Kategorien
Uncategorized

Sven Kochs Dünenkiller: Mord und Totschlag zwischen Marsch und Watt

Eine herrenlos in der Nordsee treibende Yacht, ein Auftragskiller und drei neugierige Fischer bilden den Auftakt zu „Dünenkiller“, dem neuesten Krimi von Sven Koch. Letztere finden erstere im Wattenmeer, nach dem der Killer dort sein blutiges Geschäft betrieben hat. Drei Leichen und eine Schwerverletze schockieren die biederen Krabbenfischer bis ins Mark – und sollen die Soko des niedersächsischen Landeskriminalamts um die Kommissare Femke Folkmer und Tjark Wolf gehörig auf Trab halten.

Tödliches Ende eines Segeltörns

Die Toten auf der Yacht sind erfolgreiche Geschäftsleute, die so stellt sich schnell heraus, in eine tödliche Falle gelockt worden waren. Nicht klären lässt sich zunächst, welche Rolle die junge Russin Aisa, die nur knapp dem Tod entging, an Bord der Yacht spielte. Jedenfalls weckt die stumm bleibende junge Frau schnell die Beschützerinstinkte der Polizisten. Obwohl sie die Frau in einem Ferienhaus verstecken, können sie einen Angriff nicht verhindern. Allerdings geht das Gemetzel anders aus als es die Polizisten vermutet hätten. Die beschauliche Region am Rande der norddeutschen Tiefebene wird jedenfalls von immer neuen, immer bösartigeren Finsterlingen heimgesucht. Es herrscht Mord und Totschlag zwischen Marsch und Watt

Zwei Interpretationen zu Sven Kochs Dünenkiller

„Dünenkiller“ von Sven Koch lässt sich auf zwei Arten bewerten. Erstens: „Dünengrab“ ist ein sehr unterhaltsamer, angenehm zu lesender Krimi mit sympathischen Figuren und einer ordentlich komplexen Handlung, die in einem genregerechten Showdown mündet. Wer zur entspannten Ablenkung, beispielsweise im Flieger oder am Strand, gut gemachte Unterhaltung sucht, wird hier bestens bedient

Zweitens: „Dünenkiller“ kommt ohne wirklich originelle Einfälle aus. Die Kommissarin mag Pferde, der Kommissar ist bindungsscheu und wird von Dämonen der Vergangenheit getrieben, der russische Oligarch wiederum ist korrupt und blutrünstig bis ins Mark. Alle Ideen, die Sven Koch verwendet, hat man so oder so ähnlich schon allzu häufig gelesen. „Dünenkiller“ ist, wenn man strenge Maßstäbe anlegt, klischeebeladen bis vorhersehbar. Wer einen innovativen oder außergewöhnlichen Krimi lesen will, ist hier völlig fehl am Platz.

Lesespaß durch sympathisches Personal

Mir hat „Dünenkiller“, obwohl man als Krimi-Blogger natürlich eigentlich immer auf das Besondere hofft, Spaß gemacht. Bisweilen reicht es auch einmal völlig aus, wenn bekannte Ideen auf hohem handwerklichen Niveau neu zusammengesetzt werden. Das funktioniert vor allem dann, wenn das handelnde Personal sympathisch ist. Ausgetretene Pfade können eben auch einmal reizvoll sein, wenn die Begleitung stimmt – und dafür sorgt Sven Koch.

Sven Koch, Dünenkiller, Knaur, 423S., 8,99€, VÖ: Mai 2015

Kategorien
Neu

„Nordseegrab“ von Tilman Spreckelsen: Ein Krimi wie eine buddhistische Atemübung

Es ist nicht gut, wenn Krimi-Autoren zu klug sind. Kriminalromane haben ja in erster Linie die Aufgabe, ihre Leser zu unterhalten. Dass erfordert eine gewisse Gradlinigkeit im Denken. Ein Krimi verlangt meiner Meinung nach zwar viele falsche Fährten, aber eben auch einen stringenten Spannungsbogen, der im Idealfall zu einem furiosen Finale aufsteigt. Dass heißt nicht, dass man im Krimi nicht auch etwas lernen können sollte, aber ein intellektuelle Reflektionen stören doch meistens.

Nordseegrab, ein Krimi mit Theodor Storm als Detektiv

Das vorausgeschickt, muss man konstatieren, dass Tilman Spreckelsen sehr klug ist. Spreckelsen ist – das nur zur Einordnung – hauptberuflich Redakteur der Sonntags-FAZ, Autor mehrerer gelehrter Anthologien und Herausgeber einer eigenen Buchreihe. Jetzt hat er einen Kriminalroman geschrieben: „Das Nordseegrab“, mit dem Dichter Theodor Storm als Detektiv. Das ist streckenweise recht unterhaltsam, aber insgesamt eher eine intellektuelle Fingerübung. Echte Spannung will auf 272 Seiten nicht aufkommen

Verwirrspiel um Schuld, Rache und Gier

Darum geht’s: Im Haus des Vaters von Theodor Storm wird eine Leiche gefunden, die wächserne Nachbildung einer Leiche, genauer gesagt, in einem Fass versteckt und in Blut getaucht. Immerhin löst dieser Fund eine Kette von Ereignissen aus, die mit dem Untergang eines Schiffes vor der Küste zusammenhängen und die später zu echten Toten führen. Es geht um ein Verwirrspiel um Schuld, Rache und Gier.

Tilman Spreckselsen schreibt über die frühen Jahre Theodor Storms

Eigentlich aber geht es Spreckelsen darum zu zeigen, wie der Großdichter Theodor Storm lebte, bevor er zu dichten begann: Die Ereignisse in „Nordseegrab“ setzen zu dem Zeitpunkt ein, als Storm sich nach dem Jura-Studium in seiner Husumer Heimat als Anwalt niederlässt. Ernsthafte Erwerbsarbeit scheint dem Storm des Jahres 1843 eher lästig, seine Leidenschaft gilt dem örtlichen Chor, weinseligen Nächten in einschlägigen Kneipen und auf eine eher tugendhafte Weise der Damenwelt. Dazu kommt ein Faible für die düsteren Aspekte des Lebens.

Ein Mord, Moor und mystische Momente

Diese Mischung dominiert auch den Krimi. Spreckelsen montiert naiv Heiteres neben mystisch Düsteres, das direkt dem Werk Storms entnommen scheint. So gibt beispielsweite es den Schreiber Storms, den geheimnisvollen Peter Söt, der offenbar von finsteren Figuren getrieben wird. Außerdem dabei: Ein Mord im Wald und ein tückisches Moor in finsterer Nacht. Dazu hat Spreckelsen versucht, die Mitte des 19. Jahrhunderts inhaltlich und sprachlich wieder zum Leben zu erwecken. Der Historiker in mir hat über die gleichermaßen kenntnis- wie detailreiche Beschreibung jener Jahre jubiliert, der Krimikonsument hat sich angesichts des eher gemächlichen Erzählflusses gefühlt wie in einer buddhistischen Atemübung aus dem Body-Balance-Kurs, in dem der Trainer seinen Nachwuchs-Yogis das Mantra vorgibt, „es gibt kein Anfang und kein Ende“. Da fühlt man sich ja nie wirklich schlecht, aber eben auch latent fehl am Platz.

Tilman Spreckelsen, Das Nordseegrab, Fischer, 272S., 9,99€, 23. April 2015

Autor: