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Hjorth/Rosenfeldt, Das Mädchen, das verstummte: Große Krimi-Kunst mit einem Widerling

Es wird nicht besser. Sebastian Berman lügt, betrügt, demütigt. Der Stockholmer Kriminalpsychologe ist – wenn man es mal auf den Punkt bringt – ein egoistisches, narzisstisches Arschloch. Er gebraucht, so muss man das wohl sagen, für seine Sexsucht wahllos Frauen, zerstört die Karriere-Chancen seiner Tochter (eine Kollegin bei der Reichsmordkommission, der er konsequent verheimlicht, dass er ihr Vater ist) und demütigt seinen Chef und seine Kollegin mit gezielten Beleidigungen, wo er nur kann.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt unterhalten mit einem Widerling

Im neuesten Band der Serie um den Soziopathen in Diensten der Verbrechensaufklärung, treibt er es noch einmal eine Spur schlimmer. Offen gestanden ist das ganz große Kunst, die die beiden schwedischen Autoren seit einigen Jahren abliefern: Dass es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt schaffen, Kriminalromane zu schreiben, die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln, obwohl sie einen Protagonisten ins Zentrum stellen, der einen eigentlich nur anwidert, spricht für die Qualität der Geschichten, die das Autorenpaar erzählt.

Mord an einer Familie in der schwedischen Provinz

Das gilt auch wieder für „Das Mädchen, dass verstummte“. Mal wieder in der schwedischen Provinz geschieht ein bestialischer Mord. Ein Unbekannter richtet eine ganze Familie hin. Vater, Mutter und zwei kleine Kinder sterben im Kugelhagel einer Schrotflinte. Die örtliche Polizei ruft rasch die Reichsmordkommission zur Hilfe: Die Ermittler rund um den Leiter der Einheit, Torkel Höglund, machen in kürzester Zeit zwei wichtige Entdeckungen: Die Morde waren sorgfältig geplant – und es gab eine Zeugin.

Verzweifelte Suche nach dem „Mädchen, das verstummte“

Ein weiteres Kind hat offenbar das Massaker überlebt. Mit einem vergleichsweise hohen Organisationsgrad, wenn man das einmal so nennen darf, versteckt sich das ansonsten schwer traumatisierte Mädchen vor der Außenwelt. Das Mädchen zu finden und später zum Reden zu bringen, wird die zentrale Aufgabe für Sebastian Bergman, der die Reichsmordkommission, Leser der Serie wissen es, als Berater und Profiler unterstützt.

Neue Perfidien von Sebastian Bergman

Der schwer gestörte Bergman, für den man im ersten Band noch Mitleid entwickeln konnte, weil er Frau und Tochter im Tsunami 2004 verlor, sortiert sich in seinem kranken Kopf die nächste Perfidie zurecht: Das traumatisierte Mädchen und deren Mutter werden für den Psychologen mit erhöhtem Therapiebedarf zum Familienersatz. Wieder lügt er, um eine Nähe herzustellen, die vorsichtig formuliert bedenklich ist. Mit aller Gewalt drängt er sich das Leben einer zerstörten Familie. Dass er damit dazu beiträgt, den Fall zu lösen, gehört zu den Komplexitäten, die die Reihe von Hjorth/Rosenfeldt so lesenswert machen.

Immer neue überraschende Einfälle des Autoren-Duos Hjorth/Rosenfeldt

Die beiden Autoren rücken, das ist ja genretypisch für skandinavische Autoren, ihren Figuren richtig dicht auf den Pelz: Schwedische Krimis sind immer irgendwie auch ausgewachsene Familiendramen. Gleichzeitig dichten die beiden aber auch richtig raffinierte Plots mit interessanten Wendungen zusammen, garnieren ihre Krimis (auch das „typisch“ schwedisch) mit relevanten gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und verwöhnen die Leser mit immer neuen überraschenden Einfällen – die gerne mal, da kommt die Fernsehvergangenheit beider Autoren durch, als „Cliffhanger“ am Ende des jeweiligen Bandes eingesetzt werden. Im Hinterkopf des Lesers brennt sich so beim Zuklappen des Buches der Gedanke ein „Ich muss mir dringend die Fortsetzung besorgen“. Es hat ja aber auch nie jemand behauptet, dass Autoren nicht geschäftstüchtig sein dürfen.

