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Stephan Ludwig: Zorn – Wie sie töten. Ein Gelungener Mix aus Groteske und Grausamkeit

Das Mittagessen ist mittlerweile der absolute Höhepunkt im Alltag von Zorn geworden. Denn dann geht der Polizist zu seinem ehemaligen Kollegen, der den Job quittiert hat und seither eine Art Restaurant betreibt. Es gehört zu den skurrilen Einfällen von Stephan Ludwig, dass sein heimlicher Held, der „dicke Schröder“ in seinem „Restaurant“ mehr oder weniger nur für sich, eine Nachbarin, seine Mutter und eben seinen ehemaligen Vorgesetzten kocht. Viel Raum für Besinnlichkeit beschert der Autor dem derzeit vermutlich merkwürdigsten Ermittler-Duo der deutschen Krimi-Landschaft allerdings nicht.

Brutale Morde einer Sadistin

Eine Serienmörderin ist unterwegs in der Stadt, mordet scheinbar wahllos auf Bahnhöfen, im Altenheim oder im Gemüseladen. Da Zorn alleine ermittelt – und das bekanntlich meist eher lust- und erfolglos – bleiben die ersten Morde der Täterin der Polizei zunächst verborgen. Dem Leser hingegen wird die sadistisch veranlagte Frau bereits sehr früh vorgestellt. Berit Steinherz heißt die mordende Altenpflegerin, die sich zudem noch einen ihr hörigen Gehilfen hält. Zusammen ziehen sie eine blutige Spur durch die Stadt.

Atemloses Duell in „Zorn – wie sie töten“

Zorn beginnt wie immer erst dann zu ermitteln, als es eigentlich schon zu spät ist. Das Drama nimmt seinen Lauf, und immer mehr Menschen geraten in Gefahr. Obgleich die Täterin bekannt ist, entwickelt „Zorn – wie sie töten“ ein gehöriges Maß an Spannung. Der Leser kann einem atemlosen Duell folgen, in dem sich die Ermittler – hier wieder in erster Linie der dicke Schröder – und die Täterin gegenseitig belauern. Am Ende steht dann ein veritabler Show-down, der einen würdigen Abschluss eines fesselnden Kriminalromans bildet.

Eine gelungene Mischung aus Farce und Spannung

Stephan Ludwig hat eine ganz eigene Mischung gefunden: Es gibt einen Namen gebenden bis zur Groteske unfähigen Kommissar, der dennoch sympathisch ist, auch weil er sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten immer bewusster wird. Dazu stellt Ludwig ihm mit Schröder einen Partner an die Seite, mit dem Zorn ein kongenial vertrotteltes Komiker-Duo gibt. Auf der anderen Seite nutzt der Autor die volle Härte gnadenloser Düsterkeit aus der Gesellschaft gefallener Serienmörder. Zorn metzelt in seinen Krimis mit einer Lust, dass der Leser gelegentlich schon einen stabilen Magen braucht. Einfache Kost sind Morde und die Seelenlage der Täter wie sie Stephan Ludwig beschreibt, jedenfalls nicht.
Wer beim Krimi auf „harten Stoff“ steht, wird Ludwigs Konzept, Farce und düsterste Tragödien zu verknüpfen, zu schätzen wissen, ergibt sich daraus doch eine ungemein unterhaltsame Krimi-Lektüre.
Stephan Ludwig, Zorn, wie sie töten, Fischer, 406S., 9,99€, VÖ: 20. Oktober 2014

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Tom Hillenbrands „Tödliche Oliven“: Gelungener Krimi um schmierige Geschäfte

Es gibt Menschen, die werden konsequent vom Pech verfolgt. Eigentlich wollen diese Zeitgenossen doch nur von Überraschungen unbehelligt ein bequemes Leben führen, aber das geht all zu oft schief – und sie stürzen Kopfüber ins Chaos. Natürlich geben genau diese Menschen die perfekten Krimi-Helden ab. Das gilt auch für Xavier Kieffer. Der von Tom Hillenbrand erdachte Luxemburger Koch und Gastronom stolpert in „Tödliche Oliven“ jetzt bereits zum vierten Mal in ein Szenario, das von Mord, Erpressung, Korruption, globalen Verschwörungen und allerlei anderen finstern Verbrechen dominiert wird.

Ein missglückter Ausflug für Xavier Kieffer

Es beginnt, wie könnte es anders sein, in aller Unschuld. Kieffer möchte sich eine Auszeit gönnen und mit seinem Freund aus Schulzeiten, Alessandro Colao gemeinsam nach Italien fahren. Der Wein- und Ölhändler besitzt dort eine Ölmühle und – beinahe noch wichtiger – detailliertes Wissen über die besten Restaurants. Natürlich kommt Kieffer zu spät zum Treffpunkt, der Freund ist weg.

„Tödliche Oliven“: Falsche Freunde in finanzieller Not

Schnell stellt sich raus, dass Colao nicht etwa aus purer Ungeduld Luxemburg verließ, sondern bereits seit Tagen verschwunden ist. Kieffer macht sich also alleine auf den Weg Richtung Italien, um den Freund zu finden. Er stellt nicht nur fest, dass sein Jugendfreund sich in finanzieller Notlage auf die falschen Freunde eingelassen hatte, sondern gerät schnell auch selber in Gefahr. Die Mafia hat, welche Überraschung, bei ihren schmierigen Geschäften rund ums Öl für neugierige Köche eher wenig Verständnis. Das kann – und das wird nicht gut ausgehen.

