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Weshalb ich mit Marc Elsbergs sehr gelungenen Zero meine Probleme habe

Das Endzeitszenario „Blackout“ war mit Sicherheit einer der Bücher des Jahres 2012. Jetzt hat dessen Autor, Marc Elsberg, seinen neuesten Krimi veröffentlicht. Wieder steht die Technik im Mittelpunkt – und die Folgen, wenn die Systeme versagen.

Ein Kampf der Gegenwart: Datenschützer vs. Datenkraken

In „Zero“ geht es im Prinzip um einen sehr aktuellen Konflikt. Ungefähr so wie in der Jetztzeit stehen in einer nahen Zukunft Datenkraken und Datenschützer gegeneinander. Die Datenkraken haben, da bleibt Elsberg dicht an der Realität, alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen sie die Daten ihrer (eigentlich aller) Nutzer sammeln (und verwenden). Gleichzeitig, und da entfernt sich Elsberg (hoffentlich) von der Wirklichkeit, verfolgen die Datenkraken mit diesem beinahe allumfassenden Wissen die finstersten Pläne, die im Prinzip die Weltherrschaft beinhalten. Vermutlich kann man nur hoffen, dass es Google, Facebook und Co einfach zu anstrengend (und nicht lukrativ genug) wäre, gleich ganze Länder zu regieren.

Die Datenbrille als Zeuge eines Mordes

Jedenfalls passiert bei einer Verfolgungsjagd durch London ein Mord, der durch eine Datenbrille aufgezeichnet und publik gemacht wird. Das Opfer ist ein Junge der mit der Tochter der Journalisten Cynthia Bonsant befreundet ist. Das Ganze steht zu allem Überfluss im Zusammenhang mit einer „Aktion“ von Datenschutzaktivisten gegen den Präsidenten der USA. Die Journalistin, die von ihrem Arbeitsethos eher Old-School ist, beginnt zu recherchieren und gerät unversehens in einen fiesen Krieg aller möglichen (Firmen-)Finsterlinge gegen die Datenschützer. Es beginnt eine atemlose Jagd.

Marc Elsberg hat wieder einen enorm spannenden Thriller geschrieben

Hatte Marc Elsberg sich bei „Blackout“ den europäischen Kontinent als Schauplatz ausgesucht, breitet er in „Zero“ die Landkarte noch weiter aus. Über den großen Teich bis in die USA geht die Jagd. Um es kurz zu sagen: Eigentlich hat Marc Elsberg wieder einen enorm spannenden, sauber durchdeklinierten und intelligenten Thriller geschrieben. Dennoch habe ich mit Zero meine Probleme. Aber das hat eher mit mir zu tun.

Meine persönlichen Befindlichkeiten und „Zero“

Marc Elsberg hat sich eine ältere Journalistin als Protagonistin auserkoren, die ihre Wurzeln im guten alten Printgeschäft hat und eher widerwillig sich mit den modernen Informationsplattformen auseinandersetzen muss. So wie Elsbergs „Cyn Bonsant“ habe ich meine Wurzeln, das Alter bringt es mit sich, im Printgeschäft. Vielleicht ist es ja ganz einfach, und es geht mir wie Polizisten, die keine literarischen Kommissare mögen, weil sie zu fern von der eigenen Realität sind. Bei mir kommt hinzu, dass ich vor einigen Jahren den Weg gegangen bin, den Elsbergs Heldin verweigert. Ich arbeite „online“ und versuche, bei meiner Arbeit immer wieder den Beleg zu bringen, dass moderne Kommunikationsformen und Qualitätsjournalismus kein Widerspruch sein müssen. In sofern kann ich mit der Zivilisationskritikerin Cyn Bonsant nicht viel anfangen: Es ist meiner Erfahrung nach viel mehr so, dass in der Realität die Online-Kritiker unter den Journalisten in den seltensten Fällen Kämpfer für die Qualität und hohe Werte, sondern meistens von der Blockadehaltung gegen jegliche Veränderung oder zusätzlich von dem Bemühen, jeglicher ernsthafter Arbeit aus dem Weg zu gehen, getrieben sind. Deshalb taugt die Protagonistin in „Zero“ für mich persönlich nicht als Identifikationsfigur.
Eigentlich sollten diese persönlichen Befindlickeiten bei der Bewertung eines Buches keine Rolle spielen, abr andererseits kann ich nur so erklären, weshalb ich bei einem eigentlich sehr gelungenen Kriminalroman keinen euphorischen Text schreiben kann. Aber das muss alle Menschen, die ihr Geld nicht mit Online-Journalismus verdienen, ja ohnehin nicht abhalten, „Zero“ mit großem Vergnügen zu lesen. Jenseits meines leichten Unbehagens ist „Zero“ schließlich ein sehr guter, spannender und action-geladener Krimi in bester angelsächsischer Thriller-Tradition.

Marc Elsberg, Zero, Blanvalet, 478S, 19,99€ VO: 26. Mai 2014

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Lee Child schickt Jack Reacher und sein Faustrecht ins Wespennest

Wirklich vorstellen muss man Jack Reacher ja nicht mehr. Er ist eher mit 1,95 Metern eher einigermaßen groß gewachsen, verfügt auch deshalb über eine gewisse körperliche Präsenz, die aber vor allem deshalb deutlich wird, weil er Konflikte meist schnell und sehr handgreiflich löst. Reacher variiert immer wieder aus Neue die Phrase „erst schießen, dann fragen“.  Der ehemalige Militärpolizist ist zudem immer unterwegs, seit nunmehr 15 Bänden zieht er ziellos durch die USA, immer auf dem Weg irgendwohin. Meist trifft er in ausgemachten Drecksnestern erstens auf hilflose Frauen, die klassische „Damsell in Distress“ und zweitens auf finstere Gesellen, die irgendeine Verschwörung vorantreiben.

