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R.J. Ellroy schubst seinen Ermittler tief in den Schmutz der Großstadt

Wer im Dreck wühlt, hat es schwer, sauber zu bleiben. So geht es auch Frank Parrish. Der ist Bulle in New York und muss sich mit den verdorbenen Seelen auseinandersetzen, die sich in den heruntergekommenen Seitenstraßen jenseits der glitzernden Fassaden der Weltmetropole herumtreiben. Frank Parrish sieht viel Not, Elend, aber auch Gewalt und Brutalität. Die Bilder haben sich nicht nur in die Netzhaut, sie haben sich tief in das Großhirn eingebrannt.

Ein Polizist mit kleineren Fehlern

Kein Wunder das der Polizist nicht nur ein klitzekleines Alkoholproblem hat, sondern auch kurz vor dem Rauswurf steht. Denn er trägt nicht nur den Ballast seiner eigenen Erfahrungen, sondern wird auch von den Erinnerungen an seinen Vater, der als mafia-jagender Polizist in der öffentlichen Wahrnehmung einen legendären Ruf genoss, bei en Versuchen durchs Leben zu humpeln zusätzlich zu Boden gedrückt.
Nicht die besten Voraussetzungen, um sich ernsthafter Ermittlungsarbeit zu widmen. Dennoch verbeißt sich Parrish in seinen jüngsten Fall, nachdem in einer Wohnung ein toter Teenager gefunden wird. Ein sechzehnjähriges Mädchen wurde missbraucht, erwürgt und weggeworfen. Frank Parrish beginnt zu ermitteln und muss rasch feststellen, dass Rebecca Lange nicht das einzige Opfer eines skrupellosen Mörders ist. Geht ein neuer Serienmörder um, der sich an Minderjährigen vergreift?

R.J. Ellroy hat einen eigensinnigen Kämpfer für das Recht erdacht

Es gibt nur ein Problem. Frank Parrish kann den Zusammenhang nicht beweisen, und da er desöfteren auf eher unorthodoxe Ermittlungsmethoden zurückgreift, ist die Bereitschaft unter Kollegen und Vorgesetzten, dem Mann zu glauben, gelinde gesagt, gering ausgeprägt. Das kann den eigensinnigen Kämpfer für die Opfer des Schmutzes nicht abhalten.

„Schrei der Engel“ ist große Krimi-Kunst

Der US-Amerikaner Roger Jon Ellroy hat sich den Detektiv mit den genre-üblichen Defiziten ins Sachen Bindungsfähigkeit und Alkoholkonsum erdacht. In der „Schrei der Engel“ schaut Ellroy sehr genau auf die düsteren Seiten New Yorks. Und man muss sagen: Das macht er sehr gut. Ellroy zeichnet ein akribisches Bild eines verkommenen Spektrums US-amerikanischer Gesellschaft. Mitten in den Sumpf stellt er einen Protagonisten, der mindestens bis zum Hals im Sumpf steht und dessen verzweifelter Kampf, nicht endgültig mit unterzugehen, anrührend sympathische Züge trägt. Dazu treibt Ellroy seinen Plot mit unbarmherziger Härte voran. Er lässt weder seinem Ermittler noch seinen Lesern Zeit für eine Atempause. Das ist ganz große Kunst, ein Kriminalroman in bester Tradition der düsteren Thriller US-amerikanischer Tradition.

Tatort:New York

Es gibt zwei Sorten von Unrat. Der eine stapelt sich achtlos beiseite geworfen und zu chaotischen Bergen wachsend, aber immerhin offensichtbar in den weniger schönen Seitenstraßen New Yorks. Die andere Sorte Dreck kommt zutage, wenn man in den Häusern einer blassen Mittelschicht die sorgfältig ausgemalte, aber nichts destotrotz gelegentlich sehr fadenscheinige Fassade ankratzt. Ellroy blickt sehr genau auf beide Sorten Schmutz und gibt sich viel Raum ihn sehr sorgfältig zu beschreiben. So entsteht ein Bild von New York, das die meisten Besucher wohl nie zu Gesicht bekommen, aber das ist vermutlich auch besser so. Denn hier bevölkern Drogensüchtige, Prosituiert, Diebe, Mörder, der Mob und korrupte Polizisten die Straße. Wahrhaft kein Ort, der auf dem Broadway besungen wird. Dafür einer, der erschüttert.
R.J. Ellroy, Der Schrei der Engel, Goldmann, 570S., 9,99
VÖ: Mai 2013





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Jeffrey Deaver führt wieder gekonnt seine Ermittler und Leser in die Irre

Die Helden von heute haben nur noch selten übernatürlich Kräfte. Ihre Fähigkeiten verdanken sie mesit einer ganz besonders guten Ausbildung. Das gilt für Lincoln Rhyme, der den Naturwissenschaften vertraut, das gilt aber auch für Kathryn Dance, die den menschlichen Geist entziffert. So gesehen wären Universitäten die Brutstätte für Superhelden. Diese Annahme aber ist derart unglaubwürdig fantastisch, dass sie die perfekte Grundlage für Fiktion ist, auch ohne das radioaktive Spinnen beißend für Superkräfte sorgen.

Eine überraschende Begegnung für Kathryn Dance

Kathryn Dance und Lincoln Rhyme sind Geschöpfe von Jeffrey Deaver, der die beiden abwechselnd auf Verbrecherjagd an der Ost- beziehungsweise der Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika schickt. (Eine Ausnahme war ein Abstecher in den Geheimdienst. Deaver verfasste auf Bitten der Bond-Macher den James Bond „Carte Blanche“.)Diesmal ist wieder Kathryn Dance an der Reihe. „Die Angebetete“ führt die Polizistin in die Provinz- und Arbeiterstadt Fresno. Dort sucht sie unbekannte Musiker für ihre persönliche Webseite (der Mensch braucht schließlich ein Hobby) und trifft auf einen Star.

