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Arne Dahl gruselt angenehm in Sieben Minus Eins

Am Anfang steht ein packendes Duell. Der Kommissar und eine Verdächtige liefern sich ein packendes Gefecht, bei dem Rollen, Dominanz und Schuld zu wechseln scheinen. Lange ist nicht klar, wer mit wem spielt.

Der Schwede Arne Dahl hat den Auftakt für eine neue Krimi-Reihe vorgestellt. Und um es gleich vorwegzunehmen. Das hat er sehr gut gemacht. „Sieben Minus Eins“ ist von der ersten Minute an spannend und das bleibt bis zum Schluss so. Längen? Zeit zum Durchatmen? Fehlanzeige.

Arne Dahl zelebriert ein grandioses Duell im Verhörraum

Der neue Kommissar von Dahl heißt Sam Berger, ist natürlich ein merkwürdiger Typ, gehetzt von Dämonen, im Dauerstreit mit Vorgesetzten und Menschen gegenüber eher grundsätzlich ablehnend ein. Berger glaubt als so ziemlich einziger in seiner Dienststelle, einem Serienmörder auf der Spur zu sein. Beweise hat er keine, mehr eine Ahnung und einen ausgeprägten Sturkopf, mit dem er sein Team auch gegen dessen Willen mit zieht. Nach kurzem Auftakt, bei dem eine Verdächtige ins Radar der Ermittler gerät, begibt er sich mit ebendieser in den Verhörraum. Das Duell kann beginnen. Erst nach einer guten Stunde beklemmender und fesselnder Psychospielchen, verlassen die Protagonisten den Verhörraum,  folgt eine sehr spannende Hatz auf einen Täter. Es sei nicht mehr verraten, als die Tatsache, dass Berger mit seiner Vermutung, einen Serienmörder zu jagen, Recht behalten soll.

Sieben Minus Eins spielt gekonnt mit erzählerischen Nebelkerzen

„Sieben Minus Eins“ in der Hörbuchfassung ist ein sehr intensives Erlebnis, Peter Lontzek als Stimme Dahls schafft es, die Dramatik des Krimis noch einmal zu verstärken. Allerdings hatte er auch eine Vorlage, die es einfach macht. Der neue Krimi von Arne Dahl hält eine gute Balance aus überraschenden Elementen, einer gehörigen Portion Düsterheit, erzählerischen Nebelkerzen und Gradlinigkeit. Das ergibt eine Mischung, die auch Vielleser (bzw. Hörer) überraschen kann, ohne den Stoff überambitioniert zu überfrachten. Anders als viele schwedische Autoren verzichtet Dahl auf gesellschaftskritische Anmerkungen sondern fokussiert sich auf die beiden Schlüsselthemen Duell und Jagd. Das ist auch mal eine interessante Abwechslung.

Arne Dahl, Sieben Minus Eins, Osterworld -Audio, 707 Minuten, 12,99€, VÖ: 2016

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David Lagercrantz betreibt mit Verschwörung schriftstellerische Denkmalpflege

Ich gehöre zu den Lesern, denen die Stieg Larssons Trilogie um Michael Blomqvist und Lisbeth Salander sehr gerne gelesen haben. Larsson hatte vor allem mit dem Erstling „Verblendung“  eine atemberaubende Welt und vor allem eine sensationell ungewöhnliche Protagonistin geschaffen.

Skepsis über den Stieg-Larsson-Nachfolger David Lagercrantz

Die Ankündigung, dass der schwedische Autor David Lagercrantz die Reihe, die durch den frühen Tod Larssons ein vorzeitiges Ende gefunden hatte, fortsetzen wollte, löste bei mir Skepsis aus. Die war so groß, dass ich beinahe ein halbes Jahr um „Verschwörung“ herumgeschlichen bin, bevor ich es zur Hand nahm.

Ein mühsamer Auftakt beim neuen Fall für Blomqvist und Salander

Auf den ersten Seiten schien die Skepsis gerechtfertigt.  Zwar hatte auch Larsson gelegentlich einen eher sperrigen Erzählstil, aber Lagerkrantz wirkte im Vergleich dazu beinahe geschwätzig. Jedenfalls wirkt alles übererklärt, ohne dass der der Autor Blomqvist oder Salander wirklich nahe kommt. Offenbar brauchte Lagercrantz Zeit, sich in die Figuren Larssons hineinzuversetzen. Ab dem zweiten Viertel  nimmt die Geschichte dann aber Fahrt auf und aus der sentimentalen Reise in die Vergangenheit entwickelt sich ein eigenständiger Krimi.

Viel Vertrautes in „Verschwörung“

Wie mit den Figuren  ist das auch mit dem Thema und dem Setting, es dauert bis beides steht – und dann erwartet einen zunächst viel schon einmal Gelesenes: Michael Blomqvist hat mal wieder Probleme. Schöpferisch wie finanziell. Sein Baby, das Wirtschaftsmagazin „Millenium“ steckt in der Krise, es droht der Verlust der Eigenständigkeit. Klingt bekannt?  Das bleibt so. Lisbeth Salander lebt abgeschottet in ihrer Luxusbleibe, hackt sich in Server, auf denen sie eigentlich nichts verloren hat und knöpft sich Männer vor, die sich an Frauen vergehen.