Warten auf die Fortsetzung…

Nachdem ich Band drei eher skeptisch aus der Hand gelegt hatte, geht es mir nach Band vier wieder so, dass ich trotz des Widerlings Sebastian Bergman genau das will – möglichst bald die Fortsetzung in die Hände bekommen…

 

Tatort:Schweden

Wieder einmal müssen die Ermittler um Torkel Höglund und Sebastian Bergman in die schwedische Provinz. Wie gehabt zeichnen Hjorth/Rosenfeldt ein eher düsteres Bild des ländlichen Schwedens. Der „Tatort“ steht dabei nie im Mittelpunkt, dient eher als mit wenigen Sätzen perfekt „gezimmerte“ Kulisse für menschliche Dramen. Wobei das in „Das Mädchen, das verstummte“ nicht ganz stimmt. So richtig düster udn schrecklich finden die Autoren ihr Provinz-Idyll offenbar denn doch nicht, da sie die Bedrohung der ländlichen Welt durch den Bergbau thematisieren. Wie das ausehen können beschreiben die beiden Schweden bei einem „Abstecher“ ins nordschwedische Kiruna.

Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte, Wunderlich, 586S., 19,95€, 15. Oktober 2014

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Hjorth/Rosenfeldt: „Die Toten, die niemand vermisst“ Spannend, aber zwiespältig

Was ist das bloß für eine Liebe? Sebastian Bergman tut so ziemlich alles um das Leben seiner Tochter zu ruinieren, beruflich wie privat. Man wusste zuvor schon, dass der Psychologe kein besonders sympathischer Zeitgenosse ist, aber im dritten Band der Reihe der schwedischen Autoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, „Die Toten, die niemand vermisst“, übertrifft sich der Berater der Reichsmordkommission selber an Perfidie und Wahn.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt driften zu oft ins Private ab

Die beiden Autoren Hjorth und Rosenfeldt bewegen sich seit rund zwei Jahren auf einem schmalen Grat. Sie kreisen um eine Hauptfigur, die streng genommen ein Widerling ist, und schaffen dabei überaus spannende Kriminalromane. Bei ihrem jüngsten, dem bislang Dritten, sind sie offen gestanden erstmals leicht ins Straucheln geraten: Zu oft driften sie ins Private ab. Den persönlichen Problemen der Ermittler um den Chef der gruppe Torkel Höglund nehmen immer mehr Raum ein. Was in den ersten beiden Bänden die große Faszination der neuen Serie ausmachte, legt sich jetzt störend auf die Handlung und aufs Tempo.

Einen Krimi geschrieben, an die Fernsehserie gedacht?

Man sieht „Die Toten, die niemand vermisst“, deutlich den Seriencharakter an, inklusive Cliffhanger für den nächsten Band, beziehungsweise die nächste Folge der Verfilmung. (Der erste Band kam schon 2010 mit Ralf Lassgard als Sebastian Bergman im schwedischen Fernsehen.) Beide Autoren sind Drehbuchautoren und hatten möglicherweise zu sehr den Deal mit dem Fernsehen im Kopf und weitere Fernsehaufträge. Die ersten beiden Bände, „Der Mann, der kein Mörder war“ und „Die Frauen, die er kannte“, haben auch deshalb so gut funktioniert, weil sie alleine für sich als Kriminalromane funktionierten. Dieses Prinzip haben Hjorth und Rosenfeldt bedauerlicherweise aufgegeben, obgleich sie wieder einen sehr spannenden, vielschichtigen Fall konstruiert haben, der mit vielen Verästelungen gemächlich anfängt und erst im zwei Drittel an Fahrt gewinnt. Bei aller Zwiespältigkeit zeigen Hjorth und Rosenfeldt erneut, dass sie sie raffiniert und fesselnd erzählen können. Insofern nähern sich beide auf dem schmalen Grat dem Abgrund, konnten sich aber gerade noch mal fangen, um die Metapher vom Beginn aufzugreifen.

Tote in der Provinz: Torkel Höglund und Sebastian Bergman ermitteln

Im Zentrum des neuen Kriminalromans steht ein Mord in der schwedischen Provinz. Auf dem Fjäll, einem populären Wandergebiet, stolpern Urlauber über sechs Leichen. Die örtliche Polizei ruft sofort das Team der Reichsmordkommission um Höglund und Bergman um Hilfe. Auch die Profis aus der schwedischen Hauptstadt kommen mit ihren Ermittlungen kaum voran, auch weil der oder die Mörder sich viel Mühe gegeben haben, die Identität der Leichen zu verschleiern. Erst langsam finden sich Spuren, die ein größeres Ausmaß des Falles, das bis in den schwedischen Geheimdienst hineinreicht, andeuten. Möglicherweise sind die Ermittler auch deshalb nicht ganz bei der Sache, weil sie sich mit zahlreichen privaten Problemen herumschlagen müssen. Insbesondere Sebastian Bergman macht sich mit zerstörerischer Energie daran, das Leben seiner Tochter, aber auch das seiner Kollegen zu ruinieren.