Jack Reacher hilft mal wieder einer „Damsell in Distress“

Auch in „Wespennest“ setzt Lee Child, der Erfinder von Reacher, wieder auf das Thema. Diesmal verschlägt es den Militärpolizisten in ein Kaff in Nebraska, das fest in den Händen einer miesen Familie scheint. Jack Reacher, der nichts von weltlichem Besitz hält und deshalb meist per Anhalter unterwegs ist, wird in der Bar eines Motels Zeuge, wie sich der Dorfarzt weigert, eine Frau zu behandeln. Natürlich mischt der Mann sich ein, fährt den Doktor zu seiner Patientin, die, wie könnte es anders sein, von ihrem Ehemann geschlagen wird. Und natürlich ist die Frau mit einem der Clan-Mitglieder, die die Stadt terrorisieren, verheiratet.

Zustände wie im Chicago Al Capones

Da Reachers Auftauchen den Alltag in dem Kaff durcheinanderbringt, geraten die Geschäfte des Clans ins Stocken. Das wiederum ruft nicht nur die drei Brüder, sondern auch die Geschäftspartner in Las Vegas auf den Plan – gleich eine ganze Reihe von Angehörigen verschiedener Verbrecherbanden. Sie alle schicken Abgesandte nach Nebraska, wo es bald zugeht wie im Chicago der 30er Jahre, mit sehr bleihaltiger Luft. Jack Reacher sieht sich also einer erdrückenden Übermacht gegenüber. Es hilft ein wenig, dass jede der beteiligten Parteien, eigene Vorstellungen vom Ausgang der Ereignisse hat.

Lee Childs „Wespennest“, ein Fest für Reacherfans

Es dürfte kaum überraschen, schließlich kennen wir Jack Reacher mittlerweile, dass sich am Ende seine Version von Recht und Ordnung durchsetzt und er am Ende einsam in die Dunkelheit reitet (naja, er reitet natürlich nicht wirklich). Dass das trotz des bekannten Schemas diesmal wieder Spaß macht, liegt an den immer neuen kleineren Variationen, die Lee Child, der ja immer mit hohem Tempo und präzise schreibt, in den neuesten Fall einbaut. Bösewichte, Nebenfiguren und vor allem die Tristesse des Schauplatzes sind außerordentlich gut gelungen. Insofern ist „Wespennest“ zumindest für alle überzeugten Jack-Reacher-Fans, die sich mit seiner speziellen (Faust-)Rechtsauslegung anfreunden können, wieder ein Fest.

Tatort: Nebraska

Lee Child denkt sich für seine Jack-Reacher-Orte immer wieder fiktive Provinznester aus, die ganz weit von den Metropolen tief im Unterbauch der Vereinigten Staaten liegen. So ist es auch diesmal. Mitten in Nebraska liegt der kleine Ort, in den es Jack Reacher verschlägt, eigentlich ist es nur eine Ansammlung von Farmhäusern im ewigen Einerlei nicht enden wollender Acker. Im Zentrum dieser Scheinstadt liegt als gesellschaftliches Zentrum ausgerechnet ein Motel. Wichtig ist eigentlich nur die Weite Nebraskas, in der es über Meilen hinweg keine Erhebung, also auch kein Versteck gibt. Die ganze Ödnis beschreibt Child sehr gekonnt. Man meint beim Lesen von Wespennest förmlich, Bruce Springsteen im Hintergrund singen zu hören. Obwohl das Land weit ist und keine Hindernisse im Weg liegen, wird es gerade deshalb zum Gefängnis, für die Menschen, die dort leben, aber eben auch für „Besucher“ wie Jack Reacher. Das macht einen großen Teil der Qualität von „Wespennest“ aus.

Lee Child, Wespennest, Blanvalet, 446S., 19,99€  VÖ: 29. April 2014

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Tom Hillenbrands Drohnenland: Sensationell guter Krimi und düsterer Blick in die Zukunft

Wer viel liest, wird zwangsläufig über eine große Bandbreite von Büchern stolpern: gute, schlechte, Dutzendware. „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand gehört eindeutig in die Kategorie „sensationell gut“. Der Krimi ist das Buch, das mich in 2014 bislang eindeutig am meisten begeistert hat, es ist gleichermaßen faszinierend wie fesselnd.

Ein perfekter Krimi, mit einer kleinen Einschränkung

All diejenigen, die bereits jetzt überlegen, sich „Drohnenland selber zu kaufen, sollten sich einer wichtigen, kleineren Einschränkung gewahr sein. Ich mag Science-Fiction. Ich mag auch im Kriminalroman Weltuntergangsszenarien, Verschwörungstheorien und politische Spekulationen. Wer – und das soll es ja geben – mit diesen Themen grudnsätzlich Schwierigkeiten hat, könnte bei „Drohnenland“ verkehrt sein.

Ein düsteres Szenario in „Drohnenland“

Tom Hillenbrand beschreibt ein Leben in einer Europäischen Union, in der erstens die Niederlande als Folge der Klimakatastrophe abgesoffen sind, zweitens die Bürger durch allgegenwärtige Drohnen beinahe der totalen Überwachung unterliegen und drittens ein allgegenwärtiges Informationsnetzwerk, das erschreckend präzise Verhaltensweisen (und damit potentielle Verbrechen) vorherzusagen vermag, mindestens unterschwellig einen totalitären Polizeistaat entstehen ließ.

Mord an einem Abgeordneten als Auslöser für eine gnadenlose Jagd

Der Polizist Aart Westerhuizen wird von einem beinahe allwissenden Polizeicomputer zur Leiche eines Europa-Abgeordneten gerufen. Der Mann liegt erschossen auf einem regendurchweichten Acker vor den Toren von Brüssel. Trotz der lückenlos erscheinenden Überwachung fehlt vom Täter zunächst jede Spur. Selbst das Motiv für den Mord bleibt lange im Dunkeln. Da eine Abstimmung über eine neue EU-Verfassung bevorsteht, schlägt der Fall in den Brüsseler Machtzentralen hohe Wellen: Westerhuizen und seine Daten-Forensikerin Ava Bittmann geraten erst unter Druck und später in sehr reelle Gefahr, der sie eigentlich nur in eine digitalen Welt entkommen können. Die Gegner jedenfalls kommen, ohne zu viel zu verraten, von allen möglichen erwartbaren und überrachenden Seiten.