Eine Verschwörung mit Wurzeln in den USA

Natürlich gibt es auch wieder eine gewaltige, beinahe weltumspannende Verschwörung,, deren Tragweite sich den Protagonisten zu erschließen beginnt, als ein schwedischer Experte für Künstliche Intelligenz, der in beziehungsweise für die USA arbeitete, ermordet wird. So weit, so vertraut ist das Ungemach, dem sich Blomqvist und Salander in „Verschwörung“ stellen müssen.

Natürlich bleibt David Lagercrantz seinem Vordenker in Sachen Kriminalroman treu. Spätestens nach dem die Ausgangslage herausgearbeitet ist, entwickelt sein Krimi ein Eigenleben, kann mit eigenen Ideen, einem gelungenen Plot und neuen Figuren überraschen.

David Lagercrantz betreibt literarische Denkmalpflegte

Insgesamt war es also mit einem halben Jahr Wartezeit doch ganz unterhaltsam, sich auf das Wagnis Larsson-Nachfolge einzulassen. Letztlich war es sogar so lesenswert, dass ich eine Fortsetzung lesen würde, auch wenn Lagercrantz mit „Verschwörung“ und möglichen Fortsetzungen nie den Makel  loswerden wird, die Ideen eines anderen auszuschlachten – und wie weit diese schriftstellerische Denkmalpflege trägt bleibt abzuwarten,

David Lagercrantz, Verschwörung, Heyne, 601S., 22,99€, VÖ: 27. August 2015

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Jagd auf Deppen? Ein neuer Sebastian Bergman-Krimi von Hjorth/Rosenfeldt

Eine der wichtigsten Fragen, die sich zuletzt bei den Kriminalromanen von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt aufdrängte, kreist darum, wie sehr Sebastian Bergman mit neuerlicher menschlicher Niedertracht dem Leser auf die Nerven geht. In den letzten Bänden wurde die Lektüre der Serie wegen der Penetranz des schwedischen Profilers beinahe zur Qual.

Neue Eskapaden eines therapiebedürftigen Psychologen

Im neuesten Band kann man beinahe Entwarnung geben. Die Eskapaden des dringend therapiebedürftigen Psychologen halten sich in „Die Menschen, die es verdienen“ in Grenzen. Der fünfte Band um das Team der Reichsmordkommission ist auch deshalb insgesamt sehr unterhaltsam geraten.

Ein Serienmörder macht Jagd auf Ignoranz

Hjorth/Rosenfeldt haben sich einen Täter erdacht, der – vereinfacht formuliert – Deppen umbringt. Der fiktive Serienmörder hat es auf die Prominenz moderner Zeit abgesehen; Doku-Soap-Stars, Blogger und andere Sternchen, die ihren Erfolg leistungsfrei zu erreichen scheinen. Jedenfalls entführt der Serienmörder C- und D-Prominenten, unterzieht sie einem Wissenstest. Wer bei diesem „Check“ der Allgemeinbildung durchfällt, stirbt. Das Team um Torkel Höglund läuft dem Täter lange Zeit  weit hinter her, bis Sebastian Bergman, der noch immer versucht, eine Beziehung zu seiner Tochter herzustellen, mal wieder einen waghalsigen Alleingang startet, ein „Stunt“, der dramatische Folgen haben soll.

Die Romane des Autorenduos Hjorth/Rosenfeldt sind ja immer ein Vergnügen, ob nun trotz oder wegen der penetranten Ausfälle des Sebastian Bergman. Die beiden Schweden denken sich jedenfalls immer wieder spannende Geschichten aus, verwirren mit kunstvoll gelegten Nebengleisen und schreiben das auch noch sehr dicht auf.

„Die Menschen, die es nicht verdienen“, eine starke Folge der Serie

Dass sie sich bei allen persönlichen Verwicklungen und Problemen der Protagonisten in „Die Menschen die es nicht verdienen“ nach einigem Geplänkel zu Beginn darauf konzentrieren, einen ungewöhnlichen Kriminalfall zu erzählen, trägt meiner Meinung nach zu bei, dass der neueste Band eher zu den stärkeren Folgen der Serie zählt. Und wer sich jetzt sorgt, dass bei Sebastian Bergman, seiner Tochter Vanja, Teamchef Torkel, sowie Billy und Ursula Normalität eingekehrt sein könnte, kann sich entspannt zurück- bzw. angespannt vorlehnen. Bei Hjorth/Rosenfeldt ist für Durchschnitt und das Normale kein Platz.

Ein Krimi mit pädagogischem Trostpflaster

Ein pädagogisches Trostpflaster für alle Blogger und Menschen mit überschaubarer Allgemeinbildung haben die Autoren auch: Natürlich ist das Wissen, dass ihr Mörder abfragt, verstaubt. In Zeiten von Smartphone und Google komme es, so der Schluss, doch mehr darauf an, zu wissen, wie man an Informationen komme. Das ist doch für sehr beruhigend für den Krimi-Blogger, der trotz eines Geschichtsstudiums große Probleme hätte, alle schwedischen Könige und dann noch in der richten Reihenfolge aufzusagen…

Hjorth/Rosenfeldt, Die Menschen, die es nicht verdienen, Wunderlich, 536S., 19,95€, VÖ: 29. Oktober 2015

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Stefan Ahnheims Herzsammler, ein guter Krimi in fragwürdiger Verpackung

