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Menschliche Abgründe in Jan Erik Fjells Kälteeinbruch

Wirklich sympathisch ist Anton Brekke nicht. Er denkt großkotzig, hat einen eher zweifelhaften Humor und behandelt Kollegen wie Untergebene gleichermaßen von oben herab. Eigentlich wäre Brekke vergleichsweise unerträglich, wenn er nicht gleichzeitig erstens ein armes Würstchen wäre, dem Frau und Kind davon gelaufen sind und er zweitens ein außergewöhnlich guter Ermittler bei norwegischen Polizei wäre.

Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch

In seinem zweiten Fall, „Kälteeinbruch“ muss sich Brekke, so will es sein Schöpfer, der Schriftsteller Jan-Erik Fjell, wieder mit dem tiefsten Abgründen menschlicher Existenz herumschlagen. Es geht um Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch.

Ein widerspenstiger Handlanger setzt eine Spirale der Gewalt in Gang

Ins Rollen kommt die Geschichte als ein litauischer Handlanger, der als Kurier für ein Verbrecher-Syndikat arbeitet, seine Ware, zwei kleine Jungen, nicht am Ziel abliefern kann. Dem Litauer wächst so etwas wie ein Gewissen und er beschließt, die Kinder anders als von den Auftraggebern befohlen, nicht umzubringen. Das setzt eine Kette aus Gewalt in Gang, die für mehrere Beteiligte tödlich enden soll.

Mord an einem Lehrer in Jan Erik Fjells „Kälteeinbruch“

Gleichzeitig, in einem völlig anderen Fall, rückt Anton Brekke aus, um den Mord an einem Lehrer zu untersuchen. Weshalb der zurückgezogen lebende, unscheinbare Mann ermordet wurde, will sich den Ermittlern zunächst nicht so recht erschließen.

Jan Erik Fjell fügt lässt in „Kälteeinbruch“ wieder intelligent Handlungsstränge parallel nebeneinander herlaufen.  Der Norweger schafft es gleichzeitig komplexe Situationen ablaufen zu lassen und sie dazu noch  mit interessantem Personal zu füllen. Insbesondere die „Nebendarsteller“ sind Fjell gut gelungen

Ein Kommissar, mit dem man nicht recht warm werden will

Die einzige Ausnahme, der einzige Schönheitsfehler wenn man so will, ist tatsächlich der Hauptdarsteller. So richtig will man mit Kommissar Anton Brekke nicht warm werden. Häufig sind ja Menschen mit kleinen Schwächen sympathisch, bei Brekke will sich dieses Gefühl nicht wirklich einstellen. Insofern liest man den Krimi aus Norwegen ein wenig um den Kommissar herum. Das bereitet dem Gesamtvergnügen aber wenig Abbruch, weil „Kälteeinbruch“ die Mindestanforderung an einen Krimi locker über-erfüllt: Er ist spannend. Er hat ein überraschendes Ende. Er unterhält

Tatort:Norwegen

Oslo ist eine Großstadt. Direkt vor den Toren der norwegischen Hauptstadt wird es ländlich, greift die Einsamkeit der dünn besiedelten Natur sich den Raum, und damit auch die Bühne von Jan-Erik Fjells „Kälteeinbruch“. Der Norweger Fjell legt in seinen Krimis meist keinen großen Wert auf szenische Beschreibungen, aber mit wohl dosierten Beschreibungen charakterisiert er die Einsamkeit der abgelegenen Hütte, die Tristesse die sich aus der winterlichen Mischung aus Kälte und Dunkelheit in Skandinavien zusammenbraut, sehr treffend: Dabei ist es vergleichsweise gleichgültig, ober er nur Klischees bedient oder die Wirklichkeit beschreibt. Für seinen Krimi funktioniert es. Und darauf kommt es an.

Jan Erik Fjell, Kälteeinbruch, Rowohlt, 554S, 9,99€, VÖ: Dezember 2013

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Thomas Engers „Verleumdet“ bietet intelligent verwobene Handlungsstränge

Ein einziges Fax reicht aus, um eine Existenz zu zerstören. Insbesondere, wenn die betroffene Person im Scheinwerferlicht des offenen Interesses steht. In diesem Fall hat es irgendjemand auf die norwegische Justizministerin abgesehen. Diese soll, so schreibt es die anonyme Quelle, auf einem Parteitag einen Mitarbeiter sexuell missbraucht haben. Es beginnt das für unsere Mediengesellschaft typische Rennen um immer neue schmutzige Details im Leben der Politikerin.

Perfider Angriff auf eine Politikerin in Norwegen

Die Ministerin selber kann sich nicht verteidigen. Zwar ist an den Anschuldigungen gegen Trine Juul nichts dran, aber sie kann ihr Alibi aus sehr persönlichen Gründen nicht offenlegen – und so taucht sie erst einmal unter. Auch ihr Bruder Henning Juul kann sich zunächst erreichen. Spätestens jetzt könnte dem regelmäßigen Leser skandinavischer Krimis ein Name bekannt vorkommen.

Thomas Enger: „Verleumdet“

Henning Juul ist das Geschöpf des norwegischen Autors Thomas Enger, der seinen Online-Journalisten nach seinem Debüt in „Sterblich“ und „Vergiftet“ jetzt zum dritten Mal ermitteln lässt. „Verleumdet“ heißt, passend zum Schicksal der Justizministerin der zweite Band.

Mord im Altenheim

Eigentlich hat Henning Juul genug zu tun. In einem Altenheim wird eine greise Bewohnerin auf bestialische Weise ermordet und verstümmelt. Der findige Juul arbeitet sich schnell einen Wissensvorsprung heraus und geht damit sowohl Kollegen wie Polizisten gehörig auf die Nerven. So richtig kann sich Juul, obwohl rasch ein weiterer Mord geschieht, jedoch nicht auf den Fall konzentrieren. Er versucht natürlich seiner Schwester zu helfen und beschäftigt sich gleichzeitig noch mit seiner eigenen Vergangenheit. Sei Sohn kam vo Jahren bei einem Brand ums Leben, und der Journalist vermutet – vermutlich zu Recht – das hinter dem Brand mehr steckt, als die Ermittler ihm verrieten.

Thomas Enger schreibt Krimi und Familien-Drama zugleich

„Verleumdet“ macht vor allem wegen der verschiedenen, intelligent verwobenen Handlungsstränge und der damit verbundenen Perspektivwechsel Spaß. Thomas Enger schafft den Spagat, eine spannende Krimi-Handlung mit einer zunehmen an die Oberfläche drängenden Familien-Saga zu verbinden. Wer also die oft sehr persönlich werdenden skandinavischen Kriminalromane mag, der wird auch „Verleumdet“ als guten Krimi schätzen. Einen Schönheitsfehler gibt es, wenn man so will auch: Krimis werden heute, vermutlich wegen der Vermarktbarkeit und für die Umsetzung im Fernsehen (was ja beinahe dasselbe ist) zunehmend als Serien geschaffen. Das hat seinen Reiz, weil die Fortsetzung und die Beantwortung spannender Fragen wartet, das entwertet das Genre aber auch, weil die einzelnen Folgen wegen zunehmender Cliffhanger-Techniken ihre Eigenständigkeit verlieren.

Tatort:Norwegen

Schauplatz der Juul-Krimis ist Oslo, aber Thomas Enger lässt seine Protagonisten reisen. Interessanter als die Hauptstadt und ihre offenbar eher sterilen Vororte wird die Provinz. Dem Leben in den einsamen Hütten an Meer und in den Bergen widmet sich der Norweger jedenfalls mit deutlich mehr Liebe zum Detail. Auch das dürfte beim deutschen Leser mit seinem kaum zähmbaren Hang zur romantisierten Natur entgegenkommen.

Thomas Enger, Verleumdet, Blanvalet, 382S, 14,99€, VÖ: 11.November 2013

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Guter Krimi, aber auch Fortsetzungsroman: Thomas Engers „Vergiftet“

Ein ehemaliger Geldeintreiber wird „solide“. Tore Pulli überzeugte einst mit dem Schlagring säumige Zahler, ihren Pflichten nachzukommen. Seinen Anteil, den er dafür erhielt, investierte er in das blühende Osloer Immobiliengeschäft. Dennoch schaffte er es nie ganz aus den Kreisen hinaus, die man gemeinhin als „Halbseiden“  bezeichnet. In diesem Umfeld, das durch Fitnessstudios und Nachtclubs bestimmt wird, geschieht ein Mord Tore Pulli soll einen ehemaligen Geschäftspartner erschlagen haben. Umstände und Vorgeschichte lassen Staatsanwalt und Richter nicht groß zweifeln. Der Mann wird verurteilt – und bittet Henning Juul um Hilfe.

