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Herrlich durchgeknallt: Christopher Brookmyres „die hohe Kunst des Bankraubs“

Angelique de Xavia lebt in einer völlig falschen Welt, so scheint es. Sie hat die falsche Hautfarbe, mag den falschen Fußballverein, hat möglicherweise den falschen Beruf, und sie mag definitiv die falschen Männer. De Xavia wurde zusammen mit ihren Eltern vom Schlächter und Diktator Idi Amin aus Uganda vertrieben, landete als Schwarze in Glasgow, feuert in einem Akt von postjugendlicher Rebellion die Rangers an, ist Polizistin und verguckt sich in einen Bankräuber, aber davon später mehr.

Das Robin-Hood-Thema fürs 21. Jahrhundert neu erzählt

Der Brite Christopher Brookmyre hat sich für seinen Roman „Die hohe Kunst des Bankraubes“ einen komplett versponnenen Plot ausgedacht, der beinahe märchenhafte Züge trägt, mindestens aber ein gutes Stück des immer wieder mitreißenden Robin-Hood-Themas, eingepackt allerdings in eine deutlich weniger selbstlose moderne Räuberpistole – und aufgeschrieben mit den direkten, gelegentlich harten Worten des 21. Jahrhunderts.

Vor allem mit dem ersten Drittel seines Kriminalromans hat mich Brookmyre begeistert. Mit viel Liebe fürs Detail beschreibt er einen wahrhaft durchgeknallten Bankraub, in dem fünf Männer als Clowns verkleidet eine Bank stürmen, bewusst eine Geiselsituation in Kauf nehmen und bei ihrem Beutezug alle, insbesondere die Polizei an der Nase herumführen. Zwischendurch unterhalten die Bankräuber ihre Geiseln noch mit Bilderrätseln und einer Theaterinszenierung.

Christoher Brookmyre zeigt viel Liebe auch für Randaspekte

Das gesamte Szenario beschreibt Christopher Brookmyre überaus unterhaltsam, mit vielen Seitenhieben auf Ermittler und Behörden. Der Brite nimmt sich dabei viel Zeit für das Detail, füllt auch Nebenfigur mit viel Leben.

Von der Groteske zur Romanze und zurück

Nach einem furiosen Auftakt wird „Die hohe Kunst des Bankraubes“ im weiteren Verlauf aber „normaler“, Brookmyre löst sich aus der ironisch-satirischen Distanz und kommt seinen Figuren näher, insbesondere Angelique de Xavia und ihren Gegenspieler, dem Anführer der Bankräuber. Der legt sie nämlich aufs Kreuz, als die Sonderermittlerin die belagerte Bank für die Polizei ausspähen soll. Brookmyre widmet ausführlich der zarten Romanze, die im Eiltempo – wie sagt man so schön – zur leidenschaftlichen Affäre auswächst. Dabei erzählt er breit die Biographien seiner Protagonisten, gibt die Distanz zu seinen Figuren auf.. Das erhöht die emotionale Nähe, schlägt aber aufs Tempo und nimmt den Zauber des Durchgeknallten. Insgesamt bleibt die Glasgower Räubergeschichte trotz dieses „strukturellen Wandels“ durchgehend auf hohem Niveau unterhaltsam: Das liegt auch an dem knapp abgehandelten, aber nichtsdestotrotz furiosem Finale.

Tatort:Glasgow

Über weite Strecken ist „die hohe Kunst des Bankraubes“ ein Kammerspiel, angesiedelt in einem Bankgebäude. Christopher Brookmyre schafft es aber, seinem Leser mit dem ihm eigenen Blick aufs Detail die ganze Geschichte einer einstmals prächtigen, sich nur langsam vom jahrzehntelangen Niedergang erholenden und bis heute zerrissenen Stadt Nahe zu bringen. Allein der für Außenstehende schwer nachvollziehbare (und vergnüglich aufgeschriebene) Konflikt zischen den Fußballfans von Celtic und den Rangers, an denen die unsichtbaren, aber schier unüberwindlichen Grenzen innerhalb der Stadt nachziehen lassen, sagt beinahe alles über die schottische Industriestadt. Brookmyre erwartet hier allerdings einiges kulturelles Vorwissen, beschreibt die Stadt dafür ohne große Absicht besser als mancher Reiseführer.

Christopher Brookmyre, die hohe Kunst des Bankraubes, Galiani, 381 S. 14,99€, VÖ: August 2013
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Xavier Kieffer, Tom Hillenbrands ermittelnder Koch, deckt eine Verschwörung auf

Die Ermittlerszene in der Kriminalliteratur ist vielfältig, Seit kurzem gibt es auch einen Koch mit Spürsinn. Xavier Kieffer heißt der Mann und ermittelt – wenn er nicht gerade in seinem Restaurant am Fuße des Berges hochwertige Hausmannskost zubereitet, im beschaulichen Luxemburg.

