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Raymond Chandlers „Der große Schlaf“, Geburtsstunde Philip Marlowes

Es ist ein Traumsatz eines jeden Bloggers, einmal einen Post mit „Adorno sagt“ zu beginnen. Was das mit Kriminalromanen zu tun hat? Eigentlich nichts, aber andererseits geht auf den deutschen Philosophen der schöne Satz „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ zurück. Die Romanfigur Philip Marlowe ist der Großvater all jener Ritter von der traurigen Gestalt, die mit einer gewissen naiv-bewundernswerten Sturheit mit dem Kopf voran gegen eine betonharte Realität anspringen.

Adornos und Chandlers ähnlicher und doch anderer Blick auf die Gesellschaft

Der US-Amerikaner Raymond Chandler schuf seinen eigenwilligen Privatdetektiv in den 30er Jahren, ebenjener Zeit, in der Theodor Adorno von den Nazis ins Exil getrieben worden. Beide beobachteten aus unterschiedlichen Blickwinkeln – und mit unterschiedlichen Denkergebnissen – eine zutiefst amoralische, verrohte und bis ins Mark verdorbene Gesellschaft. Auch wenn sie dabei ihren Blick auf gänzlich unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe, Adorno den Totalitarismus und Faschismus, Chandler einen dekadenten, korrupten Kapitalismus kamen beide zu gleichermaßen vernichtenden Urteilen. Während der deutsche Philosoph im amerikanischen Exil daraus ein moralisches Manifest entwickelte, schuf der US-amerikanische Journalist Unterhaltung

Raymond Chandler und seine Krimis der „Schwarzen Serie“

Raymond Chandler gilt als einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer des Noir-Genres, der Schwarzen Serie, in der sich der Protagonist in einer moralisch verderbten Gesellschaft bewegt, versucht, immer das richtige zu tun, dabei aber bei der Wahl der Mittel ebenfalls nicht zimperlich ist. Philip Marlowe wurde so neben Hammetts Sam Spade, Christies Hercule Poirot und Conan Doyles Sherlock Holmes zu den berühmtesten Detektiven der Kriminalliteratur.

Ein Welterfolg mit Phlip Marlowe

Chandler ging einen wechselvollen Weg mit zahlreichen beruflichen Stationen bevor er sich als Journalist und schließlich als Kriminalautor versuchte. 1988 geboren begann er in den 30er Jahren Kurzgeschichten zu schreiben, sozusagen, um das Genre Kriminalroman üben. 1939 erschien sein Debüt-Roman „Der große Schlaf“. Philip Marlowe wird von einem Auftraggeber, dem schwer kranken General Sternwood, gebeten, sich um einen Erpressungsversuch gegen eine seiner beiden Töchter zu kümmern. Marlowe muss schnell feststellen, dass beide, auf ihre Weise, vollkommen verdorben sind und in tiefe Machenschaften um Verbrechen und Korruption verstrickt sind. Dennoch versucht Marlowe beiden zu helfen, den Auftrag seines Klienten zu erfüllen und seinen eigenen moralischen Standards gerecht zu werden: vor allem letzteres stellt Marlowe in einer prinzipienlosen Welt vor immer neue Herausforderungen.

Die Vorlage des Film-Klassikers mit Humphrey Bogart

Das im Vergleich zu heutigen Kriminalromanen angenehm dünne Büchlein wurde rasch zum Bestseller und begründete Chandlers Weltruhm. Insgesamt sieben Philip-Marlowe-Romane schrieb der US-Schriftsteller, der unter anderem in Hollywood als Drehbuchautor arbeitete. Die Filmstadt an der Westküste, die Chandler in so düsteren Farben beschrieb, setzte dem Krimi-Autor ein filmisches Denkmal. Howard Hawks verfilmte „The Big Sleep“ mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in den Hauptrollen. Ein Remake gab es in den siebziger Jahren mit Robert Mitchum als Philip Marlowe. Beide Verfilmungen sind in der Kritik nicht unumstritten, das aber interessierte das Kino-Publikum nicht. Wie die Bücher sind auch die Filme, insbesondere die Bogart-Version echte Klassiker.

Tatort: Los Angeles.