Tom Hillenbrand entwirft eine wohlig unheimliche Zukunftsvision

Deshalb mag ich „Drohnenland“ so sehr: Zunächst einmal ist Hillenbrand ein enorm spannender Kriminalroman mit überaus gelungenen Figuren, denen man gerne durch die Handlung folgt, gelungen. Dann greift Hillenbrand aktuelle technische Diskussionen, Trends und Erfindungen (Google Glasses) auf, verwurstet – wenn man das so respektlos sagen darf – sie gekonnt und setzt sie zu einer glaubwürdigen und (für eine Fiktion) wohlig unheimliche Zukunftsvision zusammen. Das gleiche macht er mit bereits bekannten politischen Strömungen, die er sich für seine Krimi-Zukunft zurechtspinnt. Und zu guter Letzt steckt „Drohnenland“ voller hübscher kleiner Einfälle und Seitenhiebe. Das Gebäude seines ehemaligen Arbeitgebers beispielsweise lässt er halb in der Elbe versinken, der Redaktionsraum von Spiegel Online dient nur noch einer Bande von Hausbesetzern als Zuflucht.

Tom Hillenbrand hat eine eigene Welt erschaffen

Insgesamt ist Tom Hillenbrand also ein sehr großer Spaß gelungen, auch weil er es schafft, auf überschaubaren Raum mit wenigen Worten das ganz große Bild zu zeichnen. Themen, die andere auf tausend und mehr Seiten ausbreiten, skizziert er sehr überzeugend mit einigen wenigen Nebensätzen. Er hat in Drohnenland eine eigene Welt erschaffen. Mehr geht eigentlich nicht.

 

Tatort: Brüssel

Holland ist weg, ein Teil der Nordsee. Die USA kommen nur noch mit einem Nebensatz vor, dass „sie keine Rolle mehr spielen“, Machtzentren liegen in Korea, in Moskau und London. Die Europäische Union hat sich vom Süden Italiens getrennt, aber einen Teil der Sahara annektiert. Das sind in etwa dies Rahmenbedingungen, die das Leben in Brüssel bestimmen.

Die Machtzentrale ist Brüssel, das sich vom Technokratennest in eine Megapolis verwandelt hat: Es gibt großzügige Boulevards, Paläste und verdreckte Slums. Über scheint der Atem des Verfalls zu wehen. So ganz genau weiß man nicht, ob der europäische Gedanke, der neue Superstaat, der sich in seiner Hauptstadt manifestiert noch eine Zukunft hat. Natürlich lässt sich der Zukunftsthriller „Drohnenland“ von Tom Hillebrand nicht als Stadtführer für die belgische beziehungsweise europäische Hauptstadt verwenden. Der Tatort Brüssel aus der Zukunft hat (natürlich) nur noch wenig mit der Stadt von heute zu tun. Trotzdem zeichnet Hillebrand so ganz nebenbei auch noch ein glaubwürdiges Bild des künftigen Brüssels. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob mir das nicht doch Sorgen bereiten soll.

Tom Hillenbrand, Drohnenland, KiWi, 423S., 9,99€, VÖ: 15. Mai 2014

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Viveca Stens Beim ersten Schärenlicht: Ein Mord mitten im Bilderbuchschweden

Wenn man einen durchschnittlichen Deutschen fragt, was ihm jenseits von Möbeln zu Schweden einfällt, kommen vermutlich „Mittsommernacht“, „Schären“ und „Kriminalromane“ als Antworten heraus. Variationen gibt es höchstens bei der Reihenfolge. Insofern ist es nicht mehr als konsequent, dass die Schwedin Vivica Sten in ihrem neusten Roman alle drei Elemente vereint.

 Ein Toter im Schären-Idyll

„Beim ersten Schärenlicht“ spielt auf Sandhamm, einer Insel vor Stockholm während der Mitsommertage, die von Schweden begeistert und ausführlich gefeiert werden. Nach einer dieser alkoholintensiven Nächte wird am Strand ein Toter gefunden, ein Jugendlicher, von dem sich niemand so recht vorstellen kann, weshalb ausgerechnet er ermordet wurde.

 Mord im Alkoholrausch?

Thomas Andreasson und seine Kollegen ermitteln, und sie stoßen schnell auf diverse Familiendramen. Auch die Tochter einer Freundin Andreassons ist seit der Mordnacht spurlos verschwunden. Der Kommissar findet zunächst kaum Spuren, trifft dafür aber auf ein weitreichendes gesellschaftliches Problem: Die einst so idyllische Mitsommernacht ist zu einem gewaltigen Alkoholrausch verkommen, bei dem auch Kinder, die gerade erst das Teenager-Alter erreicht haben, mit allen Mitteln versuchen, sich in einen koma-artigen Zustand versetzen. Auf Sandhamm soll das tragisch enden.

 Spannend, relevant, aber zwiespältig

„Beim ersten Schärenlicht“ ist der fünfte Fall für Thomas Andreasson – und er entzieht sich einer klaren Bewertung. Vivica Sten versteht ihr Handwerk. Ihr neuester Krimi ist gradlinig und spannend erzählt, sie hat ein Thema mitverarbeitet, dass relevant und für viele Menschen als Gefahr verständlich ist. Wenn man es positiv bewerten will, beschreibt sie eine heile Welt mit verborgenen – und deshalb interessanten – Bruchlinien.

Allein für den Markt geschrieben?

