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Arne Dahl gruselt angenehm in Sieben Minus Eins

Am Anfang steht ein packendes Duell. Der Kommissar und eine Verdächtige liefern sich ein packendes Gefecht, bei dem Rollen, Dominanz und Schuld zu wechseln scheinen. Lange ist nicht klar, wer mit wem spielt.

Der Schwede Arne Dahl hat den Auftakt für eine neue Krimi-Reihe vorgestellt. Und um es gleich vorwegzunehmen. Das hat er sehr gut gemacht. „Sieben Minus Eins“ ist von der ersten Minute an spannend und das bleibt bis zum Schluss so. Längen? Zeit zum Durchatmen? Fehlanzeige.

Arne Dahl zelebriert ein grandioses Duell im Verhörraum

Der neue Kommissar von Dahl heißt Sam Berger, ist natürlich ein merkwürdiger Typ, gehetzt von Dämonen, im Dauerstreit mit Vorgesetzten und Menschen gegenüber eher grundsätzlich ablehnend ein. Berger glaubt als so ziemlich einziger in seiner Dienststelle, einem Serienmörder auf der Spur zu sein. Beweise hat er keine, mehr eine Ahnung und einen ausgeprägten Sturkopf, mit dem er sein Team auch gegen dessen Willen mit zieht. Nach kurzem Auftakt, bei dem eine Verdächtige ins Radar der Ermittler gerät, begibt er sich mit ebendieser in den Verhörraum. Das Duell kann beginnen. Erst nach einer guten Stunde beklemmender und fesselnder Psychospielchen, verlassen die Protagonisten den Verhörraum,  folgt eine sehr spannende Hatz auf einen Täter. Es sei nicht mehr verraten, als die Tatsache, dass Berger mit seiner Vermutung, einen Serienmörder zu jagen, Recht behalten soll.

Sieben Minus Eins spielt gekonnt mit erzählerischen Nebelkerzen

„Sieben Minus Eins“ in der Hörbuchfassung ist ein sehr intensives Erlebnis, Peter Lontzek als Stimme Dahls schafft es, die Dramatik des Krimis noch einmal zu verstärken. Allerdings hatte er auch eine Vorlage, die es einfach macht. Der neue Krimi von Arne Dahl hält eine gute Balance aus überraschenden Elementen, einer gehörigen Portion Düsterheit, erzählerischen Nebelkerzen und Gradlinigkeit. Das ergibt eine Mischung, die auch Vielleser (bzw. Hörer) überraschen kann, ohne den Stoff überambitioniert zu überfrachten. Anders als viele schwedische Autoren verzichtet Dahl auf gesellschaftskritische Anmerkungen sondern fokussiert sich auf die beiden Schlüsselthemen Duell und Jagd. Das ist auch mal eine interessante Abwechslung.

Arne Dahl, Sieben Minus Eins, Osterworld -Audio, 707 Minuten, 12,99€, VÖ: 2016

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Joakim Zanders Der Bruder: Facettenreich, intelligent, überambitioniert

Thematisch liegt Joakim Zander ziemlich genau in der Zeit. Er schreibt über die misslungene Integration von Migranten, die Radikalisierung von Jugendlichen, den Terror des IS und die Vermarktung der Sicherheit als Geschäft
Der Bruder heißt der neue Thriller des Schweden, der sich mit Themen auseinandersetzt, die auch unsere Schlagzeilen beherrschen. Drei Personen stehen im Zentrum des Romans. Die junge Yasemine Ajam ihr Bruder Fadi  und Klara Walldéen die der Leser schon aus dem sehr gelungenen „Der Schwimmer“ kennt. Yasemine lebt in New York, gerade ist ihr die zweite Flucht gelungen. Die erste schaffte sie als Jugendliche, die der Vororthölle Stockholms, in der Zuwanderer und Flüchtlinge wie in einem Ghetto lebten, entkam, und zu Beginn der Handlung lässt sie ihren gewalttätigen Freund hinter sich, der sie regelmäßig verprügelte.

Ein verblasstes Foto als einziges Lebenszeichen

Yasemine entdeckt ein Lebenszeichen, ein verwaschenes, unscharfes Foto ihres Bruders, der doch eigentlich in Syrien (?) ums Leben gekommen sein soll, gestorben als fanatischer Moslem in einem sinnlosen Bürgerkrieg.

Zander erzählt aus drei Perspektiven

Zander erzählt „Der Bruder“ aus drei Perspektiven, er spinnt das Garn für drei Geschichten. Das hat seinen Reiz, ist aber vor allem zu Beginn ein wenig anstrengend, weil der Leser da erst in den Rhythmus kommen muss. Auf der Habenseite bekommt der Leser dafür drei Geschichten zum Preis von einer, so eine Art Überraschungsei unter den Büchern. Der Bruder ist Sozialdrama, Selbstfindungsgeschichte und Verschwörungsthriller in einem, der – das ist ja typisch schwedisch – eine gehörige Portion Gesellschaftskritik transportiert. Er schildert den Irrsinn fundamentalistischer  Moslems, zeigt aber auch wie die Umstände, die Hoffnungslosigkeit des Lebens, die Tristesse der Umwelt, junge Menschen in die Fänge der Verführer geraten.

Zander liefert keine einfachen Erklärungen

Dass es in Der Bruder nicht wirklich Helden gibt, sondern nur Figuren, die durch die Handlung, durch unbeeinflussbare Ereignisse eher durch das Leben gepeitscht werden, macht den Reiz von „Der Bruder“ aus. Dabei ist der Thriller gleichermaßen vielschichtig wie überraschend. Wer einfache Erklärungen sucht, ist bei Zander falsch.

