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Menschliche Abgründe in Jan Erik Fjells Kälteeinbruch

Wirklich sympathisch ist Anton Brekke nicht. Er denkt großkotzig, hat einen eher zweifelhaften Humor und behandelt Kollegen wie Untergebene gleichermaßen von oben herab. Eigentlich wäre Brekke vergleichsweise unerträglich, wenn er nicht gleichzeitig erstens ein armes Würstchen wäre, dem Frau und Kind davon gelaufen sind und er zweitens ein außergewöhnlich guter Ermittler bei norwegischen Polizei wäre.

Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch

In seinem zweiten Fall, „Kälteeinbruch“ muss sich Brekke, so will es sein Schöpfer, der Schriftsteller Jan-Erik Fjell, wieder mit dem tiefsten Abgründen menschlicher Existenz herumschlagen. Es geht um Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch.

Ein widerspenstiger Handlanger setzt eine Spirale der Gewalt in Gang

Ins Rollen kommt die Geschichte als ein litauischer Handlanger, der als Kurier für ein Verbrecher-Syndikat arbeitet, seine Ware, zwei kleine Jungen, nicht am Ziel abliefern kann. Dem Litauer wächst so etwas wie ein Gewissen und er beschließt, die Kinder anders als von den Auftraggebern befohlen, nicht umzubringen. Das setzt eine Kette aus Gewalt in Gang, die für mehrere Beteiligte tödlich enden soll.

Mord an einem Lehrer in Jan Erik Fjells „Kälteeinbruch“

Gleichzeitig, in einem völlig anderen Fall, rückt Anton Brekke aus, um den Mord an einem Lehrer zu untersuchen. Weshalb der zurückgezogen lebende, unscheinbare Mann ermordet wurde, will sich den Ermittlern zunächst nicht so recht erschließen.

Jan Erik Fjell fügt lässt in „Kälteeinbruch“ wieder intelligent Handlungsstränge parallel nebeneinander herlaufen.  Der Norweger schafft es gleichzeitig komplexe Situationen ablaufen zu lassen und sie dazu noch  mit interessantem Personal zu füllen. Insbesondere die „Nebendarsteller“ sind Fjell gut gelungen

Ein Kommissar, mit dem man nicht recht warm werden will

Die einzige Ausnahme, der einzige Schönheitsfehler wenn man so will, ist tatsächlich der Hauptdarsteller. So richtig will man mit Kommissar Anton Brekke nicht warm werden. Häufig sind ja Menschen mit kleinen Schwächen sympathisch, bei Brekke will sich dieses Gefühl nicht wirklich einstellen. Insofern liest man den Krimi aus Norwegen ein wenig um den Kommissar herum. Das bereitet dem Gesamtvergnügen aber wenig Abbruch, weil „Kälteeinbruch“ die Mindestanforderung an einen Krimi locker über-erfüllt: Er ist spannend. Er hat ein überraschendes Ende. Er unterhält

Tatort:Norwegen

Oslo ist eine Großstadt. Direkt vor den Toren der norwegischen Hauptstadt wird es ländlich, greift die Einsamkeit der dünn besiedelten Natur sich den Raum, und damit auch die Bühne von Jan-Erik Fjells „Kälteeinbruch“. Der Norweger Fjell legt in seinen Krimis meist keinen großen Wert auf szenische Beschreibungen, aber mit wohl dosierten Beschreibungen charakterisiert er die Einsamkeit der abgelegenen Hütte, die Tristesse die sich aus der winterlichen Mischung aus Kälte und Dunkelheit in Skandinavien zusammenbraut, sehr treffend: Dabei ist es vergleichsweise gleichgültig, ober er nur Klischees bedient oder die Wirklichkeit beschreibt. Für seinen Krimi funktioniert es. Und darauf kommt es an.

