Kategorien
Neu

Anja Reichs „Der Fall Scholl“: spannender aber einseitiger Blick auf eine tragische Ehe

Wer Anja Reichs „Der Fall Scholl“ gelesen hat, wird sich noch weiter als bisher fern von kleinen Männer halten, niemals in Ludwigsfelde wohnen, künftig einen großen Bogen um alle Standesämter machen und nur noch sehr ungern regiert werden wollen. Das sind die ersten halbernsten Gedanken, die einem unmittelbar nach dem Lesen kommen und für ein unterhaltsames, sehr fesselnd aufgeschriebenes Buch stehen: Es lohnen sich allerdings ein zweiter, genauerer Blick.

Portrait einer schillernden Figur

Anja Reich erzählt in „Der Fall Scholl“ die Geschichte von Heiner Scholl, der 2013 nach einem langwierigen Prozess wegen Mordes an seiner Frau Brigitte verurteilt worden war. Scholl ist, wenn man Anja Reich glauben darf, eine mehr als schillernde Figur. Die Journalistin und Autorin schreibt von einer unglücklichen Kindheit eines nur 1,60 Meter großen Mannes, von einer eher Biographie voller Brüche in der DDR, von einem von beinahe übermenschlichem Ehrgeiz getriebenen Politiker und von einer Ehe, die nach durchschnittlichen Maßstäben die Hölle gewesen sein muss. „Der Fall Scholl“ erzählt aber auch von Einsamkeit, von vergeblicher Suche nach Nähe und Anerkennung.

Ein Sachbuch, spannend wie ein Kriminalroman

Das Sachbuch um den Mord in Ludwigsfelde ist absolut spannend komponiert. Reich treibt die Geschichte wie einen Kriminalroman voran. Allerdings bleibt am Ende ein zwiespältiges Gefühl zurück – und das hängt mit eben dieser handwerklich hervorragenden Aufbereitung und der Nähe, die sie sich zum Objekt ihres Buches erlaubt, zusammen.

Auf den zweiten Blick ist „Der Fall Scholl“ eher bedenklich

Reich hält sich, das liegt in der Natur der Sache, an das Leben des überlebenden Ehemannes. Sie hat Aussagen seiner Freunde gesammelt, seine eigenen schriftlichen Auslassungen verwendet und mit mehrfach mit Scholl gesprochen. Auch deshalb entsteht das Bild des gequälten, gedemütigten Mannes, dem am Ende seines Lebens die Entscheidung, sich seiner Frau zu entledigen, eigentlich nachzusehen ist. In einer sehr amerikanischen Interpretation des Rechtsempfindes legt sie, ohne das explizit zu sagen, den Schatten eines Zweifels über den Fall zu legen, wie man das beispielsweise aus „Die zwölf Geschworenen“ kennt, so dass der Leser geneigt ist, sich auf einer semi-bewussten Ebene zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden: Dass nämlich der allen Verfehlungen zum trotz sympathische Scholl entweder unschuldig sein oder so etwas wie „justifiable homicide“, also einen gerechtfertigten Mord, begangen haben könnte. Beide Empfindungen sind in unserem Rechtsraum jedoch nicht angemessen: Heiner Scholl ist rechtskräftig wegen Mordes verurteilt – und das Konzept des gerechtfertigten Mordes in einem konstruierten Akt von Selbstverteidigung kommt zumindest für mich als Handlungsalternative nicht infrage. Auf den zweiten Blick ist Reichs Buch hier also eher bedenklich.

Es fehlt die Perspektive des Opfers

Natürlich beschreibt Reich auch die merkwürdigeren Facetten des Charakters von Heiner Scholl, seine Geliebten und seine unbeholfenen Versuche, die eigene sexuelle Leistungsfähigkeit in Buchform zu verarbeiten. Scholl und seine Freunde bekommen aber gleichzeitig viel Raum, das Bild einer wahrhaft unerträglichen Frau zu zeichnen, die ihren Mann beinahe fünfzig Jahre gedemütigt und unterdrückt haben muss. Diese Position übernimmt Reich. Dem „Fall Scholl“ zufolge wurde der Provinzpolitiker nicht nur im eigenen Haus vorgeführt und mit dienstbotenartigen Aufgaben schikaniert, sondern sogar in seinem Büro im Ludwigsfelder Rathaus noch von seiner Frau drangsaliert.

Anregung zu Reflexion

Letztlich liest sich „Der Fall Scholl“ wie ein kunstvoll vorgetragenes Plädoyer. Das ist natürlich in Ordnung (und ungemein unterhaltsam). Allein, es fehlt – um sprachlich im Bild zu bleiben – das Plädoyer der Gegenseite, um sich ein einigermaßen unabhängiges Urteil bilden zu können: Die emotionalen Auswirkungen der diversen Eskapaden Scholls auf seine Ehefrau, ihre Sicht auf das gemeinsame Eheleben thematisiert Anja Reich nicht. Das Opfer konnte ja nicht gehört werden. Das ist die Schwäche von „Der Fall Scholl“ – und zugleich seine Stärke, weil es den Leser dazu bringt, sich mit dem Verhältnis von Fakt und Fiktion, Perspektivwechseln und dem eigenen Rechtsempfinden auseinanderzusetzen.

