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Varg Gyllander schreibt seine kriminalistische Familiensaga um Ulf Holtz fort

Die Ostsee ist ein eher kühles Gewässer. In Teilen friert sie im Winter zu, selbst im Süden bleibt Badespaß eher von erfrischender Natur. Ausgerechnet dort jedoch zernagen tropische Pyranhas einer Leiche das Gesicht. Das geht, so hat sich das der Autor erdacht, weil die kleinen Raubfische sich nicht in, sondern auf der Ostsee leben. Eine Reederei hatte versucht, einen unrentablen Kreuzfahrtdampfer durch den Einbau eines künstlichen Regenwaldes aufzumotzen. Mit mäßigem Erfolg.

Eine unbekannte Leiche im Regenwald

Forensiker Ulf Holtz und Polizistin Ellen Brandt fliegen jedenfalls in einem Sturm auf das Schiff, auf dem der Tote im Regenwald liegt. Sie beginnen mit den Ermittlungen, im Hafen stößt dann noch Ermittlerin Pia Levin hinzu. Für mindestens zwei der Beamten soll der Besuch auf dem abgewirtschafteten Kreuzfahrtschiff noch unangenehme bis desaströse Folgen haben. Einstweilen haben die Ermittler noch Schwierigkeiten, die Identität des Opfers zu klären und wirklich brauchbare Spuren ergibt die Untersuchung des Tatorts auch nicht.

Der dritte Fall für Ulf Holtz und seine Kollegen

Varg Gyllander schickt sein eigenwilliges Team um die forensische Abteilung der Stockholmer Polizei bereits zum dritten Mal auf Verbrechersuche. Dem Schweden Gyllander gelingt dabei jedes Mal ein glaubwürdiges Bild der Ermittlungsarbeit. Im neuesten Fall „Tote reden nicht“ allerdings droht sein Protagonist, Ulf Holtz, eher zur Karikatur eines Polizisten zu mutieren. Er stolpert, durch mannigfaltige Probleme und heftig nagendem privatem Selbstzweifel beladen, eher durch die Szenerie als das er wirklich ermittelt. Die entscheidenden Funde, so wirkt es, gelingen meist den anderen. Das ist meist unterhaltsam, aber auch ein wenig abschreckend, denn der Leser will ja, wie das einst eine Autorin aus Österreich formulierte, das Vertrauen zum Protagonisten aufbauen, dass dieser „das am Ende schon hinbekommt“. Bei Holtz kommen da doch gelegentlich Zweifel auf.

Erneut viel Raum für Privates in „Tote reden nicht“

Dass „Tote reden nicht“ dennoch auf seine Weise unterhaltend ist, liegt an der skandinavischen Tradition dem Privatleben der handelnden Personen viel Raum einzuräumen. Wer den Kriminalromanen derartiger Serien regelmäßig folgt, liest eigentlich umfassende Familiensagas. Gyllander kreist anders als in „Eiskalte Rache“ diesmal etwas weniger um die Probleme des alternden Ulf Holtz. Er räumt dessen Kollegen mehr Raum ein und deshhalb gelingt es ihm in seinem dritten Band, seinem ermittelnden Trio eine vielschichtige Tiefe zu verleihen, mit persönlichen Schicksalen, die glaubwürdig sind.

Wer also gerne Krimis oder Thriller liest, bei denen es im höchsten Tempo kracht, ist mit Varg Gyllanders Serie weiterhin schlecht beraten, wer jedoch einen facettenreichen, geruhsam erzählten Krimi schätzt, wird sich mit Holtz, Levin und Brandt in „Tote reden nicht“ gut anfreunden können.

 

