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Blinder Feind von Jeffery Deaver: Spannend und überraschend wie immer, aber leider auch flach wie nie

Jefferey Deaver ist meiner Meinung einer der Großmeister des perfekten Plots in der Kriminalliteratur. Der US-Amerikaner hat mich zumindest mit einigen der überraschendsten Wendungen unterhalten. Deaver ist dabei ein außerordentlicher Vielschreiber, er hat mehrere Reihen und zahllose „Stand-alone“-Thriller geschrieben. Sein neuester Thriller gehört in die letzte Kategorie.

Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren?

Wenn man streng ist, könnte man „Blinder Feind“ als Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren betrachten, weil er formal erst einmal ungewöhnlich und ungewohnt sperrig daherkommt. Aber Deaver wäre nicht Deaver, wenn er seine Leser nicht doch gehörig in die Irre führen würde.

Deaver entwickelt ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel

Die Geschichte beginnt mit einer New Yorker Büroangestellten, Garbriela McKenzie, deren Tochter entführt wurde. Damit wollen die Entführer die Frau, die als Office-Managerin eines Anlageberaters gearbeitet hatte, Geheimpapiere ihres Chefs und ein sattes Lösegeld erpressen. Wir lernen zudem im Inneren Monolog den Täter, sowie in ganz normalen Dialogen Spezialisten einer Geiselbefreiungsfirma kennen. Stück für Stück enthüllt sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem bald nicht mehr klar ist, wer Maus und wer Katze ist

„Blinder Feind“, ein Exemplar von Flughafen-Lektüre

Deaver treibt seine Geschichte mit gewohnt hohem Tempo voran, seine Thriller zeichnen sich genau dadurch aus, dass jedes Wort sitzt und dieser Stelle seinen Sinn hat. Dennoch hat er sich bislang immer auch Zeit für interessante Figurenzeichnung genommen und interessante und vielschichtige Charaktere geschaffen – und beschrieben. Bei „Blinder Feind“ ist das anders. Für mein Gefühl hat sich Deaver hier sehr deutlich auf das Niveau von Flughafen-Literatur begeben. (Das sind Bücher, die gleichzeitig so spannend und so schlicht sind, dass sie auch in 12.000 Meter Höhe bei mittelstarken Turbulenzen, eingekeilt zwischen übergewichtigen Sitznachbarn und Flugbegleiterinnen mit Domina-Komplex, noch gut zu lesen sind.)

Unerwartet nervige Figurenzeichnung von Jeffery Deaver

Jedenfalls beschränken sich die Eigenschaften der Männer, das sie kräftig gebaut sind, leuchtend blaue Augen haben und ansonsten entfernt wie George Clooney aussehen – es sei denn natürlich, sie seien Bösewichter: Das erkennt man an irgendwelchen körperlichen Defiziten. Bei den Frauen ist mit leichter Variation ähnlich: Langes, wallendes Haar, schmale Hüften und große Brüste stehen hier für einen „guten Charakter“.

Enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch enttäuschend flach…

Offen gestanden verliere ich, wenn ich nicht gerade in 12.000 Metern Höhe in einer schmalen Aluminiumröhre sitze, bei derartigen Figurenzeichnungen unmittelbar die Lust, weiterzulesen. In diesem Fall habe ich es dennoch getan, weil ich im Urlaub nicht unbegrenzt auf mein Bücherregal zugreifen konnte, um eine Alternative zu finden – und so bleibt, auch wenn am Ende der flache Figuren-Schein zu trügen scheint, mein Lesefazit eher ungnädig. Ja, enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch total und enttäuschend flach. Also eigentlich nur für Viel- bzw. Langstreckenflieger zu empfehlen…

Jeffery Deaver, Blinder Feind, blanvalet, 382S., 9,99€, VÖ: 19. Januar 2015

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Jan Fabers „Der Lobbyist“ – nur teilweise unterhaltsamer Krimi-Durchschnitt

Es gibt einen neuen Krimi von Jan Faber. Der Thriller „Der Lobbyist beschäftigt sich mit den Strippenziehern in den Hinterzimmern der Macht.

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„Bones Never Lie“ Kathy Reichs zwingt Temperance Brennan unter die Schatten der Vergangenheit

Es gibt Bücher, zumindest einige wichtige, die prägen einen Leser sein Leben lang. Für einen Krimi, der ja eher der Unterhaltung dient, kommt das auch angesichts der meist eher düsteren Themen natürlich nicht in Frage, aber es gibt Kriminalromane, die bleiben in Erinnerung, über Jahrzehnte hinweg. Das gilt beispielsweise auch für „Déjà Dead,“ beziehungsweise „Tote Lügen nicht“, das Debüt der US-Amerikanerin Kathy Reichs.