Die Stärken werden zu Schwächen.

In den Stärken des Romans liegen zugleich seine Schwächen, er ist vielleicht etwas zu überambitioniert, das dämpft  die Faszination, die sich beim Leser im Idealfall auch bei komplexen Stoffen einstellt. Zudem sind nicht alle Stränge gleichermaßen gut gelungen, neben atemberaubenden Passagen gibt es auch eher durchschnittliche Abschnitte, insbesondere die Hauptdarstellerin des ersten Teils bleibt eher blass. Hier wird der Leser durch den Klappentext in die Irre geführt. Das kann man als Marketingidee machen, führt aber zu einer, wie man neudeutsch sagt, Nutzerenttäuschung.

Joakim Zander, Der Bruder, Rowohlt Polaris, 459S., 14,99€, VÖ: Oktober 2016

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David Lagercrantz betreibt mit Verschwörung schriftstellerische Denkmalpflege

Ich gehöre zu den Lesern, denen die Stieg Larssons Trilogie um Michael Blomqvist und Lisbeth Salander sehr gerne gelesen haben. Larsson hatte vor allem mit dem Erstling „Verblendung“  eine atemberaubende Welt und vor allem eine sensationell ungewöhnliche Protagonistin geschaffen.

Skepsis über den Stieg-Larsson-Nachfolger David Lagercrantz

Die Ankündigung, dass der schwedische Autor David Lagercrantz die Reihe, die durch den frühen Tod Larssons ein vorzeitiges Ende gefunden hatte, fortsetzen wollte, löste bei mir Skepsis aus. Die war so groß, dass ich beinahe ein halbes Jahr um „Verschwörung“ herumgeschlichen bin, bevor ich es zur Hand nahm.

Ein mühsamer Auftakt beim neuen Fall für Blomqvist und Salander

Auf den ersten Seiten schien die Skepsis gerechtfertigt.  Zwar hatte auch Larsson gelegentlich einen eher sperrigen Erzählstil, aber Lagerkrantz wirkte im Vergleich dazu beinahe geschwätzig. Jedenfalls wirkt alles übererklärt, ohne dass der der Autor Blomqvist oder Salander wirklich nahe kommt. Offenbar brauchte Lagercrantz Zeit, sich in die Figuren Larssons hineinzuversetzen. Ab dem zweiten Viertel  nimmt die Geschichte dann aber Fahrt auf und aus der sentimentalen Reise in die Vergangenheit entwickelt sich ein eigenständiger Krimi.

Viel Vertrautes in „Verschwörung“

Wie mit den Figuren  ist das auch mit dem Thema und dem Setting, es dauert bis beides steht – und dann erwartet einen zunächst viel schon einmal Gelesenes: Michael Blomqvist hat mal wieder Probleme. Schöpferisch wie finanziell. Sein Baby, das Wirtschaftsmagazin „Millenium“ steckt in der Krise, es droht der Verlust der Eigenständigkeit. Klingt bekannt?  Das bleibt so. Lisbeth Salander lebt abgeschottet in ihrer Luxusbleibe, hackt sich in Server, auf denen sie eigentlich nichts verloren hat und knöpft sich Männer vor, die sich an Frauen vergehen.

Eine Verschwörung mit Wurzeln in den USA

Natürlich gibt es auch wieder eine gewaltige, beinahe weltumspannende Verschwörung,, deren Tragweite sich den Protagonisten zu erschließen beginnt, als ein schwedischer Experte für Künstliche Intelligenz, der in beziehungsweise für die USA arbeitete, ermordet wird. So weit, so vertraut ist das Ungemach, dem sich Blomqvist und Salander in „Verschwörung“ stellen müssen.

Natürlich bleibt David Lagercrantz seinem Vordenker in Sachen Kriminalroman treu. Spätestens nach dem die Ausgangslage herausgearbeitet ist, entwickelt sein Krimi ein Eigenleben, kann mit eigenen Ideen, einem gelungenen Plot und neuen Figuren überraschen.

David Lagercrantz betreibt literarische Denkmalpflegte

Insgesamt war es also mit einem halben Jahr Wartezeit doch ganz unterhaltsam, sich auf das Wagnis Larsson-Nachfolge einzulassen. Letztlich war es sogar so lesenswert, dass ich eine Fortsetzung lesen würde, auch wenn Lagercrantz mit „Verschwörung“ und möglichen Fortsetzungen nie den Makel  loswerden wird, die Ideen eines anderen auszuschlachten – und wie weit diese schriftstellerische Denkmalpflege trägt bleibt abzuwarten,

David Lagercrantz, Verschwörung, Heyne, 601S., 22,99€, VÖ: 27. August 2015

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Jagd auf Deppen? Ein neuer Sebastian Bergman-Krimi von Hjorth/Rosenfeldt

Eine der wichtigsten Fragen, die sich zuletzt bei den Kriminalromanen von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt aufdrängte, kreist darum, wie sehr Sebastian Bergman mit neuerlicher menschlicher Niedertracht dem Leser auf die Nerven geht. In den letzten Bänden wurde die Lektüre der Serie wegen der Penetranz des schwedischen Profilers beinahe zur Qual.