Tatort: Stockholm

Eigentlich spielt Tote reden nicht“ auf einem Schiff, genauer gesagt auf einem Kreuzfahrtschiff, aber bereits das ist vermutlich eine ungenaue Übersetzung. So wie Gyllander das beschreibt, handelt es ich um eine Fährverbindung, die Stockholm mit einem nicht näher bezeichneten Hafen in der Ostsee verbindet. Der Gedanke des Kreuzfahrtschiffes kommt wohl auf, weil die MS Vega Reisende transportiert, deren Plan es nicht etwa ist, irgendwo hinzukommen. Die meisten Gäste hatten sich in der Blütezeit dieses Schiffstyps an Bord einquartiert, um an billigen Alkohol zu kommen. Wein, Schnaps und Bier sind in Skandinavien notorisch unbezahlbar und bevor ganz Europa (zumindest das auf der Ostsee erreichbare) der EU angehörte, bot sich den Schweden auf dem Weg nach Polen oder ins Baltikum steuer- bzw. alkoholtechnisch ein Paradies. Die ganze Tristesse dieser mittlerweile weitgehend sinnlos gewordenen Schiffspassage beschreibt Gyllander sehr genau.  Man meint die heruntergekommene Spießigkeit zwischen Glücksspielautomaten, Barhockern und Buffet-Restaurants beinahe riechen zu können.

In einem hübschen Einfall lässt Gyllander auch eine Figur der Krimi-Legenden Maj Sjowall und Per Wahlöö mitreisen. Der Kapitän der MS Vega steuerte demzufolge (auch denn bei genauem Nachrechnen Gyllander für seine Idee einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum brauchte) bereits die MS Juno über den Götakanal, auf der der junge Martin Beck 1965 seinen ersten Fall löste.

Varg Gyllander, Tote reden nicht, btb, 380 S., 9,99€

VÖ: Mai 2012

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Kein Krimi, kein Thriller. Trotzdem gut: Liza Marklunds „Weißer Tod“

Annika Bengtzon hat ein Gespür für Geschichten und ist hartnäckig bis zur Selbstaufgabe. Das macht sie zu einer guten Journalistin. Seit mittlerweile 14 Jahren jagt sie öffentlich Dieben, Mördern und sonstigen Unholden hinterher. In ihrem aktuellen „Fall“ hat sie sich nach einem längeren USA-Aufenthalt wieder in ihrer schwedischen Heimat eingelebt, als sie über eine Frauenleiche stolpert.

Hiobsbotschaft aus Afrika

Bevor sie jedoch anfangen kann, zu ermitteln, ereilt sie eine wahre Hiobsbotschaft. Ihr Mann Thomas, mit dem sie sich gerade erst wieder versöhnt hatte, wurde in Afrika entführt. Die Kidnapper, deren Basis irgendwo im rechtsfreien Raum zwischen Somalia und Kenia liegt, drohen den Ehemann zu ermorden und stellen aberwitzige politische sowie finanzielle Forderungen. Es beginnt ein nervenzermürbender Verhandlungsmarathon, an deren Ende Annika Bengtzon sich ins Flugzeug nach Kenia setzt, um ihren Mann nach Hause zu holen.

Die Hilflosigkeit einer zweifachen Mutter

Bengtzon ist die geniale Erfindung der Schwedin Lisa Marklund. Seit 1998 hetzt die Autorin ihre Figur von einem unappetitlichen Fall zum nächsten. Diesmal ist jedoch alles anders. „Weißer Tod“ ist sehr weit weg von einem Kriminalroman. Es wird nicht ermittelt. Die Katastrophe stürzt über eine hilflose Mutter zweier Kinder hinein, die nur zusehen kann, wie sich die Lage immer mehr zuspitzt. Obwohl es um eine Entführung geht, ist „Weißer Tod“ streng genommen nicht einmal ein Thriller. Lisa Marklund hat an ihrer Familiensaga um Annika Bengtson weitergeschrieben und ein beklemmendes Psychodrama geschaffen.

Liza Marklund und Annika Bengtson surfen an der Grenze zum Kitsch

Die Stärke der erfundenen Journalistin ist ihre Energie und die kaum zu zügelnde Wut, mit der sie an die Dinge herangeht. Bei Bengtzon ist alles persönlich – und das schreibt Marklund auf einmalige Weise fesselnd auf. Auch wenn also außer zähen Verhandlungen eines Unterhändlers am Telefon eigentlich nichts passiert, kann man – sofern man sich auf das persönliche Drama einer Frau mittleren Alters einlassen mag – sich kaum von dem Roman lösen. Natürlich surfen Marklund und Bengtzon mit all den persönlichen Dramen hart an der Grenze zum Kitsch. Der Autorin gelingt es jedoch immer, die Balance zu halten, so dass beide nicht in das unter ihnen lauernde Meer der Tränen stürzen. Außerdem sind Geiseldrama und das hilflose Warten der Angehörigen nicht nur packend, sondern auch extrem glaubwürdig nacherzählt. Auch wenn also der Aufdruck „Kriminalroman“ auf dem Buch in die Irre führt, lohnt sich die Lektüre.

