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Ursula Poznanskis Stimmen: Morde zwischen Trauma und Trommeltherapie

Wenn Ursula Poznanski Krimis schreibt, sucht sie sich immer ein Subthema. Bei ihrem Debüt „Fünf“ war das Geocaching und beim zweiten Krimi um ihre Salzburger Ermittlerin Beatrice Kaspary, „Blinde Vögel“ Facebook: Bei dem dritten Band hat die Wienerin diese Idee, gesellschaftlich relevante Zeitgeistphänomene zu verwenden, leicht abgewandelt: Sie hat sich ein sehr düsteres Thema der jüngeren österreichischen Vergangenheit genommen und unter ihre Krimi-Handlung gelegt.

Spannende Krimi-Handlung rund um ein Trauma

In ihrem neuesten Band „Stimmen“ spielt jedenfalls eine traumatisierte Frau eine Rolle, deren Geschichte stark an Natascha Kampusch erinnert, die als Zehnjährige entführt worden war und ein jahrelanges Martyrium in der Gewalt eines Psychopathen erleiden musste. Poznanski variiert das Thema, bei ihr ist es der eigene Vater, der seine Tochter als Sklavin hält und missbraucht. Erst als Erwachsene konnte die Frau befreit werden und lebt seither traumatisiert und schweigend in einer geschlossenen Abteilung des Salzburger Krankenhauses, einer fiktiven „Trauma-Station“.

Mord an einem Arzt in der Psychatrie

Ein Arzt dieser Trauma-Station wird ermordet und Beatrice Kaspary und ihr Kollege Florin Wenninger nehmen die Ermittlungen auf. Es dauert nicht lange, und es geschehen weitere Morde. Ärzte, Patienten, Pfleger: Niemand scheint mehr sicher. Auf der Station haben offenbar nicht nur die Patienten Probleme. Ausgerechnet die traumatisierte und stumme junge Frau gibt der Polizeibeamtin Kaspary auf verklausuliertem Weg erste Hinweise – nur kann die lange Zeit niemand entschlüsseln.

Amüsante Seitenhiebe gegen die Ärzteschaft in „Stimmen“

Wer Vorbehalte gegen Ärzte im Allgemeinen und Therapeuten im Besonderen hat, wird in „Stimmen“ bestens bedient. Das behandelnde Personal jedenfalls ist eitel, mäßig kompetent und mindesten halb-kriminell. Das zumindest ist der Eindruck, den die Polizisten bei ihren Ermittlungen mitnehmen (und den Kaspary so glaubhaft-schauderlich beschreibt, dass sie sich im Nachwort ausdrücklich bei allen realen Ärzten entschuldigt. Die seien gar nicht so schlimm…) Dennoch ahnt man, dass Poznanski von modernen Therapieansätzen mit Trommeln und Tarotkarten nicht eben viel hält.

Ursula Poznanski schreibt einmal mehr höchst unterhaltsam

Wenn ich empfehlen soll – und dafür ist dieser Blog ja da – würde ich dazu raten, den Prolog wegzulassen, weil die ersten drei Seiten den Lesern krimi-genre-technisch auf die falsche Fährte locken, und sich dann mit vollem Genuss auf die restlichen knapp 440 Seiten zu stürzen. „Stimmen“ bietet wieder beste Krimi-Unterhaltung. Es gibt ein weiterhin sympathisches Ermittler-Duo, dem – soviel sei verraten – die Autoren endlich eine Vertiefung der angedeuteten Romanze gönnt, viele interessant gezeichnete Nebenfiguren, eine breite Auswahl an potentiellen Schurken und Tätern und einen Plot mit angenehm vielen Winkelzügen und Wendungen. Urula Poznanski schafft auch in ihrem neuesten Krimi wieder eine gute Balance zwischen düsteren Abgründen und einer positiven Lebenseinstellung. Wer sich auch im Kriminalroman darüber freuen kann, dass sich das Gute am Ende durchsetzt, ist bei „Stimmen“ bestens aufgehoben.

