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Antonio Manzini: Die Kälte des Todes. Gute Krimi-Unterhaltung mit einem kiffenden Cop im Schnee

Rocco Schiavone hängt noch immer am falschen Ort fest. Der Polizist geht weiterhin eher lustlos im norditalienischen Aosta-Tal seiner Arbeit nach. Wenn man es ganz genau nimmt, hängt Schiavone wohl im falschen Leben fest: Um durch den Tag zu kommen, braucht er am Morgen erst einmal einen Joint. Dennoch gehen ihm die meisten Kollegen auf die Nerven, eine frisch geknüpfte Beziehung steuert auf ein frühes Ende zu, immer wieder führt er Gespräche mit seiner verstorbenen Frau. Dass der aus Rom strafversetzte Cop am heftigsten mit dem Wetter hadert, erdet die krisengebeutelte Existenz.

In dubioser Selbstmord im Zentrum von „Die Kälte des Todes“

In die „Kälte des Todes“ ermittelt Schiavone nach „Der Gefrierpunkt des Blutes“ bereits zum zweiten Mal in den Alpen.  Der zentrale Fall ist schnell erzählt: In ihrer Wohnung wird eine Frau gefunden, die sich auf den ersten Blick selbst erhängt hat. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch Hinweise, die einen Mord erkennen lassen. Schiavone beginnt zu ermitteln – und kümmert sich gleichzeitig um diverse andere dienstliche und eher außerdienstliche Angelegenheiten.

Antonio Manzini legt in seinem Krimi hinreichend falsche Fährten

Die Nebengleise machen aber den Reiz der Krimis von Antonio Manzini aus, der sich den politisch unkorrekten, meist sarkastisch-grantigen Polizisten erdacht hat.  Dazu kommen noch hinreichend falsche Fährten, die auch den eigentlichen Kriminalfall, in dem ermittelt wird, so komplex gestalten, dass auch Vielleser im Genre noch überrascht werden.

Konventionell , aber sehr unterhaltsam erzählt

Die Krimis von Antonio Manzini sind eher konventionelle Lektüre, die weder formal überraschen noch besonders spektakuläre Geschichten erzählen. In diesem Segment des Mainstream-Krimis überzeugen sie jedoch durch den Ideenreichtums Manzinis und natürlich mit der Hauptfigur, der – so unglaubwürdig sie ist – man gerne beim Ermitteln und Leben zuschaut. Insofern bietet „Die Kälte des Todes“ also reichlich entspannend-spannende Unterhaltung.

Antonio Manzini, Die Kälte des Todes, Rowohlt, 313S., 9,99, VÖ: Januar 2016

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Antonio Manzinis Der Gefrierpunkt des Blutes unterhält mit Verbrechen im Skigebiet

Es gibt viele Menschen, für die gehört ein Urlaub in einem verschneiten Alpental mit Frost, Schnee und Skifahren zu den Höhepunkten des Jahres. Bei Rocco Schiavone sieht das ein wenig anders aus. Für den Polizisten aus Rom ist seine neue Dienststelle im Aosta-Tal das diesseitige Äquivalent des ersten Vorhofs zur Hölle. Deshalb weigert er sich auch beharrlich, sich den Gegebenheiten anzupassen – und hat dauerhaft gleichermaßen nasse wie kalte Füße.

Mord mit der Ski-Raupe im Aosta-Tal

Dass der Polizist, der schon deshalb keine Zierde seines Berufstandes ist, weil er regelmäßig auch im Dienst bewusstseinserweiternde Drogen konsumiert, wenig begeistert ist, als tatsächlich ein Fall auf ihn wartet, dürfe wenig überraschen. Wie als zusätzliche Strafe für früheres Fehlverhalten wurde ausgerechnet im hochgelegenen Skigebiet ein Toter gefunden, überfahren von einer Ski-Raupe. Schnell stellt sich heraus: Es war Mord. Rocco Schiavone beginnt zu ermitteln und gerät rasch in ein komplexes Gebilde menschlicher Abgründe. Ganz nebenbei muss er sich auch noch mit Menschen- und Waffenhändlern herumschlagen

Antonio Manzini beschreibt Abgründe im Plauderton

Antonio Manzini hat „Der Gefrierpunkt des Blutes“ geschrieben und sich dabei als treuer Vertreter seiner Zunft erwiesen. Italienische Krimi-Autoren haben dieses einmalige Talent, im locker plaudernden Ton über die abscheulichsten Verbrechen zu schreiben. Der Suche nach Mördern und anderen Unholden wohnt in der italienischen Sprache jedenfalls eine ganz besondere Leichtigkeit inne, die mich in Überdosis vermutlich nerven würde, die wohldosiert ein außerordentliches Vergnügen bereitet. Das gilt, weil der letzte italienische Krimi auf meiner Leseliste eine Weile zurückliegt, auch für „Der Gefrierpunt des Blutes“.

Ein unterhaltsames Ensemble in „Der Gefrierpunkt des Blutes“

Der Unterhaltungswert in Antonio Manzinis Krimi ergibt sich in erster Linie durch seine Figuren. Natürlich geht es dabei in erster Linie um den herrlich unkorrekten Ermittler, der trotz seiner permanenten inneren Unzufriedenheit mit seiner Gesamtsituation dann doch noch zur detektivischen Höchstform aufläuft. Manzini hat sich aber darüber hinaus bei für allen Nebendarstellern viel Mühe gegeben, so dass ein sehr unterhaltsames Ensemble zusammengekommen ist. Bei aller Plauderei hat Manzini den Plot nie aus den Augen gelassen, so dass nicht nur ein unterhaltsamer, sondern auch ein spannender Krimi entstanden ist.

