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Kathrin Langes „40 Stunden“: Ein Krimi für den Urlaubsleser

Der Ermittler ist Moslem, von der Familie unverstanden, selbstverständlich von seiner Frau verlassen und natürlich wegen eins schrecklichen Ereignisses traumatisiert (und suspendiert). Es gibt einen umstrittenen ökumenischen Gottesdienst, dazu passend religiöse Fanatiker, eine Querverbindung nach Afghanistan inklusive einer wegen Ehebruch gesteinigten Frau, einen katholischen Priester, der es mit dem Zölibat nicht so ganz genau nimmt, missliebige Vorgesetzte, einen bösartig-genialen Attentäter und natürlich eine gnadenlose Bombendrohung.

Alle Bausteine aus dem Krimi-Bastelset

Wenn man streng ist, muss man sagen, dass Kathrin Lange im Workshop kreatives Schreiben genau aufgepasst hat und alle Bausteine, die einen ordentlichen Krimi ausmachen, in ihrem Thriller-Debüt „40 Stunden“ untergebracht hat. Das ist für den regelmäßigen Krimi-Leser auf Dauer ein wenig anstrengend, weil sich irgendwann der Gedanke „och nö, nicht da jetzt auch noch“ aus dem vollgestopften Krimi-Gedächtnis-Zentrum ins Bewusstsein drängt.

40 Stunden ist ein ordentlicher Urlaubskrimi

Tatsächlich kann man „40 Stunden“ auch anders sehen. Wenn man diese fiesen kleinen Gedanken zurückdrängt, hat Kathrin Lange einen recht soliden, über weite Strecken spannenden Krimi geschrieben, keinen Klassiker, aber einen von der Sorte, der einem im Urlaub am Pool, in der Hängematte oder auch Im Flugzeug gute Dienste leistet, weil Kathrin Lange im Workshop für kreatives Schreiben eben so gut aufgepasst hat: Das Tempo ist hoch, die Handlung hinreichend komplex, die Figuren sympathisch (bzw angemessen finster). Perfekt für die Urlaubssituation, bei der man ja meist Wert auf reduzierte intellektuelle Transferleistungen legt.

Kathrin Lange versucht zu sehr, alles richtig zu machen

Den Krimi-lesenden Blogger stört bei „40 Stunden“ vielleicht auch nur, dass die Autorin zu sehr versucht hat, alles richtig zu machen: So drängt mit einer gewissen Penetranz immer wieder das Vorhaben, einen richtig spannenden Krimi zu schreiben, in den Vordergrund, das wirkt wie bei einem Musiker, der eine eigentlich sehr schöne Melodie mit Drum-Computer und Hammond-Orgel aufzupeppen versucht und dann zu oft Klangbrei produziert.

Hatz unter Zeitdruck durch Berlin

Darum geht’s: Der Papst kommt nach Berlin, um einen ökumenisches Abendmahl abzuhalten. Das ist umstritten. Das nutzt ein Unbekannter um Faris Iskander, Ermittler mit ägyptischen Wurzeln, auf eine gnadenlose Hetzjagd durch Berlin zu treiben. Immer wieder sprengt der Täter Bomben und tötet Menschen. Es wird schnell klar, dass es auch um Iskander persönlich geht. Viel Zeit hat Iskander, der von seinen Vorgesetzten nicht eben unterstützt wird, nicht zur Verfügung. „40 Stunden“, um genau zu sein.

Tatort:Berlin

Berlin übt auf Touristen einen großen Reiz aus. Das merkt der in Berlin lebende Mensch, wenn er Pech hat, jeden Tag auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Berlin reizt aber auch Krimi-Autoren. Natürlich bietet die Hauptstadt Autoren viele Möglichkeiten, ihre „kriminelle Energie“ auszuleben. In „40 Stunden“ wird ein solide recherchiertes Bild der einzelnen Schauplätze gezeichnet, aber eben auch nur genau das. Insgesamt bleibt das Berlin von Kathrin Lange eher eindimensional, es ist das Berlin derjenigen, die hier mal zu Besuch sind. Das ist kein Mangel, kein Makel, aber ein Hinweis für diejenigen, die wissen wollen, wie die Tatorte im Krimi stattfinden – und darum geht es sich beim „Tatort:Krimi“ am Ende der Texte ja beinahe immer auch.

