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Jaden E. Terrell beobachtet Nashvilles „Mitternachtsseelen“

Der junge Josh hat es nicht leicht. Kaum jemand traut ihm über den Weg. Seine Eltern nicht, die wenig Verständnis für sein Leben als Goth und noch viel weniger für seine Affäre mit einem deutlich älteren Mann haben. Dass Freunde abrücken scheint weniger schlimm, als die Tatsache, dass die Polizei ihm einen Mord an eben jenem älteren Ex-Geliebten vorwirft. Am aller wenigsten vertraut und schätzt sich Josh selber. Er überlebt nur knapp einen Selbstmord. Immerhin hat er so viel Verstand, sich an seinen Onkel zu wenden. Dieser, Jared McKean ist erstens Privatdetektiv und zweitens bereit, über alles Grenzen für seinen Neffen zu kämpfen.

Ein Mord in der Goth-Szene

McKean sieht nur einen Weg, seinen Neffen zu schützen – er muss den wahren Mörder finden. Der Detektiv, der nach streng-bürgerlichen Maßstäben selber nur eher mühsam durchs Leben findet, macht sich auf die Suche und taucht tief in die Gothic-Szene ein und muss sich mit allerlei merkwürdigen Typen auseinandersetzen. Nicht aller seiner neuen „Freunde“ sind harmlos. Irgendjemand stört sich an den Ermittlungen und legt McKean unter anderem eine hochgiftige Klapperschlange ins Auto. Das soll nicht der einzig Anschlag auf den Mann bleiben…

Jaden E. Terrell hat einen sympathischen Detektiv erfunden

Jared McKean ist eine Erfindung der US-Amerikanerin Jaden E. Terrell. „Mitternachtsseelen“ heißt der neue, zweite Band aus der Serie um den Privatdetektiv, der seine Kreise in Nashville zieht. Ihr neues Buch ist kein herausragender, aber ein sehr solider Krimi, der so spannend konstruiert ist, dass der Leser der Handlung gerne bis zum Ende folgt. Terrell hat auch ausreichend überraschende Wendungen erdacht, die für ausreichend Abwechslung sorgen. Dazu kommt, dass man die Figur des gescheiterten Mannes, der sein Geld als zynischer, aber im tiefsten Inneren naiv ans Gute glaubender Privatdetektiv verdient, gerne mag, auch wenn das seit den Urvätern Sam Spade oder Philip Marlowe wahrlich kein neuer Charakter ist. Insofern ist „Mitternachtsselen“ gelungene Krimi-Unterhaltung.

Tatort:Nashville

Nashville hat seinen Ruf weg. Es ist die Zentrale der Country-Musik in den USA. Beinahe alle Größen der Szene leben hier, auch der große Johnny Cash verbrachte den wichtigsten Teil seines Lebens hier. Nicht alle mögen die Musik der Stadt, und auf Dauer höhlt das Mainstream-Gedudel vermutlich auch die härtesten Gehörgänge aus. In „Mitternachtsseelen“ spielt die Musik allerdings keine Rolle. Jaden E. Terrell  schildert eine Südstaatenmetropole, die auf eine gewisse Weise typisch amerikanisch ist, im Prinzip aber weitgehend gesichtslos bleibt. Die Frage ist, hat sie damit nicht-country-hörenden Krimi-Lesern einen Gefallen getan, oder eine Chance ausgelassen, seinem Krimi noch mehr Profil zu geben?

Jaden E. Terrel, Mitternachtsseelen, Rowohlt, 334 S., 9,99

VÖ: Februar 2013



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Leena Lehtolainens Familiensaga um eine moderne Abenteuerin

Ein guter Name ist oft die „halbe Miete“, auch bei einem Roman. Der Klang entscheidet in Heldengeschichten, Märchen und Sagen oft darüber, ob eine Figur glaubwürdig oder sympathisch wirkt. So gesehen ist Hilja Ilveresko ein genialer Einfall. Er wirkt bodenständig normal und doch  beinahe auf der ganzen Welt exotisch, deutet auf Geschichten in fernen Welten hin.

Hilja Ilveresko, Ermittlerin am Rande einer bürgerlichen Existenz

Die Figur, die sich hinter Hilja Ilveresko verbirgt ist denn auch eine moderne Abenteuerin. Wie viele Vorbilder in der Kriminalliteratur, von Sherlock Holmes über Philip Marlowe bis hin zu Lisbeth Salander, lebt die Finnin eher am Rande bürgerlicher Existenz, ist nur mit brüchigen Trossen im sicheren Hafen der Gesellschaft vertäut, jederzeit bereit sich loszureißen, um mehr treibend als zielstrebig unerforschte, gelegentlich gefährliche Gefilde anzusteuern. Hilja Ilveresko wuchs als Beinahe-Waise in der finnischen Wildnis auf, wurde Leibwächterin und schlägt sich, seitdem das schief ging, mit allerlei Gelegenheitsjobs durchs Leben, kann schießen ,kämpfen  und kellnern – und nimmt sich die Männer, die sie will.  Ganz nebenbei pflegt sie noch ein Alter Ego, verkleidet sich, wenn es die Situation verlangt als Mann.