Tatort:Aosta-Tal

Für die einen ist es das Paradies, für Antonio Manzini und seinen Ermittler Rocco Schiavone ist das Skifahrerparadies im Norden Italiens eher die Hölle. Zwar erschließt sich beiden die Schönheit der Natur. Was aber Manzini von der Gegend hält, erschließt sich seinem Leser über die Beschreibung der Bergbewohner. Insbesondere die braun gebrannten Ski-Lehrer und Pistenarbeiter bekommen subtil einen mit. Auch ohne große Wintersporterfahrung bekommt der Leser so ein gutes Bild, wie es zwischen Pisten und Liften so zugeht.

Antonio Manzini, Der Gefrierpunkt des Blutes, Rowohlt, 285S., 9,99€, Dezember 2014

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Tom Hillenbrands „Tödliche Oliven“: Gelungener Krimi um schmierige Geschäfte

Es gibt Menschen, die werden konsequent vom Pech verfolgt. Eigentlich wollen diese Zeitgenossen doch nur von Überraschungen unbehelligt ein bequemes Leben führen, aber das geht all zu oft schief – und sie stürzen Kopfüber ins Chaos. Natürlich geben genau diese Menschen die perfekten Krimi-Helden ab. Das gilt auch für Xavier Kieffer. Der von Tom Hillenbrand erdachte Luxemburger Koch und Gastronom stolpert in „Tödliche Oliven“ jetzt bereits zum vierten Mal in ein Szenario, das von Mord, Erpressung, Korruption, globalen Verschwörungen und allerlei anderen finstern Verbrechen dominiert wird.

Ein missglückter Ausflug für Xavier Kieffer

Es beginnt, wie könnte es anders sein, in aller Unschuld. Kieffer möchte sich eine Auszeit gönnen und mit seinem Freund aus Schulzeiten, Alessandro Colao gemeinsam nach Italien fahren. Der Wein- und Ölhändler besitzt dort eine Ölmühle und – beinahe noch wichtiger – detailliertes Wissen über die besten Restaurants. Natürlich kommt Kieffer zu spät zum Treffpunkt, der Freund ist weg.

„Tödliche Oliven“: Falsche Freunde in finanzieller Not

Schnell stellt sich raus, dass Colao nicht etwa aus purer Ungeduld Luxemburg verließ, sondern bereits seit Tagen verschwunden ist. Kieffer macht sich also alleine auf den Weg Richtung Italien, um den Freund zu finden. Er stellt nicht nur fest, dass sein Jugendfreund sich in finanzieller Notlage auf die falschen Freunde eingelassen hatte, sondern gerät schnell auch selber in Gefahr. Die Mafia hat, welche Überraschung, bei ihren schmierigen Geschäften rund ums Öl für neugierige Köche eher wenig Verständnis. Das kann – und das wird nicht gut ausgehen.

Ein Krimi von Tom Hillebrand, bei dem man sich am Ende klüger fühlt

„Tödliche Oliven“ ist ein höchst unterhaltsamer Krimi. Tom Hillenbrand, der meiner Meinung nach dem mit der schrecklich-schönen Zukunftsvision „Drohnenland“ den bislang besten Kriminalroman des Jahres 2014 geschrieben hat, besitzt ein gutes Gespür dafür, leichte Unterhaltung und große Themen miteinander zu verbinden. Seine Kriminalromane besitzen dadurch im besten Sinne „gesellschaftliche Relevanz“. In „Tödliche Oliven“ beschäftigt sich Hillenbrand also mit dem italienischen Olivenöl und allen miesen Geschäften, die darum betrieben werden. Offenbar wird deutlich mehr hochklassiges Olivenöl konsumiert als produziert. Wie die Differenz in Küchen und Esszimmer gerät, will man nach der Lektüre von „Tödliche Ernte“ eigentlich lieber nicht wissen. Dennoch fühlt man sich, und das ist ja auch nicht das Schlechteste, am Ende klüger.

Eine perfekte Identifikationsfigur für Durchschnitts-Dussel

In jedem Fall schafft Hillenbrand für mich einen Dreiklang, der Kriminalromane zur perfekten Unterhaltung werden lässt: ein wichtiges Thema, aufgeladen mit einer glaubhaften Verschwörungstheorie, eine spannende, raffiniert verschlungene Krimihandlung und sympathisch-liebenswerte Protagonisten. Mir jedenfalls ist nach meinem zweiten Kieffer-Fall der Luxemburgische Koch schon richtig ans Herz gewachsen. Der Genuss-Mensch, der nur am Herd brilliert und ansonsten lediglich eine ausgeprägte Beharrlichkeit als Kompetenz bei seinen „Ermittlungen“ in die Waagschale werfen kann, taugt für die meisten Durchschnitts-Dussel als perfekte Identifikationsfigur. Meine Verfolgungsjagden jedenfalls wären, auch ohne, dass ich Kettenraucher wäre, vermutlich ähnlich erfolgreich wie die von Xavier Kieffer.

