Kategorien
Neu

Matthew Quirks Direktive ist nur beschränkt einsetzbar

Alle, aber auch wirklich alle Figuren unglaubwürdig. Das Ende? Von vorneherein vorhersehbar.  Die meisten Entscheidungen scheinen einem billigen Horrorfilm entlehnt, in dem die Protagonisten grundsätzlich Wege gehen, die erstens mit Vernunft nicht zu erklären sind und zweitens zielsicher ins Verderben führen.

Verschwörung rund um die US-Notenbank

So einfach lässt sich Matthew Quirks Thriller „Die Direktive“ zusammenfassen. Die Hauptfigur heißt Mike Ford, ein ehemaliger Krimineller – um sich das genau zu erschließen, müsste man wohl den ersten Band der Reihe kennen –, der sich jetzt als Lobbyist in höchsten Washingtoner Kreisen bewegt. Zudem hat eine unglaublich schöne wie kluge Verlobte, die zu dem noch über ihren Vater enorm reich ist.  Bei dem Versuch seinen missratenen Bruder zur Hochzeitsfeier einzuladen, gerät in er in das Visier von Kriminellen, die ihn, wie sich später herausstellen soll, gezielt ins Zentrum einer breit angelegten Verschwörung zerren. Ford soll die sogenannte Direktive, die Zinsempfehlung der US-Notenbank stehlen, auf dass sich die Drahtzieher mit diesem Insiderwissen  unermessliche Reichtümer verschaffen können.

Matthew Quirk beschreibt ein originelles Einbruchsszenario

Was hat „Die Direktive“ auf der Habenseite? Ein einigermaßen originelles Einbruchsszenario. Der Weg an die Direktive der Notenbank hat tatsächlich so etwas wie Raffinesse. Dann verzichtet der Autor weitgehend auf sprachliche Schnörkel: Das Erzähltempo bleibt so hoch. Das ist bei einem Thriller immer eine gute Sache.

Die Direktive eignet sich höchstens als Urlaubslektüre

Auf der anderen Seite habe ich lange schon nicht mehr so einen unglaubwürdigen Quatsch gelesen. Die Figuren bleiben bestenfalls Zweidimensional, Glaubwürdigkeit, Tiefe, Komplexität Fehlanzeige. Wer einen Krimi sucht, der als Lesestoff in einem erfüllten Familienurlaub möglichst wenig Ablenkung darstellen soll, der also zum Einsatz kommt, wenn alle anderen nach einem Strandtag ermattet dösen und die Sonne noch nicht mit einem malerischen Untergang ablenkt, wird nicht völlig unzufrieden sein. Man kann ihn lesen, man kann ihn weglegen. Das ist einerlei. Dafür ist „Die Direktive gut geeignet. Wer wirklich Lust hat, ein intelligentes, spannendes Buch zu lesen, Finger weg.

Matthew Quirk, Die Direktive, Blessing, 430 S., 14,99€, VÖ: 3. April 2017

Kategorien
Neu

Scott Bergstrom lässt in Cruelty eine 17-Jährige auf Europas Unterwelt los

Es ist ja immer ein wenig heikel, sich über das Unglaubwürdige im Thriller zu beklagen. Das Genre lebt ja schließlich davon, dass einem nichts Böses ahnendem Zeitgenossen, ein ganzer Stapel schier unlösbarer Probleme vor die Füße gekippt werden.

Lee Childs lässt seinen Jack Reacher seit Jahrzehnten als unbezwingbare Ein-Mann-Armee ziellos durch die USA reisen, Philip Kerrs Bernie Gunther überlebt äußerlich unbeschädigt die Duelle mit allen möglichen Nazi-Größen. Alles ausgemachter Blödsinn, aber alles ungemein unterhaltsam. In diese Kategorie fällt auch „Cruelty“ von Scott Bergstrom – und das liegt an der Hauptdarstellerin.

Teenager ohne Freunde und Wurzeln

Eben noch war die 17-Jährige Gwen ein halbwegs normaler Teenager in New York. Altersgerecht kämpft sie mit gemeinen Mitschülerinnen, als Diplomatenkind ist sie zwar herumgekommen, spricht eine Reihe Sprachen fließend, ist aber durch das Nomadenleben auch nicht besonders fest in ihrer neuen Heimat verwurzelt. Ihr Vater hat sie seitdem die Mutter vor Jahren ermordet worden war, alleine aufgezogen.

Bergstrom inszeniert die Suche nach dem Vater

Eines Tages verschwindet der Mann, der doch eigentlich Bürokrat im Diensten des Außenministeriums ist, spurlos. Ermittler erzählen dem Teenager, dass ihr Vater eigentlich CIA-Agent ist, und im Einsatz spurlos verschwunden. Die Tochter wird erst verhört, dann ignoriert. Gwen  findet einen Hinweis und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater.

