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Harald Gilbers gelingt mit „Germania“ ein besonders fesselndes Krimi-Debüt

Ein besonders gutes – und deshalb vermutlich besonders häufig – verwandtes Thema in der Kriminalliteratur, stellt einsamen Aufrechten in einer gnadenlos verdorbenen Welt ins Zentrum der Handlung. Raymond Chandler hat vermutlich mit Philip Marlowe den bislang bekanntesten Detektiv geschaffen, der solch ein richtiges Leben im falschen führt. Eine interessante Version des Themas gelingt, wenn der Plot in totalitäre Systeme verlegt wird. Tom Rob Smith und Sam Eastland lassen ihre Protagonisten durch den Stalinismus stolpern, die Briten Robert Harris und Philip Kerr haben brillante Krimis in die NS-Zeit verlegt.

 Ermittlungen im Bombenhagel

Genau dort hat jetzt auch ein Deutscher einen Krimi-Stoff angesiedelt. „Germania“ spielt in den letzten Tagen des dritten Reichs, als Berlin unter den permanenten Angriffen alliierter Bomber erzittert. Ein Serienmörder lauert jungen Frauen auf, verstümmelt und ermordet sie gnadenlos. Die Behörden entsinnen sich des Juden Richard Oppenheimer, einst Kriminalpolizist, der eigentlich schon lange Berufsverbot hat: Da er mit einer „arischen“ Frau verheiratet ist, wurde er bislang weder deportiert noch umgebracht. Weil die Ermittler der SS einen Nazi als Täter vermuten, scheint der kaltgestellte aber immerhin unbefangene Oppenheimer die richtige Wahl. Der Ex-Polizist, der im Geiste noch immer aufrechter und pflichtbewusster preußischer Beamter ist, macht sich auf die Suche, obwohl er genau weiß, dass seine „Gnadenfrist“ endgültig abgelaufen sein könnte, wenn er den Täter findet und stellt.

Harald Gilbers hat einen fesselnden Kriminalroman geschrieben

Harald Gilbers hat sich den wackeren Polizisten für „Germania“ erdacht – und das hat er im Großen und Ganzen richtig gut gemacht. Der Journalist und Theater-Regisseur  Gilbers hat eine enorm spannende Geschichte erfunden und erzählt sie – das ist für einen Kriminalroman immer das höchste Lob – fesselnd. Die besten Bücher sind doch immer noch die, die man nicht weglegen mag. „Germania“ gehört dazu.

Ein Schönheitsfehler bei „Germania“

Einen Schönheitsfehler hat der Kriminalroman: Titel und Vorspann sind eine außerordentliche Mogelpackung. „Germania“ suggeriert, dass es um die wahnwitzige Megapolis Hitlers gehen könne. Tatsächlich treten der wahnsinnige Diktator, sein Bauherr Albert Speer und ein Modell der Stadt auf den ersten drei Seiten auf – und dann  nicht wieder. Es könnt ein Kunstgriff sein, den Gegensatz der größenwahnsinnigen Planung und der bombennarbigen Totenstadt des Kriegsendes herauszustellen. Nötig wäre ein solcher Kniff nicht. Und so bleibt der Verdacht, dass sich Autor und Verlag auf einen verkaufsfördernden Marketing-Trick geeinigt haben. Das aber stört den insgesamt großartigen Eindruck, den Gilbers Debüt hinterlässt.

 

Tatort:Berlin

Es gibt für den deutschen Leser wohl kaum einen „Tatort“ den er so gut kennt wie Berlin. Das historische Berlin löst dabei beim Leser häufig eine besondere Faszination aus. „Mauer und „das 3. Reich“ sind die am häufigsten nachgefragten Themen bei Touristen aus In- und Ausland. Insofern hat es Harald Gilbers natürlich leicht, die Stadt als Kulisse für seinen Krimi in Szene zu setzen. Das gelingt ihm, obwohl er sich nicht wirklich Mühe gibt. Das historische Berlin blitzt immer wieder durch, aber man hat das Gefühl, dass der Münchner Gilbers allein in einigen Bildbänden recherchiert hat. Die Wege, die er seinen Ermittler Richard Oppenheimer zurücklegen lässt – und das auch noch größtenteils zu Fuß – sind jedenfalls nicht  besonders plausibel. Da man die Stadt in aller dichterischen Freiheit dennoch gut wieder erkennt, macht auch das oberflächliche Berlin-Bild Spaß.

