in dieser Situation, wenn überall die Versorgung zusammenbricht, ein Idyll. Es ist sicher ganz nett, ein Feuer im Kamin zu haben, aber auf diesem Niveau leben zu müssen, ist nur ein paar Tage lang lustig.

Als romantische Vorstellung also ganz nett…

Elsberg: …genau, aber nur als Abenteuer mit Rückfahrkarte.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen Europa, den Strom abzuschalten?

Elsberg: Ich wollte etwas über kritische Infrastrukturen schreiben und da kommt man sehr schnell darauf, dass die Elektrizität das Fundament für alle kritischen Strukturen des modernen Lebens ist. Die Frage war, wie dramatisiert man das am besten, bei einer Sache, die normalerweise für uns alle aus der Steckdose kommt. Die Antwort war dann sehr einfach: Strom abschalten. Daraus ergab sich schnell die gesamte Geschichte.

Sie zerstören in ihrem Thriller mutwillig fragile Systeme. Das kann man ja durchaus gesellschaftskritisch lesen. Lässt sich bei der Verflechtung der Systeme heute überhaupt noch gegen bedrohliche Abhängigkeiten gegensteuern?

Elsberg: Man kann es kritisch lesen. Ich würde aber nur soweit gehen, dass ich denke, dass man sich sehr genau überlegen sollte, wie man die Systeme sichert, von denen man sich so sehr abhängig macht. Unsere gesamte Wirtschaft funktioniert nun einmal nur noch hochkomplex und mit den unsichtbaren Helferlein im Hintergrund – und niemand will auf den Komfort verzichten, den der Status Quo mit sich bringt. Keiner will doch zurück ins 19. Jahrhundert. Insofern würde ich nie sagen, man muss dagegen steuern, aber man muss sehen, wie man damit vernünftig umgeht.

Auch wenn Sie einen Thriller geschrieben haben und unterhalten wollen, machen Sie aber Abhängigkeiten deutlich, die man meistens verdrängt.

Elsberg: Das ist eine der Absichten gewesen, zu zeigen, wie sehr wir von der Elektrizität abhängen und wie sehr alles vernetzt ist. Das Spannende dabei ist, dass viele Leute das noch immer nicht sehen, nur ihren Sektor vor Augen haben und die Vernetzung nicht erkennen wollen – und das kann in einer modernen Welt nicht auf Dauer funktionieren.

Sind die Menschen zu gutgläubig? Oder geht es vielleicht gar nicht anders und man muss die Fragilität unserer Systeme ausblenden?

Elsberg: Es geht doch nicht mehr anders: Die Menschen müssen in unseren Zeiten wahnsinnig viel glauben, weil sie nicht mehr alles wissen können. Das Leben ist mittlerweile hochkomplex. Gleichzeitig stehen enorm viele Informationen zur Verfügung. Insofern müssen wir, um das Leben bewältigen zu können, zu einem gewissen Grad leichtgläubig sein.

Sie beschreiben verschiedene Krisenszenarien, beispielsweise über Kühe, die auf Höfen verenden, über das Elend in den Krankenhäuser und über die dünne zivilisatorische Firniss, die in einigen Ländern schnell im Militärputsch mündet. Was war bei Ihren Recherchen die erschreckendste Erkenntnis?

Elsberg: Auf einer rationalen Ebene: Die erschütternde Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen über die Vernetzung der Systeme. Auf einer emotionalen Ebene natürlich immer dann, wenn es ums Sterben geht, ob es nun Millionen von Nutztieren in Europa sind oder eben Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern, die nicht mehr versorgt werden können. Besonders berührt hat mich aber auch die Situation derjenigen, die kranke Menschen betreuen. Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte, die im Krisenfall vor Entscheidungen stehen, vor die man nie gestellt werden möchte.

Glauben Sie, dass Sie die menschlichen Verhaltensweisen angesichts der Mega-Katastrophe eher geschönt oder eher überzeichnet haben?

Elsberg: Weder noch. Es ist bei einem solchen Szenario sehr schwer abzuschätzen, was passieren wird. Ich bin ja eher Optimist und glaube, dass die Menschen eine lange Zeit kooperativ bleiben und menschlich miteinander umgehen. Erst, wenn es ganz hart wird und es nichts mehr zu essen und trinken gibt oder Seuchen ausbrechen, wird es zu unschönen Szenen kommen. Das wird in unterschiedlichen Tempi verlaufen. Großstädte sind anfälliger als das ländliche Gebiete. Ich glaube nicht, dass – wie es oft in Spielfilmen dargestellt wird, von vorneherein ein Armageddon ausbricht.