Der Leser als Teil einer Geschäftsidee?

Waren die ersten beiden Bände des schwedischen Autorenteams schlicht brillant, ist dieser dritte Band trotz vieler guter Ideen eher zwiespältig. Das liegt am Protagonisten, der zunehmend unsympathischer, aber schlimmer noch, unglaubwürdiger wird. Das haben die Autoren im Sinne einer gewissen Geschäftstüchtigkeit den Leser auf den nächsten Band neugierig zu machen, in dem sie viele Fragen erkennbar absichtlich offen ließen, billigend in Kauf genommen. Die Frage ist: Will man als Leser Teil einer Geschäftsidee werden?

Tatort:Fjäll

Schwedens Reichmordkommission sitzt in Stockholm. Dort spielt auch der größte Teil der Handlung von „Die Toten, die niemand vermisst“. Wie das bei zentralen Behörden so ist, dürfen auch die Beamten der Mordkommission gelegentlich in die Provinz reisen. Dieses Mal geht es ins Fjäll, das schwedische Bergland, genauer gesagt nach Jämtland. Auch wenn es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt in erster Linie um die Psychologie ihrer Figuren geht und sie immer wieder Kammerspielartige Szenen konstruieren, gelingt es ihnen, beinahe beiläufig, mit wenigen Worten die Weite und Abgeschiedenheit des schwedischen Berglands im Westen ihrer Heimat zu skizzieren. Das ländlich vertraute, meist unkomplizierte Miteinander ersteht dabei genauso zum Leben wie die atemberaubende Schönheit der Natur, auch wenn sie gelegentlich Blut getränkt beziehungsweise mit Skeletten durchzogen ist.
Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Toten, die niemand vermisst, Rowohlt Polaris, 620S., 14,99 VÖ: 25. Juni 2013

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Hjorth/Rosenfeldts Glücksgriff mit einem Unsympathen

Es ist nicht leicht, Sebastian Bergman zu mögen. Er lässt Kollegen und Freunde auflaufen, benutzt – so muss man das sagen –  Frauen allein zur Befriedigung eines beinahe schon krankhaften Sexualtriebs und verfolgt seit Neuestem wie ein Stalker seine Tochter, von deren Existenz er erst seit kurzem weiß. Sebastian Bergman ist gestört. Das erfuhr man schon im ersten Band der neuen Krimi-Serie der beiden Schweden Michael Hjorth und Hans Rosenfeld. War Bergmann im ersten Band „Der Mann, der kein Mörder war“ noch analysierender Beobachter einer brutalen Mordserie, gerät er im neuen Band „Die Frauen, die er kannte“ zunehmend selber in den Mittelpunkt des Geschehens.

Jagd nach einem unwahrscheinlichen Täter

In Stockholm werden Frauenleichen gefunden, immer mehr, immer gleich inszeniert: Angezogen mit einem altbackenen blauen Nachthemd, vergewaltigt, misshandelt und ermordet. Die Details der Taten deuten auf einen alten Bekannten hin. Edward Hinde, Massenmörder und Psychopath, den Sebastian Bergman einst überführte. Jener Fall war es, der einst den Ruf als genialer Profiler, den der Psychologe so gründlich wieder zu zerstören versucht, begründete. Es gibt da nur ein kleines Problem. Hinde sitzt unverändert im Gefängnis und hat unter verschärften Haftbedingungen eigentlich noch nicht einmal Kontakt zur Außenwelt. Und doch muss Hinde oder ein „Vertrauter“ die Morde begangen haben. Die Ermittlergruppe um Torkel Höglund steht vor einem schier unentwirrbaren Rätsel. Erst als sich Bergman, der zu zu allem Überfluss mit dem letzten Todesopfer kurz vor deren Ermordung im Bett gelandet war, den Weg zurück in das Ermittlerteam erschleicht, gelingen den Polizisten erste Fortschritte. Jedoch wird bald klar: Die Frauen, die ermordet wurden, sind gar nicht das eigentliche Ziel des Mörders.