Neue Eskapaden eines therapiebedürftigen Psychologen

Im neuesten Band kann man beinahe Entwarnung geben. Die Eskapaden des dringend therapiebedürftigen Psychologen halten sich in „Die Menschen, die es verdienen“ in Grenzen. Der fünfte Band um das Team der Reichsmordkommission ist auch deshalb insgesamt sehr unterhaltsam geraten.

Ein Serienmörder macht Jagd auf Ignoranz

Hjorth/Rosenfeldt haben sich einen Täter erdacht, der – vereinfacht formuliert – Deppen umbringt. Der fiktive Serienmörder hat es auf die Prominenz moderner Zeit abgesehen; Doku-Soap-Stars, Blogger und andere Sternchen, die ihren Erfolg leistungsfrei zu erreichen scheinen. Jedenfalls entführt der Serienmörder C- und D-Prominenten, unterzieht sie einem Wissenstest. Wer bei diesem „Check“ der Allgemeinbildung durchfällt, stirbt. Das Team um Torkel Höglund läuft dem Täter lange Zeit  weit hinter her, bis Sebastian Bergman, der noch immer versucht, eine Beziehung zu seiner Tochter herzustellen, mal wieder einen waghalsigen Alleingang startet, ein „Stunt“, der dramatische Folgen haben soll.

Die Romane des Autorenduos Hjorth/Rosenfeldt sind ja immer ein Vergnügen, ob nun trotz oder wegen der penetranten Ausfälle des Sebastian Bergman. Die beiden Schweden denken sich jedenfalls immer wieder spannende Geschichten aus, verwirren mit kunstvoll gelegten Nebengleisen und schreiben das auch noch sehr dicht auf.

„Die Menschen, die es nicht verdienen“, eine starke Folge der Serie

Dass sie sich bei allen persönlichen Verwicklungen und Problemen der Protagonisten in „Die Menschen die es nicht verdienen“ nach einigem Geplänkel zu Beginn darauf konzentrieren, einen ungewöhnlichen Kriminalfall zu erzählen, trägt meiner Meinung nach zu bei, dass der neueste Band eher zu den stärkeren Folgen der Serie zählt. Und wer sich jetzt sorgt, dass bei Sebastian Bergman, seiner Tochter Vanja, Teamchef Torkel, sowie Billy und Ursula Normalität eingekehrt sein könnte, kann sich entspannt zurück- bzw. angespannt vorlehnen. Bei Hjorth/Rosenfeldt ist für Durchschnitt und das Normale kein Platz.

Ein Krimi mit pädagogischem Trostpflaster

Ein pädagogisches Trostpflaster für alle Blogger und Menschen mit überschaubarer Allgemeinbildung haben die Autoren auch: Natürlich ist das Wissen, dass ihr Mörder abfragt, verstaubt. In Zeiten von Smartphone und Google komme es, so der Schluss, doch mehr darauf an, zu wissen, wie man an Informationen komme. Das ist doch für sehr beruhigend für den Krimi-Blogger, der trotz eines Geschichtsstudiums große Probleme hätte, alle schwedischen Könige und dann noch in der richten Reihenfolge aufzusagen…

Hjorth/Rosenfeldt, Die Menschen, die es nicht verdienen, Wunderlich, 536S., 19,95€, VÖ: 29. Oktober 2015

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Stefan Ahnheims Herzsammler, ein guter Krimi in fragwürdiger Verpackung

Gelegentlich nehmen auch Nicht-Krimi-Leser Krimis in die Hand. So ging mir das vergangene Woche. Die Reisebegleitung nahm „Herzsammler“ von Stefan Ahnhem in die Hand, und sie war schnell durch mit dem Urteil: „Merkwürdig, was die sich immer für Titel und Cover ausdenken. Ich weiß nicht, ob ich das lesen würde.“ Ich reagierte schnell und erzählte von Marketing-Abteilungen in Verlagen, die seit dem Sensationserfolg von Stig Larssons Trilogie „Verblendung“, „Verdammnis“  und „Vergebung“ Krimis beinahe ausschließlich Einworttitel und möglichst psychedelisch-mystische Cover verpassen. Dann dachte ich noch einmal nach und überlegte, dass „Herzsammler“ wirklich ein wenig merkwürdig ist. Und das ist schade, weil es einem guten Krimi nicht wirklich gerecht wird.

Stefan Ahnhem rückt seinen Ermittlern dicht auf die Pelle

Stefan Ahnhem bewegt sich in bester Tradition schwedischer Krimi-Autoren, in dem er seinen Protagonisten sehr dicht auf die Pelle rückt. Sein Krimi ist so zum guten Teil auch Familienroman, der das ganze Bündel von Problemen seiner Kommissare ausbreitet. Das schafft Nähe, die den Leser an den Krimi fesselt.

Raffinierter Plot und düstere Elemente in „Herzsammler“

Dazu hat Ahnheim die Fähigkeit, einen raffinierten Plot mit vielen düsteren Elementen aufzuladen, dass sich der angenehme Krimi-Grusel über die schlechte Welt einstellt. In seinem neuen, nach „und morgen Du“ zweiten Fall muss sich Fabian Risk mit einem Unbekannten auseinandersetzen, der seine Opfer regelrecht ausweidet. Die Ermittlungen kommen ins Rollen, weil ausgerechnet der Justizminister des Landes entführt wird. Damit beginnt nicht nur eine Serie ganz besonders gruseliger Morde, sondern auch eine politische Intrige, die in den Polizeiapparat hineinreicht.

