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Lisa Gardners „Ohne jede Spur“: Eher einfach gehaltene Krimikost

Sandra, Jason und ihre Tochter Ree sind eine amerikanische Vorzeigefamilie. Jason arbeitet als Journalist, Sandra als Lehrerin und das Töchterlein ist altersgerecht einfach nur süß: Das Trio lebt in einem der besseren Bostoner Vororte. Die Familie hat Freunde, vor allem Sandra gilt als beliebt.

Dann aber verschwindet die Ehefrau und Mutter spurlos. In Verdacht gerät alsbald der Ehemann. Langsam beginnt die Fassade des gelebten amerikanischen Traumes zu bröckeln. Die Ermittler um Sergeant Detective D.D. Warren fördern bei ihren Untersuchungen so manches dunkle Familiengeheimnis ans Tageslicht. Auch die scheinbar so unkomplizierte Ehefrau, das vermeintliche Opfer, ist längst nicht so perfekt wie es auf den ersten Blick schien.

Ein Krimi-Kammerspiel

Bis zur Lösung des Falles müssen sich die Polizisten durch manche überraschende Wendung kämpfen und stehen lange Zeit, so will es Lisa Gardner, die sich „Ohne jede Spur“ erdacht hat, eigentlich den größten Teil der Zeit als staunende Beobachter am Rande der Ereignisse.

Die US-Autoren hat bei „Ohne jede Spur“ einen Plot ersonnen, der einige Raffinesse aufweist. Die Geschichte um die Kleinfamilie ist als intensives Kammerspiel konstruiert und verwöhnt mit zahlreichen überraschenden Momenten.

Viele schlicht gezeichnete Figuren

Dennoch ist „Ohne jede Spur“ bestenfalls als zwiespältig zu bezeichnen. Die Figuren sind eher schlicht gezeichnet. Von der Polizistin D.D Warren, einer 38-Jahre alte Frau, erfährt man beispielsweise nur, dass sie natürlich „umwerfend gut“ aussieht, auf All-You-Can-Eat-Buffets steht und sich chronisch unerfüllten Sex-Tagträumen hingibt.

Ähnlich einfallslos ist auch die Beschreibung der Männerwelt. Männer, die wichtig sind, haben beinahe ausnahmslos dunkles, volles Haar (eventuell – das macht sie „interessant“ –  mit grau melierten Schläfen), ein markantes Kinn und einen breiten, zumindest durchtrainieren Brustkorb. Perfiderweise gilt das auch für die „Schurken“, die derart „getarnt“ nicht auf Anhieb zu erkennen sind. Eigentlich sehen sie alle männlichen Figuren aus wie Patrick Dempsey, Schauspieler der US-Serie „Greys Anatomy“. Ehrlicherweise macht sich Gardner irgendwann auch gar nicht mehr die Mühe, ihr Männerbild im Detail aufzuschreiben, sondern verweist nur noch auf „McDreamy“.

„Ohne jede Spur ist also ein spannender Krimi, aber einer von sprachlicher und kreativer Schlichtheit, den ausgemachte Fans des Genres wegen seines Tempos zu schätzen wissen, Freunde gut geschriebener Kriminal-Literatur aber mit einem empörten Seufzer zur Seite legen werden.

 

 

Tatort: Boston

Lisa Gardner hat eher ein Kammerspiel verfasst. Größere Erkenntnisse über Bosten sind aus „Ohne jede Spur“ nicht zu gewinnen. Die Stadt scheint austauschbar, die Geschichte könnte in jeder US-amerikanischen Großstadt bzw. ihren Vororten spielen. Interessanter sind daher die unmittelbaren Schauplätze. Das Haus der Familie Jones erscheint als stereotypes Heim einer US-amerikanischen Durchschnittsfamilie. Wer also wissen will, wie „der Amerikaner“, wie man sich ihn  einst in den Köpfen der weißen Mittelschicht (und in Hollywood) idealisierte, so lebt, wird im Krimi von Lisa Gardner einige Erkenntnisse ziehen können.

Lisa Gardner, Ohne jede Spur, Rowohl, 9,99€

VÖ: 1. August 2011

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther erneut auf eine spannende Zeitreise

Kuba, 1954. Carlos Hausner sitzt inmitten der Nachkriegswirren in einem Nachtclub, genauer gesagt in einem Bordell und schlürft entspannt an einem Drink. Ein Idyll? Vielleicht. Wenn, dann keines, das lange währt. Die Besitzerin des Etablissements erpresst den Mittfünfziger, eine junge kommunistische Revolutionärin (und gesuchte Mörderin) mit seinem Boot nach Haiti zu bringen. Von da an gerät der Besitzer eines argentinischen Passes in beträchtliche Schwierigkeiten.

