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Ermittler

Ein Kommissar zwischen Pflichterfüllung und Rebellion

Er ist ein durchschnittlicher Typ. Wenn er zur Arbeit fährt, fällt der Beamte unter den Tausenden von Pendlern kaum auf. Weder seine Körpergröße, noch sein Gesicht noch sein persönliches Erscheinungsbild hinterlassen bei zufälligen Begegnungen großen Eindruck. Er hat eine Frau, die er kaum noch liebt und später verlassen soll und zwei Kinder. In seiner Freizeit liest er Bücher über Militärgeschichte und bastelt an Modellschiffen. Ein grauer Mann der – so scheint es auf den ersten Blick – weder Farbe noch Konturen hat. Der Eindruck täuscht jedoch gewaltig.

Es gibt einiges über Martin Beck zu sagen. Er ist, so wollen es seine Schöpfer, einer der fähigsten Polizisten Schwedens. In zehn Jahren löst er einige der spannendsten Kriminalfälle Skandinaviens.

Eigenwilliger Beamter mit tiefer Menschlichkeit

Maj Sjöwall und Per Wahlöö haben den eigenwilligen Polizisten erdacht. Durch zehn Romane und mittlerweile gefühlt zahllose Verfilmungen wurde Beck weltberühmt. Der Kommissar ist bei allem angedichteten Mittelmaß eine extrem spannende Figur.

Martin Beck zeichnet eine tiefe Menschlichkeit aus. Er interessiert sich für die Menschen, gleich ob sie ihm als Opfer oder Täter gegenübersitzen. Ihn bewegen die Schicksale, er versucht zu verstehen und zu helfen – und das ohne diese Empathie pathetisch vor sich herzutragen. Martin Beck interpretiert den Beamten tatsächlich noch als Diener des Volkes.

Die Beiläufigkeit, mit der die beiden schwedischen Autoren die Geschichten um den eigentlichen Kriminalfall weben, Motive sowie gesellschaftliche Zusammenhänge erklären und damit den Charakter ihres Ermittlers zeichnen, machen die Martin-Beck-Reihe zu den brillantesten Krimis, die jemals geschrieben worden sind. Damit wurden sie zum Vorbild für beinahe alle Kriminalromane, die seither in Skandinavien geschrieben worden sind. Das gilt unter anderem für Henning Mankell, Stieg Larsson oder in jüngster Zeit für Jens Lapidus.

Die perfekte Balance zwischen Tempo und Details

Die Romane aus dem hohen Norden sind seit Martin Beck immer mehr als bloße Kriminalgeschichten, sie versuchen gesellschaftliche Entwicklungen aufzuzeichnen. Bei Sjöwall und Wahlöö hatte das Methode. Sie hatten die Romane um Martin Beck von vorneherein als Dekalog angelegt. Mit ihrem Werk wollten die beiden Sozialisten (und Anarchisten) ein politisches Manifest schaffen und die Bevölkerung agitieren. Ihr Werk ist auch deshalb so außergewöhnlich, weil sie diesen Anspruch einlösten und dabei Kriminalromane schufen, die gleichermaßen spannend und witzig sind. Gleichzeitig fand das Duo eine enorm klare Sprache verwenden und die perfekte Balance aus Tempo und Details.

Vom Krimi zur Farce

Martin Beck wird dazu auf eine Reise geschickt, die in mehrfacher Hinsicht zu einer Metamorphose wird. Die Romane selber werden vom Erstling, der „Toten im Götakanal“ bis hin zum abschließenden Band „Die Terroristen“ vom Krimi zur Farce. Der letzte Band ist eigentlich nur noch eine erbitterte Satire über die schwedische Gesellschaft.  Dass dabei dennoch eine ungemein packende, beinahe schon prophetische Kriminalhandlung über die Entstehung und Motive von Terroristen entstand, ist Zeichen der Genialität des Autoren-Duos.

Martin Beck – Beinahe ein Rebell

Wie die Umstände wandelt sich in der Krimi-Reihe auch der Kommissar. Aus dem dauerhaft korrekten Beamten wird beinahe ein Rebell. Einer, der zwar loyal zu seinem Job und dem Staat steht, der aber sich gleichzeitig kritische Fragen stellt und zunehmend desillusioniert das System in Zweifel zieht. Anders als sein Freund und Kollege Lennart Kolberg, der seinen Job hinschmeißt, ermittelt er verbissen weiter.  Auch weil Martin Beck bis zum Schluss zwischen diesen beiden Polen – Pflichterfüllung und Rebellion – gefangen bleibt, ist er eine derart spannende, gebrochene Figur, der durch die Romane zu folgen, auch mittlerweile beinahe 50 Jahre nach der Premiere ein unvermindert großes Vergnügen bleibt.