Subtile Kritik an skandinavischer Sprachlosigkeit

Zur gleichen Zeit ermittelt von Dänemark aus eine Polizistin in ähnlich gruseligen Fällen. Dass die Polizisten bis zum Schluss nicht mit einander reden und so die Ermittlungen verzögern, darf durchaus als subtile Kritik an dem öffentlich postulierten, aber allzuoft nicht wirklich gelebten skandinavischen Miteinanders verstanden werden – ein Thema, dass sich mittlerweile seit den siebziger Jahren immer wieder als mehr oder weniger komische Fußnote im Krimi festgesetzt hat.

Wer es düster mag, und auch hautnah am Leben der Ermittler teilhaben will, wird mit „Herzsammler“ sein Vergnügen finden – Titel und Cover sieht man ja nur einmal in der Buchhandlung…

Stefan Ahnhem, Herzsammler, List, 569S., 14,99€, VÖ: 10. Juli 2015

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Hjorth/Rosenfeldt, Das Mädchen, das verstummte: Große Krimi-Kunst mit einem Widerling

Es wird nicht besser. Sebastian Berman lügt, betrügt, demütigt. Der Stockholmer Kriminalpsychologe ist – wenn man es mal auf den Punkt bringt – ein egoistisches, narzisstisches Arschloch. Er gebraucht, so muss man das wohl sagen, für seine Sexsucht wahllos Frauen, zerstört die Karriere-Chancen seiner Tochter (eine Kollegin bei der Reichsmordkommission, der er konsequent verheimlicht, dass er ihr Vater ist) und demütigt seinen Chef und seine Kollegin mit gezielten Beleidigungen, wo er nur kann.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt unterhalten mit einem Widerling

Im neuesten Band der Serie um den Soziopathen in Diensten der Verbrechensaufklärung, treibt er es noch einmal eine Spur schlimmer. Offen gestanden ist das ganz große Kunst, die die beiden schwedischen Autoren seit einigen Jahren abliefern: Dass es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt schaffen, Kriminalromane zu schreiben, die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln, obwohl sie einen Protagonisten ins Zentrum stellen, der einen eigentlich nur anwidert, spricht für die Qualität der Geschichten, die das Autorenpaar erzählt.

Mord an einer Familie in der schwedischen Provinz

Das gilt auch wieder für „Das Mädchen, dass verstummte“. Mal wieder in der schwedischen Provinz geschieht ein bestialischer Mord. Ein Unbekannter richtet eine ganze Familie hin. Vater, Mutter und zwei kleine Kinder sterben im Kugelhagel einer Schrotflinte. Die örtliche Polizei ruft rasch die Reichsmordkommission zur Hilfe: Die Ermittler rund um den Leiter der Einheit, Torkel Höglund, machen in kürzester Zeit zwei wichtige Entdeckungen: Die Morde waren sorgfältig geplant – und es gab eine Zeugin.

Verzweifelte Suche nach dem „Mädchen, das verstummte“

Ein weiteres Kind hat offenbar das Massaker überlebt. Mit einem vergleichsweise hohen Organisationsgrad, wenn man das einmal so nennen darf, versteckt sich das ansonsten schwer traumatisierte Mädchen vor der Außenwelt. Das Mädchen zu finden und später zum Reden zu bringen, wird die zentrale Aufgabe für Sebastian Bergman, der die Reichsmordkommission, Leser der Serie wissen es, als Berater und Profiler unterstützt.

Neue Perfidien von Sebastian Bergman

Der schwer gestörte Bergman, für den man im ersten Band noch Mitleid entwickeln konnte, weil er Frau und Tochter im Tsunami 2004 verlor, sortiert sich in seinem kranken Kopf die nächste Perfidie zurecht: Das traumatisierte Mädchen und deren Mutter werden für den Psychologen mit erhöhtem Therapiebedarf zum Familienersatz. Wieder lügt er, um eine Nähe herzustellen, die vorsichtig formuliert bedenklich ist. Mit aller Gewalt drängt er sich das Leben einer zerstörten Familie. Dass er damit dazu beiträgt, den Fall zu lösen, gehört zu den Komplexitäten, die die Reihe von Hjorth/Rosenfeldt so lesenswert machen.

Immer neue überraschende Einfälle des Autoren-Duos Hjorth/Rosenfeldt

Die beiden Autoren rücken, das ist ja genretypisch für skandinavische Autoren, ihren Figuren richtig dicht auf den Pelz: Schwedische Krimis sind immer irgendwie auch ausgewachsene Familiendramen. Gleichzeitig dichten die beiden aber auch richtig raffinierte Plots mit interessanten Wendungen zusammen, garnieren ihre Krimis (auch das „typisch“ schwedisch) mit relevanten gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und verwöhnen die Leser mit immer neuen überraschenden Einfällen – die gerne mal, da kommt die Fernsehvergangenheit beider Autoren durch, als „Cliffhanger“ am Ende des jeweiligen Bandes eingesetzt werden. Im Hinterkopf des Lesers brennt sich so beim Zuklappen des Buches der Gedanke ein „Ich muss mir dringend die Fortsetzung besorgen“. Es hat ja aber auch nie jemand behauptet, dass Autoren nicht geschäftstüchtig sein dürfen.