Ermittlungen in halbseidenen Kreisen

Juul ist Journalist für ein Internetmedium und hat seinerseits den Ruf, seine Recherchen hartnäckig und bis an die Grenzen zu treiben. Dennoch hat Juul eigentlich mit diesen halbseidenen Kreisen nichts am Hut, lässt sich aber überzeugen, weil sein Klient ihn mit Informationen über den bis dahin ungeklärten Tod seines Sohnes „bezahlen“ will. Es folgt eine komplexe Mörderjagd mit einem ganzen Haufen skrupelloser Verbrecher – und Verdächtiger.

Thomas Enger und sein atemloser Präsens

„Vergiftet“ heißt der Kriminalroman des Norwegers Thomas Enger. Es ist die Fortsetzung des erfolgreichen Debüts „Sterblich“ aus dem vergangenen Jahr. Für den zweiten Fall um den Journalisten Henning Juul gilt ähnliches wie für den Erstling. „Vergiftet“ ist ein solider, gut konstruierter und spannend aufgeschriebener Kriminalroman mit einem glaubwürdigen Ermittler, an dessen Geschichte man gerne Anteil nimmt. Leider hat die gleiche Anmerkung aus dem Erstling Bestand. „Vergiftet“ ist durchgehend im Präsens geschrieben und der Versuch, damit zusätzliche Spannung zu erzeugen, wirkt leider atemlos und damit etwas unelegant.

Problematisch: Der Krimi als Fortsetzungsroman

Der Krimi als Fortsetzungsroman hat zudem immer das Problem, dass er eine treue, einigermaßen informierte Leserschaft braucht.  Zwar wird, soviel Handwerk beherrscht Enger als Nötige der Vorgeschichte von Henning Juul und den anderen Figuren erklärt, dennoch liest man, weil Juul offenbar weitere Folgen plant, dem Krimi an, dass er nur eine Durchgangsstation ist. Dieses Cliffhanger-Prinzip aus US-amerikanischen Fernsehserien ist mittlerweile auch in der Kriminalliteratur weit verbreitet, muss aber wirklich gut gemacht sein, damit es wirklich gut funktioniert.  Man kann gar nicht sagen, dass es Thomas Enger besonders schlecht gemacht hätte, vielleicht ist auch gerade nur der Punkt erreicht, bei dem der Krimi-Leser diese dramaturgische Geschäftsidee einmal zu viel gelesen hat.

 

Tatort:Oslo

Den „Tatort“ Oslo hatte Henning Juul bereits in seinem Debüt eingeführt. In „Vergiftet“ beschränkt er sich darauf einige Mikro-Schauplätze vorzustellen, die die ganze Tristesse einer durch das Öl zum Reichtum (und nicht zwingend zu Geschmack) gekommenen Metropole vorzustellen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen dieses Reichtums ­– hat sich eine dubiose Szene aus heruntergekommenen Fitnessstudios, Nachtclubs und Restaurants gebildet. Hier bewegen sich die Protagonisten des Kriminalromans. Allerdings spendiert Thomas Enger seinen Leser einen Ausflug in die norwegische Provinz.

Thomas Enger, Vergiftet, Blanvalet, 458 S., 14,99€

VÖ: 29. Oktober 2012

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Thomas Enger liefert im besten Sinne des Wortes solide Krimikost

Ein Waldstück bei Oslo. Ein Spaziergänger entdeckt dort am frühen Morgen zufällig ein Zelt. Darin liegt eine Frauenleiche, grausam zugerichtet. Sie wurde ausgepeitscht, gesteinigt und zerhackt. Die Ermittler gehen schnell von eine Ehrenmord aus, ausgeführt nach den Gesetzen der Scharia, dem islamischen Gesetzeskodex des Islam. Die Polizisten folgen dem Reflex der jüngsten Zeit, ein unerklärliches Verbrechen schnell Moslems zuzuschreiben.