Und dennoch bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück. Die Figurenzeichnung ist stark vereinfachend und der Schauplatz einfach zu idyllisch: Beim Lesen baut sich automatisch diese mitunter penetrante ZDF-Sommerkrimi-Stimmung auf, die sich aus glattgeleckte Kulissen mit leuchtenden Farben, schönen Menschen und gestelzt emotionalisierten Dialogen problembewusster Protagonisten zusammensetzt. Wahrlich keine schöne Vorstellung. Vielleicht ist es aber genau das, was das Unbehagen auslöst: Der Leser wird – obgleich er gut unterhalten wird – das Gefühl nicht los, dass Autorin nur in zweiter Linie eine Geschichte erzählen wollte, während sie in erster Linie versucht, einen Markt zu bedienen. Ob das Gefühl stimmt, lässt sich Mitte Mai überprüfen, wenn die erste Schärenkrimi-Verfilmung ausgestrahlt wird, tatsächlich beim ZDF.

 

Tatort: Sandhamm

Kleine verwitterte Holzhäuser, verschlafene Yachthäfen, nette Strandpromenaden und Natur so weit das Auge reicht. So stellt sich der deutsche die Schäreninseln vor Schweden vor – und dieses Bild zeichnet auch Viveca Sten in „Beim ersten Schärenlicht“. Es gibt noch einsame Wälder und kleine Fähren, die die Schäreninseln mit der Außenwelt verbinden. Diese Bild einer Welt, in der die Uhren anders, also gerne mal langsamer ticken, zeichnet die Schwedin Sten stilgetreu. Wer schwedische Provinz wie er es von Postkarten kennt, will, bekommt sie auch.

Viceca Stehen, Beim ersten Schärenlicht, Kiepenheuer&Witsch, 399S., 14.99€

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Till Raethers Treibland, zwiespältig und doch empfehlenswert

Till Raether hat Urlaub gemacht. Genauer gesagt hatte er sich zu einer gemeinsamen Kreuzfahrt mit seinem Vater überreden lassen. Offenbar geriet der Trip zur Grenzerfahrung, sodass er das Bedürfnis hatte, aus seinen Erfahrungen einen Kriminalroman zu entwickeln. Das Ergebnis ist zwiespältig – und das liegt an den Erlebnissen, die der Mann an Bord hatte. „Trotz Animation und gelegentlich vorbeiziehenden Landschaften schmort man doch ganz schön im eigenen Saft. Und hat vielleicht zu viel Zeit, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen“, schreibt Raether im Nachwort zu „Treibland“. Es herrsche eine besondere Atmosphäre von Verunsicherung und Apathie. An Bord sei man fremdbestimmt und „manchmal nimmt einem das dem Atem“.

Mord an Bord eines Kreuzfahrtschiffes

Grundsätzlich kann man Raether dankbar sein, dass er sich den merkwürdigen Erfahrungen aussetzte. Das bracht ihn immerhin auf die Idee zu „Treibland“. An Bord eines Kreuzfahrtschiffes stirbt unter mysteriösen Umständen ein Urlauber. Schnell wird klar, dass dieser Opfer eines besonders bösartigen Virus der Ebola-Klasse wurde. Das Schiff wird in Hamburg unter Quarantäne gestellt. Theoretisch darf niemand an oder von Bord. Auch nicht, als offensichtlich wird, dass der Mann Opfer eines Mordanschlages wird.

Ein Kommissar, der am Leben leidet

Till Raether hat hier eine wirklich interessante Kulisse für einen Kriminalroman gebastelt, in die er zudem doch sehr interessante Figuren aufstellt. Hauptkommissar Danowski beispielsweise ist ein besonders schwerer Fall, an sich und dem Leben leidend fristet der Exil-Berliner ein eher tristes Dasein in einer besonders unbedeutenden Abteilung der Polizei: Eigentlich soll er nur Akten von Todesfällen, bei denen die Polizei nicht mehr an ein Tötungsdelikt glaubt, abarbeiten. So landet auch die Akte des Unternehmers Carsten Lörsch auf seinem Schreibtisch. Mit einem Eifer, der ihn selber überrascht, geht er der Sache nach  – und löst am Ende nicht nur einen Mord, sondern ein weitreichendes Verbrechen.

Tell Raether lockt in „Treibland“ mit lakonischem Humor

Diesen Teil von „Treibland“ kann man wirklich gelungen nennen. Raether schreibt klar und unterhaltsam, seine Figurenzeichnung und die Dialoge stechen durch seinem lakonischen Humor über den Krimi-Durchschnitt hinaus. Viele hübsche Ideen auf Nebengleisen sorgen zudem  für Spannung und fesselnde Abwechslung.

Passagen, die man nur mit Schnellblättern übersteht

Leider bricht das hohe Niveau in der zweiten Hälfte für einen längeren Moment weg. Und das liegt ausgerechnet an der Idee, die Till Raether zu „Treibland“ brachte. Ungefähr nach der Hälfte der Seiten wird Hauptkommissar Danowski nämlich selber Gefangener auf der „Großen Freiheit“ wie das Kreuzfahrtschiff sinnigerweise heißt. Raether erliegt der Versuchung, diese fremdbestimmte Mischung aus Lethargie und Aggression, die er während seiner eigenen Kreuzfahrt machte, im Detail wiederzugeben. Und das ist leider langweilig. Ich konnte mich über viele Passagen nur mit Schnellblättern und Diagonallesen hinwegretten. Es gibt Dinge, die muss man wohl selber erlebt haben, um sie wirklich verstehen zu können – und Kreuzfahrten stehen bei mir noch lange nicht auf der Liste. Zwar nimmt „Treibland“ pünktlich zu einem spannenden Finale wieder Fahrt auf, aber der Schaden ist angerichtet.