Jan Erik Fjell, Kälteeinbruch, Rowohlt, 554S, 9,99€, VÖ: Dezember 2013

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Monica Kristensen zeigt „in manchen Nächten“ die Kälte Spitzbergens

Es gibt Tage, da macht es besonders viel Spaß, Bücher über unwirtliche, eiskalte Wintergegenden zu lesen. Dunkle mitteleuropäische Herbst- und Winterabende gehören definitiv dazu. Und wenn es darum so richtig ungemütlich sein, gibt es wohl kaum einen passenderen Ort als den Tatort von „in manchen Nächten“.

Krimi auf Spitzbergen: „In manchen Nächten“

Die Norwegerin Monica Kristensen hat ihren neuen Krimi nach Spitzbergen verlegt, genauer gesagt, geschehen in Barentsburg, der russischen Enklave auf Spitzbergen Mord und Totschlag: Sehr zum Leid von Knut Fjeld, Polizist im Dienste des norwegischen Regierungsbevollmächtigten: Eigentlich möchte der Mann nur in Ruhe seinen Kater, einen von vielen in einer langen Reihe von durchzechten Nächten, auskurieren, da erreicht ihn der Einsatzbefehl.

Ein Mord in Barentsburg

Widerwillig macht sich der Mann nach Barentsburg auf, wo er einen Arbeitsunfall untersuchen soll. Fjeld macht in der russischen Enklave zwei Feststellungen: Erstens: Der Tote starb nicht nach einem Unfall. Zweitens durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hängt er selber länger als erhofft in Barentsburg fest.

Ein Bergwerksort als Hauptdarsteller im Kriminalroman

Der kleine Ort im hohen Norden wird schnell zum heimlichen Hauptdarsteller bei Monica Kristensen. In der einstmals blühenden, heute herunter gekommenen Bergbausiedlung scheinen die Uhren in sowjetischen Zeiten stehen geblieben zu sein. Diese ganze Tristesse des Ortes, die Hoffnungslosigkeit der Einwohner beschreibt Kristensen, die einst selber auf Spitzbergen lebte, außerordentlich glaubwürdig und sehr unterhaltsam. Die Krimi-Handlung gerät da beinahe in den Hintergrund, erfüllt aber mit hinreichend vielen Verdächtigen und falschen Fährten ebenfalls alle Anforderungen, die ein Leser an einen Krimi stellt.

Unentrinnbare Einsamkeit als bestes Stilmittel

Die dunklen Tag, die eiskalten Nächte, die unentrinnbare Einsamkeit sind dennoch die größten Stärken des Krimis. Hier liegen vermutlich die Stärken der Polarforscherin und Glaziologin Monica Kristensen, die mehrere Expeditionen ins ewige Eis leitete. Die Beschreibungen der lebensfeindlichen Umwelt bremsen das Tempo, auch sprachlich bleibt „In manchen Nächten“ nicht nachhaltig in Erinnerung. Insgesamt macht der zweite Krimi der Norwegerin aber insbesondere an den eingangs genannten dunkelkalten Tagen viel Spaß.

Tatort:Spitzbergen

Es gibt zwei nennenswerte Städte auf Spitzbergen, Longyearbyen und Barentsburg. Erstere ist norwegisch, wie auch die Inselgruppe, letztere russisch. Beide Städte sind nur etwa 60 Kilometer voneinander entfernt. Eine Straßenverbindung gibt es dennoch nicht. Schiff, Helikopter oder (im Winter) Schneemobil sind die einzigen Möglichkeiten zum Austausch. Fehlt noch der Hinweis: Der Begriff Stadt wird beiden Orten nicht gerecht. In Barentsburg leben heute noch etwa knapp 500 Menschen. Seit dem Niedergang des Bergbaus, vermutlich der einzige Grund, dass im 19. Jahrhundert überhaupt Menschen in die unwirtliche Ödnis gezogen sind, leben die verbliebenen Inselbewohner vom Tourismus. Wer einen Trip auf die Insel überlegt, sollte wissen, dass es dort weder Straßen noch Wanderwege gibt. Auch das Tragen einer großkalibrigen Waffe ist wegen der Eisbären Pflicht. Allerdings muss man, so die Gesetzeslage, erst versuchen, die Raubtiere pazifistisch zu verscheuchen, bevor man ausschließlich in Notwehr schießt. Viel Glück dabei. Die ganze Atmosphäre rund um Eis, Schnee und Bären fängt die ortskundige Monica Kristensen, wie bereits gesagt, sehr gut ein.