Die Stadt der Engel ist in den Romanen Raymond Chandlers ein Ort von düsterner Schönheit. Die Stadt über dem Pazifik schimmert insbesondere Nachts verführerisch, wenn man dem US-Autor glauben darf. Wie viele Metropolen übt die Stadt insbesondere aus der Fernsicht große Faszination aus, aber wehe, wenn man dem Moloch zu nahe kommt, dann springt der ganze Schmutz, die versammelte Verderbtheit einer zutiefst korrupten Gesellschaft ins Auge. All das beschreibt Chandler in einem desillusionierten Ton, allein über die Menschen, die seine Romane bevölkern – und doch zeichnet er, ohne es oberflächlich darauf anzulegen, ein äußerst präzises Bild der Stadt der 30er und 40er Jahre. Manch einer befürchtet, dass sich unter einer kernsanierten Fassade der Kern der Stadt unvermindert verrottet bleibt.

Raymond Chandler, Der große Schlaf, Diogenes, 9,99€, VÖ: 1939
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David Kesslers „Späte Schuld“. Unsägliches Thema, nerviger Plot

Die Geschichte geht ungefähr so: Ein jugendlicher Schwarzer wird Zeuge, wie seine Mutter von weißen Cops vergewaltigt wird, wandelt sich daraufhin zum radikalen Muslim und vergewaltigt seinerseits aus politischen (!) Gründen, ein halbes Dutzend weißer Frauen. Um den Strafverfolgungsbehörden zu entgehen, flieht der Mann nach L  beziehungsweise den Sudan, lernt dort, dass Moslems auch nicht immer nett sind und stellt sich in den USA der Justiz. Nach einer überschaubaren Haftstrafe konvertiert er zum Christentum der konservativeren Sorte und wird berühmter Talkshow-Gastgeber

Vergewaltung als Kavaliersdelikt?

Das alles war nur die Vorgeschichte. Ein Unbekannter vergewaltigt in der Jetztzeit eine junge US-Amerikanerin und Elias Claymore, der Mann mit der bewegten Vorgeschichte, gerät zunächst in den Fokus der Ermittler und später wegen erdrückender Indizienbeweise vor Gericht. Dort vertritt ihn sein alter Freund Alex Sedaka. Im Grunde handelt es sich bei David Kesslers Kriminalroman um einen Gerichtsthriller. Tatsächlich ist es eine Farce.

David Kessler konstruiert einen unsäglichen Fall um einen Vergewaltiger

Manchmal fragt man sich, ob die Autoren, die uns mit Kriminalromanen überhäufen, vor dem Schreiben nachdenken. Den Plot, den uns David Kessler in „Späte Schuld“ vorsetzt, kann man ein einem Wort nur als unsäglich bezeichnen. Mal abgesehen davon, dass die ganze Handlung komplett unglaubwürdig konstruiert rüberkommt, könnte der Eindruck entstehen, als ginge es bei Vergewaltigung um eine Art Kavaliersdelikt, von dem, wenn es nur aus den „richtigen“, also beispielsweise politischen Gründen begangen würde, ein Weg zurück in das gesellschaftliche Rampenlicht führen könnte.

Weitere merkwürdige Wirrungen in „Späte Schuld“

Wer noch weiter Kostproben zum Plot braucht (wer Kesslers Buch noch lesen will, sollte die nächsten Zeilen überspringen): Der Angeklagte hat noch zwei weitere Frauen vergewaltigt, was er aber vergaß, beim Geständnis zu erwähnen. Beide sind in den Fall involviert, die eine als Anwältin, die andere als Betreuerin von Vergewaltigungsopfern. Beide führen, das noch obendrein, eine lesbische Beziehung (scheinen dort aber nicht über die wichtigen Dinge ihres Lebens zu reden). Eine von beiden wiederum ist die Mutter eines Sohnes, der bei der Vergewaltigung gezeugt wurde. Dieser wiederum tritt in die Fußstapfen seines Vaters und ist der eigentliche Täter der Vergewaltigung, derer sein Vater sich vor Gericht verantworten muss.  Wer trotz des Plots und des Themas noch einen Hinweis braucht: Nicht lesen!

David Kessler,Späte Schuld: Thriller; Goldmann, 506 S., 9,99, VÖ: Mai 2013


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Robert Ellis Todesakt: Ein Krimi für Vielflieger – spannend aber schlicht

Neulich hat ein US-amerikanischer Wissenschaftler mit beinahe ehrfürchtig gesenkter Stimme von einem wissenschaftlichen Buch erzählt, das so gut sei, dass es sogar an den Flughäfen verkauft worden sei. Die Flughafenbuchhandlung ist das amerikanische Äquivalent der guten alten deutschen Bahnhofsbuchhandlung. Beide führen ein literarisches Sortiment, dass in vollen Zügen oder engen, wackeligen Flugzeugen leicht konsumiert werden kann. In den USA ist das eine Auszeichnung, hierzulande eher eine herablassende Abwertung.

Ein gerechter Mord in Todesakt?