Die perfekte Mischung aus Liebe und Herablassung

Ich persönlich würde, wenn ich gefragt würde, „Treibland“ dennoch als Krimi empfehlen, einfach weil ich die Sprache von Till Raether mag. Er umhüllt seine Figuren mit der perfekten Mischung aus Liebe und Herablassung, die auch scheinbar nebensächliche Dialoge zu eleganten Florettgefechten werden lässt.

 

Tatort: Hamburg

Der Leser wird Hamburg wiedererkennen, wenn er Treibland liest, auch wenn die Handlung im Prinzip in erster Linie auf dem Kreuzfahrtschiff und den Anlegern davor spielt. Die architektonischen Absonderlichkeiten, die sich in der Hafen-City breitmachen, handelt Raether nur in Nebensätzen, aber sehr treffend ab. Insofern ist, und dafür ist man ja immer dankbar, „Treibland“ kein Hamburg-Krimi, sondern ein Krimi, der zufällig in Hamburg spielt und der Hansestadt gerade soviel Aufmerksamkeit zukommen lässt, wie sie als Krimi-Tatort verdient.

Till Raether, Treibland, Rowohlt-Polaris, 495S., 14,99€, VÖ: März 2014

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„Die Frau, die nie fror“ von Elisabeth Elo nutzt den Nordatlantik als Tatort

Es gibt Unwahrscheinliches und es gibt Unwahrscheinlichkeiten. Dass eine junge Frau es überlebt, vier Stunden im sechs Grad Celsius kaltem Atlantik zu treiben, gilt als medizinisch eigentlich unmöglich und ist gerade deshalb eine großartige Idee für einen Krimi. Um nachvollziehen zu können, wie diese junge Frau überhaupt in die missliche Lage im Atlantik geriet, bedarf es einer eher toleranteren Phantasie: Pirio Kasparow, Tochter eines russischen Immigranten, ist Mitinhaberin eines Parfum-Herstellers und aus einer Laune heraus einmal bei einem Freund auf dessen Fischtrawler mit auf die Hohe See gefahren. Gleich am ersten Tag werden sie dabei von einem Schiff gerammt, das ohne Hilfe zu leisten im Nebel verschwindet.

„Die Frau, die nie fror“, ein außergewöhnlicher Kriminalroman

Das klingt doch höchst unglaubwürdig, ist aber Ausgangspunkt für einen außergewöhnlichen Krimi. „Die Frau, die nie fror“ ist das Debüt der  US-Amerikanerin Elisabeth Elo. Seine Faszination entwickelt der Kriminalroman in erster Linie durch die Hauptdarstellerin, um die sich die Handlung immer wilder entwickelt, die sich als wahrhaft interessanter Charakter präsentiert. Überhaupt ist die Figurenzeichnung eine Stärke der Autorin, die dabei allerdings immer wieder auf Wahrscheinlichkeiten pfeift, wenn ihr eine Konstruktion interessant erscheint. Wer das als Leser hinnehmen mag, der wird mit der „Frau, die nie fror“ viel Spaß haben.

Eine hartnäckige Laienermittlerin

Elizabeth Elo hat ihre Protagonisten nämlich nicht nur mit einer außergewöhnlichen Kälte-Unempfindlichkeit, die nebenbei Öffentlichkeit und Militär gleichermaßen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – interessiert, ausgestattet, sondern ihr auch noch eine unnachgiebige Hartnäckigkeit auf den Leib geschrieben: Diese Eigenschaft, die schon seit Jahrzehnten interessante Kommissare und Privatdetektive auszeichnet, schmückt auch eine Laienermittlerin.

Verbrechen und Familiengeheimnisse

Jedenfalls will sich Pirio Kasparow nach dem unfreiwilligen Bad im Atlantik, das ihr Freund nicht überlebte, nicht mit der schnell gefundenen Erklärung, nach der die beiden Opfer eines Unfalls wurden, abfinden und beginnt Fragen zu stellen. Dabei stößt sie schnell auf eine merkwürdige Mauer des Schweigens: Die jedoch spornt Kasparow eher an.  Ganz nebenbei klärt die junge Frau noch das Geheimnis eines verloren gegangenen Parfums, ein Stück Familiengeschichte und einen Umweltskandal auf.

Elisabeth Elo lässt ihre Leser an vielen hübschen Ideen Teil haben

„Die Frau, die nie fror“ ist ein überaus unterhaltsames Stück Kriminalliteratur, weil die Autorin viele schöne und ungewöhnliche Ideen hat, an denen sie ihre Leser teilhaben lässt. Die gelegentlich zu präzise geratenen Schilderungen der Outfits der Beteiligten deutet allerdings darauf hin, dass sich „Die Frau , die nie fror“ möglicherweise eher an eine weibliche Leserschaft richtet. Aber mit zwei oder drei entschlossenen Diagonal-Blicksprüngen über die entsprechenden Passagen wird auch der männliche; modischen Fragen gegenüber eher gleichgültige Leser sein Vergnügen bewahren.

 

Tatort:Neu-England

Elisabeth Elo schickt ihre Protagonistin auf Reisen. Einen konkreten Tatort gibt es, jenseits der Weiten des Nordatlantiks also nicht. Pirio Kasparow lebt in Boston, aber eigentlich fängt die Autorin eher die Atmosphäre der vielen Hafenstädte der Neu-England-Staaten ein. Die Grundstimmung ist eher provinziell-bodenständig als glamourös-metropol. Das passt aber perfekt zum Thema und löst beim Lesen ganz gegensätzliche Stimmungen aus. Der Kriminalroman hat etwas – im positiven Sinne – heimeliges und fremdartig-exotisches zugleich. Und das ist ja auch schon wieder beinahe große Kunst.