Warten auf die Fortsetzung…

Nachdem ich Band drei eher skeptisch aus der Hand gelegt hatte, geht es mir nach Band vier wieder so, dass ich trotz des Widerlings Sebastian Bergman genau das will – möglichst bald die Fortsetzung in die Hände bekommen…

 

Tatort:Schweden

Wieder einmal müssen die Ermittler um Torkel Höglund und Sebastian Bergman in die schwedische Provinz. Wie gehabt zeichnen Hjorth/Rosenfeldt ein eher düsteres Bild des ländlichen Schwedens. Der „Tatort“ steht dabei nie im Mittelpunkt, dient eher als mit wenigen Sätzen perfekt „gezimmerte“ Kulisse für menschliche Dramen. Wobei das in „Das Mädchen, das verstummte“ nicht ganz stimmt. So richtig düster udn schrecklich finden die Autoren ihr Provinz-Idyll offenbar denn doch nicht, da sie die Bedrohung der ländlichen Welt durch den Bergbau thematisieren. Wie das ausehen können beschreiben die beiden Schweden bei einem „Abstecher“ ins nordschwedische Kiruna.

Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte, Wunderlich, 586S., 19,95€, 15. Oktober 2014

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Hjorth/Rosenfeldt: „Die Toten, die niemand vermisst“ Spannend, aber zwiespältig

Was ist das bloß für eine Liebe? Sebastian Bergman tut so ziemlich alles um das Leben seiner Tochter zu ruinieren, beruflich wie privat. Man wusste zuvor schon, dass der Psychologe kein besonders sympathischer Zeitgenosse ist, aber im dritten Band der Reihe der schwedischen Autoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, „Die Toten, die niemand vermisst“, übertrifft sich der Berater der Reichsmordkommission selber an Perfidie und Wahn.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt driften zu oft ins Private ab

Die beiden Autoren Hjorth und Rosenfeldt bewegen sich seit rund zwei Jahren auf einem schmalen Grat. Sie kreisen um eine Hauptfigur, die streng genommen ein Widerling ist, und schaffen dabei überaus spannende Kriminalromane. Bei ihrem jüngsten, dem bislang Dritten, sind sie offen gestanden erstmals leicht ins Straucheln geraten: Zu oft driften sie ins Private ab. Den persönlichen Problemen der Ermittler um den Chef der gruppe Torkel Höglund nehmen immer mehr Raum ein. Was in den ersten beiden Bänden die große Faszination der neuen Serie ausmachte, legt sich jetzt störend auf die Handlung und aufs Tempo.

Einen Krimi geschrieben, an die Fernsehserie gedacht?

Man sieht „Die Toten, die niemand vermisst“, deutlich den Seriencharakter an, inklusive Cliffhanger für den nächsten Band, beziehungsweise die nächste Folge der Verfilmung. (Der erste Band kam schon 2010 mit Ralf Lassgard als Sebastian Bergman im schwedischen Fernsehen.) Beide Autoren sind Drehbuchautoren und hatten möglicherweise zu sehr den Deal mit dem Fernsehen im Kopf und weitere Fernsehaufträge. Die ersten beiden Bände, „Der Mann, der kein Mörder war“ und „Die Frauen, die er kannte“, haben auch deshalb so gut funktioniert, weil sie alleine für sich als Kriminalromane funktionierten. Dieses Prinzip haben Hjorth und Rosenfeldt bedauerlicherweise aufgegeben, obgleich sie wieder einen sehr spannenden, vielschichtigen Fall konstruiert haben, der mit vielen Verästelungen gemächlich anfängt und erst im zwei Drittel an Fahrt gewinnt. Bei aller Zwiespältigkeit zeigen Hjorth und Rosenfeldt erneut, dass sie sie raffiniert und fesselnd erzählen können. Insofern nähern sich beide auf dem schmalen Grat dem Abgrund, konnten sich aber gerade noch mal fangen, um die Metapher vom Beginn aufzugreifen.

Tote in der Provinz: Torkel Höglund und Sebastian Bergman ermitteln

Im Zentrum des neuen Kriminalromans steht ein Mord in der schwedischen Provinz. Auf dem Fjäll, einem populären Wandergebiet, stolpern Urlauber über sechs Leichen. Die örtliche Polizei ruft sofort das Team der Reichsmordkommission um Höglund und Bergman um Hilfe. Auch die Profis aus der schwedischen Hauptstadt kommen mit ihren Ermittlungen kaum voran, auch weil der oder die Mörder sich viel Mühe gegeben haben, die Identität der Leichen zu verschleiern. Erst langsam finden sich Spuren, die ein größeres Ausmaß des Falles, das bis in den schwedischen Geheimdienst hineinreicht, andeuten. Möglicherweise sind die Ermittler auch deshalb nicht ganz bei der Sache, weil sie sich mit zahlreichen privaten Problemen herumschlagen müssen. Insbesondere Sebastian Bergman macht sich mit zerstörerischer Energie daran, das Leben seiner Tochter, aber auch das seiner Kollegen zu ruinieren.

Der Leser als Teil einer Geschäftsidee?

Waren die ersten beiden Bände des schwedischen Autorenteams schlicht brillant, ist dieser dritte Band trotz vieler guter Ideen eher zwiespältig. Das liegt am Protagonisten, der zunehmend unsympathischer, aber schlimmer noch, unglaubwürdiger wird. Das haben die Autoren im Sinne einer gewissen Geschäftstüchtigkeit den Leser auf den nächsten Band neugierig zu machen, in dem sie viele Fragen erkennbar absichtlich offen ließen, billigend in Kauf genommen. Die Frage ist: Will man als Leser Teil einer Geschäftsidee werden?

