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Margie Orfords Galgenberg: Starke Themen, durchsichtiger Plot

Es gibt Ortsnamen, die eine eigentümliche Faszination ausüben, weil sie klingend auf eine bewegte Geschichte hindeuten. Gallows Hill im südafrikanischen Kapstadt gehört zweifelsfrei dazu. Am Fuße dieses Galgenbergs werden, so will es die Autorin Margie Orford, hunderte Skelette aus der Zeit britischer Herrschaft gefunden, aber eben auch ein Skelett, dass so gar nicht in den historischen Kontext passen will. Bei den Ausgrabungen werden Überreste einer jungen Frau ausgegraben, die höchstens zwanzig bis dreißig Jahre tot sein kann.

Zwei Ermittler im Kampf gegen korrupte Politiker

Captain Riedwaan Faizal und Profilerin Clare Hart stoßen auf den Fall und schliddern schnell in ein gewaltiges Schlamassel. Die Leiche liegt ausgerechnet auf einem Gelände, auf dem eine, man muss es wohl so nennen,  Bande korrupter Geschäftsleuten, Politikern und Unterweltgrößen profitabel (und unter Umgehung der Gesetze) bauen will. Ermittlungen der Polizei sind da nicht besonders willkommen. In mühseliger Kleinarbeit findet vor allem Clare Hart zunächst die Identität der Leiche, setzt dann Stück für Stück das Leben der Frau zusammen und zeichnet so den Weg nach, der zu dem Mord führte,

Margie Orfords Galgenberg ist als Krimi nur teilweise gelungen

„Galgenberg“ heißt der mittlerweile vierte Fall, den Margie Orford ihre beiden Ermittler lösen lässt. Offen gestanden ist das Lesevergnügen eher zwiespältig. Die Themen, die die Südafrikanerin wählt, sind spannend. Die aufgewühlte Geschichte ihres Landes bildet einen mehr als farbigen, bewegten Hintergrund für ihren Kriminalroman. Orford verwendet  die Korruption der aktuellen herrschenden Kaste, die Gräuel des späten Apartheit-Regimes, die Sklavenhaltergesellschaft des 19. Jahrhunderts in ihrem Roman und verwendet dabei berührende und  mitreißende  Episoden der Geschichte ihrer Heimat. Gleichzeitig aber legt sie in der Handlung allzu offensichtliche Spuren – und Krimis, die allzu vorhersehbar sind, verlieren schnell jede Spannung. Auch verliert sich die Lösung im Banalen. Insofern kann „Galgenberg“ über die „Nebenthemen“ zwar fesseln, als Krimi aber nicht wirklich überzeugen.

 

Tatort:Kapstadt

Die Ermittlungen führen die Polizisten an alle möglichen Plätze  Kapstadts, vom Villenviertel bis zum Slum, wirklich nahe kommt die Stadt trotz präziser Ortsangaben dem Leser jedoch nicht. Margie Orford wirft einen eher distanzierten Blick auf die Stadt am Kap der Guten Hoffnung. Etwas präziser wird der Blick bei einer Landpartie des Detektivs. Hier zeigt sie die Weite, die Einsamkeit, aber auch die fortbestehende Zerrissenheit des Landes, und die Gewalt, die Südafrika noch immer dominiert. Hier reicht sie beinahe an die großartigen Schilderungen ihres Kollegen und Landsmannes Roger Smith heran, der in Staubige Hölle wahrhaft großartige Skizzen  seiner Heimat gezeichnet hat.

Margie Orford, Galgenberg, Blanvalet, 414 S., 14,99€

VÖ: März 2013



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Roger Smith inszeniert ein morbides Ballett aus Verrat und Gewalt

Die Ehe ist oft die vorweggenommene Hölle. Davor schützen weder beruflicher Erfolg, ein mittleres Vermögen, gemeinsame Kinder oder ein komfortables Heim. Zumindest für Nicholas und Catherine Exley gilt das. Beide leben mit Tochter Sunny in Kapstadt am Strand. Über den Zustand der Familie ist alles gesagt, wenn man weiß, dass ein Kindergeburtstag damit endet, dass der Gatte vor dem Haus mit einem Kumpanen kifft, während sich die Gemahlin in der Küche von ihrem serbischen Geliebten vögeln lässt. Kein Problem, könnte man in modernen Zeiten meinen, wenn nicht in diesem Moment die Tochter, die beiden Elternteilen aus unterschiedlichen Motiven im Weg ist, Richtung Atlantik läuft und dort ertrinkt. Das wiederum bekommt der ehemalige Polizist Vernon Saul mit, der wegen einer Schussverletzung den Dienst quittieren musste und seine Rente als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma fristet. Saul bekommt auch mit, weshalb die kleine Sunny stirbt.

