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Tom Epperson schickt blutrünstigen Hyänen auf die Jagd

Was haben ein Gebrauchtwagenhändler, ein Auftragskiller, ein Farmer und ein junger Football-Spieler gemeinsam? Alle vier kommen beinahe beiläufig  auf den ersten Seiten von Tom Eppersons „Hyänen“ ums Leben. Der US-amerikanische Schriftsteller pflegt einen wenig rücksichtsvollen Umgang mit Menschenleben. Seinen ganzen Roman hindurch zieht sich eine blutige Spur. Zu Tode kommen nicht nur alle möglichen Figuren sondern immer wieder eigentlich Unbeteiligte.

Jagd auf eine Mafia-Braut

Die Toten sind mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt einer gnadenlosen Jagd. Die Meute hetzt Gina und ihren Sohn. Die junge Frau beging einst den Fehler in einen Mafia-Clan einzuheiraten. Um ihren Sohn zu schützen, verpfiff sie ihren Gatten ans FBI. Auf der Flucht ins Zeugenschutzprogramm ließ sie noch einige Diamanten mitgehen, deren Herkunft zumindest zweifelhaft ist. Seither trägt sie ein unsichtbares Zielkreuz auf Rücken, Stirn und allen anderen potentiellen Trefferflächen. Weil auch die Zeugenschützer den Verlockungen von Kopfgeld und Edelsteinen erlagen, führt sie ein Nomadenleben auf der Flucht vor der Meute.

Flucht ohne Aussicht

An der US-Westküste kommt es zum Show-Down. Hilfe kommt von ungewohnter Seite. Gray, ein ehemaliger Elitesoldat mit kleineren Persönlichkeitsstörungen, nimmt die flüchtende Kleinfamilie unter seine Fittiche. Zwar stapeln sich bald die Leichen, aber ein Ausweg ist erst einmal nicht in Sicht.

Menschliche Hyänen ohne Gnade

Tom Epperson hat keinen Kriminalroman geschrieben. „Hyänen“ ist eine blutige Lektüre, allein es fehlt der Wille zur Aufklärung. Eher schon ist sein Roman ein düsteres Road-Movie in Buchform, dessen Protagonisten sich durchweg der niedrigeren Beweggründe menschlichen Handelns bedienen. Das Kunststück Eppersons besteht darin, keine Superschurken geschaffen zu haben. Der US-Amerikaner hetzt ein Panoptikum mäßig begabter Verlierer aufeinander, die abgesehen von ihrer kriminellen Energie ein biederes Leben führen, dass in jede durchschnittliche heruntergekommene Vorstadt passen würde. „Hyänen“ macht deshalb vergleichsweise viel Spaß, weil Epperson bei seinem Bericht über die Truppe mordender Versager beinahe immer den richtigen lakonisch-nonchalanten Ton trifft.

 

Tatort: Westküste

Die Hauptfigur ist auf der Flucht. Entsprechend viel kommt sie herum – und sieht doch immer nur das Gleiche: Schäbige Motels, heruntergekommene Diner und kilometerlang den Asphalt der Highways. Die Westküste, die Tom Epperson in „Hyänen“ beschreibt, muss ganz ohne Glanz und Pracht auskommen. Es sind triste Plätze, die der US-Amerikaner beschreibt. Diese Tristesse, die Einsamkeit der Wüste, der billigen Neon-Glanz eines Vergnügungsparks, skizziert Epperson gekonnt, ohne viele Worte machen zu müssen. Die stimmige Atmosphäre des „Sets“ gehört wie die liebevoll gezeichneten Charaktere zu den Stärken des Romans.

Tom Epperson, Hyänen, Rowohlt, 413 S., 9,99 €

VÖ: September 2012 

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Ein nordischer Kotzbrocken im Duell mit einem alternden Mafioso

Anton Brekke ist ein Kotzbrocken. Klingt drastisch? Das hat seine Gründe: Der Mann hat miese Umgangsformen, hackt gnadenlos auf Unterlegenen herum, macht sich unangemessen über seine Kollegen lustig und ist, auch wenn er sich selber das nicht eingesteht, gnadenlos spielsüchtig. Gleichzeitig ist dieser Unsympath einer der besten Ermittler in den Reihen der norwegischen Polizei ­– und deshalb ist man gewillt, über so manche Schwäche des 41-Jährige hinwegzusehen.