 

Tatort:Luxemburg

So ganz genau weiß man es ja nicht. Ist Luxemburg jetzt ein Dorf oder eine Großstadt. Wenn man Tom Hillenbrand glauben darf, geht es zwischenmenschlich wie in der Provinz zu, während das kriminelle Niveau Metropolenpotential besitzt. Jedenfalls hat Hillenbrand einen liebevollen Blick auf das kleine Großherzogtum und gönnt sich – und seinen Lesern – den einen oder anderen Seitenhieb auf die EU-Bürokratie, die sich in Luxemburg immer mehr ausbreitet. Insofern bekommt man einen schönen Einblick in einen sehr exotischen Ort mitten in Europa.

Tom Hillenbrand, Tödliche Oliven, KiWi, 322S, 9,99€, VÖ: 6. November 2014

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Maurizio de Giovanni: Das Krokodil. Krimi und Sittengemälde zugleich

Es bedarf nicht viel, um den Ruf eines Menschen zu ruinieren. Eine beiläufige Erwähnung im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität kann auf Sizilien beispielsweise schnell das gesellschaftliche Aus bedeuten. So ging es Inspektor Lojacono, den ein Krimineller beim Verhör zu Unrecht der Bestechlichkeit bezichtigt hatte.  Obgleich sich die Haltlosigkeit der Vorwürfe schnell klären ließ, wurde er von den Vorgesetzten eiligst wegversetzt. Jetzt sitzt der Polizist in Neapel und verbringt kaltgestellt die Tage im Büro mit philosopischen Betrachtungen und Online-Pokerspielen.

Per Zufall ins Zentrum der Ermittlungen

Nur durch einen (aus der Warte seiner Vorgesetzten unglücklichen) Zufall wird er eines Nachts zu einem Tatort gerufen und zieht die richtigen Schlüsse. Das bemerkt später die ermittelnde Staatsanwältin Laura Piras und übergibt Lojacono allen Widerständen zum Trotz die Chance, den Fall zu lösen. Genauer gesagt sind es gleich mehrere Fälle: Irgendjemand zieht durch Neapel und richtet Teenager hin. Da der Täter am Tatort Taschentücher mit Tränenflüssigkeit zurücklässt, erdenkt sich die Presse schnell einen Namen für den Mörder: Das Krokodil. So heißt denn auch der Krimi von Maurizio de Giovanni.

Maurizio de Giovanni überzeugt mit liebevoll gezeichneten Figuren

De Giovanni hat bei seinem Kriminalroman vieles richtig gemacht. Er hat sich einen interessanten, verwickelten und zugleich einigermaßen glaubwürdigen (ein Teil in mir weigert sich trotz regelmäßiger Krimi-Lektüre , die Idee vom Serienmord als „glaubwürdiges“, also als realistisches Szenario wahrzuhaben) Plot erdacht. Seine Handlung stattet er zudem mit liebevoll gezeichneten Figuren aus, denen  man auf ihrem Weg durch die Krimi-Handlung neugierig folgen mag.

Das Krokodil: Düstere Abgründe im Plauderton

Maurizio de Giovanni folgt zudem dem Weg vieler seiner italienischen Kollegen. Er hält seinen Krimi in diesem leicht plaudernden Ton, dessen innere Heiterkeit in einem mindestens interessanten Kontrast zu den Grausamkeiten der Handlung und den sich darin öffnenden Abgründen steht. Diese Leichtigkeit wirkt immer wieder irritierend altmodisch, hat aber seinen ganz besonderen Reiz – auch weil sie sich ganz von der düsteren Schwere sozialkritisch aufgeladener skandinavischer Krimi-Literatur abhebt.

Tatort: Neapel

Letztlich bleibt Maurizio de Giovanni bei seinen Schilderungen Neapels ein wenig im Vagen. Dennoch erfährt der Leser viel über diesen Moloch im Süden Italiens. De Giovanni zeichnet vor allem über die Menschen ein Bild der Stadt, und wenn man dem Autoren glauben darf sind beide nicht besonders Attraktiv. Die Stadt rein äußerlich, die Menschen, die sich offenbar nicht umeinander kümmern eher fehlt, so beschreibt es di Giovanni, in Sachen innere Werte jegliche Attraktivität. Insofern ist Italien-Urlaubern jenseits der gelungenen Krimi-Unterhaltung „Das Krokodil“ auch als bildendes Sittengemälde zu empfehlen.

Maurizio de Giovanni, Das Krokodil, Kindler, 334S, 19,95€, VÖ: 7. März

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Massimo Carlottos „Tödlicher Staub“: Monument der Hoffnungslosigkeit?

In den Waffenarsenalen moderner Armeen lagern allerlei tödliche Geschosse. Ummantelungen mit Uran und allerlei anderem strahlenden oder sonst wie giftigen Materialien soll die Munition noch durchschlagkräftiger machen. Das gelingt, wie Fotos zerfetzter Panzer, Fahrzeuge und Gebäude von den Kriegsschauplätzen oft erschütternd belegen. Allerdings haben die Geschosse offenbar ungeahnte Nebenwirkungen. Bei den Explosionen wird demzufolge ein Giftcocktail aus tödlichen Stoffen frei, der sich in Form von Nanopartikeln im menschlichen Gewebe festsetzt und Soldaten, gleich ob Freund oder Feind, umbringt. Natürlich nicht direkt. Die „Infizierten“ sterben einen langsamen, quälenden Krebstod.