Temperance Brennan ermittelt seit 17 Jahren

Das englischsprachige Original der forensischen Anthropologin stammt aus dem Jahr 1997 und war schlicht atemberaubend. So spannend, so dicht und mit gleichzeitig so viel lakonischem Witz hatte damals kaum jemand düstere Krimis oder Thriller geschrieben. Die Qualität der Romane um die forensische Anthropologin Temperance Brennan, die wie ihre Schöpferin in North Carolina und Kanada „lebt“ und „arbeitet“, hielt sich bis ins neue Jahrtausend. (Dass die TV-Serie Bones auf den Romanen von Reichs basiert, dürfte allen Lesern bekannt sein.)

Neu auf dem Markt „Bones Never Lie“ von Kathy Reichs

Jetzt ist auf dem englisch-sprachigen Markt der neueste Band um die ermittelnde Wissenschaftlerin erschienen. „Bones Never Lie“ heißt der neueste Band – und um es gleich vorwegzunehmen, er ist wieder gut. Das „wieder“ ist an dieser Stelle leider notwendig, da sich in den mittlerweile 17 Jahren rund um nur eine Figur im Mittelpunkt natürlich leichte Ermüdungserscheinungen eingestellt hatten. Der eine oder andere Vorgänger von „Bones Never Lie“ der letzten Jahre war offen gestanden eher durchschnittlich, wirkte wie das schnell zusammengeschriebene Drehbuch einer einzelnen Fernsehepisode.

Ein Mörder zieht seine Spur quer durch die USA

Jetzt hat Kathy Reichs wieder einen Band fertiggestellt, der eigentlich alle Anforderungen an einen gelungenen Krimi erfüllt. Temperance Brennan muss sich mit einer ganzen Serie von Morden an jungen Mädchen auseinandersetzen. Über Jahre hinweg, so stellt sich heraus, hat ein Unbekannter, Mädchen an der Schwelle zum Frau-Sein verschleppt, misshandelt und umgebracht.

Mord mit Wurzeln in der Vergangenheit der forensischen Anthropologin

Brennan kommt über einen ihrer alten Fälle bei den Ermittlungen ins Spiel, und muss erst einmal private Probleme lösen. Spuren der Morde führen in ihre kanadische Zweitheimat, helfen könnte nur ihr Ex-Lover, der sich aber nach einem persönlichen Drama vor der Welt versteckt. Keine Frage, dass Temperance Brennan nicht nur den verschollenen Cop auftreibt, sondern auch den Mörder stellt. In beiden Fällen muss sich die ermittelnde Wissenschaftlerin mit den dunkleren Episoden ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Ein solider Band 17…

„Bones Never Lie“ hat wieder alles, was zu einem gelungenen Reichs-Krimi dazu gehört: jede Menge Tempo, eine klare, einfache aber unterhaltsame Sprache und einen hinreichend verwickelten Plot, der den Krimi-Leser neugierig auf die Auflösung macht. Ja, es gib auch kleinere Schwächen, Temperance Brennan ermittelt zwar, allerdings kaum noch in ihrem eigenen Labor (was früher einen Großteil der Spannung ausmachte), es tauchen bestimmte Formulierungen auf, die sagen wir mal sehr vertraut sind – und eine wirkliche Weiterentwicklung der Protagonisten lässt die Autorin auch unter den Tisch fallen. Insofern fehlt auch dem neusten Band der atemberaubend-fesselnde Moment des Erstlings, aber das wäre in einem „Band 17“ vermutlich auch etwas zu viel verlangt. So gibt es immerhin solide Krimi-Unterhaltung.

Kathy Reichs, Bones Never Lie, Random House, 340 S., 17,64€, VÖ: 23. September 2014

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Joakim Zanders Der Schwimmer: Politthriller und Familiendrama

Kriminalromane sind eines der wichtigsten Exportgüter Schwedens jenseits praktischer Buchregale. Da ist dann natürlich oft Durchschnitt dabei, gelegentlich aber auch außerordentlich Gelungenes. So ist das auch mit Joakims Zanders „Der Schwimmer“.

Die Geschichte um den alternden CIA-Agenten und die junge schwedische Juristin ist gleichzeitig verschachtelt komplex und spannend zielstrebig konstruiert. Das passt auch zum Thema, das hochpolitisch scheint, eigentlich aber um eine einfache Vater-Tochter-Beziehungsgeschichte kreist.