Atemlose Jagd quer durch Europa

Die Spur führt nach Europa, zunächst nach Paris, dann über Berlin nach Tschechien. In jeder Stadt muss sich die junge Frau mit immer gemeineren und gefährlicheren Verbrechern auseinandersetzen. Sie trifft auf Drogendealer, Waffenschieber und Menschenhändler. Um ihren Vater befreien zu können, muss Gwen erwachsen und vor allem immer grausamer werden, um sich dem Bösen entgegenzustemmen, dass versucht, sie hinwegzufegen.

Eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen

Auf der Glaubwürdigkeitsskala steht Cruelty sehr weit unten. Eine Siebzehnjährige, die zur Superkämpferin mutiert und reihenweise, Auftragskiller, Söldner und Gewohnheitsverbrecher ausschaltet? Aber ehrlich gesagt, macht das nicht viel aus. Freunde des Genres werden sich trotzdem gut unterhalten fühlen. Erstens bleibt Bergstrom seiner Akteurin dicht auf der Pelle, erlaubt sich kaum einen Perspektivwechsel, kaum Reflexion, das erhöht das Tempo, die Spannung. Zweitens funktioniert die Welt, in die Bergstrom seine Heldin schickt sehr gut. Das Leben im Unterbauch der Städte, zwischen Obdachlosen, Ausreißern, Vertriebenen und Kleinkriminellen hält eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen. Wer sich auf den Plot einlassen kann, der wird „Cruelty“ kaum aus der Hand legen wollen.

Scott Bergstrom, Cruelty, Rowohlt Polaris, 429 S., 14,99€, VÖ: 17. Februar 2017

Kategorien
Neu

Joakim Zanders Der Bruder: Facettenreich, intelligent, überambitioniert

Thematisch liegt Joakim Zander ziemlich genau in der Zeit. Er schreibt über die misslungene Integration von Migranten, die Radikalisierung von Jugendlichen, den Terror des IS und die Vermarktung der Sicherheit als Geschäft
Der Bruder heißt der neue Thriller des Schweden, der sich mit Themen auseinandersetzt, die auch unsere Schlagzeilen beherrschen. Drei Personen stehen im Zentrum des Romans. Die junge Yasemine Ajam ihr Bruder Fadi  und Klara Walldéen die der Leser schon aus dem sehr gelungenen „Der Schwimmer“ kennt. Yasemine lebt in New York, gerade ist ihr die zweite Flucht gelungen. Die erste schaffte sie als Jugendliche, die der Vororthölle Stockholms, in der Zuwanderer und Flüchtlinge wie in einem Ghetto lebten, entkam, und zu Beginn der Handlung lässt sie ihren gewalttätigen Freund hinter sich, der sie regelmäßig verprügelte.

Ein verblasstes Foto als einziges Lebenszeichen

Yasemine entdeckt ein Lebenszeichen, ein verwaschenes, unscharfes Foto ihres Bruders, der doch eigentlich in Syrien (?) ums Leben gekommen sein soll, gestorben als fanatischer Moslem in einem sinnlosen Bürgerkrieg.

Zander erzählt aus drei Perspektiven

Zander erzählt „Der Bruder“ aus drei Perspektiven, er spinnt das Garn für drei Geschichten. Das hat seinen Reiz, ist aber vor allem zu Beginn ein wenig anstrengend, weil der Leser da erst in den Rhythmus kommen muss. Auf der Habenseite bekommt der Leser dafür drei Geschichten zum Preis von einer, so eine Art Überraschungsei unter den Büchern. Der Bruder ist Sozialdrama, Selbstfindungsgeschichte und Verschwörungsthriller in einem, der – das ist ja typisch schwedisch – eine gehörige Portion Gesellschaftskritik transportiert. Er schildert den Irrsinn fundamentalistischer  Moslems, zeigt aber auch wie die Umstände, die Hoffnungslosigkeit des Lebens, die Tristesse der Umwelt, junge Menschen in die Fänge der Verführer geraten.

Zander liefert keine einfachen Erklärungen

Dass es in Der Bruder nicht wirklich Helden gibt, sondern nur Figuren, die durch die Handlung, durch unbeeinflussbare Ereignisse eher durch das Leben gepeitscht werden, macht den Reiz von „Der Bruder“ aus. Dabei ist der Thriller gleichermaßen vielschichtig wie überraschend. Wer einfache Erklärungen sucht, ist bei Zander falsch.

Die Stärken werden zu Schwächen.