Ein Krimi von Tom Hillebrand, bei dem man sich am Ende klüger fühlt

„Tödliche Oliven“ ist ein höchst unterhaltsamer Krimi. Tom Hillenbrand, der meiner Meinung nach dem mit der schrecklich-schönen Zukunftsvision „Drohnenland“ den bislang besten Kriminalroman des Jahres 2014 geschrieben hat, besitzt ein gutes Gespür dafür, leichte Unterhaltung und große Themen miteinander zu verbinden. Seine Kriminalromane besitzen dadurch im besten Sinne „gesellschaftliche Relevanz“. In „Tödliche Oliven“ beschäftigt sich Hillenbrand also mit dem italienischen Olivenöl und allen miesen Geschäften, die darum betrieben werden. Offenbar wird deutlich mehr hochklassiges Olivenöl konsumiert als produziert. Wie die Differenz in Küchen und Esszimmer gerät, will man nach der Lektüre von „Tödliche Ernte“ eigentlich lieber nicht wissen. Dennoch fühlt man sich, und das ist ja auch nicht das Schlechteste, am Ende klüger.

Eine perfekte Identifikationsfigur für Durchschnitts-Dussel

In jedem Fall schafft Hillenbrand für mich einen Dreiklang, der Kriminalromane zur perfekten Unterhaltung werden lässt: ein wichtiges Thema, aufgeladen mit einer glaubhaften Verschwörungstheorie, eine spannende, raffiniert verschlungene Krimihandlung und sympathisch-liebenswerte Protagonisten. Mir jedenfalls ist nach meinem zweiten Kieffer-Fall der Luxemburgische Koch schon richtig ans Herz gewachsen. Der Genuss-Mensch, der nur am Herd brilliert und ansonsten lediglich eine ausgeprägte Beharrlichkeit als Kompetenz bei seinen „Ermittlungen“ in die Waagschale werfen kann, taugt für die meisten Durchschnitts-Dussel als perfekte Identifikationsfigur. Meine Verfolgungsjagden jedenfalls wären, auch ohne, dass ich Kettenraucher wäre, vermutlich ähnlich erfolgreich wie die von Xavier Kieffer.

 

Tatort:Luxemburg

So ganz genau weiß man es ja nicht. Ist Luxemburg jetzt ein Dorf oder eine Großstadt. Wenn man Tom Hillenbrand glauben darf, geht es zwischenmenschlich wie in der Provinz zu, während das kriminelle Niveau Metropolenpotential besitzt. Jedenfalls hat Hillenbrand einen liebevollen Blick auf das kleine Großherzogtum und gönnt sich – und seinen Lesern – den einen oder anderen Seitenhieb auf die EU-Bürokratie, die sich in Luxemburg immer mehr ausbreitet. Insofern bekommt man einen schönen Einblick in einen sehr exotischen Ort mitten in Europa.

Tom Hillenbrand, Tödliche Oliven, KiWi, 322S, 9,99€, VÖ: 6. November 2014

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Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen: Menschliche Abgründe in Münsteraner Wohlfühlatmosphäre

Jung, schön, tot. Das Leben der jungen Anna-Lena Beeck endet in einer dunklen Nacht abrupt auf der Landstraße. Als die Rechtsmediziner die Leiche der jungen Frau obduzieren, stellt sich heraus, dass der tödliche Unfall ein besonders tragisches Ende war. Die Frau war, so wird sich später herausstellen, offenbar einem Monster knapp entkommen, auf der Flucht vor Folter und Misshandlung in Panik auf die Straße gelaufen und dort von einem Auto erfasst worden.

Familienvater und Serienmörder

Bei der Obduktion wird auch offenbar, dass die junge Frau nicht das einzige Opfer ihres Peinigers war. Es stellt sich heraus, dass der schnell „Glatzenmann“ genannte Täter bereits eine ganze Reihe von Frauen im Münsterland., aber auch im benachbarten Holland auf seinem Gewissen hat. Die Ermittlungen gestalten sich auch deshalb schwer, weil es dem Täter offenbar gelingt, zwei Leben zu führen. Der Mörder und Vergewaltiger lebt gleichzeitig eine zutiefst bürgerliche Existenz mit Frau, Kindern und einem anspruchsvollen Job.

Ermittlungen und Beziehungsprobleme in Münster

Der Münsteraner Kommissar Bastian Matt, der in Münster eigentlich nur so eine Art kriminalistischer Ersthelfer ist, wird von der Leiterin der Ermittlergruppe ins Team gerufen. Dass passt ins Karrierekalkül des wackeren Beamten, stellt ihn aber dienstlich wie privat vor die eine oder andere Herausforderung. Matt muss nämlich nicht nur gegen den wachsenden Widerstand seiner Vorgesetzten den Fall, sondern auch die Beziehungsprobleme mit seiner Freundin, der für seinen Geschmack etwas zu unabhängigen Yasi Ana lösen. In beiderlei Hinsicht, ist er mehr als bemüht, aber – wie man heute so schön sagt – eher mittelerfolgreich.

