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Angenehm einfach: Jochen Frechs Hochsommermord

Es gibt einen sehr jungen, sympathischen Kriminalkommissar und eine noch jüngere, mindestens ebenso sympathische Streifenpolizistin. Beide werden, das weiß der Leser, noch bevor die beiden sich das erste Mal begegnet sind, am Ende von „Hochsommermord“ ein Paar sein. Außerdem ist in der Vergangenheit ein schreckliches Unglück passiert, das eine lange Kette von Gewalt und Verbrechen auslösen wird. Auch dieses zu erkennen, bedarf keiner besonderen geistigen Anstrengungen.

Jochen Frech verstößt gegen beinahe alle Regeln moderner Krimis

Eigentlich verstößt Jochen Frech damit gegen alle Regeln, die ein Krimi heute befolgen muss. Zunächst das zeitlose Gesetz, dass ein Kriminalroman überraschen soll, dann die modischen ungeschriebenen Vorgaben, nachdem die Ermittler mindestens merkwürdig, wenigstens jedoch alt, einsam und verbittert sind und  im Idealfall unheilbare Krankheiten oder sonstige Defizite haben. Bei Jochen Frech herrscht trotz eines mutmaßlichen Verbrechens – ein Mädchen verschwindet spurlos – soweit das möglich ist, durchgehend gute Laune, zumindest eine hoffungsvolle Grundstimmung.

Hochsommermord, vorhersehbar, aber höchst unterhaltsam

Und offen gestanden, so einfach, vorhersehbar und schlicht „Hochsommermord“ ist, so viel Spaß macht es, den Krimi, der zwischen Stuttgart und Ulm spielt, aber kein  Regionalkrimi ist, zu lesen. Frech schafft es, seine Geschichte mitreißend aufzuschreiben und hinreichend emotionale „Unebenheiten“ einzubauen, so dass seine sympathische Inszenierung nie oberflächlich-glattgegelt wirkt.

Hochsommermord: Eine angenehmer Abwechslung im Krimi-Wirrwarr

Und ehrlich gesagt, ist es eine sehr angenehme Abwechslung, ausnahmsweise einem einigermaßen normalen Ermittler (der im übrigen dann doch noch sein Trauma mit sich rumschleppt) bei der „Arbeit“ zuzuschauen. Zuvor hatte ich nach wenigen Seiten einen auf Kuba spielenden Krimi, in dem der Ermittler mit Geistern spricht und einen unerträglich atemlosen „Psychothriller“ in Briefform an eine Vermisste nach wenigen Seiten beiseite gelegt. Wer also zugegeben konventionelle, aber unterhaltsame Krimi-Unterhaltung akzeptieren kann (es soll Leute geben, denen steht da die gefühlte intellektuelle Mindestflughöhe im Weg), der wird bei „Hochsommermord“ einige angenehm unterhaltsame Momente erleben.

Moritz Kepplinger und Lea Thomann suchen eine Zehnjährige

Darum geht’s: der Eingangs erwähnte Nachwuchskommissar mit einem Background beim SEK (wie übrigens der  Autor Jochen Frech auch), bekommt an seinem ersten Tag bei der Kriminalpolizei im schönen Göppingen eine Vermisstensache auf den Tisch. Im Prinzip geht es darum, dass Moritz Kepplinger (so heißt der Mann) versucht, das Mädchen zu finden. Hilfe bekommt er von Lea Thomann, jener eingangs erwähnter Streifenpolizistin. Beide müssen feststellen, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Zudem warten weitere Verbrechen.

Die Wunschvorstellungen eines Polizisten

Wenn man etwas kritisieren will, dann entgleitet dem Polizisten (und Polizeiausbilder) Jochen Frech die Schilderung seines „fiktiven“ Kommissariats in Göppingen. Dort sind  alle Beamten, fleißig, intelligent und außerordentlich kollegial. Da war vermutlich der Wunsch der Vater des Gedankens. Das hat der durchschnittliche Leser weder in normalen Bürogemeinschaften noch auf Polizeidienststellen jemals erlebt

Tatort:Göppingen

Jochen Frech hat seinen Krimi in Göppingen angesiedelt, aber dankenswerterweise keinen Regionalkrimi daraus gemacht. Es gibt keinen Dialekt, keine Kauzigkeiten und keine elegischen Ortsbeschreibungen. Der Ort wäre schlicht austauschbar. „Hochsommermord“ könnte in jeder beliebigen deutschen Provinzstadt spielen: Als lokaler Bezugspunkt kommt lediglich die Burg Reußenstein ins Spiel. Aber auch die Ruine hoch über der Stadt ist letztlich austauschbar. Aber das ist wie gesagt kein Makel und auch keine Kritik.

Jochen Frech, Hochsommermord, btb, 318S., 9,99€, VÖ: Januar 2014

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Philip Kerr schreibt mit Böhmisches Blut ein weiteres Bernie-Gunther-Kapitel

Die Krimihandlung? Mehr oder weniger bei Agatha Christie geklaut. Die Bösewichter? Einfach der Geschichte entnommen. Das Prinzip? Schon mehrfach benutzt. Eigentlich müsste man Philip Kerr mindestens der Ideenlosigkeit, wenn nicht eines Plagiats anklagen, so wenig originell scheinen die Elemente, die er in seinem neuesten Kriminalroman um Bernie Gunther verwendet.  Doch dem Schotten sind all diese „Verfehlungen“ nachzusehen, weil er mal wieder einen teuflisch spannenden Krimi geschrieben hat.