Rund um das Thema der giftigen Munition hat der Italiener Massimo Carlotto seinen Thriller „Tödlicher Staub“ angesiedelt. Angehörige des italienischen militärisch-industriellen Komplexes, die natürlich in mafiöse Strukturen verstrickt sind, kämpfen um die Ausbeutung eines Testgeländes auf Sardinien. Langfristige Verträge versprechen ein Vermögen abzuwerfen – zu Lasten von Mensch, Tier und Natur.

Ein Spitzel auf der Abschussliste

Bei Carlotto spielen diese grauen Eminenzen des schmutzigen Krieges nur eine Nebenrolle. Er nähert sich Kampf um Milliarden von ganz unten. Pierre Nazzari, der einst von der Armee desertierte und jetzt sein Leben als Spitzel korrupter Polizisten fristet, soll die junge Tierärztin Nina von Sardinien vertreiben. Die junge Frau betreibt Forschungen über Nanopartikel, genau in dem Gebiet, in dem künftig giftige Granaten explodieren sollen. Deshalb muss sie weg. Mit allen Mitteln. Nazarri „verbockt“ seinen Auftrag und gerät selber auf die Abschussliste.

Ein Auszug aus dem Tagebuch sardischer Vendetta

Massimo Carlotto hat einen harten Thriller erdacht. Da ist nichts vom netten Plauderton, der italienischen Krimis oft zu eigen ist. Auf Carlottos Sardinien wird skrupellos gedealt, erpresst, vergewaltigt und gemordet. Hoffnung auf Heilung gibt es keine. So ist „Tödlicher Staub“ auch kein Krimi im herkömmlichen Sinne, eher ein kurzes Kapitel aus einem Tagebuch sardischer Vendetta. Auflösung oder Katharsis? Fehlanzeige. Lediglich ein immer größer werdender Berg an Leichen begleitet den Leser, dem nur ein winziger Blick hinter die Fassaden italienischer Gesellschaft gewährt wird, so als würde für einen kurzen Moment ein Vorhang gehoben und der Blick frei auf grausige Szenen in einem Haus voller Massenmörder.

Der Verlag bezeichnet das als „wütenden Aufschrei“ gegen italienischen Verhältnisse, eigentlich ist es jedoch ein Monument der Hoffnungslosigkeit – und gerade deshalb so lesenswert.

 

Tatort:Sardinien

Wenn man den Beschreibungen Massimo Carlottos folgt, ist Sardinien ein unwirtlicher Ort, eigentlich nur ein sehr großer Haufen Steine, der sich in der Sonnenglut unerträglich aufheizt. An den Ufern dieser kargen Insel gibt es demzufolge Städte und Dörfer, die von Bars dominiert werden, in denen im besten Fall gesoffen, meist jedoch Drogen konsumiert werden. Die Gäste sind entweder Verbrecher, Prostituierte – oder mindestens korrupt. Vom internationalen Jetset, vom Sardinien der Touristen ist in „Tödlicher Staub“ nichts zu lesen. Selbst die Schäfer in den Bergen würden, wenn man Carlotto glauben schenken darf,  ihre Herde für ein paar Euro skrupellos abschlachten. All diese Beschreibungen, die der Italiener perfekt in Szene setzt sind einseitig, gemein und aus dramaturgischen Gründen überspitzt – aber wie das immer ist: Ein Funke Wahrheit wird ihnen schon Inne wohnen.

Massimo Carlotto: Tödlicher Staub, Tropen, 159 S., 14,95€

VÖ:  23. Mai 2012

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Gianrico Carofiglio nervt mit bildungsbürgerlichen Attitüden

Guido Guerrieri ist ein merkwürdiger Mensch. Der Italiener ist Anwalt, ehemaliger Boxer, einsamer Wolf – und offenbar nicht ausgelastet. Jedenfalls lässt der Mittvierziger von einem Kollegen überreden, einen „Fall“ zu übernehmen, der so gar nicht in sein Arbeitsgebiet fällt.

Der Fall einer vermissten Studentin

Die Studentin Manuela, wie Guerrieri aus Bari stammend, ist nach einem gemeinsamen Wochenende mit Freunden in einem Landhaus in Apulien auf dem Heimweg verschwunden und wird mittlerweile von den Eltern seit Monaten verzweifelt vermisst. Die Polizei findet keine Spuren, die sie auf der junge Frau, die in Rom studiert, voranbringt und ist kurz davor, die Akte zu schließen. Das soll Guerrieri im Auftrag der Eltern verhindern – und so wird aus dem Anwalt ein Privatdetektiv.

Viel kann der gute Mann nicht unternehmen, aber er spricht mit Freunden der jungen Frau und stößt auf Ungereimtheiten – und am Ende eher zufällig sogar auf die Lösung.

Viele literarische und popkulturelle Referenzen

Guido Guerrieri ist ein merkwürdiger Mensch. Und das ist die Schuld von Gianrico Carofiglio, der sich den Anwalt für seinen Roman „In ihrer dunkelsten Stunde erdacht hat. Guerrieri hält seitenweise Monologe, in denen er sein Handeln beziehungsweise Nichthandeln erklärt. Für beinahe jede Lebenslage hält er eine literarische oder popkulturelle Referenz bereit. Ein klassischer Bildungsbürger eben. Einer, der in einer Schwulenbar mit einem ehemaligen Callgirl über Fromm und andere philosophiert und mit einer 23-Jährigen schläft, obwohl er sich vorher sehr gründlich und folgerichtig selber erklärt, dass das vermutlich keine gute Idee ist. (Es soll sich herausstellen, dass es sogar eine außerordentlich schlechte Idee war).