Das Schwimmbecken wird in „Der Schwimmer“ zum Fluchtpunkt

Das sind die Handlungsstränge: Da ist der CIA-Agent, der im Damaskus der achtziger Jahre bei einem Attentat seine Frau verliert, die Tochter weggeben muss, nach dem doppelten Verlust nur mühsam wieder auf die Beine kommt und letztlich bei seinem Arbeitgeber, dem US-amerikanischen Geheimdienst, ein Fremdkörper bleibt. Ruhe findet er nur beim Schwimmen.

Gnadenlose Jagd auf eine einsame Schwedin

Dann ist da die schwedische Juristin Klara Walldéen, die in Brüssel als Referentin einer Abgeordneten arbeitet und trotz Karriere und profiliertem Lover zwischen allen Stühlen zu schweben scheint In weiteren Erzählsträngen trifft der Leser auf einen Wissenschaftler, der sich mit Misshandlungen im Krieg beschäftigt und seiner Ex Klara Walldéen Informationen zukommen lässt, die lebensgefährlich werden sollen: Unter anderem ein kokainsüchtiger Lobbyist, schmierige Anwälte und gewalttätige Verbrecher machen bis zu einem furiosen Showdown in der einsamen Schärenwelt der Ostsee Jagd auf die Schwedin. Sie alle wollen ein grausames Verbrechen vertuschen.

Politthriller und Familiendrama

Joakim Zander macht das, wie ich finde, sehr gut. Er benutzt das „Haifischbecken“ Brüssel und die modernen Verhörmethoden der USA, die von Kritikern ja nicht völlig zu unrecht als behördlich gebilligte Folter bezeichnet werden, als Kulisse für eine im Grunde sehr persönliche Geschichte. Vater und Tochter müssen mit dem Verlust leben, auch wenn diese frühe Trennung nur der Vater bewusst durchlitten hatte. Im Leben beider klafft seither eine Lücke, die sie zwar funktionieren, aber nicht wirklich glücklich werden lässt: Das Gefühl der Verlorenheit erzählt Zander ohne viele Worte darauf zu verwenden beinahe beiläufig, aber zugleich sehr glaubwürdig und bewegend.

Zander steht mit dieser Mischung von großer Politik und persönlicher Tragödie in bester schwedischer Krimi-Tradition. Denn das macht die besseren schwedischen Krimis aus: Dass sie Gesellschaftskritik und individuelle Dramen perfekt verquicken, also zugleich empören und bewegen, und dabei dennoch ihre erzählerische Leichtigkeit bewahren.

Joakim Zander, eine Krimi-Neuentdeckung

Man könnte als von einer echten Krimi-Neuentdeckung sprechen. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Joakim Zander ist Jurist und hat selber in Brüssel beim EU-Apparat gearbeitet: Er verfügt durch seine eigene Biografie also über reichlich Anschauung – und die hilft ja meistens beim Schreiben. Es wird interessant zu sehen, wie sich Joakim Zander schlägt, wenn er ohne „Insiderwissen“ auskommen muss.

Tatort:Schären

Damaskus, Stockholm, Kabul, Langley, Brüssel: Joakim Zander hat sich für sein Debüt eine große Bühne gezimmert. Der Schwede schafft es, jeden seiner „Tatorte“ mit wenigen Worten gekonnt in Szene zu setzen. Die spezielle Stimmung, die diese Orte ausmacht, findet sich in „Der Schwimmer“ gelungen wieder. Der packendste „Tatort“ ist jedoch eine kleine Schäreninsel vor der Küste Schwedens.

Bei Zander ist der Schärengürtel kein paradiesischer Fluchtort für deutsche Touristen. Seine Schären sind dunkel, kalt, sturmumtost und einsam. Eher ein bedrohlicher als ein idyllischer Ort, der dennoch Heimat und Fluchtburg werden kann. Diese Widersprüchlichkeit lässt sogar die viel beschrieben schwedischen Schären noch einmal interessant und geheimnisvoll erscheinen. Auch das ist, obgleich es nur um eine Nebensächlichkeit wie die Kulisse für einen Krimi geht, eine Leistung.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 14,99€, VÖ: 1. September

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Das Hexenmädchen von Max Bentow: Düsterer Thriller mit leichtem Déjà-vu-Effekt

Zu Beginn läuft es nicht gut für Nils Trojan, Kriminalkommissar in Berlin. Der arme Mann, seit Jahren von Panikattacken geplagt, bricht ausgerechnet vor seiner Tochter zusammen. Die Halbwüchsige verfrachtet ihren Vater ins Krankenhaus, wo er von den Ärzten belächelt den Abend in eine Tüte atmend verbringt. Die Angst bleibt beherrschendes Thema in Trojans Leben, bis – und da wäre es interessant zu wissen, ob sein geistiger Vater, der Schriftsteller Max Bentow, da eine gewisse Absicht verfolgt – der deutsche Polizeibeamte, sich mit seiner Ex-Frau einen Joint gönnt. Es wäre ja, sollte ein Plan des Autors dahinter stecken, mal ein origineller Therapie-Ansatz: Jedenfalls spielt nach der kleinen Episode mit der Ex die Angst keine Rolle mehr in „Das Hexenmädchen“.

Max Bentow verwandelt gekonnt verlorene Seelen in Serienmörder

„Das Hexenmädchen“ ist seit seinem Debüt mit „Der Federmann“ mittlerweile der vierte Triller von Max Bentow. Der schreibende Schauspieler besetzt mit seinen Büchern das Genre des Psychothrillers. Es sind besonders gestörte Figuren, die die Romane des Berliners bevölkern. Von Traumata getrieben, verwandeln sich immer wieder verlorene Seelen in Serienmörder.

Kommissar Nils Trojan ermittelt in „Das Hexenmädchen“

Diese Düsternis eines Lebens am Abgrund fängt Bentow auch in seinem neuesten Krimi wieder gut ein, ihm gelingt erneut ein Plot, der eine magnetische Wirkung hat. In „Das Hexenmädchen“ werden gleich zu Beginn drei Tote gefunden, denen gemein ist, dass sie grausam verstümmelt wurden. Genauer gesagt, wurde ihnen mit einem glühend heißen Ofen das Gesicht verbrannt. Außerdem verschwinden rasch zwei Kinder. Der Zusammenhang zwischen den „Ofen-Toten“ ist leicht hergestellt, erst Nils Trojan beginnt zu ahnen, dass auch das Verschwinden in einem Zusammenhang stehen könnte. Die Ermittler geraten unter Druck, weil sie fürchten müssen, dass es mit jedem Tag mehr Tote werden können.

„Das Hexenmädchen“, düsterer Thriller mit Lichtblicken an den richtigen Stellen

Für „Das Hexenmädchen“ von Max Bentow gibt es zwei Einschätzungen. Wenn man das Buch für sich nimmt, ist es ein spannender Psychothriller, gut konstruiert, spannend geschrieben, mit hinreichend kaputten Gestalten, die dem geneigten Krimileser einen wohlig gruseligen Schauer durch die Nackenhaare treiben. Allerdings gönnt der Autor seinem Ermittler bei allen Problemen immer seine persönliche (halbwegs) heile Welt. Dass die Finsternis am Ende nicht siegt, ist natürlich schön, für einen richtig düsteren Psychothriller aber auch ein Problem. Bentow bewahrt aber hier die richtige Balance, dass die gelegentliche Lichtblicke glaubhaft, aber nicht kitschig wirken.

Ein kritisches Wort: Bentow gönnt seinen Figuren leider keine Entwicklung

Die zweite Einschätzung zum „Hexenmädchen“ fällt ein wenig kritischer aus. Bentow hat sein Rezept gefunden und ändert es – leider – nicht ab. So entsteht beim Leser, der mehr als einen der Bände Bentows gelesen hat, der Eindruck, der Berliner habe eine Blaupause, die er über neue Manuskripte legt, um dann nur noch bekannte Muster nachzuzeichnen. Das mag den Seltenleser nicht stören, aber der Vielleser in der Kriminalliteratur wird sich angesichts der Fülle der Konkurrenz ein ständiges Déjà-vu nicht antun wollen. Dass es mit ein und derselben Hauptfigur abwechslungsreich geht, haben unter anderem die Schweden Sjowall/Wahlöö (MartinBeck, zehn Bände) oder der Niederländer Robert van Gulik (Richter Di, 15 Bände) gezeigt. Vielleicht ist der Vergleich mit Ausnahmeerscheinungen der Kriminalliteratur, die ihren Figuren massive menschliche und biographische Wandlungen gegönnt haben, ungerecht, aber wer Serien anlegt, muss sich auch daran messen lassen, ob er seine Protagonisten weiterentwickelt: Und hier hat Max Bentow bei aller Sympathie für die einzelnen Folgen Schwächen.