Gelegentlich nehmen auch Nicht-Krimi-Leser Krimis in die Hand. So ging mir das vergangene Woche. Die Reisebegleitung nahm „Herzsammler“ von Stefan Ahnhem in die Hand, und sie war schnell durch mit dem Urteil: „Merkwürdig, was die sich immer für Titel und Cover ausdenken. Ich weiß nicht, ob ich das lesen würde.“ Ich reagierte schnell und erzählte von Marketing-Abteilungen in Verlagen, die seit dem Sensationserfolg von Stig Larssons Trilogie „Verblendung“, „Verdammnis“  und „Vergebung“ Krimis beinahe ausschließlich Einworttitel und möglichst psychedelisch-mystische Cover verpassen. Dann dachte ich noch einmal nach und überlegte, dass „Herzsammler“ wirklich ein wenig merkwürdig ist. Und das ist schade, weil es einem guten Krimi nicht wirklich gerecht wird.

Stefan Ahnhem rückt seinen Ermittlern dicht auf die Pelle

Stefan Ahnhem bewegt sich in bester Tradition schwedischer Krimi-Autoren, in dem er seinen Protagonisten sehr dicht auf die Pelle rückt. Sein Krimi ist so zum guten Teil auch Familienroman, der das ganze Bündel von Problemen seiner Kommissare ausbreitet. Das schafft Nähe, die den Leser an den Krimi fesselt.

Raffinierter Plot und düstere Elemente in „Herzsammler“

Dazu hat Ahnheim die Fähigkeit, einen raffinierten Plot mit vielen düsteren Elementen aufzuladen, dass sich der angenehme Krimi-Grusel über die schlechte Welt einstellt. In seinem neuen, nach „und morgen Du“ zweiten Fall muss sich Fabian Risk mit einem Unbekannten auseinandersetzen, der seine Opfer regelrecht ausweidet. Die Ermittlungen kommen ins Rollen, weil ausgerechnet der Justizminister des Landes entführt wird. Damit beginnt nicht nur eine Serie ganz besonders gruseliger Morde, sondern auch eine politische Intrige, die in den Polizeiapparat hineinreicht.

Subtile Kritik an skandinavischer Sprachlosigkeit

Zur gleichen Zeit ermittelt von Dänemark aus eine Polizistin in ähnlich gruseligen Fällen. Dass die Polizisten bis zum Schluss nicht mit einander reden und so die Ermittlungen verzögern, darf durchaus als subtile Kritik an dem öffentlich postulierten, aber allzuoft nicht wirklich gelebten skandinavischen Miteinanders verstanden werden – ein Thema, dass sich mittlerweile seit den siebziger Jahren immer wieder als mehr oder weniger komische Fußnote im Krimi festgesetzt hat.

Wer es düster mag, und auch hautnah am Leben der Ermittler teilhaben will, wird mit „Herzsammler“ sein Vergnügen finden – Titel und Cover sieht man ja nur einmal in der Buchhandlung…

Stefan Ahnhem, Herzsammler, List, 569S., 14,99€, VÖ: 10. Juli 2015

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Hjorth/Rosenfeldt, Das Mädchen, das verstummte: Große Krimi-Kunst mit einem Widerling

Es wird nicht besser. Sebastian Berman lügt, betrügt, demütigt. Der Stockholmer Kriminalpsychologe ist – wenn man es mal auf den Punkt bringt – ein egoistisches, narzisstisches Arschloch. Er gebraucht, so muss man das wohl sagen, für seine Sexsucht wahllos Frauen, zerstört die Karriere-Chancen seiner Tochter (eine Kollegin bei der Reichsmordkommission, der er konsequent verheimlicht, dass er ihr Vater ist) und demütigt seinen Chef und seine Kollegin mit gezielten Beleidigungen, wo er nur kann.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt unterhalten mit einem Widerling

Im neuesten Band der Serie um den Soziopathen in Diensten der Verbrechensaufklärung, treibt er es noch einmal eine Spur schlimmer. Offen gestanden ist das ganz große Kunst, die die beiden schwedischen Autoren seit einigen Jahren abliefern: Dass es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt schaffen, Kriminalromane zu schreiben, die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln, obwohl sie einen Protagonisten ins Zentrum stellen, der einen eigentlich nur anwidert, spricht für die Qualität der Geschichten, die das Autorenpaar erzählt.

Mord an einer Familie in der schwedischen Provinz

Das gilt auch wieder für „Das Mädchen, dass verstummte“. Mal wieder in der schwedischen Provinz geschieht ein bestialischer Mord. Ein Unbekannter richtet eine ganze Familie hin. Vater, Mutter und zwei kleine Kinder sterben im Kugelhagel einer Schrotflinte. Die örtliche Polizei ruft rasch die Reichsmordkommission zur Hilfe: Die Ermittler rund um den Leiter der Einheit, Torkel Höglund, machen in kürzester Zeit zwei wichtige Entdeckungen: Die Morde waren sorgfältig geplant – und es gab eine Zeugin.

Verzweifelte Suche nach dem „Mädchen, das verstummte“

Ein weiteres Kind hat offenbar das Massaker überlebt. Mit einem vergleichsweise hohen Organisationsgrad, wenn man das einmal so nennen darf, versteckt sich das ansonsten schwer traumatisierte Mädchen vor der Außenwelt. Das Mädchen zu finden und später zum Reden zu bringen, wird die zentrale Aufgabe für Sebastian Bergman, der die Reichsmordkommission, Leser der Serie wissen es, als Berater und Profiler unterstützt.