Lästige mundartliche Einsprengsel, spannender Krimi

„Letzte Ernte“ heißt der mittlerweile dritte Kriminalroman von Tom Hillenbrand. Das Ergebnis der Schreibarbeit des ehemaligen Spiegel-Online-Journalisten ist zwiespältig. Insbesondere der Beginn hat mich genervt, wobei dem Krimi zugestanden werden muss, dass es Geschmackssache ist: Ich jedoch kann mundartliche Einsprengsel in der Literatur, die auf eine merkwürdige Art regionale Einbettung verstärken soll, nur ganz selten ertragen. Insofern war ich – durch ein Überangebot von eitlen TV-Köchen kulinarischen Beschreibungen nicht eben gnädig gestimmt, geneigt, „Letzte Ernte“ früh wegzulegen. Eine gewisse Hartnäckigkeit zahlt sich aber eben gelegentlich eben doch aus. Hillebrand hat nämlich, wie sich im Verlauf seines Krimis herausfinden soll, ein hochinteressantes Thema gefunden, um das er eine sehr spannende Krimi-Handlung spinnt. Da er zudem noch bei Seitenaspekten einen unterhaltsam bissigen Humor beweist, macht sein Krimi doch noch richtig viel Spaß.

Eine Verschwörung rund um den internationalen Lebensmittelmarkt

Darum geht es. Xavier Kieffer läuft auf einem Fest in Luxemburg ein scheinbar verwirrter Mann in die Arme. Es ist eine kurze Begegnung, die Kieffer dennoch in Erinnerung bleibt, weil ebenjener Mann am nächsten Morgen tot ist, angeblich hat er sich von einer Brücke zu Tode gestürzt. Kieffer zweifelt das an – und gerät zusätzlich ins Grübeln, weil der Fremde seiner Freundin heimlich einen Satz Schlüssel und eine Keycard zugesteckt hatte: Da den genussfreudigen Koch sein Metier nicht völlig ausfüllt, beginnt er nachzuforschen und legt sich schnell mit der Polizei und allerlei Finsterlingen an. Das ist natürlich keine ungefährliche Angelegenheit, auch weil Kieffer einer weitereichenden Verschwörung im Lebensmittelmarkt auf die Spuren kommt. Insgesamt ist „Letzte Ernte“ eine hochspannende Angelegenheit mit kleinen Schönheitsfehlern…

Tatort Luxemburg

Luxemburg besteht, wenn man Tom Hillebrand glauben darf, aus drei Teilen. Luxemburg ist EU-Standort mit internationalem Personal und repräsentativ-hässlichen Gebäuden, Bankenstandort mit Personal und hässlichen Gebäuden und einem ursprünglichen Teil, der noch Lebenswert ist – und überlebensfähig, weil die Personengruppen der ersten beiden Teile gelegentlich in diesen „gemütlichen“ Teil des Landes, der Stadt (das ist ja beinahe deckungsgleich im „Großherzogtum“. Die Beschreibungen Hillebrands von Stadt und Einwohnern ist jenseits mundartlicher Einsprengsel unterhaltsam und nachvollziehbar, so dass man sich ein gutes Bild des kleinen Staats zwischen Deutschland und Frankreich machen kann.

Tom Hillenbrand, Letzte Ernte, Kiwi, 299S., 8,99€, VÖ: Juli 2013
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Klassiker

„Hier spricht Edgar Wallace“: Die Krimi-Vorlage des Fernsehklassikers

Mehrere Generationen jugendlicher deutscher Fernsehzuschauer sind mit dem knappen und doch ins Mark dringenden Satz „Hier spricht Edgar Wallace“ zum Fernsehabend begrüßt und mit einem wohligen Gruseln ins Bett entlassen worden.  Die Filme mit Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Eddie Arend und natürlich Klaus Kinski waren in den sechziger und siebziger Jahren Kult.

Das bewegte Leben von Edgar Wallace

Die Verfilmungen basieren auf dem Werk von Edgar Wallace und das ist noch einmal ein paar Jahre älter. Wallace führte ein bewegtes Leben, kam 1875 als uneheliches und verstoßenes Kind von ganz unten, eignete sich ohne große Schulbildung wissen an und berichtete sogar als Kriegsberichterstatter vom Burenkrieg in Südafrika. 1905 schrieb er seinen ersten Roman, „Die vier Gerechten“, was ihn beinahe ruinierte, weil er offenbar Lesern, die die Lösung fanden, 500 Pfund Preisgeld versprach. Vermutlich war sein Rätsel einfach nicht komplex genug…

Edgar Wallace, ein fleißiger Krimi-Autor

Insgesamt schrieb Edgar Wallace bis zu seinem frühen Tod 1932 um die einhundert Kriminalromane und Krimi-Erzählungen, sowie zahlreiche Afrika-Romane, einige Sachbücher und andere Stoffe.  Zu den berühmtesten (wegen der Verfilmungen) gehören wohl „der Hexer“, „Die toten Augen von London“ oder „Der Frosch mit der Maske“. Auch wenn man ihn in Deutschland wegen der deutschen Verfilmungen kennt. Er gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten Krimi-Autoren Großbritanniens.

Ein Krimi-Klassiker: „Das Gesetz der vier“

Ich habe mir mal „Das Gesetz der Vier“ noch einmal vorgenommen, eine Fortsetzung von „Die vier Gerechten“. Darin sind im Prinzip eine Sammlung von kürzeren, lose verbundenen Kriminalgeschichten enthalten. Die „Vier“ sind hier auf Zwei geschrumpft, weil einer der „Vier“ – eine Vereinigung von Rächern, die für Gerechtigkeit kämpfen, wo Polizei und Behörden versagt haben – gestorben ist und ein weiterer im Ruhestand auf seinem Landgut in Spanien lebt. Die verbleibenden Zwei klären jedoch jede Menge perfide Morde und andere Verbrechen auf.