Leena Letholainens „Löwe der Gerechtigkeit“ ist eigentlich kein Krimi

Wenn man strenge Maßstäbe anlegt, ist Hilja Ilveresko vollständig unglaubwürdig, aber genau das macht den Reiz der Figur aus. Die finnische Detektivin, die sich die erfolgreiche Schriftstellerin Leena Lehtolainen zur Abwechslung Autorinnen-Alltag als Zweit-„Heldin“ erdacht hat, ist eine höchst unterhaltsame Märchenfigur. Da macht es gar nichts, dass die Handlung im zweiten Band der Trilogie eine eher untergeordnete Rolle spielt. Nach „Die Leibwächterin“ geht, so die Ankündigung, Ilveresko in „Der Löwe der Gerechtigkeit“ erneut auf Verbrecherjagd. Genau genommen ist „Der Löwe der Gerechtigkeit“ jedoch eher eine Familiensaga, allerdings ohne Familie. Der Leibwächterin geht zunächst in Italien der Geliebte verloren, dann beobachtet sie einen Mord und schließlich treiben  allerlei Unterweltfiguren, die man in Band eins bereits bezwungen wähnte, wieder ihr Unwesen.  Außerdem erfährt der Leser so einiges über die Familie und Vorgeschichte der Detektivin. Das ist, im Sinne eines Krimis, insgesamt mäßig spannend aber dennoch höchst unterhaltsam, allein weil man der durchgeknallten Frau mit Luchs-Tick auch durch die abstrusesten Situationen einigermaßen gerne folgt.

Tatort:Finnland

Man würde ja gerne wissen, ob Leena Lehtolainen speziell  für den deutschen Markt schreibt, ihre Tatorte jedenfalls legen das nahe. Viele Deutsche reisen gerne in den Norden, um aus den überfüllten Städten in skandinavische Einsamkeit zu fliehen. Das Konzept von einsamer Hütte in idyllischer Landschaft muss wohl das romantische Gen des Volkes, das den Spaziergang in der Natur erfunden hat, aktivieren. Jedenfalls bleibt das Helsinki Lehtolainens einigermaßen blass, während die Hütten, die Seen und Waldlandschaften plastisch und glaubhaft inmitten weitläufiger nordischer Einsamkeit stehen und situationsgerecht behaglich-einladendes Licht oder unheimliche Düsternis verströmen. Dem kann man sich jedenfalls nur schwer entziehen.

Leena Lehtolainen, Der Löwe der Gerechtigkeit, Kindler, 348S., 19,95€

VÖ: 19. Januar 2013



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Dirk Kurbjuweit versetzt einen Familienvater in Angst und Schrecken

Architekten führen, so die weit verbreitete Meinung, ein meist angenehmes Leben. So scheint es auch bei Randolf Tiefenthaler. Er hat Frau und Kinder, ein gut gehendes Büro und kürzlich den größeren Teil eines Hauses in Berlin Lichterfelde, einem Vorort am äußersten Stadtrand, gekauft.

In einer Souterrain-Wohnung lebt ein weiter Mitbewohner des Hauses, der freundliche Herr Tiberius. Nach und nach zeigt sich, dass der Mann im Keller nicht ganz so nett ist, wie es zunächst schien. Auf Kuchen folgen Zudringlichkeiten, Briefe, Annäherungsversuche an Tiefenthalers Frau –  und , als diese erfolglos bleiben, Anklagen und Verleumdungen. Immer wieder streut der gestörte Mann beispielsweise, dass die Tiefenthalers ihre beide Kinder sexuell missbrauchen.

VerzweifeltesTagebuch eines Famienvaters

Das Leben der Familie wird immer weiter zerstört, auch weil Tiefenthaler erst auf die Kraft des Dialoges und dann auf den Rechtsstaat setzt.  Dass das ganze blutig endet, nimmt Dirk Kurbjuweit, der Autor von „Angst“ im Prinzip vorweg. Der Leser  erhält Einblick in eine Art retrospektives Tagebuch des Architekten, dass dieser nach dem Tod des Herrn Tiberius verfasst. Offenbar hatte Tiefenthalers Vater das Gesetz in die eigenen Hände genommen und den gefährlichen Mitbewohner zum Schutz seiner Enkelkinder erschossen.

In den Tagebuchaufzeichnung des Familienvaters erfährt der Leser aber noch viel mehr. Er liest über eine ebenfalls, wenn man so will, gestörte Persönlichkeit, die als Kind den Vater fürchtete, weil dieser ein Waffennarr war, der ohne Pistole nicht aus dem Haus ging, eine Persönlichkeit, die aber offenbar auch nicht zu einer wirklichen Ehe in der Lage ist und die Abende lieber alleine in der Anonymität verbringt.