Neue Perfidien von Sebastian Bergman

Der schwer gestörte Bergman, für den man im ersten Band noch Mitleid entwickeln konnte, weil er Frau und Tochter im Tsunami 2004 verlor, sortiert sich in seinem kranken Kopf die nächste Perfidie zurecht: Das traumatisierte Mädchen und deren Mutter werden für den Psychologen mit erhöhtem Therapiebedarf zum Familienersatz. Wieder lügt er, um eine Nähe herzustellen, die vorsichtig formuliert bedenklich ist. Mit aller Gewalt drängt er sich das Leben einer zerstörten Familie. Dass er damit dazu beiträgt, den Fall zu lösen, gehört zu den Komplexitäten, die die Reihe von Hjorth/Rosenfeldt so lesenswert machen.

Immer neue überraschende Einfälle des Autoren-Duos Hjorth/Rosenfeldt

Die beiden Autoren rücken, das ist ja genretypisch für skandinavische Autoren, ihren Figuren richtig dicht auf den Pelz: Schwedische Krimis sind immer irgendwie auch ausgewachsene Familiendramen. Gleichzeitig dichten die beiden aber auch richtig raffinierte Plots mit interessanten Wendungen zusammen, garnieren ihre Krimis (auch das „typisch“ schwedisch) mit relevanten gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und verwöhnen die Leser mit immer neuen überraschenden Einfällen – die gerne mal, da kommt die Fernsehvergangenheit beider Autoren durch, als „Cliffhanger“ am Ende des jeweiligen Bandes eingesetzt werden. Im Hinterkopf des Lesers brennt sich so beim Zuklappen des Buches der Gedanke ein „Ich muss mir dringend die Fortsetzung besorgen“. Es hat ja aber auch nie jemand behauptet, dass Autoren nicht geschäftstüchtig sein dürfen.

Warten auf die Fortsetzung…

Nachdem ich Band drei eher skeptisch aus der Hand gelegt hatte, geht es mir nach Band vier wieder so, dass ich trotz des Widerlings Sebastian Bergman genau das will – möglichst bald die Fortsetzung in die Hände bekommen…

 

Tatort:Schweden

Wieder einmal müssen die Ermittler um Torkel Höglund und Sebastian Bergman in die schwedische Provinz. Wie gehabt zeichnen Hjorth/Rosenfeldt ein eher düsteres Bild des ländlichen Schwedens. Der „Tatort“ steht dabei nie im Mittelpunkt, dient eher als mit wenigen Sätzen perfekt „gezimmerte“ Kulisse für menschliche Dramen. Wobei das in „Das Mädchen, das verstummte“ nicht ganz stimmt. So richtig düster udn schrecklich finden die Autoren ihr Provinz-Idyll offenbar denn doch nicht, da sie die Bedrohung der ländlichen Welt durch den Bergbau thematisieren. Wie das ausehen können beschreiben die beiden Schweden bei einem „Abstecher“ ins nordschwedische Kiruna.

Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte, Wunderlich, 586S., 19,95€, 15. Oktober 2014

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Stefan Ahnhem: Ein neuer Akteur in der obersten Liga der Schweden-Krimis

Fabian Risk hat sein Leben gegen die Wand gefahren, und zwar richtig gründlich: Ein Alleingang kostete ihn seinen Job bei der Stockholmer Polizei, die Beziehung mit seiner Frau setzte er wegen einer anderen aufs Spiel, und mit seinem Sohn kommuniziert der Polizist auch schon seit langen nicht mehr richtig. Die „Flucht“ in die alte Heimat soll es jetzt richten. Risk zieht in Sack und Pack nach Helsingborg, wo er einst aufwuchs.

„Und Morgen Du“: Mord statt Neu-Anfang in Helsingborg

Eigentlich hat der Polizist dort erst einmal Urlaub, den er dringend benötigt, um die fragile Beziehung zum Rest der Familie zu kitten. Doch es kommt anders. Seine neue Chefin bittet ihn rascher als erwartet zum Gespräch. Das Kriminaldezernat der südschwedischen Kleinstadt muss einen Mord aufklären. Das Opfer, das regelrecht hingerichtet und anschließend verstümmelt wurde, ist ein Klassenkamerad von Fabian Risk. Der Polizist hat sich kaum in den Fall hineingedacht, als schon der nächste Mord passiert: Erneut wird ein Klassenkamerad Risks brutal abgeschlachtet. Schnell wird klar, was der Mörder sagen will: „Und Morgen Du“, so auch der Titel des neuen Krimis von Stefan Ahnhem, der in Schweden bisher vor allem als Drehbuch-Autor auch in Deutschland bekannter Krimi-Verfilmungen aufgefallen war.

Späte Rache eines Mobbing-Opfers?