Tatort:Fjäll

Schwedens Reichmordkommission sitzt in Stockholm. Dort spielt auch der größte Teil der Handlung von „Die Toten, die niemand vermisst“. Wie das bei zentralen Behörden so ist, dürfen auch die Beamten der Mordkommission gelegentlich in die Provinz reisen. Dieses Mal geht es ins Fjäll, das schwedische Bergland, genauer gesagt nach Jämtland. Auch wenn es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt in erster Linie um die Psychologie ihrer Figuren geht und sie immer wieder Kammerspielartige Szenen konstruieren, gelingt es ihnen, beinahe beiläufig, mit wenigen Worten die Weite und Abgeschiedenheit des schwedischen Berglands im Westen ihrer Heimat zu skizzieren. Das ländlich vertraute, meist unkomplizierte Miteinander ersteht dabei genauso zum Leben wie die atemberaubende Schönheit der Natur, auch wenn sie gelegentlich Blut getränkt beziehungsweise mit Skeletten durchzogen ist.
Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Toten, die niemand vermisst, Rowohlt Polaris, 620S., 14,99 VÖ: 25. Juni 2013

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Hjorth/Rosenfeldts Glücksgriff mit einem Unsympathen

Es ist nicht leicht, Sebastian Bergman zu mögen. Er lässt Kollegen und Freunde auflaufen, benutzt – so muss man das sagen –  Frauen allein zur Befriedigung eines beinahe schon krankhaften Sexualtriebs und verfolgt seit Neuestem wie ein Stalker seine Tochter, von deren Existenz er erst seit kurzem weiß. Sebastian Bergman ist gestört. Das erfuhr man schon im ersten Band der neuen Krimi-Serie der beiden Schweden Michael Hjorth und Hans Rosenfeld. War Bergmann im ersten Band „Der Mann, der kein Mörder war“ noch analysierender Beobachter einer brutalen Mordserie, gerät er im neuen Band „Die Frauen, die er kannte“ zunehmend selber in den Mittelpunkt des Geschehens.

Jagd nach einem unwahrscheinlichen Täter

In Stockholm werden Frauenleichen gefunden, immer mehr, immer gleich inszeniert: Angezogen mit einem altbackenen blauen Nachthemd, vergewaltigt, misshandelt und ermordet. Die Details der Taten deuten auf einen alten Bekannten hin. Edward Hinde, Massenmörder und Psychopath, den Sebastian Bergman einst überführte. Jener Fall war es, der einst den Ruf als genialer Profiler, den der Psychologe so gründlich wieder zu zerstören versucht, begründete. Es gibt da nur ein kleines Problem. Hinde sitzt unverändert im Gefängnis und hat unter verschärften Haftbedingungen eigentlich noch nicht einmal Kontakt zur Außenwelt. Und doch muss Hinde oder ein „Vertrauter“ die Morde begangen haben. Die Ermittlergruppe um Torkel Höglund steht vor einem schier unentwirrbaren Rätsel. Erst als sich Bergman, der zu zu allem Überfluss mit dem letzten Todesopfer kurz vor deren Ermordung im Bett gelandet war, den Weg zurück in das Ermittlerteam erschleicht, gelingen den Polizisten erste Fortschritte. Jedoch wird bald klar: Die Frauen, die ermordet wurden, sind gar nicht das eigentliche Ziel des Mörders.

Hjorth/Rosenfeld und ihr unsympathischer Sebastian Bergman

Dem schwedischen Autorenduo Hjorth/Rosenfeldt ist das Kunststück gelungen, eine Hauptfigur zu schaffen, die bei allem Verständnis für die Härten, die die Autoren in die Biographie gepackt haben, durch und durch unsympathisch erscheint, gelegentlich Mitleid weckt und als „Gesamtkunstwerk“ zu fesseln vermag. Die Serie um Sebastian Bergman und die Polizisten aus Torkel Höglunds Team funktioniert auch deshalb so gut, weil die Autoren ihren Figuren so dicht auf die Pelle rücken, auf jeweils rund 700 Seiten werden so nicht nur Fälle gelöst sondern sämtliche Untiefen in den Seelen der Protagonisten ausgelotet. Die Figuren wirken innerhalb ihrer Fiktion absolut glaubwürdig. So zum beispiel, der junge Polizist, den die neue Freundin zum Karrieredenken manipuliert. Von der ehrgeizigen Geliebten getrieben, vergisst der junge Mann beinahe sämtliche Solidarität, ein Vorgang, den vermutlich jeder schon beobachten durfte.  Das Ergebnis der Figurenzeichnung stimmt: Man folgt dem Schicksal der Ermittler begeistert.

Eine perfekte Fortsetzung

„Die Frauen, die er kannte“ ist wie der erste Band Krimi-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. All diejenigen, die Krimis aus Schweden und die dazugehörige komplexe Psychologisierung mögen, und Sebastian Bergman noch nicht kennen, sollten das schleunigst nachholen, denn in ihrem Subgenre der Kriminalliteratur stellen Hjorth/Rosenfeldt das Beste bereit, was derzeit auf dem Markt ist. Neue Freunde des ungewöhnlichen Ermittlerteams haben den Vorteil, dass sie sich gleich durch zwei Bände „durcharbeiten“ können. Und ohne zuviel vorwegzunehmen: Ein dritter Band wird inhaltlich bereits angedeutet. Wer zudemBestsellerlisten als Qualitätsmerkmal hinzuziehen will, könnte nachlesen, dass der erste Band lange in den Top 20 stand und der neue Band in der zweiten Woche nach dem Erscheinen bereits Platz fünf erreicht hat.