Monica Kristensen, In manchen Nächten, btb, 350S., 9,99€, VÖ: November 2013

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Thomas Engers „Verleumdet“ bietet intelligent verwobene Handlungsstränge

Ein einziges Fax reicht aus, um eine Existenz zu zerstören. Insbesondere, wenn die betroffene Person im Scheinwerferlicht des offenen Interesses steht. In diesem Fall hat es irgendjemand auf die norwegische Justizministerin abgesehen. Diese soll, so schreibt es die anonyme Quelle, auf einem Parteitag einen Mitarbeiter sexuell missbraucht haben. Es beginnt das für unsere Mediengesellschaft typische Rennen um immer neue schmutzige Details im Leben der Politikerin.

Perfider Angriff auf eine Politikerin in Norwegen

Die Ministerin selber kann sich nicht verteidigen. Zwar ist an den Anschuldigungen gegen Trine Juul nichts dran, aber sie kann ihr Alibi aus sehr persönlichen Gründen nicht offenlegen – und so taucht sie erst einmal unter. Auch ihr Bruder Henning Juul kann sich zunächst erreichen. Spätestens jetzt könnte dem regelmäßigen Leser skandinavischer Krimis ein Name bekannt vorkommen.

Thomas Enger: „Verleumdet“

Henning Juul ist das Geschöpf des norwegischen Autors Thomas Enger, der seinen Online-Journalisten nach seinem Debüt in „Sterblich“ und „Vergiftet“ jetzt zum dritten Mal ermitteln lässt. „Verleumdet“ heißt, passend zum Schicksal der Justizministerin der zweite Band.

Mord im Altenheim

Eigentlich hat Henning Juul genug zu tun. In einem Altenheim wird eine greise Bewohnerin auf bestialische Weise ermordet und verstümmelt. Der findige Juul arbeitet sich schnell einen Wissensvorsprung heraus und geht damit sowohl Kollegen wie Polizisten gehörig auf die Nerven. So richtig kann sich Juul, obwohl rasch ein weiterer Mord geschieht, jedoch nicht auf den Fall konzentrieren. Er versucht natürlich seiner Schwester zu helfen und beschäftigt sich gleichzeitig noch mit seiner eigenen Vergangenheit. Sei Sohn kam vo Jahren bei einem Brand ums Leben, und der Journalist vermutet – vermutlich zu Recht – das hinter dem Brand mehr steckt, als die Ermittler ihm verrieten.

Thomas Enger schreibt Krimi und Familien-Drama zugleich

„Verleumdet“ macht vor allem wegen der verschiedenen, intelligent verwobenen Handlungsstränge und der damit verbundenen Perspektivwechsel Spaß. Thomas Enger schafft den Spagat, eine spannende Krimi-Handlung mit einer zunehmen an die Oberfläche drängenden Familien-Saga zu verbinden. Wer also die oft sehr persönlich werdenden skandinavischen Kriminalromane mag, der wird auch „Verleumdet“ als guten Krimi schätzen. Einen Schönheitsfehler gibt es, wenn man so will auch: Krimis werden heute, vermutlich wegen der Vermarktbarkeit und für die Umsetzung im Fernsehen (was ja beinahe dasselbe ist) zunehmend als Serien geschaffen. Das hat seinen Reiz, weil die Fortsetzung und die Beantwortung spannender Fragen wartet, das entwertet das Genre aber auch, weil die einzelnen Folgen wegen zunehmender Cliffhanger-Techniken ihre Eigenständigkeit verlieren.