Mai Sjöwall/Per Wahlöö, Die Terroristen Die Tote im Götakanal, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1965

Mai Sjöwall/Per Wahlöö, Die Terroristen, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1977

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Klassiker

Packende Krimis und beißende Gesellschaftskritik aus Schweden

Der erste Auftritt verlief äußerst unspektakulär. Der Leser trifft auf Martin Beck während dieser im Bad seine Zähne putzt und folgt ihm auf dem Weg zur Arbeit durch die Wohnung, vorbei an einem halbfertigen Modell eine Segelschiffs und den Überresten einer nur für kurze Zeit glücklichen Ehe. Der Arbeitsplatz des Mannes ist ungleich spektakulärer als der erste Eindruck vermuten lässt.

Martin Beck ist Beamter, Polizist genauer gesagt; ein erfahrener Ermittler, der in Stockholm bei der Reichsmordkommission arbeitet und als bester Vernehmungsleiter in ganz Schweden gilt.

Martin Beck und ein Mord in der Provinz

Später begleitet der Leser den Polizisten in die Provinz. Dort wurde bei Baggerarbeiten vor einer Kanalschleuse ein Tote gefunden. Die junge Frau, das finden die Ermittler schnell heraus, wurde vergewaltigt und ermordet. Weitaus mühsamer gestaltet sich die Suche nach der Identität der Toten und ihrem Mörder.

„Die Tote im Götakanal“ ist der erste von insgesamt zehn Bänden des schwedischen Autoren-Ehepaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Die beiden Autoren begleiten das Leben ihres Ermittlers von 1964 bis in die Mitte der siebziger Jahre. Dabei erzählen sie nicht nur enorm spannende Kriminalfälle, sondern beobachten ihre Romanfigur auch bei einer mühsamen Emanzipation. Martin Beck ist ein enorm kluger Kopf, ein sehr gute Ermittler, aber eben auch in seiner Beamtenseele gefangen. Bis zum Schluss schwankt er zwischen seiner Treue zum Dienstherren und seiner zunehmenden kritischen Distanz zum System.

Gesellschaftskritischer Romanzyklus von Maj Sjöwall/Per Wahlöö

Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrem Dekalog weit mehr geschaffen als eine Serie hervorragender Krimis, die vor allem durch die Liebe zum Detail bei den Beschreibungen, die glaubwürdige Wiedergabe des Polizeialltages ein enorm hohes erzählerisches Tempo bestechen. Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrer Reihe ein kritisches, zum Schluss vernichtendes Portrait der schwedischen Gesellschaft geschaffen. Vor allem der letzte Band der Serie, „Die Terroristen“, ist weitestgehend eine Farce, eine voller bissiger Ironie triefende Abrechnung mit Staat und Regierung. Davon ist im ersten Band nur ansatzweise zu ahnen. „Die Tote im Götakanal“ ist noch weitgehend gradlinige Kriminalliteratur mit gelegentlichen Seitenhieben auf den bürokratischen Apparat. Das politische der Serie war aber wohl von vorneherein beabsichtigt.

Die Begründer der skandinavischen Schule

Die Autoren und ihr Kommissar sind die wichtigsten Vorreiter der schwedischen Kriminalliteratur, sie haben im Prinzip die (inoffizielle) Schule anspruchsvoller, als Detektivgeschichten getarnter skandinavischer Literatur begründet. Alle bekannten Namen von Mankell bis Larsson ruhen auf dem Fundament von Sjöwall/Wahlöö. Auch die mittlerweile inflationären schwedischen TV-Krimis greifen ihre Ideen auf.

Per Wahlöö, Jahrgang 1926, war studierter Historiker, Mai Sjöwall, Jahrgang 1935, studierte Journalismus. Beide arbeiteten für Zeitungen, Wahlöö konnte ins Autorenteam seine Erfahrungen als Polizei- und Gerichtsreporter einbringen. Beide waren in jenen Jahren überzeugte Kommunisten. Wahlöö ging in den fünfziger Jahren nach Spanien und wurde dort wegen politische Umtriebe ausgewiesen. Nach ihrer Hochzeit 1962 begann die gemeinsame Arbeit an den Kriminalromanen. In dieser Zeit waren sie bekennende Kritiker der schwedischen Gesellschaft und lebten bis zum Tode Wahlöös 1975 als öffentliche Enfants terribles in Stockholm.

 

Tatort:Schweden

Der genaue Blick für das Detail prägt die Martin-Beck-Krimis. Der Kommissar kommt im Land herum – und damit seine Leser. Mai Sjöwall und Per Wahlöö beschreiben die Großstadt genau wie die Provinz. Besonders idyllisch kommt die Heimat ihres Kommissars nicht weg. Die Großstadt ist trist, lebensfeindliche Vororte schnüren Stockholm ein, das einstmals lebenswerte Zentrum wird von wuchernden Betongiganten aufgefressen. Die Provinz ist meist, nun ja, eben Provinz, abgelegen, verstaubt, zurückgeblieben. Das Schweden Martin Becks wird dabei nicht durch umfangreiche Landschaftsbeschreibungen lebendig, sondern durch die Menschen, die es  bevölkern – und dabei ersteht in den zehn Bänden Sjöwall/Wahlöös ein ganzer Kosmos im Roman sehr großartig neu. Viel mehr geht eigentlich nicht.

 

Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Die Tote im Götakanal, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1968

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