Kategorien
Neu

Tess Gerritsen, Der Schneeleopard: Das Leben in der Savanne ist kein Ponyhof

Was sagt man über eine Krimi-Serie, die in Buchform mittlerweile elf Fortsetzungen aufweist und überdies seit fünf Staffeln für das Fernsehen zweitverwertet wird? Das scheint schwierig, ist aber bei den „Rizzoli&Isles“-Krimis dann doch einfach: Der 11. Band, „Der Schneeleopard“ ist wieder lesenswert.

Ein Krimi auf höchstem handwerklichen Niveau

Tess Gerritsen arbeitet auf sehr hohem handwerklichen Niveau und hat der Versuchung widerstanden, ihr naturgegeben bislang schon sorgsam ausgeleuchtetes Personal zu immer neuen, unglaubwürdigen Höhen zu treiben. In „Der Schneeleopard“ erzählt die US-Amerikanerin eine spannende, komplexe, aber nicht über das Krimi-Maß hinaus übverdrehte Geschichte.

Brutaler Mord an einem Jäger und Präparator

Die Bostoner Polizistin Jane Rizzoli muss in einem eher ungewöhnlichen Mord ermitteln. Ein profilierter (und provozierender) Jäger und Präparator wird sozusagen mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Jedenfalls endet er kopfüber in seiner Garage hängend, ausgeweidet und brutal ermordet. Die Pathologin Maura Isles entdeckt Parallelen zu anderen Fällen, glaubt lange als einzige an einen Serienmörder. Erst nach einiger Überzeugungsarbeit nimmt die Polizei Ermittlungen auf, es deuten sich Verbindungen zu einer Mordserie in Botswana an – von der Tess Gerritsen allerdings von Beginn an in einem eigenständigen Erzählstrang berichtet.

Spannende Krimihandlung, gesellschaftliche Relevanz

„Der Leopard“ ist sehr solide erzählt. Tess Gerritsen versteht es, Spannung aufzubauen. Sie legt zudem hinreichend falsche Spuren, so dass die Krimi-Handlung hinreichend komplex bleibt. Die Themen Jagd, Tierschutz und Geschäftemacherei mit seltenen Tieren verhelfen dem Bostoner Krimi zudem zu einer gesellschaftlichen Relevanz. Gerritsen erledigt auch das mit einer unaufdringlichen Routine: Der Leser hat nie das Gefühl hat, dass mit der moralischen Keule verbal auf ihn eingeprügelt wird.

Cop-Krimi: Tess Gerritsens „Der Schneeleopard“

In der aktuellen Krimi-Landschaft sticht Gerritsen zudem durch eine weitere Stärke hervor, die allerdings auch die eine Schwäche in sich trägt. Die Autorin hält, da hat das Fernsehformat die literarische Vorlage verändert, den erzählerischen Blick in erster Linie auf ihren beiden Ermittlerinnen. Dieser Cop-Krimi ist in Zeiten, in der sich beinahe jeder Autor in die Psyche abgründig böser Verbrecher hineinversetzt (um sie dann episch vor seinem Leser auszubreiten), eine angenehme Abwechslung. Dieser Fokus auf die Ermittlerinnen (und eine weitere Person aus „der Schneeleopard“ ist allerdings so stark, dass die Motivation des (oder der) Täter(in), der (die) immerhin für eine ganze Reihe Morde verantwortlich ist, beinahe vollständig im Dunkeln bleibt – und das hinterlässt bei allem Lesevergnügen am Ende dann doch eine minimale Spur der Enttäuschung.

 

Tatort: Botswana

Das Jagdrevier von Jane Rizzoli und Maura Isles ist üblicherweise die Neu-England-Stadt Boston. In „der Schneeleopard“ verlegt Tess Gerritsen einen Teil der Handlung nach Botswana. Auch Jane Rizzoli muss in Afrika ermitteln. Tess Gerritsen hat selber auf einer Safari recherchiert und lässt den Lesern ausgiebig an ihren Erfahrungen im Busch teilhaben. Die Erkenntnisse, die sie krimigerecht gruselig mitteilt, lassen sich kurz so zusammenfassen: Das Leben in der Savanne ist kein Ponyhof. Allerlei Getier in jeder denkbaren Größe trachtet dem Eindringling Mensch nach dem Leben. Insbesondere Großkatzen betrachten den Zweibeiner in erster Linie als Abwechslung auf der Speisekarte.

Tess Gerritsen, Der Schneeleopard, Limes, 415S., 15,99€, VÖ: 27. April 2015

Autor:

Kategorien
Neu

Tess Gerritsen schickt einen geheimnisvollen Rächer durch Chinatown

Wenn Chinesen in die Welt hinaus ziehen, nehmen sie ihre Lebensweise mit auf die Reise. Diejenigen, die sich dann in der Fremde niederlassen, passen sich nur soweit an, dass sie nicht weiter auffallen, bleiben ansonsten aber meist unter sich. Das Ergebnis sind regelrechte Chinesenviertel, in vielen US-Metropolen als „Chinatown“ weltberühmt.