Portrait eines Stalking-Opfers

„Angst“ ist ein zwiespältiges Buch, natürlich ist das Thema Stalking spannend und die Schilderung eine subtilen Schreckens, der eher in Erwartungen als in Taten begründet liegt, krimi-gerecht furchteinflößend. Andererseits ist, obwohl Kurbjuweit als hervorragender Autor gilt, von dem es gelegentlich heißt, dass er beim „Spiegel“ anderen Autoren die Texte schön schreibt, „Angst“ für meinen Geschmack deutlich zu kurzatmig geraten. Vermutlich hat sich der Autor in die Denkweise des rationalen Architekten hineinfühlen wollen, das Ergebnis ist jedoch ein gelegentlich oberflächlich wirkendes Tempo. Auch der Protagonist wirkt eher weinerlich und ich-bezogen als sympathisch oder wenigstens mitleiderregend. Das könnte daran liegen, dass Kurbjuweit offenbar eigene Erfahrungen, selbst Erlebtes in „Angst“ verarbeitet hat. Als Selbsterfahrungsbericht hat „Angst“ daher einige gewisse emotionale Kraft, als Krimi, als unterhaltende Spannungslektüre, fehlt dem Roman mindestens die Spannung.

Tatort:Berlin

Reinickendorf und Lichterfelde sind eigenwillige Bestandteil Berlins, die Schlafstädte am nördlichen beziehungsweise südlichen Rand der Stadt verbindet eine interessante Bevölkerungsstruktur. Viele gut situierte Familien leben hier, Bürgerliche, die Angesichts bevorstehenden Nachwuchse das Nest in Form eines Eigenheimes gebaut haben teilen sich die Stadtviertel mit einem eher kleinbürgerlichen, engstirnigen Ur-Berliner Milieu. In dies Welt entführt Dirk Kurbjuweit seine Leser gleich in doppelter Hinsicht. In zahlreichen Rückblenden schweift der Autor in die sechziger und siebziger Jahre zurück und lässt die Stimmung einer eingemauerten, wie im Belagerungszustand befindlichen Stadt auferstehen. Das dürfte den älteren Lesern vertraut sein und den jüngeren einen interessanten Blick in die jüngste Geschichte bieten.

Dirk Kurbjuweit, Angst, Rowohlt-Polaris, 252 S., 18,95€

VÖ: 18. Januar 2013



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Michael Connelly nimmt gierige Banker aufs Korn

Der Lincoln-Lawyer ist zurück. Im Rücksitz einer Limousine mit zwielichtiger Vergangenheit kreuzt Michael Haller duch die Straßen von  L.A. und gabelt buchstäblich am Straßenrand Klienten auf. Mittlerweile ist der Anwalt beinahe seriös geworden – er fischt Kunden auch auf dem Anzeigenmarkt ab.

Mord an einem gierigen Banker

Seine neueste Einnahmequelle: Opfer der Immobilienblase, die die Raten ihrer Krediten nicht mehr bedienen können und von Banken per Zwangsversteigerung aus ihrem Haus getrieben werden. Eine dieser Kunden ist Lisa Trammel, eine eher penetrante Lehrerin, die seit Jahren um ihr Haus kämpft und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu drastischen Mitteln griff: Die Polizei verhaftete die junge Frau, weil sie angeblich einen ihrer Banker mit dem Hammer erschlug.

Aus der Untersuchungshaft meldet sich Trammel bei Michael Haller, der zunächst einmal eine gute Einnahmequelle wittert, vor allem – schließlich praktiziert er in der Nachbarschaft Hollywoods – weil er ahnt, dass er mit Filmrechten auf seine Kosten kommen könnte. Erst allmählich, als er während des Prozesses versucht, Verteidigungslinien aufzubauen, beginnt er, auch an die mögliche Unschuld seiner Mandantin zu glauben

Man ahnte es schon immer – der Immobilienmarkt ist ein Haifischbecken

Das Immobiliengeschäft ist, damit spielt Michael Connelly, der geistige Vater von Michael Haller gekonnt, ein dunkler Sumpf, in dem mit harten Bandagen um Provisionen und Renditen gekämpft wird. „Der fünfte Zeuge“ heißt der neueste Roman des derzeit wohl besten „Serientäters“ aus den USA. Michael Haller ist die Zweitfigur des Autoren, der bereits eine umfangreiche Serie um den zynischen, aber immer ehrlichen und donquixote-artig gegen die Umstände kämpfenden Harry Bosch geschaffen hat.