Diese positive Einschätzung habe ich beim Lesen ebenfalls empfunden.

Elsberg: Ich glaube nun einmal, dass der Mensch kein Tier, kein nackter Affe ist. Außerdem habe ich bei den Recherchen sehr genau gesehen, wie das in andern Notsituationen abgelaufen ist. Schauen Sie sich die Solidarität bei der Oderflut an oder im Münsterland im Winter 2005/2006. Dort waren die Menschen nach schweren Stürmen tagelang ohne Strom. Hurrikan Katrina war ebenfalls ein gutes Beispiel. All diese Vorbilder zeigen: in halbwegs zivilisierten Ländern bleibt die Lage bis zu einem gewissen Punkt ruhig, benehmen sich die Menschen einigermaßen zivilisiert. Irgendwann kippt das aber. In New Orleans beispielsweise ist die Zivilgesellschaft an einem bestimmten Punkt eingebrochen, aber auch weil es dort eine Menge  nur teilzvilisierte Rassisten gibt. Aber auch dort wurden improvisierte Krankenhäuser eingerichtet. Es ist also nicht nur Optimismus, der mich zu meinen Einschätzungen und Beschreibungen bringt, sondern auch von vielen realen Szenarien abgeleitet.

Haben Sie aus den Recherchen für Ihr Leben Konsequenzen gezogen?

Elsberg: Ich habe etwas mehr an Vorräten zu Hause und habe im allgemeinen einen gut gefüllten Tank im Auto.

Man darf natürlich ein Buch nicht zu ernst nehmen, aber es ist eine Qualität von Blackout, dass man beim Lesen tatsächlich überlegt, ob man genug Kerzen, Batterien oder Konserven zuhause hat.

Elsberg: So war es auch gedacht. Ich wollte eine spannende Geschichte erzählen. Wenn die Leute darüber hinaus etwas mitbekommen, dass sie zum nachdenken anregt, freut mich das natürlich.

Sie haben über viele Seiten auf die Darstellung der Täterseite verzichtet, ein dramaturgischer Gewinn. Wäre es möglich gewesen, dass ganz ohne Täterjagd zu beschreiben?

Elsberg: Das hatte ich am Anfang mal überlegt. Ich wollte es dem Leser ermöglichen, sehr lange darüber nachzudenken, wer oder was der Auslöser der Katastrophe ist, weil ich diese Unsicherheit sehr gut fand.

Aber am Ende brauchten Sie doch noch die Täter?

Elsberg: Ja. Auch als Leser bin ich am Ende ein Freund von klaren Verhältnissen. Ich glaube, dass das die Leser erwarten. Es hat einen intellektuellen Reiz, eine Geschichte ohne Auflösung enden zu lassen, aber ich glaube, dass ist nur für eine Minderheit interessant. Man will doch die große Katharsis am Schluss. Ich auch. Deshalb habe ich es dann auch so geschrieben.

Viele Krimis transportieren meist über die Ermittler, die Protagonisten, menschliche Wärme. Blackout lebt eher vom distanziert analytischen Blick. War das Absicht, wenn ja warum?

Elsberg:  Das ist bis zu einem gewissen Grad Genre-gebunden. Mein Thriller ist sehr stark handlungsgetrieben. Im klassischen Krimi, insbesondere bei Serien, liest man nicht wegen der Handlung, sondern wegen der Hauptfigur, man will deren Schicksal mitverfolgen…

…Der Krimi hat sich zum Familiendrama verwandelt?

Elsberg: Genau. Deshalb muss man bei dieser Sorte Krimis die Charaktere in den Vordergrund stellen. Bei einem Science- oder Tec-Thriller, wie ich ihn geschrieben habe, steht die Handlung im Vordergrund. Ich selber lese gelegentlich auch schwedische Autoren, bei denen das oft vertreten ist. Aber mir ist das zu langweilig – und deshalb überblättere ich das dann auch häufig. Seitenlange selbstmitleidige Introsepktionen und Betrachtungen über die Schlechtigkeit der Welt in Krimis interessieren mich nicht.  Letztlich macht einen Mensch nicht aus, was er denkt, sondern wie er sich entscheidet, was er tut. Deshalb bin ich einer, der eher auf Handlung steht – außerdem mag ich es, wenn es kracht – und deswegen schreibe ich das dann auch so.