Harald Gilbers, Germania Knaur, 535S., 9,99€, VÖ: November 2013

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Gnadenlose Härte in Massimo Carlottos „Die Marseille-Connection“

Eine breite, tiefrote Spur zieht sich durch Marseille. Es ist eine blutige Spur, gelegt von einer zutiefst amoralischen Gesellschaft. Es ist nichts Neues, dass unter den bürgerlichen Fassaden der Metropolen Schattengesellschaften existieren. In der südfranzösischen Hafenstadt scheint der Firnis der Zivilisation, unter dem ein Abgrund von Gewalt und Verbrechen droht, besonders dünn. Genauer gesagt scheint die sogenannte bessere Gesellschaft von tiefen Rissen durchzogen. Das behauptet zumindest Massimo Carlotto in seinem neuesten Kriminalroman „Die Marseille Connection“.

Ein neuer Verbrechertypus in „DIe Marseille-Connection“

Der Italiener Carlotto hetzt in seinem düsteren Gesellschaftsentwurf verdorbene Charaktere unterschiedlichster Herkunft aufeinander. Da ist zunächst ein Bolivianer, der zuhause einen Bandenkrieg verlor und als Drogenkurier ins Exil gejagt wurde, dann spielt der einheimische Gangsterboss mit einem korsischen Netzwerk eine wichtige Rolle. Außerdem steht ein neuer Verbrechertyp im Zentrum der Erzählung, es sind vier junge Erfolgsmenschen, bestens ausgebildet und mit besten Aussichten auf die Zukunft, dennoch das perfekte Verbrechen planen  und – wie es grausamen Kindern nun mal oft zu eigen ist – die alte Generation überrollen wollen.

Eine Polizistin mit dubiosen Methoden

Zusätzlich mischen korrupte Lokalpolitiker und  auch der russische Geheimdienst im Spiel um Geld, Macht und Informationen im Marseiller „Nachtleben“ mit. Mittendrin befindet sich zudem noch die abgebrühte Polizistin Bernadette Bourdet, die selber nicht gerade eine Lichtgestalt ist.

Der Blick des Insektenforschers aus ein finsteres Biotop

Alle „Spieler“ in dem Szenario befinden sich auf einer sehr abschüssigen Straße Richtung Verdammnis, um mal ein emotionales Wort zu gebrauchen: Die große Emotion nämlich lässt Carlotto außen vor, er nähert sich seinen Protagonisten mit einem distanzierten Interesse, dem ein Botaniker dem Leben im Insektenbau folgt. Gerade diese gnadenlose Distanz in der Beschreibung macht „Die Marseille Connection“ so außerordentlich gut.

Grusel der härteren Gangart in „die Marseille-Connection“

Für Krimi-Leser, die sich über flächendeckende Hoffnungslosigkeit in der Literatur freuen, bietet Carlotto erzählerisch unendliche Weidegründe. Kein Hoffnungsstreif am Horizont stört die Auseinandersetzung mit dem Elend des menschlichen Daseins.  Man muss kein Misanthrop sein um das zu mögen. Gelegentlicher Grusel auch in der härteren Variante gehört zum Krimi einfach dazu. Wenn man etwas kritisieren möchte, könnte man den Ideenreichtum Carlottos nennen, vielleicht fasst er ein oder zwei Themen zu viel an, die jeweils für einen eigenen Roman Stoff genug böten.