Max, Bentow, Das Hexenmädchen, Page&Turner, 381S, 14,99€, VÖ: Juli 2014

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Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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Weshalb ich mit Marc Elsbergs sehr gelungenen Zero meine Probleme habe

Das Endzeitszenario „Blackout“ war mit Sicherheit einer der Bücher des Jahres 2012. Jetzt hat dessen Autor, Marc Elsberg, seinen neuesten Krimi veröffentlicht. Wieder steht die Technik im Mittelpunkt – und die Folgen, wenn die Systeme versagen.

Ein Kampf der Gegenwart: Datenschützer vs. Datenkraken

In „Zero“ geht es im Prinzip um einen sehr aktuellen Konflikt. Ungefähr so wie in der Jetztzeit stehen in einer nahen Zukunft Datenkraken und Datenschützer gegeneinander. Die Datenkraken haben, da bleibt Elsberg dicht an der Realität, alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen sie die Daten ihrer (eigentlich aller) Nutzer sammeln (und verwenden). Gleichzeitig, und da entfernt sich Elsberg (hoffentlich) von der Wirklichkeit, verfolgen die Datenkraken mit diesem beinahe allumfassenden Wissen die finstersten Pläne, die im Prinzip die Weltherrschaft beinhalten. Vermutlich kann man nur hoffen, dass es Google, Facebook und Co einfach zu anstrengend (und nicht lukrativ genug) wäre, gleich ganze Länder zu regieren.

Die Datenbrille als Zeuge eines Mordes

Jedenfalls passiert bei einer Verfolgungsjagd durch London ein Mord, der durch eine Datenbrille aufgezeichnet und publik gemacht wird. Das Opfer ist ein Junge der mit der Tochter der Journalisten Cynthia Bonsant befreundet ist. Das Ganze steht zu allem Überfluss im Zusammenhang mit einer „Aktion“ von Datenschutzaktivisten gegen den Präsidenten der USA. Die Journalistin, die von ihrem Arbeitsethos eher Old-School ist, beginnt zu recherchieren und gerät unversehens in einen fiesen Krieg aller möglichen (Firmen-)Finsterlinge gegen die Datenschützer. Es beginnt eine atemlose Jagd.

Marc Elsberg hat wieder einen enorm spannenden Thriller geschrieben

Hatte Marc Elsberg sich bei „Blackout“ den europäischen Kontinent als Schauplatz ausgesucht, breitet er in „Zero“ die Landkarte noch weiter aus. Über den großen Teich bis in die USA geht die Jagd. Um es kurz zu sagen: Eigentlich hat Marc Elsberg wieder einen enorm spannenden, sauber durchdeklinierten und intelligenten Thriller geschrieben. Dennoch habe ich mit Zero meine Probleme. Aber das hat eher mit mir zu tun.

Meine persönlichen Befindlichkeiten und „Zero“

Marc Elsberg hat sich eine ältere Journalistin als Protagonistin auserkoren, die ihre Wurzeln im guten alten Printgeschäft hat und eher widerwillig sich mit den modernen Informationsplattformen auseinandersetzen muss. So wie Elsbergs „Cyn Bonsant“ habe ich meine Wurzeln, das Alter bringt es mit sich, im Printgeschäft. Vielleicht ist es ja ganz einfach, und es geht mir wie Polizisten, die keine literarischen Kommissare mögen, weil sie zu fern von der eigenen Realität sind. Bei mir kommt hinzu, dass ich vor einigen Jahren den Weg gegangen bin, den Elsbergs Heldin verweigert. Ich arbeite „online“ und versuche, bei meiner Arbeit immer wieder den Beleg zu bringen, dass moderne Kommunikationsformen und Qualitätsjournalismus kein Widerspruch sein müssen. In sofern kann ich mit der Zivilisationskritikerin Cyn Bonsant nicht viel anfangen: Es ist meiner Erfahrung nach viel mehr so, dass in der Realität die Online-Kritiker unter den Journalisten in den seltensten Fällen Kämpfer für die Qualität und hohe Werte, sondern meistens von der Blockadehaltung gegen jegliche Veränderung oder zusätzlich von dem Bemühen, jeglicher ernsthafter Arbeit aus dem Weg zu gehen, getrieben sind. Deshalb taugt die Protagonistin in „Zero“ für mich persönlich nicht als Identifikationsfigur.
Eigentlich sollten diese persönlichen Befindlickeiten bei der Bewertung eines Buches keine Rolle spielen, abr andererseits kann ich nur so erklären, weshalb ich bei einem eigentlich sehr gelungenen Kriminalroman keinen euphorischen Text schreiben kann. Aber das muss alle Menschen, die ihr Geld nicht mit Online-Journalismus verdienen, ja ohnehin nicht abhalten, „Zero“ mit großem Vergnügen zu lesen. Jenseits meines leichten Unbehagens ist „Zero“ schließlich ein sehr guter, spannender und action-geladener Krimi in bester angelsächsischer Thriller-Tradition.