Tatort:Norwegen

Schauplatz der Juul-Krimis ist Oslo, aber Thomas Enger lässt seine Protagonisten reisen. Interessanter als die Hauptstadt und ihre offenbar eher sterilen Vororte wird die Provinz. Dem Leben in den einsamen Hütten an Meer und in den Bergen widmet sich der Norweger jedenfalls mit deutlich mehr Liebe zum Detail. Auch das dürfte beim deutschen Leser mit seinem kaum zähmbaren Hang zur romantisierten Natur entgegenkommen.

Thomas Enger, Verleumdet, Blanvalet, 382S, 14,99€, VÖ: 11.November 2013

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Guter Krimi, aber auch Fortsetzungsroman: Thomas Engers „Vergiftet“

Ein ehemaliger Geldeintreiber wird „solide“. Tore Pulli überzeugte einst mit dem Schlagring säumige Zahler, ihren Pflichten nachzukommen. Seinen Anteil, den er dafür erhielt, investierte er in das blühende Osloer Immobiliengeschäft. Dennoch schaffte er es nie ganz aus den Kreisen hinaus, die man gemeinhin als „Halbseiden“  bezeichnet. In diesem Umfeld, das durch Fitnessstudios und Nachtclubs bestimmt wird, geschieht ein Mord Tore Pulli soll einen ehemaligen Geschäftspartner erschlagen haben. Umstände und Vorgeschichte lassen Staatsanwalt und Richter nicht groß zweifeln. Der Mann wird verurteilt – und bittet Henning Juul um Hilfe.

Ermittlungen in halbseidenen Kreisen

Juul ist Journalist für ein Internetmedium und hat seinerseits den Ruf, seine Recherchen hartnäckig und bis an die Grenzen zu treiben. Dennoch hat Juul eigentlich mit diesen halbseidenen Kreisen nichts am Hut, lässt sich aber überzeugen, weil sein Klient ihn mit Informationen über den bis dahin ungeklärten Tod seines Sohnes „bezahlen“ will. Es folgt eine komplexe Mörderjagd mit einem ganzen Haufen skrupelloser Verbrecher – und Verdächtiger.

Thomas Enger und sein atemloser Präsens

„Vergiftet“ heißt der Kriminalroman des Norwegers Thomas Enger. Es ist die Fortsetzung des erfolgreichen Debüts „Sterblich“ aus dem vergangenen Jahr. Für den zweiten Fall um den Journalisten Henning Juul gilt ähnliches wie für den Erstling. „Vergiftet“ ist ein solider, gut konstruierter und spannend aufgeschriebener Kriminalroman mit einem glaubwürdigen Ermittler, an dessen Geschichte man gerne Anteil nimmt. Leider hat die gleiche Anmerkung aus dem Erstling Bestand. „Vergiftet“ ist durchgehend im Präsens geschrieben und der Versuch, damit zusätzliche Spannung zu erzeugen, wirkt leider atemlos und damit etwas unelegant.

Problematisch: Der Krimi als Fortsetzungsroman

Der Krimi als Fortsetzungsroman hat zudem immer das Problem, dass er eine treue, einigermaßen informierte Leserschaft braucht.  Zwar wird, soviel Handwerk beherrscht Enger als Nötige der Vorgeschichte von Henning Juul und den anderen Figuren erklärt, dennoch liest man, weil Juul offenbar weitere Folgen plant, dem Krimi an, dass er nur eine Durchgangsstation ist. Dieses Cliffhanger-Prinzip aus US-amerikanischen Fernsehserien ist mittlerweile auch in der Kriminalliteratur weit verbreitet, muss aber wirklich gut gemacht sein, damit es wirklich gut funktioniert.  Man kann gar nicht sagen, dass es Thomas Enger besonders schlecht gemacht hätte, vielleicht ist auch gerade nur der Punkt erreicht, bei dem der Krimi-Leser diese dramaturgische Geschäftsidee einmal zu viel gelesen hat.

