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„Bones Never Lie“ Kathy Reichs zwingt Temperance Brennan unter die Schatten der Vergangenheit

Es gibt Bücher, zumindest einige wichtige, die prägen einen Leser sein Leben lang. Für einen Krimi, der ja eher der Unterhaltung dient, kommt das auch angesichts der meist eher düsteren Themen natürlich nicht in Frage, aber es gibt Kriminalromane, die bleiben in Erinnerung, über Jahrzehnte hinweg. Das gilt beispielsweise auch für „Déjà Dead,“ beziehungsweise „Tote Lügen nicht“, das Debüt der US-Amerikanerin Kathy Reichs.

Temperance Brennan ermittelt seit 17 Jahren

Das englischsprachige Original der forensischen Anthropologin stammt aus dem Jahr 1997 und war schlicht atemberaubend. So spannend, so dicht und mit gleichzeitig so viel lakonischem Witz hatte damals kaum jemand düstere Krimis oder Thriller geschrieben. Die Qualität der Romane um die forensische Anthropologin Temperance Brennan, die wie ihre Schöpferin in North Carolina und Kanada „lebt“ und „arbeitet“, hielt sich bis ins neue Jahrtausend. (Dass die TV-Serie Bones auf den Romanen von Reichs basiert, dürfte allen Lesern bekannt sein.)

Neu auf dem Markt „Bones Never Lie“ von Kathy Reichs

Jetzt ist auf dem englisch-sprachigen Markt der neueste Band um die ermittelnde Wissenschaftlerin erschienen. „Bones Never Lie“ heißt der neueste Band – und um es gleich vorwegzunehmen, er ist wieder gut. Das „wieder“ ist an dieser Stelle leider notwendig, da sich in den mittlerweile 17 Jahren rund um nur eine Figur im Mittelpunkt natürlich leichte Ermüdungserscheinungen eingestellt hatten. Der eine oder andere Vorgänger von „Bones Never Lie“ der letzten Jahre war offen gestanden eher durchschnittlich, wirkte wie das schnell zusammengeschriebene Drehbuch einer einzelnen Fernsehepisode.

Ein Mörder zieht seine Spur quer durch die USA

Jetzt hat Kathy Reichs wieder einen Band fertiggestellt, der eigentlich alle Anforderungen an einen gelungenen Krimi erfüllt. Temperance Brennan muss sich mit einer ganzen Serie von Morden an jungen Mädchen auseinandersetzen. Über Jahre hinweg, so stellt sich heraus, hat ein Unbekannter, Mädchen an der Schwelle zum Frau-Sein verschleppt, misshandelt und umgebracht.

Mord mit Wurzeln in der Vergangenheit der forensischen Anthropologin

Brennan kommt über einen ihrer alten Fälle bei den Ermittlungen ins Spiel, und muss erst einmal private Probleme lösen. Spuren der Morde führen in ihre kanadische Zweitheimat, helfen könnte nur ihr Ex-Lover, der sich aber nach einem persönlichen Drama vor der Welt versteckt. Keine Frage, dass Temperance Brennan nicht nur den verschollenen Cop auftreibt, sondern auch den Mörder stellt. In beiden Fällen muss sich die ermittelnde Wissenschaftlerin mit den dunkleren Episoden ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Ein solider Band 17…

„Bones Never Lie“ hat wieder alles, was zu einem gelungenen Reichs-Krimi dazu gehört: jede Menge Tempo, eine klare, einfache aber unterhaltsame Sprache und einen hinreichend verwickelten Plot, der den Krimi-Leser neugierig auf die Auflösung macht. Ja, es gib auch kleinere Schwächen, Temperance Brennan ermittelt zwar, allerdings kaum noch in ihrem eigenen Labor (was früher einen Großteil der Spannung ausmachte), es tauchen bestimmte Formulierungen auf, die sagen wir mal sehr vertraut sind – und eine wirkliche Weiterentwicklung der Protagonisten lässt die Autorin auch unter den Tisch fallen. Insofern fehlt auch dem neusten Band der atemberaubend-fesselnde Moment des Erstlings, aber das wäre in einem „Band 17“ vermutlich auch etwas zu viel verlangt. So gibt es immerhin solide Krimi-Unterhaltung.

Kathy Reichs, Bones Never Lie, Random House, 340 S., 17,64€, VÖ: 23. September 2014

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Franck Thilliez beschäftigt sich mit der Manipulation des Geistes

Lucie Hennebelle bekommt einen verstörenden Anruf. Ein entfernter Bekannter hat einen sehr alten Film gesehen und ist ob der quälenden Bilder erblindet. Die Polizistin aus Lille kommt dem Mann zu Hilfe und beginnt zu ermitteln. Franck Sharko, Spezialist bei einer Sondereinheit in Paris, wird zu einem besonders gruseligen Tatort gerufen. Gleich ein halbes Dutzend Leichen mit grausamen Verstümmelungen und aufgesägten Schädeln werden verscharrt aufgefunden. Sharko schaut sich um. Es dauert nicht lange und die Wege der Polizistin aus der Provinz und des Großstadtbullen kreuzen sich. Gemeinsam kommen sie einer groß angelegten, weit in die Geschichte zurück reichende Verschwörung auf die Spur.