Ein neuer Fall für Bernie Gunther

„Böhmisches Blut“ heißt der neueste Fall des Berliner Kriminalkommissars Bernhard Gunther, Wie schon im Vorgänger schickt Kerr seinen Protagonisten mitten in die düsterste Zeit deutscher Geschichte. Gunther ist verstört vom Einsatz an der Ostfront zurück in Berlin. Und als Mitglied der SS war er wohl an den schlimmsten Greueltaten beteiligt. Jetzt verrichtet er wieder, die Deutschen sind laut Kerr nun mal so, pflichtbewusst seinen Dienst im Polizeipräsidium am Alex.

Gunther als Leibwächter eines SS-Generals

Mitten in Morde und andere Missetaten ereilt ihn der Ruf seines Herren nach Prag. Reinhard Heydrich, Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, verlangt nach dem schrulligen Bullen, mit dem er bereits in Frankreich zusammenarbeitete. Heydrich erzählt Gunther nach dessen Ankunft, dass er um sein Leben fürchte. Der Polizist solle während einer Zusammenkunft hochrangiger Nazi-Funktionäre, SS- und Wehrmachtsoffiziere als eine Art Leibwächter auf Heydrich aufpassen.

Böhmisches Blut: Ein Mord bei Prag

Tatsächlich geschieht in dem abgelegenen Schloss bei Prag bald ein Mord. Der Tote, ein Adjutant Heydrichs, wird erschossen in einem abgeschlossenen Raum aufgefunden, von der Waffe fehlt aber jede Spur. Heydrich beauftragt Gunther mit den Ermittlungen. In eine Art Kammerspielsituation versucht Gunther mit Vernehmungen aller Beteiligten die Tat zu rekonstruieren. Er merkt schnell, dass es um mehr geht als einen bloßen Mord an einem Offizier.

Philip Kerr kann es einfach. Er nimmt seinen Leser bei jedem seiner Krimis auf eine enorm spannende Reise mit, deren hohes Tempo den Leser bis zur letzten Seite ins Sofa, in den Sessel, auf dem Stuhl (oder wo auch immer die bevorzugte Leseposition ist) drückt.

Schwerstverbrecher deutscher Geschichte als Darsteller

Die Faszination für die Bernie-Gunther-Reihe erklärt sich nicht nur durch die Erzählkunst Kerrs, nicht nur durch die immer wieder in einem intelligent verwobenen Gespinst, komplexer Handlungsstränge, sondern vermutlich zum guten Teil durch den historischen Rahmen. Vermutlich kann sich nur ein Brite trauen, Heydrich und all die anderen deutschen Schwerstverbrecher an der Menschheit mit einer gewissen Nonchalance als Haupt- und Nebendarsteller unterhaltsamer Kriminalromane auferstehen zu lassen. Aber es ist vermutlich die selber Faszination, die dazu führt, dass die Journalisten auch vom SPIEGEL  (und anderen Publikationen) immer neue „Originaldokumente“ des tausendjährigen Reiches hervorzaubern. Man wartet ja immer noch auf „die Tagebücher des Dackels von Görings Förster“ oder ähnliches.

 Nur kleinerer Ungehorsam gegen das System

Triebfeder für derlei journalistische Anstrengung ist vermutlich (hoffentlich) noch immer der Versuch, das Böse zu verstehen. Kerr hält sich damit nicht wirklich auf. Seine Gratwanderung auf den Klippen über dem Abgrund deutscher Geschichte gelingt, weil er sehr deutlich die düsteren (realen) Figuren, die er auftreten lässt, als Schurken schildert. Sein Bernhard Gunther ist mindestens nach seinen eigenen Kriegserlebnissen mindestens suizidgefährdet. Kerr erlaubt Gunther zudem kleineren Ungehorsam gegen das System, ohne ihn – das wäre dann wohl zu einfach – zum wirklichen Widerstandskämpfer werden zu lassen.

Philip Kerr wird einfacher – aus gutem Grund

Mitten im Krieg bezieht Kerr anders als in den vorherigen Bänden deutlichere Position. Er verzichtet, ebenfalls anders als in vielen vorherigen Gunther-Krimis wie „Mission Walhalla“ auf zeitliche Sprünge und nimmt auch damit seinem Protagonisten einiges an Ambivalenz. Vor und Nachkriegszeit, in die Kerr die meisten Kerr. Krimis angedockt hatte, botem dem Autor bei moralischen Fragen um das „richtige Leben im falschen“, der vielen Krimis seit Raymond Chandler Reiz verleiht, einigen Spielraum. Der Krieg nicht.

Philip Kerr, Böhmisches Blut, Wunderlich, 478S, ??€, VÖ: Januar 2014

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Menschliche Abgründe in Jan Erik Fjells Kälteeinbruch

Wirklich sympathisch ist Anton Brekke nicht. Er denkt großkotzig, hat einen eher zweifelhaften Humor und behandelt Kollegen wie Untergebene gleichermaßen von oben herab. Eigentlich wäre Brekke vergleichsweise unerträglich, wenn er nicht gleichzeitig erstens ein armes Würstchen wäre, dem Frau und Kind davon gelaufen sind und er zweitens ein außergewöhnlich guter Ermittler bei norwegischen Polizei wäre.

Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch

In seinem zweiten Fall, „Kälteeinbruch“ muss sich Brekke, so will es sein Schöpfer, der Schriftsteller Jan-Erik Fjell, wieder mit dem tiefsten Abgründen menschlicher Existenz herumschlagen. Es geht um Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch.

Ein widerspenstiger Handlanger setzt eine Spirale der Gewalt in Gang

Ins Rollen kommt die Geschichte als ein litauischer Handlanger, der als Kurier für ein Verbrecher-Syndikat arbeitet, seine Ware, zwei kleine Jungen, nicht am Ziel abliefern kann. Dem Litauer wächst so etwas wie ein Gewissen und er beschließt, die Kinder anders als von den Auftraggebern befohlen, nicht umzubringen. Das setzt eine Kette aus Gewalt in Gang, die für mehrere Beteiligte tödlich enden soll.

Mord an einem Lehrer in Jan Erik Fjells „Kälteeinbruch“

Gleichzeitig, in einem völlig anderen Fall, rückt Anton Brekke aus, um den Mord an einem Lehrer zu untersuchen. Weshalb der zurückgezogen lebende, unscheinbare Mann ermordet wurde, will sich den Ermittlern zunächst nicht so recht erschließen.

Jan Erik Fjell fügt lässt in „Kälteeinbruch“ wieder intelligent Handlungsstränge parallel nebeneinander herlaufen.  Der Norweger schafft es gleichzeitig komplexe Situationen ablaufen zu lassen und sie dazu noch  mit interessantem Personal zu füllen. Insbesondere die „Nebendarsteller“ sind Fjell gut gelungen

Ein Kommissar, mit dem man nicht recht warm werden will

Die einzige Ausnahme, der einzige Schönheitsfehler wenn man so will, ist tatsächlich der Hauptdarsteller. So richtig will man mit Kommissar Anton Brekke nicht warm werden. Häufig sind ja Menschen mit kleinen Schwächen sympathisch, bei Brekke will sich dieses Gefühl nicht wirklich einstellen. Insofern liest man den Krimi aus Norwegen ein wenig um den Kommissar herum. Das bereitet dem Gesamtvergnügen aber wenig Abbruch, weil „Kälteeinbruch“ die Mindestanforderung an einen Krimi locker über-erfüllt: Er ist spannend. Er hat ein überraschendes Ende. Er unterhält

Tatort:Norwegen

Oslo ist eine Großstadt. Direkt vor den Toren der norwegischen Hauptstadt wird es ländlich, greift die Einsamkeit der dünn besiedelten Natur sich den Raum, und damit auch die Bühne von Jan-Erik Fjells „Kälteeinbruch“. Der Norweger Fjell legt in seinen Krimis meist keinen großen Wert auf szenische Beschreibungen, aber mit wohl dosierten Beschreibungen charakterisiert er die Einsamkeit der abgelegenen Hütte, die Tristesse die sich aus der winterlichen Mischung aus Kälte und Dunkelheit in Skandinavien zusammenbraut, sehr treffend: Dabei ist es vergleichsweise gleichgültig, ober er nur Klischees bedient oder die Wirklichkeit beschreibt. Für seinen Krimi funktioniert es. Und darauf kommt es an.

Jan Erik Fjell, Kälteeinbruch, Rowohlt, 554S, 9,99€, VÖ: Dezember 2013

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Monica Kristensen zeigt „in manchen Nächten“ die Kälte Spitzbergens

Es gibt Tage, da macht es besonders viel Spaß, Bücher über unwirtliche, eiskalte Wintergegenden zu lesen. Dunkle mitteleuropäische Herbst- und Winterabende gehören definitiv dazu. Und wenn es darum so richtig ungemütlich sein, gibt es wohl kaum einen passenderen Ort als den Tatort von „in manchen Nächten“.

Krimi auf Spitzbergen: „In manchen Nächten“

Die Norwegerin Monica Kristensen hat ihren neuen Krimi nach Spitzbergen verlegt, genauer gesagt, geschehen in Barentsburg, der russischen Enklave auf Spitzbergen Mord und Totschlag: Sehr zum Leid von Knut Fjeld, Polizist im Dienste des norwegischen Regierungsbevollmächtigten: Eigentlich möchte der Mann nur in Ruhe seinen Kater, einen von vielen in einer langen Reihe von durchzechten Nächten, auskurieren, da erreicht ihn der Einsatzbefehl.

Ein Mord in Barentsburg

Widerwillig macht sich der Mann nach Barentsburg auf, wo er einen Arbeitsunfall untersuchen soll. Fjeld macht in der russischen Enklave zwei Feststellungen: Erstens: Der Tote starb nicht nach einem Unfall. Zweitens durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hängt er selber länger als erhofft in Barentsburg fest.

Ein Bergwerksort als Hauptdarsteller im Kriminalroman

Der kleine Ort im hohen Norden wird schnell zum heimlichen Hauptdarsteller bei Monica Kristensen. In der einstmals blühenden, heute herunter gekommenen Bergbausiedlung scheinen die Uhren in sowjetischen Zeiten stehen geblieben zu sein. Diese ganze Tristesse des Ortes, die Hoffnungslosigkeit der Einwohner beschreibt Kristensen, die einst selber auf Spitzbergen lebte, außerordentlich glaubwürdig und sehr unterhaltsam. Die Krimi-Handlung gerät da beinahe in den Hintergrund, erfüllt aber mit hinreichend vielen Verdächtigen und falschen Fährten ebenfalls alle Anforderungen, die ein Leser an einen Krimi stellt.