Elisabeth Elo, Die Frau, die nie fror, Ullstein, 505 S., 19,99€, VÖ: März 2014

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Maurizio de Giovanni: Das Krokodil. Krimi und Sittengemälde zugleich

Es bedarf nicht viel, um den Ruf eines Menschen zu ruinieren. Eine beiläufige Erwähnung im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität kann auf Sizilien beispielsweise schnell das gesellschaftliche Aus bedeuten. So ging es Inspektor Lojacono, den ein Krimineller beim Verhör zu Unrecht der Bestechlichkeit bezichtigt hatte.  Obgleich sich die Haltlosigkeit der Vorwürfe schnell klären ließ, wurde er von den Vorgesetzten eiligst wegversetzt. Jetzt sitzt der Polizist in Neapel und verbringt kaltgestellt die Tage im Büro mit philosopischen Betrachtungen und Online-Pokerspielen.

Per Zufall ins Zentrum der Ermittlungen

Nur durch einen (aus der Warte seiner Vorgesetzten unglücklichen) Zufall wird er eines Nachts zu einem Tatort gerufen und zieht die richtigen Schlüsse. Das bemerkt später die ermittelnde Staatsanwältin Laura Piras und übergibt Lojacono allen Widerständen zum Trotz die Chance, den Fall zu lösen. Genauer gesagt sind es gleich mehrere Fälle: Irgendjemand zieht durch Neapel und richtet Teenager hin. Da der Täter am Tatort Taschentücher mit Tränenflüssigkeit zurücklässt, erdenkt sich die Presse schnell einen Namen für den Mörder: Das Krokodil. So heißt denn auch der Krimi von Maurizio de Giovanni.

Maurizio de Giovanni überzeugt mit liebevoll gezeichneten Figuren

De Giovanni hat bei seinem Kriminalroman vieles richtig gemacht. Er hat sich einen interessanten, verwickelten und zugleich einigermaßen glaubwürdigen (ein Teil in mir weigert sich trotz regelmäßiger Krimi-Lektüre , die Idee vom Serienmord als „glaubwürdiges“, also als realistisches Szenario wahrzuhaben) Plot erdacht. Seine Handlung stattet er zudem mit liebevoll gezeichneten Figuren aus, denen  man auf ihrem Weg durch die Krimi-Handlung neugierig folgen mag.

Das Krokodil: Düstere Abgründe im Plauderton

Maurizio de Giovanni folgt zudem dem Weg vieler seiner italienischen Kollegen. Er hält seinen Krimi in diesem leicht plaudernden Ton, dessen innere Heiterkeit in einem mindestens interessanten Kontrast zu den Grausamkeiten der Handlung und den sich darin öffnenden Abgründen steht. Diese Leichtigkeit wirkt immer wieder irritierend altmodisch, hat aber seinen ganz besonderen Reiz – auch weil sie sich ganz von der düsteren Schwere sozialkritisch aufgeladener skandinavischer Krimi-Literatur abhebt.

Tatort: Neapel

Letztlich bleibt Maurizio de Giovanni bei seinen Schilderungen Neapels ein wenig im Vagen. Dennoch erfährt der Leser viel über diesen Moloch im Süden Italiens. De Giovanni zeichnet vor allem über die Menschen ein Bild der Stadt, und wenn man dem Autoren glauben darf sind beide nicht besonders Attraktiv. Die Stadt rein äußerlich, die Menschen, die sich offenbar nicht umeinander kümmern eher fehlt, so beschreibt es di Giovanni, in Sachen innere Werte jegliche Attraktivität. Insofern ist Italien-Urlaubern jenseits der gelungenen Krimi-Unterhaltung „Das Krokodil“ auch als bildendes Sittengemälde zu empfehlen.

Maurizio de Giovanni, Das Krokodil, Kindler, 334S, 19,95€, VÖ: 7. März

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Christine Cazons „Mörderische Côte d’Azur“: Ästhetik der fünfziger Jahre

Es gibt, um das Fazit vorweg zu nehmen, zwei Möglichkeiten „Mörderische Côte d’Azur“ von Christine Cazon zu bewerten. Die erste, etwas einfachere Variante lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Ein solider, mäßig spannender, eher durchschnittlicher, aber insgesamt einigermaßen unterhaltsamer Krimi.

Pseudo-authentische Sprachfragmente bei Christine Cazon

Die zweite, offen gestanden einigermaßen ungnädige Einordnung, wäre mit einem knappen „unerträglich“ abgehandelt. Ein solch deutliches Urteil verlangt natürlich eine Begründung. Und die fällt in diesem Fall höchst subjektiv, wenn man so will in erster Linie Stilfragen betreffend, aus. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn Romanfiguren zur Bekräftigung lokaler Zuordnung Dialektfetzen oder in diesem Fall Rudimente fremder Sprachen in den Mund gelegt werden. Tatsächlich aber wird in „Mörderische Côte d’Azur“ dem Leser nicht nur ständig „Bonjour-“ oder „Monsieur“ entgegengeschleudert, sondern immer wieder, in erratischen Abständen auch „n’est ce pas-“ oder „Ah-bon“. Fehlt eigentlich nur noch ein gelegentliches „Oh-la-la“, damit auch der Dümmste begreift: Dieser Krimi spielt in Cannes, und das liegt in Frankreich.

Ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre

Ich finde, Krimis müssen in erster Linie unterhalten. Insofern dürfen sie die Anforderung des Hochfeuilletons an permanenten sprachliche Innovation in der Literatur weitgehend ignorieren, aber ein ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre muss andererseits wirklich auch nicht sein. Letztlich ersetzen diese französischen Fragmente das genaue Hinschauen auf tatsächliche „exotische“ Eigenheiten anderer Kulturen. Insofern verschenkt „Mörderische Côte d’Azur“ permanent Steilvorlagen in den freien Krimi-Raum. Das Stilmittel des Sprachfragment erinnert vielmehr an Karl May und seine Beschreibungen von Regionen, die er nie gesehen hatet. Das passt zu ersten Spekulationen, dass es sich bei Christine Cazon, die laut Klappentext mit „Mann und zwei Katzen in Cannes lebt“ um ein Pseudonym handelt.