Ein korrupter Cop schmiedet finstere Pläne

Der Südafrikaner Roger Smith hat wieder ein erlesenes Ensemble gescheiterter Existenzen versammelt. „Stiller Tod“ heißt sein neuer, soeben erschienener  Thriller, der eigentlich eher  die kalte Tagebuchaufzeichnung einiger Leben in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale ist. Vernon Saul etwa wurde nicht als Held im Einsatz angeschossen: Einigen Drogenhändlern war schlicht das „Schutzgeld“ zu hoch, das der Cop erpresste. Den Dienst musste er denn auch quittieren, weil ihm sonst eine unangenehme interne Ermittlung gedroht hätte. So versucht er als Security-Mann aus seinem Umfeld herauszuquetschen, was eben geht. Er kontrolliert eine ehemalige Prostituierte, hält seine eigene Mutter wie eine Sklavin im Haus gefangen und macht sich auch sonst wenig Freunde.

Ausgehend vom tragischen Tod eines kleinen Mädchens entspinnt sich ein finsterer Reigen, in dem  die Beteiligten ein morbides Ballett aus Betrug, Verrat und Gewalt tanzen. Wenig überraschend, dass sich bald die Leichen am Weg stapeln.

Wenig Raum für Liebe oder Hoffnung bei Roger Smith

Roger Smith hat mit kraftvoller, teils derber Sprache wieder einen düsteren Triller geschrieben. In seinen Büchern ist wenig Raum für Liebe oder Hoffnung. Aber das macht den Reiz aus. Dieses Mal hat sich der Südafrikaner ganz auf die Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) seiner Protagonisten konzentriert – und das enttäuscht. Das „enttäuscht“, weil Smith zuvor mit „Staubige Hölle“ ein ganz außergewöhnlich starker Thriller gelungen war, dessen Personal noch verderbter, dessen Bühne aber die Politik war, auf der Smith ein eindringliches Drama über einen verlorenen Kontinent inszeniert hatte. Sein neuer Roman, „Stiller Tod“ ist dagegen einfach nur ein sehr guter Thriller, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Insofern hält sich die „Enttäuschung“ auch in Grenzen.

Tatort:Kapstadt

Roger Smith stellt zwei Welten gegeneinander. Die Idylle der Reichen, die in noblen, vom Wachpersonal geschützten Häusern am Strand mit Blick auf das Meer leben und die brutale Welt der Slums, in denen Drogenhändler, Zuhälter und  korrupte Cops den Gang der Dinge bestimmen. Stadtviertel, in denen es keine Hoffnung gibt. Roger Smith beschränkt sich in „Stiller Tod“ darauf, diese Gegensätze herauszuarbeiten. Auch der Leser, der Kapstadt nicht aus eigener Anschauung kennt, kann so erahnen, die südafrikanische Metropole eher ein wildes Reiseziel darstellt, dass für einfache touristische Freuden denkbar ungeeignet scheint. Die besondere Kunst Smiths besteht darin, diese Bilder seiner Heimat beinahe beiläufig, aber eindringlich bis unentrinnbar im Gehirn seiner Leser zu projizieren.

Roger Smith, Stiller Tod, Tropen, 380 S., 19,95€

VÖ: 24. Oktober 2012

 



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Jeffery Deaver lässt James Bond einen gemeinen Müllmann jagen

Dieses Mal geht die Reise nach Serbien, Dubai und Südafrika. Exotische Ziele sind für den ordentlichen Spionage-Thriller mindestens genau so wichtig, wie fantasievoll erdachte Waffen, schöne Frauen und abgefeimte Schurken mit dem Drang, die Welt zu vernichten.

Der neue James Bond, der ja traditionell so eine Art global agierender Handlungsreisender in Sachen Geheimniskrämerei ist, macht da keine Ausnahme. Der US-Autor Jeffery Deaver wurde gebeten die Vorlage für das jüngste 007-Abenteuer zu verfassen. Echte Fans können also jetzt schon lesen, was dem britischen Geheimagenten in der nächsten Verfilmung widerfahren wird.