Ein Stalker tyrannisert in „Die Angebetete“ einen Country-Star

Country-Sternchen Kayleigh Towne ist für ein Konzert in ihre Heimat zurückgekehrt und versucht einen unheimlichen Stalker abzuwehren, der der jungen Frau auf Schritt und Tritt folgt. Etwas verbotenes hat Edwin Sharp bislang noch nicht gemacht, weshalb die Sängerin ihren „Verehrer“ nicht los wird. Brenzlig wird es, als im Konzertsaal ein Mord passiert. Ein Roadie und Vertrauter Townes landet im „Orchestergraben“. Die lokalen Behörden vermuten einen Unfall, Kathryn Dance, die mehr oder weniger in ihrer Freizeit in den Fall stolpert, erkennt jedoch schnell: Es war Mord.

Amtshilfe von Lincoln Rhyme aus New York

Die Ermittlungen treten auf der Stelle, die Angriffe auf den Country-Star jedoch nicht. Die Einschläge kommen, wie man so sagt, näher. Erst der Tatortermittler Lincoln Rhyme bringt gemeinsam mit seiner Partnerin Amelia Sachs die Tätersuche voran. Wie so häufig, wenn sich Rhyme in Fälle einschaltet, wird klar, dass nicht nur der erste Eindruck trügt.

Erneut großer Lesespaß bei Jeffrey Deaver

Mittlerweile sind Lincoln Rhyme, Amelia Sachs und Kathryn Dance, die das Universum von Jeffrey Deaver bevölkern, gute alte Bekannte. Es ist vermutlich eine gute Idee, die Charaktere abwechselnd in den Vordergrund zu rücken. Der erste Fall Rhymes liegt mittlerweile immerhin auch schon wieder 16 Jahre zurück. Dass keine Langeweile aufkommt, liegt in erster Linie an dem genialen Talent Deavers, immer wieder überraschende, bei aller Spannung enorm komplexe Plots zu erdenken. Gleich, was man an Charakterzeichnung oder Unglaubwürdigkeiten bei Lebensläufen kritisierten mag, Deaver schafft es immer wieder, seine Leser zu überraschen. Wer sich auf das Spiel „Täterraten“ einlässt, wird beinahe immer verlieren. In dieser Hinsicht nimmt Jeffrey Deaver eine absolute Ausnahmestellung unter den Krimi-Autoren der Welt ein. Dieser Position wird er auch in „Die Angebetete“ wieder gerecht. Also wieder großer Lesespaß bei Deaver

Tatort: Fresno

Wenn man den Schilderungen Jeffrey Deavers folgt, ist Fresno das absolute Provinzkaff, ein kleines Arbeiterörtchen mitten im Nirgendwo. Wenn man den Fakten glaubt, kann das nicht ganz stimmen. Fresno, mitten in Kalifornien gelegen, hat immerhin über eine halbe Millionen Einwohner, zählt zu den fünf größten Städten Kaliforniens. Dennoch hat Fresno wenig Glamouröses. Das mag auch daran liegen, dass es anders als die prominenten Schwestern nicht aufs Meer blickt. Kurz vor den Bergketten und Nationalparks im Osten des US-Bundesstaats liegt eines der größten Massenweinanbaugebiete der Welt – und mittendrin Fresno. Den rauen Charme mit einer deutlich verwitterten, dem Verfall ausgesetzten Fassade, die einst bessere Tage gesehen hat, schildert Deaver quasi im Vorübergehen.

Jeffrey Deaver, Die Angebetete, Blanvalet, 572 S.,  19,99€

VÖ: 22. April 2013

 





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Robert Ellis Todesakt: Ein Krimi für Vielflieger – spannend aber schlicht

Neulich hat ein US-amerikanischer Wissenschaftler mit beinahe ehrfürchtig gesenkter Stimme von einem wissenschaftlichen Buch erzählt, das so gut sei, dass es sogar an den Flughäfen verkauft worden sei. Die Flughafenbuchhandlung ist das amerikanische Äquivalent der guten alten deutschen Bahnhofsbuchhandlung. Beide führen ein literarisches Sortiment, dass in vollen Zügen oder engen, wackeligen Flugzeugen leicht konsumiert werden kann. In den USA ist das eine Auszeichnung, hierzulande eher eine herablassende Abwertung.

Ein gerechter Mord in Todesakt?

Nun kann also jeder daraus machen, wenn was er will, wenn ich Robert Ellis „Todesakt“ als typischen Flughafenkrimi einschätze. Es geht um eine schöne, toughe Mordermittlerin in Los Angeles, die einen Doppelmord aufklären muss. Die Opfer: Ein dubioser Nachtclubbesitzer und ein mutmaßlicher Vergewaltiger und Mörder.  Letzterer soll die Tochter seines Nachbarn, die 16-jährige Lily Hight umgebracht haben, wurde aber in einem umstrittenen Prozess freigesprochen.

Kein Interesse an ernsthaften Ermittlungen

Die schöne und toughe Detektivin, Lena Gamble, beginnt zu ermitteln und muss schnell feststellen, dass den Opfern niemand wirklich eine Träne nachweint. Nach Meinung der Öffentlichkeit, ihrer Kollegen und ihrer Vorgesetzten hat es die Richtigen erwischt. Akte zu und fertig. So einfach macht es sich Gamble natürlich nicht und schaut genauer hin – natürlich zu Recht.