Ein Mord bei den Filmfestspielen in Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“

Die Krimi-Idee ist dabei eigentlich nicht schlecht. Kommissar Léon Duval, der sich von Paris nach Cannes hat versetzen lassen, wird noch während seines eigenen Umzuges in den Festspielpalast gerufen. Mitten während einer Filmvorführung wird ein profilierter Regisseur erschossen.  Kommissar Duval, natürlich permanent „Monsieur le Commissaire“ genannt und sein Team begeben sich auf die Suche. Schnell stellen sie fest, dass der gefeierte Dokumentarfilmer gleich mehrere dunkle Flecken in seiner Vergangenheit hat. Duval nimmt sich noch Zeit, gleichzeitig mit seiner Ex-Frau zu schlafen und ausgiebig mit einer  jungen, schönen Journalistin zu flirten, bevor er den Täter überführt.

Tatort:Cannes

Französische Floskeln ersetzen den präzisen Blick. So könnte man die Beschreibung des  Tatort Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“ kurz zusammenfassen. Man weiß nicht, wie gut sich die Autorin sich in der südfranzösischen Stadt auskennt, hat aber dauerhaft das Gefühl mit Stereotypen überhäuft zu werden. Ja, Stau. Ja, einfache kleine Restaurants mit sensationellem Essen. Ja, Touristen. Ja, schicke Yachten im Hafen vor der Promenade. Und ja, natürlich ein Irrsinn während der Filmefestspiele. Das hätte man aber offen gestanden alles auch ohne sich länger als der durchschnittliche frankophile Tourist in der Stadt aufzuhalten, herausgefunden – und aufschreiben können.

Christine Cazon, „Mörderische Côte d’Azur“, Kiwi, 331S., 9,99€, VÖ: Februar 2014

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Chicago als Krimi-Tatort: Sehenswerte Orte und gute Chicago-Krimis

Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter
Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter

 

Aus Sicht des Krimi-Autoren dürfte Chicago den perfekten Schauplatz für perfide Verbrechen geben. Chicago ist groß, Chicago hat eine lange Tradition des organisierten Verbrechens (Al Capone), kaum eine Stadt hat vermutlich eine ähnliche Quote von Politikern und öffentlich Bediensteten mit einer Strafakte (Unter anderen saßen drei Gouverneure im Gefängnis). Kaum eine Stadt bietet aber auch eine derart großartig-spektaluläre Architektur, die die Phantasie beflügelt.

Das fängt im Innenstadtbezirk, dem sogenannten Loop an. Dort stehen silbrig in der Sonne glänzende Bürokomplexe aus Stahl und Glas, Sinnbilder amerikanischer Wirtschaftsmacht. Aber nur eine Ecke weiter, einen Schritt hinter deren glänzende Fassade warten enge, dunkle Wände, buchstäbliche Hochhausschluchten, an deren Fuß kaum einmal ein Sonnenstrahl reicht. Dort dominieren Schmutz und Dunkelheit – auch das natürlich metaphernfähig für die US-amerikanische Gesellschaft.

Zwischen den riesigen Hochhauskolossen ducken, das Wort möchte man trotz der tatsächlichen Größe gebrauchen, die frühen, großzügig verzierten Skyskraper aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch Chicago hätte die Blaupause für Batmans Gotham City bilden können.

Den krimi-tatort-gerechten Eindruck  verstärken die schier endlosen Vorortsiedlungen, die sich am See-Ufer entlang in die Ebene erstrecken. Auch hier massenhaft bürgerliche Fassaden mit schäbigen Hinterhöfen, in denen mit allerlei alten Möbeln vollgestellte Feuertreppen, die Terrassen und Balkone ersetzen sollen, ein eher trauriges Bild des american Way of Life“ zeigen. Perfekt düstere Krimi-Stimmung überall, also.

Hier meine drei Chicago-Orte, die sich unter gleich welchem Gesichtspunkt für einen Besuch lohnen.

 

1. Der Sears-Tower

Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter
Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter

Gut, er heißt nicht mehr so, seit eine Anwaltskanzlei zum Hauptmieter wurde und das Namensrecht gleich mitgepachtet hat. Aber Willis-Tower, tut mir leid, liebe Anwälte, klingt weder gut, noch nach irgendeiner Tradition.  Jedenfalls ist das Gebäude das höchste Chicagos und war mal da höchste Haus der Welt (aktueller Rang: Platz 10).  Jedenfalls gibt es relativ weit oben eine  Aussichtsplattform, von der aus man wirklich einen großartigen Ausblick auf die Stadt und den Lake Michigan hat. Natürlich ist es eine Touristenattraktion, aber eben ein Sehenswerte. Halbwegs höhentaugliche Menschen können sich sogar auf einen vollverglasten Plexiglas-Balkon stellen und auf kleine Bauklötze zwischen den Füßen schauen. Allerdings sind diese Bauklötze selber Hochhäuser von 70-100 Meter Höhe. Der Sears-Tower bietet also einen hübschen Perspektiv-Wechsel

 

2. Die North-Western-University

Die Skyline von Chicago am Lake Michigan
Von der North-Western-University aus ist as Zentrum Cicagos weit. Das hilft beim ungestörten denken und lernen (c) Kanter

Ein gutes Stück entfernt vom Stadtzentrum liegt der Campus der North-Western-University von Chicago. Das Universitätsgelände ist erstens riesig, zweitens direkt am Lake Michigan gelegen und dritten von einer ganz besonderen, aufbruchartigen Aura umgeben. Der Besucher, auch wenn der das studentische Alter weit hinter sich gelassen hat, meint förmlich zu spüren, wie er auf dem Weg zwischen den Fakultätsgebäuden hindurch klüger wird. (vermutlich bleibt es bedauerlicherweise bei dem Gefühl). Es ist aber leicht, sich dort wohl zu fühlen, weil der Campus ein Elfenbeinturm im besten Sinne ist. Dort arbeiten Professoren, die Vergnügen haben, ihr Wissen weiter zu geben und Studenten, die durchdrungen sind von Optimismus und Leistungsbereitschaft und dem Willen auf eine bessere Zukunft. So soll das auch sein. Die Realität kommt mit dem Arbeitsleben schließlich früh genug.

 

3. „Das, wo sie den Picasso haben“

Cook-County-Gebäude in Chicago (c) Kanter
Das Platz vor dem Cook-County-Gebäude in Chicago, bekannt aus dem 80er-Jahre-Klassiker „Blues Brothers (c) Kanter

Kann einen ein kommunales Verwaltungsgebäude in stilles Verzücken versetzen? Ja, es kann. Zumindest in Chicago, wenn der Tourist zufällig auf den Vorplatz des „Cook County-Gebäudes gelangt. Das ist nämlich „das, wo sie den Picasso“ haben“. Den meisten Mitvierzigern besser als das Gebäude bekannt, wo erstens das „Blues-Mobil“ in seine Einzelteile zerfällt und zweitens Joliet Jake und Elwood in einem furiosen Finale von einer irrwitzig großen Zahl von Polizisten, Nationalgardisten und Soldaten festgenommen worden. Damit ist es eine de wichtigsten Pilgerstätte für alle Fans des überdrehten Films „Blues Brothers“, der Anfang der achtziger Jahre zumindest männliche Teen-Ager mit seiner Mischung aus Pennäler-Humor, grotesken Verfolgungsjagden und genialem Soundtrack wiederholt an den Kinosessel fesselte.

Krimis, die in Chicago spielen:

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 1. Februar 2014

John Grisham, Verteidigung, Heyne, 464 S.,September 2012

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Lauren Beukes „Shining Girls“ erfordert einen toleranten Leser

Es gibt Bücher, die erfordern eine grundsätzlich tolerante Leseeinstellung. Wer also beispielsweise mit übersinnlichen Phänomenen nichts anfangen kann, motivationsfreies Handeln im Kriminalroman oder willkürliche Sprünge in der Handlung schwierig findet, der sollte unbedingt seine Finger von Lauren Beukes „Shining Girls“ lassen.

Ein zeitreisender Mörder in „Shining Girls“

Die Südafrikanerin Beukes hat einen Kriminalroman geschrieben, dessen heimlicher Hauptdarsteller ein Haus ist, das Zeitreisen ermöglicht. Das wird nicht erklärt, das ist einfach so. Genau so selbstverständlich nutzt Harper, ein Opfer der großen Depression in den USA Ende der zwanziger Jahre, das Haus für mörderische Ausflüge in die Zukunft. Die sind aus irgendwelchen Gründen aber bis ins Jahr 1993 begrenzt, weiter kommt der Serienmörder nicht, der unerklärt über die Dekaden hinweg kleine Mädchen zu „Shining Girls“ erklärt und ermordet, wenn sie erwachsen geworden sind. Klingt schräg? Ist es auch.

Lauren Beukes hat beinahe die perfekte Protagonistin erdacht

Wer lesend Toleranz aufbringen kann, wird bei „Shining Girls“ dennoch einiges Vergnügen finden. Das liegt an Kirby. Die überlebt als einzige einen Angriff Harpers. Natürlich ist sie traumatisiert, natürlich versucht sie, ihren Angreifer aufzuspüren. Es ist spannend ihr dabei zuzusehen, wie sie Stück für Stück das Puzzle rund um einen wahnsinnigen Serienmörder mit Hilfe eines ausgebrannten Journalisten zusammensetzt. Auch die Verletzbarkeit, der wütende Trotz, mit dem die junge Frau ihrem Schicksal begegnet, ist gut erdacht und  glaubhaft aufgeschrieben. Eine beinahe perfekte Protagonistin

Viele liebevoll erdachte und interessant aufgeschriebene Details

Zu den Stärken von „Shining Girls“ gehört auch das fragmentarische Portrait einer zerrissenen Stadt und seiner immer neuer Verelendung ausgesetzten Stadtviertel.  Hier denkt sich die Autorin, wie auch beim gesamten handelnden Personal, immer wieder interessante Details aus. Allein das macht „Shining Girls“ lesenswert.

Shining Girls: Wohl eher ein Buch für Freunde des Übersinnlichen

Die Frage, ob es sich lohnt, „Shining Girls“ zu lesen, lässt sich also nicht so ohne weiteres beantworten. Krimi-Vielleser sollten es mal versuchen, weil viele hübsche Ideen verborgen sind, wer unerklärte Übersinnliche Phänomene mag, auch. (Und die Zahl scheint ja immer mehr zuzunehmen.) Wer auf analytische Stoffe und bodenständig-realistische Verbrechen Wert legt, der ist bei Beukes jedoch eher falsch. Anders gesagt, insgesamt eher merkwürdig, aber auch mit vielen faszinierenden, fesselnden Passagen.

 

Tatort:Chicago

Die Südafrikanerin Lauren Beukes hat sich für ihr Krimi-Debüt gründlich in der US-Metropole Chicago umgeschaut. Ihre Erkenntnisse sind großzügig in „Shining Girls“ eingeflossen, so dass zumindest der Chicago-Tourist, viele Orte wiedererkennt und eine Art „Heimat“-Gefühl entwickeln kann. Spannend ist auch der Blick in die Geschichte, und die permanente Verelendung, der die Wirtschaftsmetropole über alle Zeitenläufe hinweg ausgesetzt scheint. Gesellschaftlichen Fortschritt scheint es aller Entwicklung zum Trotz in den Elendsvierteln der Stadt nicht zu geben. Beinahe könnte man meinen, die Zeitreisen des Mörders fänden nicht statt.

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 14,99€, VÖ: 1. Februar 2014

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