 

 

Tatort:Ludwigsfelde

Von Berlin Mitte bis nach Ludwigsfelde sind es nur etwa 34 Kilometer, und doch scheint die Gemeinde im Süden der Hauptstadt auf einem anderen Planeten zu liegen. Hier der Taliban-Bart tragende Zeitgeistritter mit I-Phone und Club-Mate, dort Dorfjugendliche mit Kippe im Mundwinkel und tiefergelegtem Golf. Nicht, dass das eine oder andere besser wäre. Es ist einfach nur anders. Vermutlich fühlt sich der Mitte-Bewohner in Ludwigsfelde deshalb viel fremder, weil er viel seltener dorthin kommt als sein Nachbar in Hauptstadt. Das ganze Ensemble aus Einfamilienhäusern mit nachbarschaftlicher Überwachung, ländlicher Einsamkeit, pseudomodernen Shoppingmalls und großmannsüchtigen Prestigeprojekten beschreibt jedenfalls Anja Reich in ihrem „Der Fall Scholl“ gekonnt. Sie zeichnet mit wenigen Sätzen die perfekte Kulisse für das menschliche Drama.

Anja Reich, Der Fall Scholl, Ullstein-extra, 205S., 14,99€, VÖ: 12. April 2014

Autor:

Kategorien
Neu

Aus Island kommt erneut ein melancholischer Kriminalfall

Alkohol scheint der wichtigste Treibstoff des Lebens im hohen Norden. Das gilt offenbar auch auf Island. Die Bewohner der einsamen Insel im nördlichen Atlantik scheinen bei jeder Gelegenheit hochprozentigem Stoff zuzusprechen. Das trifft, wenn man Aevar Örn Josepsson glauben darf, auf Ganoven genauso so zu, wie auf Polizisten. Jedenfalls greifen seine Figuren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zur Flasche.

Zerstörerische Süchte

Ein besonders schweres Alkoholproblem hat Olafur Aki Bardarson. Im Prinzip verlässt der Mann seine Wohnung nur noch aus zwei Gründen. Zum einen, um Alkohol zu kaufen, und zum anderen, um seinen zweiten Treibstoff zu „tanken“. Bardarson ist süchtig nach dem Wort Gottes, so wie es der zwielichtige Prediger Meister Magnus verbreitet und folgt dessen Predigten im Fernsehen und auf der Bühne. Es ist nicht völlig klar, welche Sucht zerstörerischer wirkt

Die doppelte Droge bekommt Olafur Bardarson schlecht. Er wird ermordet. Das fällt lange Zeit niemandem auf. Erst mit reichlich Verspätung beginnen die Polizisten Stefan, Katrin, Arni und Gudni von der Mordkommission in Reykjavik zu ermitteln. Dass sämtliche Spuren alt und erkaltet sind, macht die Sache nicht gerade einfacher. Dennoch tummeln sich auf den Fluren der Polizei bereits kurze Zeit später scharenweise Verdächtige, und ein mühsames Puzzle auf der Suche nach dem Mörder beginnt.

Eine Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit

Krimis aus Island wohnt meist ein ganz eigener Zauber inne. Es ist wohl diese einzigartige Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit, die beim Leben zwischen Gletschern, Vulkanen und Geysiren entsteht und in die Romane aus dem Norden einfließt.  Das gilt auch für „Wer ohne Sünde ist“ von Aevar Örn Josepsson. Der dritte Roman des Isländers, der einst in Freiburg Philosophie und englische Literatur studierte, nimmt nach einem sperrigen Auftakt spätestens im zweiten Drittel Fahrt auf und entwickelt krimi-gerechte Spannung. Josepsson lässt sich zu Beginn Zeit, das Elend einer gescheiterten, insgesamt zutiefst unsympathischen Existenz zu entwickeln. Das hat Tiefgang, aber das bremst, genau wie die isländischen Namen, die sich  jedes Mal erneut sperrig lesen. Wer Geduld aufbringt, sich durch den Beginn „hindurchzuarbeiten“, wird mit einem soliden Krimi mit gutem Unterhaltungswert belohnt.

 

 

Tatort:Island

Es leben nicht besonders viele Menschen auf Island. Knapp 350.000 Inselbewohner kommen auf über 100.000 km2 zurecht (Im Vergleich: Im Bayen leben auf 70.000 km2 über zwölf Millionen Menschen). Es gibt also jene Menge einsame Stellen auf der Insel. Je nach charakterlicher Disposition leiden oder erfreuen sich Josephssons Figuren an Vulkan- und Geröllwüsten. Nicht jeder Isländer, so die Botschaft es Autors, ist ein Naturbursche. Viel mehr erfährt der Leser nicht über die Schönheit Islands. Josephsson verzichtet weitgehend auf eine ausgreifende Schilderung seiner Heimat. Ihm sind die Binnenorte, das geistige Klima seiner Handlung wichtiger – und das sieht beinahe genauso trist, wenn nicht gar schlimmer, als ein abgelegenes Geröllfeld aus. Triste Sozialbauten und spießige Wohnklötze eines kleinbürgerlichen Mittelstandes bestimmen die Szenerie in „Wer ohne Sünde ist“. Gescheitert scheinen sie alle, die einen ganz offensichtlich, die anderen unsichtbar, aber kaum weniger trist, so als würde eine riesige, dunkelgraue Wolke aus Vulkanasche jegliche Lebensfreude ersticken. Das klingt traurig, ist aber – als literarisches Konzept – in der richtigen Dosierung sehr unterhaltsam.

Aevar Örn Josepsson, Wer ohne Sünde ist, btb, 9,99€

VÖ: Juli 2011