Robert Ellis schreibt spannend, aber ohne Tiefgang

Robert Ellis hat einen spannenden Thriller geschrieben, mit einem interessanten Plot und hohem Tempo. Wer fliegt oder mit der Bahn reist, wird auf unkomplizierte Weise unterhalten, muss aber in Kauf nehmen, dass die Protagonisten eher schlicht erdacht sind, Männer haben grundsätzlich volles Haar und einen durchtrainieren Körper (es sei denn sie hätten die Rolle des komischen Sidekicks) und beim weiblichen Personal lösen die männlichen Hauptdarsteller mindestens zwei bis drei Mal je Roman wahlweise kribbeln oder brennen oder sonstwas in der Brust und zwischen den Beinen aus. Wer auf intelligente, differenzierte Figurenzeichnung mit Tiefgang Wert legt, wird in der Flughafenliteratur meistens eher enttäuscht. Das muss ja aber kein Makel sein. Im reichhaltigen Krimi-Universum freut man sich ja gelegentlich, wenn man einfach nur unkompliziert und spannend unterhalten wird. Das ist dann ja auch gut.

 

Tatort: Los Angeles

Es gibt Stereotypen im US-amerikanischen Krimis. So kann man davon ausgehen, dass jemand, der in einem schwarzen Lincoln Towncar vorfährt, entweder Mafiaboss oder korrupter Bürgermeister ist oder sonstwie ein gespaltenes Verhältnis zu Recht und Ordnung hat. Krimis, die in Los Angeles spielen, bieten eine relativ einheitliche Unterbringung des Ermittlers. Meist wohnt das Personal in leicht heruntergekommenen Häusern in den Bergen, über der Stadt, aber mit traumhaften Blick über die See – kurz der perfekte Ort um Selbstzweifel, gemeine Vorgesetze und gescheiterte Beziehungen in einem Meer aus Alkohol und Selbstmitleid zu ertränken. Robert Ellis „Todesakt“ macht da keine Ausnahme. Ansonsten bleibt der Tatort Los Angeles eher blass, aber das passt zur Action-getriebenen Konstruktion vieler US-Thriller.

Robert Ellis, Todesakt, Goldmann, 344 S.,9,99

VÖ: April 2013





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Mark Peterson zeichnet in Flesh&Blood ein gelungen düsteres Bild von Brighton

Brighton ist Mitbürgern, die ein gewisses Alter erreicht haben, noch vage als englischer Urlaubsort bekannt. Das stammt aus einer Zeit, als das europäische Ausland noch als exotisch und voller Geheimnisse galt, Europa ein Kontinent voller faszinierender Unterschiede und Kulturen schien.  Die englische Südküste blieb, eine See(!) Reise auf den Kontinent war aufwändig und teuer, weit ins 20. Jahrhundert hinein das wichtigste Badeparadies für klimatisch nicht eben verwöhnte Briten. Brighton und die anderen Seebäder standen für verschlafene Provinz, mondäne, leicht verstaubte Hotels und weit in den Ärmelkanal hineinreichende Seebrücken mit allerlei Belustigungen.

Das Verbrechen dominiert den Mark Petersons Brighton

Brighton, ein feenhafter, leicht versponnener friedlicher Ort? Keineswegs, wenn man Mark Peterson glauben darf: Der Brite zeichnet in „Flesh&Blood“ ein düsteres Bild. Sein Brighton wird von Drogendealern, kriminellen Banden, Schlägern, Zuhältern und ihren Strichjungen, der Mafia und einigen gewohnheitsmäßigen Mördern bevölkert. Und das ist nur die Verbrecherseite. Bei der Polizei regieren Karrieristen, Despoten und Verräter.

Auch die „Guten“ haben bei Mark Peterson so ihre Schwächen

„Flesh&Blood“ beginnt furios. Eine Undercover-Aktion der Polizei, bei der ein Drogendealer hochgenommen werden soll, geht gewaltig schief. Auf einen Parkplatz erschießt der Dealer einen der Polizisten und flieht. Das ist nur der Auftakt einer ganzen Reihe überaus brutaler (und drastisch geschilderter) Morde. Es herrscht Krieg. Auf den Piers, in den Hinterhöfen, aber auch auf den Gängen des Polizeigebäudes. Tom Beckett, leitender Detektiv bei der Polizei muss feststellen, dass er nur einem Mann trauen kann, dem jungen Sergeant Detective Minter. Dabei kann Beckett Minter überhaupt nicht leiden, wurde er ihm doch vom gemeinsamen Chef aufs Auge gedrückt, um ihn auszuspionieren, wie die gesamte Einheit glaubt. Der alte Wolf und der Jüngling raufen sich zusammen und nehmen die Spur auf. Obwohl sich beide nie viele Illusionen gemacht hatten, müssen sie feststellen, dass der Sumpf auf dem Brighton schwimmt, viel tiefer reicht, als sie sich das vorstellen konnten.