In den Stärken des Romans liegen zugleich seine Schwächen, er ist vielleicht etwas zu überambitioniert, das dämpft  die Faszination, die sich beim Leser im Idealfall auch bei komplexen Stoffen einstellt. Zudem sind nicht alle Stränge gleichermaßen gut gelungen, neben atemberaubenden Passagen gibt es auch eher durchschnittliche Abschnitte, insbesondere die Hauptdarstellerin des ersten Teils bleibt eher blass. Hier wird der Leser durch den Klappentext in die Irre geführt. Das kann man als Marketingidee machen, führt aber zu einer, wie man neudeutsch sagt, Nutzerenttäuschung.

Joakim Zander, Der Bruder, Rowohlt Polaris, 459S., 14,99€, VÖ: Oktober 2016

Kategorien
Neu

Jeffery Deavers Der Giftzeichner: Ein Thriller als Familientreffen

Jeffery Deaver hat einmal damit begeistert, dass er mit Abstand die raffiniertesten Plots erdacht hat, seine Leser zusagen immer auf den Zehenspitzen hielt, weil sie jederzeit überraschenden Wendungen gewahr sein mussten. Diese Zeiten sind knapp 20 Jahre nach dem Sensationserfolg „Der Knochenjäger“ vorbei. Bei seinem jüngsten Krimi „Der Giftzeichner“ hatte ich das erste Mal das Gefühl, den Verlauf vorhersehen zu können. Es bestätigte sich mehrfach dieses „das war bestimmt….-Gefühl.

Erneut ein spannender Krimi von Jeffery Deaver

Das heißt ausdrücklich nicht, dass „Der Giftzeichner“ ein schlechter Krimi wäre. Ganz im Gegenteil. Deaver-Neulinge und eingefleischte Fans werden bei einem spannend aufgeschriebenen Krimi auf ihre Kosten kommen. Denn Jeffery Deaver beherrscht sein Handwerk und komponiert wieder jede Menge gruselige Szenen zu einer atemberaubenden Verfolgung.

Der „Giftzeichner“ mordet mit tödlichen Tattoos

Das wohl bekannte Ermittlerteam um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs hat es natürlich wieder mit einem Serienmörder zu tun. Dieser entführt seine Opfer und tötet sie mit giftigen Tattoos auf besonders grausame Weise. Die Tattoos, so wird schnell klar, sind Botschaften an die Ermittler, mit denen der Mörder sein perfides Katz- und Mausspiel beginnt.

Ermittlungen im New Yorker Untergrund

Wie im Rhyme-Sachs-Debüt „Der Knochenjäger“ geht es wieder in den New Yorker Untergrund. Der Unterbauch der Metropole bietet genügend verschlungene Pfade und Katakomben für jede Menge Gewaltverbrechen und klaustrophobische Anfälle – für Ermittler wie Leser.

Verbindungen zum „Knochenjäger“

Relativ früh wird klar, dass es eine Verbindung zu einem Täter vergangener Zeiten geben muss. Das ergibt die Auswertung forensischer Funde vom Tatort. Lange Zeit, das gehört sich für einen Thriller so, scheinen die Ermittler immer einen Schritt zu spät zu kommen, während die Zahl der Opfer stetig zunimmt.

Ein Familientreffen mit Lincoln Rhyme und Amelia Sachs

Auch der elfte Fall um das Duo Rhyme/Sachs bietet also trotz des Déjà vu wieder gute Krimi-Unterhaltung, vielleicht sogar gerade deshalb. Die beiden Ermittler sind einem mittlerweile so vertraut, dass ihre literarische Rückkehr so eine Art Familientreffen darstellt, auch bei Plot und Gruselfaktor gilt der steinalte Satz der Waschmittelwerbung: „Da weiß man, was man hat“. Das ist nicht innovativ, nicht aufregend neu, aber immer wieder unterhaltsam. Und von einem Krimi erwartet man ja oft genau das.

Jeffery Deaver, Der Giftzeichner, Blanvalet, 571S., 19,99€, VÖ 14. September 2015

Kategorien
Neu

Blinder Feind von Jeffery Deaver: Spannend und überraschend wie immer, aber leider auch flach wie nie

Jefferey Deaver ist meiner Meinung einer der Großmeister des perfekten Plots in der Kriminalliteratur. Der US-Amerikaner hat mich zumindest mit einigen der überraschendsten Wendungen unterhalten. Deaver ist dabei ein außerordentlicher Vielschreiber, er hat mehrere Reihen und zahllose „Stand-alone“-Thriller geschrieben. Sein neuester Thriller gehört in die letzte Kategorie.

Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren?

Wenn man streng ist, könnte man „Blinder Feind“ als Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren betrachten, weil er formal erst einmal ungewöhnlich und ungewohnt sperrig daherkommt. Aber Deaver wäre nicht Deaver, wenn er seine Leser nicht doch gehörig in die Irre führen würde.

