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Philip Kerr schickt Bernie Gunther in Wolfshunger an die vorderste Front

Man könnte ja anfangen zu nörgeln: Die Geschichten um den braven Polizisten Bernie Gunther werden immer unglaubwürdiger, das Schema ist immer gleich, ein Verbrechen im Nazi-Dunstkreis, Ermittlungen die behindert werden und am Ende eine überraschende Wendung. Auch eine unglückliche Liebe läuft dem Berliner Bullen wie eigentlich in jedem Band wieder über den Weg.

Mordermittlungen an vorderster Front

Natürlich hat der mittlerweile neunte Fall um Bernie Gunther mittlerweile einigen Wiedererkennungswert, und natürlich haut Philip Kerr, seit er seinen Kommissar mitten im zweiten Weltkrieg ermitteln lässt, immer wieder richtig auf die Kacke. Zuletzt musste er sich mit Reinhard Heydrich auseinandersetzen, jetzt schickt ihn gar Joseph Göbbels in „Wolfshunger“ an die Front, und zwar im wahrsten Sinne des Worts. Bernhard Gunther muss bei Smolensk ermitteln. Der Mord an polnischen Offizieren im Wald von Katyn erscheint perfekt für einen Propaganda-Coup geeignet. Gunther, innerlich der Wahrheit verpflichtet, beginnt zu ermitteln, wie eigentlich immer. Und wie schon so oft zuvor, gerät er zwischen die Fronten, setzt sich mit seiner eigenwilligen Art zwischen alle Stühle.

Bernie Gunther, eine geniale Erfindung Philip Kerrs

Auch wenn die Fälle gen Ende also immer unglaubwürdiger werden, lässt die Faszination für den knorrigen Polizisten nicht nach. Vom eingangs erwähnten nörgeln jedenfalls bin ich sehr weit entfernt: Philipp Kerr hat einfach eine geniale Figur geschaffen. Dem Schicksal des traurigen Helden, der stets versucht, in finstersten Zeiten das zarte Licht der Wahrhaftigkeit zu schützen, folgt man immer wieder gerne, gerade, weil sein Schöpfer ihn nicht als strahlenden Helden zeichnet. Bernie Gunther macht sich, die Zeiten lassen nichts anderes zu, immer wieder schmutzig, der modrige Sumpf bleibt unnentrinnbar, gleich wie sehr sich der Polizist abstrampelt, er wird hinabgezogen.

Wolfshunger spielt mit der Faszination für die NS-Zeit

Philip Kerr nutzt, seit er den Polizisten mit seiner „Berlin Noir“-Serie der Vorkriegszeit erfunden hat, raffiniert die Faszination für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Das funktioniert, weil der Autor Schotte ist (also die nötige Distanz wahren kann), das fesselt aber insbesondere, weil Kerr die Fähigkeit hat, dem Bösen gerade soviel Menschlichkeit und Charisma anzudichten, dass es gerade deshalb in seinen Handlungen noch viel unerträglicher wirkt. Und ganz nebenbei verwebt Kerr mit großem handwerklichen Geschick die ganz große Geschichte mit einem fesselnden Krimi-Plot. Das gilt ausnahmslos vom ersten bis zum jüngsten, dem neunten, Fall „Wolfshunger“.

Tatort: Smolensk

Man weiß jetzt natürlich nicht, ob sich Philip Kerr für seinen Krimi „Wolfshunger“ in Smolensk und Umgebung umgeschaut hat, aber in jedem Fall bedient er die Erwartungen, die man als Leser an eine Kriegszone in den russischen Weiten hat. Die Natur ist unerbittlich, die Weite zehrt an den Nerven. Es ist matschig, es ist kalt, es ist heiß, es ist eigentlich immer unerträglich – und im Wald heulen die Wölfe. Man weiß es wie gesagt nicht, woher Kerr seine Informationen hat, aber es scheint beinahe egal. Neben vielem anderen schildert auch der Schauplatz Smolensk,die immer näher rückende Front und die damit einhergehende Atmosphäre von Angst und Resignation sehr glaubwürdig,

Philip Kerr, Wolfshunger, Wunderlich, 544 S., 22,95€, VÖ: 29. August 2014

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Harald Gilbers gelingt mit „Germania“ ein besonders fesselndes Krimi-Debüt

Ein besonders gutes – und deshalb vermutlich besonders häufig – verwandtes Thema in der Kriminalliteratur, stellt einsamen Aufrechten in einer gnadenlos verdorbenen Welt ins Zentrum der Handlung. Raymond Chandler hat vermutlich mit Philip Marlowe den bislang bekanntesten Detektiv geschaffen, der solch ein richtiges Leben im falschen führt. Eine interessante Version des Themas gelingt, wenn der Plot in totalitäre Systeme verlegt wird. Tom Rob Smith und Sam Eastland lassen ihre Protagonisten durch den Stalinismus stolpern, die Briten Robert Harris und Philip Kerr haben brillante Krimis in die NS-Zeit verlegt.