Was macht dann einen guten Krimi aus?

Elsberg: Da gibt es meiner Ansicht nach mehrere Komponenten. Das kann die Handlung sein, ein sehr involvierender Charakter, das kann in einigen Fällen sogar nur die Sprache sein. Wenn alles drei zusammenkommt, ist es optimal, dann haben wir einen richtig guten Krimi.

Hier steht mein Text über Marc Elsbergs „Blackout“

 

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Ursula Poznanski: „Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte“

Bislang hat Ursula Poznanski Jugendbücher geschrieben, in dieser Woche stellt sie ihren ersten Kriminalroman vor. Ein äußerst gelungenes Debüt. Vor dem Erscheinungstermin von „Fünf“ habe ich die angenehm bodenständige Österreicherin getroffen und mit ihr über ihren Roman und die Arbeit daran gesprochen.

 

Was macht einen guten Ermittler im Kriminalroman aus?

Poznanski: Das möchte ich aus Lesersicht beantworten. Ich selber lese gern über Menschen – und weniger gern über Funktionsträger. Für mich zählt dabei, dass ich einer Figur begegne, mit der ich mich nicht unbedingt identifizieren können muss, die ich aber als Menschen wahrnehme. Darüber hinaus ist natürlich der Faktor Kompetenz sehr wichtig. Ich glaube nicht, dass es Spaß macht, einem Ermittler zu folgen, bei dem man das Gefühl hat, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Das heißt nicht, dass er nicht an Hindernisse stoßen darf, oder zwischendurch glaubt, das Handtuch werfen zu müssen, aber man muss es ihm zutrauen, dass er es am Ende irgendwie hinkriegt.

Es ist für Sie vermutlich schwierig, in dem konkreten Fall aus „Lesersicht“ zu argumentieren, aber wie würden Sie ihre Kommissarin Beatrice Kaspary beschreiben?

Poznanski: Sie hat ein Problem, das viele Menschen haben: Sie lädt sich immer zu viel auf und kann es daher nie allen Recht machen.  Dabei bewegt sie sich beruflich auf einem Niveau, auf dem sich beispielsweise eine Ärztin bewegt: Polizisten müssen sehr viel Verantwortung übernehmen, was das Leben viel schwieriger macht als beispielsweise das einer Autorin. Wenn ich einen Tag lang Unsinn schreibe, hat das deutlich weniger Folgen, als wenn eine Kommissarin einen Tag lang nicht bei der Sache ist. Beatrice Kaspary hat also allein durch ihren Beruf eine sehr große Fallhöhe, jeder Fehler zählt doppelt. Dazu kommt noch ihre sehr schwierige private Situation, ihre komplizierte Vorgeschichte. Dieses Zerrissensein zwischen Pflichten aller Art bewältigt sie aber, so denke ich, bei allen Selbstzweifeln ziemlich gut.

Ein zentrales Thema in „Fünf“ ist das Geocaching, eine moderne Version der Schnitzeljagd. In Ihren vorherigen Büchern haben Sie Computerspiele und Rollenspiele als Passepartout für ihre Handlungen verwendet. Sie scheinen immer Subkulturen in Ihre Geschichten einzubauen. Wie kommen Sie an diese Themen?

Poznanski: Nach meinem Empfinden ist es eher immer umgekehrt. Die Themen finden mich. Sie zünden einen Funken, aus dem heraus sich dann eine Geschichte entwickelt. Ich sitze also nicht da und denke, jetzt müsste endlich mal jemand was über Geocaching schreiben. Es ist eher so, dass ich über ein Thema stolpere, das dann meine Phantasie weckt. Insofern ist es eher zufällig, dass ich jetzt drei Mal ein spielerisches Grundthema in meinen Büchern hatte.

Was ist der besondere Reiz beim Geocachen?

Poznanski: Es ist eine Herausforderung, wie jede Art der Schatzsuche, auch wenn man natürlich nichts wirklich Wertvolles findet. Aber es beinhaltet das Messen zweier Geister: Der Eine versucht, etwas so zu verstecken, dass es der Andere nicht oder zumindest nur mit Mühe findet. Darüber hinaus hat es etwas Spielerisches, es ist mit Bewegung verbunden und reizvoll für alle, die gerne Rätsel lösen.