 

Tatort:Somalia

Man weiß natürlich nicht, wie gut Liza Marklund sich wirklich in Afrika auskennt, auch war sie vermutlich nie Geisel einer mordlüsternen Bande. Aber das Leiden der Entführungsopfer sind genau so glaubwürdig beschrieben, wie die unbarmherzige Sonne, der Staub, der Dreck der Hütten irgendwo im afrikanischen Niemandsland am Horn von Afrika, dort, wo jegliche staatliche Ordnung längst zusammengebrochen ist. Das fensterlose Loch, in dem Annikas Mann Thomas festgehalten wird, steht dabei im merkwürdigen Gegensatz zur heimeligen Enge der Wohnung des Paares in Schweden. Dass die Ehefrau zudem beim Warten die (ausgiebig beschriebenen) exquisitesten Mahlzeiten zubereitet, während ihr Mann bei madenverseuchtem Essen ums Leben kämpft, liest sich einigermaßen befremdlich, ist aber vermutlich ein Kunstgriff, um die Gegensätze zwischen erster und dritter Welt herauszuarbeiten. Liza Marklund bezieht nämlich durchaus Position und der Rezeptvorschlag als politische Botschaft ist ja auch mal was Anderes.

Liza Marklund, Weißer Tod, Ullstein, 375 S., 19,99€

VÖ: März 2012

 

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Hans Koppel zerstört in „Entführt“ gute Ideen mit billigen Effekten

Kinder sollen ja bekanntlich um keinen Preis zu Fremden ins Auto steigen. Eines Abends begeht auch Ylva, lange erwachsen und selber Mutter diesen Fehler. Sie lässt auf dem Heimweg von der Arbeit von einem Paar im Auto mithnehmen und findet sich kurze Zeit später in einem Kellerverlies gefangen wieder.

Eine grausame Entführung in der schwedischen Provinz

Schritt für Schritt wird die junge Frau gedemütigt und von ihren Peinigern gequält. Über einen Fernsehmonitor kann sie zudem beobachten, wie das Leben ihres Mannes und ihrer Tochter unterdessen seinen Lauf nimmt, wie aus Verzweiflung, Trauer, später Routine und schließlich ein neues Leben wird.

Viele gute Ideen im Psychothriller

Eigentlich entwickelt Hans Koppel mit seinem Thriller „Entführt“ gleich mehrere sehr gute Ideen. Was passiert mit einem Menschen, der über einen langen  Zeitraum eingesperrt wird, wie kommen Hinterbliebene damit zurecht, dass ein Mensch einfach tatsächlich spurlos verschwindet, wie gehen sie mit Schuldgefühlen, Wut und Verdächtigungen von Nachbarn und Freunden um? Das alles sind Fragen, die aufkommen und interessant wären, beantwortet zu werden.

Hans Koppel liefert kaum Antworten

Leider deutet der Schwede Koppel, der den Psychothriller in seiner Heimatstadt Helsingborg angesiedelt hat, die inneren Konflikte nur an und lässt viele Fragen offen. Der Kriminalroman ist temporeich aufgeschrieben, der Tatort, ein scheinbares Vorortidyll, das zur Hölle wird, und viele überraschende Wendungen klug erdacht. Allerdings begleitet der Autor seine Figuren und ihr Leben in der Vorstadthölle nur an der Oberfläche. Über die Seelenqualen, die Verwandlung der Menschen, die er zu Beginn so raffiniert einführt, erfährt man sich so gut wie nichts. Er bleibt wie ein gebannter, aber letztlich uninteressierter Zuschauer auf Distanz.

Alles für die „Quote“?

Koppel setzt in erster Linie auf reißerische Effekte. Anders sind die wiederholt ausgemalten Vergewaltigungsszenen nicht zu erklären. Spätestens nach dem ersten Mal ist dem Leser klar, dass es sich der Entführung um eine besonders perfide Form der Rache handelt. Alle weitere Schilderungen sind überflüssig und schielen vermutlich auf eine perfide Weise auf die Quote bei einem Massenpublikum.  Insofern ist Hans Koppels Kriminalroman sogar im höchsten Maße ärgerlich.