Deaver entwickelt ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel

Die Geschichte beginnt mit einer New Yorker Büroangestellten, Garbriela McKenzie, deren Tochter entführt wurde. Damit wollen die Entführer die Frau, die als Office-Managerin eines Anlageberaters gearbeitet hatte, Geheimpapiere ihres Chefs und ein sattes Lösegeld erpressen. Wir lernen zudem im Inneren Monolog den Täter, sowie in ganz normalen Dialogen Spezialisten einer Geiselbefreiungsfirma kennen. Stück für Stück enthüllt sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem bald nicht mehr klar ist, wer Maus und wer Katze ist

„Blinder Feind“, ein Exemplar von Flughafen-Lektüre

Deaver treibt seine Geschichte mit gewohnt hohem Tempo voran, seine Thriller zeichnen sich genau dadurch aus, dass jedes Wort sitzt und dieser Stelle seinen Sinn hat. Dennoch hat er sich bislang immer auch Zeit für interessante Figurenzeichnung genommen und interessante und vielschichtige Charaktere geschaffen – und beschrieben. Bei „Blinder Feind“ ist das anders. Für mein Gefühl hat sich Deaver hier sehr deutlich auf das Niveau von Flughafen-Literatur begeben. (Das sind Bücher, die gleichzeitig so spannend und so schlicht sind, dass sie auch in 12.000 Meter Höhe bei mittelstarken Turbulenzen, eingekeilt zwischen übergewichtigen Sitznachbarn und Flugbegleiterinnen mit Domina-Komplex, noch gut zu lesen sind.)

Unerwartet nervige Figurenzeichnung von Jeffery Deaver

Jedenfalls beschränken sich die Eigenschaften der Männer, das sie kräftig gebaut sind, leuchtend blaue Augen haben und ansonsten entfernt wie George Clooney aussehen – es sei denn natürlich, sie seien Bösewichter: Das erkennt man an irgendwelchen körperlichen Defiziten. Bei den Frauen ist mit leichter Variation ähnlich: Langes, wallendes Haar, schmale Hüften und große Brüste stehen hier für einen „guten Charakter“.

Enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch enttäuschend flach…

Offen gestanden verliere ich, wenn ich nicht gerade in 12.000 Metern Höhe in einer schmalen Aluminiumröhre sitze, bei derartigen Figurenzeichnungen unmittelbar die Lust, weiterzulesen. In diesem Fall habe ich es dennoch getan, weil ich im Urlaub nicht unbegrenzt auf mein Bücherregal zugreifen konnte, um eine Alternative zu finden – und so bleibt, auch wenn am Ende der flache Figuren-Schein zu trügen scheint, mein Lesefazit eher ungnädig. Ja, enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch total und enttäuschend flach. Also eigentlich nur für Viel- bzw. Langstreckenflieger zu empfehlen…

Jeffery Deaver, Blinder Feind, blanvalet, 382S., 9,99€, VÖ: 19. Januar 2015

Autor:

Kategorien
Neu

Jeffery Deavers Todeszimmer: Spannung mit einem schwer erträglichen Rechtsempfinden

Jeffery Deaver ist offen gestanden einer meiner „Helden“. Der Amerikaner hat mich jedenfalls Mitte der neunziger Jahre das erste Mal mit seinen ungemein raffinierten und extrem spannenden Plots beeindruckt. Kaum jemand konnte meiner Meinung nach in jenen Jahren vergleichsweise fesselnd schreiben. Dass ich mit einer niederländischen Variante des „Bone Collector“ einige Jahre später die schöne Sprache unserer Nachbarn gelernt habe, gehört vermutlich nicht hierher, zeigt aber meine besondere Verbundenheit mit diesem Autor.

 Jeffery Deaver schreibt weiterhin extrem fesselnd

Jetzt hat Jeffery Deaver den neuesten Band seiner Lincoln-Rhyme-Reihe veröffentlicht. Für alle Fans des Autoren: Ja, er hat es mal wieder geschafft. Auch der neueste Band ist so stark verdichtet, dass er diese Qualität besitzt, den Leser für Stunden auf Sofa, den Küchenstuhl, das Mäuerchen vor dem Café (oder wo immer sich der bevorzugte Leseplatz befindet) zu bannen, sodass jede noch so kleine Unterbrechung als störend empfunden wird.