Jan Erik Fjell erfindet einen rüpelhaften Kommissar

Jan Erik Fjell hat sich den rüpelhaften Kommissar erdacht. Der Norweger ist, wenn man den Marketing-Experten glauben darf, der neue Stern am Krimihimmel seines Landes. Tatsächlich hat Fjell, nach Thomas Engers „Sterblich“ bereits das zweite Debüt aus Norwegen in diesem Jahr,  einen interessante Plot zusammengedichtet. In Fredrikstad wird ein vermögender Unternehmer ermordet, der sein Geld bislang mit Öl verdiente und – durch eine deutlich jüngere Geliebte motiviert – den Umweltschutz entdeckte. Das aber stieß bei seinen Geschäftspartnern auf wenig Verständnis. Es gibt also jede Menge Verdächtige. Nur wenig später wird ein bewusstlos geprügelter Mann ins örtliche Krankenhaus eingeliefert, ein Amerikaner, wie sich herausstellen soll.

Fjell lässt zwei Handlungsstränge nebeneinander herlaufen, die permanent neugierig machen. Er treibt die Ermittlungen in Norwegen voran und beschreibt parallel dazu den Aufstieg eines skrupellosen Mafiosi im New York der 60er Jahre.

Packender Einblick in mafiöse Strukturen

Man ahnt früh, dass sich beide Erzählstränge treffen werden und bleibt doch gebannt. Insofern ist Fjell tatsächlich ein spannender Krimi gelungen. Das liegt vor allem an dem „New Yorker“ Element des Romans. Die Schilderungen der mafiösen Strukturen der US-Metropole scheinen gut recherchiert, mitreißend aufgeschrieben und sind durch die Gleichzeitigkeit eines beinahe spießbürgerlichen Lebens gnadenloser Mörder zwischen Vorortidyll und Spielhölle ein faszinierender Stoff.

Der Krimi als Arztroman

Etwas zwiespältig gestaltet sich die Beurteilung der eigentlichen Hauptdarsteller. Brekke ist nicht wirklich sympathisch, bleibt aber wie die anderen Kommissare bis zum Schluss ein weinig blass. Hier ist, wie man so schön sagt, noch Luft nach oben. Insbesondere wäre es schön, wenn die Autoren auf die Marotten, ihren Ermittlern alle erdenkliche Leiden (Lars Kepler, Migräne, Max Bentow, Angststörung) auf den Leib zu schreiben, wieder ablegen könnten. Leider erliegt auch Fjell dieser Versuchung. Zwar ist Brekke, abgesehen von seiner unseligen Neigung zum illegalen Glücksspiel, gesund, aber sein Partner leidet unter Hämoriden. Dabei handelt es sich ohne Zweifel um ein Volksleiden und es soll ja auch sehr unangenehm sein, aber dennoch kann man gut darauf verzichten, die Details ausgebreitet zu bekommen. Ein Krimi ist schließlich kein Arztroman.

Fjell weckt Lust auf mehr

Von diesen kleinen Schwächen abgesehen, ist Jan Erik Fjell ein guter Kriminalroman gelungen. Die Geschichte ist gut erdacht und hinreichend spannend aufgeschrieben. Ein Debüt, das vielleicht noch nicht der neue „Larsson“ ist (darauf hoffen ja alle insgeheim), aber ein im besten Sinne solider Krimi, der Lust auf eine baldige Fortsetzung weckt. Und das ist doch auch schon mal was.

 

 

Tatort:Fredrikstad

Die eigentlich interessantere „Tatort“ ist New York, wenn Jan Erik Fjell die sechziger Jahre mit all der Gewalt und der Korruption wieder auferstehen lässt. Hauptort ist jedoch Fredrikstad an der Mündung des Oslofjordes  in Südnorwegen. Von diesem Ort bekommt man in „Der stumme Besucher“ allerdings nicht viel mit. Die Stadt wirkt austauschbar, Fjell hat sich – und das ist ja durchaus legitim – auf einige wenige Orte seiner Handlung konzentriert und dabei ungewöhnliche Wohnorte der besseren Gesellschaft beschrieben. Das ist glaubwürdig, nur eben als Reiseführer würde sich das Buch so gar nicht eignen. (Darum geht es Krimi natürlich nicht, mag der geneigte Leser einwenden, aber dennoch interessieren an dieser Stelle die „Tatorte“.) Immerhin transportiert der Roman die norwegische Mentalität, das Leben am nördlichen Rande Europas recht gut. Insofern taugt der „Fjell“ eben doch wieder gut als „Fremdenführer“ für den mitteleuropäischen Leser.

Jan Erik Fjell, Der stumme Besucher, Rowohlt, 8,99€

VÖ: November 2011