 

Tatort:Stockholm

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt zeichnen ausgiebige Landschaften der Seele, für Ortsbeschreibungen bleibt da wenig Raum. Natürlich nähern die beiden Schweden sich ihren Tatorten, über die Mikroschauplätze kleinbürgerlicher Einfamilienhaussiedlungen oder innerstädtischer Wohnungen erschließt sich über den Umweg Stockholm. Über die Stadt, ihre Architektur und ihre Probleme erfährt der Leser jedoch so gut wie nichts. Das ist kein Mangel, lediglich eine Feststellung. Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt haben ein anderes Thema und das bearbeiten sie auf höchsten Niveau.

Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Frauen, die er kannte, Rowohlt/Polaris, 736 S., 14,95€

VÖ: 1. August 2012
Die Frauen, die er kannte: Ein Fall für Sebastian Bergman

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Varg Gyllander schreibt seine kriminalistische Familiensaga um Ulf Holtz fort

Die Ostsee ist ein eher kühles Gewässer. In Teilen friert sie im Winter zu, selbst im Süden bleibt Badespaß eher von erfrischender Natur. Ausgerechnet dort jedoch zernagen tropische Pyranhas einer Leiche das Gesicht. Das geht, so hat sich das der Autor erdacht, weil die kleinen Raubfische sich nicht in, sondern auf der Ostsee leben. Eine Reederei hatte versucht, einen unrentablen Kreuzfahrtdampfer durch den Einbau eines künstlichen Regenwaldes aufzumotzen. Mit mäßigem Erfolg.

Eine unbekannte Leiche im Regenwald

Forensiker Ulf Holtz und Polizistin Ellen Brandt fliegen jedenfalls in einem Sturm auf das Schiff, auf dem der Tote im Regenwald liegt. Sie beginnen mit den Ermittlungen, im Hafen stößt dann noch Ermittlerin Pia Levin hinzu. Für mindestens zwei der Beamten soll der Besuch auf dem abgewirtschafteten Kreuzfahrtschiff noch unangenehme bis desaströse Folgen haben. Einstweilen haben die Ermittler noch Schwierigkeiten, die Identität des Opfers zu klären und wirklich brauchbare Spuren ergibt die Untersuchung des Tatorts auch nicht.

Der dritte Fall für Ulf Holtz und seine Kollegen

Varg Gyllander schickt sein eigenwilliges Team um die forensische Abteilung der Stockholmer Polizei bereits zum dritten Mal auf Verbrechersuche. Dem Schweden Gyllander gelingt dabei jedes Mal ein glaubwürdiges Bild der Ermittlungsarbeit. Im neuesten Fall „Tote reden nicht“ allerdings droht sein Protagonist, Ulf Holtz, eher zur Karikatur eines Polizisten zu mutieren. Er stolpert, durch mannigfaltige Probleme und heftig nagendem privatem Selbstzweifel beladen, eher durch die Szenerie als das er wirklich ermittelt. Die entscheidenden Funde, so wirkt es, gelingen meist den anderen. Das ist meist unterhaltsam, aber auch ein wenig abschreckend, denn der Leser will ja, wie das einst eine Autorin aus Österreich formulierte, das Vertrauen zum Protagonisten aufbauen, dass dieser „das am Ende schon hinbekommt“. Bei Holtz kommen da doch gelegentlich Zweifel auf.

Erneut viel Raum für Privates in „Tote reden nicht“

Dass „Tote reden nicht“ dennoch auf seine Weise unterhaltend ist, liegt an der skandinavischen Tradition dem Privatleben der handelnden Personen viel Raum einzuräumen. Wer den Kriminalromanen derartiger Serien regelmäßig folgt, liest eigentlich umfassende Familiensagas. Gyllander kreist anders als in „Eiskalte Rache“ diesmal etwas weniger um die Probleme des alternden Ulf Holtz. Er räumt dessen Kollegen mehr Raum ein und deshhalb gelingt es ihm in seinem dritten Band, seinem ermittelnden Trio eine vielschichtige Tiefe zu verleihen, mit persönlichen Schicksalen, die glaubwürdig sind.

Wer also gerne Krimis oder Thriller liest, bei denen es im höchsten Tempo kracht, ist mit Varg Gyllanders Serie weiterhin schlecht beraten, wer jedoch einen facettenreichen, geruhsam erzählten Krimi schätzt, wird sich mit Holtz, Levin und Brandt in „Tote reden nicht“ gut anfreunden können.

 

Tatort: Stockholm

Eigentlich spielt Tote reden nicht“ auf einem Schiff, genauer gesagt auf einem Kreuzfahrtschiff, aber bereits das ist vermutlich eine ungenaue Übersetzung. So wie Gyllander das beschreibt, handelt es ich um eine Fährverbindung, die Stockholm mit einem nicht näher bezeichneten Hafen in der Ostsee verbindet. Der Gedanke des Kreuzfahrtschiffes kommt wohl auf, weil die MS Vega Reisende transportiert, deren Plan es nicht etwa ist, irgendwo hinzukommen. Die meisten Gäste hatten sich in der Blütezeit dieses Schiffstyps an Bord einquartiert, um an billigen Alkohol zu kommen. Wein, Schnaps und Bier sind in Skandinavien notorisch unbezahlbar und bevor ganz Europa (zumindest das auf der Ostsee erreichbare) der EU angehörte, bot sich den Schweden auf dem Weg nach Polen oder ins Baltikum steuer- bzw. alkoholtechnisch ein Paradies. Die ganze Tristesse dieser mittlerweile weitgehend sinnlos gewordenen Schiffspassage beschreibt Gyllander sehr genau.  Man meint die heruntergekommene Spießigkeit zwischen Glücksspielautomaten, Barhockern und Buffet-Restaurants beinahe riechen zu können.