Jürgen Kehrers Lambertus-Singen, der zweite Fall für Bastian Matt

„Lambertus-Singen“ ist der zweite Band von Jürgen Kehrer um den Münsteraner Polizisten Bastian Matt. Wie im ersten Teil verbindet Kehrer erneut gekonnt die heile Welt der nordwestdeutschen Provinz mit den düsteren Abgründen menschlicher Grausamkeit. Kehrer, der bereits den durch die zahlreichen ZDF-Verfilmungen bekannt gewordenen Privatdetektiv Georg Wilsberg (der ebenfalls in Münster ermittelt) erfand, bleibt seinem Erfolgsrezept treu. Er setzt auf sympathische, angenehm schusselige Protagonisten, die auf ihrem Weg durchs Leben, mehr oder wenig zufällig in allerlei Abenteuer stolpern. In der Serie um den Polizisten Matt ist der Gegensatz vielleicht größer, weil die Verbrechen düsterer sind. Aber das funktioniert. Die Kehrer-Krimis bleiben vielleicht nicht lange im Gedächtnis, weil sie weder in Form noch in Inhalt ganz besonders außergewöhnlich sind, aber sie unterhalten mit ihrer eigenwilligen Mischung aus leichter, aber intelligenter Unterhaltung und wohlig-düsterem Krimi-Gruselgefühl höchst angenehm. Und mehr kann man von einem Kriminalroman eigentlich nicht verlangen.

Tatort: Münster

Bastian Matt und seine Kollegen sitzen viel im Auto. Das gehört wohl zu den Kernkompetenzen eines jeden Polizisten, aber die Münsteraner Beamten müssen was das angeht, offenbar besonders viel Sitzfleisch mitbringen. Die Stunden hinter dem Lenkrad, die Jürgen Kehrer seinen Ermittlern in „Lambertus-Singen“ zumutet, verraten viel über die Mühen der norddeutschen Tiefebene. Die Wege sind lang und eintönig, eine von Landwirtschaft geprägte Gegend wird nur gelegentlich von Dörfern unterbrochen. Münster, das Zentrum dieser Region scheint, obgleich die nächsten Großstädte wahrlich nicht weit sind, eine einsame, Geborgenheit bietende Zufluchtsstätte inmitten einer verlassenen Ödnis. Dieses Gefühl schier unerträglicher Weite gibt Kehrer auch ohne dass er die Landschaft in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt, in „Lambertus-Singen treffend wieder.

Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen, Rowohlt, 316S., 9,99€, VÖ: November 2014

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Hjorth/Rosenfeldt, Das Mädchen, das verstummte: Große Krimi-Kunst mit einem Widerling

Es wird nicht besser. Sebastian Berman lügt, betrügt, demütigt. Der Stockholmer Kriminalpsychologe ist – wenn man es mal auf den Punkt bringt – ein egoistisches, narzisstisches Arschloch. Er gebraucht, so muss man das wohl sagen, für seine Sexsucht wahllos Frauen, zerstört die Karriere-Chancen seiner Tochter (eine Kollegin bei der Reichsmordkommission, der er konsequent verheimlicht, dass er ihr Vater ist) und demütigt seinen Chef und seine Kollegin mit gezielten Beleidigungen, wo er nur kann.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt unterhalten mit einem Widerling

Im neuesten Band der Serie um den Soziopathen in Diensten der Verbrechensaufklärung, treibt er es noch einmal eine Spur schlimmer. Offen gestanden ist das ganz große Kunst, die die beiden schwedischen Autoren seit einigen Jahren abliefern: Dass es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt schaffen, Kriminalromane zu schreiben, die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln, obwohl sie einen Protagonisten ins Zentrum stellen, der einen eigentlich nur anwidert, spricht für die Qualität der Geschichten, die das Autorenpaar erzählt.

Mord an einer Familie in der schwedischen Provinz

Das gilt auch wieder für „Das Mädchen, dass verstummte“. Mal wieder in der schwedischen Provinz geschieht ein bestialischer Mord. Ein Unbekannter richtet eine ganze Familie hin. Vater, Mutter und zwei kleine Kinder sterben im Kugelhagel einer Schrotflinte. Die örtliche Polizei ruft rasch die Reichsmordkommission zur Hilfe: Die Ermittler rund um den Leiter der Einheit, Torkel Höglund, machen in kürzester Zeit zwei wichtige Entdeckungen: Die Morde waren sorgfältig geplant – und es gab eine Zeugin.

Verzweifelte Suche nach dem „Mädchen, das verstummte“

Ein weiteres Kind hat offenbar das Massaker überlebt. Mit einem vergleichsweise hohen Organisationsgrad, wenn man das einmal so nennen darf, versteckt sich das ansonsten schwer traumatisierte Mädchen vor der Außenwelt. Das Mädchen zu finden und später zum Reden zu bringen, wird die zentrale Aufgabe für Sebastian Bergman, der die Reichsmordkommission, Leser der Serie wissen es, als Berater und Profiler unterstützt.

Neue Perfidien von Sebastian Bergman

Der schwer gestörte Bergman, für den man im ersten Band noch Mitleid entwickeln konnte, weil er Frau und Tochter im Tsunami 2004 verlor, sortiert sich in seinem kranken Kopf die nächste Perfidie zurecht: Das traumatisierte Mädchen und deren Mutter werden für den Psychologen mit erhöhtem Therapiebedarf zum Familienersatz. Wieder lügt er, um eine Nähe herzustellen, die vorsichtig formuliert bedenklich ist. Mit aller Gewalt drängt er sich das Leben einer zerstörten Familie. Dass er damit dazu beiträgt, den Fall zu lösen, gehört zu den Komplexitäten, die die Reihe von Hjorth/Rosenfeldt so lesenswert machen.