Gianrico Carofiglio hat das Ziel aus den Augen verloren

Gianrico Carofiglio hat ein zwiespältiges Buch geschrieben. Zwar findet er immer wieder gute Bilder und eine schöne, elegante Sprache, auch bewegt er sich auf intellektuell auf einem hohen Niveau. Leider lässt er das, wie man heute wohl so sagt, „ständig raushängen“. Das allein könnte man ihm angesichts vieler hübscher Einfälle nachsehen, wenn er dabei nicht gleichzeitig das wichtigste Ziel für einen Krimiautoren aus den Augen verloren hätte: Eine spannende Geschichte zu erzählen. Die Reflektionen über das Leben und wie es sein sollte, lesen sich zwar immer wieder amüsant, verschleppen aber das Tempo ungemein, auch leidet unter der Vielfalt der Gedanken die Originalität des Plots: Zu vorhersehbar geht die Geschichte am Ende aus. So ist „In ihrer dunkelsten Stunde“ weniger als Krimi-Unterhaltung, sondern eher als intellektuelle Entspannungsübung für Bildungsbürger geeignet.

 

 

Tatort:Bari

Guido Guerrieri läuft gerne nachts durch seine Heimatstadt Bari und Gianrico Carofiglio lässt den Leser daran teilhaben. So erschließt sich dieser Teil Süditaliens seinem Leser. Wenn man dem Autor glauben darf, ist Bari eine heruntergekommene Stadt, die ihren Reiz vor allem im Verfall entfaltet. Den Fabrikruinen und stillgelegten  Schloten stellt Carofiglio eine überholt wirkende Grandezza italienischen Lebensstils entgegen. Wenn sich die Bürger des Landes, so wie vom Autoren skizziert, tatsächlich den Café ins Büro kommen lassen, sich außerhalb der Arbeit nur zwischen Edelimbissen und Restaurants bewegen und bereits am Vormittag literweise Wein oder anderen hochprozentigen Alkohol in sich hineinschütten, dann muss es nicht mehr wirklich verwundern, dass die EU-Kommissare in Brüssel die Wirtschaftsleistung der Südeuropäer eher kritisch-distanziert beobachten.

Gianrico Carofiglio, In ihrer dunkelsten Stunde, Goldmann, 17,99€

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Camilleri und Lucarelli: Ein Krimi als intellektuelle Fingerübung

Grazia Negro ist Kommissarin in Bologna, Salvo Montalbano arbeitet als Ermittler auf Sizilien. Ein rätselhafter Mord an einem Spedideur in Bologna führt beide zusammen. Gemeinsam suchen sie nach einer abgefeimten Mörderin, die genau so schön wie tödlich ist. Da sie um ihre eigene Sicherheit und Karriere fürchten müssen ermitteln die beiden heimlich, unter der Hand.

Gegensätzliche Ermittler bei der Arbeit

In „Das süße Antlitz des Todes“ treffen unterschiedlichste Welten aufeinander. Hier die unkonventionelle Ermittlerin aus Norditalien, dort der bodenständige Sizilianer. Beiden ist gemeinsam, dass sie überaus erfolgreich bei ihrer Arbeit sind – und beide sind in ihrer italienischen Heimat (und weit darüber hinaus) überaus populär.

Salvo Montalban0 ist die Schöpfung von Andrea Camilleri: Seit 1994 schickt er den eigenwilligen Charakter in der fiktiven sizilianischen Kleinstadt Vigata auf Verbrecherjagd. Über 20 Fälle löste Montalbano seither und schaffte es damit sogar ins Fernsehen.

Grazia Negro wiederum verdankt ihre Existenz der Fantasie von Carlo Lucarelli, der die junge Frau in Bologna auf Mörderhatz schickt.

Beide, Camilleri und Lucarelli gehören zu den profiliertesten Autoren Italiens, auch wenn sie unterschiedliche Generationen vertreten: Camilleri ist mittlerweile 86, Lucarelli vergleichsweise jugendliche 50 Jahre alt.

Gemeinsame Sache zweier italienischer Krimi-Koryphäen

Ein Verleger brachte die beiden Autoren zusammen. Beim Treffen begannen sie eine Geschichte zu erspinnen.  Der Verleger hörte genau zu und brachte die beiden Schriftsteller dazu, „gemeinsame Sache“ zu machen. Da Autoren, solch gestandenen zumal, von Natur aus eher Einzelkämpfer sind, das „Autorenkollektiv“ heutzutage eher eine seltene Ausnahme bildet, entstand „Das süße Antlitz des Todes“ als Briefroman. Camilleri und Lucarelli spielten sich die Bälle zu und entwickelten die Geschichte getrennt und doch irgendwie gemeinsam weiter.

Durch den schriftlichen Dialog entstand ein schmales, wenig mehr als hundert Seiten umfassendes Bändchen, das die Kriminalgeschichte um die fiese Auftragsmörderin aus verschiedenen Perspektiven erzählt.