Tatort: Marseille

Wenn man Massimo Carlotto glauben darf, gibt es in Marseille eigentlich kaum einen Menschen, der ehrlicher Arbeit nachgeht. Selbst die Immobilienmakler versuchen inmitten der Bandenkriege und krummen Geschäfte noch ihren Schnitt zu machen. Vermutlich ist das sehr ungerecht zu der Stadt an der Mittelmeerküste, aber der Verlockung, den Schmelztiegel zur Verbrechermetropole zu stilisieren, sind ja auch schon die Macher von „The French Connection“ erlegen. Im 21. Jahrhundert ist alles halt nur eine Nummer größer: Das Verbrechen, die Härte, die Stadt.

Massimo Carlotto, Die Marseille Connection, Tropen, 18,95€, VÖ: Oktober 2013

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Stephan Ludwig wird in „Zorn – Wo kein Licht“ angenehm ernst

 

Der eine ist im Grunde inkompetent, faul, sozial inkompetent und emotional deutlich unterentwickelt. Der andere ist klein, dick, wohnt noch bei seinen Eltern und schleppt einen Haufen Komplexen mit sich rum. Stephan Ludwig hat ein sehr trauriges Duo erdacht, das seinen Dienst bei der Polizei verrichtet.  Zorn und Schröder stolpern außerordentlich mitleiderweckend durch ihre Fälle.

Ein Polizist auf Rachefeldzug?

Auch der dritte Fall, den Stephan Ludwig in „Zorn – Wo kein Licht“ erdachte, hat es in sich. Ein Mann wird im Fluss gefunden, nach dem er offenbar gleichzeitig von einer Brücke gesprungen ist und sich erschossen hat. In rascher Folge verschwinden zudem angesehenen Bürger der Stadt. Es ist natürlich wieder der dickliche Schröder, der erfolgreich ermittelt und bald Zusammenhänge herausfindet. Irgendjemand scheint einen grausigen Rachefeldzug angezettelt zu haben. Ist es gar ein Kollege aus den Reihen der Polizei?

Stephan Ludwig verleiht seinen Protagonisten (endlich) Tiefe

War das Ermittler-Duo Zorn/Schröder noch allzu sehr als Karikatur angelegt, rückt Stephan Ludwig seinen beiden traurigen Gestalten richtig auf die Pelle. Damit gibt er ihnen Konturen – und das bekommt beiden richtig gut. Man entwickelt beinahe so etwas für Bewunderung (naja, zumindest Sympathie) für die beiden emotionalen Versager, da sie sich ihrer Probleme bewusst zu werden scheinen. Es bleibt abzuwarten, ob in einem weiteren Band daraus auch ein Handeln erwächst. Zuzutrauen wär es den beiden.

„Zorn – Wo kein Licht“ ist ein unterhaltsamer Kriminalroman

Das kleine Fünkchen Ernsthaftigkeit, das Ludwig seinen Protagonisten im Vergleich zum Vorgänger „Zorn – Vom Lieben und Sterben“ gönnt, macht den neuen „Zorn“ zu einer richtig guten Krimi-Lektüre. Stephan Ludwig treibt seine Geschichte mit hohem Tempo voran, findet einen unterhaltsam leichten Grundton gönnt seinen Lesern hinreichend komplexe Nebengleise und Randfiguren und kann eine krimi-gerechte gruselige Handlung erzählen. Insofern darf man angesichts der Steigerungsrate schon sehr auf den bereits versprochenen nächsten Band gespannt sein.

Stephan Ludwig, Zorn, Wo kein Licht, Fischer, 403S., 9,99€, VÖ: September 2013

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Merkwürdige Menschenbilder bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“

Menschen mit Charakterschwäche haben schütteres Haar, Schwulen kann man nicht wirklich trauen, Menschen mit Bauch taugen höchstens als komischer, geistig eher minderbemittelter Side-Kick. Andererseits  darf man (genauer gesagt in diesem Fall Frau) von Männern nur das Beste erwarten, wenn sie erstens volles Blondes Haar haben und zweitens durchtrainiert sind. Wenn diese kein harmloser kleiner Krimiblog wäre, könnte einen ob solch eines darwinistisch, blond-blauäugigen Menschenbildes die pure Abscheu packen. Das der krimi-radar aber ein harmloser kleiner Krimiblog ist, sei an dieser Stelle nur auf die bis zur Schmerzgrenze grobschlächtige Figurenzeichnung hingewiesen, die die britische Autorin A.J. Cross bei ihrem Debüt „Kalter Schlaf“ verwendet.