Kathrin Lange: 40 Stunden, Blanvalet, 414 S., 9,99€ VÖ Februar 2014

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Chicago als Krimi-Tatort: Sehenswerte Orte und gute Chicago-Krimis

Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter
Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter

 

Aus Sicht des Krimi-Autoren dürfte Chicago den perfekten Schauplatz für perfide Verbrechen geben. Chicago ist groß, Chicago hat eine lange Tradition des organisierten Verbrechens (Al Capone), kaum eine Stadt hat vermutlich eine ähnliche Quote von Politikern und öffentlich Bediensteten mit einer Strafakte (Unter anderen saßen drei Gouverneure im Gefängnis). Kaum eine Stadt bietet aber auch eine derart großartig-spektaluläre Architektur, die die Phantasie beflügelt.

Das fängt im Innenstadtbezirk, dem sogenannten Loop an. Dort stehen silbrig in der Sonne glänzende Bürokomplexe aus Stahl und Glas, Sinnbilder amerikanischer Wirtschaftsmacht. Aber nur eine Ecke weiter, einen Schritt hinter deren glänzende Fassade warten enge, dunkle Wände, buchstäbliche Hochhausschluchten, an deren Fuß kaum einmal ein Sonnenstrahl reicht. Dort dominieren Schmutz und Dunkelheit – auch das natürlich metaphernfähig für die US-amerikanische Gesellschaft.

Zwischen den riesigen Hochhauskolossen ducken, das Wort möchte man trotz der tatsächlichen Größe gebrauchen, die frühen, großzügig verzierten Skyskraper aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch Chicago hätte die Blaupause für Batmans Gotham City bilden können.

Den krimi-tatort-gerechten Eindruck  verstärken die schier endlosen Vorortsiedlungen, die sich am See-Ufer entlang in die Ebene erstrecken. Auch hier massenhaft bürgerliche Fassaden mit schäbigen Hinterhöfen, in denen mit allerlei alten Möbeln vollgestellte Feuertreppen, die Terrassen und Balkone ersetzen sollen, ein eher trauriges Bild des american Way of Life“ zeigen. Perfekt düstere Krimi-Stimmung überall, also.

Hier meine drei Chicago-Orte, die sich unter gleich welchem Gesichtspunkt für einen Besuch lohnen.

 

1. Der Sears-Tower

Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter
Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter

Gut, er heißt nicht mehr so, seit eine Anwaltskanzlei zum Hauptmieter wurde und das Namensrecht gleich mitgepachtet hat. Aber Willis-Tower, tut mir leid, liebe Anwälte, klingt weder gut, noch nach irgendeiner Tradition.  Jedenfalls ist das Gebäude das höchste Chicagos und war mal da höchste Haus der Welt (aktueller Rang: Platz 10).  Jedenfalls gibt es relativ weit oben eine  Aussichtsplattform, von der aus man wirklich einen großartigen Ausblick auf die Stadt und den Lake Michigan hat. Natürlich ist es eine Touristenattraktion, aber eben ein Sehenswerte. Halbwegs höhentaugliche Menschen können sich sogar auf einen vollverglasten Plexiglas-Balkon stellen und auf kleine Bauklötze zwischen den Füßen schauen. Allerdings sind diese Bauklötze selber Hochhäuser von 70-100 Meter Höhe. Der Sears-Tower bietet also einen hübschen Perspektiv-Wechsel

 

2. Die North-Western-University

Die Skyline von Chicago am Lake Michigan
Von der North-Western-University aus ist as Zentrum Cicagos weit. Das hilft beim ungestörten denken und lernen (c) Kanter

Ein gutes Stück entfernt vom Stadtzentrum liegt der Campus der North-Western-University von Chicago. Das Universitätsgelände ist erstens riesig, zweitens direkt am Lake Michigan gelegen und dritten von einer ganz besonderen, aufbruchartigen Aura umgeben. Der Besucher, auch wenn der das studentische Alter weit hinter sich gelassen hat, meint förmlich zu spüren, wie er auf dem Weg zwischen den Fakultätsgebäuden hindurch klüger wird. (vermutlich bleibt es bedauerlicherweise bei dem Gefühl). Es ist aber leicht, sich dort wohl zu fühlen, weil der Campus ein Elfenbeinturm im besten Sinne ist. Dort arbeiten Professoren, die Vergnügen haben, ihr Wissen weiter zu geben und Studenten, die durchdrungen sind von Optimismus und Leistungsbereitschaft und dem Willen auf eine bessere Zukunft. So soll das auch sein. Die Realität kommt mit dem Arbeitsleben schließlich früh genug.

