Kategorien
Neu

Scott Bergstrom lässt in Cruelty eine 17-Jährige auf Europas Unterwelt los

Es ist ja immer ein wenig heikel, sich über das Unglaubwürdige im Thriller zu beklagen. Das Genre lebt ja schließlich davon, dass einem nichts Böses ahnendem Zeitgenossen, ein ganzer Stapel schier unlösbarer Probleme vor die Füße gekippt werden.

Lee Childs lässt seinen Jack Reacher seit Jahrzehnten als unbezwingbare Ein-Mann-Armee ziellos durch die USA reisen, Philip Kerrs Bernie Gunther überlebt äußerlich unbeschädigt die Duelle mit allen möglichen Nazi-Größen. Alles ausgemachter Blödsinn, aber alles ungemein unterhaltsam. In diese Kategorie fällt auch „Cruelty“ von Scott Bergstrom – und das liegt an der Hauptdarstellerin.

Teenager ohne Freunde und Wurzeln

Eben noch war die 17-Jährige Gwen ein halbwegs normaler Teenager in New York. Altersgerecht kämpft sie mit gemeinen Mitschülerinnen, als Diplomatenkind ist sie zwar herumgekommen, spricht eine Reihe Sprachen fließend, ist aber durch das Nomadenleben auch nicht besonders fest in ihrer neuen Heimat verwurzelt. Ihr Vater hat sie seitdem die Mutter vor Jahren ermordet worden war, alleine aufgezogen.

Bergstrom inszeniert die Suche nach dem Vater

Eines Tages verschwindet der Mann, der doch eigentlich Bürokrat im Diensten des Außenministeriums ist, spurlos. Ermittler erzählen dem Teenager, dass ihr Vater eigentlich CIA-Agent ist, und im Einsatz spurlos verschwunden. Die Tochter wird erst verhört, dann ignoriert. Gwen  findet einen Hinweis und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater.

Atemlose Jagd quer durch Europa

Die Spur führt nach Europa, zunächst nach Paris, dann über Berlin nach Tschechien. In jeder Stadt muss sich die junge Frau mit immer gemeineren und gefährlicheren Verbrechern auseinandersetzen. Sie trifft auf Drogendealer, Waffenschieber und Menschenhändler. Um ihren Vater befreien zu können, muss Gwen erwachsen und vor allem immer grausamer werden, um sich dem Bösen entgegenzustemmen, dass versucht, sie hinwegzufegen.

Eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen

Auf der Glaubwürdigkeitsskala steht Cruelty sehr weit unten. Eine Siebzehnjährige, die zur Superkämpferin mutiert und reihenweise, Auftragskiller, Söldner und Gewohnheitsverbrecher ausschaltet? Aber ehrlich gesagt, macht das nicht viel aus. Freunde des Genres werden sich trotzdem gut unterhalten fühlen. Erstens bleibt Bergstrom seiner Akteurin dicht auf der Pelle, erlaubt sich kaum einen Perspektivwechsel, kaum Reflexion, das erhöht das Tempo, die Spannung. Zweitens funktioniert die Welt, in die Bergstrom seine Heldin schickt sehr gut. Das Leben im Unterbauch der Städte, zwischen Obdachlosen, Ausreißern, Vertriebenen und Kleinkriminellen hält eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen. Wer sich auf den Plot einlassen kann, der wird „Cruelty“ kaum aus der Hand legen wollen.

Scott Bergstrom, Cruelty, Rowohlt Polaris, 429 S., 14,99€, VÖ: 17. Februar 2017

Kategorien
Neu

Franck Thilliez beschäftigt sich mit der Manipulation des Geistes

Lucie Hennebelle bekommt einen verstörenden Anruf. Ein entfernter Bekannter hat einen sehr alten Film gesehen und ist ob der quälenden Bilder erblindet. Die Polizistin aus Lille kommt dem Mann zu Hilfe und beginnt zu ermitteln. Franck Sharko, Spezialist bei einer Sondereinheit in Paris, wird zu einem besonders gruseligen Tatort gerufen. Gleich ein halbes Dutzend Leichen mit grausamen Verstümmelungen und aufgesägten Schädeln werden verscharrt aufgefunden. Sharko schaut sich um. Es dauert nicht lange und die Wege der Polizistin aus der Provinz und des Großstadtbullen kreuzen sich. Gemeinsam kommen sie einer groß angelegten, weit in die Geschichte zurück reichende Verschwörung auf die Spur.