 

Tatort:Oslo

Den „Tatort“ Oslo hatte Henning Juul bereits in seinem Debüt eingeführt. In „Vergiftet“ beschränkt er sich darauf einige Mikro-Schauplätze vorzustellen, die die ganze Tristesse einer durch das Öl zum Reichtum (und nicht zwingend zu Geschmack) gekommenen Metropole vorzustellen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen dieses Reichtums ­– hat sich eine dubiose Szene aus heruntergekommenen Fitnessstudios, Nachtclubs und Restaurants gebildet. Hier bewegen sich die Protagonisten des Kriminalromans. Allerdings spendiert Thomas Enger seinen Leser einen Ausflug in die norwegische Provinz.

Thomas Enger, Vergiftet, Blanvalet, 458 S., 14,99€

VÖ: 29. Oktober 2012

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Frode Granhus erzählt von Bosheit und Verderbtheit im Nordatlantik

Wie weit muss Liebe reichen? Muss schon das kurze Zögern, seiner Ehefrau ohne weiteres Nachdenken eine Niere zu spenden, als Beleg hartherziger emotionaler Kälte gelten? Ist der Versuch, sein eigenes Kind vor dem Zugriff von Therapeuten und Psychopharmaka zu bewahren, ein Zeichen väterlichen Beschützerinstinkts oder doch nur grob fahrlässig?

Frode Granhus stellt in seinem neuen Krimi „Der Mahlstrom“ ganz beiläufig existenzielle Fragen. Es reicht ihm nicht, dass seine Kommissare sich mit Mördern, eingebildeten Rächern und anderem zwielichtigen Volk herumschlagen müssen. Der Norweger spendiert ihnen, als sei ihnen mit dem Dienstsitz Lofoten nicht schon genug Unbill in Form von Wetter, Natur und Einsamkeit aufgebürdet, noch allerlei private Probleme. Wer sich die Figuren Granhus anschaut, kommt – angesichts der lapidaren Schilderungen – nicht um die Formulierung „Irgendwas is immer“ herum.

Ein Mahlstrom an Leichen auf den Lofoten

Irgendetwas ist tatsächlich auf den Lofoten. Niklas Hultin wird zu obskuren Funden an der Küste seiner neuen Heimat kurz oberhalb des Polarkreises gerufen. Irgendjemand setzt seltene Porzellanpuppen in Bastkörben im Meer aus. Kurz nachdem die ersten dieser Puppen an den Stränden angespült werden, taucht die erste Leiche auf, die frappierende Ähnlichkeit mit dem Spielzeug aufweist…

Ein Krimi, spröde wie sein Tatort

Einige hundert Kilometer südlich wird Polizist Rino Carlson zu ebenfalls verstörenden Tatorten gerufen: Ein Unbekannter überfällt Männer, fesselt und foltert sie.Über lange Zeit lässt Granhus beide Handlungsstränge parallel ablaufen, bevor er sie auf den Lofoten zusammenführt. Die Spuren der Verbrechen führen in die Vergangenheit, aber auch in das Leben der Ermittler. Das liest sich am Anfang etwas sperrig, fügt sich rund um die komplizierten Leben der beiden Kommissare, die sich um problembeladene Angehörige kümmern müssen, aber zu einem spröden, aber funktionierenden Kriminalroman mit einem perfekten, temporeichen Show-Down zusammen.