Immer neue überraschende Einfälle des Autoren-Duos Hjorth/Rosenfeldt

Die beiden Autoren rücken, das ist ja genretypisch für skandinavische Autoren, ihren Figuren richtig dicht auf den Pelz: Schwedische Krimis sind immer irgendwie auch ausgewachsene Familiendramen. Gleichzeitig dichten die beiden aber auch richtig raffinierte Plots mit interessanten Wendungen zusammen, garnieren ihre Krimis (auch das „typisch“ schwedisch) mit relevanten gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und verwöhnen die Leser mit immer neuen überraschenden Einfällen – die gerne mal, da kommt die Fernsehvergangenheit beider Autoren durch, als „Cliffhanger“ am Ende des jeweiligen Bandes eingesetzt werden. Im Hinterkopf des Lesers brennt sich so beim Zuklappen des Buches der Gedanke ein „Ich muss mir dringend die Fortsetzung besorgen“. Es hat ja aber auch nie jemand behauptet, dass Autoren nicht geschäftstüchtig sein dürfen.

Warten auf die Fortsetzung…

Nachdem ich Band drei eher skeptisch aus der Hand gelegt hatte, geht es mir nach Band vier wieder so, dass ich trotz des Widerlings Sebastian Bergman genau das will – möglichst bald die Fortsetzung in die Hände bekommen…

 

Tatort:Schweden

Wieder einmal müssen die Ermittler um Torkel Höglund und Sebastian Bergman in die schwedische Provinz. Wie gehabt zeichnen Hjorth/Rosenfeldt ein eher düsteres Bild des ländlichen Schwedens. Der „Tatort“ steht dabei nie im Mittelpunkt, dient eher als mit wenigen Sätzen perfekt „gezimmerte“ Kulisse für menschliche Dramen. Wobei das in „Das Mädchen, das verstummte“ nicht ganz stimmt. So richtig düster udn schrecklich finden die Autoren ihr Provinz-Idyll offenbar denn doch nicht, da sie die Bedrohung der ländlichen Welt durch den Bergbau thematisieren. Wie das ausehen können beschreiben die beiden Schweden bei einem „Abstecher“ ins nordschwedische Kiruna.

Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte, Wunderlich, 586S., 19,95€, 15. Oktober 2014

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Stefan Ahnhem: Ein neuer Akteur in der obersten Liga der Schweden-Krimis

Fabian Risk hat sein Leben gegen die Wand gefahren, und zwar richtig gründlich: Ein Alleingang kostete ihn seinen Job bei der Stockholmer Polizei, die Beziehung mit seiner Frau setzte er wegen einer anderen aufs Spiel, und mit seinem Sohn kommuniziert der Polizist auch schon seit langen nicht mehr richtig. Die „Flucht“ in die alte Heimat soll es jetzt richten. Risk zieht in Sack und Pack nach Helsingborg, wo er einst aufwuchs.

„Und Morgen Du“: Mord statt Neu-Anfang in Helsingborg

Eigentlich hat der Polizist dort erst einmal Urlaub, den er dringend benötigt, um die fragile Beziehung zum Rest der Familie zu kitten. Doch es kommt anders. Seine neue Chefin bittet ihn rascher als erwartet zum Gespräch. Das Kriminaldezernat der südschwedischen Kleinstadt muss einen Mord aufklären. Das Opfer, das regelrecht hingerichtet und anschließend verstümmelt wurde, ist ein Klassenkamerad von Fabian Risk. Der Polizist hat sich kaum in den Fall hineingedacht, als schon der nächste Mord passiert: Erneut wird ein Klassenkamerad Risks brutal abgeschlachtet. Schnell wird klar, was der Mörder sagen will: „Und Morgen Du“, so auch der Titel des neuen Krimis von Stefan Ahnhem, der in Schweden bisher vor allem als Drehbuch-Autor auch in Deutschland bekannter Krimi-Verfilmungen aufgefallen war.

Späte Rache eines Mobbing-Opfers?

Die Polizeitruppe rund um den zu Alleingängen neigenden Risk muss sich mit einem Serienmörder auseinandersetzen, der – so viel scheint sehr schnell klar – in Jugendjahren Opfer fortwährender Mobbing-Attacken war und einen späten Rachefeldzug startet. Obwohl ein Klassenverband doch eigentlich überschaubar sein sollte, will es den Ermittlern nicht gelingen, den Täter zu identifizieren, geschweige denn zu fassen. Ganz im Gegenteil. Der Berg an Leichen, den der gestörte Ex-Pennäler aufhäuft, wird immer höher. Am Ende gerät auch der Polizist selber in Gefahr

„Und Morgen Du“, krimi-gerecht düster und brutal

„Und Morgen Du“ ist in Teilen brutal, häufig sehr düster – und enorm spannend. Stefan Ahnhem hat einen angenehm komplexen und zugleich sehr dichten Krimi geschrieben, der im Vergleich zu der Flut an simplen Thrillern, die den Markt überschwemmen, angenehm viele, kunstvoll verwobene Handlungsstränge aufweist. „Und Morgen Du“ ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und spielt in jedem Fall in der obersten Liga der Schweden-Krimis mit.