Mark Peterson weckt Leselust auf mehr

„Flesh&Blood“ ist das Krimi-Debüt von Mark Peterson – und ein sehr gelungenes. Das liegt zum einen daran, dass Peterson eine düstere, beinahe hoffnungslose Atmosphäre schafft und bis zum Ende durchhält, die  seinen Krimi angenehm von den zahllosen Gute-Laune-Krimis, die den Markt überschwemmen, abhebt. Die Atmosphäre hat aber auch viel mit den Figuren zu tun, die der Brite sich erdacht hat. Das Personal, von den „Hauptdarstellen“ und ihren Gegenspielern bis hin zu den Statisten ist gut konstruiert und glaubwürdig beschrieben. Allein die Figuren halten einen bei der Stange, sorgen für viel Krimilesevergnügen. Dennoch ist „Flesh&Blood“ noch kein ganz großer Roman: Es mag sein, dass beim Lesen kleinere stilistische Schwächen ins Bewusstsein drängen, es kann auch sein, dass das „Storytelling“ des Erstlings noch nicht ganz ausgereift ist. In jedem Fall aber machen Mark Peterson und sein „Flesh&Blood“ Lust auf eine Fortsetzung. Genug Potential haben beide gezeigt.

Tatort:Brighton

Bekannt sind die Seebrücken, seit dem 19. Jahrhundert ragen sie in den Kanal, stehen für eine ganz eigentümliche Form der Ferienunterhaltung. Man kennt sie eigentlich immer nur als Zeichen des Verfalls, wenn sie in Filmen außerhalb der Saison menschenleer und heruntergekommen, quasi ohne Make-up gezeigt werden. Brighton, eine Stadt mit Wurzeln im Mittelalter und seit einigen Jahren mit Hove zu einer Millenium-Stadt fusioniert, verfügt aber offenbar über Arbeiterviertel, wie sie Ken Loach nicht besser inszenieren könnte und zugleich über eine große Toleranz. Das Stadtviertel Kemptown jedenfalls ist eins der größten Homosexuellen-Viertel in Großbritannien. Mark Peterson schafft es, all diese schrillen und alle düsteren Seiten Brightons glaubhaft zum Leben zu erwecken. Nur vom heiteren, entspannten Seebad ist in „Flesh&Blood“ nichts zu spüren. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi.

Mark Peterson, Flesh&Blood, Rowohlt, 375S., 9,99

VÖ: April 2013





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Seine beste Idee lässt Jörg Liemann in Blutige Spuren links liegen

Der Auftakt ist vielversprechend.  Die Portugiesin Maria Isabel Dacosta kurvt voller Sehnsucht nach portugiesisch-brasilianischer Lebensfreude sentimental aufgeladen durch die trübe Berliner Nacht. Ohne ersichtliche Eile, aber zielgerichtet nähert sie sich einem Tatort, schließlich ist sie Polizistin im Einsatz. In einer Villa am Stadtrand trifft sich zunächst auf Probleme in Gestalt eines unkooperativen BKA-Beamten und kurz darauf auf Spuren, die auf eine grausam verstümmelte Leiche deuten.

Ein durchschnittlicher Kommissar mit Nebenberuf

Leider, so muss man sagen, rückt die interessante Erscheinung Dacosta schnell in den Hintergrund. Sie ist lediglich Teil eines Ermittlerteams um Kommissar Kai Sternenberg. Der ist bedauerlicherweise der mittlerweile übliche durchschnittliche Mann in besten Jahren mit einem psychologisch „interessanten“ Nebenerwerb, unerklärten Problemen und einer deutlich jüngeren Geliebten.

Jörg Liemann hat wenig mehr als eine gute Idee

Leider,  so muss man weiterhin sagen, bleibt es in Jörg Liemanns „Blutige Spuren“ bei der einen interessanten, nicht wirklich ausgearbeiteten Idee. Natürlich gibt es einen furiosen Auftakt mit zahlreichen, mysteriösen Toten, die gelinde gesagt kuriose Biografien aufweisen.  Völlig unterschiedliche Charaktere und ein verwirrender Tatort im Grunewald stellt die Ermittler zunächst vor einige Rätsel. Irgendwann bilden sich aus Handlungssträngen Zusammenhänge, aber wirklich nachvollziehbar verläuft die Geschichte nicht

Insgesamt ist „Blutige Spuren“ ein eher durchschnittlicher Krimi mit einem wenig überzeugenden Plot und wenig durchkonstruierten Ideen. Auch wenn es vermutlich Geschmackssache ist, wirken Kriminalromane, die Dialoge in Dialekt wiederzugeben, immer leicht provinziell. Das gilt für Berlinerisch genau so wie für fränkische oder sonstige Mundarten.

 

Tatort:Berlin

Bei ihren Streifzügen durch Berlin lassen sich, da ist „Blutige Spuren“ einigermaßen glaubwürdig, die Wege der Polizisten einigermaßen nachvollziehen. Die ganze Hauptstadt wird dabei zum Spielplatz der Kriminalisten: Vom Grunewald über Reinickendorf und Spandau bis nach Schöneberg reicht das „Revier“ der Polizisten. Dennoch bleibt die Hauptstadt in den Schilderungen Jörg  Liemanns einigermaßen blass. Das aber ist bei aller Kritik legitim, schließlich darf die Kulisse im Krimi, wenn der Ort für die Handlung nicht gerade eine zentrale Rolle spielt, dezent im Hintergrund bleiben.

Jörg Liemann, Blutige Spuren, Goldmann, 8,99€, VÖ: 18. März 2013

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Rose Gerdts Morgengrauen, ein herausragender Regionalkrimi

Beim Versuch, in dessen Schrebergarten den Nachlass seines  Vaters zu ordnen, wird ein Bremer Polizist überfallen, niedergeschlagen und schwer verletzt. Das ruft seine Kollegen, das Ermittlerduo Frank Steenhoff und Navideh Petersen, auf den Plan. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wer ihrem Kollegen aufgelauert hat. Schnell finden sie heraus, was der Leser schon weiß. Der Angriff hängt mit Morden in Amsterdam und München zusammen und führt weit in die dunkelsten Phasen der deutschen Geschichte zurück.