Im Kern des Geocachens steckt also das Prinzip der kindlichen Schatzsuche?

Poznanski: Manche Erwachsene würden das so nicht formulieren, aber in meinen Augen läuft es genau darauf hinaus. Man kann den eigenen Sammeltrieb „füttern“ und erlebt fast jedes Mal einen Adrenalinschub,  wenn man nach einer halbstündigen vergeblichen Suche „den Cache“dann  tatsächlich gefunden hat.

Das ist wohl die erwachsene Rechtfertigung für das Prinzip...

Poznanski: Gut möglich. Hinzu kommt dann noch die technische Spielerei mit dem GPS-Gerät – das wirkt auf den ersten Blick kompliziert mit all den Einstellungen und den Koordinaten, hat aber auch gerade daher einen zusätzlichen Reiz. Ich glaube, dass es sehr gesund ist für Erwachsene, wenn Sie ihrem Spieltrieb gelegentlich freien Lauf lassen.

Warum haben Sie die „Schnitzeljagd Ihrer Kommissarin nach Salzburg verlegt und nicht nach Wien, das in vielfacher Hinsicht näher liegend scheint?

Poznanski: Ich habe das Thema von vorneherein eher in Salzburg angesiedelt gesehen. Wien in ist in Krimi-Hinsicht bestens versorgt. Wichtig war es mir auch, keinen Regionalkrimi zu schreiben, und das wäre mir bei Wien vermutlich eher passiert. „Fünf“ ist ein allgemeingültiger Krimi, der zwar in Salzburg spielt, weil er einen konkreten Ort braucht, der ist aber nicht zwingend für den Plot. Salzburg ist zudem eine sehr schöne Stadt mit vielen Facetten, geographisch wie sozial, zu der ich eine langjährige, gute Beziehung habe. Schwierig fände ich es, einen Roman in einer Stadt anzusiedeln, die ich gar nicht kenne. Wien wiederum ist mir so vertraut, dass ich mich möglicherweise in Details verlieren würde.

Es ist tatsächlich auffällig, dass Sie keinen Regionalkrimi geschrieben haben. Der Ort spielt eigentlich keine Rolle, ihr Roman hätte genau so gut in Hannover spielen können…

Poznanski: Sehr schön, genau das wollte ich auch.

Dieses beinahe schon sterile Ambiente erscheint jedoch ambivalent. Ein Krimi, der einen exotischen Ort beschreibt ist oft sehr reizvoll. Andererseits hat es ja immer etwas Peinliches, wenn in einem Krimi zur geographischen Einordnung  regional erscheinende Floskeln a la „Küss die Hand, gnä’ Frau“ verwendet werden…

Poznanski: …Ich musste Hochdeutsch schreiben, sonst hätte ich den Roman schon allein durch die Sprache in die Reihe der Regionalkrimis eingeordnet. Zuviel Hochdeutsch ging aber auch nicht, denn ein Salzburger kann seine Einkäufe nicht in einer Tüte wegtragen. Das würde kein Österreicher sagen, der nimmt sein „Sackerl“. Das wiederum ist extrem regional gefärbt und reißt den Leser, der mit dieser Wortwahl nicht vertraut ist, aus dem Fluss. Das heißt, ich taste mich immer auf dem schmalen Grat der absolut neutralen Begriffe entlang, die man sowohl in Österreich als auch in Deutschland verwenden würde. Schließlich will ich auch nicht, dass ein Österreicher sagt, „das sind ja alle Deutsche“. Mein Ziel war es, dass „Fünf“ für alle hürdenfrei lesbar ist. Diese Regionalkrimis haben ja oft etwas drolliges – und dieser Effekt hätte zu meiner Geschichte überhaupt nicht gepasst.

Sie verwenden eine sehr klare Sprache, eine stark reduzierte, beinahe schon einfache Sprache. Wie bewusst haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Poznanski: Das ergibt sich, weil ich versuche, extrem nah an meinen Perspektivfiguren dran zu bleiben. Man denkt dann doch sehr selten in verschwurbelten Sätzen. Wenn ich dicht an der Perspektive meiner Figuren bleibe, gibt es nun mal keine Blickwechsel und seitenlange Betrachtungen von außen. Ich verwende zudem viele kurze Sätze, die die Unmittelbarkeit des Geschehens verstärken, weil ich glaube, dass dadurch eine gewisse Sogwirkung entsteht.