Product-Placement jetzt auch im Buch

Zunächst zum unangenehmen Teil: Das Product-Placement hat jetzt auch in die Literatur Einzug gehalten. Vermutlich haben die Produzenten des Filmes eine unauffällige Mail mit Kooperationspartnern an den Krimi-Autoren geschickt: Jedenfalls finden sich wahrscheinliche und unmögliche Produkte ausgiebig benannt und beschrieben. Freunde der Abteilung Q werden beispielsweise vergeblich auf fantasievoll erdachte Fortbewegungsmittel hoffen, die raffiniertesten Tricks finden im Inneren eines Telefons US-amerikanische Herkunft statt.

James Bond ist erwachsen geworden

Die nächste „Enttäuschung“: James Bond scheint erwachsen geworden, beziehungsweise im 21. Jahrhundert angekommen. Der Agent nimmt Frauen ernst, weiß ihre beruflichen Qualitäten zu schätzen und reflektiert (!), ob er eine Frau, die er attraktiv findet, auch tatsächlich verführen soll. (soweit, dass er mit dem Versuch scheitern könnte, reicht der Fortschritt selbstverständlich nicht.)

Da der Roman zumindest als Vorlage für ein Drehbuch gedacht ist, nehmen – ungewöhnlich für Jeffery Deaver – „Action-Szenen“ einen breiten Raum ein. Ausführlich kann der Leser Zweikämpfen Bonds mit allen möglichen Waffen und Nahkampftechniken gegen erst unüberwindbar scheinende, aber dann doch zu bezwingende Bösewichte folgen. Das geht, obwohl dicht geschrieben, zu Lasten des Tempos.

007 muss nach Dubai und Kapstadt

Zum Plot ist nicht viel zu sagen. Der zentrale Gegenspieler Bonds ist, so scheint es, harmlos im Recycling-Business. Das zumindest ist eine hübsche Idee. Der potentielle Gutmensch als durchtriebener Bösewicht. Kleine Puzzlestücke deuten darauf hin, dass ein gewaltiger Anschlag bevorsteht, und James Bond wird von „M“ damit beauftragt, den Urheber aufzuspüren und aufzuhalten. Das gelingt nach Abenteuern in Dubai und Kapstadt, bei denen Bond erkennen muss, dass er es mit einem überaus raffinierten Gegenspieler zu tun hat, der an alle Eventualitäten zu denken scheint und deshalb lange nicht zu fassen ist.

Jeffrey Deaver sprüht wieder vor guten Ideen

Hier liegen Stärken des Bond-Thrillers: Jeffrey Deaver recherchiert sehr genau, sprüht meistens vor guten Ideen und versteht es beinahe unerreicht, einen spannenden, immer wieder überraschende Wendungen bereit haltenden Plot zu konstruieren. Zuletzt ließ er beispielsweise per Stromkabel morden.

Bei allen Merkwürdigkeiten, die die Wiederaufarbeitung eines hinlänglich bekannten Serienhelden mit Wurzeln in den sechziger Jahren mit sich bringt, ist es Jeaffrey Deaver tatsächlich gelungen, eine spannende Fortsetzung zu erzählen, die zudem einige neue, wenn auch ungewöhnliche Facetten des Superagenten im Einsatz ihrer britischen Majestät bereit hält.

Tatort:Südafrika

Natürlich ist London die Heimat von 007, aber sein Arbeitsplatz ist die Welt. Als Spion kommt James Bond herum. Neben dem Auftakt in Serbien und einem Intermezzo in Dubai spielt der neue Bond vor allem in Südafrika, genauer gesagt in Kapstadt und seiner Umgebung. Mit wenigen Worten skizziert Deaver die südafrikanische Gesellschaft, Strukturen und Probleme eines Landes im Wandel. Wer eine tiefgründige Analyse erwartet und sich über oberflächlich hingeworfene, grob gezeichnete Schraffuren ärgert, hat vermutlich Recht, sollte sich aber fragen, ob ein James-Bond-Roman für ihn die richtige Lektüre darstellt. 007 ist schließlich kein Erdkundelehrer. Wer sich mit solcherlei Gedanken nicht aufhält, wird sich gleichermaßen informiert wie unterhalten fühlen…