Michael Connelly, der derzeit beste Serientäter aus den USA

Michael Connelly bietet routiniert Krimi-Stoff auf allerhöchstem Niveau. „Der fünfte Zeuge“ ist formal vielleicht nicht sehr innovativ, ein Gerichtsthriller, der zum größten Teil auf den wenigen Quadratmetern zwischen Richtertisch, Anklagebank und Jury spielt, ein Szenario, wie es John Grisham immer wieder inszeniert hatte, aber Connolly ist ein Meister des Spannungsbogens. Er konstruiert Kriminalromane, die wirklich fesseln. Auch wenn man meint, den Verlauf erahnen zu können, will der Leser den Protagonisten auf den Fersen bleiben – und irgendwie schafft es Connelly doch immer wieder, sein Personal unvermittelt völlig überraschende und doch glaubwürdige Haken schlagen zu lassen.

Auch das handelnde Personal ist eigentlich bekannt und schon oft erzählt, Harry Bosch und sein Cousin Mickey Haller sind Männer, die ihr bestes Alter beinahe schon hinter sich haben, sich aus reinem Selbstschutz mit Härte und einem dicken Mantel aus Zynismus umgeben, im Innersten aber nie aufgegeben haben, an das Gute zu glauben – und dafür auch einstehen. Koste es, was es wolle. Streng genommen ist das natürlich furchtbar eindimensional, dennoch, leidet, fiebert und lebt der Leser mit den Abenteuern der beiden aufrechten Großstadtcowboys in einer schmutzigen, verkommenen Welt mit.

Tatort:Los Angeles

Es gibt Städte, die sind nur von Oben schön. Rio de Janeiro gehört dazu. Vom Corcovado, dem Berg, von dem aus die Jesus-Statue über die Einwohner wacht, betrachtet, glänzt die Stadt in den schönsten Farben: Natur, Häuser und Meer bilden ein perfektes Ensemble, aus der Nähe jedoch wird Rio zum Moloch. Michael Connelly sieht sein Los Angeles wohl ähnlich. Wenn er sich Straßen und Häusern einer immer weitläufigen und zugleich beinahe ländlich provinziell wirkenden Metropole nähert, zeichnet der US-Amerikaner die Stadt wie eine zu grell geschminkte, alternde Prostituierte, die ihre besten Tage deutlich hinter sich hat. Friedvoll wirkt Los Angeles immer dann, wenn seine Darsteller von einer Dachterrasse eines auf einem der vielen Hügel liegenden Häuser aus auf die Stadt schauen. Dieses Bild zieht Connelly konsequent durch, dieses Bild liefert er auch in „der fünfte Zeuge“. Das passt, das überzeugt, auch weil es den vagen Rahmen zu einer Geschichte liefert, die zum größten Teil als Kammerspiel im Inneren eines Gerichtssaals spielt.

Michael Connelly, Der fünfte Zeuge, Knaur, 635 S., 9,99€

VÖ: 18. Januar 2013



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Kommissare oder Karikaturen? Stephan Ludwig sollte sich entscheiden

Die österreichische Krimi-Schriftstellerin Ursula Poznanski hat in einem Interview einen einfachen, aber wahren Satz über glaubwürdige und mitreißende Ermittler gesagt.“ Man muss ihnen zutrauen, dass es sie es am Ende hinbekommen“. Bei Claudius Zorn, aber auch seinem Partner sind da erhebliche Zweifel angebracht. Zorn ist eine Erfindung von Stephan Ludwig, in Halle lebender Autor.

Claudius Zorn, äußerlich wie innerlich ungeschickt

Ludwig beschreibt seinen Ermittler als wenig motiviert, kleingeistig und äußerlich wie innerlich ungeschickt. Zwar wird „Vom Lieben und Sterben“ meist aus der Perspektive Zorns erzählt, aber den Autoren hat offenbar die Lust an der Groteske zu sehr gereizt. Jedenfalls schwankt die Einschätzung des Lesers häufig zwischen Depp und Held, überflüssig zu sagen, dass der Zeiger meistens Richtung Depp weist. Folgerichtig basieren die „Ermittlungserfolge“ meist auf Zufällen.

Ein ergreifender Plot um Kindesmissbrauch

Der Fall, durch Zorn und sein Kompagnon Schröder stolpern, hat es in sich. In der ansonsten verschlafenen Provinzstadt sterben unvermittelt Teenager. Genauer gesagt werden sie beinahe schon bestialisch hingerichtet. Dass um Missbrauch geht , kann der Leser, angesichts der Tatsache, dass die Opfer sich seit Kindheitstagen kannten, schnell ahnen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt, jedoch nicht. Die Konstruktion des Plots ist Ludwig überaus gut gelungen. Und so ist „Vom Lieben und Sterben“, der zweite Fall des Duos, nicht wegen, sondern trotz seiner Ermittler ergreifend und bis zum Schluss einigermaßen spannend. Und wenn sich Ludwig irgendwann entscheiden kann, ob seine beiden Hauptdarsteller Karikaturen oder Kommissare sind, kann die neue Reihe tatsächlich, wie auf dem Umschlag angekündigt, Kultstatus erlangen. So reiht er sich trotz einiger guter Ideen nur im unteren Mittelfeld der Neuerscheinungen ein.