Die Rückkehr der ermittelnden Super-Frau

Das Drama beginnt schon bei der Protagonistin, der Psychologin Kate Hansen. Die ist erstens Akademikerin, unterrichtet zweitens an der Uni von Birmingham, unterstützt viertens als Beraterin die örtliche Polizei bei besonders vertrackten Fällen, ist sechstens Mutter, siebtens das selbstverständlich alleinerziehen, um dann neuntens natürlich vor ihren Studenten perfekt gestylt mit lang wallender Mähne und Chanel-Kostüm aufzutreten, sich aber dann zehntens als Gegenprogramm abends zur Entspannung die Zehennägel zu lackieren.  Wer das für glaubwürdig hält, ist bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“ genau richtig. Ja, das ist zunächst einmal einfach nur platt, wenn der krimi-radar nicht nur ein harmloser kleiner Krimiblog wäre, würde er die Frage stellen, ob sich noch jemand wundert, dass angesichts solcher tonnenschwer drückenden Role-Models junge Frauen heute gelegentlich ein Problem mit der Selbstfindung haben. Aber glücklicherweise ist krimi-radar ja nur ein Krimiblog.

Keine gute Idee: A.J. Cross hat das eigene Leben als Vorbild genommen

Vielleicht führt A.J. Cross, die als forensische Psychologin in Birmingham lebt und mit Sexualstraftätern arbeitet, nicht ihre eigene Geschichte aufschreiben sollen. Mit allen Facetten trägt „kalter Schlaf“ so deutlich autobiografische Züge, und die Autorin ist vermutlich der allzu lockenden Versuchung erlegen, sich selber und ihr eigenes Leben bei leichten Verfremdungen zu idealisieren. Das ist bislang noch bei keinem Krimi-Autor wirklich gut ausgegangen.

Suche nach einem Mutti-Hasser und Mörder

Ein Krimi ist „Kalter Schlaf natürlich auch. Die Psychologin wird hinzugerufen, als eine verweste Frauenleiche gefunden wird. Die Identität der jungen Frau wird schnell geklärt, die Tätersuche gestaltet sich kompliziert. Es stellt sich jedoch heraus, dass mit der Leiche die Taten eines Serienvergewaltigers ans Tageslicht kommen. Das Motiv passt vom Niveau her zur Figurenzeichnung, und kann ohne zu viel preiszugeben, verraten werden: Der Täter wurde, wirklich originell ist das nicht, aus Hass auf seine Mutter zum Mörder und Vergewaltiger.

Kalter Schlaf ist auch sprachlich eine zähe Angelegenheit

Wer nach den bisherigen Bemerkungen noch eine Lese-Empfehlung braucht: Weglassen. Das ganze ist noch nicht einmal besonders gut aufgeschrieben. Ganz ohne literaturtheoretische Analyse bleibt auch sprachlich der Eindruck einer außerordentlich zähen Angelegentheit.

A.J. Cross, Kalter Schlaf, Blanvalet, 572S., 9,99€,VÖ: Juni 2013

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Kommissare oder Karikaturen? Stephan Ludwig sollte sich entscheiden

Die österreichische Krimi-Schriftstellerin Ursula Poznanski hat in einem Interview einen einfachen, aber wahren Satz über glaubwürdige und mitreißende Ermittler gesagt.“ Man muss ihnen zutrauen, dass es sie es am Ende hinbekommen“. Bei Claudius Zorn, aber auch seinem Partner sind da erhebliche Zweifel angebracht. Zorn ist eine Erfindung von Stephan Ludwig, in Halle lebender Autor.