Marc Elsberg, Zero, Blanvalet, 478S, 19,99€ VO: 26. Mai 2014

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Tom Hillenbrands Drohnenland: Sensationell guter Krimi und düsterer Blick in die Zukunft

Wer viel liest, wird zwangsläufig über eine große Bandbreite von Büchern stolpern: gute, schlechte, Dutzendware. „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand gehört eindeutig in die Kategorie „sensationell gut“. Der Krimi ist das Buch, das mich in 2014 bislang eindeutig am meisten begeistert hat, es ist gleichermaßen faszinierend wie fesselnd.

Ein perfekter Krimi, mit einer kleinen Einschränkung

All diejenigen, die bereits jetzt überlegen, sich „Drohnenland selber zu kaufen, sollten sich einer wichtigen, kleineren Einschränkung gewahr sein. Ich mag Science-Fiction. Ich mag auch im Kriminalroman Weltuntergangsszenarien, Verschwörungstheorien und politische Spekulationen. Wer – und das soll es ja geben – mit diesen Themen grudnsätzlich Schwierigkeiten hat, könnte bei „Drohnenland“ verkehrt sein.

Ein düsteres Szenario in „Drohnenland“

Tom Hillenbrand beschreibt ein Leben in einer Europäischen Union, in der erstens die Niederlande als Folge der Klimakatastrophe abgesoffen sind, zweitens die Bürger durch allgegenwärtige Drohnen beinahe der totalen Überwachung unterliegen und drittens ein allgegenwärtiges Informationsnetzwerk, das erschreckend präzise Verhaltensweisen (und damit potentielle Verbrechen) vorherzusagen vermag, mindestens unterschwellig einen totalitären Polizeistaat entstehen ließ.

Mord an einem Abgeordneten als Auslöser für eine gnadenlose Jagd

Der Polizist Aart Westerhuizen wird von einem beinahe allwissenden Polizeicomputer zur Leiche eines Europa-Abgeordneten gerufen. Der Mann liegt erschossen auf einem regendurchweichten Acker vor den Toren von Brüssel. Trotz der lückenlos erscheinenden Überwachung fehlt vom Täter zunächst jede Spur. Selbst das Motiv für den Mord bleibt lange im Dunkeln. Da eine Abstimmung über eine neue EU-Verfassung bevorsteht, schlägt der Fall in den Brüsseler Machtzentralen hohe Wellen: Westerhuizen und seine Daten-Forensikerin Ava Bittmann geraten erst unter Druck und später in sehr reelle Gefahr, der sie eigentlich nur in eine digitalen Welt entkommen können. Die Gegner jedenfalls kommen, ohne zu viel zu verraten, von allen möglichen erwartbaren und überrachenden Seiten.

Tom Hillenbrand entwirft eine wohlig unheimliche Zukunftsvision

Deshalb mag ich „Drohnenland“ so sehr: Zunächst einmal ist Hillenbrand ein enorm spannender Kriminalroman mit überaus gelungenen Figuren, denen man gerne durch die Handlung folgt, gelungen. Dann greift Hillenbrand aktuelle technische Diskussionen, Trends und Erfindungen (Google Glasses) auf, verwurstet – wenn man das so respektlos sagen darf – sie gekonnt und setzt sie zu einer glaubwürdigen und (für eine Fiktion) wohlig unheimliche Zukunftsvision zusammen. Das gleiche macht er mit bereits bekannten politischen Strömungen, die er sich für seine Krimi-Zukunft zurechtspinnt. Und zu guter Letzt steckt „Drohnenland“ voller hübscher kleiner Einfälle und Seitenhiebe. Das Gebäude seines ehemaligen Arbeitgebers beispielsweise lässt er halb in der Elbe versinken, der Redaktionsraum von Spiegel Online dient nur noch einer Bande von Hausbesetzern als Zuflucht.

Tom Hillenbrand hat eine eigene Welt erschaffen

Insgesamt ist Tom Hillenbrand also ein sehr großer Spaß gelungen, auch weil er es schafft, auf überschaubaren Raum mit wenigen Worten das ganz große Bild zu zeichnen. Themen, die andere auf tausend und mehr Seiten ausbreiten, skizziert er sehr überzeugend mit einigen wenigen Nebensätzen. Er hat in Drohnenland eine eigene Welt erschaffen. Mehr geht eigentlich nicht.