 Jeffery Deaver, Carte Blanche, Blanvalet,544 S., 14,99€

VÖ: 27. Februar 2012

 

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Eine meisterliche Skizze afrikanischer Hoffnungslosigkeit

Es ist wahrlich keine schöne Welt, in die Roger Smith seine Leser mitnimmt. Das Südafrika Smiths wird von korrupten Politikern, mordgierigen Polizisten, rassistischen weißen Farmern und brutalen Stammeskriegern bevölkert. Es handelt sich dabei um das Südafrika der Gegenwart, nicht um jenes der Apartheid – wobei, wenn man dem Autor glauben darf, sich nicht viel geändert hat seit jenen Tagen.

Eine Orgie von Elend und Gewalt

Der 51-jährige Smith hetzt in „Staubige Hölle“ ein außerordentlich heruntergekommenes Ensemble aufeinander. Der arbeitslose Journalist Robert Dell muss sich einer blutrünstigen Mordbande erwehren, die von dem Zulu-Kämpfer Inja angeführt wird. Offiziell ist dieser Polizist, Sonderermittler gar, eigentlich ist er jedoch drogensüchtig, Bandenchef und Auftragskiller. Hilfe bekommt Dell nach dem brutalen Mord an seiner Frau und seinen beiden Kindern ausgerechnet von seinem Vater. Dieser hatte lange Zeit im Gefängnis gesessen, weil er einst für die CIA, Vertreter der Apartheid, rassistische Weiße im Kampf gegen die neue Ordnung unterstützt hatte – und an dessen Händen jede Menge Blut klebt.
Zu behaupten, dass sich Dell und sein Vater beim Versuch, sich gegen die Verfolger zu Wehr zu setzen, zusammenraufen, wäre eine positive Umschreibung, für die Smith keinen Raum lässt. Der Autor bietet seinen Figuren – genau wie seinen Lesern – keine Hoffnung. „Staubige Hölle“ führt mitten ins finstere Herz Afrikas. Die lakonische Schilderung einer Orgie der Gewalt, des Elends lässt erahnen, warum der Kontinent so gar nicht auf die Beine kommt.

Ein spannender Krimi mit apokalyptischer Grundstimmung
Smith führt seinen Leser in eine deprimierende Welt in neben der Gewalt nur noch Aids und Drogen das Leben bestimmen – und hat dabei einen enorm spannenden Krimi geschrieben, der trotz oder vielleicht gerade wegen seiner apokalyptischen Grundstimmung extrem fesselt. Smith und die beiden Übersetzer Jürgen Bürger und Peter Torberg haben dabei eine Sprache gefunden, die in ihrer Gradlinigkeit besticht und das Szenario extrem glaubwürdig beschreibt.
Wer in seiner Lektüre auf eine heile Welt hofft, auf einen auch nur ansatzweise positiven Ausgang der Ereignisse, der sollte seine Finger von der „Staubigen Hölle“ lassen. Allen anderen sei sie wärmstens empfohlen.

 

Tatort:Südafrika

Wie ein guter Maler nur wenige Striche aufträgt, um den Charakter einer Landschaft zu skizzieren, so benötigt Roger Smith nur sehr wenige Worte für sein Südafrika. Dennoch wird dank der präzisen, eindringlichen Sprache die unerträgliche Hitze, der Dreck, das Elend der Townships sehr schnell beinahe körperlich fühlbar. Smith nimmt seine Leser auf einen Trip mit, der weit weg von den modernden Metropolen der Fußball-WM hin in das von allem Fortschritt abgeschnittenen Hinterland führt, ins Zululand. Dort, so wird schnell deutlich, haben sich die schlechtesten Bräuche der Stämme mit den miesesten Einflüssen der westlichen Welt zu einer ungesunden, explosiven Mischung verbunden haben.
Das südafrikanische Tourismusministerium, die Fremdenverkehrsverbände werden Roger Smiths desillusioniertes Bild von Südafrika nicht mögen, vermutlich hat er aber – so steht zu befürchten – mit seinen Skizzen der Hoffnungslosigkeit neben einem fiktionalen Krimi ein treffendes Gemälde einer Region, vermutlich eines ganzen Kontinents geschaffen.
Roger Smith, „Staubige Hölle“, Tropen, 19,95 €
VÖ: Juni 2011