Unentrinnbare Einsamkeit als bestes Stilmittel

Die dunklen Tag, die eiskalten Nächte, die unentrinnbare Einsamkeit sind dennoch die größten Stärken des Krimis. Hier liegen vermutlich die Stärken der Polarforscherin und Glaziologin Monica Kristensen, die mehrere Expeditionen ins ewige Eis leitete. Die Beschreibungen der lebensfeindlichen Umwelt bremsen das Tempo, auch sprachlich bleibt „In manchen Nächten“ nicht nachhaltig in Erinnerung. Insgesamt macht der zweite Krimi der Norwegerin aber insbesondere an den eingangs genannten dunkelkalten Tagen viel Spaß.

Tatort:Spitzbergen

Es gibt zwei nennenswerte Städte auf Spitzbergen, Longyearbyen und Barentsburg. Erstere ist norwegisch, wie auch die Inselgruppe, letztere russisch. Beide Städte sind nur etwa 60 Kilometer voneinander entfernt. Eine Straßenverbindung gibt es dennoch nicht. Schiff, Helikopter oder (im Winter) Schneemobil sind die einzigen Möglichkeiten zum Austausch. Fehlt noch der Hinweis: Der Begriff Stadt wird beiden Orten nicht gerecht. In Barentsburg leben heute noch etwa knapp 500 Menschen. Seit dem Niedergang des Bergbaus, vermutlich der einzige Grund, dass im 19. Jahrhundert überhaupt Menschen in die unwirtliche Ödnis gezogen sind, leben die verbliebenen Inselbewohner vom Tourismus. Wer einen Trip auf die Insel überlegt, sollte wissen, dass es dort weder Straßen noch Wanderwege gibt. Auch das Tragen einer großkalibrigen Waffe ist wegen der Eisbären Pflicht. Allerdings muss man, so die Gesetzeslage, erst versuchen, die Raubtiere pazifistisch zu verscheuchen, bevor man ausschließlich in Notwehr schießt. Viel Glück dabei. Die ganze Atmosphäre rund um Eis, Schnee und Bären fängt die ortskundige Monica Kristensen, wie bereits gesagt, sehr gut ein.

Monica Kristensen, In manchen Nächten, btb, 350S., 9,99€, VÖ: November 2013

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Thomas Engers „Verleumdet“ bietet intelligent verwobene Handlungsstränge

Ein einziges Fax reicht aus, um eine Existenz zu zerstören. Insbesondere, wenn die betroffene Person im Scheinwerferlicht des offenen Interesses steht. In diesem Fall hat es irgendjemand auf die norwegische Justizministerin abgesehen. Diese soll, so schreibt es die anonyme Quelle, auf einem Parteitag einen Mitarbeiter sexuell missbraucht haben. Es beginnt das für unsere Mediengesellschaft typische Rennen um immer neue schmutzige Details im Leben der Politikerin.

Perfider Angriff auf eine Politikerin in Norwegen

Die Ministerin selber kann sich nicht verteidigen. Zwar ist an den Anschuldigungen gegen Trine Juul nichts dran, aber sie kann ihr Alibi aus sehr persönlichen Gründen nicht offenlegen – und so taucht sie erst einmal unter. Auch ihr Bruder Henning Juul kann sich zunächst erreichen. Spätestens jetzt könnte dem regelmäßigen Leser skandinavischer Krimis ein Name bekannt vorkommen.

Thomas Enger: „Verleumdet“

Henning Juul ist das Geschöpf des norwegischen Autors Thomas Enger, der seinen Online-Journalisten nach seinem Debüt in „Sterblich“ und „Vergiftet“ jetzt zum dritten Mal ermitteln lässt. „Verleumdet“ heißt, passend zum Schicksal der Justizministerin der zweite Band.

Mord im Altenheim

Eigentlich hat Henning Juul genug zu tun. In einem Altenheim wird eine greise Bewohnerin auf bestialische Weise ermordet und verstümmelt. Der findige Juul arbeitet sich schnell einen Wissensvorsprung heraus und geht damit sowohl Kollegen wie Polizisten gehörig auf die Nerven. So richtig kann sich Juul, obwohl rasch ein weiterer Mord geschieht, jedoch nicht auf den Fall konzentrieren. Er versucht natürlich seiner Schwester zu helfen und beschäftigt sich gleichzeitig noch mit seiner eigenen Vergangenheit. Sei Sohn kam vo Jahren bei einem Brand ums Leben, und der Journalist vermutet – vermutlich zu Recht – das hinter dem Brand mehr steckt, als die Ermittler ihm verrieten.

Thomas Enger schreibt Krimi und Familien-Drama zugleich

„Verleumdet“ macht vor allem wegen der verschiedenen, intelligent verwobenen Handlungsstränge und der damit verbundenen Perspektivwechsel Spaß. Thomas Enger schafft den Spagat, eine spannende Krimi-Handlung mit einer zunehmen an die Oberfläche drängenden Familien-Saga zu verbinden. Wer also die oft sehr persönlich werdenden skandinavischen Kriminalromane mag, der wird auch „Verleumdet“ als guten Krimi schätzen. Einen Schönheitsfehler gibt es, wenn man so will auch: Krimis werden heute, vermutlich wegen der Vermarktbarkeit und für die Umsetzung im Fernsehen (was ja beinahe dasselbe ist) zunehmend als Serien geschaffen. Das hat seinen Reiz, weil die Fortsetzung und die Beantwortung spannender Fragen wartet, das entwertet das Genre aber auch, weil die einzelnen Folgen wegen zunehmender Cliffhanger-Techniken ihre Eigenständigkeit verlieren.