Ein Fall mit Wurzeln in der NS-Zeit

Rose Gerdts setzt sich in „Morgengrauen“, dem fünften Fall ihres sympathischen Ermittlerpaares mit den Untaten Bremer Polizisten währen der NS-Zeit in Litauen auseinander. Verschiedene Poizeibataillone erledigten hinter der Front die Drecksarbeit, spürten Partisanen und Flüchtlinge auf und  betätigen sich blutig als Richter und Henker. Gerdts erzählt in „Morgengrauen“ nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern auch vom Leid der Opfer – und das macht sie sehr emotional.  Bislang war die Krimis um Steenhoff und Peterson solide, deutlich über das Mittelmaß deutscher Regionalkrimis hinausgehende Reihe. „Morgengrauen“ ist schlicht gesagt vor allem wegen des seines Themas herausragend. Die Geschichte um den litauischen Anwalt, der Wiedergutmachung für das Leiden seines jüdischen Vater sucht, ist fesselnd und mitreißend erzählt. Die Bremer Kriminalgeschichte der Jetztzeit bildet einen angemessenen, hinreichend mit falschen Spuren versehenen Rahmen.

Allzu nette Ermittler

Für ganz große Krimikunst fehlt den Figuren, die sich Rose Gerdts erdacht hat, vielleicht die nötige Tiefe. Frank Steenhoff und Navideh Petersen sind wie bereits in Schattenschmerz (unter dem Link meine Meinung zum Buch) sympathisch, man glaubt ihnen ihr Bemühen, aber letztlich bleiben sie blass, auch weil sie insgesamt, so wie die meisten Figuren einfach zu nett sind. Es fehlen die mindestens ambivalenten Charaktere, die dem guten Kriminalroman eine düstere Tiefe verleihen. Dennoch unterhalten die Kriminalromane von Gerdts – und das ist ja das wichtigste.

 

Tatort:Bremen

Mittlerweile, das ist wohl das 21. Jahrhundert, beherbergt das zentrale Polizeigebäude in Bremen (unter dem Link einige Eindrücke nach meinem letzten Besuch)  einen Biergarten. Platz genug gibt es. Irgendwann im 19. Jahrhundert muss die Bürgerschaft beschlossen haben, dass die Einwohner der doch eher provinziellen Hansestadt, besonders intensive polizeiliche Fürsorge benötigen und setzen einen gigantischen Komplex in die Innenstadt. Als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins erhielt die rund 150 Meter lange Fassade allerlei neogotische Verzierungen. Türmchen und Brücken verleihen dem Gebäude heute eine beinahe burgartige Anmutung. Bis zum Marktplatz und Roland sind es vom Hauptquartier der Ermittler von Rose Gerdts nur knapp 200 Meter. Dort warten die Hauptattraktionen, Marktplatz und Roland. Beinahe gegenüber des grantigen Polizeigebäudes bewacht der schüler-einschüchternde Bau des Alten Gymnasiums dem Eingang um Schnoor, einst Hafenarbeiterviertel, heute Puppenstube der Stadt. Wer Gerdts Spuren in ihrem Roman folgt, wird feststellen, dass sie ihre Protagonisten sehr akkurat durch die Hansestadt an der Weser führt. Die Beschreibungen stimmen bis hin zur Minigolfanlage an der Autobahnbrücke für Radler und Fußgänger, die übrigens zum auf eine skurrile Weise schönsten Teil Bremens führt, dem unberührten Umland. In Bremens Osten liegen Kilometer lange Deichwege, Äcker und Überschwemmungswiesen, die auf karge Weise eine idyllische Weite zeigen und mit dem beständig pfeifenden Wind an die Nähe zum Meer und der weiten Welt erinnern.

Rose Gerdts, Morgengrauen, Rowohlt, 315 S., 9,99€

VÖ: März 2013





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Ursula Poznanski mordet in „Blinde Vögel“ in der Facebook-Gemeinde

Die ersten Opfer könnten gegensätzlicher nicht sein. Ein übergewichtiger, verhuschter und isoliert lebender Germanistik-Student aus Salzburg und eine eher schlicht gestrickte Stylistin aus dem norddeutschen Raum eröffnen den Todesreigen. Obwohl das Duo auf ersten Blick nichts verbindet, sieht zunächst alles nach einer Beziehungstat aus. Die Salzburger Kommissarin Beatrice Kaspary verbeißt sich einmal mehr in einen verworrenen Fall, bei dem sie und ihr Partner Florin Wenninger schnell auf weitere Leichen stoßen sollen.

Facebook und Lyrik-Freunde

Die österreichische Autorin Ursula Poznanski hat nach dem überaus gelungenen Krimi-Debüt „Fünf“ (meine Meinung dazu unter dem Link) mit „Blinde Vögel“ jetzt den zweiten Fall aus dem beschaulichen Salzburg vorgelegt. Wie schon oft hat sich Poznanski, die sich zuvor als Autorin von Jugendbüchern bereits einen Namen gemacht hatte, wieder ein zusätzliches Thema ausgesucht. In „Fünf“ ging es um Geocaching, diesmal hat sie sich den sozialen Moloch Facebook und die gute alte deutsche Lyrik ausgesucht. Gegensätzlicher könnten die Ideen, die den Stoff für ihren Krimi liefern, nicht sein: Auf der einen Seite die urgewaltige Kraft der Worte, die der Welt alle Gemütszustände des Menschen nahebringen, dort der einfache „Like-Button“, der als emotionale Krücke dient – und mehr als jedes Gedicht über sozialen Erfolg oder Ächtung entscheidet.