Mord im Auftrag der Regierung

Darum geht’s: Auf den Bahamas geschieht ein Mord. Ein Kritiker der USA, der alternative Projekte unterstützt, wird erschossen – und zwar mit Billigung amerikanischen Behörder, so viel ist von vorneherein klar. Offenbar, so vermutet eine New Yorker Staatsanwältin, war diese Hinrichtung nicht rechtens, weil das Opfer unschuldig sein könnte. Deshalb beauftragt die Juristin den forensischen Experten Lincoln Rhyme mit Ermittlungen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Amelia Sachs und dem gemeinsamen Team machen sich die beiden an die Arbeit. Schnell gewinnen die beiden Erkenntnisse, die nicht ganz ungefährlich sind: 1. Die Spur reicht bis nach Washington, möglicherweise sogar bis zum Präsidenten, 2. Es gibt noch weitere Mordbefehle, 3. Der Gegner ist gefährlich und rückt ihnen selber auf den Pelz und 4. Alle möglichen Finsterlinge behindern die Ermittlungen. Natürlich gelingt den Ermittlern am Ende die Aufklärung.

„Todeszimmer“ funktioniert nur auf einer emotionalen Ebene

Das ist wie gesagt, sehr spannend und routiniert aufgeschrieben. Jeffery Deaver gelingt es, trotz des Seriencharakters seiner Lincoln-Rhyme-Thriller, immer wieder neue Facetten in den jeweiligen Fortsetzungen unterzubringen. Und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Offen gestanden funktioniert der neueste Band „Todeszimmer“ nur auf einer emotionalen Ebene. Man liest den Plot so weg, mag die seit Jahren bestens vertrauten Figuren, folgt der atemlos vorangetriebenen Handlung und ertappt sich dabei, zwischendurch zustimmend zu nicken. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema löst, sobald man das Buch ausgelesen hat, dann gelinde gesagt Schrecken aus.

Die Hinrichtung als akzeptable Prävention

Es scheint, wenn man Deaver folgt, grundsätzlich richtig zu sein, dass US-Behörden gezielt Menschen umbringen, wenn sie eine Bedrohung darstellen. Die Angelegenheit muss nur nach Recht und Gesetz geschehen, dann geht der Mord zur Verbrechensprävention schon in Ordnung. Auch deshalb, weil die USA eigentlich ausschließlich von Terroristen umgeben sind: Selbst Bürgerrechtler, die sich um Mikro-Kredite und Bildung für Unterprivilegierte kümmern, haben letztlich nichts anderes im Ziel, als aufrechte Amerikaner anzugreifen. Deaver scheint dem omnipräsenten Verfolgungswahn seiner Landleute verfallen. Auch deshalb dreht der Autor – Achtung „Spoiler Alert“ – vermutlich seinen Plot im übrigen so, dass diejenigen, die vermeintlichen Opfer am Ende doch nichts anderes als verhinderte Bösewichte waren – die selbstverständlich den Tod verdienen. Diese Botschaft quillt trotz mannigfaltiger anderer Handlungsstränge (größenwahnsinniger Waffenhändler, geisteskranker Serientäter) nur mäßig subtil verpackt aus beinahe jeder Seite des Buches.

Der Zwang zur neurotisch-politischen Korrektheit

Man ist geneigt zu glauben, und das zeigt das gesamte Dilemma der aktuellen transatlantischer Beziehungen, dass Jeffrey Deaver diese Wendung möglicherweise nur deshalb eingeführt hat, um nicht am Ende noch wegen seines Thrillers unpatriotischer Gedanken verdächtig zu sein, und das ist in den USA der Gegenwart so förderlich für Karriere, soziales Ansehen oder Verkaufszahlen wie der Verdacht, man habe als Restaurantbesitzer irgendwann mal einen sehr entfernten Cousin Osama Bin Ladens bedient. Die Verhältnisse in den USA müssen stimmen: Gut bleibt gut, und böse bleibt böse. Das erinnert an fatal die Zeiten eines McCarthy, nur eben ohne McCarthy.

Insofern liefert Deaver nur ein paranoid-reaktionäres Werk ab – und das ist bei aller bisherigen Sympathie nur schwer zu ertragen.

Jeffery Deaver, Todeszimmer, Blanvalet, 607S., 19,99€, VÖ: 28. Juli 2014

Autor:

Kategorien
Neu

Weshalb ich mit Marc Elsbergs sehr gelungenen Zero meine Probleme habe

Das Endzeitszenario „Blackout“ war mit Sicherheit einer der Bücher des Jahres 2012. Jetzt hat dessen Autor, Marc Elsberg, seinen neuesten Krimi veröffentlicht. Wieder steht die Technik im Mittelpunkt – und die Folgen, wenn die Systeme versagen.

