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Sabine Hofmann&Rosa Ribas: Ein Krimi in einer Zeit des Schweigens und Verschweigens

Barcelona ist eine beliebte Party-Meile für Touristen aus aller Welt. Dass die spanische Metropole aber viel mehr zu bieten hat als Tattoo-Studios und T-Shirt-Läden zeigt ein neuer Kriminalroman. „Das Flüstern der Stadt“ zeigt ein bodenständigeres Barcelona und erinnert an eine dunkle Periode spanischer Geschichte, die nicht so lange vergangen ist, wie man das vermuten würde. Ich habe mit den beiden Autorinnen Sabine Hofman und Rosa Ribas über ihr Buch (hier der Link zu meinem Text über „Das Flüstern der Stadt“), aber auch über Barcelona und die jüngere spanische Geschichte gesprochen

Ist Barcelona ein guter Krimi-Tatort?

Ribas: Im Grunde eignet sich natürlich jede Stadt als Tatort, aber Barcelona ist wegen seiner Struktur, der Architektur und der Geschichte der perfekte Ort für eine Kriminalgeschichte, wie wir sie erzählen wollten. Wenn man Krimis schreibt, sollte man seine Figuren zudem durch Orte bewegen, die man selber kennt, um den Geist der Stadt, der ja für eine Kriminalgeschichte immer wichtig ist, erfassen zu können.

Was macht Barcelona als Krimi-Tatort aus?

Hofmann: Es ist eine alte Stadt, und es ist eine Hafenstadt, eine Metropole, in der viele Milieus nebeneinander existieren. Wenn man die unsichtbaren Grenzen in der Stadt überschreitet, ist man gleich in einer ganz anderen Welt, in der völlig andere Menschen mit ganz eigenen Lebensgewohnheiten leben, die ihr Viertel zudem nur sehr selten verlassen…

Ribas: … weil die Ausprägung dieses Viertel-Denkens in Barcelona sehr stark ist, vergleichbar mit Berlin, wo man ja auch oft von mehreren Städten innerhalb einer Stadt spricht. Wir beschreiben zudem das Barcelona der fünfziger Jahre, im Vorfeld eines großen kirchlichen Kongresses. Das Franco-Regime hatte Barcelona als Veranstaltungsort nicht ausgewählt, weil es so schön war, sondern, um die eigenen Macht über die Stadt zu demonstrieren. Barcelona hat lange Widerstand gegen die Falangisten geleistet – mit der Ausrichtung des katholischen Kongresses signalisierte das faschistische Regime: „Wir machen mit euch, was wir wollen.“ In unserem Buch diese Stadt zu zeigen, die sich nicht beugen wollte, und am Ende doch gebrochen wurde, war uns besonders wichtig.

Wenn man durch das Barcelona Ihrer Schauplätze läuft, wirkt die Stadt besonders düster. Ist Barcelona trotz des heiteren Image, dass sie im Ausland hat, im Grunde eine düstere Stadt?

Ribas: Barcelona hat eine dunkle Seite. Vor allem die Altstadt ist eine sehr enge Stadt. Das hängt mit der Lage zusammen. Barcelona kann nicht wachsen, weil es zwischen Meer und Bergen eingekeilt liegt. Deshalb ist es auch ohne Touristen schon immer eine volle, eine laute Stadt gewesen. Es gibt aber auch einen starken Kontrast in Barcelona: Auf der einen Seite das bourgeoise Barcelona mit seinem unverschämten Reichtum und auf der andere Seite das unvorstellbare Elend, derer, die – den Slums in Brasilien gleich – in einfachsten Verhältnissen in Baracken hausten.

