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Jonathan Freedlands Intervention: Verbrechen in einer Welt am Abgrund

Für die meisten Männer ist es vermutlich der größte anzunehmende Alptraum: Sie kommen nach Hause, und Frau und Kind sind spurlos verschwunden.  Diese Erfahrung muss James Zennor machen, ein junger Wissenschaftler an der altehrwürdigen Universität von Oxford.

Eine Atmosphäre des Misstrauens in „Intervention“

Wie viele Männer vermutet er erst einmal nicht eigenes Versagen – und liegt damit wie viele ander Männer auch, zumindest zum Teil falsch. Zennor glaubt schnell an ein Verbrechen. Gründe dafür hätte er, Europa steht in Flammen, seine britische Heimat unter Belagerungszustand. Die Bewohner der Inseln müssen, eher schlecht als recht auf den Krieg vorbereitet, damit rechnen, jederzeit von den Invasionstruppen der Nazis überrannt zu werden. Grundsätzliches Misstrauen ist in dieser Situation die Regel, die Menschen wittern hinter jeder Ecke Verbrechen und Gefahr.

Jonathan Freedland beschreibt Abgründe der Menschheit

Schnell findet Zennor heraus, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Seine Frau lebt, ist aber verschwunden. Sorgsam versteckte Hinweise führen den Psychologen, der selber von zahlreichen Dämonen getrieben wird, über Kanada in die US-amerikanische Elite-Universität von Yale. Hier findet er nicht nur weitere Hinweise auf seine Frau, sondern spürt auch eine Verschwörung auf, die ein absolut abstoßendes, bösartiges Verbrechen zum Ziel hat.

Drei Themen, kunstvoll vereint

„Intervention“ heißt der außerordentliche Roman des Briten Jonathan Freedland.  Der Journalist hat drei Themen innerhalb seines Buches vereint. Er liefert mit der Suche des Wissenschaftlers nach seiner Frau eine ordentliche Krimi-Handlung, zeichnet über die Biografien seiner Protagonisten ein extrem gelungenes, ergreifendes Bild der Vorkriegs- und Kriegsjahre und bringt über das Element der Verschwörung ein überaus düsteres Kapitel der intellektuellen Elite aus den USA und Großbritannien in Erinnerung.

Jonathan Freedland gelingt eine intelligent-unterhaltsame Mischung

„Intervention“ liest sich gerade wegen dieser kunstvoll verwobenen Handlungsstränge ungemein faszinierend, Krimi-Puristen werden möglicherweise die ausgiebigen wissenschaftlichen Betrachtungen und historischen Ausflüge, die gelegentlich zu Lasten des insgesamt hohen Tempos gehen, kritisieren. Wer beides mag, wird jedoch bestens unterhalten werden. Intervention ist ein (Kriminal-)Roman auf allerhöchstem Niveau: Perfekt gezeichnete Figuren, ein kunstvoll konstruierter Plot und massenweise belegbare historische Hintergründe ergeben eine intelligente, extrem unterhaltsame Mischung.

Tatort:Oxford&Yale

Jonathan Freedland hat seinen Krimi im Prinzip an keinem speziellen Ort angelegt. Die Welt in den 30er und 40er Jahren bildet die Kulisse für seinen Rahmen. Insofern geht es in „Intervention“ weniger um konkrete Orte als viel mehr um Stimmung: Die Atmosphäre, die in den Elite-Universitäten in England und den USA in jenen Jahren das Leben bestimmt haben mag, zeichnet Freedland glaubwürdig. Die Mischung aus provinzieller Abgeschiedenheit und weltläufiger Debattenkultur, die ja bis heute auch deutsche Universitätsstädte in der Provinz gelegentlich noch prägt, beschreibt der Brite jedenfalls liebevoll Detailgetreu. Auch das trägt zum Lesevergnügen bei.

Jonathan Freedland, Intervention, Scherz, 509 S., 16,99€, VÖ: März 2014

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