Tatort:Provinz

So ganz genau ist nicht zu erkennen, wo die Zorn-Reihe spielt, aber Vieles spricht für die ostdeutsche Provinz. Das wird aus dem Umfeld der Ermittler deutlich, die – wenn ihnen nicht gerade ein Mordopfer vor die Füße fällt, sich um Betrug am Pfandautomaten oder Einbrüche bei Kleingärten kümmern müssen.  Insgesamt bleibt aber die Stadt als Tatort einigermaßen blass.

Stephan Ludwig, Zorn, vom Lieben und Sterben, Fischer, 367 S., 8,99€, VÖ: November 2012

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Roter Zar: Ein Krimi rund um Revolution und die Romanows

Der letzte russische Zar als nachdenklicher Grübler voller Menschlichkeit, die Romanows als weitgehend durchschnittliche Familie und Joseph Stalin als Folterknecht, der bei Gefangenen ganz persönlich Hand anlegt. Dazu noch ein Supersonderermittler mit allen Befugnissen. Wenn man über das Personal von „Roter Zar“ nachdenkt, kommt man relativ leicht auf den Gedanken, dass das alles ein großer Unfug sein könnte.

Sam Eastland und sein finnischer Sonderermittler

Sam Eastland, so nennt sich der US-Autor Paul Watkins simpel in einem passend klingenden Pseudonym, hat einen neuen Krimihelden erdacht und in den russischen Revolutionswirren angesiedelt. Pekkala, so heißt der Mann, ist finnischer Abkunft, wachte einst also oberster Verbrecherjäger über das russische Zarenreich. Zehn Jahre nach der Revolution fristet er sein Dasein als Gefangener der Kommunisten in Sibirien – bis die neue Führung den ehemaligen Sonderermittler reaktiviert, um den Tod seines alten Dienstherren aufzuklären. Natürlich macht sich der lange Jahre gepeinigte allen Widrigkeiten zum Trotz sofort an die Arbeit. Er kann halt nicht anders. Er ist einer, der von der Suche nach der Wahrheit getrieben wird.

Ein Plot im Nebel der Geschichte

Eastland nutzt die zahlreichen Mythen, die sich um die Romanows, ihr Ende und ihr Erbe ranken und breitet einen Stoff aus, der mittlerweile soweit durch den Nebel der Geschichte verschleiert ist, dass Fakten und Fiktion weitgehend schmerzfrei zu einem zusammenfantasierten Plot vermischt werden können.

Wer sich „Roter Zar“ ohne kritisches historisches Bewusstsein nähert, wird jede Menge Spaß haben. Schließlich enthält der Krimi-Neuling alles, was in eine unterhaltsam-spannende Geschichte hineingehört. Ein exotischer Schauplatz, eine wild-mysteriöse Verschwörungstheorie um tatsächliche historische Ereignisse, ein raffiniert erdachtes Verbrechen und ein glaubwürdig-sympathischer Ermittler. Diese Mischung hat Sam Eastland gut zusammengefügt und wirklich unterhaltsam-spannend (wenn auch nicht immer logisch)  aufgeschrieben. „Roter Zar“ gehört zu der Sorte Bücher, in der man sich verlieren kann.

 

Tatort:Russland

Pekkala, der Held von „Roter Zar“ kommt herum. Aus seiner finnischen Heimat nach St. Petersburg und Moskau, später nach Sibirien und in die weiten russischer Provinz. Sam Eastland hat den Vorteil, dass er seinen Krimi knapp 100 Jahre in die Vergangenheit verlegt und deshalb natürlich über ein großes Maß dichterischer Freiheit hat. Er inszeniert, vermutlich durch den großen Erfolg der Russland-Trilogie von Tom Rob Smith inspiriert, ein düsteres, melancholisches Russland voller Weite, mit dichten Wäldern und unwirtlichen Ebenen. Natürlich gibt es prächtige Paläste, elendige Hütten und potjemkische Dörfer. Streng genommen könnte man sagen, Eastland verwurstet alle Klischees zu einem einfachen Gemälde. Wie das mit Klischees so ist, haben sie meist einen wahren Kern, deshalb wirkt Sam Eastlands Russland glaubwürdig, oder zumindest vertraut – und das vereinfacht den Lesefluss.

Sam Eastland: Roter Zar, Knaur, 380 S., 9,99€

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„Eisnattern“, Eher Krippenspiel als Krimi. Totzdem gut

„Och, nöö“: Ein Roman in Ich-Form. „Hilfe“: Auch noch mit einer weiblichen Erzählerin. Ein Lokalkrimi außerdem noch:“ Hmmmpf“. „Neinneinnein“: ein Quentin-Tarantino-Zitat als Nachweis popkulturellen Bildungsbürgertums gleich auf den ersten Seiten. Der erste Kontakt verläuft wirklich eher sperrig und lässt nichts Gutes ahnen. „Eisnattern“ heißt das neueste Werk von  Simone Buchholz, die vor einigen Jahren die Hamburger Staatsanwältin Chas Riley erfunden hat