 

Tatort: Brüssel

Holland ist weg, ein Teil der Nordsee. Die USA kommen nur noch mit einem Nebensatz vor, dass „sie keine Rolle mehr spielen“, Machtzentren liegen in Korea, in Moskau und London. Die Europäische Union hat sich vom Süden Italiens getrennt, aber einen Teil der Sahara annektiert. Das sind in etwa dies Rahmenbedingungen, die das Leben in Brüssel bestimmen.

Die Machtzentrale ist Brüssel, das sich vom Technokratennest in eine Megapolis verwandelt hat: Es gibt großzügige Boulevards, Paläste und verdreckte Slums. Über scheint der Atem des Verfalls zu wehen. So ganz genau weiß man nicht, ob der europäische Gedanke, der neue Superstaat, der sich in seiner Hauptstadt manifestiert noch eine Zukunft hat. Natürlich lässt sich der Zukunftsthriller „Drohnenland“ von Tom Hillebrand nicht als Stadtführer für die belgische beziehungsweise europäische Hauptstadt verwenden. Der Tatort Brüssel aus der Zukunft hat (natürlich) nur noch wenig mit der Stadt von heute zu tun. Trotzdem zeichnet Hillebrand so ganz nebenbei auch noch ein glaubwürdiges Bild des künftigen Brüssels. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob mir das nicht doch Sorgen bereiten soll.

Tom Hillenbrand, Drohnenland, KiWi, 423S., 9,99€, VÖ: 15. Mai 2014

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David Baldaccis The Hit, der Tomatensaft unter den Thrillern

Es gibt Berufsbilder, die bestehen vermutlich ausschließlich in den USA. Will Robie ist Berufskiller. So wie andere ins Büro gehen, um die Buchhaltung in Ordnung zu bringen, bereist Robie im Auftrag der CIA die Welt, um gefährliche Politiker, die die Weltordnung stören könnten, auszuschalten. Das Leben als Killer einer Weltmacht könnte so schön sein, wenn da nicht plötzlich eine Kollegin offenbar Amok läuft und anfängt, die eigenen Leute umzubringen. Will Robie wird beauftragt, Jessica Reel, die  so die einzige Erklärung, zum Feind übergelaufen ist, auszuschalten.

Ein Thriller für Gehirne im Leerlauf

Man muss wirklich das Gehirn, das Ethikzentrum und das logische Denken ausschalten können, um dem Thriller „The Hit“ von David Baldacci nicht nach wenigen Seiten empört zur Seite zu werfen. Es gibt ja aber immer Extremsituationen, wo das nicht so einfach ist. An Bord eines Flugzeuges in 10.000 Meter höhe zum Beispiel. Da ist es dann vergleichsweise einfach, das Gehirn auszuschalten. Das läuft ja in diesen stählernen, von roboterartigen Bordbegleiter-Wesen dominierten Röhren ohnehin klugerweise die meiste Zeit im Leerlauf.

David Baldacci, der Tomatensaft unter den Thriller-Autoren

Weil das so ist, gibt es das Phänomen der Flughafen-Autoren, die ihre Honorare damit verdienen, reißerische Stoffe für Fluggäste zusammen zu fabulieren. Und was soll man sagen. David Baldacci kann das richtig gut. Wenn man sich auf das Szenario einlässt, ist „The Hit“sogar richtig spannend. Hohes Tempo, schnörkelloser Erzählstil und eine sehr dichte, hinreichend komplexe Story lassen die Zeit tatsächlich im Flug vergehen. Insofern ist David Baldacci vermutlich der Tomatensaft unter den Krimis, unwiderstehlich gut ab Reiseflughöhe.  Das gute an dieser Form der Flughafenlektüre ist, dass sie global beinahe einheitlich erhältlich ist, ob man nun in Miami oder Lissabon Umsteigezeit hat, man wird garantiert fündig.