Claudius Zorn, äußerlich wie innerlich ungeschickt

Ludwig beschreibt seinen Ermittler als wenig motiviert, kleingeistig und äußerlich wie innerlich ungeschickt. Zwar wird „Vom Lieben und Sterben“ meist aus der Perspektive Zorns erzählt, aber den Autoren hat offenbar die Lust an der Groteske zu sehr gereizt. Jedenfalls schwankt die Einschätzung des Lesers häufig zwischen Depp und Held, überflüssig zu sagen, dass der Zeiger meistens Richtung Depp weist. Folgerichtig basieren die „Ermittlungserfolge“ meist auf Zufällen.

Ein ergreifender Plot um Kindesmissbrauch

Der Fall, durch Zorn und sein Kompagnon Schröder stolpern, hat es in sich. In der ansonsten verschlafenen Provinzstadt sterben unvermittelt Teenager. Genauer gesagt werden sie beinahe schon bestialisch hingerichtet. Dass um Missbrauch geht , kann der Leser, angesichts der Tatsache, dass die Opfer sich seit Kindheitstagen kannten, schnell ahnen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt, jedoch nicht. Die Konstruktion des Plots ist Ludwig überaus gut gelungen. Und so ist „Vom Lieben und Sterben“, der zweite Fall des Duos, nicht wegen, sondern trotz seiner Ermittler ergreifend und bis zum Schluss einigermaßen spannend. Und wenn sich Ludwig irgendwann entscheiden kann, ob seine beiden Hauptdarsteller Karikaturen oder Kommissare sind, kann die neue Reihe tatsächlich, wie auf dem Umschlag angekündigt, Kultstatus erlangen. So reiht er sich trotz einiger guter Ideen nur im unteren Mittelfeld der Neuerscheinungen ein.

Tatort:Provinz

So ganz genau ist nicht zu erkennen, wo die Zorn-Reihe spielt, aber Vieles spricht für die ostdeutsche Provinz. Das wird aus dem Umfeld der Ermittler deutlich, die – wenn ihnen nicht gerade ein Mordopfer vor die Füße fällt, sich um Betrug am Pfandautomaten oder Einbrüche bei Kleingärten kümmern müssen.  Insgesamt bleibt aber die Stadt als Tatort einigermaßen blass.

Stephan Ludwig, Zorn, vom Lieben und Sterben, Fischer, 367 S., 8,99€, VÖ: November 2012

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Bernhard Jaumanns spannendes Portrait eines zerrissenen Landes

Manchmal entscheiden auch bei der Verbrecherjagd Kleinigkeiten zwischen Erfolg und Misserfolg. In Windhoek beispielsweise kommt die Polizei bei der Verbrecherjagd nicht voran, weil auf einem Revier die Stifte fehlen, eine Zeugenaussage aufzunehmen. Ein Polizeibeamter hatte sie gestohlen, um seine Kinder mit Schreibutensilien für den Schulunterricht ausstatten zu können.

In Namibia besteht der Rassimus fort
Diese und viele andere Szenen aus dem Polizistenalltag Namibias beschreibt Bernhard Jaumann in seinem großartigen Kriminalroman „Steinland“. Sein zweiter Roman aus dem Süden Afrikas zeichnet erneut eine beeindruckende Skizze aus einem zerrissenen Land, in dem noch immer der Rassismus scharfe Grenzen zieht. Zum alten, unterschwellig fortbestehenden Rassismus der Weißen hat sich ein Rassismus der Schwarzen hinzugesellt. Dass die Aufhebung der Rassentrennung die Einteilung in Arm und Reich im Land nicht wesentlich verändert hat, verschärft die Konfliktlinien, ebenso die Erkenntnis, dass auch die neuen schwarzen Herren nicht wesentlich altruistischere Motive bei ihrer Politik leitet als einst die kolonialen Besatzer.