Mord im Bostoner Chinesenviertel

In diesen oft fremden Welten hat die Krimi-Autorin Tess Gerritsen ihren neuesten Roman „Grabesstille“ angesiedelt: Touristen finden bei einer Führung durch das Chinesenviertel Bostons eine Hand. Die eilig herbeigerufene Polizei entdeckt zwar alsbald auf dem Dach eines Gebäudes die dazugehörige Leiche, ansonsten aber keine weiteren Spuren – auch weil die chinesisch-stämmigen Bewohner des Viertels sich als erwartet unkooperativ zeigen. Den Mord hat, so scheint es, ein Geist gegangen.

Suche nach einem „Geist“

Erst durch hartnäckige Recherchen finden Gerichtsmedizinerin Maura Isles und Kommissarin Jane Rizzoli erste Spuren, die zu einem ungesühnten Verbrechen aus der Vergangenheit zurückreichen. Damals hatte, so glaubte die Polizei, ein chinesischer Koch bei einem „erweiterten Selbstmord“ mehrere Restaurantgäste und sich selber erschossen. Die Verbrechen – es sollen weitere Morde folgen – aus der Gegenwart lassen den Schluss zu, dass die Polizei tatsächlich nicht korrekt ermittelt hatte.

Chinatown jenseits des Dim-Sum-Klischees

Tess Gerritsen, die selber chinesische Wurzeln hat, führt ihre Leser eine interessante Welt. Zwar ist das Thema der abgeschotteten chinesischen Gemeinden in der Fremde mittlerweile bereits verschiedentlich in Kriminalromanen behandelt worden, aber die US-Amerikanerin gelangt über die Dim-Sum-Klischees hinaus, auch wenn sie meist die bekannten Themen anspricht. Ihre Schilderungen chinesischer Esskultur, aber insbesondere fernöstliche Kampfsportarten und Mythen sind originell aufgearbeitet und bieten rund um wirbelnde Schwerte und sagenhafte Helden in einer modernen, westlichen Welt unterhaltsamen Lesestoff.

Rizzoli&Isles: Ein sympathisches Ermittler-Duo

Zu den Stärken Gerritsens gehört auch ihre Fähigkeit sich sympathisches, beziehungsweise interessantes „Personal“ zu erfinden. Die beiden Hauptdarstellerin, Jane Rizzoli und Dr. Maura Isles sind mittlerweile in einer ganzen Reihe von Kriminalromanen eingeführt und werden dennoch immer wieder mit neuen Facetten dargestellt. Ähnliches gilt auch für die Nebendarsteller, denen viel Leben eingehaucht wird.

Die üblichen Probleme von Krimi-Reihen

„Grabesstille“ ist Teil einer stetig wachsenden Serie. Das merkt man – leider. Tess Gerritsen deutet mehrere Handlungsstränge an, deren Wurzlen in vorherige Folgen zurückweisen oder möglicherweise erst in kommenden Bänden volle Wirkung entfalten sollen. Wirklich verständlich wirken sie nur im Zusammenhang. Wer „Grabesstille“ isoliert liest, wird sich, das übliche Problem einer Krimiserie, über unmotiviert eingeführte und dann fallen gelassene Ideen wundern. Auch der für Europäer immer wieder gewöhnungsbedürftige entspannte Umgang der US-Amerikaner mit dem Konzept der bewaffneten Selbstjustiz ist möglicherweise nicht jedermanns Sache. Beides mindert den Lesespaß eines ansonsten routiniert „herunter“geschriebenen, durchaus spannenden und solide unterhaltsamen Kriminalromans. „Grabesstille“ ist jedoch Pflichtlektüre für alle Fans der Reihe, deshalb an dieser Stelle der Hinweis, dass pünktlich zum Erscheinungstermin marketinggerecht eine auf den Romanen basierende, überaus unterhaltsame US-amerikanische Fernsehserie mit dem Titel „Rizzoli&Isles“ jetzt auch ins deutsche Fernsehen kommt (14. März 2012, 20.15 Uhr, Vox).

 

Tatort:Boston

Schäbige Restaurants, dunkle Keller, Müllberge unter denen Ratten rascheln, blinde Fenster, durch die verborgen neugierige Augen wachsam auf das Treiben in den Straßen blicken – das ist Chinatown in Boston: So zumindest schildert es Tess Gerritsen. Natürlich wird die Szene dem Krimi-Alltag entsprechend düster ausgemalt, aber dennoch entsteht ein Bild einer fremden Kultur inmitten einer (gelegentlich ebenso fremden) amerikanischen Gesellschaft.

Jenseits dieses gründlich ausgeleuchteten Mikrokosmos bleibt Boston blass. Im Kriminalroman „Grabesstille“ spielt die Stadt nur eine untergeordnete Rolle. Sie wäre problemlos mit jeder anderen Ostküstenmetropole austauschbar. Das aber ist kein Mangel. Wer im Kriminalroman „exotische“ Orte sucht wird mit dem literarischen Reiseziel Chinatown bestens bedient.

Tess Gerritsen, Grabesstille, Limes, 443 S., 19,99€

VÖ: 10. März 2012