Das haben Sie bei Ihrem bislang letzten Jugendbuch „Erebos“ ebenfalls sehr konsequent durchgehalten. War der Wechsel von dem Jugend- zum Erwachsenenbuch schwer?

Poznanski: Es ist meinem Gefühl nach nicht wirklich ein Wechsel, weil ich weiter Jugendbücher schreiben werde: Ich meine, es ist eine Erweiterung, ich fahre jetzt auf zwei Gleisen. Ich würde mich auch wahnsinnig ungern festlegen und sagen, ich bin per definitionem Jugendbuchautorin oder Autorin von Thrillern für Erwachsene. Ich schreibe einfach Geschichten, die mich interessieren.

Ändert sich die Sprache?

Poznanski: Ein wenig. Die Ausdrücke sind andere, manchmal verwerfe ich meine erste Formulierung zugunsten einer einfacheren. Auch die Satzkonstruktionen sind anders. Im Jugendbuch beschneidet man sich bis zu einem gewissen Grad, man hat immer wieder Formulierungen im Kopf bei denen man denkt, „Die ist jetzt zu weit weg von den Lebenswelten der Jugendlichen“ und sucht dann etwas, was passender ist. Für Erwachsene schreibe ich meist ganz so, wie es mir in den Kopf kommt.

Sie bleiben bei Ihrem Buch sehr eng am Plot, den Sie einer angelsächsischen Tradition, folgend, ohne Schlenker vorantreiben. Könnten Sie mit dieser Einordnung leben?

Poznanski: Ich habe in letzter Zeit relativ wenige amerikanische Krimis gelesen. Wenn ich beeinflusst bin, dann eher aus der europäischen, stark sogar aus der skandinavischen Ecke. Ich habe beispielsweise Stieg Larsson mit Begeisterung gelesen, Mankell natürlich auch. Einflüsse gibt es auf unbewusster Ebene immer, aber ich versuche, meine eigene Linie zu finden.

Haben Sie beim Schreiben Vorbilder?

Poznanski: Peter Hoeg liebe ich heiß, schon rein sprachlich, aber auch von der Art wie er seine Figuren zeichnet, insbesondere in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. An diesem Niveau kratzen zu können, wäre toll. Nimmt man den Plotaufbau, ist J.K. Rowling phantastisch gewesen. Die ganze Welt hat versucht, vorherzusagen, wie sie ihre Geschichte weiterspinnt und am Ende auflöst, und sie hat es dennoch immer wieder geschafft, alle mit ihren Vermutungen gegen die Wand laufen zu lassen. Was das Legen falscher und das Verbergen richtiger Spuren angeht ist sie ein großes Vorbild.

Was macht einen guten Krimi aus?

Poznanski: Die Figuren, die das Buch über die reine Krimi-Handlung hinaus leben lassen. Ein überzeugender Plot, aber das ist vermutlich nicht krimi-spezifisch. Eine Handlung, die nicht von Beginn an durchschaubar ist. Optimalerweise sollte der Leser sich für mehr interessieren kann als das reine „Whodoneit“, und auf mehreren Ebenen gut unterhalten werden.

Muss der Leser in Abgründe gucken, auf die dunkle Seite der Seele geführt werden?

Poznanski: Das halte ich nicht für schädlich. Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte. Ein interessanter Antagonist ist für einen guten Krimi mindestens genauso wichtig wie ein glaubwürdiger Protagonist.

Haben Sie sich mal überlegt, warum die Menschen in diese Abgründe blicken wollen?

Poznanski: Ich denke, man wird mit den eigenen Ängsten konfrontiert, aber auf eine sichere Art. Man sitzt auf dem Sofa und hat Angst, aber eine wohlige Angst, ein Gruselgefühl ohne direkte Bedrohung, ähnlich wie bei Horrorfilmen. Das hat wohl eine Art Ventilfunktion: Es geht einem gut und notfalls kann man das Buch zuklappen; den bösen Mann im Keller gibt es nicht. Das halte ich für eine große Triebfeder bei Krimi- und Thrillerlesern. Wir haben es gerne spannend. Wir wollen rätseln und möglichst noch vor dem Ermittler wissen, wer der Täter war – aber die besten Krimis sind die, wo der Autor uns ein Schnippchen schlägt.