Tatort:Norwegen

Schauplatz der Juul-Krimis ist Oslo, aber Thomas Enger lässt seine Protagonisten reisen. Interessanter als die Hauptstadt und ihre offenbar eher sterilen Vororte wird die Provinz. Dem Leben in den einsamen Hütten an Meer und in den Bergen widmet sich der Norweger jedenfalls mit deutlich mehr Liebe zum Detail. Auch das dürfte beim deutschen Leser mit seinem kaum zähmbaren Hang zur romantisierten Natur entgegenkommen.

Thomas Enger, Verleumdet, Blanvalet, 382S, 14,99€, VÖ: 11.November 2013

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Jesper Stein bringt „Unruhe“ nach Kopenhagen

Manchmal sind die alten Ideen doch die Besten. Das gilt sogar für Figuren in Kriminalromanen. Axel Stehen jedenfalls hat viele Vorbilder. Er ist ein verbissener Cop, der mit seinen Ermittlungsmethoden und seiner gnadenlosen Hartnäckigkeit bei seinen Vorgesetzten aneckt und deshalb immer kurz vor dem Rauswurf steht. Natürlich hat ihn seine Frau verlassen, natürlich, das hat sich im 21. Jahrhundert den aktuellen gesellschaftlichen Bild im Vergleich zu den frühen Vertretern des Genres geändert, ist er dennoch ein treusorgender Vater, der seine Tochter viel zu selten sieht.
Der Däne Jesper Stein hat sich die Figur Axel Steen für „Unruhe“ erdacht. Und um es gleich zu sagen: Die Figur funktioniert – trotz oder vielleicht gerade wegen der mangelnden Originalität. Es macht außerordentlich viel Spaß dem Polizisten bei seinen Ermittlungen in Kopenhagen zu folgen.

Ein Mord am Rande von Demonstrationen in Kopenhagen

Steen ist, auch das gehört zum Image, vermutlich der einzige Cop von Kopenhagen, der in einem alternativen Wohnbezirk lebt. So ist er jedenfalls schnell zur Stelle, als bei Unruhen anlässlich der Räumung eines Jugendzentrums ein Toter gefunden wird. Mitten im Trubel der Demonstrationen hat ein Unbekannter auf einem Friedhofsgelände einen Mann ermordet.

Kommissar Steen stellt unbequeme Fragen

Der Fall erhält sehr schnell Brisanz. Das Opfer ist dem ersten Anschein nach ein Autonomer. Der Täter, auch dieser Verdacht steht im Raum, könnte aus den Reihen der Polizei stammen. Tatsächlich stößt Kommissar Steen bei seinen Ermittlungen auf zahlreiche Ungereimtheiten, auch bei seinen eigenen Kollegen. Keine Frage, dass sich der Polizist, der im übrigen von ständiger Todesangst und permanenten Sexträumen (das lass ich mal unkommentiert) geplagt wird, sich trotz zahlreicher Einschüchterungsversuche nicht abhalten lässt, unbequeme Fragen zu stellen. Fragen, deren Antworten tatsächlich auf einen mittelgroßen Polizeiskandal hindeuten.

Ein gelungenes Debüt von Jesper Stein

Jesper Stein, Journalist und Kriminalreporter, hat ein durchweg gelungenes Debüt hingelegt. „Unruhe“ ist schnörkellos und spannend erzählt, das Szenario düster, der Gesellschaftsentwurf angemessen pessimistisch. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi, zumal für einen der aus dem skandinavischen Raum kommt. Wer Serien mag, der sei darauf hingewiesen, dass der Band den Untertitel „Der erste Fall für Kommissar Steen“ trägt. Fortsetzung dürften also folgen.

Tatort: Kopenhagen

Das Kopenhagen von Axel Steen wird von Unruhen erschüttert, die alternative Szene begehrt gegen brutale Polizisten auf. Es kommt zu Straßenschlachten, in deren Schatten allerlei finstere Gestalten ihre kriminelle Energie ausleben. Das aus mitteleuropäischer Sicht eher beschauliche Kopenhagen wird hier zu düster-bedrohlichen Kulisse, dessen Straßen von Banden und Verbrechern kontrolliert werden. Das mag man kaum glauben, aber das funktioniert in „Unruhe“ außerordentlich prächtig. Wer also einen anderen, kälteren Blick auf die dänische Hauptstadt werfen will, sollte bei Jesper Stein auch aus bildungsbürgerlichen Aspekten nachlesen.
Jesper Stein, Unruhe, KiWi, 476S, 12,99€, VÖ: 7. November 2013

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Karin Slaughters „Harter Schnitt“ ist Thriller und Familiendrama zugleich

Als Karin Slaughter vor mittlerweile einen Dutzend Jahren ihren ersten Thriller veröffentlichte, hob sie das Gruselniveau im Mainstream-Thriller noch einmal deutlich hoch. Ihre Figuren waren noch einmal eine Nuance „fertiger“, die Abgründe noch eine Spur tiefer als in den vergleichbaren Kriminalromanen jener Zeit.  Slaughter leistete sich sogar den Luxus ihren Sympathieträger nach mehreren Bänden umbringen zu lassen.