Bernhard Jaumann liefert mehr als eine spannende Verbrecherjagd
Wer von einem Krimi mehr erwartet als eine spannende Verbrecherjagd, wird „Steinland“ lieben. Jaumann erzählt viel vom Leben am der südlichen Ende des afrikanischen Kontinents. Auch wenn er eine deutlich positivere Lebenseinstellung hat, als der Südafrikaner Roger Smith, der in „Staubige Hölle“ ein Bild von beinahe apokalyptischem Ausmaß zeichnete, wird die ganze Härte des Alltages auf beinahe jeder Seite spürbar. Da Jaumann zudem einen außergewöhnlich guten Umgang mit der deutschen Sprache pflegt, wird das Lesen auch jenseits anspruchsvoller Inhalte zum Genuss.

Mord auf der Farm Steinland
Die Kriminalgeschichte greift exemplarisch die Probleme der namibischen Gesellschaft auf: Kommissarin Clemencia Garises wird zur Farm „Steinland“ gerufen. Deren Besitzer, ein Abkömmling deutscher Einwohner wurde ermordet, sein Sohn entführt, angeblich von Schwarzen, deren Spur in die Townships von Windhoek führt. Schnell wird deutlich, dass die Situation wesentlich komplexer ist, als die Polizei zunächst vermutet. Dass ihr Bruder Melvin offenbar in die Vorfälle verwickelt ist, macht die Sache für Kommissarin Garises nicht eben einfacher. Zu allem anderen ist Bernhard Jaumann mit seinem komplexen Handlungsentwurf auch noch ein überaus spannender Krimi mit überraschenden Wendungen und raffinierten Einfällen gelungen. Natürlich bremsen die komplexen Schilderungen des namibischen Lebens das Tempo. Dennoch: Ein perfektes Lesevergnügen.

Tatort:Namibia
„Die Steine schrieen aus dem Grau der Nacht. Sie seufzten nicht und jammerten nicht, es war kein Flüstern, kein Tuscheln, kein sachtes Wispern im Wind. Sie brüllten so laut, dass es in Elsa Rodensteins Ohren gellte…“ Erste Sätze sind in Romanen ja immer wichtig. Es soll sogar Menschen geben, die alle wichtigen ersten Sätze der Weltliteratur aufsagen können – eine schöne, wenn auch komplett überflüssige Kunst. Bernhard Jaumann sind drei überaus gelungene erste Sätze gelungen. Sie zeigen erstens, welches sprachliche Niveau den Leser auf den folgenden Seiten erwartet und zweitens sagen sie beinahe alles, was man über Namibia wissen muss.
Es ist ein karges Land, dessen „Reichtum“ mühsam dem Boden entrissen werden muss. Im Überfluss gibt es nur Wüsten und Steine. Es ist ein einsames, mühsames Leben, das die Farmer auch Nahe der Hauptstadt Windhoek führen. Auf der Farm „Steinland“, die Bernhard Jaumann stellvertretend beschreibt, wird die Tristesse der noch weißen Besitzer deutlich. Dass diese hart arbeitenden Farmer, eher Einsiedler als Großgrundbesitzer, dennoch als reiche Elite des Landes betrachtet werden, zeigt deutlich das ganze Elend Namibias, dass trotz aller Reformen nicht von den Knien kommen will. Natürlich gibt es atemberaubende Schönheit, aber das ist eher das Namibia der Touristen: Auf dem Land, aber noch mehr in den Townships, wo einige ergaunerte Cola-Flaschen beinahe schon der Weg zum „Wohlstand“ sind, ist für Idyll kein Raum.

