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Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen: Menschliche Abgründe in Münsteraner Wohlfühlatmosphäre

Jung, schön, tot. Das Leben der jungen Anna-Lena Beeck endet in einer dunklen Nacht abrupt auf der Landstraße. Als die Rechtsmediziner die Leiche der jungen Frau obduzieren, stellt sich heraus, dass der tödliche Unfall ein besonders tragisches Ende war. Die Frau war, so wird sich später herausstellen, offenbar einem Monster knapp entkommen, auf der Flucht vor Folter und Misshandlung in Panik auf die Straße gelaufen und dort von einem Auto erfasst worden.

Familienvater und Serienmörder

Bei der Obduktion wird auch offenbar, dass die junge Frau nicht das einzige Opfer ihres Peinigers war. Es stellt sich heraus, dass der schnell „Glatzenmann“ genannte Täter bereits eine ganze Reihe von Frauen im Münsterland., aber auch im benachbarten Holland auf seinem Gewissen hat. Die Ermittlungen gestalten sich auch deshalb schwer, weil es dem Täter offenbar gelingt, zwei Leben zu führen. Der Mörder und Vergewaltiger lebt gleichzeitig eine zutiefst bürgerliche Existenz mit Frau, Kindern und einem anspruchsvollen Job.

Ermittlungen und Beziehungsprobleme in Münster

Der Münsteraner Kommissar Bastian Matt, der in Münster eigentlich nur so eine Art kriminalistischer Ersthelfer ist, wird von der Leiterin der Ermittlergruppe ins Team gerufen. Dass passt ins Karrierekalkül des wackeren Beamten, stellt ihn aber dienstlich wie privat vor die eine oder andere Herausforderung. Matt muss nämlich nicht nur gegen den wachsenden Widerstand seiner Vorgesetzten den Fall, sondern auch die Beziehungsprobleme mit seiner Freundin, der für seinen Geschmack etwas zu unabhängigen Yasi Ana lösen. In beiderlei Hinsicht, ist er mehr als bemüht, aber – wie man heute so schön sagt – eher mittelerfolgreich.

Jürgen Kehrers Lambertus-Singen, der zweite Fall für Bastian Matt

„Lambertus-Singen“ ist der zweite Band von Jürgen Kehrer um den Münsteraner Polizisten Bastian Matt. Wie im ersten Teil verbindet Kehrer erneut gekonnt die heile Welt der nordwestdeutschen Provinz mit den düsteren Abgründen menschlicher Grausamkeit. Kehrer, der bereits den durch die zahlreichen ZDF-Verfilmungen bekannt gewordenen Privatdetektiv Georg Wilsberg (der ebenfalls in Münster ermittelt) erfand, bleibt seinem Erfolgsrezept treu. Er setzt auf sympathische, angenehm schusselige Protagonisten, die auf ihrem Weg durchs Leben, mehr oder wenig zufällig in allerlei Abenteuer stolpern. In der Serie um den Polizisten Matt ist der Gegensatz vielleicht größer, weil die Verbrechen düsterer sind. Aber das funktioniert. Die Kehrer-Krimis bleiben vielleicht nicht lange im Gedächtnis, weil sie weder in Form noch in Inhalt ganz besonders außergewöhnlich sind, aber sie unterhalten mit ihrer eigenwilligen Mischung aus leichter, aber intelligenter Unterhaltung und wohlig-düsterem Krimi-Gruselgefühl höchst angenehm. Und mehr kann man von einem Kriminalroman eigentlich nicht verlangen.

Tatort: Münster

Bastian Matt und seine Kollegen sitzen viel im Auto. Das gehört wohl zu den Kernkompetenzen eines jeden Polizisten, aber die Münsteraner Beamten müssen was das angeht, offenbar besonders viel Sitzfleisch mitbringen. Die Stunden hinter dem Lenkrad, die Jürgen Kehrer seinen Ermittlern in „Lambertus-Singen“ zumutet, verraten viel über die Mühen der norddeutschen Tiefebene. Die Wege sind lang und eintönig, eine von Landwirtschaft geprägte Gegend wird nur gelegentlich von Dörfern unterbrochen. Münster, das Zentrum dieser Region scheint, obgleich die nächsten Großstädte wahrlich nicht weit sind, eine einsame, Geborgenheit bietende Zufluchtsstätte inmitten einer verlassenen Ödnis. Dieses Gefühl schier unerträglicher Weite gibt Kehrer auch ohne dass er die Landschaft in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt, in „Lambertus-Singen treffend wieder.

Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen, Rowohlt, 316S., 9,99€, VÖ: November 2014

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Die besten Krimis für dem Sommerurlaub 2013. Fünf Empfehlungen

Sam Eastland: Der Rote Sarg

Sam Eastland verlegt seine Kriminalromane in das Russland der Stalin-Zeit und kombiniert rund um seinen finnisch-stämmigen Sonderermittler Pekkala spannende Ermittlung und ein faszinierendes historisches Panorama. Ein Krimi mit höchstem Suchtfaktor
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Rose Gerdts: Morgengrauen

Dunkle Abgründe im beschaulichen Bremen. In „Morgengrauen“ führt Rose Gerdts ihre Ermittler bis nach Litauen und zu einem ungesühnten Kriegsverbrechen. Sehr emotional, sehr spannend und viel mehr als ein Regionalkrimi.
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Ian Rankin: Mädchengrab

John Rebus war schon beinahe weg vom Fenster, abgeschoben und kurz vorm Ruhestand. Jetzt hat Ian Rankin seinen verschrobenen Polizisten reaktiviert. Und das war eine seiner besseren Ideen. „Mädchengrab“ ist wieder schottische Krimiproduktion der Spitzenklasse.
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Ursula Poznanski: Blinde Vögel

Beatrice Kaspary ist bodenständig, sympathisch und eine energische und verdammt gute Polizisten, der man gern bei der Verbrecherjagd zusieht. Ursula Poznanski hat ihrer Salzburger Ermittlerin einen zweiten Fall spendiert, in dem es um so gegensätzliche Kulturtechniken wie Facebook und Lyrik geht. Beides hat die Österreicherin gekonnt verbunden.
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Jürgen Kehrer: Münsterland ist abgebrannt.

Jürgen Kehrer hat den durch das Fernsehen Deutschland-weit bekannten Wilsberg erfunden. Für „Münsterland ist abgebrannt“ bleibt er nur seiner Heimat treu: Das Personal ist neu. Kehrer schafft es eine unterhaltsame Leichtigkeit und spannende Fälle miteinander zu verbinden
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Jürgen Kehrers „Münsterland ist abgebrannt“. Leicht und gut lesbar

Das Personal ist liebenswert. Das könnte – im Sinne des Satzes „nett ist die kleine Schwester von Scheiße“ als vernichtende Kritik gemeint sein. Ist es aber nicht. Der ehrgeizige, aber im Grunde leicht schusselige Kommissar Bastian Matt, bildet mit der aus China nach Deutschland ausgewanderten Yasi, mit der nicht nur ermittelt, sondern anbandelt, ein durch und durch unterhaltsames Duo.

Bastian Matt der kleine „Bruder“ von Wilsberg

Die beiden sind Geschöpfe von Jürgen Kehrer, der den spätestens durch das Fernsehen flächenendeckend bekannten Detektiv Wilsberg erfunden hat. Wie der prominente Privatermittler leben auch seine jüngeren „Geschwister“ Münster, das für „Münsterland ist abgebrannt“ sogar namengebend zur Seite stand. Wobei Yasi eine Mosuo ist, eine Angehörige eines in China nicht eben wohl gelittenen, eher matriarchalisch organisierten Volksstammes.

Ermittler mit traumatischer Vergangenheit

Matt jedenfalls wird im Dienst zu einem Tatort gerufen, bei dem ein vermeintlicher Selbstmord geschah. Der junge Beamte sucht nach einer Chance in die Mordkommission aufgenommen zu werden und entwickelt einige Energie bei den Ermittlungen. Es folgen weitere Morde und beide, Matt und Yasi müssen sich traumatischen Erlebnissen ihrer Vergangenheit stellen. Jürgen Kehrer schickt seine

Ermittler bis nach Spitzbergen

Jürgen Kehrer, der ansonsten so fest im Münsterland verwurzelt ist, lässt seine Protagonisten reisen. Bis nach Spitzbergen zur internationalen Gen-Datenbank geht die Reise – und wie so oft muss man sagen: Reisen bildet. In dem Fall nicht nur die Ermittler sondern auch den Leser.

Münsterland ist abgebrannt, ein leichter, gut lesbarer Krimi

Wenn man „Münsterland ist abgebrannt“ beziehungsweise Jürgen Kehrer einen Vorwurf machen will, dann vielleicht den, dass der Krimi vielleicht eine Spur zu leicht ist. Der Grundton ist heiter, mit einer Spur Groteske. Das muss man wollen. Wer als Purist die ganz düstere Krimikost bevorzugt, wird „Münsterland ist abgebrannt“ vermutliche nicht mögen, wer einen unterhaltsamen, abwechslungsreichen und gut lesbaren Krimi sucht, ist bei Kehrers neuestem Krimi genau richtig.

Tatort: Spitzbergen

Eigentlich spielt Jürgen Kehrers „Münsterland ist abgebrannt“ in Münster. Als eigentlich interessanteren Tatort hat sich der Autor aber Spitzbergen ausgedacht. Mit wenigen, wohldosierten Sätzen skizziert Kehrer das Leben der Menschen kurz unterhalb der Grenze zum ewigen Eis und lässt uns an dem faszinierenden Projekt der weltweiten Artendatenbank im Permafrost teilnehmen. Unter Tonnen von Stein sammelt die Menschheit tatsächlich das Erbgut der Pflanzen, die sich beharrlich auszurotten versucht. Das macht das norwegische Spitzbergen interessant, aber eben auch den Kriminalroman.
Jürgen Kehrer, Münsterland ist abgebrannt, Rowohlt, 317 S., 9,99€, Mai 2013