Treibjagd im Social-Media-Umfeld

In „Blinde Vögel“ stirbt nach dem ungleichen Duo schnell noch ein eher unsympathischer Drogensüchtiger mit Verbindungen ins Rotlichtmilieu und Wurzeln im Südosten Europas. Ein weiterer zusammenhangloser Tod? Beatrice Kaspary sieht als einzige Verbindungen, bleibt hartnäckig und ermittelt unter einem Decknamen im sozialen Netzwerk. Niemand will ihr so recht glauben, dass ausgerechnet im Lyrikforum ein Unbekannter eine gnadenlose Treibjagd abhält. Das bringt am Ende nicht nur Kollegen in Gefahr.

Ein einziger kleinerer Schönheitsfehler in „Blinde Vögel“

Das Facebook-Thema ist offen gestanden der einzige kleinere Schönheitsfehler des neuen Romans. Dass die Autorin Facebook-„Unterhaltungen“ erdenkt und aufschreibt, wirkt – obgleich Facebook mittlerweile weitverbreitetes mediales Massenphänomen mit entsprechender gesellschaftlicher Relevanz ist – auf merkwürdige Weise verstaubt. Vermutlich sind – zumindest im Alltag von Medienschaffenden – die kleinen Icons des soziales Netzwerks bereits zu sehr in die Netzhaut eingebrannt, um noch Aufmerksamkeit erzielen zu können

Ursula Poznanski zeigt erneut, das sie erzählen kann

Insgesamt ist das Unbehagen über das Thema Facebook aber wirklich ein kleinerer Schönheitsfehler, auch wenn die Grundidee für die Romanhandlung essentiell ist. Das liegt zu allererst an der Fähigkeit Poznanskis, eine Geschichte zu erzählen. „Blinde Vögel“ ist wieder von Beginn an fesselnd und hält die Spannung bis zur letzten Seite. Eine besondere Qualität der Österreicherin liegt auch darin, dass sie sprachlich bodenständig aber dennoch interessant schreibt. Die Krimi-Handlung wird so nicht mit verbalen Nebelkerzen verhüllt. Gleichzeitig legt Poznanski aber hinreichend schillernde Wortköder aus, dass auch der anspruchsvollere Leser der Geschichte treu bleibt.

Eine glaubwürdige und sympathische Ermittlerin

Außerdem hat „Blinde Vögel“ noch die Protagonisten auf der Habenseite. Die glaubwürdige Ermittlerin Kaspary, die im für deutsche Leser nett klingenden Polizei-Ressort „Leib und Leben“ arbeitet, bleibt angenehm sympathisch, entwickelt dabei im zweiten Fall mehr menschliche Tiefe (Poznanski ist aber clever genug, sich noch Reserven für weitere Fortsetzungen zu lassen). Auch die Seite der Bösewichter ist gut ausgestattet. Die Autoren offenbart da ein besonderes Faible: „Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte. Ein interessanter Antagonist ist für einen guten Krimi mindestens genauso wichtig wie ein glaubwürdiger Protagonist“, sagte sie anlässlich ihrer Krimi-Premiere vor einem Jahr dem Krimi-Radar (hier das ganze Gespräch).

„Fünf schaffte es zu Beginn des vergangenen Jahres über Wochen in die einschlägigen Bestsellerlisten. „Blinde Vögel“ hat das Zeug dem Krimi-Debüt dorthin zu folgen. Lesern, die auf derartige Gütesiegel keinen gesteigerten Wert legen, sei der aktuelle Poznanski dennoch als überaus unterhaltsamer und spannender Kriminalroman empfohlen.

Tatort:Salzburg

Über Salzburg ist eigentlich alles gesagt, wenn man weiß, dass auf dem örtlichen Flughafen, die Maschinen nur bei schönem Wetter landen können. Eine moderne Ansteuerung gibt es nur von einer Seite, am anderen Ende der Landebahn türmen sich zu dem Berge auf, so dass Reisende entweder in der Luft warten oder aber ins Nahe gelegene München ausweichen müssen: Darüber hinaus hat die traditionsreiche Heimat Mozarts einen überaus pittoresken Stadtkern, eine wuchtige, die Stadt dominierende Burg und viel Natur in der Nachbarschaft. Bei Ursula Poznanski spieln die regionalen Eigenheiten keine Rolle. Mit Absicht. Poznanski denkt an ein größeres Publikum über die Region hinaus. Da dient Salzburg als hinreichend krimi-geeignete Kulisse, spielt aber keine eigene Rolle. Insofern wird der Leser die Stadt schemenhaft wiedererkennen, sich aber mit dem Roman nicht orientieren können: Das ist aber kein Verlust. Bei Ursula Poznanski geht es um die Handlung, nicht um elegische Beschreibungen.

Ursula Poznanski, Blinde Vögel, Wunderlich, 480 S. 16,95€

VÖ: 2.April 2013

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Melanie McGrath und ihre Detektivin, die aus der Kälte kam

Endlich scheint der Frühling übers Land zu ziehen. Wer vom deutschen Winter, der so penetrant in den Frühling hereinragte, endgültig  die Nase voll hat, sollte von Melanie Mcgraths „Zeichen im Schnee“ die Finger lassen. Andererseits könnte einem ein letzter richtiger Kälteschock die ungastlichen mitteleuropäischen Temperaturen vergessen lassen. Schließlich hat McGrath eine Ermittlerin erschaffen, die wahrhaft aus der Kälte kommt. Edie Kiglatuk lebt auf Ellesmere Island, jenem Teil Kanadas, der durch einen dicken Eispanzer unmittelbar mit dem Nordpol verbunden ist.