Ermittler, die die moderne Wissenschaft in ihren Dienst nehmen

Die Edgar-Wallace-Romane sind deshalb so interessant, weil sie in eine völlig andere Zeit führen, sie spielen unbestimmt in einer Ära, in der Kutschen und Automobile einigermaßen gleichberechtigt das Straßenbild beherrschten. Es war eine Zeit, in der die Wissenschaft sich auch in der Kriminalistik durchzusetzen begann. Wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes benutzen die fortschrittlichen Rächer – anders als die Behörden – die Wissenschaft zur Aufklärung ihrer Fälle, sie diskutieren die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu nehmen, analysieren chemische Substanzen.

Anwandlungen von Sozialdarwinismus bei Edgar Wallace

Bedenklich scheint aus heutiger Sicht die Idee, die Verbrecher anhand ihrer Physiognomie ausmachen zu können. Aus der Form des Schädels, der Größe der Ohren, der Form des Unterkiefers vermeinten Wallaces Detektive Verbrecher messen und erkennen zu können. Das war Sozialdarwinismus in reinster Form – damals leider weit verbreitet, auf die politische Gesinnung Wallace schließen zu wollen, ginge wohl zu weit.

Spannend, kurzweilig, vorbildlich präzise

Abgesehen von diesen irritierenden Ausflügen jener Zeit hat Wallace unterhaltsame, recht spannende Geschichten geschrieben, die zwar aus der historischen Distanz gelegentlich etwas drollig wirken, aber als Kriminalgeschichten bis heute funktionieren. Insofern könnte es ich lohnen, mal einen Edgar-Wallace-Krimi in die Hand zu nehmen. Das dauert auch nicht lang. Wallace hat kurz geschrieben, einfach verständlich, aber eben auch mitreißend – und das hat angesichts einiger langatmiger, um nicht zu sagen geschwätziger Neuerscheinungen beinahe Vorbildcharakter.

Edgar Wallace, Das Gesetz der Vier, VÖ: 1929
Autor:

Das Gesetz der Vier: Ein Edgar-Wallace-Krimi gibt es gratis als Kindle-Edition

Edgar Wallace gibt es natürlich gedruckt:

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Ein drolliges Universum: Colin Cotterills „der fröhliche Frauenhasser“

Colin Cotterill schickt seine Leser jedes Mal auf eine Reise in eine andere, vergessen geglaubte, skurrile Welt. Seine Krimi-Serie um den laotischen Pathologen Dr. Siri hat der Brite in die siebziger Jahre verlegt, als Steinzeitkommunisten das Land mit aller Kraft ins Chaos zu stürzen versuchten. Und,  so weiß man nicht nur aus der Geschichte, so liest man mit viel Vergnügen auch bei  Cotterill.

Colin Cotterill Auf angenehm altmodische Weise unterhaltsam

Zwei Besonderheiten lassen die Romane rund um Dr. Siri zum besonderen Vergnügen werden. Cotterill hat ein wahrhaft lustiges Panoptikum an Personal versammelt und er schildert das Leben unter den Schwingen einer allerdings sehr lendenlahmen Revolution überaus unterhaltsam.  Aus beidem, fiktiven Charakteren und real existierendem Wahnsinn, konstruiert Colin Cotterill wie schon in „Die Tote im Eisfach“ ein Universum, das am besten als „drollig“ zu bezeichnen ist, aber im besten Sinne. Das ganze ist jedenfalls auf eine angenehm betuliche, beinahe altmodisch Weise unterhaltsam. Das gilt auch für „Der fröhliche Frauenhasser“.

Pathologe, Hobbydetektiv, Schamane

Eines Tages bekommt Dr. Siri, der sich mal wieder mit den laotischen Behörden, ungnädigen Funktionären und allerlei Alltagssorgen rumärgern muss, eine Frauenleiche in sein Labor gebracht.  Der einzige Pathologe des Landes entdeckt schnell, dass ein besonders grausames Verbrechen passiert ist. Ein offenbar Geistesgestörter lauert Frauen auf. Da Dr. Siri nicht nur Arzt ist, sondern auch begeisterter Detektiv – und den Schamanen natürlich wieder die Geister drängen – beginnt er mithilfe seines Partners, dem Polizisten Phosy mit den Nachforschungen. Das aber soll ihn schnell selber in Gefahr bringen.

Krimi und Parabel

Natürlich ist „Der fröhliche Frauenhasser“ in erster Linie ein unterhaltsamer Kriminalroman, wer will kann den Stoff aber durchaus metaphorisch sehen. Gerade dadurch, dass Cotterill seine Handlung in ein fernes Land in einer überwunden geglaubten Zeit verlegt und einen spielerischen Ton pflegt, kann er quasi im Vorübergehen Autoritäten, Behördenwahn und totalitäre Tendenzen entlarven. Das ist auch im sechsten Band noch lesenswert.

 

Tatort:Laos

Im Prinzip knüpft Colin Cotterill dort an, wo er in „Die Tote im Eisfach“ aufgehört hat: Er beschreibt eine exotische Welt mit für Mitteleuropäer denkbar fremden Kulturen. Auch das macht seine Krimis so reizvoll. Natürlich hat sich Laos seit den siebziger Jahren verändert, aber die Menschen und ihre über Jahrhunderte gewachsene Lebensweise, die auch Diktaturen und Technokraten nicht zerstören konnten, sind beinahe unverändert durch die Nachkriegsjahrzehnte gegangen. Insofern bleibt Cotterill aktuell.