Bernhard Jaumann, Steinland, Kindler, 313 S., 19,95€
VÖ: 7. März 2012

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In Hanna Winters „Opfertod“ legt ein Serienmörder eine Spur aus Leichenteilen

Lena Peters hat es wirklich nicht leicht. Der Chef ist schwierig, die Kollegen versuchen sich in der Kunst des Mobbens und privat läuft es auch nicht viel besser: Sie verlor als Kind bei einem Unfall ihre Eltern, musste mit ansehen, wie beide im Autowrack verbrannten. Zu allem Überfluss schleppt sie als Ballast noch eine drogensüchtige, psychisch instabile Zwillingsschwester mit durchs Leben. Damit es für die junge Frau nicht zu leicht wird, hat sie zu allem Überfluss bei der Berufswahl nicht aufgepasst und muss als Psychologin und Profilerin für die Polizei Serienmörder und sonstige Psychopathen jagen.
Die junge Autorin Hanna Winter hat ihrer Protagonistin das schwer Bündel geschnürt – und gehört zu den stärkeren Seiten ihres neuesten Kriminalromans „Opfertod“, dass die Biographie dennoch funktioniert. Lena Peters ist eine sympathische Persönlichkeit, deren Probleme wohl dosiert über mehrere hundert Seiten verteil werden und so nicht aufdringlich wirken.

Profilerin Lena Peters jagt einen Serienmörder
Die Profilerin wird von der Berliner Polizei angefordert, um eine überaus unappetitliche Mordserie aufzuklären. Ein Unbekannter entführt scheinbar wahllos junge Frauen, um sie zu verstümmeln und zu ermorden. Jedenfalls findet die Polizei in Berlin gleich dutzendweise Frauenleichen, denen die unterschiedlichste Körperteile amputiert werden. Lena Peters soll ein Profil des Killers erstellen und muss schnell feststellen, dass sie bei ihren Kollegen auf Barrieren und ansonsten auf zahllose Ungereimtheiten stößt. Schnell wird sie zur Außenseiterin und ermittelt auf eigene Faust. Dass sie dabei in Gefahr gerät, bedarf keiner weiteren Erwähnung.

Eine sympathische Ermittlerin in einer Geschichte mit Lücken
„Opfertod“ ist ein zwiespältiger Kriminalroman. Hanna Winter hat, wie schon angedeutet, eine sympathische Hauptfigur und einen glaubwürdigen „Sidekick“ erdacht, die ein ermittelndes Duo ergeben, dem man gerne durch die Handlung folgt. Bei der Krimihandlung jedoch zeigt der Thriller Schwächen, obwohl die Grundidee ebenfalls durchaus gelungen ist. Bei den Details wirkt die Geschichte jedoch immer wieder konstruiert bis unglaubwürdig, oft hilft der Zufall, die Handlung voranzutreiben. Gelegentlich scheint es, als habe die Autorin auch keine Erklärung für das Geschehen, wisse nur, dass es eben irgendwie weitergehen muss. Auch die Motive des handelnden Personals, insbesondere des Bösewichts, werden nicht nur nicht erklärt, sondern bleiben gelegentlich unverständlich.

Hanna Winter bietet Unterhaltung für entspannte Leser
„Opfertod“ versteht also vor allem wegen des interessant erdachten Personals den geneigten, kleineren Mängeln tolerant gegenüberstehenden Krimi-Leser zu unterhalten, wird aber keinen bleibenden Eindruck als große Krimiliteratur hinterlassen. Da der Kriminalroman allerdings sehr entschieden als Serie angelegt ist, bleibt ja Hoffnung auf eine Fortsetzung, die Stärken ausbaut und Schwächen abstellt, so dass sich Lena Peters doch noch einen Platz im erinnernswerten Ermittler-Kreis sichert

 

Tatort:Berlin
Berlin scheint ein Dorf. Im Rekordtempo geht es jedenfalls durch die Stadt, von Spandau in den Wedding, nach Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain. Die weiten Wege, die dazwischen liegen, sind keiner weiteren Erwähnung wert. Insofern bringt „Opfertod“ die Stadt nicht wirklich näher. Dass eine – und sei es eine junge – Polizeimitarbeiterin in der Nähe der Boxhagener Straße in Friedrichshain wohnt, ist nur damit zu erklären, dass diese Adresse aus unerfindlichen Gründen immer noch als besonders interessant gilt. Ansonsten hagelt des gelegentlich Stereotypen. Das ist nicht schlimm. Berlin hält das aus. Die Hauptstadt hat zwar noch immer keinen besonderen Glamour-Faktor, aber als heruntergekommene Kulisse für zwielichtige Gestalten ist sie traditionell unschlagbar. Insofern funktioniert auch der Tatort Berlin für Hanna Winters „Opfertod“ sehr gut.
Hanna Winter, Opfertod, Ullstein, 318 S., 8,99€
VÖ: März 2012