Ein Verbrechen am Rande des Iditarod

Nach ihrem ersten Fall, dem großartigen „Im Eis“ (unter dem Link meine ausführlichen Eindrücke), hat es die toughe Inuit-Frau jetzt in eine vergleichsweise urbane Wildnis verschlagen. Anlässlich des Iditarod, dem wichtigsten Schlittenhund-Rennen der Welt, ist sie nach Anchorage, Alaska gereist. Dort, in der fremden Umgebung, verirrt sich die Fährtenleserin und Jägerin Kiglatuk heillos  im Wald – und findet einen toten, in einem merkwürdigen Ritual aufgebahrten Säugling. Für die lokalen Behörden ist der Fall schnell klar, sie machen sogenannte „Altgläubige“, aus Russland eingewanderte christliche Sektierer, für den Mord verantwortlich. Kiglatuk und ihrem Gefährten, dem Polizisten Derek Palliser, ist diese Antwort jedoch zu einfach. Sie stellen Fragen, finden weitere Tote, eine skrupellose Bande und geraten angesichts einer weitreichenden Verschwörung um ein abscheuliches Verbrechen alsbald in Bedrängnis.

Unbarmherzige Natur?  Bestie Mensch!

McGraths Erstling „Im Eis“ lebte von großartigen Schilderungen einer absolut lebensfeindlichen Umgebung. Sie widerstand der Versuchung, erneut das Verbrechen an den Rand der Zivilisation eindringen zu lassen und brachte ihre Ermittlerin zum Verbrechen. Das Konzept ging auf. Anstelle unbarmherziger Natur rücken bei „Zeichen im Schnee“ grausame Menschen in den Mittelpunkt. Und das hat sie gut gemacht. Abgesehen davon, dass die Britin einen höchst spannenden und deshalb unterhaltsamen Krimi geschrieben hat, zeichnet sie exzellent interessante Figuren. Das gilt für ihre Protagonistin, die stets pragmatische, westlichen Zivilisationserrungenschaften skeptisch gegenüberstehende Edie Kiglatuk, das gilt aber auch für beinahe alle anderen Figuren in ihrem Plot. Und wer Schnee und Eis vermisst: Auch davon gibt es in Alaska reichlich.

Tatort: Anchorage

Edie Kiglatuk lebt in der absoluten Einsamkeit. Ihre Heimat-„Stadt“ ist kaum mehr als ein Haufen zufällig hin gewürfelter Wellblech-Behausungen. Das ist nicht schlimm, ihre wahre Heimat ist die Tundra im hohen Norden, das ewige Eis. Entsprechend schlecht kommt Anchorage aus den Augen der Inuit geschildert, weg. Es ist ein auch 150 Jahre nach dem großen Goldrausch in Alaska noch im ein Dorado für allerlei merkwürdige Gestalten, die hier wahlweise sich vor ihrem Scheitern im Rest der Welt verstecken oder auf schnelles, halbseiden verdientes Vermögen hoffen. Von der Schönheit unberührter Natur jedenfalls, die den Mythos Alaska ausmachen, lässt Melanie McGrath in „Zeichen im Schnee nichts spüren.

Melanie McGrath, Zeichen im Schnee, Kindler, 443.S., 14,95€

VÖ: 8. März 2013

 





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Margie Orfords Galgenberg: Starke Themen, durchsichtiger Plot

Es gibt Ortsnamen, die eine eigentümliche Faszination ausüben, weil sie klingend auf eine bewegte Geschichte hindeuten. Gallows Hill im südafrikanischen Kapstadt gehört zweifelsfrei dazu. Am Fuße dieses Galgenbergs werden, so will es die Autorin Margie Orford, hunderte Skelette aus der Zeit britischer Herrschaft gefunden, aber eben auch ein Skelett, dass so gar nicht in den historischen Kontext passen will. Bei den Ausgrabungen werden Überreste einer jungen Frau ausgegraben, die höchstens zwanzig bis dreißig Jahre tot sein kann.

Zwei Ermittler im Kampf gegen korrupte Politiker

Captain Riedwaan Faizal und Profilerin Clare Hart stoßen auf den Fall und schliddern schnell in ein gewaltiges Schlamassel. Die Leiche liegt ausgerechnet auf einem Gelände, auf dem eine, man muss es wohl so nennen,  Bande korrupter Geschäftsleuten, Politikern und Unterweltgrößen profitabel (und unter Umgehung der Gesetze) bauen will. Ermittlungen der Polizei sind da nicht besonders willkommen. In mühseliger Kleinarbeit findet vor allem Clare Hart zunächst die Identität der Leiche, setzt dann Stück für Stück das Leben der Frau zusammen und zeichnet so den Weg nach, der zu dem Mord führte,

Margie Orfords Galgenberg ist als Krimi nur teilweise gelungen

„Galgenberg“ heißt der mittlerweile vierte Fall, den Margie Orford ihre beiden Ermittler lösen lässt. Offen gestanden ist das Lesevergnügen eher zwiespältig. Die Themen, die die Südafrikanerin wählt, sind spannend. Die aufgewühlte Geschichte ihres Landes bildet einen mehr als farbigen, bewegten Hintergrund für ihren Kriminalroman. Orford verwendet  die Korruption der aktuellen herrschenden Kaste, die Gräuel des späten Apartheit-Regimes, die Sklavenhaltergesellschaft des 19. Jahrhunderts in ihrem Roman und verwendet dabei berührende und  mitreißende  Episoden der Geschichte ihrer Heimat. Gleichzeitig aber legt sie in der Handlung allzu offensichtliche Spuren – und Krimis, die allzu vorhersehbar sind, verlieren schnell jede Spannung. Auch verliert sich die Lösung im Banalen. Insofern kann „Galgenberg“ über die „Nebenthemen“ zwar fesseln, als Krimi aber nicht wirklich überzeugen.