 

Tatort: Helsingborg

Entführt ist beinahe ein Kammerspiel: Das Leben des Opfers spielt sich auf wenigen Quadratmetern im Kellerverlies eines Vororthauses ab. Über Helsingborg erfährt man, wenn das Leben des Ehemanns beschrieben wird,  jenseits der Schlafstadt, wie sie wohl überall in Europa zu finden ist, nur sehr wenig. Das ist kein Mangel, angesichts des Themas, das sich der Schwede Hans Koppel gesucht hat.

Hans Koppel, Entführt, Heyne, 352 S., 14,99€

VÖ: Februar 2012

 


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Kristina Ohlssons „Aschenputtel“: Debütantin mit Geltungssucht

Es gibt Menschen, die überfallen einen unmittelbar nachdem man sie kennen gelernt hat, mit ihrer vollständigen Lebensgeschichte inklusive aller Erfolge und Misserfolge. Meistens hat man dann ja das Pech, dass man sich ausgerechnet dann gerade nicht unsichtbar machen kann.

Ausgedehnte Beziehungsfragen

Ein wenig geht einem das so mit Kristina Ohlssons „Aschenputtel“. Die Schwedin  hat sich für ihr Krimi-Debüt ein Trio erdacht, dass in Stockholm eine Fahndungsgruppe bildet, und fällt, ohne das der Leser Zeit hätte, sich langsam anzufreunden, gleich mit der Tür ins Haus. Über Seiten hinweg erklärt, ohne hier allzu sehr ins Detail zu gehen, beispielsweise die Zivilpolizisten Frederika Bergman in inneren Monologen die Vorzüge und Schattenseiten einer Beziehung zu einem deutlich älteren, verheirateten Mann. Peter Rydh wiederum dürfen wir dabei beobachten, wie er seine Ehe mit seiner depressiven Frau durch wiederholte Seitensprünge mit einer Kollegin an die Wand fährt.

Kristina Ohlsson übertreibt

Es ist ja immer gut – oft sogar eine besondere Qualität – wenn die Figuren in Kriminalromanen nicht nur Funktionsträger sind sondern auch eine menschliche Komponente besitzen, und es ist sicherlich auch Geschmackssache, aber Ohlssons Versuche, dem Leser ihre Protagonisten näher zu bringen, wirken aufdringlich. Das ist außerordentlich schade, denn abgesehen davon hat die junge Schwedin mit „Aschenputtel“ einen sehr ordentlichen, fesselnden Krimi geschrieben.

Ein Telefonat mit Folgen

An einem verregneten Sommertag wird durch eine Signalstörung der Schnellzug von Göteborg nach Stockholm zu einem außerordentlichen Halt gezwungen. Eine junge Frau nutzt die Gelegenheit für ein Telefonat. Dabei verpasst sie den Zug. Das hat fatale Folgen. Bei der Ankunft in der schwedischen Hauptstadt sitzt ihre Tochter, die sie schlafend im Zug zurückgelassen hatte, nicht mehr auf ihrem Platz. Das Mädchen bleibt verschwunden. Sämtliche Ermittlungen der eilig hinzugerufenen Fahndungsgruppe um Rydh, Bergman und ihren Chef Alex Recht bleiben erfolglos.

Jagd nach einem Serienmörder in „Schneewittchen“

Spätestens als das Kind ermordet in einem nordschwedischen Provinznest aufgefunden wird, akzeptieren alle Beteiligten, was die Außenseiterin bei der Polizei, Frederika Bergman, bereits vermutet hatte: Nämlich, dass es sich wohl nicht nur um ein aus den Fugen geratenes Familiendrama handelt. Schnell wird klar, dass die Polizei einen Wahnsinnigen stoppen muss – und dass es eilt, weil weitere Morde nicht lange auf sich warten lassen.

Wer sich an den eingangs erwähnten Beziehungsgeschichten nicht stört, wird mit einer abgründigen Kriminalgeschichte belohnt, die einmal mehr die finsteren Seiten menschlicher Seelen offen legt. Das ist enorm spannend, auch weil Kristina Ohlsson nach dem arg menschelnden Auftakt sich im Verlauf ihres Buches auf die wesentlichen Stränge ihrer Geschichte konzentriert und die Handlung zielgerichtet vorantreibt.