Grausige Experimente um geheime Botschaften

Franck Thilliez, der sich „Öffne die Augen“ erdacht hat, greift bei seinem Thriller tief in die Kiste gruseliger wissenschaftlicher Erkenntnisse und verbindet Tatsachen und Vermutungen zu einem ganz eigenen Stoff. Der Franzose beschäftigt sich dabei mit der Überlistung des menschlichen Auges und der Manipulation des Geistes. Für das Auge nicht sichtbare Bilder, sei es, weil sie nur Sekundenbruchteile zu sehen sind, sei es, weil sie im Hauptbild verborgen sind übermitteln laut Thilliezs Recherchen dabei geheime Botschaften. Eine Technik, die – so Thilliez – in Werbung und Wahlkampf seit Jahrzehnten üblich ist, in seinem Fall aber für grausige Experimente verwendet wurde.

Franck Thilliez zieht eine blutige Spur durch „Öffne die Augen“

„Öffne die Augen“ ist so in doppelter Hinsicht kein einfacher Stoff. Der Autor bringt auf dem Seiten jede Menge wissenschaftliche (oder zumindest pseudowissenschaftliche) Erklärungen unter und er setzt auf düstere Effekte. Es zieht sich eine Spur von Sadismus und Gewalt durch den Krimi. Zwar spendiert er beiden Kommissaren, wie mittlerweile branchenüblich, ein üppiges Privatleben, aber von heiler Welt kann in beiden Fällen keine Rede sein. Eher schon ist von grenzwertigen psychologischen Profilen auszugehen. Lucie Hennebelle hat zwei Töchter, keinen Mann, aber eine dominante Mutter. Eines der beiden Kinder ringt zudem mit dem Tod. Die Tochter Sharkos ist bereits tot, aber sie verfolgt den Kommissar durch den Alltag und ist beinahe seine wichtigste, zumindest unentrinnbarste Gesprächspartnerin. Trotz ihrer Deformationen wirken die Polizisten, wenn nicht immer sympathisch, so doch glaubwürdig. Und das hilft ja immer bei der Krimi-Lektüre.

Ein solider Thriller um eine Verschwörungstheorie

Franck Thilliez hat einen nicht immer einfachen, aber meist interessanten Thriller geschrieben, der, das scheint bei seinen Landsleuten beliebtes Motiv, thematisch das ganz große Rad dreht. Wer also weitreichende, mit wissenschaftlich klingenden Erläuterungen glaubwürdig konstruierte Verschwörungstheorien, deren Aufklärung die Ermittler über mehrere Kontinente führt, mag, der ist mit „Öffne die Augen“ bestens bedient. Etwas ärgerlich ist allerdings eine handwerkliche Panne, für die der Autor nichts kann. Die deutschen Übersetzer, beziehungsweise vermutlich die Strategen aus der Marketingabteilung, haben der Kommissarin unterschiedliche Namen gegeben: Im Text heißt die Dame konsequent Lucie Hennebelle, im Klappentext hartnäckig Lucie Hennebert. Das ist natürlich nebensächlich, wirkt aber latent lieblos.

 

Tatort:Frankreich

Einen konkreten Tatort gibt es bei Franck Thilliez nicht. Seine Verbrechen passieren unter anderem in Lille, Notre-Dame-de-Gravenchon, in Belgien, Kairo und Kanada. Thilliezs Kosmos ist also der Globus, entsprechend sparsam fallen also die Beschreibungen der Tatorte aus, das ist bei einem „globalen“ Thriller kein Mangel, nur für Freunde ausgefeilter Orts-Nachempfindungen wird es schwierig. Dennoch hat der Franzose die Atmosphäre seiner Schauplätze gut eingefangen, das gilt insbesondere für den ägyptischen Moloch Kairo, aber auch für die abgelegene Hütte in der kanadischen Provinz.

Franck Thilliez, Öffne die Augen, Goldmann, 478 S., 17,99€

VÖ: 9. Juli 2012

 

 

 

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Perfekt für dunkle Herbstabende: Melanie McGraths Polarkrimi

Edie Kiglatuk geschieht ein blödes Missgeschick. Die Führerin zieht mit zwei Kunden zum Jagdausflug in die Trundra und bringt nur einen wieder mit zurück. Einer der beiden „Südländer“ stirbt an einer Schussverletzung, während die Inuitfrau nur wenige Schritte entfernt vom gemeinsamen Lager aus einem Gletscher Wasser für ihre „Schützlinge“ besorgt.