Grausige Experimente um geheime Botschaften

Franck Thilliez, der sich „Öffne die Augen“ erdacht hat, greift bei seinem Thriller tief in die Kiste gruseliger wissenschaftlicher Erkenntnisse und verbindet Tatsachen und Vermutungen zu einem ganz eigenen Stoff. Der Franzose beschäftigt sich dabei mit der Überlistung des menschlichen Auges und der Manipulation des Geistes. Für das Auge nicht sichtbare Bilder, sei es, weil sie nur Sekundenbruchteile zu sehen sind, sei es, weil sie im Hauptbild verborgen sind übermitteln laut Thilliezs Recherchen dabei geheime Botschaften. Eine Technik, die – so Thilliez – in Werbung und Wahlkampf seit Jahrzehnten üblich ist, in seinem Fall aber für grausige Experimente verwendet wurde.

Franck Thilliez zieht eine blutige Spur durch „Öffne die Augen“

„Öffne die Augen“ ist so in doppelter Hinsicht kein einfacher Stoff. Der Autor bringt auf dem Seiten jede Menge wissenschaftliche (oder zumindest pseudowissenschaftliche) Erklärungen unter und er setzt auf düstere Effekte. Es zieht sich eine Spur von Sadismus und Gewalt durch den Krimi. Zwar spendiert er beiden Kommissaren, wie mittlerweile branchenüblich, ein üppiges Privatleben, aber von heiler Welt kann in beiden Fällen keine Rede sein. Eher schon ist von grenzwertigen psychologischen Profilen auszugehen. Lucie Hennebelle hat zwei Töchter, keinen Mann, aber eine dominante Mutter. Eines der beiden Kinder ringt zudem mit dem Tod. Die Tochter Sharkos ist bereits tot, aber sie verfolgt den Kommissar durch den Alltag und ist beinahe seine wichtigste, zumindest unentrinnbarste Gesprächspartnerin. Trotz ihrer Deformationen wirken die Polizisten, wenn nicht immer sympathisch, so doch glaubwürdig. Und das hilft ja immer bei der Krimi-Lektüre.

Ein solider Thriller um eine Verschwörungstheorie

Franck Thilliez hat einen nicht immer einfachen, aber meist interessanten Thriller geschrieben, der, das scheint bei seinen Landsleuten beliebtes Motiv, thematisch das ganz große Rad dreht. Wer also weitreichende, mit wissenschaftlich klingenden Erläuterungen glaubwürdig konstruierte Verschwörungstheorien, deren Aufklärung die Ermittler über mehrere Kontinente führt, mag, der ist mit „Öffne die Augen“ bestens bedient. Etwas ärgerlich ist allerdings eine handwerkliche Panne, für die der Autor nichts kann. Die deutschen Übersetzer, beziehungsweise vermutlich die Strategen aus der Marketingabteilung, haben der Kommissarin unterschiedliche Namen gegeben: Im Text heißt die Dame konsequent Lucie Hennebelle, im Klappentext hartnäckig Lucie Hennebert. Das ist natürlich nebensächlich, wirkt aber latent lieblos.

 

Tatort:Frankreich

Einen konkreten Tatort gibt es bei Franck Thilliez nicht. Seine Verbrechen passieren unter anderem in Lille, Notre-Dame-de-Gravenchon, in Belgien, Kairo und Kanada. Thilliezs Kosmos ist also der Globus, entsprechend sparsam fallen also die Beschreibungen der Tatorte aus, das ist bei einem „globalen“ Thriller kein Mangel, nur für Freunde ausgefeilter Orts-Nachempfindungen wird es schwierig. Dennoch hat der Franzose die Atmosphäre seiner Schauplätze gut eingefangen, das gilt insbesondere für den ägyptischen Moloch Kairo, aber auch für die abgelegene Hütte in der kanadischen Provinz.

Franck Thilliez, Öffne die Augen, Goldmann, 478 S., 17,99€

VÖ: 9. Juli 2012

 

 

 

Kategorien
Klassiker

Ein perfektes Duo: Georges Simenon und Kommissar Maigret

Das waren noch Zeiten. Zur Pause ließ der Kommissar für seinen Assistenten und sich an langen Arbeitstage belegte Baguettes und Bier kommen. Nicht eins, sondern gleich drei, natürlich. Überhaupt gab es rein dienstlich reichlich Gelegenheiten zum trinken.  Absinth, Weißwein, Bier – und als Mittel gegen Kälte – auch den einen oder anderen Cognac.
Kommissar Maigret hatte kein einfaches Leben als Ermittler, aber der begeisterte Pfeiferaucher lebte, zumindest was die Duldung kleinerer Laster anging, in seligen Zeiten. 1929 betrat der hünenhafte Ermittler erstmals die literarische Bühne.