Kriminalfall im Kaffeehauston

Wenn man strenge Maßstäbe anlegt, ist „Das Süße Antlitz des Todes“ eher eine intellektuelle Fingerübung als ein drängend vorangetriebener Thriller. Dennoch bereitet der Krimi Vergnügen: Vermutlich gerade weil er auf solch ungewöhnliche Weise entstanden ist, und einer italienischen Tradition im sanften Plauderton vorgetragener tragischer Kriminalfälle folgt.  Diesen Kaffeehauston haben in jüngster Zeit unter anderem Sandro Veronesi und Massimo Carlotto perfektioniert. Dieser nonchalante Umgang mit der Unterwelt gelingt vermutlich allein demjenigen, der sein Leben unter permanenter Bedrohung durch mafiöse Strukturen lebt.  Das ist gewöhnungsbedürftig für Leser die dynamische, zieloriente Kriminalliteratur erwarten, aber das hat auch viel Stil: Charmanter Morden in Italien sozusagen.

 

Tatort:Italien

Da Camilleri und Lucarelli einen Briefroman geschrieben haben, geht es eher um die „inneren Welten“ der Akteure. Zur tatsächlichen Welt bleibt in „Das süße Antlitz des Todes“ eine dauerhafte Distanz, Straßen, Plätze und Orte spielen eine eher untergeordnete Rolle, zumal insbesondere Andrea Camilleri seine Geschichten in einer fiktiven Kleinstadt auf Sizilien ansiedelt. Ähnlichkeiten mit real existierenden Dörfern und Figuren wären auf der noch immer von mafiösen Strukturen beherrschten Insel wohl auch lebensgefährlich.

Immerhin vermitteln die beiden Autoren sehr überzeugend das italienische Lebensgefühl, ob es nun um die Liebe zum guten Essen oder zwischen den Geschlechtern geht. Beides vom hohen Norden aus betrachtet leicht exotisch – aber auch überaus liebenswert.

Andrea Camilleri/Andrea Lucarelli, Das süße Antlitz des Todes, Kindler, 16,95 €

VÖ: 16. September 2011

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Sandro Veronesis „XY“ ist ein verwirrendes Mysterienspiel

„XY“ von Sandro Veronesi ist kein Krimi im eigentlichen Sinne. „XY“ ist eher ein Mysterienspiel, ein höchst verwirrender Roman. Es gibt keine Ermittler, im Prinzip keine Handlung und erst recht keine Auflösung. Der Roman kreist auf  knapp 400 Seiten um ein schreckliches Ereignis.

Grausiger Fund in einem Bergdorf

In einem Wald nahe eines abgelegenen italienischen Bergdörfchens werden an einem kalten Wintertag elf Leichen gefunden. Diese Leichen weisen abgesehen vom Fundort keine Gemeinsamkeiten auf. Es sind Männer und Frauen dabei, auch Kinder. Einige weisen Spuren von Gewalt auf, einige scheinen rein zufällig gestorben, andere durch Unfälle. Ein Opfer wurde sogar laut Obduktionsbefund Opfer eines Hai-Angriffs – und zwar eines Hais, der seit 200 Jahren ausgestorben ist. Der schreckliche Tod der elf löst zunächst hektische Aktivitäten der Behörden aus und dann Bemühungen, die ganze Angelegenheit zu vertuschen.

In dem abgelegenen Dorf versuchen ein Pfarrer und eine Psychologin das Mysterium zu verstehen. Die beiden müssen sich dabei zum einen mit den Bewohnern des Dorfes und zum anderen mit sich selber auseinandersetzen. Beides fällt ihnen nicht leicht.

Greise Clans in der Provinz

Pfarrer und Psychologin schleppen einigen Ballast mit sich herum, und die Schilderung eines wegen Abwanderung und Überalterung aussterbenden Dorfes gehören zu den stärkeren Momenten von Veronesis „XY“. Schizophrenie, Inzest und Alterstarrsinn scheinen die beherrschenden Momente des Lebens der italienischen Provinz, das offenbar nach wie vor vo archaischem Clan-Denken beherrscht wird. Die Akteure sind meist im Greisenalter, die verbliebenen „Kinder“ meist in den Fünfzigern.

Vergebliche Suche nach Antworten

„XY“ ist ein anstrengendes Buch. Die rudimentären Fragmente einer Handlung dienen im mehr oder weniger nur dazu, die Gedanken der beiden Hauptakteure auszubreiten, aus derer Sicht die Geschichte im Wechsel erzählt wird. Diese Gedanken kreisen um das Vergebliche bei den Versuchen das Unerklärliche zu erklären, um Glaube, Zweifel, Grenzen der Wissenschaft.

Schrecken im Plauderton

Eine gewisse Faszination liegt daran, dass Sandro Veronesi einen – man ist versucht zu sagen typisch  italienischen – Ton trifft. Wortreich plaudernd, als spräche er beim Espresso über Fußball oder Frauen, beschreibt der 58-Jährige den Schrecken eines Massakers und das Trauma einer Dorfgemeinschaft, die daran seelisch zu zerbrechen droht. Das klingt zynisch? Mag sein. Aber das ist große Erzählkunst. Der Kontrast zwischen Sprache und Thema verstärkt das verstörende Moment und macht die Intensität des Romanes aus

Für reine Krimifans ist „XY“ dennoch eher nicht zu empfehlen. Dazu geht dem Krimi beinahe alles ab, was zu solider Spannungsliteratur dazugehört. Wer jedoch einen ungewöhnlichen Roman lesen will, um sich dabei mit grundsätzlicheren Fragen des Lebens auseinander zusetzen, der sollte dem Werk eine Chance geben.