Die Polizeitruppe rund um den zu Alleingängen neigenden Risk muss sich mit einem Serienmörder auseinandersetzen, der – so viel scheint sehr schnell klar – in Jugendjahren Opfer fortwährender Mobbing-Attacken war und einen späten Rachefeldzug startet. Obwohl ein Klassenverband doch eigentlich überschaubar sein sollte, will es den Ermittlern nicht gelingen, den Täter zu identifizieren, geschweige denn zu fassen. Ganz im Gegenteil. Der Berg an Leichen, den der gestörte Ex-Pennäler aufhäuft, wird immer höher. Am Ende gerät auch der Polizist selber in Gefahr

„Und Morgen Du“, krimi-gerecht düster und brutal

„Und Morgen Du“ ist in Teilen brutal, häufig sehr düster – und enorm spannend. Stefan Ahnhem hat einen angenehm komplexen und zugleich sehr dichten Krimi geschrieben, der im Vergleich zu der Flut an simplen Thrillern, die den Markt überschwemmen, angenehm viele, kunstvoll verwobene Handlungsstränge aufweist. „Und Morgen Du“ ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und spielt in jedem Fall in der obersten Liga der Schweden-Krimis mit.

Stefan Ahnhem schreibt mit viel Liebe zum Detail

Die Vielzahl an Handlungsstränge bedingt natürlich eine Menge Personal. Auch hier beweist Ahnhem ein gutes Händchen. Insbesondere einige Nebenfiguren, wie der fiese, intrigante Oberkommissar in Dänemark bereichern das „Bühnenpersonal“. Im Zentrum steht natürlich der Hauptdarsteller Fabian Risk, dem man in seinen teils ungestümen, teils brillanten Alleingängen gerne folgt. Wenn man ein Wort der Kritik äußern möchte, scheint die absolut Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn nicht wirklich glaubhaft: welcher Vater kommuniziert in Zeiten, in denen es doch nur noch „Helicopter-Eltern“ zu geben scheint, mit seinem halbwüchsigen Sohn über Tage hinweg ausschließlich per sms? Man versteht den aus dramaturgischen Zwecken notwenigen Kniff, ärgert sich als Leser dennoch über die kleinen Delle im Glaubwürdigkeits-Lack.

Ein gelungener Auftakt zu einer neuen Serie

Dennoch ist „Und Morgen Du“ wirklich ein sehr gelungenes Debüt. Die beste Nachricht steckt im Klappentext, in dem der Krimi als „erster Teil einer Serie um den Kommissar Fabian Risk“ beschrieben wird. Wenn man sich nach dem Lesen schon auf eine Fortsetzung freut, ist das aus meiner Sicht immer das höchste Lob für einen Kriminalroman.

 

Tatort: Helsingborg

Irgendwas muss es ja auf sich haben mit Schweden: Kaum ein Land produziert so viele Krimis wie das Land der Schären und Seen. Man ist versucht zu glauben, dass die eine Hälfte der Bevölkerung Verbrechen begeht und die andere Hälfte Geld damit verdient, Krimis darüber zu schreiben und in Deutschland auf den Markt zu bringen. Die Bilder, die dabei transportiert sind, zeichnen von Schweden meist entweder ein Bild einsamen Idylls oder ein Panorama trostloser Einsamkeit. Bei Ahnheim spielt das Land, die Natur und der „Standort“ Helsingborg keine große Rolle (wenn man einmal von der Nähe zu Dänemark absieht). Stefan skizziert eher ein Bild menschlicher Kälte, das Portrait eines Schwedens, in dem unter einer jovialen Oberfläche Kälte und Gleichgültigkeit im Miteinander dominieren. Das ist weitaus interessanter als elegische Schilderungen von einsamen Schären oder dunklen Wäldern.

Stefan Ahnhem, Und Morgen Du, List, 548S, 16,99€ VÖ: 12. September 2014

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Joakim Zanders Der Schwimmer: Politthriller und Familiendrama

Kriminalromane sind eines der wichtigsten Exportgüter Schwedens jenseits praktischer Buchregale. Da ist dann natürlich oft Durchschnitt dabei, gelegentlich aber auch außerordentlich Gelungenes. So ist das auch mit Joakims Zanders „Der Schwimmer“.

Die Geschichte um den alternden CIA-Agenten und die junge schwedische Juristin ist gleichzeitig verschachtelt komplex und spannend zielstrebig konstruiert. Das passt auch zum Thema, das hochpolitisch scheint, eigentlich aber um eine einfache Vater-Tochter-Beziehungsgeschichte kreist.

Das Schwimmbecken wird in „Der Schwimmer“ zum Fluchtpunkt

Das sind die Handlungsstränge: Da ist der CIA-Agent, der im Damaskus der achtziger Jahre bei einem Attentat seine Frau verliert, die Tochter weggeben muss, nach dem doppelten Verlust nur mühsam wieder auf die Beine kommt und letztlich bei seinem Arbeitgeber, dem US-amerikanischen Geheimdienst, ein Fremdkörper bleibt. Ruhe findet er nur beim Schwimmen.

Gnadenlose Jagd auf eine einsame Schwedin

Dann ist da die schwedische Juristin Klara Walldéen, die in Brüssel als Referentin einer Abgeordneten arbeitet und trotz Karriere und profiliertem Lover zwischen allen Stühlen zu schweben scheint In weiteren Erzählsträngen trifft der Leser auf einen Wissenschaftler, der sich mit Misshandlungen im Krieg beschäftigt und seiner Ex Klara Walldéen Informationen zukommen lässt, die lebensgefährlich werden sollen: Unter anderem ein kokainsüchtiger Lobbyist, schmierige Anwälte und gewalttätige Verbrecher machen bis zu einem furiosen Showdown in der einsamen Schärenwelt der Ostsee Jagd auf die Schwedin. Sie alle wollen ein grausames Verbrechen vertuschen.