Unorthodoxe Ermittlungsmethoden

Gleich in seinem ersten Fall muss sich Maigret mit einer Art internationaler Verbechersyndikat auseinandersetzen: „Pietr der Lette“ leitet eine Verbrecherorganisation, die europaweit operiert, vermögende Bürger um ihr Geld bringt und auch vor Mord nicht zurück schreckt. Der Kommissar, den sich der belgische Schriftsteller Georges Simenon erdachte, hat dabei unorthodoxe, aber nichts desto trotz erfolgreiche Ermittlungsmethoden. Die Polizisten rücken den Verbrechern ganz schlicht beinahe buchstäblich auf die Pelle, folgen all ihren Bewegungen auf Schritt und Tritt, um sie so nervös zu machen und zu verräterischen Fehlern zu verleiten.  Natürlich stellt sich im Verlauf heraus, dass Verbrecher doch nicht so einfach denken, wie sich das die Bürohengste in den Polizeizentralen so ausdenken. Auf Maigret, der sich seinen Fällen stets mit Haut und Haar verschreibt,  jedenfalls wartet kriminalistische Schwerstarbeit.

Ein Polizist mit viel Verständnis für Missetäter

Die Reihe um den Pariser Ermittler mit dem großen Verständnis für alle gescheiterten Seelen erhält ihren besonderen Reiz dadurch, dass sie für uns heute in einer komplett anderen Welt spielen: Über 80 Jahr steht der erste Band der Reihe, „Maigret und Pietr der Lette“ jetzt schon in den Buchhandlungen. Elektrisch Licht, Telefon und Taxi waren noch erwähnenswerte Besonderheiten. In Maigrets Büro sorgte noch ein handbefeuerter Ofen für angenehme Wärme. (Den er auch in Zeiten nach der Einführung einer Zentralheizung behalten sollte) International wurden gelegentlich über die nagelneue Organisation „Interpol“ Telegramme ausgetaucht.

Enorm intensive und glaubwürdige Krimis

Das Paris Maigrets wirkt nostalgisch bis exotisch, ersteht aber in den Beschreibungen Simenons vibrierend zu Leben und wirkt trotz der zeitlichen Ferne sehr vertraut. Deshalb „funktionieren“ die Kriminalromane Simenons bis heute hervorragend. Die Zeiten waren andere, die Umstände gelegentlich faszinierend skurril, aber die Sehnsüchte, Wünsche und Motive der Menschen haben sich in 82 Jahren nicht wirklich verändert- und damit auch nicht die Intensität und Glaubwürdigkeit der Maigret-Krimis.
„Pietr der Lette“ ist der erste von insgesamt 75 Maigret-Romanen, die den Weltruhm von Georges Simenon begründen. Ganz „nebenbei schuf der schreibwütige Belgier noch 120 Romane jenseits des Maigret-Universums.

Die Entstehung des Krimi-Erstlings ist dabei so faszinierend wie sein „Schöpfer“ selber, der 1903 in Lüttich geboren wurde und 1989 in Lausanne verstarb. Wenn man dem Autor glauben darf, entstand der „Lette“ in vier Tagen an Bord einer Yacht im Hafen von Amsterdam.  Das erscheint insofern glaubwürdig, als Simenon bis dahin sein Geld als Autor von schnell verfassten Groschenromanen verdiente. Die Maigret-Premiere war der erste Versuch, einen literarischen Kriminalroman zu schreiben – und der erste Roman, den Simenon nicht unter einem Pseudonym veröffentlichte.

 

Tatort:Paris

Kommissar Maigret ermittelt in Paris. Oft sucht er vornehme Orte auf, muss sich in Hotels oder der Oper einquartieren und wirkt dort meist wie ein Fremdkörper. Zumindest versucht ihn das Personal des öfteren abzuwimmeln. Das Paris Maigrets befindet sich auch eher in den Seitenstraßen, im Café um die Ecke, in der kleinen Bar des einfachen Volkes. Hier fühlt sich der Kommissar wohl, hier fängt Simenon die Stimmung des Pariser Alltagslebens perfekt ein. Die französische Hauptstadt Simenons ist ein historischer Ort. So sollte man insbesondere die frühen Maigret-Romane auch lesen. Die Beschreibungen heruntergekommener Mietskasernen jedenfalls geben einen guten Einblick ins Paris der Vorkriegszeit. Der Glanz, die Pracht, aber eben auch die Hoffnungslosigkeit, die Tristesse jedenfalls sind so eindringlich beschrieben und haben eine derart überzeugende innere Wahrhaftigkeit, dass man sie auch heute bei einem Paris-Besuch wiederentdecken kann – wenn man so genau hinschaut, wie das Georges Simenon und sein literarischer Begleiter Jules Maigret einst taten.

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette, Diogenes, 9 €

VÖ: 1929 (D 1959)

Einen Text von mir zum Buch gibt es auch auf dem WLG