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Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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Tom Rob Smith zeichnet ein gelungen düsteres Bild des Kalten Krieges

Der Kalte Krieg beflügelt bis heute die Fantasie. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die beiden Blöcke unversöhnlich, aber gleichzeitig unlösbar ineinander verbissen gegenüberstanden, regte Dutzende von Autoren zu Spionageromanen und Krimis an.

Seit einigen Jahren hat sich Tom Rob Smith das spannende historische Umfeld für seine Romane ausgesucht. Zwei Bände, „Kind 44“ und „Kolya“ sind bereits erschienen. Soeben ist „Agent 6“ auf den Markt gekommen.  Der jüngste Roman ist, um es kurz zu sagen, schlicht großartig.

Erbärmliche Kreaturen des Kalten Krieges
“Agent 6“ ist zunächst deshalb so außerordentlich gut gelungen, weil  Smith ein düsteres Bild der beiden Blöcke zeichnet. Die Agenten, die auf Seiten der USA oder der Sowjets „kämpfen“, sind keine gut aussehenden, Martini-schlürfenden Kampfmaschinen mit Intelligenz, Charme und Schlag beim weiblichen Geschlecht. Smiths Spione sind ausnahmslos erbärmliche Kreaturen, fanatische Reaktionäre, verblendete Ideologen oder  einfach nur korrupte Drogensüchtige.

Vom Stalinismus zum Afghanistan-Konflikt
Ein Linie, die „Gut“ und „Böse“ unterscheiden würde, lässt sich bei den literarischen Truppen, die der britische Autor gegeneinander in Stellung bringt, nicht wirklich ziehen. Es bleibt die Erkenntnis: Krieg, auch oder ganz besonders der Kalte, ist ein schmutziges Geschäft. „Agent 6“ fasziniert in diesem unerbittlichen Kräftemessen der Systeme auch deshalb, weil es Smith gelingt, einen spannender Bogen von der unmittelbaren stalinistischen Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre und den blutigen Konflikt um Afghanistan zu zeichnen.

Ein Kriegsheld mit Zweifeln
KGB-Agent Leo Demidow  soll einen kommunistischen US-amerikanischen Sänger bei dessen Moskau-Besuch vor der harschen sowjetischen Realität abschirmen. Der  Anhänger des Regimes soll nicht sehen, wie schlecht es den Bürgern in der Nachkriegssowjetunion tatsächlich geht. Das gelingt mit Mühe – und Demidow soll bei der Mission auch noch seine große Liebe kennen lernen. Damit enden die guten Nachrichten für Leser und Protagonisten allerdings abrupt. Es beginnt eine, eigentlich beginnen mehrere Intrigen und Verschwörungen, die Demidow rund um den halben Globus und an den Rand seiner Existenz bringen sollen.

Ein mitreißendes Drama
Auch wer Verschwörungsromanen kritisch gegenübersteht, etwa weil er das ganz große Szenario, wie es zuletzt Sam Bourne in „Der Gewählte“ zeichnete, als unglaubwürdig erachtet, wird sich „Agent 6“ nicht entziehen können: Das Drama um den einstigen Helden des Vaterländischen Krieges, der an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt, ist raffinier konstruiert und gleichermaßen glaubwürdig wie mitreißend beschrieben.

Tom Rob Smith hält in seinem dritten Roman die perfekte Balance: Sein Stil ist direkt und schnörkellos. Alles ordnet sich dem Tempo unter. Gleichzeitig räumt der Brite mit schwedischen Wurzeln der Beschreibung der Charakter und ihrer Lebenswelt so viel Raum ein, dass die Seiten permanent eine spürbare, dichte Atmosphäre atmen. „Agent 6“ zählt zu dieser Sorte Krimis in deren Welt man mit einem wohlig-gruseligem Schauer komplett eintauchen möchte und zu deren Gunsten man zum Leidwesen von Freunden und Familie bis zur letzten Seite jegliche ablenkende Realität aussperrt

 

Tatort:Afghanistan

Lew Demidow kommt herum. Er lebt in Moskau, ermittelt in New York und verbringt einen Teil seines Lebens in Afghanistan: Die Schilderung des Staates am Hindukusch während der sowjetischen Besatzung Ende der siebziger Jahre ist extrem glaubwürdig beschrieben. Der abgelegene, nur mäßig entwickelte und von Stämmen beherrschte Staat ersteht auch ohne ausführliche Beschreibungen plastisch zum Leben. Smith vermittelt einen spürbaren Eindruck von Hitze; Staub und Dreck am Ende der Welt. Die wahre Stärke besteht aber eher im „psychologischen“ Tatort, wenn man diese Formulierung einmal zulassen will. Die Grausamkeit der sowjetischen Besatzer, die unerbittliche Härte einer „Befreiung“ durch die Kommunisten und des erbitterten, ebenso harten Widerstandes dagegen, gehören zu den deutlichen Stärken des Romans von Tom Rob Smith.

Tom Rob Smith, Agent 6, Manhatten, 21,99 €<, VÖ: 19: September 2011