Ursula Poznanski, Stimmen, Wunderlich, 442 S., VÖ: 6. März 2015

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Ursula Poznanski mordet in „Blinde Vögel“ in der Facebook-Gemeinde

Die ersten Opfer könnten gegensätzlicher nicht sein. Ein übergewichtiger, verhuschter und isoliert lebender Germanistik-Student aus Salzburg und eine eher schlicht gestrickte Stylistin aus dem norddeutschen Raum eröffnen den Todesreigen. Obwohl das Duo auf ersten Blick nichts verbindet, sieht zunächst alles nach einer Beziehungstat aus. Die Salzburger Kommissarin Beatrice Kaspary verbeißt sich einmal mehr in einen verworrenen Fall, bei dem sie und ihr Partner Florin Wenninger schnell auf weitere Leichen stoßen sollen.

Facebook und Lyrik-Freunde

Die österreichische Autorin Ursula Poznanski hat nach dem überaus gelungenen Krimi-Debüt „Fünf“ (meine Meinung dazu unter dem Link) mit „Blinde Vögel“ jetzt den zweiten Fall aus dem beschaulichen Salzburg vorgelegt. Wie schon oft hat sich Poznanski, die sich zuvor als Autorin von Jugendbüchern bereits einen Namen gemacht hatte, wieder ein zusätzliches Thema ausgesucht. In „Fünf“ ging es um Geocaching, diesmal hat sie sich den sozialen Moloch Facebook und die gute alte deutsche Lyrik ausgesucht. Gegensätzlicher könnten die Ideen, die den Stoff für ihren Krimi liefern, nicht sein: Auf der einen Seite die urgewaltige Kraft der Worte, die der Welt alle Gemütszustände des Menschen nahebringen, dort der einfache „Like-Button“, der als emotionale Krücke dient – und mehr als jedes Gedicht über sozialen Erfolg oder Ächtung entscheidet.

Treibjagd im Social-Media-Umfeld

In „Blinde Vögel“ stirbt nach dem ungleichen Duo schnell noch ein eher unsympathischer Drogensüchtiger mit Verbindungen ins Rotlichtmilieu und Wurzeln im Südosten Europas. Ein weiterer zusammenhangloser Tod? Beatrice Kaspary sieht als einzige Verbindungen, bleibt hartnäckig und ermittelt unter einem Decknamen im sozialen Netzwerk. Niemand will ihr so recht glauben, dass ausgerechnet im Lyrikforum ein Unbekannter eine gnadenlose Treibjagd abhält. Das bringt am Ende nicht nur Kollegen in Gefahr.

Ein einziger kleinerer Schönheitsfehler in „Blinde Vögel“

Das Facebook-Thema ist offen gestanden der einzige kleinere Schönheitsfehler des neuen Romans. Dass die Autorin Facebook-„Unterhaltungen“ erdenkt und aufschreibt, wirkt – obgleich Facebook mittlerweile weitverbreitetes mediales Massenphänomen mit entsprechender gesellschaftlicher Relevanz ist – auf merkwürdige Weise verstaubt. Vermutlich sind – zumindest im Alltag von Medienschaffenden – die kleinen Icons des soziales Netzwerks bereits zu sehr in die Netzhaut eingebrannt, um noch Aufmerksamkeit erzielen zu können

Ursula Poznanski zeigt erneut, das sie erzählen kann

Insgesamt ist das Unbehagen über das Thema Facebook aber wirklich ein kleinerer Schönheitsfehler, auch wenn die Grundidee für die Romanhandlung essentiell ist. Das liegt zu allererst an der Fähigkeit Poznanskis, eine Geschichte zu erzählen. „Blinde Vögel“ ist wieder von Beginn an fesselnd und hält die Spannung bis zur letzten Seite. Eine besondere Qualität der Österreicherin liegt auch darin, dass sie sprachlich bodenständig aber dennoch interessant schreibt. Die Krimi-Handlung wird so nicht mit verbalen Nebelkerzen verhüllt. Gleichzeitig legt Poznanski aber hinreichend schillernde Wortköder aus, dass auch der anspruchsvollere Leser der Geschichte treu bleibt.