Colin Cotterill, Der fröhliche Frauenhasser, Manhattan, 320S.,17,99€,  VÖ: Juni 2013

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Bei Jan Fabers „Kalte Macht“ wirkt jedes Haifischbecken wie ein Streichelzoo

Politik ist ein mörderisches Geschäft Das muss auch die junge Politikerin Natascha Eusterbeck erkennen, als zur parlamentarischen Staatssekretärin im Bundeskanzleramt berufen wird. Die Kanzlerin möchte, dass die Mittdreißigerin vordergründig die Effizienz der Stäbe und Abteilungen untersucht, ihr zweiter, hochvertraulicher Auftrag lautet, dass sie mit dem Blick der Außenstehenden das Kanzleramt auf versteckte Seilschaften und Netzwerke untersucht.

Verschwörung im Kanzleramt

Eusterbeck macht sich an die Arbeit und muss schnell erkennen, dass im Vergleich zur deutschen Machtzentrale jedes Haifischbecken ein Streichelzoo ist. Die Nachwuchspolitikerin wird bespitzelt, bedrängt, bedroht. Schnell wird der Frau klar, dass sie sich auf ein lebensgefährliches Spiel eingelassen hat. Schnell deckt sie aber auch eine gigantische Verschwörung auf, in die die hochrangigsten Politiker Deutschlands verstrickt sind.

Ein Mann, den der Verlag „Jan Faber“ nennt, hat „Kalte Macht“ geschrieben. Angeblich kennt selbst der Verlag den Autoren nicht, es soll sich um einen „Berater mehrerer hochrangiger Regierungsmitglieder“ handeln, vermutlich aber ist es ein politischer Korrespondent eines Nachrichtenmagazins oder einer nationalen Tageszeitung.  Die Tarnung vermutlich ein Schachzug der Marketingabteilung, die denken sich solche kreativ-originellen Ideen  ja gerne mal aus.

UnterhaltsameParallelen zur wirklichen Welt bei Jan Fabers Kalte Macht

Die Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist jedenfalls beabsichtigt und nur mit einem hauchdünnen Schleier kaschiert. Die in „Kalte Macht“ namenlose Kanzlerin ist selbstverständlich Angela Merkel, der Finanzminister sitzt zwar nicht im Rollstuhl, ist aber dauerhaft versehrt und entsprechend humorlos, der Kanzleramtsminister wiederum ist ein ausgemachter Widerling, der auch deshalb an Roland Profalla erinnert.

Präziser Blick in den Maschinenraum der bundesdeutschen Macht

Die Ähnlichkeit mit lebendenden Personen, der glaubhafte Einblick ins Kanzleramt, macht jedenfalls den Reiz von „Kalte Macht“ aus. Die Beschreibungen aus dem „Maschinenraum der Politik“, die Präzision, mit der Jan Faber (wir behalten Autorennamen mal bei) das Innenleben des Kanzleramtes seziert, fesseln den Leser so nachhaltig, als sei er der Kanzlerin, die spinnenhaft im Inneren des Amtes sitzt persönlich in ihr Netz gegangen.

Mord an Alfred Herrhausen als Grundlage des Plots für „Kalte Macht“

Jan Faber vermag es, in bester US-amerikanischer Thrillertradition, seine Handlung mit höchstem Tempo voranzutreiben, zumindest über zwei Drittel der knapp 450 Seiten liefert einen mitreißenden Plot ab, der ohne großes Vorgeplänkel beginnt und dann rasant an Fahrt aufnimmt. „Kalte Macht“ hat allerdings eine (eigentlich eher zwei) Schwäche. Faber konstruiert einen politischen Mord, an einem hochrangigen Banker, und leiht sich den Mord an Alfred Herrhausen, der 1989 bei einem Bombenattentat starb. Hier wird die Nähe zur Realität zum Problem. Jan Faber hängt zwar unter anderem einem Altkanzler die Mitwisserschaft an, kann sich dann aber doch nicht ganz dazu durchringen, die Geschichte konsequent zu Ende zu denken. Jedenfalls kommt es dann doch zu einem gewöhnlichen Show-down wie aus einem US-Spionage-Thriller der 70er Jahre.  Das funktioniert, springt aber unter der Latte durch, die Faber sich mit seiner Idee selber gelegt hat. Es scheint, als sei dem Mann am Ende leicht die Puste ausgegangen, auch einige Spuren, die er zuvor gelegt hat, versanden. Insgesamt ist „Kalte Macht“ trotz kleinerer Schönheitsfehler eine absolut lesenswerte Krimi-Entdeckung.

 

Tatort: Berlin

Die Bundeskanzlerin bewohnt einen Trakt im 7. Stock des Bundeskanzleramtes, einige „unwichtigere“ Staatssekretäre ebenfalls, allerdings im anderen Flügel. Vieles von dem, was Jan Faber schreibt, kann man vermutlich auch so recherchieren, seine Kenntnis der Detail lassen aber vermuten, dass er dort zumindest einmal eine besondere Tour erhalten hat, seine Kenntnis aus dem Bundespresseamt und die Tatsache, dass er ausgerechnet diesen Dienst besonders genau beschrieben hat, deuten auf den journalistischen Hintergrund des Mannes hin. All das, was Jan Faber beschrieben hat, hätte ich als Journalist mit Erfahrungen im politischen Betrieb in einer ähnlichen Detailgenauigkeit beschreiben können. Das soll die Arbeit von Jan Faber nicht schmälern, höchstens einen Hinweis auf den Autoren als Teil des Berliner Korrespondentennetzwerkes liefern. Ansonsten beschreibt Faber punktuell die Lebensmittelpunkte Berliner Politik. Ja, sie gehen gerne ins Borchhardt, und ja sie wohnen irgendwo in Mitte, möglicherweise direkt an den Hackeschen Höfen, und nein, es wundert nicht, dass die politische Kaste (und das meint Politiker wie Korrespondenten gleichermaßen) dann nicht so ganz genau weiß, wie es das Leben in Berlin so spielt.