Nun kann also jeder daraus machen, wenn was er will, wenn ich Robert Ellis „Todesakt“ als typischen Flughafenkrimi einschätze. Es geht um eine schöne, toughe Mordermittlerin in Los Angeles, die einen Doppelmord aufklären muss. Die Opfer: Ein dubioser Nachtclubbesitzer und ein mutmaßlicher Vergewaltiger und Mörder.  Letzterer soll die Tochter seines Nachbarn, die 16-jährige Lily Hight umgebracht haben, wurde aber in einem umstrittenen Prozess freigesprochen.

Kein Interesse an ernsthaften Ermittlungen

Die schöne und toughe Detektivin, Lena Gamble, beginnt zu ermitteln und muss schnell feststellen, dass den Opfern niemand wirklich eine Träne nachweint. Nach Meinung der Öffentlichkeit, ihrer Kollegen und ihrer Vorgesetzten hat es die Richtigen erwischt. Akte zu und fertig. So einfach macht es sich Gamble natürlich nicht und schaut genauer hin – natürlich zu Recht.

Robert Ellis schreibt spannend, aber ohne Tiefgang

Robert Ellis hat einen spannenden Thriller geschrieben, mit einem interessanten Plot und hohem Tempo. Wer fliegt oder mit der Bahn reist, wird auf unkomplizierte Weise unterhalten, muss aber in Kauf nehmen, dass die Protagonisten eher schlicht erdacht sind, Männer haben grundsätzlich volles Haar und einen durchtrainieren Körper (es sei denn sie hätten die Rolle des komischen Sidekicks) und beim weiblichen Personal lösen die männlichen Hauptdarsteller mindestens zwei bis drei Mal je Roman wahlweise kribbeln oder brennen oder sonstwas in der Brust und zwischen den Beinen aus. Wer auf intelligente, differenzierte Figurenzeichnung mit Tiefgang Wert legt, wird in der Flughafenliteratur meistens eher enttäuscht. Das muss ja aber kein Makel sein. Im reichhaltigen Krimi-Universum freut man sich ja gelegentlich, wenn man einfach nur unkompliziert und spannend unterhalten wird. Das ist dann ja auch gut.

 

Tatort: Los Angeles

Es gibt Stereotypen im US-amerikanischen Krimis. So kann man davon ausgehen, dass jemand, der in einem schwarzen Lincoln Towncar vorfährt, entweder Mafiaboss oder korrupter Bürgermeister ist oder sonstwie ein gespaltenes Verhältnis zu Recht und Ordnung hat. Krimis, die in Los Angeles spielen, bieten eine relativ einheitliche Unterbringung des Ermittlers. Meist wohnt das Personal in leicht heruntergekommenen Häusern in den Bergen, über der Stadt, aber mit traumhaften Blick über die See – kurz der perfekte Ort um Selbstzweifel, gemeine Vorgesetze und gescheiterte Beziehungen in einem Meer aus Alkohol und Selbstmitleid zu ertränken. Robert Ellis „Todesakt“ macht da keine Ausnahme. Ansonsten bleibt der Tatort Los Angeles eher blass, aber das passt zur Action-getriebenen Konstruktion vieler US-Thriller.

Robert Ellis, Todesakt, Goldmann, 344 S.,9,99

VÖ: April 2013





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Michael Connelly nimmt gierige Banker aufs Korn

Der Lincoln-Lawyer ist zurück. Im Rücksitz einer Limousine mit zwielichtiger Vergangenheit kreuzt Michael Haller duch die Straßen von  L.A. und gabelt buchstäblich am Straßenrand Klienten auf. Mittlerweile ist der Anwalt beinahe seriös geworden – er fischt Kunden auch auf dem Anzeigenmarkt ab.

Mord an einem gierigen Banker

Seine neueste Einnahmequelle: Opfer der Immobilienblase, die die Raten ihrer Krediten nicht mehr bedienen können und von Banken per Zwangsversteigerung aus ihrem Haus getrieben werden. Eine dieser Kunden ist Lisa Trammel, eine eher penetrante Lehrerin, die seit Jahren um ihr Haus kämpft und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu drastischen Mitteln griff: Die Polizei verhaftete die junge Frau, weil sie angeblich einen ihrer Banker mit dem Hammer erschlug.