 

Tatort:Italien

Der Tourismuskonzern Tui hat im ersten Halbjahr 2011 ein leerstehendes Dorf in der Toskana gekauft, um darin eine Luxusferienanlage für internationale Gäste zu bauen. Das kleine Bergdorf San Giuda, in dem „XY“ spielt, erinnert ein wenig an das malerische, auf einem Hügel gelegene Örtchen. Beide wirken wie aus einer vergangen Zeit, mit ihren verwinkelten Gassen und windschiefen Häusern, weitgehend von den Segnungen moderner Gesellschaften abgeschnitten. Beide weisen einen tödlichen Aderlass für eine menschliche Siedlung auf, den Verlust der Jugend. Allerdings ist San Giuda, wenn man den Schilderungen Sandro Veronesis glaubt, die arme Verwandte des Tui-Dorfes. Das Leben ist einfach und hart in den Bergen. Das vermittelt „XY“ glaubhaft und beschreibt so glaubhaft einen Tatort und italienische Wirklichkeit zugleich.

Sandro Veronesi, XY, Klett-Cotta, 22,95 €

VÖ: 24. August 2011

 

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Massimo Carlotto brilliert über Liebe und Leid in der Welt der Ganoven

Der serbische Geschäftsmann und Mafioso hält auch im Angesichts des Todes treu zu seiner Sekretärin und Geliebten. Der Polizist kämpft um seine Braut, eine drogensüchtige Prostituierte. Der Schmuggler und Auftragskiller watet für seine Freundin, eine zwielichtige Tänzerin, beinahe buchstäblich  knöcheltief durch Blut. Sie alle verbindet die „Banditenliebe“, jene Seelenlage, die auch den härtesten Typen weich werden lässt. Es ist kein romantisches Gefühl, der Himmel hängt nicht voller Geigen, ein Happy-End ist selten – und wenn dann jenseits jeglicher Hollywood-Vorstellungen. Und doch ist diese skurrile Liebe unter gescheiterten Existenzen im schlammig-grauen Bodensatz der Gesellschaft trotz Lüge und Betrug wahrhaftig, innig und herzergreifend.

Ein ungleiches Trio auf Rachefeldzug

Diese Banditenliebe ist es auch, die die Handlung im gleichnamigen Roman von Massimo Carlotto vorantreibt. Sylvie, die Freundin des alternden Schmugglers Beniamino wird entführt – und, wie sich herausstellen soll, von ihren Peinigern über einen lange Zeitraum vergewaltigt und gebrochen. Beniamino versucht, unterstützt vom  Ex-Aktivisten Max und der gescheiterten Existenz Marco Buratti, Carlotto-Lesern auch als der „Alligator“ bekannt, zunächst seine Freundin zu befreien und später zu rächen.

Das ungleiche Trio bewegt sich auf gefährlichem Terrain, denn die Gegner gehören der serbischen beziehungsweise kosovarischen Mafia an. Da gilt es mit harten Bandagen zu kämpfen. Die drei unfreiwilligen Rächer machen sich dabei regelmäßig die Hände schmutzig. Die Umstände sind halt so. Das nordöstliche Italien des Romans befindet sich erstens weitgehend in der Hand ehemaliger, zu  finsteren Mafioso mutierten Schergen des untergegangenen jugoslawischen Regimes und ist überdies bis ins Mark korrupt. So lassen sich, wenn man Carlotto folgt, selbst diejenigen Polizisten schmieren, die ernsthaft Verbrecher jagen.

Die Grenzen zischen Gut und Böse verschwimmen

In „Banditenliebe“ sind mit Mord, Drogenhandel, Raub und Erpressung so ziemlich alle Untaten versammelt, die sich ein krimineller Geist auszudenken vermag. Gut und Böse unterscheiden sich nur durch eine schwammige unsichtbare Grenze, die die Bösen immerzu, die Guten nur unter großen Skrupeln überschreiten. Für den Leser ist das aus der sicheren Distanz des heimischen Wohnzimmers äußerst vergnüglich. Carlotto, der selber einst jahrelang auf der Flucht vor der Polizei war, unschuldig wegen Mordes im Gefängnis saß und  durch seine Figur des politischen Exhäftlings autobiographische Elemente einfließen lässt, ist ein ungeheuer dichter Roman gelungen. Dessen Reiz liegt auch darin, dass der Autor die schlimmsten Abgründe verbrecherischer Seelen in einem beinahe lockeren Plauderton beschreibt. Dieser anfangs etwas gewöhnungsbedürftige Stil, der Leichtigkeit mit einem hohen Tempo und Präzision kombiniert,  steigert jedoch die Spannung ungemein.  Dass Carlotto ganz nebenbei auch noch das unermessliche  Universum der Liebe in all ihrer Unmöglichkeit und gleichzeitigen Ewigkeit in seinem Roman untergebracht hat, macht das Lesevergnügen perfekt.