Als Kriminalroman ist „Eisnattern“ eine Fehlbesetzung

Um es gleich vorwegzunehmen. Als Kriminalroman ist „Eisnattern“ tatsächlich eine Fehlbesetzung. Wer Spannung, komplexe Handlungsstränge oder wenigstens finstere Schurken in seinem Krimi erwartet, wird bitterlich enttäuscht. Und doch ist der neue Roman von Simone Buchholz auf eine liebenswert verschrobene Weise großartig. Die Hamburgerin erzählt in „Eisnattern“ eine Art Weihnachtsgeschichte. Ganz ohne Engel, offenkundige Wunder oder Besinnlichkeit, aber mit einem gekonnt zusammengestellten Ensemble von Verlierern, die ihren Weg durch den Hamburger Winter suchen.

Hilfe für Hilflose in Hamburgs Kälte

Natürlich gibt es so etwas wie eine Handlung. Chas Riley (der Vater ist wohl Amerikaner, deshalb der Name) wird von ihren Vorgesetzen nach Hause geschickt, damit sie ihren Resturlaub abbummelt  – auch eine Staatsanwaltschaft ist schließlich nichts anderes als eine deutsche Behörde. Sie langweilt sich, streunert durch ihren Kiez, St. Pauli und das Karolinenviertel und findet einen Obdachlosen, der brutal zusammengeschlagen wurde. Es soll nicht der einzige bleiben. Riley macht sich an die Nachforschungen, um herauszufinden, wer sich an den Schwächsten der Schwachen vergreift.

Ein mitreißendes Krippenspiel der besonderen Art

Eigentlich aber stolpert sie in diesen Tagen rund um das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel durch ihr eigenes Leben, mit dem sie trotz ihres akademischen Grades und des profilierten Berufes überraschend schlecht zurecht kommt. Richtig glaubwürdig ist das natürlich nicht, dass eine Ermittlerin mit Prinzipien sich im Rotlichtmilieu herumtreibt. (Es soll ja auch korrupte Beamte geben, bei man das dann eher erwarten würde.) Die hilflosen Versuche der Frau, ihr Privatleben zu ordnen, sind jedoch einer wirklich perfekten Mischung aus schnoddriger Nonchalance und ergreifender Rührseligkeit aufgeschrieben. Der zugig-ungemütliche, elbnahe Teil Hamburgs und das liebevoll detailliert beschriebene Personal rund um Chas Riley bilden so die perfekte Kulisse für ein Krippenspiel der besonderen Art.

„Eisnattern“ ist vielleicht kein großer Krimi oder wegweisende Literatur, aber der Roman unterhält sehr gut. Damit ist er ein guter Begleiter für die leicht sentimentalen Stunden auf dem Weg zum Weihnachtsfest, bevor einen die  Wucht des familiären Wahnsinns umbläst und auf den Boden der Realität schleudert.

 

Tatort:Hamburg

„Eisnattern“ spielt in einem besonderen Mikrokosmos. Im Prinzip bewegen sich Ermittlerin und Gegenspieler in einem  zu Fuß zu bewältigenden Radius rund um das Heiligengeistfeld in der Schnittstelle zwischen Karolinenviertel und St. Pauli. Der Tatort Hamburg, gegen den sich ja ansonsten so einiges vorbringen ließe, hat den Vorteil, dass das „Exotische“ direkt vor der Haustür liegt. Die Elbe ist Wendeplatz und Startpunkt für so manchen Weltreisenden, die dazugehörigen Elbbrücken sind nicht nur Touristenmagnet. Sie sind immer auch Fernwehpunkt. Insofern haben die Hamburger (und ihre Krimi-Autoren) den Vorteil, dass ihnen tatsächlich die Welt zu Füßen liegt. Es ist immer schön, wenn einer dann auch mal hinguckt.

Simone Buchholz, Eisnattern, Droemer, 220 S., 12,99€

VÖ: November 2012

 

 

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Roger Smith inszeniert ein morbides Ballett aus Verrat und Gewalt

Die Ehe ist oft die vorweggenommene Hölle. Davor schützen weder beruflicher Erfolg, ein mittleres Vermögen, gemeinsame Kinder oder ein komfortables Heim. Zumindest für Nicholas und Catherine Exley gilt das. Beide leben mit Tochter Sunny in Kapstadt am Strand. Über den Zustand der Familie ist alles gesagt, wenn man weiß, dass ein Kindergeburtstag damit endet, dass der Gatte vor dem Haus mit einem Kumpanen kifft, während sich die Gemahlin in der Küche von ihrem serbischen Geliebten vögeln lässt. Kein Problem, könnte man in modernen Zeiten meinen, wenn nicht in diesem Moment die Tochter, die beiden Elternteilen aus unterschiedlichen Motiven im Weg ist, Richtung Atlantik läuft und dort ertrinkt. Das wiederum bekommt der ehemalige Polizist Vernon Saul mit, der wegen einer Schussverletzung den Dienst quittieren musste und seine Rente als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma fristet. Saul bekommt auch mit, weshalb die kleine Sunny stirbt.