 

3. „Das, wo sie den Picasso haben“

Cook-County-Gebäude in Chicago (c) Kanter
Das Platz vor dem Cook-County-Gebäude in Chicago, bekannt aus dem 80er-Jahre-Klassiker „Blues Brothers (c) Kanter

Kann einen ein kommunales Verwaltungsgebäude in stilles Verzücken versetzen? Ja, es kann. Zumindest in Chicago, wenn der Tourist zufällig auf den Vorplatz des „Cook County-Gebäudes gelangt. Das ist nämlich „das, wo sie den Picasso“ haben“. Den meisten Mitvierzigern besser als das Gebäude bekannt, wo erstens das „Blues-Mobil“ in seine Einzelteile zerfällt und zweitens Joliet Jake und Elwood in einem furiosen Finale von einer irrwitzig großen Zahl von Polizisten, Nationalgardisten und Soldaten festgenommen worden. Damit ist es eine de wichtigsten Pilgerstätte für alle Fans des überdrehten Films „Blues Brothers“, der Anfang der achtziger Jahre zumindest männliche Teen-Ager mit seiner Mischung aus Pennäler-Humor, grotesken Verfolgungsjagden und genialem Soundtrack wiederholt an den Kinosessel fesselte.

Krimis, die in Chicago spielen:

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 1. Februar 2014

John Grisham, Verteidigung, Heyne, 464 S.,September 2012

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Lauren Beukes „Shining Girls“ erfordert einen toleranten Leser

Es gibt Bücher, die erfordern eine grundsätzlich tolerante Leseeinstellung. Wer also beispielsweise mit übersinnlichen Phänomenen nichts anfangen kann, motivationsfreies Handeln im Kriminalroman oder willkürliche Sprünge in der Handlung schwierig findet, der sollte unbedingt seine Finger von Lauren Beukes „Shining Girls“ lassen.

Ein zeitreisender Mörder in „Shining Girls“

Die Südafrikanerin Beukes hat einen Kriminalroman geschrieben, dessen heimlicher Hauptdarsteller ein Haus ist, das Zeitreisen ermöglicht. Das wird nicht erklärt, das ist einfach so. Genau so selbstverständlich nutzt Harper, ein Opfer der großen Depression in den USA Ende der zwanziger Jahre, das Haus für mörderische Ausflüge in die Zukunft. Die sind aus irgendwelchen Gründen aber bis ins Jahr 1993 begrenzt, weiter kommt der Serienmörder nicht, der unerklärt über die Dekaden hinweg kleine Mädchen zu „Shining Girls“ erklärt und ermordet, wenn sie erwachsen geworden sind. Klingt schräg? Ist es auch.

Lauren Beukes hat beinahe die perfekte Protagonistin erdacht

Wer lesend Toleranz aufbringen kann, wird bei „Shining Girls“ dennoch einiges Vergnügen finden. Das liegt an Kirby. Die überlebt als einzige einen Angriff Harpers. Natürlich ist sie traumatisiert, natürlich versucht sie, ihren Angreifer aufzuspüren. Es ist spannend ihr dabei zuzusehen, wie sie Stück für Stück das Puzzle rund um einen wahnsinnigen Serienmörder mit Hilfe eines ausgebrannten Journalisten zusammensetzt. Auch die Verletzbarkeit, der wütende Trotz, mit dem die junge Frau ihrem Schicksal begegnet, ist gut erdacht und  glaubhaft aufgeschrieben. Eine beinahe perfekte Protagonistin

Viele liebevoll erdachte und interessant aufgeschriebene Details

Zu den Stärken von „Shining Girls“ gehört auch das fragmentarische Portrait einer zerrissenen Stadt und seiner immer neuer Verelendung ausgesetzten Stadtviertel.  Hier denkt sich die Autorin, wie auch beim gesamten handelnden Personal, immer wieder interessante Details aus. Allein das macht „Shining Girls“ lesenswert.