Ich würde mich jetzt gerne Ihrem Buch nähern und dazu vorweg einige Themen nennen, über die ich gerne sprechen würde. Ich habe für mich vier wichtige Hauptstränge identifiziert. Da ist zunächst das Portrait der Stadt Barcelona, dann selbstverständlich die ganze politische Geschichte, dann habe ich – vermutlich wenig überraschend – die Selbstbewusstwerdung einer Frau herausgelesen und schließlich gibt es natürlich die Krimihandlung. Vielleicht können wir uns den Themen in dieser Reihenfolge widmen. Warum haben Sie also den Krimi in der Franco-Zeit angesiedelt?

Ribas: Für uns war das Thema Literatur und Sprache wichtig, und als wir uns bei der Vorbereitung unserer Krimi-Idee damit auseinandergesetzt haben, kamen sehr schnell die fünfziger Jahre in den Fokus, und zwar als Zeit des Schweigens und Verschweigens. Das war dann auch für mich persönlich sehr wichtig, weil dieses Schweigen auch bei uns Zuhause galt. Wir haben zwar über die Vergangenheit gesprochen, aber meine Eltern habe lange Zeit vieles eben auch totgeschwiegen. Es war sehr wichtig, mit meinen Eltern doch einmal über diese Zeit zu sprechen zu können, weil man plötzlich vieles viel besser versteht, auch die ganz persönliche Geschichte. Schließlich hat uns diese Vergangenheit der Unfreiheit mitgeprägt.

Hofmann: Es war überdies reizvoll, sich damit auseinanderzusetzen, wie Verbrechen und deren Aufklärung in einer Diktatur funktionieren, weil man sich ganz sicher sein kann, dass die Polizei in diesem Fall nicht auf der Seiten der „Guten“ und die Wahrheitsfindung nicht im Mittelpunkt ihres Interesses steht. Daher schien es uns spannend, eine Krimihandlung in diese Zeit zu verlegen. Hier verknüpfen sich zwei der Stränge, die Sie genannt haben.

Ribas: Wenn ein Krimi in der heutigen Zeit angesiedelt ist, kann ohne weiteres der Polizist der Gute sein. Spielt er jedoch in der Franco-Zeit, ist es undenkbar, dass ein Polizist eine „Galionsfigur“ des Guten und Gerechten sein kann. In jenen Jahren musste es immer ein Außenseiter sein, der die Wahrheit herausfindet, ein Privatdetektiv oder ein Journalist. Unsere beiden Protagonistinnen sind solche Außenseiter, und als Frauen in jenen Jahren noch viel mehr. Die beiden haben natürlich überhaupt keine Möglichkeit, einen Fall wirklich zu untersuchen, deshalb lassen wir sie auch mehr oder weniger zufällig auf die Beweise stoßen. .

Hat es in Spanien eine öffentliche Aufarbeitung der Franco-Diktatur gegeben? Gab es so eine Art spanische 68-er-Bewegung, die sich mit den Verbrechen der Väter auseinandergesetzt hat?

Ribas: Das fehlt bis heute. Und wir bezahlen es teuer. Man hat versucht, nach Francos Tod einen klaren Schnitt zu machen, aber wir haben erkennen müssen, dass das natürlich nicht geht. Es sind einfach zu viele Wunden offen, es sind so viele Verbrechen ungestraft geblieben. Es tut weh zu sehen, dass es Jahre dauert, die Leiche eine Franco-Opfers aus einem Massengrab zu bergen und würdevoll zu bestatten, selbst wenn man weiß, wo der Betreffende erschossen wurde.

Hofmann: Die Diskussion um die Massengräber jener Jahre und die Exhumierung der Erschossenen hat erst in diesem Jahrtausend begonnen. Es hat über 25 Jahre gedauert, bevor der Prozess in Bewegung kam – und es bleibt bis heute immer noch schwierig für die Angehörigen. Wir haben noch ein anderes Beispiel, ein einfaches, aber sichtbares Zeichen für den Umgang mit dieser Zeit. Das Polizeikommissariat, das in unserem Roman eine wichtige Rolle spielt, hat es tatsächlich gegeben und tatsächlich war es an Ort des Schreckens, wo gefoltert und getötet wurde. Heute ist es ein Hotel mit allem erdenklichen Luxus, glänzender Marmor, und es gibt nicht einmal eine Plakette, die auf die Verbrechen jener Jahre hinweist.