 

Tatort: Stockholm

Viel Lokalkolorit gibt es nicht. Dass der Roman in Schweden spielt, erkennt man eigentlich nur an der Bezeichnung des Schnellzuges X-2000 von Göteborg nach Stockholm. Sonst deuten nur die Namen und vielleicht einige landestypische Befindlichkeiten auf die geographische Einordnung hin. Diese europäische „Beliebigkeit“, die natürlich überhaupt nicht stört, wird dem Krimileser in den kommenden Monaten vermutlich noch häufiger begegnen. In Abgrenzung zu vielen Regionalkrimis setzen immer wieder Autoren auf Spannung als alleiniges bestimmendes Moment ihres Romanes, dann ist es tatsächlich gleichgültig, ob ein Krimi in Stockholm, Salzburg oder Hannover spielt. Das ist letztlich nur für die Leser bedauerlich, die bei ihrer Lektüre gerne in fremde, exotische oder außergewöhnliche Orte „reisen“ wollen.

Kristina Ohlsson, Aschenputtel, Limes, 474 S., 19,99 €

VÖ: 2011

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Klassiker

Stieg Larssons Verblendung: Ein moderner Klassiker

Über 15 Millionen verkaufte Exemplare, seit dieser Woche zwei Verfilmungen und mindestens vier verschiedene Titel: „Männer die Frauen hassen“, The Girl with the Dragon Tattoo“, Teil 1 der „Millenium-Trilogie oder auch einfach nur: „Verblendung“. Stieg Larssons erster Kriminalroman ist, obwohl er in Deutschland erst 2006 erschien, bereits jetzt ein Klassiker.

Ein Journalist deckt dunkle Geheimnisse auf

Die Geschichte ist deshalb auch hinlänglich bekannt. Der Journalist Michael Blomkvist nimmt nach einer beruflichen „Panne“ eine Auszeit und sucht für einen Großindustriellen nach dessen vor Jahrzehnten ermordeter Nichte. Dabei hilft ihm Lisbeth Salander, die formal unmündig, sozial schwierig und intellektuell genial ist. Bei der Suche nach Harriet Vanger, der Ermordeten, deckt Blomkvist allerlei dunkle Geheimnisse und eine brutale Mordserie auf.

Die Kriminalromane Larssons erlangten auch deshalb schnell beinahe schon mythischen Charakter, weil der erste, wie auch die folgenden beiden Bände, posthum erschienen. Der Autor erlag erst fünfzigjährig 2004 einem Herzinfarkt. Alle drei Bände kamen beinahe zeitgleich auf den Markt und bescherten dem Leser gefühlte 3000 Seiten geballten Lesestoff. Alle Krimi-Genießer konnten also tief in eine andere Welt eintauchen.

Zwei Hauptdarsteller mit Anstand

Die besondere Qualität Larssons zeigte sich bei der Trilogie in der Zeichnung der Figuren. Mikael Blomkvist und vor allem Lisbeth Salander sind hochkomplexe Figuren mit jeder Menge Brüchen in ihrer Biographie, mit Problemen beladen oder von Dämonen verfolgt. Trotz aller Schwierigkeiten erscheinen beide als anständige Figuren, die in einer dreckigen Welt voller Intrigen, Verrat und Abgründe versuchen, stets das Richtige zu tun. Dass sie sich dabei gegen Drogendealer, Auftragsmörder, Sadisten und verbrecherische Staatsbedienstete durchsetzen und ganz altmodisch immer wieder auf eine Art Happy End zusteuern, hilft der emotionalen Nähe zu Blomkvist und Salander auf die Sprünge. Man muss die beiden einfach mögen.

Wie seine Vorbilder, die Großeltern des Schwedenkrimis, Maj Sjöwall und Per Wahlöö hatte er seine Serie zudem als Dekalog angelegt. Das schreibende Paar hatte in den sechziger Jahren mit der zehnbändigen Serie um Kommissar Martin Beck das Genre des politischen Krimis wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert. Wie die beiden beschrieb Larsson kein skandinavisches Idyll. Auch sein Schweden wird von bestenfalls unfähigen, eher schon korrupten Polizisten bevölkert, von Drogenbanden, Psychopathen und Serienmördern, die ihren Raum finden, weil eine untätige Regierung, aber auch die meisten Einwohner wegsehen. Der kritischee, harte Blick auf Schweden fesselt gerade wegen der Gnadenlosigkeit eines verletzten Liebhabers.