 


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Hans Koppel zerstört in „Entführt“ gute Ideen mit billigen Effekten

Kinder sollen ja bekanntlich um keinen Preis zu Fremden ins Auto steigen. Eines Abends begeht auch Ylva, lange erwachsen und selber Mutter diesen Fehler. Sie lässt auf dem Heimweg von der Arbeit von einem Paar im Auto mithnehmen und findet sich kurze Zeit später in einem Kellerverlies gefangen wieder.

Eine grausame Entführung in der schwedischen Provinz

Schritt für Schritt wird die junge Frau gedemütigt und von ihren Peinigern gequält. Über einen Fernsehmonitor kann sie zudem beobachten, wie das Leben ihres Mannes und ihrer Tochter unterdessen seinen Lauf nimmt, wie aus Verzweiflung, Trauer, später Routine und schließlich ein neues Leben wird.

Viele gute Ideen im Psychothriller

Eigentlich entwickelt Hans Koppel mit seinem Thriller „Entführt“ gleich mehrere sehr gute Ideen. Was passiert mit einem Menschen, der über einen langen  Zeitraum eingesperrt wird, wie kommen Hinterbliebene damit zurecht, dass ein Mensch einfach tatsächlich spurlos verschwindet, wie gehen sie mit Schuldgefühlen, Wut und Verdächtigungen von Nachbarn und Freunden um? Das alles sind Fragen, die aufkommen und interessant wären, beantwortet zu werden.

Hans Koppel liefert kaum Antworten

Leider deutet der Schwede Koppel, der den Psychothriller in seiner Heimatstadt Helsingborg angesiedelt hat, die inneren Konflikte nur an und lässt viele Fragen offen. Der Kriminalroman ist temporeich aufgeschrieben, der Tatort, ein scheinbares Vorortidyll, das zur Hölle wird, und viele überraschende Wendungen klug erdacht. Allerdings begleitet der Autor seine Figuren und ihr Leben in der Vorstadthölle nur an der Oberfläche. Über die Seelenqualen, die Verwandlung der Menschen, die er zu Beginn so raffiniert einführt, erfährt man sich so gut wie nichts. Er bleibt wie ein gebannter, aber letztlich uninteressierter Zuschauer auf Distanz.

Alles für die „Quote“?

Koppel setzt in erster Linie auf reißerische Effekte. Anders sind die wiederholt ausgemalten Vergewaltigungsszenen nicht zu erklären. Spätestens nach dem ersten Mal ist dem Leser klar, dass es sich der Entführung um eine besonders perfide Form der Rache handelt. Alle weitere Schilderungen sind überflüssig und schielen vermutlich auf eine perfide Weise auf die Quote bei einem Massenpublikum.  Insofern ist Hans Koppels Kriminalroman sogar im höchsten Maße ärgerlich.

 

Tatort: Helsingborg

Entführt ist beinahe ein Kammerspiel: Das Leben des Opfers spielt sich auf wenigen Quadratmetern im Kellerverlies eines Vororthauses ab. Über Helsingborg erfährt man, wenn das Leben des Ehemanns beschrieben wird,  jenseits der Schlafstadt, wie sie wohl überall in Europa zu finden ist, nur sehr wenig. Das ist kein Mangel, angesichts des Themas, das sich der Schwede Hans Koppel gesucht hat.

Hans Koppel, Entführt, Heyne, 352 S., 14,99€

VÖ: Februar 2012