 

Tatort:Norditalien

In Padua leben etwas mehr als 200000 Menschen. Ihre Größe und Lage im Nordosten Italiens  machen die Stadt zum idealen Einfalltor für alle, die aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Italien wollen. Im Padua von Massimo Carlotto sind das viele – und sie haben jede Menge Unheil im Gepäck. Auf diesen  Ballast – Drogen, Waffen und ähnliches – beschränkt der Autor seine Beschreibungen. Der idyllischen Altstadt, den Sehenswürdigkeiten oder dem Umland widmet Carlotto nur wenig Worte. Für die Charakterisierung der Heimat seiner Figuren müssen einige wenige, kaum vertrauenserweckende Spelunken und Cafés herhalten. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, schließlich hat Carlotto einen Krimi und keinen Reiseführer geschrieben. Dennoch schafft der Mittfünfziger es, die Atmosphäre der Region nachvollziehbar einzufangen. Dass ihm das ohne viele Worte zu verlieren gelingt, macht die große Qualität seines jüngsten Krimis aus.

 

Massimo Carlotto, Banditenliebe, Tropen, 17,95 €

VÖ: Juli 2011

 

 

 

 

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Ein Journalist muss in italienischen Gewässern im Trüben fischen

Das Zwitschern eines Vogels, das Rauschen eines Flusses das gleichmäßige Klackern der Absätze einer elegant dahingleitenden Frau. Geräusche können überraschend sein, spannend, bisweilen sogar betörend. Für Kaspar Lunau sind sie nur noch eine Last. Eine rätselhafte Krankheit lässt ihm jede Geräuschkulisse zum bedrohlichen Klangbrei, beinahe Schädel sprengende Belastung werden. Ein echtes Handicap für jemanden, der beim Radio arbeitet, und erst recht für einen investigativ arbeitenden Journalisten. Natürlich stürzt sich der Mann allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch ohne nachzudenken in alle möglichen Abenteuer.

Eine Mauer des Schweigens

Ein Anruf genügt und Lunau setzt sich in den Flieger nach Italien. Eine junge Frau hatte ihn angerufen, von einem mysteriösen Mord erzählt und ihn so nach Ferrara gelockt. Damit fangen die Probleme für Kaspar Lunau an. Der Fall ist kompliziert, verborgen hinter einer Mauer des Schweigens. Zudem ist die junge Frau, die ihn rief –  wie junge Frauen nun einmal gelegentlich so sind – eher kapriziös-kompliziert. Zu allem Überfluss trachten ihm Unbekannte nach dem Leben.

Es dauert nicht lang, und der deutsche Journalist gerät in einen mörderischen Strudel von Gier, Gewalt und Korruption. Kaspar Lunau muss an den Ufern des Po, so will es sein Schöpfer Christian Försch, beinahe buchstäblich im Trüben fischen: „Aqua Mortale“, tödliches Wasser, heißt das Debüt des Italienkenners, das, so schreibt der Autor, zugleich Auftakt einer neuen Serie werden soll.

Debüt eines Italienkenners

Der Autor kennt sein Italien, das ist deutlich zu erkennen. Die Beschreibungen sind präzise, die Gassen Ferraras, die Ufer des Flusses, Schleusen und Wehre erstehen äußerst lebendig. Försch hat zudem einen interessanten Plot mit Wendungen erdacht, die auch den anspruchsvollen Krimileser zufrieden stellen können. Dennoch hinterlässt „Aqua Mortale“ ein zwiespältiges Gefühl.  Försch, selber Journalist und Filmemacher, hat, wie es Aufgabe seines Berufsstandes ist,  sorgfältig recherchiert. „Aqua Mortale“ strotzt vor Präzision, die man manchem aufstrebendem Politiker bei seinem Verfassen seiner Doktorarbeit wünschen würde. Allerdings leidet darunter das Tempo. Der Erstling Förschs ist so zwar durchaus gelungen, aber wegen manches akribisch aufgeschriebenen Nachweises intellektueller Durchdringung von Land und Leuten insgesamt etwas zu lang. Das wirkt sehr klug, aber auch – ein Phänomen, das insbesondere bei deutschen Autoren gelegentlich zu beobachten ist – streberhaft, als müsste der Autor auf jeder Seite den Beweis seines Könnes antreten. Das gelingt. Dennoch wäre gelegentlich etwas mehr Schlamperei, etwas mehr Coolness wünschenswert.

 

Tatort:Ferrara

Christian Försch lebt in Ferrara. Das merkt man. Es gelingt dem Mittvierziger, beinahe perfekt das Flair einer italienischen Stadt einzufangen. Hier sind es Lunaus präzise Beobachtungen, die dem literarischen Ort Leben einhauchen.  Das heruntergekommene Fußballstadion, die abgelegenen Wiesen vor den Toren der Stadt, der verblichene Charme historischer Gebäude in verwinkelten Gassen, die Tristesse von Sozialwohnungen – all das lebt in „Aqua Mortale“ und verströmt italienisches Lebensgefühl und gehört zu den größten Stärken des Buches.
Ferrara, in der Po-Ebene gelegen, ist eine Renaissance-Stadt, die zwar schon im 8. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, aber erst durch die Herrschaft des Fürstengeschlechts der Este Berühmtheit erlangte. Einer der herrschaftlichen Baumeister jedenfalls erweiterte einst den Stadtkern. Dieser frühe Akt organisierter Stadtplanung begeistert noch heute. Die Altstadt Ferraras ist Weltkulturerbe der Unesco – und auch deshalb eine prima Kulisse für Krimis mit italienischem Flair.

Christian Försch, Aqua Mortale, Aufbau Verlag, 12,99

VÖ: 25. Juli 2011