Ein Stoff für Literaturwissenschaftler?

Wegen des Erfolges haben sich mittlerweile bereits Heerscharen von Kritikern und Literaturwissenschaftler mit der „Millenium-Trilogie“ beschäftigt und – man ist versucht zusagen, natürlich – jede Menge abwertende Urteile gefällt. Larssons Beschreibung der journalistischen Arbeit sei nicht korrekt, er habe sich selber inszeniert. Außerdem verstehe er nichts von Spannung und überhaupt seien die Plots überfrachtet und verworren. Wie auch immer. Stieg Larsson hat eine einmalige, großartige, wuchtige Krimi-Trilogie geschrieben, die jeder, der sich für Krimis interessiert und sie noch nicht kennt, schleunigst lesen sollte. Mehr muss man Angesichts des Bekanntheitsgrades dazu nicht sagen.

 

Tatort:Schweden

Michael Blomkvist und Lisbeth Salander kommen bei ihren Recherchen herum. Der interessanteste Ort ist vermutlich Hedeby. Hier geschah einst das Verbrechen, hier ermittelt das ungleiche Paar. Auf der abgeschiedenen Insel, die nur mit einer einzigen Brücke mit dem Festland verbunden ist, steht ein prächtiges Herrenhaus der Industriellenfamilie und zahlreiche mondäne Villen, die aber mit dem Bau des 19. Jahrhunderts nicht mithalten können. Einen treffenden Eindruck der (erdachten) Insel, verblichener großbürgerlicher Pracht und der Einsamkeit weitläufiger Wälder zeigt zumindest die schwedische Verfilmung, die Idyll und Tristesse Nordschwedens gut wiedergibt. Ob die Hollywood-Produktion da mithalten kann, muss sich erst noch zeigen. Sie soll sich aber dicht an der Vorlage entlangbewegen

Stieg Larsson hat es aber, ganz ohne bewegte Bilder, verstanden ein vielschichtiges Schweden zu skizzieren. Das familiäre, hemdsärmelige Bullerbü-Bild kommt in wenigen Momenten ebenso vor, wie eine düstere Seite, in denen das organisierte Verbrechen, korrupte Behörden oder einfach nur soziale Kälte die Lebensregeln bestimmen.

Stieg Larsson, Verblendung, Heyne, 688 S. 9,95€

VÖ: 2006
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Zwei Schweden gelingt ein sensationelles Krimi-Debüt

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt bewegen sich auf einem sehr schmalen Grat. Die beiden Schweden haben die Figur des Sebastian Bergman erfunden. Dieser ist kurz gesagt ein Arschloch. Der Psychologe verletzt jeden, der ihm über den Weg läuft, führt ein höchst unproduktives Leben und ist auf eine erbärmlich rücksichtslose Art sexsüchtig.

Ein ausgemachter Widerling im Zentrum des Geschehens

Der durchschnittliche Leser hat allzu oft im Beruf, wenn er vom Pech verfolgt wird (da hat man ja eher eine Wahl) auch im Privaten mit unsympathischen Widerlingen zu tun: Weshalb, so die Frage, sollte man sich das auch noch lesend in einem Krimi antun. Bei Sebastian Bergman begründen Hjorth und Rosenfeld die Antwort damit, dass der Mann ein genialer Geist ist, und wie kaum ein anderer in der Lage, Verbrechen aufzuklären. Die beiden Schweden haben dabei die Raffinesse, zwar ein tragisches Unglück in die Vergangenheit ihres Ermittlers einzubauen, als Rechtfertigung lassen sie es jedoch nicht gelten. Ihr Psychologe ist abstoßend aber zugleich auch ungemein interessant.

Hjorth und Rosenfeldt gelingt ein überragendes Debüt

Der neue Krimi aus Schweden „Der Mann, der kein Mörder war“ ist vor allem wegen der intelligent erdachten Figuren ein überragendes Debüt. Das gesamte Personal, vom ermittelnden Kommissar über dusseligen Polizisten, die Zeugen und das Opfer, hat eine kunstvoll erdachte, eigene Geschichte zu erzählen. Hjorth und Rosenfeldt ist es gelungen, den mit Abstand besten Krimi zu schreiben, der in diesem Jahr aus ihrer schwedischen Heimat auf den Markt gekommen ist. Die vorher eher skeptisch stimmende Ankündigung, dass es eine ganze Reihe von Romanen um den eigenwilligen Psychologen geben soll, lässt bereits jetzt ungeduldig auf die Fortsetzung hoffen.