Stefan Ahnhem schreibt mit viel Liebe zum Detail

Die Vielzahl an Handlungsstränge bedingt natürlich eine Menge Personal. Auch hier beweist Ahnhem ein gutes Händchen. Insbesondere einige Nebenfiguren, wie der fiese, intrigante Oberkommissar in Dänemark bereichern das „Bühnenpersonal“. Im Zentrum steht natürlich der Hauptdarsteller Fabian Risk, dem man in seinen teils ungestümen, teils brillanten Alleingängen gerne folgt. Wenn man ein Wort der Kritik äußern möchte, scheint die absolut Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn nicht wirklich glaubhaft: welcher Vater kommuniziert in Zeiten, in denen es doch nur noch „Helicopter-Eltern“ zu geben scheint, mit seinem halbwüchsigen Sohn über Tage hinweg ausschließlich per sms? Man versteht den aus dramaturgischen Zwecken notwenigen Kniff, ärgert sich als Leser dennoch über die kleinen Delle im Glaubwürdigkeits-Lack.

Ein gelungener Auftakt zu einer neuen Serie

Dennoch ist „Und Morgen Du“ wirklich ein sehr gelungenes Debüt. Die beste Nachricht steckt im Klappentext, in dem der Krimi als „erster Teil einer Serie um den Kommissar Fabian Risk“ beschrieben wird. Wenn man sich nach dem Lesen schon auf eine Fortsetzung freut, ist das aus meiner Sicht immer das höchste Lob für einen Kriminalroman.

 

Tatort: Helsingborg

Irgendwas muss es ja auf sich haben mit Schweden: Kaum ein Land produziert so viele Krimis wie das Land der Schären und Seen. Man ist versucht zu glauben, dass die eine Hälfte der Bevölkerung Verbrechen begeht und die andere Hälfte Geld damit verdient, Krimis darüber zu schreiben und in Deutschland auf den Markt zu bringen. Die Bilder, die dabei transportiert sind, zeichnen von Schweden meist entweder ein Bild einsamen Idylls oder ein Panorama trostloser Einsamkeit. Bei Ahnheim spielt das Land, die Natur und der „Standort“ Helsingborg keine große Rolle (wenn man einmal von der Nähe zu Dänemark absieht). Stefan skizziert eher ein Bild menschlicher Kälte, das Portrait eines Schwedens, in dem unter einer jovialen Oberfläche Kälte und Gleichgültigkeit im Miteinander dominieren. Das ist weitaus interessanter als elegische Schilderungen von einsamen Schären oder dunklen Wäldern.

Stefan Ahnhem, Und Morgen Du, List, 548S, 16,99€ VÖ: 12. September 2014

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„Bones Never Lie“ Kathy Reichs zwingt Temperance Brennan unter die Schatten der Vergangenheit

Es gibt Bücher, zumindest einige wichtige, die prägen einen Leser sein Leben lang. Für einen Krimi, der ja eher der Unterhaltung dient, kommt das auch angesichts der meist eher düsteren Themen natürlich nicht in Frage, aber es gibt Kriminalromane, die bleiben in Erinnerung, über Jahrzehnte hinweg. Das gilt beispielsweise auch für „Déjà Dead,“ beziehungsweise „Tote Lügen nicht“, das Debüt der US-Amerikanerin Kathy Reichs.

Temperance Brennan ermittelt seit 17 Jahren

Das englischsprachige Original der forensischen Anthropologin stammt aus dem Jahr 1997 und war schlicht atemberaubend. So spannend, so dicht und mit gleichzeitig so viel lakonischem Witz hatte damals kaum jemand düstere Krimis oder Thriller geschrieben. Die Qualität der Romane um die forensische Anthropologin Temperance Brennan, die wie ihre Schöpferin in North Carolina und Kanada „lebt“ und „arbeitet“, hielt sich bis ins neue Jahrtausend. (Dass die TV-Serie Bones auf den Romanen von Reichs basiert, dürfte allen Lesern bekannt sein.)

Neu auf dem Markt „Bones Never Lie“ von Kathy Reichs

Jetzt ist auf dem englisch-sprachigen Markt der neueste Band um die ermittelnde Wissenschaftlerin erschienen. „Bones Never Lie“ heißt der neueste Band – und um es gleich vorwegzunehmen, er ist wieder gut. Das „wieder“ ist an dieser Stelle leider notwendig, da sich in den mittlerweile 17 Jahren rund um nur eine Figur im Mittelpunkt natürlich leichte Ermüdungserscheinungen eingestellt hatten. Der eine oder andere Vorgänger von „Bones Never Lie“ der letzten Jahre war offen gestanden eher durchschnittlich, wirkte wie das schnell zusammengeschriebene Drehbuch einer einzelnen Fernsehepisode.

Ein Mörder zieht seine Spur quer durch die USA

Jetzt hat Kathy Reichs wieder einen Band fertiggestellt, der eigentlich alle Anforderungen an einen gelungenen Krimi erfüllt. Temperance Brennan muss sich mit einer ganzen Serie von Morden an jungen Mädchen auseinandersetzen. Über Jahre hinweg, so stellt sich heraus, hat ein Unbekannter, Mädchen an der Schwelle zum Frau-Sein verschleppt, misshandelt und umgebracht.

