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Jan Fabers „Der Lobbyist“ – nur teilweise unterhaltsamer Krimi-Durchschnitt

Es gibt einen neuen Krimi von Jan Faber. Der Thriller „Der Lobbyist beschäftigt sich mit den Strippenziehern in den Hinterzimmern der Macht.

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Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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Bei Sam Eastlands „Der Rote Sarg“ darf das Leben nicht beim Lesen stören

Historisierende Krimis wanden immer auf einem schmalen Grat. Kritische Geister können Ihnen Geschichtsklitterung oder schweren Diebstahl an der erlebten Realität vorwerfen. Bei drei Autoren gibt es meiner Meinung keinen Zweifel an der Qualität. Das sind Philip Kerr mit seiner Serie um seinem preußischen Polizisten Bernie Gunther, Tom Rob Smith mit seinem KGB-Mann Leo Demidow und seit kurzem Sam Eastland mit seinem Sonderermittler Pekkala.

Der Rote Sarg, der zweite Band von Sam Eastland

„Der Rote Sarg“ heißt der zweite Band, den der unter Pseudonym schreibende US-Amerikaner Paul Watkins, jetzt vorgelegt hat. Um es kurz zu machen: Wie „Der Rote Zar“ ist auch der neue Kriminalromane schlicht großartig. Eastland/Watkins hat eines dieser Bücher geschrieben, die so spannend sind, dass man sich nur sehr ungern vom Leben beim Lesen stören lässt. Insofern ist „Der Rote Sarg“ eine Angelegenheit für ein süchtiges Wochenende.

Ermittlungen rund um eine Wunderwaffe

Worum geht es? In einer geheimen Testanlage stirbt unter mysteriösen Umständen der „Vater“ des Panzers T-34, der als Geheimwaffe die Kommunisten vor dem erwarteten Überfall durch die Nazis schützen soll. Stalin wittert Verrat und schickt seinen Sonderermittler, den kauzigen Finnen Pekkala als Ermittler in die Wälder. Pekkala stellt die richtigen Fragen, findet selbstverständlich den Täter und deckt so ganz nebenbei eine Verschwörung auf.

Ein gnadenlos herzerwärmender Ermittler

„Der Rote Sarg“ erhält seinen Reiz durch das atemberaubende Erzähltempo Eastmans, den hemmungslosen, aber klugen Einsatz realer Figuren der Zeitgeschichte wie eben Stalin oder den Zaren, zahlreiche Rückblenden und vor allem durch einen gnadenlos herzerwärmenden Ermittler.

Mitreißende Geschichten vom richtigen Leben im falschen

Bei der Einordnung des russischen Agenten kommt das eingangs erwähnte Trio, Bernie Gunther, Leo Demidow und Pekkala zusammen. Alle drei versuchen, ein richtiges Leben im Falschen zu führen, vom dem es ja heißt, dass es das nicht gibt. Kein Wunder, dass alle drei scheitern müssen. Aber vom Versuch in Unrecht und Gewaltherrschaft anständig zu bleiben, geht eine gewaltige Kraft aus, die den Leser beinahe automatisch dazu bringt, sich mit dem Protagonisten zu solidarisieren. Vermutlich löst auch das die Leselust aus: das der Leser zumindest geistig das Gefühl hat, auf der richtigen Seite zu stehen. Das im Hintergrund eine tragische Liebesgeschichte in der Kulisse abläuft, schadet vermutlich ebenfalls nicht.

Tatort:Moskau

Sam Eastland beschreibt das Russland der Ära zwischen den  Weltkriegen. Besonders genau ist er dabei nicht. Sein Moskau, sein Stadtplan, die Geografie bleiben eher vage.  Das macht aber nichts, da er die Stimmung, die man in jenen Jahren in dem weiten Land vermutet, sehr glaubhaft wiedergibt. Natürlich verwendet Eastland Klischees, vereinfacht stark, aber er schafft eben gleich ob Zarenpalast in St. Petersburg, dem stalinistischen Kreml oder der dörflichen Atmosphäre der Provinz ein emotional glaubhaftes Bild zu zeichnen. Auch deshalb funktioniert „Der Rote Sarg“ so gut.