Ein korrupter Cop schmiedet finstere Pläne

Der Südafrikaner Roger Smith hat wieder ein erlesenes Ensemble gescheiterter Existenzen versammelt. „Stiller Tod“ heißt sein neuer, soeben erschienener  Thriller, der eigentlich eher  die kalte Tagebuchaufzeichnung einiger Leben in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale ist. Vernon Saul etwa wurde nicht als Held im Einsatz angeschossen: Einigen Drogenhändlern war schlicht das „Schutzgeld“ zu hoch, das der Cop erpresste. Den Dienst musste er denn auch quittieren, weil ihm sonst eine unangenehme interne Ermittlung gedroht hätte. So versucht er als Security-Mann aus seinem Umfeld herauszuquetschen, was eben geht. Er kontrolliert eine ehemalige Prostituierte, hält seine eigene Mutter wie eine Sklavin im Haus gefangen und macht sich auch sonst wenig Freunde.

Ausgehend vom tragischen Tod eines kleinen Mädchens entspinnt sich ein finsterer Reigen, in dem  die Beteiligten ein morbides Ballett aus Betrug, Verrat und Gewalt tanzen. Wenig überraschend, dass sich bald die Leichen am Weg stapeln.

Wenig Raum für Liebe oder Hoffnung bei Roger Smith

Roger Smith hat mit kraftvoller, teils derber Sprache wieder einen düsteren Triller geschrieben. In seinen Büchern ist wenig Raum für Liebe oder Hoffnung. Aber das macht den Reiz aus. Dieses Mal hat sich der Südafrikaner ganz auf die Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) seiner Protagonisten konzentriert – und das enttäuscht. Das „enttäuscht“, weil Smith zuvor mit „Staubige Hölle“ ein ganz außergewöhnlich starker Thriller gelungen war, dessen Personal noch verderbter, dessen Bühne aber die Politik war, auf der Smith ein eindringliches Drama über einen verlorenen Kontinent inszeniert hatte. Sein neuer Roman, „Stiller Tod“ ist dagegen einfach nur ein sehr guter Thriller, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Insofern hält sich die „Enttäuschung“ auch in Grenzen.

Tatort:Kapstadt

Roger Smith stellt zwei Welten gegeneinander. Die Idylle der Reichen, die in noblen, vom Wachpersonal geschützten Häusern am Strand mit Blick auf das Meer leben und die brutale Welt der Slums, in denen Drogenhändler, Zuhälter und  korrupte Cops den Gang der Dinge bestimmen. Stadtviertel, in denen es keine Hoffnung gibt. Roger Smith beschränkt sich in „Stiller Tod“ darauf, diese Gegensätze herauszuarbeiten. Auch der Leser, der Kapstadt nicht aus eigener Anschauung kennt, kann so erahnen, die südafrikanische Metropole eher ein wildes Reiseziel darstellt, dass für einfache touristische Freuden denkbar ungeeignet scheint. Die besondere Kunst Smiths besteht darin, diese Bilder seiner Heimat beinahe beiläufig, aber eindringlich bis unentrinnbar im Gehirn seiner Leser zu projizieren.

Roger Smith, Stiller Tod, Tropen, 380 S., 19,95€

VÖ: 24. Oktober 2012

 



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Das sind meine Krimi-Favoriten des Jahres 2012

Auch in diesem Jahr sind wieder jede Menge Krimis erschienen. Es war viel Durchschnittsware dabei, aber auch einige echte Perlen. Auch dieses Jahr habe ich deshalb als Jahresrückblick und Kauf (Schenk-)Empfehlung zugleich meine ganz persönliche Bestenliste mit den fünf interessantesten/spannendsten/lesenswerten Kriminalromanen zusammengestellt.

 

1. Sam Hawkens: Die toten Frauen von  Juarez, Tropen

Der US-Amerikaner Sam Hawkens beschreibt das Schicksal eines heruntergekommenen Boxers und erzählt damit die wahre Geschichte einer unfassbar brutalen Mordserie an jungen Frauen in der nordmexikanischen Ciudad de Juarez.

 

2. Bernhard Jaumann, Steinland, Kindler

Ein Krimi aus Namibia. Bernhard Jaumann benutzt nicht nur eine in der Kriminalliteratur bedauerlich seltene schöne Sprache, er transportiert über seinen Kriminalroman Informationen aus einem zerrissenen Land.

 

3. Parker Bilal, Die dunklen Straßen von Kairo, Rowohlt

Von der Geschichte überholt, könnte man meinen. Aber der Kairo-Krimi um einen wackeren Privatdetektiv, der mindestens Knietief durch einen Sumpf aus Korruption und Gewalt waten muss, sagt vieles über die Zustände in Ägypten vor der Arabellion aus. Insofern ist er nicht allein außerordentlich unterhaltsam sondern auch sehr lehrreich.