Mord mit Wurzeln in der Vergangenheit der forensischen Anthropologin

Brennan kommt über einen ihrer alten Fälle bei den Ermittlungen ins Spiel, und muss erst einmal private Probleme lösen. Spuren der Morde führen in ihre kanadische Zweitheimat, helfen könnte nur ihr Ex-Lover, der sich aber nach einem persönlichen Drama vor der Welt versteckt. Keine Frage, dass Temperance Brennan nicht nur den verschollenen Cop auftreibt, sondern auch den Mörder stellt. In beiden Fällen muss sich die ermittelnde Wissenschaftlerin mit den dunkleren Episoden ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Ein solider Band 17…

„Bones Never Lie“ hat wieder alles, was zu einem gelungenen Reichs-Krimi dazu gehört: jede Menge Tempo, eine klare, einfache aber unterhaltsame Sprache und einen hinreichend verwickelten Plot, der den Krimi-Leser neugierig auf die Auflösung macht. Ja, es gib auch kleinere Schwächen, Temperance Brennan ermittelt zwar, allerdings kaum noch in ihrem eigenen Labor (was früher einen Großteil der Spannung ausmachte), es tauchen bestimmte Formulierungen auf, die sagen wir mal sehr vertraut sind – und eine wirkliche Weiterentwicklung der Protagonisten lässt die Autorin auch unter den Tisch fallen. Insofern fehlt auch dem neusten Band der atemberaubend-fesselnde Moment des Erstlings, aber das wäre in einem „Band 17“ vermutlich auch etwas zu viel verlangt. So gibt es immerhin solide Krimi-Unterhaltung.

Kathy Reichs, Bones Never Lie, Random House, 340 S., 17,64€, VÖ: 23. September 2014

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Ribas/Hofmann „Das Flüstern der Stadt“: unterhaltsame und ergreifende Krimi-Geschichtsstunde

Bei Verhören fackelt der Kommissar nicht lange. Wenn dem Polizisten eine Antwort nicht gefällt, setzt es einfach ein paar kräftige Ohrfeigen: Sollte ein Verdächtiger daraufhin immer noch nicht gestehen, werden eben drastischere Mittel eingesetzt. Eine hohe „Aufklärungsrate“ ist so garantiert. Klingt putzig? Ist es aber nicht. Die menschenverachtenden Mittel der Diktatur beschreiben die Autorinnen Rosa Ribas und Sabine Hofmann in ihrem Kriminalroman „Das Flüstern der Stadt“.

Rosa Ribas und Sabine Hofmann schildern eine Atmosphäre der Angst

Die Stadt, um die es geht, ist Barcelona, und zwar das Barcelona der frühen fünfziger Jahre. Damals herrschte in Spanien noch General Franco mit seinen faschistischen Falangisten. Die trachteten, die rebellische katalanische Metropole zu unterjochen und gingen dabei nicht eben zimperlich vor. Die Wahrheit spielte in jener Zeit kaum eine Rolle, schon gar nicht auf dem Polizeirevier.

Eher zufällige Ermittlungen durch eine Journalistin

In diese unfreie Umgebung stolpert eher zufällig die Journalistin Ana. Eigentlich ist sie für die Weltanschauung dieser Zeit geschlechtsgemäß „passend“ bei der Zeitung für Klatsch und Mode zuständig. Da der Kriminalreporter verhindert ist, schickt der Chef nach einem Mordfall die junge Frau auf die Wache, nicht etwa, weil er überbordendes journalistisches Interesse hätte, sondern weil die Berichterstattung von den Machthabern angeordnet wurde.

Es dürfte wenig überraschen, dass die junge Journalisten sich als weniger pflegeleicht erweist, als das alle Beteiligten erwartet hatten. Ana will ernsthaft berichten und recherchiert. Zusammen ihrer Cousine Beatriz, einer von den Herrschenden kalt gestellten Sprachwissenschaftlerin, stolpert sie über Beweise für ein – selbst nach Maßstäben der Falangisten – abscheuliches Verbrechen. Die Versuche, Wahrheit und Gerechtigkeit eine Chance zu geben bringen die beiden schnell selber in Gefahr.

Das Flüstern der Stadt, ein faszinierendes Buch

„Das Flüstern der Stadt“ ist ein faszinierendes Buch. Das liegt vor allem am Thema: Dass in Spanien bis weit in die siebziger Jahre ein Diktator mit eiserner Hand die Bevölkerung in Geiselhaft hielt, ist zwar kein Geheimnis, aber doch schnell aus dem Bewusstsein verschwunden. Rosa Ribas und Sabine Hofmann öffnen mit ihrem Kriminalroman ein Fenster in diese finstere Welt voller Unterdrückung und Gewalt. Allein deshalb lohnt es sich, ihren Kriminalroman zu lesen.

Eine Protagonistin, der man gerne folgt

Darüberhinaus ist ganz nebenbei ein schillerndes Portrait Barcelonas entstanden, das durch eine überaus sympathische Hauptfigur durchstreift wird. Der jungen Ana folgt man gerne bei ihren Versuchen, sich in einer männerdominierten und unfreien Gesellschaft durchzusetzen. „Das Flüstern der Stadt“ ist insgesamt so glaubhaft konstruiert, dass man über eine kleinere Schwäche (aus meiner Sicht ist es eine) hinwegsehen mag: Beide Autorinnen sind Literaturwissenschaftlerinnen und leben ihre Lust zu literarischen Querverweisen und Zitaten ein wenig zu großzügig aus: Das führt gelegentlich zu leichten Längen, die aufs Tempo drücken aber nicht wirklich stören: „Das Flüstern der Stadt“ ist – und das ist für mich ein echtes Qualitätsmerkmal – gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam.