Beinahe von der Realität eingeholt

Thomas Enger, der „Sterblich“ schrieb, hat mit dieser Idee für seinen Krimi dabei beinahe die Wirklichkeit vorweggenommen. Bei den brutalen Anschlägen von Oslo und Utöya gingen Polizisten und selbsternannte Experten ebenfalls sehr schnell zunächst von „Moslemextremisten“ als Täter aus. Es war dann doch ein offenbar geistesgestörter und politisch verwirrter Norweger.

Zum Glück für Thomas Enger ist dieser Anfangsverdacht die einzige Parallele zur grausamen Realität. Man kann den Krimi lesen, ohne permanent an den Schrecken von Norwegen erinnert zu werden.

Ermittler und Gejagter zugleich

Dass im Roman der angenommen islamischen Hintergrund der Täter ein Irrweg ist, vermutet recht bald Henning Juul. Der erfahrene Online-Journalist merkt bei seinen Recherchen im Umfeld des Opfers, dass mehr hinter der Tat stecken muss – und er soll recht behalten.

Leicht fällt Juul seine Arbeit nicht. Er ist zumindest innerlich beinahe so verstümmelt wie das Opfer, über das er schreibt. Das sichtbarste Zeichen sind Brandnarben im Gesicht und Verwundungen am Körper. Schlimmer jedoch sind die Dämonen, die ihn treiben, seit er seinen Sohn bei einem Brand verlor, weil es ihm nicht gelang, sein Kind aus der brennenden Wohnung zu retten. Auf den Fall mit der Frauenleiche stößt er an seinem ersten Arbeitstag nach dem tragischen Unglück, und so richtig will es ihm noch nicht gelingen, wieder ins Leben zurückzukehren.

Thomas Enger liefert ein solides Debüt aus Norwegen

Der Norweger Thomas Enger hat mit Henning Juul einen interessanten Charakter geschaffen, dem man trotz aller Tragik gerne durch dessen Leben folgen mag. Sein Leiden, seine vergebliche Suche nach Normalität nach einem schweren Verlust sind glaubwürdig erzählt und ein guter „Rahmen“ für einen insgesamt sehr spannenden Kriminalroman.

Dem Debüt des Norwegers fehlt vielleicht die Vielschichtigkeit, die Komplexität, die bei anderen extrem erfolgreichen Krimis aus Skandinavien zu finden ist. Enger zeichnet weder ein düsteres Bild der Gesellschaft wie Henning Mankell das gerne tat, noch konstruiert er ein Universum der Verschwörung wie es Stieg Larsson so meisterlich vormachte. Thomas Enger hat schlicht einen Krimi erdacht, der um Opfer, Ermittler und der Suche nach den Tätern kreist – und das ist ihm außerordentlich gut gelungen. „Sterblich“ ist so im besten Sinne des Wortes „solide Krimikost“, ein unprätentiös und präzise aufgeschriebener Kriminalroman, der seinen Leser fesselt, so dass man ihn bis zur Auflösung nicht mehr aus der Hand legen mag. Und ein viel größeres Lob für einen Krimi gibt es doch eigentlich nicht.

 

Tatort:Norwegen

Thomas Enger fokussiert in „Sterblich“ ganz auf seinen Ermittler Henning Juul. Dass der Roman in Oslo handelt, spielt eigentlich keine größere Rolle. Die Stadt scheint austauschbar. Eher schon ist  als geographischer Bezugspunkt eine skandinavische Mentalität zu spüren, die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen eines idyllischen, von den Problemen Zentraleuropas doch etwas abgelegenen Landes. Wie viele andere skandinavische Krimis durchweht dazu eine melancholische Grundstimmung auch „Sterblich“. Es schimmert, wenn man so will“, ein konservativer Subtext durch die Seiten, ein permanentes Bedauern darüber, dass das Gute, Bewährte untergeht. Die Neuerung, der Fortschritt wirken beinahe als Bedrohung. Das äußert sich oft nur in Details, scheint aber eine Grundangst im hohen Norden. Auch diese Umrisse einer Stimmung beschreiben auch ohne wortreich formulierte Details über Straßen, Häuser und Plätze einen Tatort sehr genau.

Thomas Engler, Sterblich, Blanvalet, 14,99€

VÖ: 22. August 2011