Frode Granhus und das Leben auf den Lofoten

Die Menschen hoch im Norden scheinen in langen Wintern über viel Zeit zu verfügen, die sie dazu nutzen leicht versponnene Stoffe zu entwickeln. Auch wenn „Mahlstrom“ als Roman funktioniert, ist er zumindest gewöhnungsbedürftig. Man mag es kaum glauben, dass in derart menschenleeren Gegenden wie der Inselkette im Norden Norwegens soviel Verderbtheit und Boshaftigkeit versammelt sind. Und doch wird mit einer Lust gemordet, dass man bei allem geruhsamen Tempo des Insellebens, das sich auch stilistisch in den Seiten wiederfindet, am Ende kaum mit dem Zählen der Leichen hinterherkommt. Immerhin werden auch einige der existenziellen Fragen des Lebens beantwortet. Einige lässt Frode Granhus aber auch offen – und sich damit Raum für eine Fortsetzung…

 

Tatort:Lofoten

Es ist kaum Raum zwischen wildem Nordatlantik und der rauhen Bergwelt der Lofoten. Einsam schlängeln sich nur wenige Straßen dort entlang, wo die Natur Platz gelassen hat. Daneben drängen sich auf den rund 80 Inseln, die von etwas über20.000 Menschen bewohnt werden, noch Siedlungen in Buchten, kleben einige Hütten an  Berghängen. Es ist ein unwirtliche Gegend, die Frode Granhus beschreibt, aber eine, die von in besten Momenten atemberaubend schönen Natur dominiert wird. Viele lichte Momente gönnt der norwegische Autor seinen Lesern jedoch nicht. Meist sind die eisige Kälte des Meeres, die schneidende Wucht des Windes und die erdrückende Einsamkeit heruntergekommener Wohnhäuser spürbar. Aber das hat ja durchaus seinen Reiz für den Leser, der sich aus sicherer Entfernung in gut geheizten Räumen der Welt der Lofoten nähert.

Frode Granhus, Der Mahlstrom, btb, 383 Seiten, 9,99€,VÖ: Februar 2012

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Ein nordischer Kotzbrocken im Duell mit einem alternden Mafioso

Anton Brekke ist ein Kotzbrocken. Klingt drastisch? Das hat seine Gründe: Der Mann hat miese Umgangsformen, hackt gnadenlos auf Unterlegenen herum, macht sich unangemessen über seine Kollegen lustig und ist, auch wenn er sich selber das nicht eingesteht, gnadenlos spielsüchtig. Gleichzeitig ist dieser Unsympath einer der besten Ermittler in den Reihen der norwegischen Polizei ­– und deshalb ist man gewillt, über so manche Schwäche des 41-Jährige hinwegzusehen.

Jan Erik Fjell erfindet einen rüpelhaften Kommissar

Jan Erik Fjell hat sich den rüpelhaften Kommissar erdacht. Der Norweger ist, wenn man den Marketing-Experten glauben darf, der neue Stern am Krimihimmel seines Landes. Tatsächlich hat Fjell, nach Thomas Engers „Sterblich“ bereits das zweite Debüt aus Norwegen in diesem Jahr,  einen interessante Plot zusammengedichtet. In Fredrikstad wird ein vermögender Unternehmer ermordet, der sein Geld bislang mit Öl verdiente und – durch eine deutlich jüngere Geliebte motiviert – den Umweltschutz entdeckte. Das aber stieß bei seinen Geschäftspartnern auf wenig Verständnis. Es gibt also jede Menge Verdächtige. Nur wenig später wird ein bewusstlos geprügelter Mann ins örtliche Krankenhaus eingeliefert, ein Amerikaner, wie sich herausstellen soll.

Fjell lässt zwei Handlungsstränge nebeneinander herlaufen, die permanent neugierig machen. Er treibt die Ermittlungen in Norwegen voran und beschreibt parallel dazu den Aufstieg eines skrupellosen Mafiosi im New York der 60er Jahre.

Packender Einblick in mafiöse Strukturen

Man ahnt früh, dass sich beide Erzählstränge treffen werden und bleibt doch gebannt. Insofern ist Fjell tatsächlich ein spannender Krimi gelungen. Das liegt vor allem an dem „New Yorker“ Element des Romans. Die Schilderungen der mafiösen Strukturen der US-Metropole scheinen gut recherchiert, mitreißend aufgeschrieben und sind durch die Gleichzeitigkeit eines beinahe spießbürgerlichen Lebens gnadenloser Mörder zwischen Vorortidyll und Spielhölle ein faszinierender Stoff.