Tatort: Barcelona

Barcelonas Altstadt ist eng und düster. Das passt als Tatort für einen Krimi natürlich beinahe perfekt. Rosa Ribas und Sabine Hofmann lassen in „Das Flüstern der Stadt“ ihre Leser glaubhaft am Leben in den Gassen und auf den Straßen teilhaben. Die Fülle, der Lärm und die Enge sind spürbar beschrieben. Sensationell ist die katalanische Nationalbibliothek als Schauplatz ausgewählt. Auch wenn die strengen Bibliothekare den Touristen vermutlich nicht in die wirklich großartigen Säle vorlassen werden, lohnt sich beretis ein Besuch im Innenhof im Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Hier ist es nur wenige hundert Meter von der dauervollen La Rambla entfernt, beinahe idyllisch ruhig. Und historisch bedeutsam ist der Bau, der einst Kranke beherbergte auch…

Rosa Ribas, Sabine Hofmann. Das Flüstern der Stadt, Kindler, 512S., 19,95€ VÖ: 29: August 2014

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther in Wolfshunger an die vorderste Front

Man könnte ja anfangen zu nörgeln: Die Geschichten um den braven Polizisten Bernie Gunther werden immer unglaubwürdiger, das Schema ist immer gleich, ein Verbrechen im Nazi-Dunstkreis, Ermittlungen die behindert werden und am Ende eine überraschende Wendung. Auch eine unglückliche Liebe läuft dem Berliner Bullen wie eigentlich in jedem Band wieder über den Weg.

Mordermittlungen an vorderster Front

Natürlich hat der mittlerweile neunte Fall um Bernie Gunther mittlerweile einigen Wiedererkennungswert, und natürlich haut Philip Kerr, seit er seinen Kommissar mitten im zweiten Weltkrieg ermitteln lässt, immer wieder richtig auf die Kacke. Zuletzt musste er sich mit Reinhard Heydrich auseinandersetzen, jetzt schickt ihn gar Joseph Göbbels in „Wolfshunger“ an die Front, und zwar im wahrsten Sinne des Worts. Bernhard Gunther muss bei Smolensk ermitteln. Der Mord an polnischen Offizieren im Wald von Katyn erscheint perfekt für einen Propaganda-Coup geeignet. Gunther, innerlich der Wahrheit verpflichtet, beginnt zu ermitteln, wie eigentlich immer. Und wie schon so oft zuvor, gerät er zwischen die Fronten, setzt sich mit seiner eigenwilligen Art zwischen alle Stühle.

Bernie Gunther, eine geniale Erfindung Philip Kerrs

Auch wenn die Fälle gen Ende also immer unglaubwürdiger werden, lässt die Faszination für den knorrigen Polizisten nicht nach. Vom eingangs erwähnten nörgeln jedenfalls bin ich sehr weit entfernt: Philipp Kerr hat einfach eine geniale Figur geschaffen. Dem Schicksal des traurigen Helden, der stets versucht, in finstersten Zeiten das zarte Licht der Wahrhaftigkeit zu schützen, folgt man immer wieder gerne, gerade, weil sein Schöpfer ihn nicht als strahlenden Helden zeichnet. Bernie Gunther macht sich, die Zeiten lassen nichts anderes zu, immer wieder schmutzig, der modrige Sumpf bleibt unnentrinnbar, gleich wie sehr sich der Polizist abstrampelt, er wird hinabgezogen.

Wolfshunger spielt mit der Faszination für die NS-Zeit

Philip Kerr nutzt, seit er den Polizisten mit seiner „Berlin Noir“-Serie der Vorkriegszeit erfunden hat, raffiniert die Faszination für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Das funktioniert, weil der Autor Schotte ist (also die nötige Distanz wahren kann), das fesselt aber insbesondere, weil Kerr die Fähigkeit hat, dem Bösen gerade soviel Menschlichkeit und Charisma anzudichten, dass es gerade deshalb in seinen Handlungen noch viel unerträglicher wirkt. Und ganz nebenbei verwebt Kerr mit großem handwerklichen Geschick die ganz große Geschichte mit einem fesselnden Krimi-Plot. Das gilt ausnahmslos vom ersten bis zum jüngsten, dem neunten, Fall „Wolfshunger“.

Tatort: Smolensk

Man weiß jetzt natürlich nicht, ob sich Philip Kerr für seinen Krimi „Wolfshunger“ in Smolensk und Umgebung umgeschaut hat, aber in jedem Fall bedient er die Erwartungen, die man als Leser an eine Kriegszone in den russischen Weiten hat. Die Natur ist unerbittlich, die Weite zehrt an den Nerven. Es ist matschig, es ist kalt, es ist heiß, es ist eigentlich immer unerträglich – und im Wald heulen die Wölfe. Man weiß es wie gesagt nicht, woher Kerr seine Informationen hat, aber es scheint beinahe egal. Neben vielem anderen schildert auch der Schauplatz Smolensk,die immer näher rückende Front und die damit einhergehende Atmosphäre von Angst und Resignation sehr glaubwürdig,

Philip Kerr, Wolfshunger, Wunderlich, 544 S., 22,95€, VÖ: 29. August 2014

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Welter&Gantenberg, Krimi-Serientäter aus dem Sauerland: „Lang sind die Schatten“

Auf ins Sauerland. Schon wieder. Mitten im deutschen Niemandsland passiert die zweite Mordserie innerhalb von einem Jahr. „Schuld daran“ ist das Autoren-Duo Oliver Welter und Michael Gantenberg: Jedenfalls haben die beiden einen neuen Krimi geschrieben.