Sam Eastland, Der Rote Sarg, Knaur, 367S., 9,99€, VÖ: Juni 2013

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Roter Zar: Ein Krimi rund um Revolution und die Romanows

Der letzte russische Zar als nachdenklicher Grübler voller Menschlichkeit, die Romanows als weitgehend durchschnittliche Familie und Joseph Stalin als Folterknecht, der bei Gefangenen ganz persönlich Hand anlegt. Dazu noch ein Supersonderermittler mit allen Befugnissen. Wenn man über das Personal von „Roter Zar“ nachdenkt, kommt man relativ leicht auf den Gedanken, dass das alles ein großer Unfug sein könnte.

Sam Eastland und sein finnischer Sonderermittler

Sam Eastland, so nennt sich der US-Autor Paul Watkins simpel in einem passend klingenden Pseudonym, hat einen neuen Krimihelden erdacht und in den russischen Revolutionswirren angesiedelt. Pekkala, so heißt der Mann, ist finnischer Abkunft, wachte einst also oberster Verbrecherjäger über das russische Zarenreich. Zehn Jahre nach der Revolution fristet er sein Dasein als Gefangener der Kommunisten in Sibirien – bis die neue Führung den ehemaligen Sonderermittler reaktiviert, um den Tod seines alten Dienstherren aufzuklären. Natürlich macht sich der lange Jahre gepeinigte allen Widrigkeiten zum Trotz sofort an die Arbeit. Er kann halt nicht anders. Er ist einer, der von der Suche nach der Wahrheit getrieben wird.

Ein Plot im Nebel der Geschichte

Eastland nutzt die zahlreichen Mythen, die sich um die Romanows, ihr Ende und ihr Erbe ranken und breitet einen Stoff aus, der mittlerweile soweit durch den Nebel der Geschichte verschleiert ist, dass Fakten und Fiktion weitgehend schmerzfrei zu einem zusammenfantasierten Plot vermischt werden können.

Wer sich „Roter Zar“ ohne kritisches historisches Bewusstsein nähert, wird jede Menge Spaß haben. Schließlich enthält der Krimi-Neuling alles, was in eine unterhaltsam-spannende Geschichte hineingehört. Ein exotischer Schauplatz, eine wild-mysteriöse Verschwörungstheorie um tatsächliche historische Ereignisse, ein raffiniert erdachtes Verbrechen und ein glaubwürdig-sympathischer Ermittler. Diese Mischung hat Sam Eastland gut zusammengefügt und wirklich unterhaltsam-spannend (wenn auch nicht immer logisch)  aufgeschrieben. „Roter Zar“ gehört zu der Sorte Bücher, in der man sich verlieren kann.

 

Tatort:Russland

Pekkala, der Held von „Roter Zar“ kommt herum. Aus seiner finnischen Heimat nach St. Petersburg und Moskau, später nach Sibirien und in die weiten russischer Provinz. Sam Eastland hat den Vorteil, dass er seinen Krimi knapp 100 Jahre in die Vergangenheit verlegt und deshalb natürlich über ein großes Maß dichterischer Freiheit hat. Er inszeniert, vermutlich durch den großen Erfolg der Russland-Trilogie von Tom Rob Smith inspiriert, ein düsteres, melancholisches Russland voller Weite, mit dichten Wäldern und unwirtlichen Ebenen. Natürlich gibt es prächtige Paläste, elendige Hütten und potjemkische Dörfer. Streng genommen könnte man sagen, Eastland verwurstet alle Klischees zu einem einfachen Gemälde. Wie das mit Klischees so ist, haben sie meist einen wahren Kern, deshalb wirkt Sam Eastlands Russland glaubwürdig, oder zumindest vertraut – und das vereinfacht den Lesefluss.

Sam Eastland: Roter Zar, Knaur, 380 S., 9,99€