Jan Faber, Kalte Macht, Page&Turner, 444S., 19,99€, VÖ: 15. Juli 201

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Regionalkrimi aus dem Sauerland: „Kalt geht der Wind“ von Welter&Gantenberg

In Deutschland gibt es viele große Städte und ein sehr dichtes Netz von Autobahnen, das alle wichtigen Punkte des Landes miteinander verbindet. Es gibt aber auch einige Flecken, die Großstadtfrei sind, und um die die Planer der Autobahnen einen großen Bogen gemacht haben. Solche Gegenden heißen dann Provinz. Eine Gegend, die beide Sinnbilder moderner Zivilisation besonders weiträumig meiden, ist das Sauerland. Hier, eigentlich Mitten im Nirgendwo beginnt eine der jüngsten Regional-Krimi-Reihen.

Ein Krimi aus dem Sauerland von Oliver Welter und Michael Gantenberg

Die Fernsehautoren Oliver Welter und Michael Gantenberg haben sich Inka Luhmann erdacht, die sich aus dem einigermaßen großstädtischen Dortmund hat nach Brilon versetzen lassen  und  mitsamt Gatten, zwei Kindern und Hund aufs Land gezogen ist. Eine Mischung aus beruflicher Aufstiegschance und Heile-Welt-Idee veranlasste die Familie zu diesem Schritt – insbesondere weil, wie sich schnell herausstellen wird, es auch in der abgeschiedenen Provinz mit der heilen Welt nicht so sehr weit her ist.

Das kauzige Sauerland als heimlicher Hauptdarsteller

Die Familie, die eine vermutlich richtungsweisende Rollenteilung übt (die Frau macht Karriere, der Mann den Haushalt), hat sich kaum eingerichtet, da wird am Ufer eines Sees eine Leiche aufgefunden.  Augen, Mund und Ohren der jungen Frau wurden kunstfertig vernäht. Kurze Zeit darauf findet sich eine weitere Leiche an. Auch sie wurde mit Nadel und Faden bearbeitet, die Polizei sucht also einen Serientäter. Dass der Sauerländer als eher verschlossen gilt und sich insbesondere zugereisten Kommissarinnen eher ungerne öffnet , macht die Mördersuche nicht eben einfacher.

„Kalt geht der Wind“ , Krimi mit ordentlichen Show-down

Seit ein paar Jahren boomt das Genre des Regionalkrimis, seinen Charme zieht das Subgenre aus den meist kauzig-verschrobenen „Ureinwohnern“.  Wenn man die auf dem deutschen Krimi-Markt beschriebenen Regionen zusammenzählt, ist mindestens eine Hälfte der Republik sehr merkwürdig, während die andere Hälfte versucht, damit zurecht zu kommen. (Vermutlich ist da sogar was dran.)  Immerhin funktioniert das auch im Sauerland, bei „Kalt geht der Wind“ von Welter und Gantenberg. Das Autorenduo hat einen insgesamt unterhaltsamen Kriminalroman geschrieben, der nach einem harmlosen Auftakt ordentlich Fahrt aufnimmt und mit einem veritablen Show-down endet.

Vermischt: Kriminal- und Familienroman

Die Krimi-Debütanten Welter und Gantenberg sind profilierte Fernsehautoren und Journalisten. Insbesondere, dass sie für Comedy-Formate schrieben, ist nicht zu überlesen. Die Schilderungen des Familienlebens von Kommissarin Inka Luhmann sind hübsch beobachtet, ungemein unterhaltsam und oft sehr komisch. Für Leser, die eher düstere Krimis mögen, eignet sich aber genau deshalb „Kalt geht der Wind“ vermutlich nicht so gut. Die Leichtigkeit des Familienromans bricht immer wieder das Krimigeschehen, der Fokus liegt eher auf der Protagonistin; die Seelenlage, die Motivation des Täters kommt vergleichsweise zu kurz. Die Sauerland-Variante des Regionalkrimis eignet sich dennoch perfekt für einen  unbeschwerten Sommerurlaub, bei dem auch die Lektüre die entspannte Hängemattenatmosphäre möglichst perfekt ergänzen soll.