Neue Dramen für alte Bekannte

Mittlerweile irren die überlebenden Protagonisten seit über zwölf Jahren durch die Verbrecherwelt der amerikanischen Provinz und sind alte Bekannte. Was liegt da also näher, als einen Familienroman zu schreiben. Genau das ist „Harter Schnitt“, der jüngste Roman der US-Amerikanerin, die bislang beinahe jedes Jahr eine Neuerscheinung auf den Markt gebracht hat.

Geiselnahme und Familiendrama in „Harter Schnitt“

Die Polizistin Faith Mitchell muss am Ende einer Fortbildung feststellen, dass Unbekannte ihre Mutter, die ihrerseits eins Polizistin in Atlanta war, entführt haben. Jedenfalls findet sie zuhause ihr Kind eingesperrt in der Garage und in der Wohnung zwei bewaffnete Männer, die einen Schusswechsel mit der wütenden Polizistin nicht überleben sollen. Gemeinsam mit ihrem Ex-Partner Will Trent und der Kinderärztin (und Nebenerwerbs-Pathologin) Sarah Linton – eine Gründungsfigur von Slaughter – beginnt die junge Mutter zu ermitteln. Schnell wird deutlich, dass es nicht nur um eine bloßen Entführungsfall geht. Mitchell muss sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und einigen dunkleren Kapiteln im Leben ihrer Mutter auseinandersetzen.

Karin Slaughter inszeniert die Krimi-Themen variantenreich

Karin Slaughter inszeniert ihre Thriller routiniert. Sie schreibt gleichermaßen schnörkellos wie spannend und findet immer wieder interessante Variationen der im Kriminalroman verwendeten Grundthemen Gier, Hass, Eifersucht und kranke Mordsucht. Eine, wenn man so will, strukturelle Konzeption hilft dabei, dass Slaughters Bücher trotz des kurzen Produktionszyklus interessant bleiben:  Die frühe Entscheidung, einen ganzen Satz von Protagonisten und Handlungsorten zu verwenden – und dabei noch regelmäßig die Perspektiven zu wechseln, hilft enorm dabei, Abnutzungserscheinungen, wie man sie bei anderen lang laufenden Serien gelegentlich beobachtet zu vermeiden. Insofern fehlt „Harter Schnitt“ vielleicht der Reiz des Neuen und die ganz große Überraschung, aber insgesamt ist Karin Slaughters neuester Krimi wieder spannende, grundsolide Thriller-Unterhaltung.

Tatort:Atlanta

Die Hauptstadt de Bundesstaates Georgia steht notorisch im Ruf einer eher gesichtslosen Stadt. Sie hat einen großen Flughafen, der eines der größeren Drehkreuze der USA ist und ist Sitz zahlreicher Konzerne von Weltrang – Coca Cola,  UPS und CNN beispielsweise. Viel mehr fällt den meisten Menschen nicht ein, viel mehr verrät auch Karin Slaughter nicht über ihren Tatort im Süden der USA. Sie beschreibt auch eher das Leben im weichen Unterbauch der Gesellschaft, die austauschbar scheinenden Suburbs der Mittelschicht und die Wohnviertel der Unterprivilegierten. Ein Mangel ist das natürlich nicht, ein guter Krimi braucht kein spezifisches Lokalkolorit und Slaughters Stoffe sind ja auch eher als leicht verdauliche Unterhaltung angelegt und weniger als sozialkritische Studien. Dennoch bekommt man, sozusagen im vorübergehen, einiges über den amerikanischen Weg, das Leben zu gestalten, mit.

Karin Slaughter, Harter Schnitt, Blanvalet, 509S., 19,99€ VÖ: 26. August 2013


oder als E-Book: Harter Schnitt: Thriller

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Neue Autorin: Karen Sander erzählt spannend aber vorhersehbar

Irgendein Irrer hat etwas gegen Transsexuelle. Jedenfalls wird in Düsseldorf eine Frauenleiche gefunden, bei der die Rechtsmedizin während der Obduktion herausfindet, dass die Frau ursprünglich ein Mann war. Da es nicht die einzige übel zugerichtete derartige Leiche bleibt, entschließt sich Kriminalkommissar Georg Stadler eine Psychologin als Beraterin hinzu zu ziehen. Diese, eine sehr junge, aber schon sehr profilierte Wissenschaftlerin, hat aber ganz andere Probleme. Irgendjemand schickt ihr anonyme Briefe, wühlt in ihrer Vergangenheit und tötet kaltblütig ihren wissenschaftlichen Mitarbeiter. Dennoch entscheidet sich Liz Montario, dem Kommissar bei der Suche nach dem mutmaßlichen Serienmörder zu helfen. Von da an beginnt eine Spirale aus weiteren Toten und einer wachsenden Bedrohung für die Psychologin.

Krimi-Serienauftakt: „Schwesterlein komm stirb mit mir“

„Schwesterlein, komm stirb mit mir“ heißt der Roman, für den sich Karen Sander den Plot erdacht hat: Es soll der Auftakt zu einer ganzen Serie von Kriminalromanen um das ungleiche Duo aus dem Rheinland werden. Der Auftakt ist kurz gesagt, schon mal ganz in Ordnung, mehr aber auch nicht.