Hjorth/Rosenfeld und ihr unsympathischer Sebastian Bergman

Dem schwedischen Autorenduo Hjorth/Rosenfeldt ist das Kunststück gelungen, eine Hauptfigur zu schaffen, die bei allem Verständnis für die Härten, die die Autoren in die Biographie gepackt haben, durch und durch unsympathisch erscheint, gelegentlich Mitleid weckt und als „Gesamtkunstwerk“ zu fesseln vermag. Die Serie um Sebastian Bergman und die Polizisten aus Torkel Höglunds Team funktioniert auch deshalb so gut, weil die Autoren ihren Figuren so dicht auf die Pelle rücken, auf jeweils rund 700 Seiten werden so nicht nur Fälle gelöst sondern sämtliche Untiefen in den Seelen der Protagonisten ausgelotet. Die Figuren wirken innerhalb ihrer Fiktion absolut glaubwürdig. So zum beispiel, der junge Polizist, den die neue Freundin zum Karrieredenken manipuliert. Von der ehrgeizigen Geliebten getrieben, vergisst der junge Mann beinahe sämtliche Solidarität, ein Vorgang, den vermutlich jeder schon beobachten durfte.  Das Ergebnis der Figurenzeichnung stimmt: Man folgt dem Schicksal der Ermittler begeistert.

Eine perfekte Fortsetzung

„Die Frauen, die er kannte“ ist wie der erste Band Krimi-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. All diejenigen, die Krimis aus Schweden und die dazugehörige komplexe Psychologisierung mögen, und Sebastian Bergman noch nicht kennen, sollten das schleunigst nachholen, denn in ihrem Subgenre der Kriminalliteratur stellen Hjorth/Rosenfeldt das Beste bereit, was derzeit auf dem Markt ist. Neue Freunde des ungewöhnlichen Ermittlerteams haben den Vorteil, dass sie sich gleich durch zwei Bände „durcharbeiten“ können. Und ohne zuviel vorwegzunehmen: Ein dritter Band wird inhaltlich bereits angedeutet. Wer zudemBestsellerlisten als Qualitätsmerkmal hinzuziehen will, könnte nachlesen, dass der erste Band lange in den Top 20 stand und der neue Band in der zweiten Woche nach dem Erscheinen bereits Platz fünf erreicht hat.

 

Tatort:Stockholm

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt zeichnen ausgiebige Landschaften der Seele, für Ortsbeschreibungen bleibt da wenig Raum. Natürlich nähern die beiden Schweden sich ihren Tatorten, über die Mikroschauplätze kleinbürgerlicher Einfamilienhaussiedlungen oder innerstädtischer Wohnungen erschließt sich über den Umweg Stockholm. Über die Stadt, ihre Architektur und ihre Probleme erfährt der Leser jedoch so gut wie nichts. Das ist kein Mangel, lediglich eine Feststellung. Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt haben ein anderes Thema und das bearbeiten sie auf höchsten Niveau.

Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Frauen, die er kannte, Rowohlt/Polaris, 736 S., 14,95€

VÖ: 1. August 2012
Die Frauen, die er kannte: Ein Fall für Sebastian Bergman

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Zwei Schweden gelingt ein sensationelles Krimi-Debüt

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt bewegen sich auf einem sehr schmalen Grat. Die beiden Schweden haben die Figur des Sebastian Bergman erfunden. Dieser ist kurz gesagt ein Arschloch. Der Psychologe verletzt jeden, der ihm über den Weg läuft, führt ein höchst unproduktives Leben und ist auf eine erbärmlich rücksichtslose Art sexsüchtig.

Ein ausgemachter Widerling im Zentrum des Geschehens

Der durchschnittliche Leser hat allzu oft im Beruf, wenn er vom Pech verfolgt wird (da hat man ja eher eine Wahl) auch im Privaten mit unsympathischen Widerlingen zu tun: Weshalb, so die Frage, sollte man sich das auch noch lesend in einem Krimi antun. Bei Sebastian Bergman begründen Hjorth und Rosenfeld die Antwort damit, dass der Mann ein genialer Geist ist, und wie kaum ein anderer in der Lage, Verbrechen aufzuklären. Die beiden Schweden haben dabei die Raffinesse, zwar ein tragisches Unglück in die Vergangenheit ihres Ermittlers einzubauen, als Rechtfertigung lassen sie es jedoch nicht gelten. Ihr Psychologe ist abstoßend aber zugleich auch ungemein interessant.