Der Krimi als Arztroman

Etwas zwiespältig gestaltet sich die Beurteilung der eigentlichen Hauptdarsteller. Brekke ist nicht wirklich sympathisch, bleibt aber wie die anderen Kommissare bis zum Schluss ein weinig blass. Hier ist, wie man so schön sagt, noch Luft nach oben. Insbesondere wäre es schön, wenn die Autoren auf die Marotten, ihren Ermittlern alle erdenkliche Leiden (Lars Kepler, Migräne, Max Bentow, Angststörung) auf den Leib zu schreiben, wieder ablegen könnten. Leider erliegt auch Fjell dieser Versuchung. Zwar ist Brekke, abgesehen von seiner unseligen Neigung zum illegalen Glücksspiel, gesund, aber sein Partner leidet unter Hämoriden. Dabei handelt es sich ohne Zweifel um ein Volksleiden und es soll ja auch sehr unangenehm sein, aber dennoch kann man gut darauf verzichten, die Details ausgebreitet zu bekommen. Ein Krimi ist schließlich kein Arztroman.

Fjell weckt Lust auf mehr

Von diesen kleinen Schwächen abgesehen, ist Jan Erik Fjell ein guter Kriminalroman gelungen. Die Geschichte ist gut erdacht und hinreichend spannend aufgeschrieben. Ein Debüt, das vielleicht noch nicht der neue „Larsson“ ist (darauf hoffen ja alle insgeheim), aber ein im besten Sinne solider Krimi, der Lust auf eine baldige Fortsetzung weckt. Und das ist doch auch schon mal was.

 

 

Tatort:Fredrikstad

Die eigentlich interessantere „Tatort“ ist New York, wenn Jan Erik Fjell die sechziger Jahre mit all der Gewalt und der Korruption wieder auferstehen lässt. Hauptort ist jedoch Fredrikstad an der Mündung des Oslofjordes  in Südnorwegen. Von diesem Ort bekommt man in „Der stumme Besucher“ allerdings nicht viel mit. Die Stadt wirkt austauschbar, Fjell hat sich – und das ist ja durchaus legitim – auf einige wenige Orte seiner Handlung konzentriert und dabei ungewöhnliche Wohnorte der besseren Gesellschaft beschrieben. Das ist glaubwürdig, nur eben als Reiseführer würde sich das Buch so gar nicht eignen. (Darum geht es Krimi natürlich nicht, mag der geneigte Leser einwenden, aber dennoch interessieren an dieser Stelle die „Tatorte“.) Immerhin transportiert der Roman die norwegische Mentalität, das Leben am nördlichen Rande Europas recht gut. Insofern taugt der „Fjell“ eben doch wieder gut als „Fremdenführer“ für den mitteleuropäischen Leser.

Jan Erik Fjell, Der stumme Besucher, Rowohlt, 8,99€

VÖ: November 2011

 

 

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Thomas Enger liefert im besten Sinne des Wortes solide Krimikost

Ein Waldstück bei Oslo. Ein Spaziergänger entdeckt dort am frühen Morgen zufällig ein Zelt. Darin liegt eine Frauenleiche, grausam zugerichtet. Sie wurde ausgepeitscht, gesteinigt und zerhackt. Die Ermittler gehen schnell von eine Ehrenmord aus, ausgeführt nach den Gesetzen der Scharia, dem islamischen Gesetzeskodex des Islam. Die Polizisten folgen dem Reflex der jüngsten Zeit, ein unerklärliches Verbrechen schnell Moslems zuzuschreiben.

Beinahe von der Realität eingeholt

Thomas Enger, der „Sterblich“ schrieb, hat mit dieser Idee für seinen Krimi dabei beinahe die Wirklichkeit vorweggenommen. Bei den brutalen Anschlägen von Oslo und Utöya gingen Polizisten und selbsternannte Experten ebenfalls sehr schnell zunächst von „Moslemextremisten“ als Täter aus. Es war dann doch ein offenbar geistesgestörter und politisch verwirrter Norweger.