Aus der Untersuchungshaft meldet sich Trammel bei Michael Haller, der zunächst einmal eine gute Einnahmequelle wittert, vor allem – schließlich praktiziert er in der Nachbarschaft Hollywoods – weil er ahnt, dass er mit Filmrechten auf seine Kosten kommen könnte. Erst allmählich, als er während des Prozesses versucht, Verteidigungslinien aufzubauen, beginnt er, auch an die mögliche Unschuld seiner Mandantin zu glauben

Man ahnte es schon immer – der Immobilienmarkt ist ein Haifischbecken

Das Immobiliengeschäft ist, damit spielt Michael Connelly, der geistige Vater von Michael Haller gekonnt, ein dunkler Sumpf, in dem mit harten Bandagen um Provisionen und Renditen gekämpft wird. „Der fünfte Zeuge“ heißt der neueste Roman des derzeit wohl besten „Serientäters“ aus den USA. Michael Haller ist die Zweitfigur des Autoren, der bereits eine umfangreiche Serie um den zynischen, aber immer ehrlichen und donquixote-artig gegen die Umstände kämpfenden Harry Bosch geschaffen hat.

Michael Connelly, der derzeit beste Serientäter aus den USA

Michael Connelly bietet routiniert Krimi-Stoff auf allerhöchstem Niveau. „Der fünfte Zeuge“ ist formal vielleicht nicht sehr innovativ, ein Gerichtsthriller, der zum größten Teil auf den wenigen Quadratmetern zwischen Richtertisch, Anklagebank und Jury spielt, ein Szenario, wie es John Grisham immer wieder inszeniert hatte, aber Connolly ist ein Meister des Spannungsbogens. Er konstruiert Kriminalromane, die wirklich fesseln. Auch wenn man meint, den Verlauf erahnen zu können, will der Leser den Protagonisten auf den Fersen bleiben – und irgendwie schafft es Connelly doch immer wieder, sein Personal unvermittelt völlig überraschende und doch glaubwürdige Haken schlagen zu lassen.

Auch das handelnde Personal ist eigentlich bekannt und schon oft erzählt, Harry Bosch und sein Cousin Mickey Haller sind Männer, die ihr bestes Alter beinahe schon hinter sich haben, sich aus reinem Selbstschutz mit Härte und einem dicken Mantel aus Zynismus umgeben, im Innersten aber nie aufgegeben haben, an das Gute zu glauben – und dafür auch einstehen. Koste es, was es wolle. Streng genommen ist das natürlich furchtbar eindimensional, dennoch, leidet, fiebert und lebt der Leser mit den Abenteuern der beiden aufrechten Großstadtcowboys in einer schmutzigen, verkommenen Welt mit.

Tatort:Los Angeles

Es gibt Städte, die sind nur von Oben schön. Rio de Janeiro gehört dazu. Vom Corcovado, dem Berg, von dem aus die Jesus-Statue über die Einwohner wacht, betrachtet, glänzt die Stadt in den schönsten Farben: Natur, Häuser und Meer bilden ein perfektes Ensemble, aus der Nähe jedoch wird Rio zum Moloch. Michael Connelly sieht sein Los Angeles wohl ähnlich. Wenn er sich Straßen und Häusern einer immer weitläufigen und zugleich beinahe ländlich provinziell wirkenden Metropole nähert, zeichnet der US-Amerikaner die Stadt wie eine zu grell geschminkte, alternde Prostituierte, die ihre besten Tage deutlich hinter sich hat. Friedvoll wirkt Los Angeles immer dann, wenn seine Darsteller von einer Dachterrasse eines auf einem der vielen Hügel liegenden Häuser aus auf die Stadt schauen. Dieses Bild zieht Connelly konsequent durch, dieses Bild liefert er auch in „der fünfte Zeuge“. Das passt, das überzeugt, auch weil es den vagen Rahmen zu einer Geschichte liefert, die zum größten Teil als Kammerspiel im Inneren eines Gerichtssaals spielt.

Michael Connelly, Der fünfte Zeuge, Knaur, 635 S., 9,99€

VÖ: 18. Januar 2013



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Spannung unter einer Staubschicht: „Der Deal“ von David Ignatius

Das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gehört zu den abgelegensten Flecken der Erde. Hier halten sich seit Jahrhunderten beinahe unverändert archaische Traditionen auf eigentümliche Weise zivilisierter wilder Stammesverbände. Hier Fuß zu fassen, ist bislang noch keiner ausländischen Macht, keiner westlichen Kulturidee gelungen.

Nach Briten und Russen holen sich derzeit, so muss man das leider festhalten, die USA am Hindukusch eine nachhaltig blutige Nase: Die Idee unter Missachtung unverstandener Kulturen ganze Landstriche abwechselnd mit Dollar-Bündeln und Granaten zu bombardieren, bringt den Kampf gegen steinzeitlich anmutende religiöse Fundamentalisten bislang nicht zu einem erfolgversprechenden Ende.