Eine glaubwürdige und sympathische Ermittlerin

Außerdem hat „Blinde Vögel“ noch die Protagonisten auf der Habenseite. Die glaubwürdige Ermittlerin Kaspary, die im für deutsche Leser nett klingenden Polizei-Ressort „Leib und Leben“ arbeitet, bleibt angenehm sympathisch, entwickelt dabei im zweiten Fall mehr menschliche Tiefe (Poznanski ist aber clever genug, sich noch Reserven für weitere Fortsetzungen zu lassen). Auch die Seite der Bösewichter ist gut ausgestattet. Die Autoren offenbart da ein besonderes Faible: „Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte. Ein interessanter Antagonist ist für einen guten Krimi mindestens genauso wichtig wie ein glaubwürdiger Protagonist“, sagte sie anlässlich ihrer Krimi-Premiere vor einem Jahr dem Krimi-Radar (hier das ganze Gespräch).

„Fünf schaffte es zu Beginn des vergangenen Jahres über Wochen in die einschlägigen Bestsellerlisten. „Blinde Vögel“ hat das Zeug dem Krimi-Debüt dorthin zu folgen. Lesern, die auf derartige Gütesiegel keinen gesteigerten Wert legen, sei der aktuelle Poznanski dennoch als überaus unterhaltsamer und spannender Kriminalroman empfohlen.

Tatort:Salzburg

Über Salzburg ist eigentlich alles gesagt, wenn man weiß, dass auf dem örtlichen Flughafen, die Maschinen nur bei schönem Wetter landen können. Eine moderne Ansteuerung gibt es nur von einer Seite, am anderen Ende der Landebahn türmen sich zu dem Berge auf, so dass Reisende entweder in der Luft warten oder aber ins Nahe gelegene München ausweichen müssen: Darüber hinaus hat die traditionsreiche Heimat Mozarts einen überaus pittoresken Stadtkern, eine wuchtige, die Stadt dominierende Burg und viel Natur in der Nachbarschaft. Bei Ursula Poznanski spieln die regionalen Eigenheiten keine Rolle. Mit Absicht. Poznanski denkt an ein größeres Publikum über die Region hinaus. Da dient Salzburg als hinreichend krimi-geeignete Kulisse, spielt aber keine eigene Rolle. Insofern wird der Leser die Stadt schemenhaft wiedererkennen, sich aber mit dem Roman nicht orientieren können: Das ist aber kein Verlust. Bei Ursula Poznanski geht es um die Handlung, nicht um elegische Beschreibungen.

Ursula Poznanski, Blinde Vögel, Wunderlich, 480 S. 16,95€

VÖ: 2.April 2013

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Thalia.de

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Ursulas Poznanskis Fünf: Eine gradliniger, gelungener Thriller

Geocaching ist ein Spiel des 21. Jahrhunderts. Vor allem Besitzer von Smartphones oder GPS-Geräten begeben sich mit großer Begeisterung auf die moderne Schnitzeljagd, bei der das High-Tec-Spielzeug den Jäger auf weniger Meter genau zu Zielkoordinaten führt. Dort angekommen müssen Auge und Verstand ganz altmodisch Verstecke erspähen und Rätsel lösen, um an einen „Schatz“ zu gelangen.

Leichenteile in der „Schatztruhe“
Ein harmloses Spiel? Nicht in Salzburg. Dort legt ein ein besonders perfider Geist raffiniert Spuren und schickt die Polizei auf eine Jagd. Beatrice Kaspary und ihre Kollegen müssen schnell feststellen, dass die „Schatztruhen“ Leichenteile enthalten und die Suche nach Geocaches keinesfalls der persönlichen Belustigung dient, sondern immer wieder aufs Neue Menschenleben auf dem Spiel stehen. Lange kommt die Kommissarin bei ihren Ermittlungen nicht voran – und als sie denkt, sich dem Täter zu nähern, muss sie aufpassen, nicht selbst zur Beute zu werden.