Ihr Buch „Das Flüstern der Stadt“ ist in Spanien bereits im vergangenen Jahr erschienen. Hat das eine Debatte ausgelöst, oder wurde es nur als Krimi wahrgenommen?

Ribas: Ich war viel in Leseclubs unterwegs, wo über das Buch gesprochen wurde. Dort habe ich das starke Interesse gespürt, über die Franco-Zeit zu diskutieren. Gelegentlich hat es sich angefühlt wie ein Dammbruch, weil es so ein großes Bedürfnis gibt, darüber zu reden. Aber man muss das natürlich richtig einordnen: Eine allgemeine Debatte wird in Spanien nicht durch einen einfachen Kriminalroman ausgelöst.

Haben Sie versucht, mit ihrem Roman bewusst die Sprache der 50er Jahre zu treffen?

Hofmann: Ich habe versucht, anachronistische Wörter und Formulierungen zu vermeiden und habe ich eine schlichte und einfache Standardsprache gewählt. Ich bin beim Schreiben der deutschen Fassung immer wieder auf Begriffe gestoßen, wie sie meine Eltern gebraucht haben, so wie „Mäntel wenden“, die ich dann mit großem Vergnügen benutzt habe, weil sie so perfekt in die Zeit passen. Ich bin aber nicht explizit auf das Vokabular Deutschlands der 50er Jahre gegangen. Das hätte falsche Assoziationen geweckt.

Ich würde mich jetzt gerne Ana, ihrer Protagonistin nähern. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass ihr Krimi sich vor allem an eine weibliche Leserschaft richtet.

Hofmann: Wir hatten beim Schreiben keine Zielgruppe im Kopf. Dass im Zentrum zwei Frauen stehen sollten, war eine Entscheidung, die wir zu Beginn getroffen haben, gewissermaßen eine Bauchentscheidung. Im Verlauf der Arbeit hat sich dann herausgestellt,wie interessant es sein kann, die Handlungsmöglichkeiten von Frauen im Spanien der fünfziger Jahren auszuloten.

Ribas: Unsere Figuren können nicht aus ihrer Haut. Wir konnten sie schließlich nicht agieren lassen wie moderne Frauen. Wir haben versucht, etwas zu vermeiden, was wir selber in Romanen hassen, nämlich Figuren, die anachronistisch, also nicht der Epoche entsprechend, in der sie leben,  handeln. Deshalb haben wir eine Protagonistin erdacht, die ambitioniert ist, etwas erreichen will, aber ständig gegen Wände läuft. Und trotzdem probiert sie es weiter und weiter. Da mussten wir uns immer wieder zurücknehmen, wenn wir gemerkt haben: so kann eine Frau in den 50er Jahren nicht denken. Wir haben versucht, mit Details zu zeigen, wie beklemmend diese Zeit war. Wie beispielsweise eine Frau angesehen wurde, die auf der Straße raucht, in den Augen der Gesellschaft konnte sie nur eine Prostituierte sein.

Ich würde Ihnen gerne meine Wahrnehmung schildern, wie ich darauf gekommen bin, dass sich ihr Krimi vielleicht an eine weibliche Zielgruppe richtet. Im gesamten Buch kommt keine positiv besetzte Männerfigur vor. Männer sind – und das scheint in den allgemeinen Krimizeitgeist zu passen – entweder Schurken, Böse oder Trottel, liebenswert zwar, aber eben doch Trottel. Sehen Sie das auch so?

Ribas: Eigentlich nicht, aber natürlich haben wir mit den Rollenbildern gespielt. Unser Kommissar ist am Anfang ein klassischer franquistischer Polizist. Im Verlauf des Romans wird er eher ambivalent, weil wir keine Schwarz-Weiß-Figuren wollten. Also ist er als Polizist ein Schläger, aber gleichzeitig ein liebevoller Vater.