 Ermittlungen im Bombenhagel

Genau dort hat jetzt auch ein Deutscher einen Krimi-Stoff angesiedelt. „Germania“ spielt in den letzten Tagen des dritten Reichs, als Berlin unter den permanenten Angriffen alliierter Bomber erzittert. Ein Serienmörder lauert jungen Frauen auf, verstümmelt und ermordet sie gnadenlos. Die Behörden entsinnen sich des Juden Richard Oppenheimer, einst Kriminalpolizist, der eigentlich schon lange Berufsverbot hat: Da er mit einer „arischen“ Frau verheiratet ist, wurde er bislang weder deportiert noch umgebracht. Weil die Ermittler der SS einen Nazi als Täter vermuten, scheint der kaltgestellte aber immerhin unbefangene Oppenheimer die richtige Wahl. Der Ex-Polizist, der im Geiste noch immer aufrechter und pflichtbewusster preußischer Beamter ist, macht sich auf die Suche, obwohl er genau weiß, dass seine „Gnadenfrist“ endgültig abgelaufen sein könnte, wenn er den Täter findet und stellt.

Harald Gilbers hat einen fesselnden Kriminalroman geschrieben

Harald Gilbers hat sich den wackeren Polizisten für „Germania“ erdacht – und das hat er im Großen und Ganzen richtig gut gemacht. Der Journalist und Theater-Regisseur  Gilbers hat eine enorm spannende Geschichte erfunden und erzählt sie – das ist für einen Kriminalroman immer das höchste Lob – fesselnd. Die besten Bücher sind doch immer noch die, die man nicht weglegen mag. „Germania“ gehört dazu.

Ein Schönheitsfehler bei „Germania“

Einen Schönheitsfehler hat der Kriminalroman: Titel und Vorspann sind eine außerordentliche Mogelpackung. „Germania“ suggeriert, dass es um die wahnwitzige Megapolis Hitlers gehen könne. Tatsächlich treten der wahnsinnige Diktator, sein Bauherr Albert Speer und ein Modell der Stadt auf den ersten drei Seiten auf – und dann  nicht wieder. Es könnt ein Kunstgriff sein, den Gegensatz der größenwahnsinnigen Planung und der bombennarbigen Totenstadt des Kriegsendes herauszustellen. Nötig wäre ein solcher Kniff nicht. Und so bleibt der Verdacht, dass sich Autor und Verlag auf einen verkaufsfördernden Marketing-Trick geeinigt haben. Das aber stört den insgesamt großartigen Eindruck, den Gilbers Debüt hinterlässt.

 

Tatort:Berlin

Es gibt für den deutschen Leser wohl kaum einen „Tatort“ den er so gut kennt wie Berlin. Das historische Berlin löst dabei beim Leser häufig eine besondere Faszination aus. „Mauer und „das 3. Reich“ sind die am häufigsten nachgefragten Themen bei Touristen aus In- und Ausland. Insofern hat es Harald Gilbers natürlich leicht, die Stadt als Kulisse für seinen Krimi in Szene zu setzen. Das gelingt ihm, obwohl er sich nicht wirklich Mühe gibt. Das historische Berlin blitzt immer wieder durch, aber man hat das Gefühl, dass der Münchner Gilbers allein in einigen Bildbänden recherchiert hat. Die Wege, die er seinen Ermittler Richard Oppenheimer zurücklegen lässt – und das auch noch größtenteils zu Fuß – sind jedenfalls nicht  besonders plausibel. Da man die Stadt in aller dichterischen Freiheit dennoch gut wieder erkennt, macht auch das oberflächliche Berlin-Bild Spaß.