Eine neue Ermittlerin mit „Dienstsitz“ Salzburg
Die Österreicherin Ursula Poznanski hat der schönen Stadt Salzburg eine neue Ermittlerin spendiert. Ihre Beatrice Kaspary ist eine sympathische Polizisten, allerdings hat ihre Schöpferin der armen Frau einiges Gepäck aufgehalst, neben dem Leben als berufstätiger alleinerziehender Mutter, muss sie noch einen gekränkten und deshalb latent bösartigen Exmann, einen fies-drangsalierenden Chef und ein dunkles Geheimnis aus ihrer Vergangenheit ertragen. Zu den großen Stärken von „Fünf“ zählt die Leichtigkeit, mit der die Autorin all das erzählt. Die Kaspary hat es schwer, aber das erfährt man beinahe beiläufig, ohne aufdringliche Betroffenheitsrethorik. Im Fokus steht jederzeit, wie sich das für einen ordentlichen Kriminalroman gehört, die Verbrecherjagd.

Ursula Poznanski treibt ihren Plot mitreißend voran
Den Kriminalfall rund um die tatsächliche Jagd durch Salzburg und sein Umland sind als gradliniger, überaus spannender Psychothriller aufgeschrieben. Ursula Poznanski verzichtet auf jegliche Mäzchen und treibt den Plot mit einer einfachen aber mitreißenden Sprache voran. Da dürfte sie von ihrer Erfahrung als Jugendbuchautorin profitieren: Ihre bisherigen Bücher sind ähnlich verdichtet geschrieben und zurecht preisgekrönt. Sie selber sagte in einem Gespräch, dass sie eine „Sogwirkung erzielen wollte. Das ist ihr außerordentlich gut gelungen.

Viele falsche Fährten und eine gelungene Mörderjagd
Anhänger ausgiebiger philosophischer und gesellschaftspolitischer Betrachtungen und kunstvoll gedrechselter Satzkonstruktionen werden vermutlich diese von der Autorin bewusst einfach gewählte Sprache kritisieren, aber Freunde eines rasant erzählten Thrillers werden die literarische Atemlosigkeit zu schätzen wissen. Wie bei einem guten Geocache versteht Poznanski es zudem, bis zum Schluss falsche Fährten zu legen und den Leser bei der Mörderjagd in die Irre zu legen. Dass sie zudem, bei der Auflösung weitgehend auf eine Erklärung psychologischer Beweggründe des Täters verzichtet, erscheint zunächst irritierend, im nachhinein aber durchaus passend. „Fünf ist so kein sehr tiefschürfender, aber ein intelligent konstruierter, mitreißender Psychothriller und ein überaus gelungenes Krimi-Debüt.

 

Tatort:Salzburg

Zu Beginn des Jahres 2012 sind eine Reihe von Krimis erschienen, die beinahe schon eine pan-europäische Dimension besitzen. Mit wenigen Suche&Ersetze-Befehlen wären die Romane problemlos von einer europäischen Stadt in die nächste zu versetzen: Das galt für Arno Strobels „Das Skript“, Kristina Ohlssons „Aschenputtel“ – und das stimmt auch für Ursula Poznanskis „Fünf“. Das ist von der Autorin beabsichtigt und insofern gut, weil die ausufernde Flut von Regionalkrimis der vergangenen Jahre beinahe schon nervtötend war, das ist aber auch schade, weil der Leser, der einen gut beschriebenen Tatort zu schätzen weiß, etwas zu kurz kommt. Wer also Salzburg noch nicht besucht hat, wird kaum erfahren, dass die Stadt tatsächlich in den Alpen liegt und von hohen Berggipfeln umschlossen scheint. Auch die Stadt selber wird von Felsformationen unterbrochen. Direkt über der Altstadt blickt beispielsweise die Feste Hohensalzburg auf verwinkelte Gassen, mittelalterliche Häuser und die flott fließende Salzach.

Ursula Poznanski, Fünf, Wunderlich, 381 S., 15,95€
VÖ: 16. Februar

 

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Ursula Poznanski: „Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte“

Bislang hat Ursula Poznanski Jugendbücher geschrieben, in dieser Woche stellt sie ihren ersten Kriminalroman vor. Ein äußerst gelungenes Debüt. Vor dem Erscheinungstermin von „Fünf“ habe ich die angenehm bodenständige Österreicherin getroffen und mit ihr über ihren Roman und die Arbeit daran gesprochen.