Finstere Gestalten und ihre dunklen Geschäfte
Die Analyse aller Würdenträger steht bald fest: Es muss ein Unfall gewesen sein, der Tote hat sich versehentlich selber erschossen. So etwas kann, so die allgemeine Auffassung, angesichts der permanenten Bedrohung durch Eisbären schon mal passieren. Vor allem Bürgermeister und Ältestenrat drängen auf diese Erklärung. Alles andere wäre schließlich schlecht fürs Geschäft – und das ist auf Ellismere Island, nur wenige Kilometer vom Nordpol entfernt, inmitten es ewigen Eises schon mühsam genug. Edie Kiglatuk will sich mit diesem verordneten Ergebnis der Dorfältesten nicht zufrieden geben und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Natürlich sticht die Jägerin in ein Hornissennest von finsteren Gestalten, die mindestens ebenso dunkle Geschäfte betreiben. Es dauert nicht lang und Edie Kiglatuk gerät ernsthaft in Schwierigkeiten.

Melanie McGrath und ihre toughe Jägerin
Die Britin Melanie McGrath hat sich die toughe Jägerin und den Fall erdacht und in „Im Eis“ niedergeschrieben. Ermittlerin wie Ort der Handlung sind ungewöhnlich – und außergewöhnlich spannend. Der Krimi spielt bei den Inuit, die einst zu Beginn des Kalten Krieges von der kanadischen Regierung an den nördlichsten Rand des Landes umgesiedelt worden waren. Dort sollten sie, so verquer dachten einst die Strategen, mögliche Infiltrationsversuche durch die Sowjets stoppen.

Faszinierende Einblicke ins hoffnungslose Leben der Inuit

Der Kalte Krieg ist vorbei, die Inuit sind geblieben und leben ein beinahe hoffnungsloses Leben in eisiger Nacht. McGrath beschreibt den Alkoholismus, die Perspektivlosigkeit der Jugend und die bar jeden Verständnisses für die Inuit unternommenen Versuche einer Zentralregierung zur „Entwicklung“ einer Region, die zum Leben oder für zivilisatorischen Fortschritt nach westlichem Verständnis eigentlich so gar nicht geeignet ist.

Ein außergewöhnlicher Roman an einem ungewöhnlichen Schauplatz
Auch wenn McGrath eigentlich auch nur eine Außenstehende ist, ist ihr mit „Im Eis“ ein beeindruckender Einblick in eine ungewöhnliche Welt, eine interessante, fremde Kultur gelungen, die nicht immer sympathisch wirkt, aber immer authentisch erscheint.

Die Eigenheiten der Inuit, ihr Blick auf die Welt und ihr Umgang mit sich und anderen erstehen glaubhaft zum Leben. Weil die Autorin es verstanden hat, um diese Welt noch eine extrem spannende Kriminalgeschichte zu spinnen, ist ihr ein ganz außergewöhnlicher Roman gelungen. Das manifestiert sich vor allem in der Hauptdarstellerin: Edie Kiglatuk steckt voller Fehler, kommt weder mit dem Alkohol  noch den Männern klar und stolpert eher unbeholfen als zielgerichtet durchs Leben – und doch besitzt sie eine große Menschlichkeit, der man gerne und gebannt durch den Roman folgt.

 

 

Tatort: Kanada
Melanie McGrath hat sich auf Ellismere Island virtuelle Orte erdacht. Vermutlich auch deshalb, weil sich in den überschaubaren Orten wenige Hundert Kilometer unterhalb des Nordpols Menschen all zu leicht wiedererkennen würden.  Dennoch wirken die Beschreibungen der Britin authentisch. Die lebensfeindliche, zugleich ungemein faszinierende Natur im ewigen Eis, die wenigen, von Wind und Wetter dauerhaft bedrohten Siedlungen und die Einsamkeit der Ebenen erstehen glaubhaft zum Leben, so dass man „Im Eis“ beinahe als Reiseführer verwenden könnte, wenn einen denn der Wahnsinn packte, an den Rand der Welt zu reisen.
Davon wird  der Leser schon deshalb abgehalten, weil McGrath die mörderische Kälte, die das Leben so schwer macht, beinahe körperlich fühlbar auf jede der rund 400 Seiten unterbringt: So ist „Im Eis“ denn auch die ideale Lektüre für einen stürmischen Herbstabend, wenn man seine Lesezeit in der warmen Wohnung mit einer heißen Tasse Tee auf dem Sofa verbringt.  Derart umsorgt werden die Eindrücke aus dem ewigen Eis zum perfekten Lesevergnügen.

Melanie McGrath, Im Eis, Kindler, 19,95

VÖ: 16. September 2011