Hjorth und Rosenfeldt fallen auch deshalb nicht vom schmalen Grat, auf dem sie sich literarisch bewegen, herunter, weil sie zum „Privatier“ Sebastian Bergman ein Team der Reichsmordkommission um Chef Torkel Höglund erdacht hat, dass als Gegengewicht zum Unsympathen wirkt. Auch das Quartett um Spurensicherin, Computer-Experten und talentierte Nachwuchs-Polizistin hat jeweils Probleme zu schultern, kommt aber angenehm „normal“ daher.

Schwierige Ermittlungen nach dem Mord an einem Teenager

Die Polizeichefin der Kleinstadt Västeras ruft die Beamten zu Hilfe, nach dem ein zunächst vermisster Teenager tot und schwer verstümmelt aufgefunden wird. Torkel Höglund und seine Kollegen machen sich auf den Weg ins Landesinnere und begegnen dort Sebastian Bergman, der nach dem Tod seiner Mutter in seiner Heimatstadt versucht, sein ererbtes Haus loszuwerden. Wider besseres Wissen lassen sich Höglund und Bergmann, die sich von früherer Zusammenarbeit her kennen, erneut auf einander ein. Das führt – nicht nur, weil Bergmann, zu allen möglichen Zeuginnen und Verdächtigen ins Bett steigt und seine ganze eigene, vom Fall losgelöste Agenda verfolgt – zu Konflikten, die Höglunds Team beinahe zu sprengen drohen. Das Team kann weitere Morde nicht verhindern und gerät unter Druck, eine Lösung zu präsentieren. Einfache Erklärungen kann aber insbesondere Sebastian Bergmann nicht akzeptieren und bringt daher die Ermittler nach mehreren Umwegen doch noch auf die richtige Spur

 Beiläufige Gesellschaftskritik

Hjoth und Rosenfeldt verzichten in ihrem Debüt auf die große Gesellschaftskritik, sie widerstehen der Versuchung, sich ein Megaverbrechen mit eingebauter Verschwörungstheorie auszudenken. Sie haben einen blitzsauberen Kriminalfall um die ganz alltäglichen Lügen und Leidenschaften alltäglicher Menschen erdacht. Sie erzählen beinahe beiläufig von der Tristesse des Lebens in der Provinz, von den Problemen Heranwachsender – und bringen, aber das nur ganz nebenbei, sehr subtil eine gehörige Portion kritische Betrachtung modernen Lebens in ihrem Krimi unter.

Vergleiche sind ja immer ein wenig problematisch, und die Verlagsbranche hofft ja immer auf einen Coup, wie er mit den Romanen Stieg Larssons gelungen ist. Wenn man sich also zu einem solchen Vergleich hinreißen lassen möchte, könnte Sebastian Bergmann, den Thron besetzen, den Henning Mankell geräumt hat, nachdem er Kurt Wallander in den Altersruhestand geschickt hat.

 

Tatort:Västeras

Es ist schwierig, in Schweden einen Ort zu finden, der noch nicht von literarischen Polizisten und Spurensicheren untersucht worden ist. Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt versuchen deshalb auch gar nicht erst, einen neuen, aufregenden Tatort zu erdenken. Sie beschreiben das vielen Lesern vertraute, die schwedische Provinz. Das wiederum gelingt mit einfachen Mitteln sehr gut. Allein die Versuche der Polizisten etwas Brauchbares zum essen zu finden, erzählen mit einigen wenigen Sätzen die ganze Tristesse einer gesichtslosen Kleinstadt jenseits des Pippi-Langstrumpf-Idylls. In dem Västeras der beiden Autoren wird deutlich, dass Elend nicht immer etwas mit Armut zu tun haben muss.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, der Mann, der kein Mörder war, Rowohlt, 14,95€

VÖ: November 2011

Einen Text von mir über das Buch gibt es auch in der Literarischen Welt.



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