 

Was macht einen guten Ermittler im Kriminalroman aus?

Poznanski: Das möchte ich aus Lesersicht beantworten. Ich selber lese gern über Menschen – und weniger gern über Funktionsträger. Für mich zählt dabei, dass ich einer Figur begegne, mit der ich mich nicht unbedingt identifizieren können muss, die ich aber als Menschen wahrnehme. Darüber hinaus ist natürlich der Faktor Kompetenz sehr wichtig. Ich glaube nicht, dass es Spaß macht, einem Ermittler zu folgen, bei dem man das Gefühl hat, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Das heißt nicht, dass er nicht an Hindernisse stoßen darf, oder zwischendurch glaubt, das Handtuch werfen zu müssen, aber man muss es ihm zutrauen, dass er es am Ende irgendwie hinkriegt.

Es ist für Sie vermutlich schwierig, in dem konkreten Fall aus „Lesersicht“ zu argumentieren, aber wie würden Sie ihre Kommissarin Beatrice Kaspary beschreiben?

Poznanski: Sie hat ein Problem, das viele Menschen haben: Sie lädt sich immer zu viel auf und kann es daher nie allen Recht machen.  Dabei bewegt sie sich beruflich auf einem Niveau, auf dem sich beispielsweise eine Ärztin bewegt: Polizisten müssen sehr viel Verantwortung übernehmen, was das Leben viel schwieriger macht als beispielsweise das einer Autorin. Wenn ich einen Tag lang Unsinn schreibe, hat das deutlich weniger Folgen, als wenn eine Kommissarin einen Tag lang nicht bei der Sache ist. Beatrice Kaspary hat also allein durch ihren Beruf eine sehr große Fallhöhe, jeder Fehler zählt doppelt. Dazu kommt noch ihre sehr schwierige private Situation, ihre komplizierte Vorgeschichte. Dieses Zerrissensein zwischen Pflichten aller Art bewältigt sie aber, so denke ich, bei allen Selbstzweifeln ziemlich gut.

Ein zentrales Thema in „Fünf“ ist das Geocaching, eine moderne Version der Schnitzeljagd. In Ihren vorherigen Büchern haben Sie Computerspiele und Rollenspiele als Passepartout für ihre Handlungen verwendet. Sie scheinen immer Subkulturen in Ihre Geschichten einzubauen. Wie kommen Sie an diese Themen?

Poznanski: Nach meinem Empfinden ist es eher immer umgekehrt. Die Themen finden mich. Sie zünden einen Funken, aus dem heraus sich dann eine Geschichte entwickelt. Ich sitze also nicht da und denke, jetzt müsste endlich mal jemand was über Geocaching schreiben. Es ist eher so, dass ich über ein Thema stolpere, das dann meine Phantasie weckt. Insofern ist es eher zufällig, dass ich jetzt drei Mal ein spielerisches Grundthema in meinen Büchern hatte.

Was ist der besondere Reiz beim Geocachen?

Poznanski: Es ist eine Herausforderung, wie jede Art der Schatzsuche, auch wenn man natürlich nichts wirklich Wertvolles findet. Aber es beinhaltet das Messen zweier Geister: Der Eine versucht, etwas so zu verstecken, dass es der Andere nicht oder zumindest nur mit Mühe findet. Darüber hinaus hat es etwas Spielerisches, es ist mit Bewegung verbunden und reizvoll für alle, die gerne Rätsel lösen.

Im Kern des Geocachens steckt also das Prinzip der kindlichen Schatzsuche?

Poznanski: Manche Erwachsene würden das so nicht formulieren, aber in meinen Augen läuft es genau darauf hinaus. Man kann den eigenen Sammeltrieb „füttern“ und erlebt fast jedes Mal einen Adrenalinschub,  wenn man nach einer halbstündigen vergeblichen Suche „den Cache“dann  tatsächlich gefunden hat.