 

Tatort:Sauerland

Dass in „Kalt geht der Wind“ tatsächlich noch Schützenkönige und die dazugehörigen Vereine auftreten, sagt eigentlich alles über das Sauerland, dass mitten in einem der dichtest besiedelten Länder Europas, abgeschieden und menschenleer wirkt. Die Stimmung kilometerlanger, sich leer dahin schlängelnder Straßen und verwaister Dörfer fangen Oliver Welter und Michael Gantenberg gut ein. Gleichzeitig zeigen sie das sich hinter dem dörflichen Idyll der Vereinswelt Abgründe von Intrige und Bösartigkeit verbergen, nur weil die Menschen sich besser kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie netter miteinander umgingen.  Das hat ja insbesondere für den sich gelegentlich über freudlose Anonymität beklagenden Großstadtbewohner etwas tröstliches. Ansonsten lernt man bei Welter&Gantenberg noch, dass aller landwirtschaftlicher Orientierung zum trotz, auch das Sauerland ein viel besuchtes Urlaubsgebiet ist, vermutlich weil es weder Großstädte noch Autobahnen gibt. Manchmal braucht es ja nicht viel.

Michael Gantenberg, Oliver Welter, Kalt geht der Wind, Fischer, 443S., 9,99€, VÖ: Juni 2013

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Hjorth/Rosenfeldt: „Die Toten, die niemand vermisst“ Spannend, aber zwiespältig

Was ist das bloß für eine Liebe? Sebastian Bergman tut so ziemlich alles um das Leben seiner Tochter zu ruinieren, beruflich wie privat. Man wusste zuvor schon, dass der Psychologe kein besonders sympathischer Zeitgenosse ist, aber im dritten Band der Reihe der schwedischen Autoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, „Die Toten, die niemand vermisst“, übertrifft sich der Berater der Reichsmordkommission selber an Perfidie und Wahn.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt driften zu oft ins Private ab

Die beiden Autoren Hjorth und Rosenfeldt bewegen sich seit rund zwei Jahren auf einem schmalen Grat. Sie kreisen um eine Hauptfigur, die streng genommen ein Widerling ist, und schaffen dabei überaus spannende Kriminalromane. Bei ihrem jüngsten, dem bislang Dritten, sind sie offen gestanden erstmals leicht ins Straucheln geraten: Zu oft driften sie ins Private ab. Den persönlichen Problemen der Ermittler um den Chef der gruppe Torkel Höglund nehmen immer mehr Raum ein. Was in den ersten beiden Bänden die große Faszination der neuen Serie ausmachte, legt sich jetzt störend auf die Handlung und aufs Tempo.

Einen Krimi geschrieben, an die Fernsehserie gedacht?

Man sieht „Die Toten, die niemand vermisst“, deutlich den Seriencharakter an, inklusive Cliffhanger für den nächsten Band, beziehungsweise die nächste Folge der Verfilmung. (Der erste Band kam schon 2010 mit Ralf Lassgard als Sebastian Bergman im schwedischen Fernsehen.) Beide Autoren sind Drehbuchautoren und hatten möglicherweise zu sehr den Deal mit dem Fernsehen im Kopf und weitere Fernsehaufträge. Die ersten beiden Bände, „Der Mann, der kein Mörder war“ und „Die Frauen, die er kannte“, haben auch deshalb so gut funktioniert, weil sie alleine für sich als Kriminalromane funktionierten. Dieses Prinzip haben Hjorth und Rosenfeldt bedauerlicherweise aufgegeben, obgleich sie wieder einen sehr spannenden, vielschichtigen Fall konstruiert haben, der mit vielen Verästelungen gemächlich anfängt und erst im zwei Drittel an Fahrt gewinnt. Bei aller Zwiespältigkeit zeigen Hjorth und Rosenfeldt erneut, dass sie sie raffiniert und fesselnd erzählen können. Insofern nähern sich beide auf dem schmalen Grat dem Abgrund, konnten sich aber gerade noch mal fangen, um die Metapher vom Beginn aufzugreifen.

Tote in der Provinz: Torkel Höglund und Sebastian Bergman ermitteln

Im Zentrum des neuen Kriminalromans steht ein Mord in der schwedischen Provinz. Auf dem Fjäll, einem populären Wandergebiet, stolpern Urlauber über sechs Leichen. Die örtliche Polizei ruft sofort das Team der Reichsmordkommission um Höglund und Bergman um Hilfe. Auch die Profis aus der schwedischen Hauptstadt kommen mit ihren Ermittlungen kaum voran, auch weil der oder die Mörder sich viel Mühe gegeben haben, die Identität der Leichen zu verschleiern. Erst langsam finden sich Spuren, die ein größeres Ausmaß des Falles, das bis in den schwedischen Geheimdienst hineinreicht, andeuten. Möglicherweise sind die Ermittler auch deshalb nicht ganz bei der Sache, weil sie sich mit zahlreichen privaten Problemen herumschlagen müssen. Insbesondere Sebastian Bergman macht sich mit zerstörerischer Energie daran, das Leben seiner Tochter, aber auch das seiner Kollegen zu ruinieren.

Der Leser als Teil einer Geschäftsidee?

Waren die ersten beiden Bände des schwedischen Autorenteams schlicht brillant, ist dieser dritte Band trotz vieler guter Ideen eher zwiespältig. Das liegt am Protagonisten, der zunehmend unsympathischer, aber schlimmer noch, unglaubwürdiger wird. Das haben die Autoren im Sinne einer gewissen Geschäftstüchtigkeit den Leser auf den nächsten Band neugierig zu machen, in dem sie viele Fragen erkennbar absichtlich offen ließen, billigend in Kauf genommen. Die Frage ist: Will man als Leser Teil einer Geschäftsidee werden?