Karen Sander schreibt spannend, aber viel zu gradlinig

Die im Rheinland lebende Karen Sander versteht es, ihren Plot mit hinreichend Geschwindigkeit voranzutreiben, so dass „Schwesterlein, komm stirb mir mir“ als Spannungslektüre hier die Anforderungen eines Thrillers erfüllt. Insgesamt ist die Geschichte jedoch deutlich zu gradlinig, alle Wendungen sind vor allem weitgehend vorhersehbar, insbesondere die Leser, die von ihren Autoren auf eine falsche Färte gelockt, beziehungsweise als Hobby-Kommissare das Ende miträtseln wollen, werden enttäuscht. Halbwegs regelmäßige Krimi-Leser können alle Wendungen relativ präzise vorhersagen. Das kann Absicht sein, wenn der Leser zum „Komplizen“ des Täters werden soll – und der Reiz darin besteht, dem Kommissar beim mehr oder weniger orientierungslosen Ermitteln zuzusehen. So war das aber bei „Schwesterlein, komm stirb mit mir“ vermutlich nicht gemeint.

Interessantes, aber insgesamt eindimensionales Personal

Auch beim Personal fällt die Bewertung von Karen Sanders Debüt eher zwiespältig aus. Ja, den Protagonisten kann man folgen, sie sind von der Grundidee interessant und sympathisch, warum aber muss die Psychologin, die wenn ich richtig gelesen habe, den 30. Geburtstag noch vor sich hat, nicht nur bereits als Dozentin an der Universität arbeiten, dabei noch wahnsinnig gut aussehen und dabei gleichzeitig noch irre patent und unkompliziert sein. Das ist, sagen wir mal, eher unglaubwürdig. Es ist aber vor allem, wenn man fiktiven Personen immer etwas mehr Qualitäten zubilligt als real existierenden Menschen, eindimensional. Richtige Tiefe haben weder Liz Montario noch der alternde Weiberheld Georg Stadler. Aber auch die Motivation des Täters, was ja – als Psychogramm eines „Monsters“ – auch möglich gewesen wäre, wird eher oberflächlich abgehandelt. Insofern hinterlässt „Schwesterlein, komm stirb mit mir“ nach insgesamt unterhaltsamen Stunden, keinen besonders tiefen Eindruck.

Tatort:Düsseldorf

Dass „Schwesterlein, komm stirb mir mir“ in Düsseldorf spielt, erfährt der Leser eigentlich nur am Rande. Die Stadt bleibt austauschbar. Das ist aber für einen Kriminalroman, der sich von der Flut der Regionalkrimis abheben will auch völlig in Ordnung. Das hält ja beispielsweise Ursula Poznanski in ihren in Salzburg angesiedelten Krimis ähnlich. Wegen dieser bewussten Entscheidung erfährt man eben nur nichts über den „Tatort:Düsseldorf“.

Karen Sander, Schwesterlein, komm stirb mit mir, Rowohlt, 399S., 9,99€. VÖ: August 2013

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„Die Totentänzerin“: Max Bentows Kommissar ist mittlerweile ein alter Bekannter

Irgendjemand in Berlin hat etwas gegen Liebespaare, insbesondere dann, wenn der Mann deutlich älter ist als die Frau. Jedenfalls wird Kriminalkommissar Nils Trojan von Tatort zu Tatort getrieben. Immer wieder findet er dort ermordete Paare, sorgfältig wie zum Liebesspiel drapiert. Nur, dass den Männern der Schädel eingeschlagen wurden und die Frauen einen langsamen, qualvollen Tod starben.

Max Bentow zieht in „die Totentänzerin“ eine blutige Spur durch Berlin

„Die Totentänzerin“ heißt der dritte Fall von Max Bentow. Wie bei „der Federmann“ und „die „Puppenmacherin“ geht es wieder hoch her in Berlin. Eine dicke Blutspur zieht sich durch die Stadt. Dieses Mal scheint sie sogar im Kommissariat von Nils Trojan zu enden. Die Frau seines Chefs jedenfalls, verhält sich außerordentlich merkwürdig, hat wiederholt Erinnerungslücken und lässt sich spielend mit den Tatorten in Verbindung bringen. Aber ist sie auch eine Mörderin? Trojan und sein Team ermitteln – und geraten bald selber in Gefahr.

Spannend geschrieben, unterhaltsam trotz insgesamt blassen Personals

Mit dem dritten Band präsentiert Max Bentow mittlerweile beinahe einen alten Bekannten. Die Thriller des unter Pseudonym schreibenden Schauspielers bleiben dabei zwiespältig. Die Handlung wird mit höchster Geschwindigkeit vorangetrieben, das sorgt für Spannung und hält den Leser bei der Stange. Dabei hilft auch Bentows klare, einfache, dabei aber nicht simple Sprache.  Mir persönlich fehlt aber bei der Begründung für den Plot, bei der Psychologie, wenn man so will, der Tiefgang. Der gehört aber bei einem Krimi, der sich Psychothriller nennt, dazu. Auch bleiben die Figuren, die „die Totentänzerin“ bevölkern weiter blass. Bentow variiert die Konturen, die er seinen Darstellern bei seinem Debüt „der Federmann“ verlieh, nur minimal, er setzt nur zwei (Therapeutin/Freundin und Tochter) Seitenstränge fort.