Das ist wohl die erwachsene Rechtfertigung für das Prinzip...

Poznanski: Gut möglich. Hinzu kommt dann noch die technische Spielerei mit dem GPS-Gerät – das wirkt auf den ersten Blick kompliziert mit all den Einstellungen und den Koordinaten, hat aber auch gerade daher einen zusätzlichen Reiz. Ich glaube, dass es sehr gesund ist für Erwachsene, wenn Sie ihrem Spieltrieb gelegentlich freien Lauf lassen.

Warum haben Sie die „Schnitzeljagd Ihrer Kommissarin nach Salzburg verlegt und nicht nach Wien, das in vielfacher Hinsicht näher liegend scheint?

Poznanski: Ich habe das Thema von vorneherein eher in Salzburg angesiedelt gesehen. Wien in ist in Krimi-Hinsicht bestens versorgt. Wichtig war es mir auch, keinen Regionalkrimi zu schreiben, und das wäre mir bei Wien vermutlich eher passiert. „Fünf“ ist ein allgemeingültiger Krimi, der zwar in Salzburg spielt, weil er einen konkreten Ort braucht, der ist aber nicht zwingend für den Plot. Salzburg ist zudem eine sehr schöne Stadt mit vielen Facetten, geographisch wie sozial, zu der ich eine langjährige, gute Beziehung habe. Schwierig fände ich es, einen Roman in einer Stadt anzusiedeln, die ich gar nicht kenne. Wien wiederum ist mir so vertraut, dass ich mich möglicherweise in Details verlieren würde.

Es ist tatsächlich auffällig, dass Sie keinen Regionalkrimi geschrieben haben. Der Ort spielt eigentlich keine Rolle, ihr Roman hätte genau so gut in Hannover spielen können…

Poznanski: Sehr schön, genau das wollte ich auch.

Dieses beinahe schon sterile Ambiente erscheint jedoch ambivalent. Ein Krimi, der einen exotischen Ort beschreibt ist oft sehr reizvoll. Andererseits hat es ja immer etwas Peinliches, wenn in einem Krimi zur geographischen Einordnung  regional erscheinende Floskeln a la „Küss die Hand, gnä’ Frau“ verwendet werden…

Poznanski: …Ich musste Hochdeutsch schreiben, sonst hätte ich den Roman schon allein durch die Sprache in die Reihe der Regionalkrimis eingeordnet. Zuviel Hochdeutsch ging aber auch nicht, denn ein Salzburger kann seine Einkäufe nicht in einer Tüte wegtragen. Das würde kein Österreicher sagen, der nimmt sein „Sackerl“. Das wiederum ist extrem regional gefärbt und reißt den Leser, der mit dieser Wortwahl nicht vertraut ist, aus dem Fluss. Das heißt, ich taste mich immer auf dem schmalen Grat der absolut neutralen Begriffe entlang, die man sowohl in Österreich als auch in Deutschland verwenden würde. Schließlich will ich auch nicht, dass ein Österreicher sagt, „das sind ja alle Deutsche“. Mein Ziel war es, dass „Fünf“ für alle hürdenfrei lesbar ist. Diese Regionalkrimis haben ja oft etwas drolliges – und dieser Effekt hätte zu meiner Geschichte überhaupt nicht gepasst.

Sie verwenden eine sehr klare Sprache, eine stark reduzierte, beinahe schon einfache Sprache. Wie bewusst haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Poznanski: Das ergibt sich, weil ich versuche, extrem nah an meinen Perspektivfiguren dran zu bleiben. Man denkt dann doch sehr selten in verschwurbelten Sätzen. Wenn ich dicht an der Perspektive meiner Figuren bleibe, gibt es nun mal keine Blickwechsel und seitenlange Betrachtungen von außen. Ich verwende zudem viele kurze Sätze, die die Unmittelbarkeit des Geschehens verstärken, weil ich glaube, dass dadurch eine gewisse Sogwirkung entsteht.

Das haben Sie bei Ihrem bislang letzten Jugendbuch „Erebos“ ebenfalls sehr konsequent durchgehalten. War der Wechsel von dem Jugend- zum Erwachsenenbuch schwer?

