Kategorien
Neu

Melanie McGrath und ihre Detektivin, die aus der Kälte kam

Endlich scheint der Frühling übers Land zu ziehen. Wer vom deutschen Winter, der so penetrant in den Frühling hereinragte, endgültig  die Nase voll hat, sollte von Melanie Mcgraths „Zeichen im Schnee“ die Finger lassen. Andererseits könnte einem ein letzter richtiger Kälteschock die ungastlichen mitteleuropäischen Temperaturen vergessen lassen. Schließlich hat McGrath eine Ermittlerin erschaffen, die wahrhaft aus der Kälte kommt. Edie Kiglatuk lebt auf Ellesmere Island, jenem Teil Kanadas, der durch einen dicken Eispanzer unmittelbar mit dem Nordpol verbunden ist.

Ein Verbrechen am Rande des Iditarod

Nach ihrem ersten Fall, dem großartigen „Im Eis“ (unter dem Link meine ausführlichen Eindrücke), hat es die toughe Inuit-Frau jetzt in eine vergleichsweise urbane Wildnis verschlagen. Anlässlich des Iditarod, dem wichtigsten Schlittenhund-Rennen der Welt, ist sie nach Anchorage, Alaska gereist. Dort, in der fremden Umgebung, verirrt sich die Fährtenleserin und Jägerin Kiglatuk heillos  im Wald – und findet einen toten, in einem merkwürdigen Ritual aufgebahrten Säugling. Für die lokalen Behörden ist der Fall schnell klar, sie machen sogenannte „Altgläubige“, aus Russland eingewanderte christliche Sektierer, für den Mord verantwortlich. Kiglatuk und ihrem Gefährten, dem Polizisten Derek Palliser, ist diese Antwort jedoch zu einfach. Sie stellen Fragen, finden weitere Tote, eine skrupellose Bande und geraten angesichts einer weitreichenden Verschwörung um ein abscheuliches Verbrechen alsbald in Bedrängnis.

Unbarmherzige Natur?  Bestie Mensch!

McGraths Erstling „Im Eis“ lebte von großartigen Schilderungen einer absolut lebensfeindlichen Umgebung. Sie widerstand der Versuchung, erneut das Verbrechen an den Rand der Zivilisation eindringen zu lassen und brachte ihre Ermittlerin zum Verbrechen. Das Konzept ging auf. Anstelle unbarmherziger Natur rücken bei „Zeichen im Schnee“ grausame Menschen in den Mittelpunkt. Und das hat sie gut gemacht. Abgesehen davon, dass die Britin einen höchst spannenden und deshalb unterhaltsamen Krimi geschrieben hat, zeichnet sie exzellent interessante Figuren. Das gilt für ihre Protagonistin, die stets pragmatische, westlichen Zivilisationserrungenschaften skeptisch gegenüberstehende Edie Kiglatuk, das gilt aber auch für beinahe alle anderen Figuren in ihrem Plot. Und wer Schnee und Eis vermisst: Auch davon gibt es in Alaska reichlich.

Tatort: Anchorage

Edie Kiglatuk lebt in der absoluten Einsamkeit. Ihre Heimat-„Stadt“ ist kaum mehr als ein Haufen zufällig hin gewürfelter Wellblech-Behausungen. Das ist nicht schlimm, ihre wahre Heimat ist die Tundra im hohen Norden, das ewige Eis. Entsprechend schlecht kommt Anchorage aus den Augen der Inuit geschildert, weg. Es ist ein auch 150 Jahre nach dem großen Goldrausch in Alaska noch im ein Dorado für allerlei merkwürdige Gestalten, die hier wahlweise sich vor ihrem Scheitern im Rest der Welt verstecken oder auf schnelles, halbseiden verdientes Vermögen hoffen. Von der Schönheit unberührter Natur jedenfalls, die den Mythos Alaska ausmachen, lässt Melanie McGrath in „Zeichen im Schnee nichts spüren.

Melanie McGrath, Zeichen im Schnee, Kindler, 443.S., 14,95€

VÖ: 8. März 2013

 





Thalia.de

Kategorien
Neu

Perfekt für dunkle Herbstabende: Melanie McGraths Polarkrimi

Edie Kiglatuk geschieht ein blödes Missgeschick. Die Führerin zieht mit zwei Kunden zum Jagdausflug in die Trundra und bringt nur einen wieder mit zurück. Einer der beiden „Südländer“ stirbt an einer Schussverletzung, während die Inuitfrau nur wenige Schritte entfernt vom gemeinsamen Lager aus einem Gletscher Wasser für ihre „Schützlinge“ besorgt.