Tatort:Fjäll

Schwedens Reichmordkommission sitzt in Stockholm. Dort spielt auch der größte Teil der Handlung von „Die Toten, die niemand vermisst“. Wie das bei zentralen Behörden so ist, dürfen auch die Beamten der Mordkommission gelegentlich in die Provinz reisen. Dieses Mal geht es ins Fjäll, das schwedische Bergland, genauer gesagt nach Jämtland. Auch wenn es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt in erster Linie um die Psychologie ihrer Figuren geht und sie immer wieder Kammerspielartige Szenen konstruieren, gelingt es ihnen, beinahe beiläufig, mit wenigen Worten die Weite und Abgeschiedenheit des schwedischen Berglands im Westen ihrer Heimat zu skizzieren. Das ländlich vertraute, meist unkomplizierte Miteinander ersteht dabei genauso zum Leben wie die atemberaubende Schönheit der Natur, auch wenn sie gelegentlich Blut getränkt beziehungsweise mit Skeletten durchzogen ist.
Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Toten, die niemand vermisst, Rowohlt Polaris, 620S., 14,99 VÖ: 25. Juni 2013

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Jürgen Kehrers „Münsterland ist abgebrannt“. Leicht und gut lesbar

Das Personal ist liebenswert. Das könnte – im Sinne des Satzes „nett ist die kleine Schwester von Scheiße“ als vernichtende Kritik gemeint sein. Ist es aber nicht. Der ehrgeizige, aber im Grunde leicht schusselige Kommissar Bastian Matt, bildet mit der aus China nach Deutschland ausgewanderten Yasi, mit der nicht nur ermittelt, sondern anbandelt, ein durch und durch unterhaltsames Duo.

Bastian Matt der kleine „Bruder“ von Wilsberg

Die beiden sind Geschöpfe von Jürgen Kehrer, der den spätestens durch das Fernsehen flächenendeckend bekannten Detektiv Wilsberg erfunden hat. Wie der prominente Privatermittler leben auch seine jüngeren „Geschwister“ Münster, das für „Münsterland ist abgebrannt“ sogar namengebend zur Seite stand. Wobei Yasi eine Mosuo ist, eine Angehörige eines in China nicht eben wohl gelittenen, eher matriarchalisch organisierten Volksstammes.

Ermittler mit traumatischer Vergangenheit

Matt jedenfalls wird im Dienst zu einem Tatort gerufen, bei dem ein vermeintlicher Selbstmord geschah. Der junge Beamte sucht nach einer Chance in die Mordkommission aufgenommen zu werden und entwickelt einige Energie bei den Ermittlungen. Es folgen weitere Morde und beide, Matt und Yasi müssen sich traumatischen Erlebnissen ihrer Vergangenheit stellen. Jürgen Kehrer schickt seine

Ermittler bis nach Spitzbergen

Jürgen Kehrer, der ansonsten so fest im Münsterland verwurzelt ist, lässt seine Protagonisten reisen. Bis nach Spitzbergen zur internationalen Gen-Datenbank geht die Reise – und wie so oft muss man sagen: Reisen bildet. In dem Fall nicht nur die Ermittler sondern auch den Leser.

Münsterland ist abgebrannt, ein leichter, gut lesbarer Krimi

Wenn man „Münsterland ist abgebrannt“ beziehungsweise Jürgen Kehrer einen Vorwurf machen will, dann vielleicht den, dass der Krimi vielleicht eine Spur zu leicht ist. Der Grundton ist heiter, mit einer Spur Groteske. Das muss man wollen. Wer als Purist die ganz düstere Krimikost bevorzugt, wird „Münsterland ist abgebrannt“ vermutliche nicht mögen, wer einen unterhaltsamen, abwechslungsreichen und gut lesbaren Krimi sucht, ist bei Kehrers neuestem Krimi genau richtig.

Tatort: Spitzbergen

Eigentlich spielt Jürgen Kehrers „Münsterland ist abgebrannt“ in Münster. Als eigentlich interessanteren Tatort hat sich der Autor aber Spitzbergen ausgedacht. Mit wenigen, wohldosierten Sätzen skizziert Kehrer das Leben der Menschen kurz unterhalb der Grenze zum ewigen Eis und lässt uns an dem faszinierenden Projekt der weltweiten Artendatenbank im Permafrost teilnehmen. Unter Tonnen von Stein sammelt die Menschheit tatsächlich das Erbgut der Pflanzen, die sich beharrlich auszurotten versucht. Das macht das norwegische Spitzbergen interessant, aber eben auch den Kriminalroman.
Jürgen Kehrer, Münsterland ist abgebrannt, Rowohlt, 317 S., 9,99€, Mai 2013

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David Kesslers „Späte Schuld“. Unsägliches Thema, nerviger Plot

Die Geschichte geht ungefähr so: Ein jugendlicher Schwarzer wird Zeuge, wie seine Mutter von weißen Cops vergewaltigt wird, wandelt sich daraufhin zum radikalen Muslim und vergewaltigt seinerseits aus politischen (!) Gründen, ein halbes Dutzend weißer Frauen. Um den Strafverfolgungsbehörden zu entgehen, flieht der Mann nach L  beziehungsweise den Sudan, lernt dort, dass Moslems auch nicht immer nett sind und stellt sich in den USA der Justiz. Nach einer überschaubaren Haftstrafe konvertiert er zum Christentum der konservativeren Sorte und wird berühmter Talkshow-Gastgeber

Vergewaltung als Kavaliersdelikt?