Ein Kampf der Gegenwart: Datenschützer vs. Datenkraken

In „Zero“ geht es im Prinzip um einen sehr aktuellen Konflikt. Ungefähr so wie in der Jetztzeit stehen in einer nahen Zukunft Datenkraken und Datenschützer gegeneinander. Die Datenkraken haben, da bleibt Elsberg dicht an der Realität, alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen sie die Daten ihrer (eigentlich aller) Nutzer sammeln (und verwenden). Gleichzeitig, und da entfernt sich Elsberg (hoffentlich) von der Wirklichkeit, verfolgen die Datenkraken mit diesem beinahe allumfassenden Wissen die finstersten Pläne, die im Prinzip die Weltherrschaft beinhalten. Vermutlich kann man nur hoffen, dass es Google, Facebook und Co einfach zu anstrengend (und nicht lukrativ genug) wäre, gleich ganze Länder zu regieren.

Die Datenbrille als Zeuge eines Mordes

Jedenfalls passiert bei einer Verfolgungsjagd durch London ein Mord, der durch eine Datenbrille aufgezeichnet und publik gemacht wird. Das Opfer ist ein Junge der mit der Tochter der Journalisten Cynthia Bonsant befreundet ist. Das Ganze steht zu allem Überfluss im Zusammenhang mit einer „Aktion“ von Datenschutzaktivisten gegen den Präsidenten der USA. Die Journalistin, die von ihrem Arbeitsethos eher Old-School ist, beginnt zu recherchieren und gerät unversehens in einen fiesen Krieg aller möglichen (Firmen-)Finsterlinge gegen die Datenschützer. Es beginnt eine atemlose Jagd.

Marc Elsberg hat wieder einen enorm spannenden Thriller geschrieben

Hatte Marc Elsberg sich bei „Blackout“ den europäischen Kontinent als Schauplatz ausgesucht, breitet er in „Zero“ die Landkarte noch weiter aus. Über den großen Teich bis in die USA geht die Jagd. Um es kurz zu sagen: Eigentlich hat Marc Elsberg wieder einen enorm spannenden, sauber durchdeklinierten und intelligenten Thriller geschrieben. Dennoch habe ich mit Zero meine Probleme. Aber das hat eher mit mir zu tun.

Meine persönlichen Befindlichkeiten und „Zero“

Marc Elsberg hat sich eine ältere Journalistin als Protagonistin auserkoren, die ihre Wurzeln im guten alten Printgeschäft hat und eher widerwillig sich mit den modernen Informationsplattformen auseinandersetzen muss. So wie Elsbergs „Cyn Bonsant“ habe ich meine Wurzeln, das Alter bringt es mit sich, im Printgeschäft. Vielleicht ist es ja ganz einfach, und es geht mir wie Polizisten, die keine literarischen Kommissare mögen, weil sie zu fern von der eigenen Realität sind. Bei mir kommt hinzu, dass ich vor einigen Jahren den Weg gegangen bin, den Elsbergs Heldin verweigert. Ich arbeite „online“ und versuche, bei meiner Arbeit immer wieder den Beleg zu bringen, dass moderne Kommunikationsformen und Qualitätsjournalismus kein Widerspruch sein müssen. In sofern kann ich mit der Zivilisationskritikerin Cyn Bonsant nicht viel anfangen: Es ist meiner Erfahrung nach viel mehr so, dass in der Realität die Online-Kritiker unter den Journalisten in den seltensten Fällen Kämpfer für die Qualität und hohe Werte, sondern meistens von der Blockadehaltung gegen jegliche Veränderung oder zusätzlich von dem Bemühen, jeglicher ernsthafter Arbeit aus dem Weg zu gehen, getrieben sind. Deshalb taugt die Protagonistin in „Zero“ für mich persönlich nicht als Identifikationsfigur.
Eigentlich sollten diese persönlichen Befindlickeiten bei der Bewertung eines Buches keine Rolle spielen, abr andererseits kann ich nur so erklären, weshalb ich bei einem eigentlich sehr gelungenen Kriminalroman keinen euphorischen Text schreiben kann. Aber das muss alle Menschen, die ihr Geld nicht mit Online-Journalismus verdienen, ja ohnehin nicht abhalten, „Zero“ mit großem Vergnügen zu lesen. Jenseits meines leichten Unbehagens ist „Zero“ schließlich ein sehr guter, spannender und action-geladener Krimi in bester angelsächsischer Thriller-Tradition.

Marc Elsberg, Zero, Blanvalet, 478S, 19,99€ VO: 26. Mai 2014

Autor:

Kategorien
Neu

R.J. Ellroy schubst seinen Ermittler tief in den Schmutz der Großstadt

Wer im Dreck wühlt, hat es schwer, sauber zu bleiben. So geht es auch Frank Parrish. Der ist Bulle in New York und muss sich mit den verdorbenen Seelen auseinandersetzen, die sich in den heruntergekommenen Seitenstraßen jenseits der glitzernden Fassaden der Weltmetropole herumtreiben. Frank Parrish sieht viel Not, Elend, aber auch Gewalt und Brutalität. Die Bilder haben sich nicht nur in die Netzhaut, sie haben sich tief in das Großhirn eingebrannt.