Finstere Gestalten und ihre dunklen Geschäfte
Die Analyse aller Würdenträger steht bald fest: Es muss ein Unfall gewesen sein, der Tote hat sich versehentlich selber erschossen. So etwas kann, so die allgemeine Auffassung, angesichts der permanenten Bedrohung durch Eisbären schon mal passieren. Vor allem Bürgermeister und Ältestenrat drängen auf diese Erklärung. Alles andere wäre schließlich schlecht fürs Geschäft – und das ist auf Ellismere Island, nur wenige Kilometer vom Nordpol entfernt, inmitten es ewigen Eises schon mühsam genug. Edie Kiglatuk will sich mit diesem verordneten Ergebnis der Dorfältesten nicht zufrieden geben und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Natürlich sticht die Jägerin in ein Hornissennest von finsteren Gestalten, die mindestens ebenso dunkle Geschäfte betreiben. Es dauert nicht lang und Edie Kiglatuk gerät ernsthaft in Schwierigkeiten.

Melanie McGrath und ihre toughe Jägerin
Die Britin Melanie McGrath hat sich die toughe Jägerin und den Fall erdacht und in „Im Eis“ niedergeschrieben. Ermittlerin wie Ort der Handlung sind ungewöhnlich – und außergewöhnlich spannend. Der Krimi spielt bei den Inuit, die einst zu Beginn des Kalten Krieges von der kanadischen Regierung an den nördlichsten Rand des Landes umgesiedelt worden waren. Dort sollten sie, so verquer dachten einst die Strategen, mögliche Infiltrationsversuche durch die Sowjets stoppen.

Faszinierende Einblicke ins hoffnungslose Leben der Inuit

Der Kalte Krieg ist vorbei, die Inuit sind geblieben und leben ein beinahe hoffnungsloses Leben in eisiger Nacht. McGrath beschreibt den Alkoholismus, die Perspektivlosigkeit der Jugend und die bar jeden Verständnisses für die Inuit unternommenen Versuche einer Zentralregierung zur „Entwicklung“ einer Region, die zum Leben oder für zivilisatorischen Fortschritt nach westlichem Verständnis eigentlich so gar nicht geeignet ist.

Ein außergewöhnlicher Roman an einem ungewöhnlichen Schauplatz
Auch wenn McGrath eigentlich auch nur eine Außenstehende ist, ist ihr mit „Im Eis“ ein beeindruckender Einblick in eine ungewöhnliche Welt, eine interessante, fremde Kultur gelungen, die nicht immer sympathisch wirkt, aber immer authentisch erscheint.

Die Eigenheiten der Inuit, ihr Blick auf die Welt und ihr Umgang mit sich und anderen erstehen glaubhaft zum Leben. Weil die Autorin es verstanden hat, um diese Welt noch eine extrem spannende Kriminalgeschichte zu spinnen, ist ihr ein ganz außergewöhnlicher Roman gelungen. Das manifestiert sich vor allem in der Hauptdarstellerin: Edie Kiglatuk steckt voller Fehler, kommt weder mit dem Alkohol  noch den Männern klar und stolpert eher unbeholfen als zielgerichtet durchs Leben – und doch besitzt sie eine große Menschlichkeit, der man gerne und gebannt durch den Roman folgt.

 

 

Tatort: Kanada
Melanie McGrath hat sich auf Ellismere Island virtuelle Orte erdacht. Vermutlich auch deshalb, weil sich in den überschaubaren Orten wenige Hundert Kilometer unterhalb des Nordpols Menschen all zu leicht wiedererkennen würden.  Dennoch wirken die Beschreibungen der Britin authentisch. Die lebensfeindliche, zugleich ungemein faszinierende Natur im ewigen Eis, die wenigen, von Wind und Wetter dauerhaft bedrohten Siedlungen und die Einsamkeit der Ebenen erstehen glaubhaft zum Leben, so dass man „Im Eis“ beinahe als Reiseführer verwenden könnte, wenn einen denn der Wahnsinn packte, an den Rand der Welt zu reisen.
Davon wird  der Leser schon deshalb abgehalten, weil McGrath die mörderische Kälte, die das Leben so schwer macht, beinahe körperlich fühlbar auf jede der rund 400 Seiten unterbringt: So ist „Im Eis“ denn auch die ideale Lektüre für einen stürmischen Herbstabend, wenn man seine Lesezeit in der warmen Wohnung mit einer heißen Tasse Tee auf dem Sofa verbringt.  Derart umsorgt werden die Eindrücke aus dem ewigen Eis zum perfekten Lesevergnügen.

Melanie McGrath, Im Eis, Kindler, 19,95

VÖ: 16. September 2011