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Kathy Reichs: Die Sprache der Knochen bietet wenig Neues

Irgendwann in grauer Vorzeit, vor beinahe 20 Jahren, gab es eine großartige neue Autorin in der Krimi-Welt. Die Anthropologin Kathy Reichs hob, die Fernsehserie CSI und ihre Ableger waren lange noch nicht in Sicht, den wissenschaftlich angehauchten Thriller auf ein neues Niveau. Das war ungewöhnlich, das war innovativ, das war spannend.

Neues aus den Genre des Baukastenkrimis

Heute, 18 Bände später, werden Morde im Dutzend im Labor aufgeklärt, auch um die Hauptdarstellerin Temperance Brennan gibt es längst eine eigene Fernseh-Serie. Mittlerweile gehören die Thriller der US-Amerikanerin zum Genre der Baukastenkrimis, die nach immer gleichem Muster zusammengesteckt werden. Es gibt einen Bösewicht aus einer kleinen, die Recherchefähigkeit des Reichs-Teams belegende Minderheit. Außerdem Selbstzweifel der Protagonistin, ein bis zwei Beziehungskonflikte zum Traummann und einem Verwandten (wechselnd Schwester, Tochter oder Mutter), einen Mordanschlag und eine überraschende Auflösung.

Kathy Reichs schreibt handwerklich auf hohem Niveau

Warum soll man das also lesen? Eigentlich gar nicht (mehr). Aber Reichs schreibt auf handwerklich hohem Niveau, ihre Figurenzeichnung tanzt bei allen bekannten Verhaltensmustern unerträgliche Stereotype souverän aus und der Leser erfährt trotz der eingefahrenen Gleise dennoch meist etwas Neues. Und ein Kathy-Reichs-Fan der ersten Stunde will ohnehin wissen, wie es weitergeht.

Morde unter Exorzisten in der Provinz

Im neuesten Krimi „Die Sprache der Knochen“ hat die Autorin sich zwei Recherchestränge ausgesucht. Sie greift das Phänomen der Hobby-Ermittler auf, die sich über das Internet in Gruppen zusammentun und Wettbewerbe zur Aufklärung offener Verbrechen beziehungsweise Vermisstenfälle austragen. In diesem Fall geht es um eine verschwundene junge Frau im Umfeld einer – der zweite Strang – fundamentalistischen christlichen Gemeinde, die den Ritus des Exorzismus betreibt, und das noch ohne Segen der katholischen Kirche. Man ahnt schnell, dass das nicht gut ausgehen kann. Keine Frage, dass Temperance Brennan mindestens einem perfiden Mordanschlag überstehen muss.

„Die Sprache der Knochen“: Furchtbar vorhersehbar

Das Ganze ist, wie schon erwähnt, alles furchtbar vorhersehbar und zugleich noch hinreichend spannend. Es wäre  interessant zu erfahren, wie ein Erstleser auf „Die Sprache der Knochen“ reagiert. Überträgt sich 20 Jahre alte Innovation in die Gegenwart oder wirkt das wie bei einem 20 Jahre alten Neuwagen eher drollig?

Kathy Reichs, Die Sprache der Knochen, Blessing, 385S, VÖ: Januar 2016

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„Bones Never Lie“ Kathy Reichs zwingt Temperance Brennan unter die Schatten der Vergangenheit

Es gibt Bücher, zumindest einige wichtige, die prägen einen Leser sein Leben lang. Für einen Krimi, der ja eher der Unterhaltung dient, kommt das auch angesichts der meist eher düsteren Themen natürlich nicht in Frage, aber es gibt Kriminalromane, die bleiben in Erinnerung, über Jahrzehnte hinweg. Das gilt beispielsweise auch für „Déjà Dead,“ beziehungsweise „Tote Lügen nicht“, das Debüt der US-Amerikanerin Kathy Reichs.

Temperance Brennan ermittelt seit 17 Jahren

Das englischsprachige Original der forensischen Anthropologin stammt aus dem Jahr 1997 und war schlicht atemberaubend. So spannend, so dicht und mit gleichzeitig so viel lakonischem Witz hatte damals kaum jemand düstere Krimis oder Thriller geschrieben. Die Qualität der Romane um die forensische Anthropologin Temperance Brennan, die wie ihre Schöpferin in North Carolina und Kanada „lebt“ und „arbeitet“, hielt sich bis ins neue Jahrtausend. (Dass die TV-Serie Bones auf den Romanen von Reichs basiert, dürfte allen Lesern bekannt sein.)

Neu auf dem Markt „Bones Never Lie“ von Kathy Reichs

Jetzt ist auf dem englisch-sprachigen Markt der neueste Band um die ermittelnde Wissenschaftlerin erschienen. „Bones Never Lie“ heißt der neueste Band – und um es gleich vorwegzunehmen, er ist wieder gut. Das „wieder“ ist an dieser Stelle leider notwendig, da sich in den mittlerweile 17 Jahren rund um nur eine Figur im Mittelpunkt natürlich leichte Ermüdungserscheinungen eingestellt hatten. Der eine oder andere Vorgänger von „Bones Never Lie“ der letzten Jahre war offen gestanden eher durchschnittlich, wirkte wie das schnell zusammengeschriebene Drehbuch einer einzelnen Fernsehepisode.

Ein Mörder zieht seine Spur quer durch die USA

Jetzt hat Kathy Reichs wieder einen Band fertiggestellt, der eigentlich alle Anforderungen an einen gelungenen Krimi erfüllt. Temperance Brennan muss sich mit einer ganzen Serie von Morden an jungen Mädchen auseinandersetzen. Über Jahre hinweg, so stellt sich heraus, hat ein Unbekannter, Mädchen an der Schwelle zum Frau-Sein verschleppt, misshandelt und umgebracht.

Mord mit Wurzeln in der Vergangenheit der forensischen Anthropologin

Brennan kommt über einen ihrer alten Fälle bei den Ermittlungen ins Spiel, und muss erst einmal private Probleme lösen. Spuren der Morde führen in ihre kanadische Zweitheimat, helfen könnte nur ihr Ex-Lover, der sich aber nach einem persönlichen Drama vor der Welt versteckt. Keine Frage, dass Temperance Brennan nicht nur den verschollenen Cop auftreibt, sondern auch den Mörder stellt. In beiden Fällen muss sich die ermittelnde Wissenschaftlerin mit den dunkleren Episoden ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Ein solider Band 17…

„Bones Never Lie“ hat wieder alles, was zu einem gelungenen Reichs-Krimi dazu gehört: jede Menge Tempo, eine klare, einfache aber unterhaltsame Sprache und einen hinreichend verwickelten Plot, der den Krimi-Leser neugierig auf die Auflösung macht. Ja, es gib auch kleinere Schwächen, Temperance Brennan ermittelt zwar, allerdings kaum noch in ihrem eigenen Labor (was früher einen Großteil der Spannung ausmachte), es tauchen bestimmte Formulierungen auf, die sagen wir mal sehr vertraut sind – und eine wirkliche Weiterentwicklung der Protagonisten lässt die Autorin auch unter den Tisch fallen. Insofern fehlt auch dem neusten Band der atemberaubend-fesselnde Moment des Erstlings, aber das wäre in einem „Band 17“ vermutlich auch etwas zu viel verlangt. So gibt es immerhin solide Krimi-Unterhaltung.

Kathy Reichs, Bones Never Lie, Random House, 340 S., 17,64€, VÖ: 23. September 2014

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