Hjorth und Rosenfeldt gelingt ein überragendes Debüt

Der neue Krimi aus Schweden „Der Mann, der kein Mörder war“ ist vor allem wegen der intelligent erdachten Figuren ein überragendes Debüt. Das gesamte Personal, vom ermittelnden Kommissar über dusseligen Polizisten, die Zeugen und das Opfer, hat eine kunstvoll erdachte, eigene Geschichte zu erzählen. Hjorth und Rosenfeldt ist es gelungen, den mit Abstand besten Krimi zu schreiben, der in diesem Jahr aus ihrer schwedischen Heimat auf den Markt gekommen ist. Die vorher eher skeptisch stimmende Ankündigung, dass es eine ganze Reihe von Romanen um den eigenwilligen Psychologen geben soll, lässt bereits jetzt ungeduldig auf die Fortsetzung hoffen.

Hjorth und Rosenfeldt fallen auch deshalb nicht vom schmalen Grat, auf dem sie sich literarisch bewegen, herunter, weil sie zum „Privatier“ Sebastian Bergman ein Team der Reichsmordkommission um Chef Torkel Höglund erdacht hat, dass als Gegengewicht zum Unsympathen wirkt. Auch das Quartett um Spurensicherin, Computer-Experten und talentierte Nachwuchs-Polizistin hat jeweils Probleme zu schultern, kommt aber angenehm „normal“ daher.

Schwierige Ermittlungen nach dem Mord an einem Teenager

Die Polizeichefin der Kleinstadt Västeras ruft die Beamten zu Hilfe, nach dem ein zunächst vermisster Teenager tot und schwer verstümmelt aufgefunden wird. Torkel Höglund und seine Kollegen machen sich auf den Weg ins Landesinnere und begegnen dort Sebastian Bergman, der nach dem Tod seiner Mutter in seiner Heimatstadt versucht, sein ererbtes Haus loszuwerden. Wider besseres Wissen lassen sich Höglund und Bergmann, die sich von früherer Zusammenarbeit her kennen, erneut auf einander ein. Das führt – nicht nur, weil Bergmann, zu allen möglichen Zeuginnen und Verdächtigen ins Bett steigt und seine ganze eigene, vom Fall losgelöste Agenda verfolgt – zu Konflikten, die Höglunds Team beinahe zu sprengen drohen. Das Team kann weitere Morde nicht verhindern und gerät unter Druck, eine Lösung zu präsentieren. Einfache Erklärungen kann aber insbesondere Sebastian Bergmann nicht akzeptieren und bringt daher die Ermittler nach mehreren Umwegen doch noch auf die richtige Spur

 Beiläufige Gesellschaftskritik

Hjoth und Rosenfeldt verzichten in ihrem Debüt auf die große Gesellschaftskritik, sie widerstehen der Versuchung, sich ein Megaverbrechen mit eingebauter Verschwörungstheorie auszudenken. Sie haben einen blitzsauberen Kriminalfall um die ganz alltäglichen Lügen und Leidenschaften alltäglicher Menschen erdacht. Sie erzählen beinahe beiläufig von der Tristesse des Lebens in der Provinz, von den Problemen Heranwachsender – und bringen, aber das nur ganz nebenbei, sehr subtil eine gehörige Portion kritische Betrachtung modernen Lebens in ihrem Krimi unter.

Vergleiche sind ja immer ein wenig problematisch, und die Verlagsbranche hofft ja immer auf einen Coup, wie er mit den Romanen Stieg Larssons gelungen ist. Wenn man sich also zu einem solchen Vergleich hinreißen lassen möchte, könnte Sebastian Bergmann, den Thron besetzen, den Henning Mankell geräumt hat, nachdem er Kurt Wallander in den Altersruhestand geschickt hat.

 

Tatort:Västeras

Es ist schwierig, in Schweden einen Ort zu finden, der noch nicht von literarischen Polizisten und Spurensicheren untersucht worden ist. Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt versuchen deshalb auch gar nicht erst, einen neuen, aufregenden Tatort zu erdenken. Sie beschreiben das vielen Lesern vertraute, die schwedische Provinz. Das wiederum gelingt mit einfachen Mitteln sehr gut. Allein die Versuche der Polizisten etwas Brauchbares zum essen zu finden, erzählen mit einigen wenigen Sätzen die ganze Tristesse einer gesichtslosen Kleinstadt jenseits des Pippi-Langstrumpf-Idylls. In dem Västeras der beiden Autoren wird deutlich, dass Elend nicht immer etwas mit Armut zu tun haben muss.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, der Mann, der kein Mörder war, Rowohlt, 14,95€

VÖ: November 2011

Einen Text von mir über das Buch gibt es auch in der Literarischen Welt.



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