In einem hübschen Einfall lässt Gyllander auch eine Figur der Krimi-Legenden Maj Sjowall und Per Wahlöö mitreisen. Der Kapitän der MS Vega steuerte demzufolge (auch denn bei genauem Nachrechnen Gyllander für seine Idee einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum brauchte) bereits die MS Juno über den Götakanal, auf der der junge Martin Beck 1965 seinen ersten Fall löste.

Varg Gyllander, Tote reden nicht, btb, 380 S., 9,99€

VÖ: Mai 2012

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Kein Krimi, kein Thriller. Trotzdem gut: Liza Marklunds „Weißer Tod“

Annika Bengtzon hat ein Gespür für Geschichten und ist hartnäckig bis zur Selbstaufgabe. Das macht sie zu einer guten Journalistin. Seit mittlerweile 14 Jahren jagt sie öffentlich Dieben, Mördern und sonstigen Unholden hinterher. In ihrem aktuellen „Fall“ hat sie sich nach einem längeren USA-Aufenthalt wieder in ihrer schwedischen Heimat eingelebt, als sie über eine Frauenleiche stolpert.

Hiobsbotschaft aus Afrika

Bevor sie jedoch anfangen kann, zu ermitteln, ereilt sie eine wahre Hiobsbotschaft. Ihr Mann Thomas, mit dem sie sich gerade erst wieder versöhnt hatte, wurde in Afrika entführt. Die Kidnapper, deren Basis irgendwo im rechtsfreien Raum zwischen Somalia und Kenia liegt, drohen den Ehemann zu ermorden und stellen aberwitzige politische sowie finanzielle Forderungen. Es beginnt ein nervenzermürbender Verhandlungsmarathon, an deren Ende Annika Bengtzon sich ins Flugzeug nach Kenia setzt, um ihren Mann nach Hause zu holen.

Die Hilflosigkeit einer zweifachen Mutter

Bengtzon ist die geniale Erfindung der Schwedin Lisa Marklund. Seit 1998 hetzt die Autorin ihre Figur von einem unappetitlichen Fall zum nächsten. Diesmal ist jedoch alles anders. „Weißer Tod“ ist sehr weit weg von einem Kriminalroman. Es wird nicht ermittelt. Die Katastrophe stürzt über eine hilflose Mutter zweier Kinder hinein, die nur zusehen kann, wie sich die Lage immer mehr zuspitzt. Obwohl es um eine Entführung geht, ist „Weißer Tod“ streng genommen nicht einmal ein Thriller. Lisa Marklund hat an ihrer Familiensaga um Annika Bengtson weitergeschrieben und ein beklemmendes Psychodrama geschaffen.

Liza Marklund und Annika Bengtson surfen an der Grenze zum Kitsch

Die Stärke der erfundenen Journalistin ist ihre Energie und die kaum zu zügelnde Wut, mit der sie an die Dinge herangeht. Bei Bengtzon ist alles persönlich – und das schreibt Marklund auf einmalige Weise fesselnd auf. Auch wenn also außer zähen Verhandlungen eines Unterhändlers am Telefon eigentlich nichts passiert, kann man – sofern man sich auf das persönliche Drama einer Frau mittleren Alters einlassen mag – sich kaum von dem Roman lösen. Natürlich surfen Marklund und Bengtzon mit all den persönlichen Dramen hart an der Grenze zum Kitsch. Der Autorin gelingt es jedoch immer, die Balance zu halten, so dass beide nicht in das unter ihnen lauernde Meer der Tränen stürzen. Außerdem sind Geiseldrama und das hilflose Warten der Angehörigen nicht nur packend, sondern auch extrem glaubwürdig nacherzählt. Auch wenn also der Aufdruck „Kriminalroman“ auf dem Buch in die Irre führt, lohnt sich die Lektüre.

 

Tatort:Somalia

Man weiß natürlich nicht, wie gut Liza Marklund sich wirklich in Afrika auskennt, auch war sie vermutlich nie Geisel einer mordlüsternen Bande. Aber das Leiden der Entführungsopfer sind genau so glaubwürdig beschrieben, wie die unbarmherzige Sonne, der Staub, der Dreck der Hütten irgendwo im afrikanischen Niemandsland am Horn von Afrika, dort, wo jegliche staatliche Ordnung längst zusammengebrochen ist. Das fensterlose Loch, in dem Annikas Mann Thomas festgehalten wird, steht dabei im merkwürdigen Gegensatz zur heimeligen Enge der Wohnung des Paares in Schweden. Dass die Ehefrau zudem beim Warten die (ausgiebig beschriebenen) exquisitesten Mahlzeiten zubereitet, während ihr Mann bei madenverseuchtem Essen ums Leben kämpft, liest sich einigermaßen befremdlich, ist aber vermutlich ein Kunstgriff, um die Gegensätze zwischen erster und dritter Welt herauszuarbeiten. Liza Marklund bezieht nämlich durchaus Position und der Rezeptvorschlag als politische Botschaft ist ja auch mal was Anderes.

Liza Marklund, Weißer Tod, Ullstein, 375 S., 19,99€

VÖ: März 2012