Das alles war nur die Vorgeschichte. Ein Unbekannter vergewaltigt in der Jetztzeit eine junge US-Amerikanerin und Elias Claymore, der Mann mit der bewegten Vorgeschichte, gerät zunächst in den Fokus der Ermittler und später wegen erdrückender Indizienbeweise vor Gericht. Dort vertritt ihn sein alter Freund Alex Sedaka. Im Grunde handelt es sich bei David Kesslers Kriminalroman um einen Gerichtsthriller. Tatsächlich ist es eine Farce.

David Kessler konstruiert einen unsäglichen Fall um einen Vergewaltiger

Manchmal fragt man sich, ob die Autoren, die uns mit Kriminalromanen überhäufen, vor dem Schreiben nachdenken. Den Plot, den uns David Kessler in „Späte Schuld“ vorsetzt, kann man ein einem Wort nur als unsäglich bezeichnen. Mal abgesehen davon, dass die ganze Handlung komplett unglaubwürdig konstruiert rüberkommt, könnte der Eindruck entstehen, als ginge es bei Vergewaltigung um eine Art Kavaliersdelikt, von dem, wenn es nur aus den „richtigen“, also beispielsweise politischen Gründen begangen würde, ein Weg zurück in das gesellschaftliche Rampenlicht führen könnte.

Weitere merkwürdige Wirrungen in „Späte Schuld“

Wer noch weiter Kostproben zum Plot braucht (wer Kesslers Buch noch lesen will, sollte die nächsten Zeilen überspringen): Der Angeklagte hat noch zwei weitere Frauen vergewaltigt, was er aber vergaß, beim Geständnis zu erwähnen. Beide sind in den Fall involviert, die eine als Anwältin, die andere als Betreuerin von Vergewaltigungsopfern. Beide führen, das noch obendrein, eine lesbische Beziehung (scheinen dort aber nicht über die wichtigen Dinge ihres Lebens zu reden). Eine von beiden wiederum ist die Mutter eines Sohnes, der bei der Vergewaltigung gezeugt wurde. Dieser wiederum tritt in die Fußstapfen seines Vaters und ist der eigentliche Täter der Vergewaltigung, derer sein Vater sich vor Gericht verantworten muss.  Wer trotz des Plots und des Themas noch einen Hinweis braucht: Nicht lesen!

David Kessler,Späte Schuld: Thriller; Goldmann, 506 S., 9,99, VÖ: Mai 2013


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Wohl eher ein Versehen als ein Krimi: Lia Nordens „Der Schatten eines Sommers“

Ausnahmsweise muss ich mal von der Lektüre eines Buches abraten. „Die Schatten eines Sommers“ habe ich offen gestanden nur zu Ende gelesen, weil ich in diesen Tagen im Ausland und damit vom Nachschub abgeschnitten bin. Vermutlich bin ich aber auch nur nicht die Zielgruppe.  Lia Norden, so das „Pseudonym“ eines weiblichen Autorenteams hat wohl einen Krimi geschrieben, der sich an ein rein weibliches Publikum wendet.

Das merkwürdige Werk eines Autorinnenteams

Dabei ist die Idee gar nicht so blöd Drei Autorinnen schreiben die Geschichte aus der Sicht von drei Frauen, Freundinnen aus Jugendtagen genauer gesagt, fort. Damit ergibt sich ein andauernder Perspektivwechsel. Was sehr reizvoll sein kann: Zwei Italiener haben das vor einiger Zeit mal gemacht. Da war das eine nette intellektuelle Fingerübung.

Ein Verbrechen in der norddeutschen Provinz?

Hier treffen drei Freundinnen in der norddeutschen Provinz aufeinander, nachdem die vierte im Bunde zu Grabe getragen werden muss. Ob sie nun freiwillig aus dem Leben schied, ein Unfall passierte oder jemand nachgeholfen hat, bleibt vorerst offen: Klar ist jedoch, dass die vier ein dunkles Geheimnis aus ihrer Jugend verband.

Kein Tempo, kein Plot, wenig Abgründiges bei Lia Norden

Wie ich darauf komme, dass das ein Frauenbuch ist? Nun, ich habe selten in einem Buch so viel  über durchgeschwitzte Blusen, problematische Rocklängen und krümeligem Lippenstift gelesen, vorgetragen in inneren Monologen. Diese Monologe wurden angereichert mit pseudo-tiefsinniger Selbstbespiegelung über misslungene oder gelungene Lebensentwürfe mit Beruf, Mann und Kindern.  Alles nicht so meine Themen. Uns ob nun richtige Zielgruppe oder nicht: Ich fand das ganze offen gestanden nur mäßig spannend. Kein Tempo, kein Plot, wenige Abgründiges. Das wird auch klugen Frauen nicht gefallen.

Tatort:Malente

Die Tote, zu deren Beerdigung sich die ehemaligen Freundinnen treffen, hatte sich in einem See bei Malente ertränkt. Viel Liebe für die Provinz haben die Autorinnen nicht. Viel über die Gegend erfährt man nicht, abgesehen davon, dass sie abgelegen ist. Aber die Menschen, die dort leben, sind offenbar sämtlichst bösartig oder unterbelichtet – oder gar beides. Das könnte lustig sein, wenn es überzeichnet wäre. Ist es aber nicht. Also erfährt man jenseits von Stereotypen nichts über den Ort der Handlung.

Lia Norden, Die Schatten eines Sommers, Rowohlt, 251S., 9,99€

VÖ: Mai 2013