Eine Leiche beim Stock-Car-Rennen im Sauerland

In „Lang sind die Schatten“ muss die Kommissarin Inka Luhmann den Mord an einem Provinzmafiosi mit südosteuropäischen Wurzeln aufklären. Irgendjemand hat seine Leiche ausgerechnet in dem Kofferraum eines Stock-Car-Racing-Autos deponiert. Kurz vor der Zieleinfahrt landet die Leiche jedenfalls auf der Strecke und die wackere Kommissarin muss sich erst durch den Staub und dann durch jede Menge Lokalschlamm kämpfen. Dabei wird ihr auch ihr Ehemann, der ehemalige Polizist, der sich fürs Hausmann-Dasein entschieden hat, verdächtig. Es bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung, dass noch ein weiterer Mord passiert. Die Polizistin Luhmann und ihr Team geraten also einmal mehr gewaltig unter Druck.

Welter&Gantenberg verbreiten wieder Wohlfühlatmosphäre im Krimi

Der Erstling „Kalt geht der Wind“ war eigentlich ganz gut gelungen. Welter/Gantenberg hatten, so hatte ich das vor einem Jahr empfunden, einen unterhaltsamen, leichten Regionalkrimi geschrieben. Das gleiche gilt im Prinzip auch für „Lang sind die Schatten“. Das Autorenduo schreibt handwerklich auf hohem Niveau, und die beiden vermitteln Genre zum Trotz eine ausgesprochene Wohlfühlatmosphäre. Sie schaffen also so etwas wie den Familienroman unter den Krimis.

Süße Kinder, ein tapsiger Hund und ein schusseliger Ehemann

Beispiele? Es gibt zwei süße Kinder, einen wuscheligen, leicht tapsigen Hund und einen mindestens genau so tapsigen Ehemann, der mit ständig blitzenden Augen, durchtrainiertem Körper und ebenfalls wuscheligem Fell durch die Gegend läuft, und der natürlich eher latent permanent überfordert, aber gerade deshalb auch so niedlich sympathisch ist (So stellt, diese Klammer sei erlaubt, geschlechterübergreifend in diesen Jahren interessanterweise das Männerbild im deutschen Krim dar: Der Mann ist wahlweise abgrundtief böse oder weitgehend doof.)

„Lang sind die Schatten“ ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi

Die Stärke der permanenten Sympathie ist natürlich gleichzeitig die Schwäche von „Lang sind die Schatten“. Die Regionalkrimis aus dem Sauerland sind nett – und das ist ja seit gefühlten zehn Jahren das vernichtendste Urteil der jungen Generation (wirklich nur für die älteren Leser „.. ist die kleine Schwester von Scheiße“) So schlimm ist es natürlich nicht, es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi. Schließlich ist das ganze handwerklich sehr gut gemacht. Immer wieder blitzt auch eine verschmitzte Intelligenz durch. Dennoch bleibt in der zweiten Folge durch den hohen Wiedererkennungswert nach dem Lesen das Gefühl zurück, einerseits eine gute Zeit verbracht, aber andererseits auch Zeit vertändelt zu haben. Für Freunde sprachlich innovativer, düsterer, politisch relevanter Krimi könnte „Lang sind die Schatten“ also ein Lese-Risiko darstellen. Alle, die gut gemachte, solide und spannende Unterhaltung suchen, finden Lesevergnügen.

Tatort: Sauerland

Eigentlich sage ich an dieser Stelle immer etwas über die Orte, an denen die Krimis, die ich vorstelle, spielen. Aber zwei Mal innerhalb eines Jahres über das Sauerland zu sagen, ist dann doch etwas viel verlangt. Deshalb hier ausnahmsweise mal die Kopie dessen, was ich im ersten Band geschrieben habe. Es bleibt gültig…

„Dass in „Kalt geht der Wind“ tatsächlich noch Schützenkönige und die dazugehörigen Vereine auftreten, sagt eigentlich alles über das Sauerland, das mitten in einem der dichtest besiedelten Länder Europas abgeschieden und menschenleer wirkt. Die Stimmung kilometerlanger, sich leer dahin schlängelnder Straßen und verwaister Dörfer fangen Oliver Welter und Michael Gantenberg gut ein. Gleichzeitig zeigen sie, dass sich hinter dem dörflichen Idyll der Vereinswelt Abgründe von Intrige und Bösartigkeit verbergen, nur weil die Menschen sich besser kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie netter miteinander umgingen.  Das hat ja insbesondere für den sich gelegentlich über freudlose Anonymität beklagenden Großstadtbewohner etwas Tröstliches. Ansonsten lernt man bei Welter&Gantenberg noch, dass aller landwirtschaftlicher Orientierung zum trotz, auch das Sauerland ein viel besuchtes Urlaubsgebiet ist, vermutlich weil es weder Großstädte noch Autobahnen gibt. Manchmal braucht es ja nicht viel.“

Oliver Welter/Michael Gantenberg, Lang sind die Schatten, Fischer, 396S., 9,99€, Juni 2014

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Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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