Ein Polizist mit kleineren Fehlern

Kein Wunder das der Polizist nicht nur ein klitzekleines Alkoholproblem hat, sondern auch kurz vor dem Rauswurf steht. Denn er trägt nicht nur den Ballast seiner eigenen Erfahrungen, sondern wird auch von den Erinnerungen an seinen Vater, der als mafia-jagender Polizist in der öffentlichen Wahrnehmung einen legendären Ruf genoss, bei en Versuchen durchs Leben zu humpeln zusätzlich zu Boden gedrückt.
Nicht die besten Voraussetzungen, um sich ernsthafter Ermittlungsarbeit zu widmen. Dennoch verbeißt sich Parrish in seinen jüngsten Fall, nachdem in einer Wohnung ein toter Teenager gefunden wird. Ein sechzehnjähriges Mädchen wurde missbraucht, erwürgt und weggeworfen. Frank Parrish beginnt zu ermitteln und muss rasch feststellen, dass Rebecca Lange nicht das einzige Opfer eines skrupellosen Mörders ist. Geht ein neuer Serienmörder um, der sich an Minderjährigen vergreift?

R.J. Ellroy hat einen eigensinnigen Kämpfer für das Recht erdacht

Es gibt nur ein Problem. Frank Parrish kann den Zusammenhang nicht beweisen, und da er desöfteren auf eher unorthodoxe Ermittlungsmethoden zurückgreift, ist die Bereitschaft unter Kollegen und Vorgesetzten, dem Mann zu glauben, gelinde gesagt, gering ausgeprägt. Das kann den eigensinnigen Kämpfer für die Opfer des Schmutzes nicht abhalten.

„Schrei der Engel“ ist große Krimi-Kunst

Der US-Amerikaner Roger Jon Ellroy hat sich den Detektiv mit den genre-üblichen Defiziten ins Sachen Bindungsfähigkeit und Alkoholkonsum erdacht. In der „Schrei der Engel“ schaut Ellroy sehr genau auf die düsteren Seiten New Yorks. Und man muss sagen: Das macht er sehr gut. Ellroy zeichnet ein akribisches Bild eines verkommenen Spektrums US-amerikanischer Gesellschaft. Mitten in den Sumpf stellt er einen Protagonisten, der mindestens bis zum Hals im Sumpf steht und dessen verzweifelter Kampf, nicht endgültig mit unterzugehen, anrührend sympathische Züge trägt. Dazu treibt Ellroy seinen Plot mit unbarmherziger Härte voran. Er lässt weder seinem Ermittler noch seinen Lesern Zeit für eine Atempause. Das ist ganz große Kunst, ein Kriminalroman in bester Tradition der düsteren Thriller US-amerikanischer Tradition.

Tatort:New York

Es gibt zwei Sorten von Unrat. Der eine stapelt sich achtlos beiseite geworfen und zu chaotischen Bergen wachsend, aber immerhin offensichtbar in den weniger schönen Seitenstraßen New Yorks. Die andere Sorte Dreck kommt zutage, wenn man in den Häusern einer blassen Mittelschicht die sorgfältig ausgemalte, aber nichts destotrotz gelegentlich sehr fadenscheinige Fassade ankratzt. Ellroy blickt sehr genau auf beide Sorten Schmutz und gibt sich viel Raum ihn sehr sorgfältig zu beschreiben. So entsteht ein Bild von New York, das die meisten Besucher wohl nie zu Gesicht bekommen, aber das ist vermutlich auch besser so. Denn hier bevölkern Drogensüchtige, Prosituiert, Diebe, Mörder, der Mob und korrupte Polizisten die Straße. Wahrhaft kein Ort, der auf dem Broadway besungen wird. Dafür einer, der erschüttert.
R.J. Ellroy, Der Schrei der Engel, Goldmann, 570S., 9,99
VÖ: Mai 2013





Thalia.de

Kategorien
Neu

Ein nordischer Kotzbrocken im Duell mit einem alternden Mafioso

Anton Brekke ist ein Kotzbrocken. Klingt drastisch? Das hat seine Gründe: Der Mann hat miese Umgangsformen, hackt gnadenlos auf Unterlegenen herum, macht sich unangemessen über seine Kollegen lustig und ist, auch wenn er sich selber das nicht eingesteht, gnadenlos spielsüchtig. Gleichzeitig ist dieser Unsympath einer der besten Ermittler in den Reihen der norwegischen Polizei ­– und deshalb ist man gewillt, über so manche Schwäche des 41-Jährige hinwegzusehen.