Eine Verschwörung für Verschwörungstheorienanhänger

Und dann noch der Nachsatz für diejenigen, die Probleme mit der Regulierung der Gehirntätigkeit haben: Will Robie deckt eine Verschwörung innerhalb der US-Regierung auf, die nichts weniger zum Ziel hat, als einen ganz Haufen Staatsmänner abzumurksen, und so die gesamte Welt zum Nutzen einiger Reaktionäre ins Chaos zu stürzen.  Wer ein solches Szenario für realistisch hält, glaubt vermutlich auch, dass ein US-Geheimdienst die Telefone befreundeter europäischer Regierungen abhört. Naja, vielleicht sollte man doch häufiger im Flugzeug lesen, um zu erfahren, was unsere Freiheit bedroht…

David Baldacci, The Hit, Macmillan, 390 S., VÖ: 2013
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Arno Strobels Das Rachespiel: Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker

Ein Relikt aus dem Kalten Krieg spielt die Hauptrolle. Bei Arno Strobels „Das Rachespiel“ steht das unterirdische Monstrum aus Beton jedenfalls eindeutig im Mittelpunkt, und er verhält sich angemessen gruselig. In ihm ist es dunkel, es ist kalt, er hat allerlei verwirrende Gänge, Treppen und Räume – und er ist hermetisch verriegelt. Das wird vor allem für vier Menschen, die als Kinder eine Bande, eine Gang, wie man heute wohl so sagt, bildeten und seit her keinen Kontakt hatten, zum Problem.

Perfide Schnitzeljagd im Atombunker

Ein Unbekannter lockt die vier mit einer relativ unverhohlenen Drohung, ihre Familien umzubringen, in den besagten Bunker und sperrt die sie in der unterirdischen Anlage ein. Zwei haben die Chancen, so verkündet der Täter per Lautsprecherdurchsage und Video, in einer perfiden Schnitzeljagd, sich und ihre Angehörigen zu retten.

Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers

Es ist relativ früh klar, dass das nicht gut ausgehen kann – und wird. Natürlich gehen sich die vier schnell an die Gurgel, metaphorisch und direkt. Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers aus der Sicht von Frank Geissler, einem erfolgreichen Software-Entwickler aus der Provinz. Geissler, verheirateter Vater einer halbwüchsigen Tochter war als Jugendlicher Anführer der Kinder, die sich als Bande zusammen schlossen. Gemeinsam haben sie, das quält alle gleichermaßen seit ihrer Jugendzeit möglicherweise einen geistig zurückgebliebenen Jungen auf dem Gewissen. So ganz genau wissen sie das nicht, weil nach einem Streich, zu dem sie den Jungen anstifteten, die Leiche nie gefunden wurde. Insofern müssen sie fürchten, dass ihr Opfer jetzt als Rächer über sie gekommen ist.

„Das Rachespiel“ stellt Herausforderungen an die Glaubwürdigkeits-Toleranz

„Das Rachespiel“ ist vermutlich die perfekte Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker. Arno Strobel erzählt seine Geschichte routiniert und mit allen handwerklichen Mitteln, die zu einem düsteren Thriller dazugehören. Dennoch wirkt das Ergebnis eher zwiespältig. Der Leser muss jede Menge Fragen zur Plausibilität beiseite schieben, um sich auf das Szenario einlassen zu können. Ein guter Krimi ist halt trotz der unwahrscheinlichsten Grausamkeiten, die die Menschen in der Kriminalliteratur begehen, immer glaubwürdig. Und da hapert es bei Arno Strobel. Es geht in „Das Rachespiel in etwa so voran wie in einem dieser Hollywood-Horrorfilme, bei denen eine dusselige Hauptdarstellerin wider jedes bessere Wissen doch die falsche Tür aufmacht, um das Monster freizulassen. Darauf kann man sich einlassen, darauf muss man sich aber auch einlassen wollen, um den „Thrill“ genießen zu können.

Als Gegenpol für gut gelaunte Urlauber gut geeignet

Überdies ist das Szenario den Rahmenbedingungen geschuldet nicht so komplex, dass der Leser über einen längeren Zeitraum wirklich im Unklaren über den Ausgang des Geschehens beziehungsweise den Täter gelassen wird. Das kann natürlich auch Absicht des Autors sein, das Vergnügen am Spannungsbogen leidet. Insgesamt ist „Das Rachespiel“ von Arno Strobel vielleicht ein guter Krimi für die Urlaubszeit, ein literarischer Gegenpol zu durch Sonne, Strand und Freizeit ausgelösten Glücksgefühlen.

Tatort:Eifel

„Das Rachespiel“ ist ein Kammerspiel mit anderen Mitteln. Man erfährt, dass der Atombunker, in dem sich die Protagonisten eine Nacht über belauern, in der Eifel steht. Wo der Bunker genau steht, bleibt offen, ist natürlich aber auch nicht wichtig. Alles Wichtige, was es über die Eifel zu wissen gibt, besteht vielleicht genau darin: Auch 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges stehen dort, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, noch Atombunker herum, die sich als Schauplatz für ein Verbrechen eignen.

Arno Strobel, Das Rachespiel, Fischer, 337S., 9,99€

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