Politthriller und Familiendrama

Joakim Zander macht das, wie ich finde, sehr gut. Er benutzt das „Haifischbecken“ Brüssel und die modernen Verhörmethoden der USA, die von Kritikern ja nicht völlig zu unrecht als behördlich gebilligte Folter bezeichnet werden, als Kulisse für eine im Grunde sehr persönliche Geschichte. Vater und Tochter müssen mit dem Verlust leben, auch wenn diese frühe Trennung nur der Vater bewusst durchlitten hatte. Im Leben beider klafft seither eine Lücke, die sie zwar funktionieren, aber nicht wirklich glücklich werden lässt: Das Gefühl der Verlorenheit erzählt Zander ohne viele Worte darauf zu verwenden beinahe beiläufig, aber zugleich sehr glaubwürdig und bewegend.

Zander steht mit dieser Mischung von großer Politik und persönlicher Tragödie in bester schwedischer Krimi-Tradition. Denn das macht die besseren schwedischen Krimis aus: Dass sie Gesellschaftskritik und individuelle Dramen perfekt verquicken, also zugleich empören und bewegen, und dabei dennoch ihre erzählerische Leichtigkeit bewahren.

Joakim Zander, eine Krimi-Neuentdeckung

Man könnte als von einer echten Krimi-Neuentdeckung sprechen. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Joakim Zander ist Jurist und hat selber in Brüssel beim EU-Apparat gearbeitet: Er verfügt durch seine eigene Biografie also über reichlich Anschauung – und die hilft ja meistens beim Schreiben. Es wird interessant zu sehen, wie sich Joakim Zander schlägt, wenn er ohne „Insiderwissen“ auskommen muss.

Tatort:Schären

Damaskus, Stockholm, Kabul, Langley, Brüssel: Joakim Zander hat sich für sein Debüt eine große Bühne gezimmert. Der Schwede schafft es, jeden seiner „Tatorte“ mit wenigen Worten gekonnt in Szene zu setzen. Die spezielle Stimmung, die diese Orte ausmacht, findet sich in „Der Schwimmer“ gelungen wieder. Der packendste „Tatort“ ist jedoch eine kleine Schäreninsel vor der Küste Schwedens.

Bei Zander ist der Schärengürtel kein paradiesischer Fluchtort für deutsche Touristen. Seine Schären sind dunkel, kalt, sturmumtost und einsam. Eher ein bedrohlicher als ein idyllischer Ort, der dennoch Heimat und Fluchtburg werden kann. Diese Widersprüchlichkeit lässt sogar die viel beschrieben schwedischen Schären noch einmal interessant und geheimnisvoll erscheinen. Auch das ist, obgleich es nur um eine Nebensächlichkeit wie die Kulisse für einen Krimi geht, eine Leistung.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 14,99€, VÖ: 1. September

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Viveca Stens Beim ersten Schärenlicht: Ein Mord mitten im Bilderbuchschweden

Wenn man einen durchschnittlichen Deutschen fragt, was ihm jenseits von Möbeln zu Schweden einfällt, kommen vermutlich „Mittsommernacht“, „Schären“ und „Kriminalromane“ als Antworten heraus. Variationen gibt es höchstens bei der Reihenfolge. Insofern ist es nicht mehr als konsequent, dass die Schwedin Vivica Sten in ihrem neusten Roman alle drei Elemente vereint.

 Ein Toter im Schären-Idyll

„Beim ersten Schärenlicht“ spielt auf Sandhamm, einer Insel vor Stockholm während der Mitsommertage, die von Schweden begeistert und ausführlich gefeiert werden. Nach einer dieser alkoholintensiven Nächte wird am Strand ein Toter gefunden, ein Jugendlicher, von dem sich niemand so recht vorstellen kann, weshalb ausgerechnet er ermordet wurde.

 Mord im Alkoholrausch?

Thomas Andreasson und seine Kollegen ermitteln, und sie stoßen schnell auf diverse Familiendramen. Auch die Tochter einer Freundin Andreassons ist seit der Mordnacht spurlos verschwunden. Der Kommissar findet zunächst kaum Spuren, trifft dafür aber auf ein weitreichendes gesellschaftliches Problem: Die einst so idyllische Mitsommernacht ist zu einem gewaltigen Alkoholrausch verkommen, bei dem auch Kinder, die gerade erst das Teenager-Alter erreicht haben, mit allen Mitteln versuchen, sich in einen koma-artigen Zustand versetzen. Auf Sandhamm soll das tragisch enden.

 Spannend, relevant, aber zwiespältig

„Beim ersten Schärenlicht“ ist der fünfte Fall für Thomas Andreasson – und er entzieht sich einer klaren Bewertung. Vivica Sten versteht ihr Handwerk. Ihr neuester Krimi ist gradlinig und spannend erzählt, sie hat ein Thema mitverarbeitet, dass relevant und für viele Menschen als Gefahr verständlich ist. Wenn man es positiv bewerten will, beschreibt sie eine heile Welt mit verborgenen – und deshalb interessanten – Bruchlinien.

Allein für den Markt geschrieben?