Guter Krimi-Stoff für einen Sofa-Nachmittag

Mit dem handelnden Personal bleibt aber auch „die Totentänzerin“ insgesamt leicht oberflächlich. Als leichte Sonntagnachmittagslektüre für die beginnenden nasskalten Herbsttage ist der Krimi dabei dennoch gut geeignet. Gut lesbar, schnell konsumierbar, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Für einen Nachmittag auf dem Sofa ist das, ähnlich einem ordentlichen Hollywood-Actionfilm, völlig in Ordnung.

Max Bentow, Die Totentänzerin, Page&Turner, 379S., 14,99€ VÖ: 2. September 2013

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Brasilien-Krimi: Edney Silvestre über den hauchdünnen Firnis der Zivilisation

Was machen Jungs so, wenn sie im pubertären Alter sind? Meistens dummes Zeug. Es ist also ganz normal, wenn sich zwei Zwölfjährige mitten am helllichten Tage aufmachen, und zu Gunsten eines faulen Tages am See die Schule schwänzen.  Man weiß ja aber auch, so etwas nur in den seltensten Fällen gut ausgehen kann. Das gilt natürlich auch für Eduardo und Paulo, die sich die kleine Auszeit gönnen. Bei ihrem Badeausflug finden die beiden eine Frauenleiche, brutal ermordet und offenkundig sorgfältig drapiert.

Ein merkwürdiges Gespann ermittelt in „der letzte Tag der Unschuld“

Die Polizei vermutet ohne zu zögern den Mann als Täter, war seine Frau doch deutlich jünger und in der Stadt als vielfache Ehebrecherin verschrieen. Eduardo und Paolo, von einer Überdosis Spannungsliteratur und billigen Filmen getrieben, ziehen das in Zweifel und beginnen zu ermitteln. Hilfe bekommen sie vom greisen Ubiratan, der seinerseits ein Interesse an der Toten hat.  Die drei bilden fortan ein merkwürdiges Gespann. Es entwickelt sich beinahe so etwas wie eine Freundschaft.

Edney Silvestre zeichnet ein düsteres Bild Brasiliens

Der brasilianische Journalist Edney Silvestre hat sich den Plot für seinen Roman „Der Letzte Tag der Unschuld“ erdacht und den Fall in das Brasilien der frühen sechziger Jahre verlegt.  Nur formal handelt es sich um einen Kriminalroman, eigentlich aber zeichnet Silvestre ein düsteres Bild seiner Heimat. Er weicht bewusst in die Zeit der Diktaturen zurück, als Oligarchen über die Menschen herrschten, die so gerade eben juristisch nicht mehr Besitz sein durften, es tatsächlich  faktisch aber immer noch wahren.

Prädemokratische Strukturen in der brasilianischen Provinz

Die kleine, wirtschaftlich gleichwohl expandierende Stadt am Ufer des Amazonas wird, so beschreibt es Silvestre von einer Oberschicht regiert, in der Klerus, Wirtschaft und Politik eine unheilige Allianz eingingen und das Leben bis ins Klassenzimmer eines Zwölfjährigen hinein bestimmten. Inwieweit Silvestre bei den von ihm skizzierten prädemokratisch-menschenfeindlichen Strukturen Parallelen in die Gegenwart zieht, bleibt der Interpretation überlassen.

Für Eduardo, Paulo und Ubiratan jedenfalls sollen ihre Versuche, die Morde aufzuklären, nicht folgenlos bleiben. Immerhin merken sie schnell, das Opfer und Täter nicht immer so  leicht zu identifizieren sind, wie es in Büchern und Filmen scheint.

„Das Ende der Unschuld“, oft eher verstörend als unterhaltsam

„Das Ende der Unschuld“ ist ein ungewöhnlicher Kriminalroman. Silvestre fesselt weniger wegen einer spannend vorangetriebenen Kriminalgeschichte, sondern eher wegen der Abgründe einer rohen Gesellschaft, die er mit einer gnadenlosen Genauigkeit herausarbeitet. Oft eher verstörend als unterhaltsam (aber gerade deshalb auch lesenswert) zeigt der Brasilianer wie dünn der Firnis der Zivilisation wirklich ist, der die Bestie Mensch bändigt – und wie nahe die Zeiten noch sind, auf die insbesondere die verwöhnten Mitteleuropäer mit durch nur wenig Leistung gerechtfertigten Snobismus zurückblicken.

 

Tatort: Brasilien

Edney Silvestre hat seinen Roman in eine fiktive Stadt am Amazonas und überdies in die Vergangenheit verlegt. Viel über den Tatort selber, die Stadt erfährt man vordergründig nicht, aber über ein Land, dass sich mühsam Diktatoren und Oligarchen entledigen musste, so einiges. Insofern bietet „Der letzte Tag der Unschuld“ ein gerütteltes Maß an politischer Landeskunde. Bei zahlreichen Querverweisen und Rückblenden in Zeiten, in denen Folter und Mord Mittel der „politischen Willensbildung“ waren, verlangt Silvestre allerdings einiges Wissen um lateinamerikanische Geschichte. Wer sich darauf einlässt, kann aber seinen Horizont deutlich erweitern. Ein Krimi der das leistet, kann so schlecht nicht sein.

Edney Silvestre, Der letzte Tag der Unschuld, Limes, 345 S., 19,99€,
VÖ: 26. August 2013