Poznanski: Es ist meinem Gefühl nach nicht wirklich ein Wechsel, weil ich weiter Jugendbücher schreiben werde: Ich meine, es ist eine Erweiterung, ich fahre jetzt auf zwei Gleisen. Ich würde mich auch wahnsinnig ungern festlegen und sagen, ich bin per definitionem Jugendbuchautorin oder Autorin von Thrillern für Erwachsene. Ich schreibe einfach Geschichten, die mich interessieren.

Ändert sich die Sprache?

Poznanski: Ein wenig. Die Ausdrücke sind andere, manchmal verwerfe ich meine erste Formulierung zugunsten einer einfacheren. Auch die Satzkonstruktionen sind anders. Im Jugendbuch beschneidet man sich bis zu einem gewissen Grad, man hat immer wieder Formulierungen im Kopf bei denen man denkt, „Die ist jetzt zu weit weg von den Lebenswelten der Jugendlichen“ und sucht dann etwas, was passender ist. Für Erwachsene schreibe ich meist ganz so, wie es mir in den Kopf kommt.

Sie bleiben bei Ihrem Buch sehr eng am Plot, den Sie einer angelsächsischen Tradition, folgend, ohne Schlenker vorantreiben. Könnten Sie mit dieser Einordnung leben?

Poznanski: Ich habe in letzter Zeit relativ wenige amerikanische Krimis gelesen. Wenn ich beeinflusst bin, dann eher aus der europäischen, stark sogar aus der skandinavischen Ecke. Ich habe beispielsweise Stieg Larsson mit Begeisterung gelesen, Mankell natürlich auch. Einflüsse gibt es auf unbewusster Ebene immer, aber ich versuche, meine eigene Linie zu finden.

Haben Sie beim Schreiben Vorbilder?

Poznanski: Peter Hoeg liebe ich heiß, schon rein sprachlich, aber auch von der Art wie er seine Figuren zeichnet, insbesondere in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. An diesem Niveau kratzen zu können, wäre toll. Nimmt man den Plotaufbau, ist J.K. Rowling phantastisch gewesen. Die ganze Welt hat versucht, vorherzusagen, wie sie ihre Geschichte weiterspinnt und am Ende auflöst, und sie hat es dennoch immer wieder geschafft, alle mit ihren Vermutungen gegen die Wand laufen zu lassen. Was das Legen falscher und das Verbergen richtiger Spuren angeht ist sie ein großes Vorbild.

Was macht einen guten Krimi aus?

Poznanski: Die Figuren, die das Buch über die reine Krimi-Handlung hinaus leben lassen. Ein überzeugender Plot, aber das ist vermutlich nicht krimi-spezifisch. Eine Handlung, die nicht von Beginn an durchschaubar ist. Optimalerweise sollte der Leser sich für mehr interessieren kann als das reine „Whodoneit“, und auf mehreren Ebenen gut unterhalten werden.

Muss der Leser in Abgründe gucken, auf die dunkle Seite der Seele geführt werden?

Poznanski: Das halte ich nicht für schädlich. Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte. Ein interessanter Antagonist ist für einen guten Krimi mindestens genauso wichtig wie ein glaubwürdiger Protagonist.

Haben Sie sich mal überlegt, warum die Menschen in diese Abgründe blicken wollen?

Poznanski: Ich denke, man wird mit den eigenen Ängsten konfrontiert, aber auf eine sichere Art. Man sitzt auf dem Sofa und hat Angst, aber eine wohlige Angst, ein Gruselgefühl ohne direkte Bedrohung, ähnlich wie bei Horrorfilmen. Das hat wohl eine Art Ventilfunktion: Es geht einem gut und notfalls kann man das Buch zuklappen; den bösen Mann im Keller gibt es nicht. Das halte ich für eine große Triebfeder bei Krimi- und Thrillerlesern. Wir haben es gerne spannend. Wir wollen rätseln und möglichst noch vor dem Ermittler wissen, wer der Täter war – aber die besten Krimis sind die, wo der Autor uns ein Schnippchen schlägt.