Carlos Haussner ist allerdings Kummer gewohnt. Er musste in den Jahren zuvor für die argentinische Junta arbeiten und für die US-amerikanische Mafia. Hausner scheint das Pech magisch anzuziehen. Kein Wunder, eigentlich ist Hausner Bernhard Gunther, ehedem Berliner Kriminalkommissar mit einem außerordentlich großen Talent, sich Probleme aufzuhalsen.

Ein Polizist, der das Pech scheinbar magisch anzieht

Tatsächlich gerät Hausner, beziehungsweise Gunther, auf seiner Überfahrt von Cuba in die USA an Gegner, die Junta und Mob wie zahme Pfadfinderclubs erscheinen lassen. Die US-Marine bringt Gunthers Boot auf. Der Deutsche gerät in die Hände der CIA. Von da an wird es kompliziert – und für den Ex-Cop lebensgefährlich.

Der US-Autor Philip Kerr jagt seinen liebevoll Bernie genannten Ermittler jetzt bereits zum siebten Mal unbarmherzig durch die deutsche Geschichte. „Field Grey“, was die PR-Strategen etwas unglücklich mit „Mission Walhalla“ übersetzt sehen wollen, heißt das neueste Abenteuer Gunthers.

Bernie Gunther kommt weit herum

Kerr lässt seinen knurrigen Polizisten, der vergeblich versucht moralisch sauber zu bleiben, dabei immer wieder tief im Schlamm wühlt und feststellen muss, dass viel zu viel vom Dreck haften bliebt, weit herumkommen – geographisch wie chronologisch. Berlin, am Ende der Weimarer Republik, Paris nach der deutschen Besetzung, Minsk während des Russlandfeldzuges, ein Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Sowjetunion und die junge Bundesrepublik im Jahr des „Wunders von Bern“ sind die wichtigsten, aber beileibe nicht alle Orte der Handlung.

Philip Kerr schließt damit zum Entzücken seiner treuen Leser Lücken in der Biographie seines Darstellers. In erster Linie aber hat der Brite wieder einen enorm packenden Thriller geschrieben. “Field Grey“ bietet eine raffiniert gewobene Geschichte mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die selbst routinierte Krimi-Leser zu verblüffen vermögen.

Das ist aber auch wenig überraschend, denn bereits mit seiner „Berlin Noir“-Trilogie, dem Ursprung der Romane um Bernhard Gunther, hat Philip Kerr das Genre des historischen Krimis auf ein neues, enorm anspruchsvolles Niveau gehoben.

Philip Kerr plündert hemmungslos die deutsche Geschichte

Der britische Autor taucht dabei tief in die deutsche Geschichte ein, baut hemmungslos bekannte und unbekannte Figuren jener Jahre ein. Reinhard Heydrich spielt eine Rolle – und in „Field Grey“ erstmals auch der spätere Stasi-Chef Erich Mielke. Kerr zeichnet komplexe Figuren, lässt das Leid deutscher Kriegsgefangener in Sibirien genauso auferstehen wie die Misshandlung der Gefangenen im Vichy-Frankreich, vor allem aber die Greueltaten der Nazi-Schergen. Nie jedoch lässt er bei aller Spielerei mit der Geschichte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Blick, gleich von wem sie begangen wurden. Dass sich Bernie Gunther bei seinen ebenso energischen wie hilflosen Versuchen, das Richtige zu tun, immer wieder in der Geschichte verstrickt, macht einen großen Reiz der Serie aus.

 

 

Tatort:Berlin

Berlin ist die Heimat Bernhard Gunthers. Er lebt in einer Seitenstraße des Kudamms, arbeitet im Polizeipräsidium am Alex und kennt jede Kaschemme, jeden Puff, jeden Club im Wedding und anderswo. Gunther ist Polizist im Berlin der untergehenden Republik und der beginnenden Nazizeit und kommt herum. Das Berlin jener Jahre und das zerbombte Berlin der Nachkriegszeit ersteht in „Field Grey“ plastischer auf als je zuvor in den Thrillern Philip Kerrs. Gunther steht prototypisch für die Bewohner der Metropole. Er trinkt massenweise Bier, Schnaps und hat, so Kerr, die „Ausstrahlung eines Friedhofsgräbers“.

Philip Kerr legt weniger Wert auf eine detaillierte Beschreibung. Wichtiger ist es ihm, die Atmosphäre, die Stimmung seiner Schauplätze einzufangen – und das gelingt ihm immer wieder mit höchster Perfektion, sei es beim Kriegsgefangenenlager in Sibirien, sei es im Arbeiterwohnblock im roten Wedding, sei es im verschwenderisch prächtigen Hotel Adlon der Weimarer Republik.  So ensteht, auch ohne den lehrerhaften Ton des Geschichtsprofessors das historische Berlin neu.

 

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95€, VÖ: 15. Juli 2011