Und dennoch bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück. Die Figurenzeichnung ist stark vereinfachend und der Schauplatz einfach zu idyllisch: Beim Lesen baut sich automatisch diese mitunter penetrante ZDF-Sommerkrimi-Stimmung auf, die sich aus glattgeleckte Kulissen mit leuchtenden Farben, schönen Menschen und gestelzt emotionalisierten Dialogen problembewusster Protagonisten zusammensetzt. Wahrlich keine schöne Vorstellung. Vielleicht ist es aber genau das, was das Unbehagen auslöst: Der Leser wird – obgleich er gut unterhalten wird – das Gefühl nicht los, dass Autorin nur in zweiter Linie eine Geschichte erzählen wollte, während sie in erster Linie versucht, einen Markt zu bedienen. Ob das Gefühl stimmt, lässt sich Mitte Mai überprüfen, wenn die erste Schärenkrimi-Verfilmung ausgestrahlt wird, tatsächlich beim ZDF.

 

Tatort: Sandhamm

Kleine verwitterte Holzhäuser, verschlafene Yachthäfen, nette Strandpromenaden und Natur so weit das Auge reicht. So stellt sich der deutsche die Schäreninseln vor Schweden vor – und dieses Bild zeichnet auch Viveca Sten in „Beim ersten Schärenlicht“. Es gibt noch einsame Wälder und kleine Fähren, die die Schäreninseln mit der Außenwelt verbinden. Diese Bild einer Welt, in der die Uhren anders, also gerne mal langsamer ticken, zeichnet die Schwedin Sten stilgetreu. Wer schwedische Provinz wie er es von Postkarten kennt, will, bekommt sie auch.

Viceca Stehen, Beim ersten Schärenlicht, Kiepenheuer&Witsch, 399S., 14.99€

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Tom Rob Smith verlässt mit „Ohne jeden Zweifel“ vertraute Pfade

Daniel ist Gärtner in London und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben.  Zwar hat er einen grünen Daumen, aber kein Talent fürs Geschäft. Auch insofern ist sein Leben eine große Lüge, genau wie seine private Beziehung zu Marc, die er seinen Eltern vorenthalten hat. Insofern macht er sich – als seine Mutter, die mittlerweile in Schweden lebt, ankündigt, ihn besuchen zu wollen, zunächst einmal Sorgen um das fragile Konstrukt seines Lebens.

Eine gigantische Verschwörung in Ohne jeden Zweifel“?

Seine Mutter Tilde jedoch hat ganz andere Sorgen. Sie werde von ihrem Mann und anderen finsteren Gestalten verfolgt, sei zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen worden und wisse um eine Verschwörung von gigantischem Ausmaß, erzählt sie am Telefon. Sie überzeugt ihren Sohn, sich die Geschichte anzuhören, reist nach London und legt ihre Beweiskette in einer ausführlichen Erzählung dar. Daniel hört zu – und fragt sich, ob er seiner Mutter glauben soll.

Tom Rob Smith verlässt das Genre des historisch-politischen Thrillers

Tom Rob Smith hat sich die Geschichte ausgedacht und mit „Ohne jeden Zweifel“ zunächst einen radikalen Wechsel vollzogen. Smith hatte den russischen Agenten Leo Demidow erfunden und mit „Agent 6“ und „Kind 44“ sensationell gute (und sensationell erfolgreiche) Bücher geschrieben.  Jetzt hat er das Genre gewechselt und hat es natürlich schwer, weil er immer an seinen ungemein komplexen, raffiniert erdachten und spannend aufgeschriebenen Thrillern im politisch-historischen Bereich gemessen wird.

Ein sehr privates Buch

„Ohne jeden Zweifel“ ist ein sehr privates Buch, in der das Halbschwede Smith ein wenig auch seine eigene Herkunft einfließen lässt. Sein neuester Thriller basiert ist mehr Familiendrama als Weltverschwörungsroman; statt Kreml  und Kabul sind die Handlungsorte eine kleine Wohnung im Herzen von London und ein abgelegenes Dorf in Südschweden.

Raffiniertes Spiel um Wahn und Wirklichkeit

Auch wenn Demidow-Fans beim neuen Smith sehr enttäuscht sind, kann man Smith seine Klasse nicht aberkennen. Auch „Ohne jeden Zweifel“ ist fesselnd aufgeschrieben, weniger komplex vielleicht, mit klarer konturiertem Rahmen, aber nichtsdestotrotz raffiniert. Das Spiel um Wahn und Wirklichkeit hat jenseits üblicher Krimilektüre jedenfalls seine ganz eigene Qualität und ebenfalls hohen Unterhaltungswert.

 

Tatort:Südschweden

Den Augen vieler Deutscher ist Schweden der perfekte Urlaubsort, eine heile Welt mit viel schöner Natur, freundlichen Menschen und entspannter Lebenswirklichkeit. Viele schwedische Krimi-Autoren setzen alles daran, dieses Bild ländlich heiler, von modernen Problemen unberührter Welt durch düstere Großstadtbeschreibungen zu zerstören. Tom Rob Smith, der eine schwedische Mutter hat, geht da raffinierter vor. Er beschreibt das ländliche Schweden mit kleinen Landwirtschaften, idyllischen Seen und verschlafenen Dörfern genau so, um dann nur umso präziser den ganzen Schrecken auszumalen, der in dieser abgelegenen Provinz, die längst nicht so heile ist, wie der Schein  es suggeriert, das Leben zur Hölle werden lässt. Insofern ist „Ohne jeden Zweifel“ auch ein interessantes Länderportrait.