 

Tatort:Kapstadt

Die Ermittlungen führen die Polizisten an alle möglichen Plätze  Kapstadts, vom Villenviertel bis zum Slum, wirklich nahe kommt die Stadt trotz präziser Ortsangaben dem Leser jedoch nicht. Margie Orford wirft einen eher distanzierten Blick auf die Stadt am Kap der Guten Hoffnung. Etwas präziser wird der Blick bei einer Landpartie des Detektivs. Hier zeigt sie die Weite, die Einsamkeit, aber auch die fortbestehende Zerrissenheit des Landes, und die Gewalt, die Südafrika noch immer dominiert. Hier reicht sie beinahe an die großartigen Schilderungen ihres Kollegen und Landsmannes Roger Smith heran, der in Staubige Hölle wahrhaft großartige Skizzen  seiner Heimat gezeichnet hat.

Margie Orford, Galgenberg, Blanvalet, 414 S., 14,99€

VÖ: März 2013



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Ian Rankins Edinburgh für Krimifreunde – Drei Tipps

Wenn an ersten Herbsttagen der gemeine Mitteleuropäer bereits nach seiner Winterjacke kramt, trotzt der Schotte dem schneidenden, über die Nordsee heranjagenden Wind lächelnd im T-Shirt.  So war das zumindest bei meinem letzten Besuch in der Stadt im Norden der britischen Insel. Insgesamt bietet sich dem Besucher viel Leben auf den Straßen und eine interessante Mischung aus mittelalterlich anmutenden verwachsen aneinander drängenden Mauern, hochherschaftlichen viktorianischen Stadthäusern und den typischen kompakten Arbeitersiedlungen.

Edinburgh ist zugleich die Heimat des großartigen John Rebus. Das ist der Detektiv, den sich der Schotte Ian Rankin vor mittlerweile einem guten Viertel Jahrhundert erdacht hat. Da Rebus jetzt nach einer längeren Pause wieder auf Mörderjagd geht, will ich meine kurzen Eindrücke seines „Fanggrundes“ schildern. Hier also meine drei Edinburgh-Orte aus eigener Anschauung

Edinburgh Castle – Das Neuschwanstein des Nordens

Edinburgh vom Edinburgh Castle aus gesehen
Edinburgh vom Edinburgh Castle aus gesehen © Kanter

Vermutlich ist der Vergleich mit dem märchenhaft konstruierten, gertenschlanken Schloss Neuschwanstein gewagt, aber das gedrungene Edinburgh Castle thront mindestens genauso selbstbewusst über der Stadt wie Ludwigs Traumhaus. Vor allem aber ist es mindestens ebenso überlaufen und ähnlich abschreckend effektiv organisiert.

Ja, man kann das Schloss besichtigen: Das ist nicht ganz billig und ziemlich wuselig. Auch die für Touristen herangekarrten „Mel Gibson-William Wallace“-Schotten, die in historischen Kostümen kleine Szenen aufführen, sind eher anstrengend, aber dennoch lohnt sich der Besuch. Erstens ist das Schloss ein Nationalheiligtum und zweitens gibt es von abgelegenen Schießscharten aus einen großartigen Blick über die Dächer der Stadt – und so mitten im Trubel einen beinahe meditativen Augenblick

Tauchbad in die Vergangenheit: Die Old Town

Straße in der Old Town von Edinburgh © Jan Kanter
Straße in der Old Town von Edinburgh © Jan Kanter

Touristenfalle Teil2. Grassmarket und die angeschlossenen Gassen sind ist eine mittelalterlich anmutendes Viertel am Fuße des Schlossberges im älteren Teil der Stadt (Edinburgh hat eine Old Town und eine New Town, der Rest zählt offenbar nicht). Auch hier schieben  sich die Touristen entlang, aber sie drängen sich eben an einigen der ältesten Pubs der britischen Inseln vorbei. Und wer kann sich schon der besonderen Pub-Atmosphäre mit klebrigem Tresen, klingelnden Spielautomaten und dröhnendem Fernsport entziehen, wenn das Bier Pint-weise ausgeschenkt wird.

Mums – Ein perfektes Diner

Mums Diner in Edinburgh © Kanter
Mums Diner in Edinburgh © Kanter

Essen wie bei Muttern ist bei Deutschland der einfachste Slogan, der mich zu einem weiten Bogen um ein Restaurant treibt. Bei Mums in Edinburgh ist das ganz anders. Eingerichtet im schlichten Diner mit nur teils standfesten Stühlen und dem Retro-Design der späten fünfziger Jahre, serviert das Team hochwertige britische Hausmannskost, Burger mit Pommes, Sausages, Pie und andere eher schlichte Gerichte. Der besondere Spaß liegt in der Qualität der Zutaten und insbesondere der Leidenschaft, mit dem das eher studentisch-herumtreiberisch wirkende Personal die Gerichte an den Mann bzw. auf den Tisch bringt. Wer die Muße hat, kann sich ja die Anekdoten über die Hausbrauerei erzählen lassen.

 

Mehr Texte über Schottland gibt von mir gibt es auf der Schottlandseite des Reiseportals my-Entdecker.de



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