 

4. Marc Elsberg, Blackout, Blanvalet

Der Österreicher Marc Elsberg hat wenig Mitleid mit Europa. Er stellt den Strom ab und stürzt einen ganzen Kontinent in Chaos. Das ist gemein, aber total spannend:. Ein Technologie-Thriller auf höchstem Niveau.

 

5. Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt, Die Frauen die er kannte, Rowohlt/Polaris

Die beiden Schweden, die den Unsympathen Sebastian Bergman erfanden, stehen jetzt schon zum zweiten Mal auf dieser Liste. Ihre Krimis aus Skandinavien stehen aber auch in der besten Tradition schwedischer Krimis, sie sind komplex, spannend und von einer mitreißenden Menschlichkeit.

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Guter Krimi, aber auch Fortsetzungsroman: Thomas Engers „Vergiftet“

Ein ehemaliger Geldeintreiber wird „solide“. Tore Pulli überzeugte einst mit dem Schlagring säumige Zahler, ihren Pflichten nachzukommen. Seinen Anteil, den er dafür erhielt, investierte er in das blühende Osloer Immobiliengeschäft. Dennoch schaffte er es nie ganz aus den Kreisen hinaus, die man gemeinhin als „Halbseiden“  bezeichnet. In diesem Umfeld, das durch Fitnessstudios und Nachtclubs bestimmt wird, geschieht ein Mord Tore Pulli soll einen ehemaligen Geschäftspartner erschlagen haben. Umstände und Vorgeschichte lassen Staatsanwalt und Richter nicht groß zweifeln. Der Mann wird verurteilt – und bittet Henning Juul um Hilfe.

Ermittlungen in halbseidenen Kreisen

Juul ist Journalist für ein Internetmedium und hat seinerseits den Ruf, seine Recherchen hartnäckig und bis an die Grenzen zu treiben. Dennoch hat Juul eigentlich mit diesen halbseidenen Kreisen nichts am Hut, lässt sich aber überzeugen, weil sein Klient ihn mit Informationen über den bis dahin ungeklärten Tod seines Sohnes „bezahlen“ will. Es folgt eine komplexe Mörderjagd mit einem ganzen Haufen skrupelloser Verbrecher – und Verdächtiger.

Thomas Enger und sein atemloser Präsens

„Vergiftet“ heißt der Kriminalroman des Norwegers Thomas Enger. Es ist die Fortsetzung des erfolgreichen Debüts „Sterblich“ aus dem vergangenen Jahr. Für den zweiten Fall um den Journalisten Henning Juul gilt ähnliches wie für den Erstling. „Vergiftet“ ist ein solider, gut konstruierter und spannend aufgeschriebener Kriminalroman mit einem glaubwürdigen Ermittler, an dessen Geschichte man gerne Anteil nimmt. Leider hat die gleiche Anmerkung aus dem Erstling Bestand. „Vergiftet“ ist durchgehend im Präsens geschrieben und der Versuch, damit zusätzliche Spannung zu erzeugen, wirkt leider atemlos und damit etwas unelegant.

Problematisch: Der Krimi als Fortsetzungsroman

Der Krimi als Fortsetzungsroman hat zudem immer das Problem, dass er eine treue, einigermaßen informierte Leserschaft braucht.  Zwar wird, soviel Handwerk beherrscht Enger als Nötige der Vorgeschichte von Henning Juul und den anderen Figuren erklärt, dennoch liest man, weil Juul offenbar weitere Folgen plant, dem Krimi an, dass er nur eine Durchgangsstation ist. Dieses Cliffhanger-Prinzip aus US-amerikanischen Fernsehserien ist mittlerweile auch in der Kriminalliteratur weit verbreitet, muss aber wirklich gut gemacht sein, damit es wirklich gut funktioniert.  Man kann gar nicht sagen, dass es Thomas Enger besonders schlecht gemacht hätte, vielleicht ist auch gerade nur der Punkt erreicht, bei dem der Krimi-Leser diese dramaturgische Geschäftsidee einmal zu viel gelesen hat.

 

Tatort:Oslo

Den „Tatort“ Oslo hatte Henning Juul bereits in seinem Debüt eingeführt. In „Vergiftet“ beschränkt er sich darauf einige Mikro-Schauplätze vorzustellen, die die ganze Tristesse einer durch das Öl zum Reichtum (und nicht zwingend zu Geschmack) gekommenen Metropole vorzustellen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen dieses Reichtums ­– hat sich eine dubiose Szene aus heruntergekommenen Fitnessstudios, Nachtclubs und Restaurants gebildet. Hier bewegen sich die Protagonisten des Kriminalromans. Allerdings spendiert Thomas Enger seinen Leser einen Ausflug in die norwegische Provinz.

Thomas Enger, Vergiftet, Blanvalet, 458 S., 14,99€

VÖ: 29. Oktober 2012