Hofmann: Er ist eben auch in seiner Zeit gefangen.Allerdings sind ja auch unsere Heldinnen nicht strahlend und reinweiß. Ana ist bereit, für ihre Karriere einiges hinzunehmen, sie sieht – beschämt und entsetzt – zu, wie bei einem Verhör eine Zeugin geschlagen wir und arrangiert sich doch mit dem Schläger Castro, weil sie die Berichterstattung über den Mordfall als Chance für ihren beruflichen Wunschtraum begreift.

Haben Sie, damit es in die Zeit passt, auch die kleine Romanze mit hineingepackt. Ich hab beim Lesen gedacht, warum reitet Ihre Ana nicht einfach als verlorene Heldin in den Sonnenuntergang , zieht reif geworden ihres Weges?. Warum muss die noch einen Kerl abkriegen?

Hofmann: Wir haben ihr am Ende die kleine Romanze gegönnt, weil wir den Roman nicht mit zwei einsamen Frauen enden lassen wollten. Was daraus wird, in welcher Hinsicht und wofür sie einen Kerl abkriegt, bleibt ja offen. Wir haben auch hier mit den gängigen Rollenbildern gespielt, ohne ihr ein Verhalten zuzuschreiben, dass ihr damals nicht möglich gewesen wäre.

Offen gestanden haben Sie mir nach der Lektüre ein wenig den Spaß verdorben. Ich hatte mich gefreut, endlich mal einen Krimi zu lesen, der keine Fortsetzung zulässt.. Jetzt haben Sie aber verraten, dass es einen zweiten Band gibt…

Ribas: …Es ist keine Fortsetzung im eigentlichen Sinne. Die Geschichte mit den zwei Frauenfiguren hat in Spanien sehr gut funktioniert, daher war die Versuchung groß, etwas Ähnliches zu machen. Wir sind allerdings einen anderen Weg gegangen: Wir bleiben zwar in der Zeit, aber sonst wird alles anders. Ana ist allein, ohne Beatriz, sie muss Barcelona verlassen und arbeitet in einem kleinen Dorf. Das neue Buch ist viel düsterer. Wenn „Das Flüstern der Stadt“ grau ist, ist der neue Band schwarz. Das war ein großes Risiko, weil die Leser ja häufig mehr von dem Bekannten erwarten. Aber es hat sich gelohnt. Auch das zweite Buch ist in Spanien sehr gut angekommen, wie ein Kritiker schrieb: „Die Franco-Zeit hat jetzt ihren Kriminalroman.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Geschichte als Krimi zu erzählen? Man hätte die Handlung ja auch als Roman ohne Krimi-Plot aufschreiben können?

Hofmann: Das hätten wir wahrscheinlich nicht zu zweit geschrieben. Zu den Dingen, die uns von Anfang an so klar waren, dass wir nicht mehr darüber geredet haben, gehörte, dass es ein Krimi sein sollte. Das Genre Krimi eignet sich für eine Zusammenarbeit besonders gut, weil es dort viele Genre-Regeln gibt, an denen man sich abarbeiten kann und auf die man sich nicht neu einigen muss. Außerdem lieben wir Krimis. Es war total spannend, eine Krimi-Handlung in eine bestimme Zeit zu setzen, zu sehen, warum in einer bestimmten Ära Verbrechen begangen werden, oder darzustellen, wie es in dieser Zeit mit Ermittlungen und Wahrheit aussieht.

Spielt beim Schreiben der Reiz, den mal als Leser beim Krimi häufig empfindet, sich geistig sozusagen am Abgrund zu bewegen und einen Blick in die Finsternis zu werfen, auch eine Rolle?

Ribas: Ja unbedingt. Man hat sozusagen die Erlaubnis, sich in den Abgründen der menschlichen Seele umzuschauen.

Die Reise nach Barcelona zum Interview ermöglichte der Rowohlt-Verlag

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