Zum Glück für Thomas Enger ist dieser Anfangsverdacht die einzige Parallele zur grausamen Realität. Man kann den Krimi lesen, ohne permanent an den Schrecken von Norwegen erinnert zu werden.

Ermittler und Gejagter zugleich

Dass im Roman der angenommen islamischen Hintergrund der Täter ein Irrweg ist, vermutet recht bald Henning Juul. Der erfahrene Online-Journalist merkt bei seinen Recherchen im Umfeld des Opfers, dass mehr hinter der Tat stecken muss – und er soll recht behalten.

Leicht fällt Juul seine Arbeit nicht. Er ist zumindest innerlich beinahe so verstümmelt wie das Opfer, über das er schreibt. Das sichtbarste Zeichen sind Brandnarben im Gesicht und Verwundungen am Körper. Schlimmer jedoch sind die Dämonen, die ihn treiben, seit er seinen Sohn bei einem Brand verlor, weil es ihm nicht gelang, sein Kind aus der brennenden Wohnung zu retten. Auf den Fall mit der Frauenleiche stößt er an seinem ersten Arbeitstag nach dem tragischen Unglück, und so richtig will es ihm noch nicht gelingen, wieder ins Leben zurückzukehren.

Thomas Enger liefert ein solides Debüt aus Norwegen

Der Norweger Thomas Enger hat mit Henning Juul einen interessanten Charakter geschaffen, dem man trotz aller Tragik gerne durch dessen Leben folgen mag. Sein Leiden, seine vergebliche Suche nach Normalität nach einem schweren Verlust sind glaubwürdig erzählt und ein guter „Rahmen“ für einen insgesamt sehr spannenden Kriminalroman.

Dem Debüt des Norwegers fehlt vielleicht die Vielschichtigkeit, die Komplexität, die bei anderen extrem erfolgreichen Krimis aus Skandinavien zu finden ist. Enger zeichnet weder ein düsteres Bild der Gesellschaft wie Henning Mankell das gerne tat, noch konstruiert er ein Universum der Verschwörung wie es Stieg Larsson so meisterlich vormachte. Thomas Enger hat schlicht einen Krimi erdacht, der um Opfer, Ermittler und der Suche nach den Tätern kreist – und das ist ihm außerordentlich gut gelungen. „Sterblich“ ist so im besten Sinne des Wortes „solide Krimikost“, ein unprätentiös und präzise aufgeschriebener Kriminalroman, der seinen Leser fesselt, so dass man ihn bis zur Auflösung nicht mehr aus der Hand legen mag. Und ein viel größeres Lob für einen Krimi gibt es doch eigentlich nicht.

 

Tatort:Norwegen

Thomas Enger fokussiert in „Sterblich“ ganz auf seinen Ermittler Henning Juul. Dass der Roman in Oslo handelt, spielt eigentlich keine größere Rolle. Die Stadt scheint austauschbar. Eher schon ist  als geographischer Bezugspunkt eine skandinavische Mentalität zu spüren, die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen eines idyllischen, von den Problemen Zentraleuropas doch etwas abgelegenen Landes. Wie viele andere skandinavische Krimis durchweht dazu eine melancholische Grundstimmung auch „Sterblich“. Es schimmert, wenn man so will“, ein konservativer Subtext durch die Seiten, ein permanentes Bedauern darüber, dass das Gute, Bewährte untergeht. Die Neuerung, der Fortschritt wirken beinahe als Bedrohung. Das äußert sich oft nur in Details, scheint aber eine Grundangst im hohen Norden. Auch diese Umrisse einer Stimmung beschreiben auch ohne wortreich formulierte Details über Straßen, Häuser und Plätze einen Tatort sehr genau.

Thomas Engler, Sterblich, Blanvalet, 14,99€

VÖ: 22. August 2011