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Kathrin Langes Gotteslüge, ein Hochgeschwindigkeitskrimi mit leichten Schwächen

Viel Zeit bekommt der Leser nicht. Er hat ungefähr so lange Ruhe, wie ein durchschnittlich trainierter Jogger braucht, um den ehemaligen Runway des Flughafens Tempelhof zu überqueren. Genau dort ereilt den Berliner Polizisten Faris Iskander der Anruf von Kollegen, der ihn an den Tatort in einem Berliner Hotel beordert. Dort wurde die ehemalige Lebensgefährtin Iskanders vergewaltigt und ermordet aufgefunden.

Kathrin Lange drückt in Gotteslüge gewaltig aufs Tempo

Zeit für einen Schock oder gar Trauer bleibt Iskander nicht. Kathrin Lange, die sich den Kommissar mit ägyptischen Wurzeln erdacht hat, drückt so gewaltig aufs Tempo, dass der Leser mindestens genauso außer Atem gerät wie ihr Kommissar bei seiner Hetzjagd durch die Hauptstadt. Der Beamte, der sich eigentlich noch vom Trauma des vergangenen Falles („40 Stunden“) erholt, als sein Freund und Kollege in die Luft gesprengt worden war, hat es offenbar erneut mit einem psychopathisch getriebenen Täter zu tun.

Ein Unbekannter will Kommissar Iskander zum Mord treiben

Jedenfalls muss Iskander, noch immer in Laufklamotten, hilflos mitansehen, wie sich unter dem Schatten der Gedächtniskirche ein Jugendlicher in die Luft sprengt. Zuvor übermittelt der junge Muslim dem Polizisten noch eine Botschaft: Das nächste Mal werde er, Iskander, auf den Auslöser drücken. Tatsächlich sieht sich der Ermittler bereits wenige Seiten weiter derart in die Enge getrieben, dass er von den Kollegen verfolgt mit einem Sprengsatz in der Tasche durch Berlin irrt. Verzweifelt versucht er herauszufinden, wer seine Schwester in der Gewalt hat und ihn zu der tödlichen Hatz zwingt, bei er zugleich Jäger und Gejagter ist.

Faris Iskander, eine gelungene Ermittlerfigur

Kathrin Lange hat mit Faris Iskander eine gelungene Figur erdacht, einem Polizisten, dem man gerne bei der „Arbeit“ zusieht. Außerdem versteht sie sich darauf, ihren Plot mit hohem Tempo voranzutreiben und so eine gute Portion an fesselnder Spannung zu servieren: Insofern ist „Gotteslüge“, der zweite Fall von Faris Iskander sehr gelungen.

Gotteslüge, ein gelungener Krimi mit drei kleineren Schwächen

Lange fokussiert sich allerdings noch stärker als im ersten Band auf ihren Protagonisten, alle anderen Figuren bleiben vergleichsweise blass. Ausnahme wäre allenfalls der Gegenspieler, der in inneren Monologen als „der Andere“ eingeführt wird. Hier greift die Autorin zu einem gleichermaßen beliebten wie abgenutzten Stilmittel. Das wäre die erste von drei kleneren Schwächen, die ich bei Kathrin Langes neuem Krimi auflisten möchte. Die beiden anderen kommen ziemlich zum Ende des Krimis zum Tragen: Am Schluss wird zweitens der Plot mit immer ausgeklügelteren Fallen für den Polizisten leider über das Maß hinaus unglaubwürdig und drittens bin ich kein großer Fan vom Cliff-Hanger im Kriminalroman. Das ist so eine Unsitte, die offenbar die Lektoren den Autoren in jüngerer Zeit immer häufiger ins Manuskript diktieren, damit die Vermarktungsmaschinerie perfekt läuft. Richtig gute Krimis haben das auch in Zeiten verkürzter Aufmerksamkeitsspannen der Mediennutzenden im 21. Jahrhundert nicht nötig.