Jan Erik Fjell erfindet einen rüpelhaften Kommissar

Jan Erik Fjell hat sich den rüpelhaften Kommissar erdacht. Der Norweger ist, wenn man den Marketing-Experten glauben darf, der neue Stern am Krimihimmel seines Landes. Tatsächlich hat Fjell, nach Thomas Engers „Sterblich“ bereits das zweite Debüt aus Norwegen in diesem Jahr,  einen interessante Plot zusammengedichtet. In Fredrikstad wird ein vermögender Unternehmer ermordet, der sein Geld bislang mit Öl verdiente und – durch eine deutlich jüngere Geliebte motiviert – den Umweltschutz entdeckte. Das aber stieß bei seinen Geschäftspartnern auf wenig Verständnis. Es gibt also jede Menge Verdächtige. Nur wenig später wird ein bewusstlos geprügelter Mann ins örtliche Krankenhaus eingeliefert, ein Amerikaner, wie sich herausstellen soll.

Fjell lässt zwei Handlungsstränge nebeneinander herlaufen, die permanent neugierig machen. Er treibt die Ermittlungen in Norwegen voran und beschreibt parallel dazu den Aufstieg eines skrupellosen Mafiosi im New York der 60er Jahre.

Packender Einblick in mafiöse Strukturen

Man ahnt früh, dass sich beide Erzählstränge treffen werden und bleibt doch gebannt. Insofern ist Fjell tatsächlich ein spannender Krimi gelungen. Das liegt vor allem an dem „New Yorker“ Element des Romans. Die Schilderungen der mafiösen Strukturen der US-Metropole scheinen gut recherchiert, mitreißend aufgeschrieben und sind durch die Gleichzeitigkeit eines beinahe spießbürgerlichen Lebens gnadenloser Mörder zwischen Vorortidyll und Spielhölle ein faszinierender Stoff.

Der Krimi als Arztroman

Etwas zwiespältig gestaltet sich die Beurteilung der eigentlichen Hauptdarsteller. Brekke ist nicht wirklich sympathisch, bleibt aber wie die anderen Kommissare bis zum Schluss ein weinig blass. Hier ist, wie man so schön sagt, noch Luft nach oben. Insbesondere wäre es schön, wenn die Autoren auf die Marotten, ihren Ermittlern alle erdenkliche Leiden (Lars Kepler, Migräne, Max Bentow, Angststörung) auf den Leib zu schreiben, wieder ablegen könnten. Leider erliegt auch Fjell dieser Versuchung. Zwar ist Brekke, abgesehen von seiner unseligen Neigung zum illegalen Glücksspiel, gesund, aber sein Partner leidet unter Hämoriden. Dabei handelt es sich ohne Zweifel um ein Volksleiden und es soll ja auch sehr unangenehm sein, aber dennoch kann man gut darauf verzichten, die Details ausgebreitet zu bekommen. Ein Krimi ist schließlich kein Arztroman.

Fjell weckt Lust auf mehr

Von diesen kleinen Schwächen abgesehen, ist Jan Erik Fjell ein guter Kriminalroman gelungen. Die Geschichte ist gut erdacht und hinreichend spannend aufgeschrieben. Ein Debüt, das vielleicht noch nicht der neue „Larsson“ ist (darauf hoffen ja alle insgeheim), aber ein im besten Sinne solider Krimi, der Lust auf eine baldige Fortsetzung weckt. Und das ist doch auch schon mal was.

 

 

Tatort:Fredrikstad

Die eigentlich interessantere „Tatort“ ist New York, wenn Jan Erik Fjell die sechziger Jahre mit all der Gewalt und der Korruption wieder auferstehen lässt. Hauptort ist jedoch Fredrikstad an der Mündung des Oslofjordes  in Südnorwegen. Von diesem Ort bekommt man in „Der stumme Besucher“ allerdings nicht viel mit. Die Stadt wirkt austauschbar, Fjell hat sich – und das ist ja durchaus legitim – auf einige wenige Orte seiner Handlung konzentriert und dabei ungewöhnliche Wohnorte der besseren Gesellschaft beschrieben. Das ist glaubwürdig, nur eben als Reiseführer würde sich das Buch so gar nicht eignen. (Darum geht es Krimi natürlich nicht, mag der geneigte Leser einwenden, aber dennoch interessieren an dieser Stelle die „Tatorte“.) Immerhin transportiert der Roman die norwegische Mentalität, das Leben am nördlichen Rande Europas recht gut. Insofern taugt der „Fjell“ eben doch wieder gut als „Fremdenführer“ für den mitteleuropäischen Leser.

Jan Erik Fjell, Der stumme Besucher, Rowohlt, 8,99€

VÖ: November 2011