Harald Gilbers, Germania Knaur, 535S., 9,99€, VÖ: November 2013

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Rose Gerdts Morgengrauen, ein herausragender Regionalkrimi

Beim Versuch, in dessen Schrebergarten den Nachlass seines  Vaters zu ordnen, wird ein Bremer Polizist überfallen, niedergeschlagen und schwer verletzt. Das ruft seine Kollegen, das Ermittlerduo Frank Steenhoff und Navideh Petersen, auf den Plan. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wer ihrem Kollegen aufgelauert hat. Schnell finden sie heraus, was der Leser schon weiß. Der Angriff hängt mit Morden in Amsterdam und München zusammen und führt weit in die dunkelsten Phasen der deutschen Geschichte zurück.

Ein Fall mit Wurzeln in der NS-Zeit

Rose Gerdts setzt sich in „Morgengrauen“, dem fünften Fall ihres sympathischen Ermittlerpaares mit den Untaten Bremer Polizisten währen der NS-Zeit in Litauen auseinander. Verschiedene Poizeibataillone erledigten hinter der Front die Drecksarbeit, spürten Partisanen und Flüchtlinge auf und  betätigen sich blutig als Richter und Henker. Gerdts erzählt in „Morgengrauen“ nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern auch vom Leid der Opfer – und das macht sie sehr emotional.  Bislang war die Krimis um Steenhoff und Peterson solide, deutlich über das Mittelmaß deutscher Regionalkrimis hinausgehende Reihe. „Morgengrauen“ ist schlicht gesagt vor allem wegen des seines Themas herausragend. Die Geschichte um den litauischen Anwalt, der Wiedergutmachung für das Leiden seines jüdischen Vater sucht, ist fesselnd und mitreißend erzählt. Die Bremer Kriminalgeschichte der Jetztzeit bildet einen angemessenen, hinreichend mit falschen Spuren versehenen Rahmen.

Allzu nette Ermittler

Für ganz große Krimikunst fehlt den Figuren, die sich Rose Gerdts erdacht hat, vielleicht die nötige Tiefe. Frank Steenhoff und Navideh Petersen sind wie bereits in Schattenschmerz (unter dem Link meine Meinung zum Buch) sympathisch, man glaubt ihnen ihr Bemühen, aber letztlich bleiben sie blass, auch weil sie insgesamt, so wie die meisten Figuren einfach zu nett sind. Es fehlen die mindestens ambivalenten Charaktere, die dem guten Kriminalroman eine düstere Tiefe verleihen. Dennoch unterhalten die Kriminalromane von Gerdts – und das ist ja das wichtigste.

 

Tatort:Bremen

Mittlerweile, das ist wohl das 21. Jahrhundert, beherbergt das zentrale Polizeigebäude in Bremen (unter dem Link einige Eindrücke nach meinem letzten Besuch)  einen Biergarten. Platz genug gibt es. Irgendwann im 19. Jahrhundert muss die Bürgerschaft beschlossen haben, dass die Einwohner der doch eher provinziellen Hansestadt, besonders intensive polizeiliche Fürsorge benötigen und setzen einen gigantischen Komplex in die Innenstadt. Als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins erhielt die rund 150 Meter lange Fassade allerlei neogotische Verzierungen. Türmchen und Brücken verleihen dem Gebäude heute eine beinahe burgartige Anmutung. Bis zum Marktplatz und Roland sind es vom Hauptquartier der Ermittler von Rose Gerdts nur knapp 200 Meter. Dort warten die Hauptattraktionen, Marktplatz und Roland. Beinahe gegenüber des grantigen Polizeigebäudes bewacht der schüler-einschüchternde Bau des Alten Gymnasiums dem Eingang um Schnoor, einst Hafenarbeiterviertel, heute Puppenstube der Stadt. Wer Gerdts Spuren in ihrem Roman folgt, wird feststellen, dass sie ihre Protagonisten sehr akkurat durch die Hansestadt an der Weser führt. Die Beschreibungen stimmen bis hin zur Minigolfanlage an der Autobahnbrücke für Radler und Fußgänger, die übrigens zum auf eine skurrile Weise schönsten Teil Bremens führt, dem unberührten Umland. In Bremens Osten liegen Kilometer lange Deichwege, Äcker und Überschwemmungswiesen, die auf karge Weise eine idyllische Weite zeigen und mit dem beständig pfeifenden Wind an die Nähe zum Meer und der weiten Welt erinnern.

Rose Gerdts, Morgengrauen, Rowohlt, 315 S., 9,99€

VÖ: März 2013





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