Ein wenig verdirbt sich die Autorin am Schluss einen insgesamt ordentlichen Krimi-Eindruck…

Kathrin Lange, Gotteslüge, Blanvalet, 413S., 9,99€ VÖ: 16. März 2015

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Kathrin Langes „40 Stunden“: Ein Krimi für den Urlaubsleser

Der Ermittler ist Moslem, von der Familie unverstanden, selbstverständlich von seiner Frau verlassen und natürlich wegen eins schrecklichen Ereignisses traumatisiert (und suspendiert). Es gibt einen umstrittenen ökumenischen Gottesdienst, dazu passend religiöse Fanatiker, eine Querverbindung nach Afghanistan inklusive einer wegen Ehebruch gesteinigten Frau, einen katholischen Priester, der es mit dem Zölibat nicht so ganz genau nimmt, missliebige Vorgesetzte, einen bösartig-genialen Attentäter und natürlich eine gnadenlose Bombendrohung.

Alle Bausteine aus dem Krimi-Bastelset

Wenn man streng ist, muss man sagen, dass Kathrin Lange im Workshop kreatives Schreiben genau aufgepasst hat und alle Bausteine, die einen ordentlichen Krimi ausmachen, in ihrem Thriller-Debüt „40 Stunden“ untergebracht hat. Das ist für den regelmäßigen Krimi-Leser auf Dauer ein wenig anstrengend, weil sich irgendwann der Gedanke „och nö, nicht da jetzt auch noch“ aus dem vollgestopften Krimi-Gedächtnis-Zentrum ins Bewusstsein drängt.

40 Stunden ist ein ordentlicher Urlaubskrimi

Tatsächlich kann man „40 Stunden“ auch anders sehen. Wenn man diese fiesen kleinen Gedanken zurückdrängt, hat Kathrin Lange einen recht soliden, über weite Strecken spannenden Krimi geschrieben, keinen Klassiker, aber einen von der Sorte, der einem im Urlaub am Pool, in der Hängematte oder auch Im Flugzeug gute Dienste leistet, weil Kathrin Lange im Workshop für kreatives Schreiben eben so gut aufgepasst hat: Das Tempo ist hoch, die Handlung hinreichend komplex, die Figuren sympathisch (bzw angemessen finster). Perfekt für die Urlaubssituation, bei der man ja meist Wert auf reduzierte intellektuelle Transferleistungen legt.

Kathrin Lange versucht zu sehr, alles richtig zu machen

Den Krimi-lesenden Blogger stört bei „40 Stunden“ vielleicht auch nur, dass die Autorin zu sehr versucht hat, alles richtig zu machen: So drängt mit einer gewissen Penetranz immer wieder das Vorhaben, einen richtig spannenden Krimi zu schreiben, in den Vordergrund, das wirkt wie bei einem Musiker, der eine eigentlich sehr schöne Melodie mit Drum-Computer und Hammond-Orgel aufzupeppen versucht und dann zu oft Klangbrei produziert.

Hatz unter Zeitdruck durch Berlin

Darum geht’s: Der Papst kommt nach Berlin, um einen ökumenisches Abendmahl abzuhalten. Das ist umstritten. Das nutzt ein Unbekannter um Faris Iskander, Ermittler mit ägyptischen Wurzeln, auf eine gnadenlose Hetzjagd durch Berlin zu treiben. Immer wieder sprengt der Täter Bomben und tötet Menschen. Es wird schnell klar, dass es auch um Iskander persönlich geht. Viel Zeit hat Iskander, der von seinen Vorgesetzten nicht eben unterstützt wird, nicht zur Verfügung. „40 Stunden“, um genau zu sein.

Tatort:Berlin

Berlin übt auf Touristen einen großen Reiz aus. Das merkt der in Berlin lebende Mensch, wenn er Pech hat, jeden Tag auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Berlin reizt aber auch Krimi-Autoren. Natürlich bietet die Hauptstadt Autoren viele Möglichkeiten, ihre „kriminelle Energie“ auszuleben. In „40 Stunden“ wird ein solide recherchiertes Bild der einzelnen Schauplätze gezeichnet, aber eben auch nur genau das. Insgesamt bleibt das Berlin von Kathrin Lange eher eindimensional, es ist das Berlin derjenigen, die hier mal zu Besuch sind. Das ist kein Mangel, kein Makel, aber ein Hinweis für diejenigen, die wissen wollen, wie die Tatorte im Krimi stattfinden – und darum geht es sich beim „Tatort:Krimi“ am Ende der Texte ja beinahe immer auch.

Kathrin Lange: 40 Stunden, Blanvalet, 414 S., 9,99€ VÖ Februar 2014

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