Tom Rob Smith, Ohne jeden Zweifel, Manhattan, 383S.,19,99€, VÖ:: 14. Oktober 2013

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Hjorth/Rosenfeldts Glücksgriff mit einem Unsympathen

Es ist nicht leicht, Sebastian Bergman zu mögen. Er lässt Kollegen und Freunde auflaufen, benutzt – so muss man das sagen –  Frauen allein zur Befriedigung eines beinahe schon krankhaften Sexualtriebs und verfolgt seit Neuestem wie ein Stalker seine Tochter, von deren Existenz er erst seit kurzem weiß. Sebastian Bergman ist gestört. Das erfuhr man schon im ersten Band der neuen Krimi-Serie der beiden Schweden Michael Hjorth und Hans Rosenfeld. War Bergmann im ersten Band „Der Mann, der kein Mörder war“ noch analysierender Beobachter einer brutalen Mordserie, gerät er im neuen Band „Die Frauen, die er kannte“ zunehmend selber in den Mittelpunkt des Geschehens.

Jagd nach einem unwahrscheinlichen Täter

In Stockholm werden Frauenleichen gefunden, immer mehr, immer gleich inszeniert: Angezogen mit einem altbackenen blauen Nachthemd, vergewaltigt, misshandelt und ermordet. Die Details der Taten deuten auf einen alten Bekannten hin. Edward Hinde, Massenmörder und Psychopath, den Sebastian Bergman einst überführte. Jener Fall war es, der einst den Ruf als genialer Profiler, den der Psychologe so gründlich wieder zu zerstören versucht, begründete. Es gibt da nur ein kleines Problem. Hinde sitzt unverändert im Gefängnis und hat unter verschärften Haftbedingungen eigentlich noch nicht einmal Kontakt zur Außenwelt. Und doch muss Hinde oder ein „Vertrauter“ die Morde begangen haben. Die Ermittlergruppe um Torkel Höglund steht vor einem schier unentwirrbaren Rätsel. Erst als sich Bergman, der zu zu allem Überfluss mit dem letzten Todesopfer kurz vor deren Ermordung im Bett gelandet war, den Weg zurück in das Ermittlerteam erschleicht, gelingen den Polizisten erste Fortschritte. Jedoch wird bald klar: Die Frauen, die ermordet wurden, sind gar nicht das eigentliche Ziel des Mörders.

Hjorth/Rosenfeld und ihr unsympathischer Sebastian Bergman

Dem schwedischen Autorenduo Hjorth/Rosenfeldt ist das Kunststück gelungen, eine Hauptfigur zu schaffen, die bei allem Verständnis für die Härten, die die Autoren in die Biographie gepackt haben, durch und durch unsympathisch erscheint, gelegentlich Mitleid weckt und als „Gesamtkunstwerk“ zu fesseln vermag. Die Serie um Sebastian Bergman und die Polizisten aus Torkel Höglunds Team funktioniert auch deshalb so gut, weil die Autoren ihren Figuren so dicht auf die Pelle rücken, auf jeweils rund 700 Seiten werden so nicht nur Fälle gelöst sondern sämtliche Untiefen in den Seelen der Protagonisten ausgelotet. Die Figuren wirken innerhalb ihrer Fiktion absolut glaubwürdig. So zum beispiel, der junge Polizist, den die neue Freundin zum Karrieredenken manipuliert. Von der ehrgeizigen Geliebten getrieben, vergisst der junge Mann beinahe sämtliche Solidarität, ein Vorgang, den vermutlich jeder schon beobachten durfte.  Das Ergebnis der Figurenzeichnung stimmt: Man folgt dem Schicksal der Ermittler begeistert.

Eine perfekte Fortsetzung

„Die Frauen, die er kannte“ ist wie der erste Band Krimi-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. All diejenigen, die Krimis aus Schweden und die dazugehörige komplexe Psychologisierung mögen, und Sebastian Bergman noch nicht kennen, sollten das schleunigst nachholen, denn in ihrem Subgenre der Kriminalliteratur stellen Hjorth/Rosenfeldt das Beste bereit, was derzeit auf dem Markt ist. Neue Freunde des ungewöhnlichen Ermittlerteams haben den Vorteil, dass sie sich gleich durch zwei Bände „durcharbeiten“ können. Und ohne zuviel vorwegzunehmen: Ein dritter Band wird inhaltlich bereits angedeutet. Wer zudemBestsellerlisten als Qualitätsmerkmal hinzuziehen will, könnte nachlesen, dass der erste Band lange in den Top 20 stand und der neue Band in der zweiten Woche nach dem Erscheinen bereits Platz fünf erreicht hat.

 

Tatort:Stockholm

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt zeichnen ausgiebige Landschaften der Seele, für Ortsbeschreibungen bleibt da wenig Raum. Natürlich nähern die beiden Schweden sich ihren Tatorten, über die Mikroschauplätze kleinbürgerlicher Einfamilienhaussiedlungen oder innerstädtischer Wohnungen erschließt sich über den Umweg Stockholm. Über die Stadt, ihre Architektur und ihre Probleme erfährt der Leser jedoch so gut wie nichts. Das ist kein Mangel, lediglich eine Feststellung. Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt haben ein anderes Thema und das bearbeiten sie auf höchsten Niveau.

Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Frauen, die er kannte, Rowohlt/Polaris, 736 S., 14,95€

VÖ: 1. August 2012
Die Frauen, die er kannte: Ein Fall für Sebastian Bergman