Die dubiosen „Deals“ einer Geheimorganisation

In dieses unerquickliche Szenario siedelt der US-Schriftsteller David Ignatius seinen neuesten Thriller „Der Deal“ an. Eine supergeheime Geheimorganisation der USA soll in dem Gebiet mit allen Mittel Frieden erkaufen. Das ist zumindest der Plan des Kopfes der Organisation, einem ehemaligen CIA-Agenten, dem der US-Geheimdienst nicht mehr geheim genug war. Allerdings läuft die Sache schnell aus dem Ruder und die Agenten der sogenannten „Hit-Parade“ sterben bei ihren Einsätzen grausame Tode. Irgendjemand, so die Erkenntnis, hat dafür gesorgt, dass das Geheimnis der supergeheimen Geheimorganisation in die falschen Hände gerät.

David Ignatius lässt eine Spionin ermitteln

In der Zentrale der Gehim-Organisation arbeitet die junge Sophie Marx als Leiterin der Gegenspionage. Sie wird von ihrem Chef dazu auserkoren, die Mörder zu finden. Keine Frage, dass ihr das am Ende mehr oder weniger gelingt. Bis dahin hat sie jedoch so manche Intrige zu überstehen und manches Rätsel zu lösen. Der Gegner ist schlau – und bedient sich perfiderweise der Mittel seiner Gegner.

Nur Lügner und Betrüger

„Der Deal“ ist ein spannender Thriller, der nach allen Regeln der Kunst die Mittel und Methoden der modernen Geheimdienste aufschreibt. Anders als vom Verlag angedeutet handelt es sich jedoch nicht um einen Action-getriebenen James-Bond-artigen Plot mit (kampftechnisch) omnipotenten Superhelden, sondern viel mehr um einen intelligent erdachten Politthriller, der sich einigermaßen kritisch mit der US-Politik in Zentralasien auseinandersetzt. Die handelnden Personen sind überwiegend in der Sache ignorante, aalglatte Lügner und Betrüger, deren Ziele undurchschaubar bleiben. Die Agenten der Supermacht kommen noch nicht einmal als fehlgeleitete Patrioten durch, denen alles gestattet ist, weil sie für das „großartigste Land der Welt“ spionieren. Ignatius Agenten intrigieren, weil sich nicht anders können. Sie sind berufsmäßige Lügner, Betrüger und Mörder – und machen deshalb genau das. Ihren Gegenspielern lässt Ignatius wenigstens Rache und religiösen Fanatismus als Motiv.

Ein altmodischer Thriller rund um die CIA

Obwohl Ignatius einen Spionagethriller geschrieben hat, der auf moderne Mittel der „Kriegsführung“ eingeht, und mit dem langwierigen Kriegschauplatz einen aktuellen Fokus besitzt, wirkt „Der Deal“ auf merkwürdige Weise altmodisch. Das liegt vermutlich an den Kürzeln, die den Roman bevölkern. Eigentlich erwartet doch niemand mehr ernsthaft irgendetwas Neues von CIA&Co zu erfahren. Auch die Demontage der einst „strahlenden Helden“ des Kalten Krieges haben andere Autoren schon gründlich unternommen. Insofern bietet – so widersprüchlich das klingt Hochspannung unter einer irritierend dicken Staubschicht.

 

Tatort:Pakistan

„Der Deal“ hat viele Schauplätze. Washington, Los Angeles, London, Dubai, Islamabad. Für einen Agententhriller gehört sich das auch so. Eine große Rolle spielen diese Orte nicht. Auch das ist durchaus Genretypisch. Einem Ort jedoch versucht David Ignatius sich zu nähern: Pakistan. Das ist insofern verdienstvoll, als er deutlich zu machen sucht, weshalb die USA dort zu scheitern drohen. Ignatius taucht also in eine Welt fremdartiger Stammesverbände und lokaler Machtstrukturen ein, allerdings nur, um kurze Zeit später wieder mit der Erkenntnis aufzutauchen, dass im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan ein eigensinniger und hinterlistiger Menschenschlag mit einem überaus merkwürdigen Ehrbegriff haust. Das ist natürlich oberflächlich und beinahe unerträglich klischeebeladen – aber dennoch hilfreich, wenn es die Erkenntnis transportiert, dass andere Menschen gelegentlich anders sind. Wenn das mehr Menschen verstünden (insbesondere in der internationalen Politik), wäre schon eine Menge gewonnen.

David Ignatius, Der Deal, Rowohlt, 476 S. 9,99€

VÖ: April 2012