Shining Girls: Wohl eher ein Buch für Freunde des Übersinnlichen

Die Frage, ob es sich lohnt, „Shining Girls“ zu lesen, lässt sich also nicht so ohne weiteres beantworten. Krimi-Vielleser sollten es mal versuchen, weil viele hübsche Ideen verborgen sind, wer unerklärte Übersinnliche Phänomene mag, auch. (Und die Zahl scheint ja immer mehr zuzunehmen.) Wer auf analytische Stoffe und bodenständig-realistische Verbrechen Wert legt, der ist bei Beukes jedoch eher falsch. Anders gesagt, insgesamt eher merkwürdig, aber auch mit vielen faszinierenden, fesselnden Passagen.

 

Tatort:Chicago

Die Südafrikanerin Lauren Beukes hat sich für ihr Krimi-Debüt gründlich in der US-Metropole Chicago umgeschaut. Ihre Erkenntnisse sind großzügig in „Shining Girls“ eingeflossen, so dass zumindest der Chicago-Tourist, viele Orte wiedererkennt und eine Art „Heimat“-Gefühl entwickeln kann. Spannend ist auch der Blick in die Geschichte, und die permanente Verelendung, der die Wirtschaftsmetropole über alle Zeitenläufe hinweg ausgesetzt scheint. Gesellschaftlichen Fortschritt scheint es aller Entwicklung zum Trotz in den Elendsvierteln der Stadt nicht zu geben. Beinahe könnte man meinen, die Zeitreisen des Mörders fänden nicht statt.

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 14,99€, VÖ: 1. Februar 2014

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Serientäter Lee Child gibt Jack Reacher diesmal „61 Stunden“ Zeit

Heute neu: Der Baukasten-Krimi. Der Autor: Lee Child. Seit geraumer Zeit lässt der britisch-amerikanische Autor Jack Reacher auf die Bösewichter los. Der bislang neueste Thriller heißt „61 Stunden“.

„61 Stunden“ Zeit in der amerikanischen Provinz

Das sind die Bestandteile des Krimis. Natürlich Jack Reacher, unbeugsamer Einzelgänger mit Vergangenheit als Soldat, der Konflikte meist mit seinem Körper als Waffe löst, mindestens einmal  je Roman mit ausgefeilter Kampftechnik in erdrückender zahlenmäßiger Unterlegenheit. Außerdem dabei: Eine abgelegene Provinzstadt der USA, meist von der Zivilisation abgeschnitten, sei es durch  große Wüsten (wie bei „Outlaw“) oder Naturgewalten (wie bei „61 Stunden“). Unverzichtbar: Dümmliche Schlägertypen, ausgekochte Bandenbosse, eine weitreichende Verschwörung, ein oder mehrere korrupte Polizisten und eine Frau in Not, die, wenn sie alt ist oder stirbt, aber unerhört bleibt.

Lee Child erzählt seine Thriller-Serie routiniert

Auch wenn die Handlungsstränge austausch- und vorhersehbar sind, bleiben die Thriller von Lee Childs auf eine merkwürdige Weise spannend. Das liegt daran, dass Childs dicht, schnell und ohne große Schnörkel erzählen kann. Zudem ist der ewigwährende Kampf des unterlegenen „Gute“ gegen das erdrückend starke „Böse“ als Entspannungslektüre immer gut geeignet. Insbesondere mittelbegeisterte Vielflieger wissen die Child-Romane als gleichermaßen einfach verdauliche wie gut ablenkende Lektüre zu schätzen.

Eine Partnerin für Jack Reacher?

In „61 Stunden“ variiert Child sein Jack Reacher-Thema ein wenig. Es tritt erstmals eine Frau auf, die Bedeutung erlangen soll. Susan Turner heißt die Dame und ist aktuell die Kommandantin jener Spezialeinheit der Militärpolizei, die Reacher einst gründete. Bereits jetzt hat der Autor angekündigt, dass es eine fünfbändige Serie in der Serie um Susan Turner geben soll.

Diesmal: Nicht nur Fäuste, auch Gehirn

Noch etwas ist im Vergleich zum vorherigen Band anders. Jack Reacher ermittelt. Im vorherigen Band hatte er sich in erster Linie auf seine Fäuste und eine Kanone verlassen, in „61 Stunden“ benutzt er auch sein Gehirn. Das ist ganz angenehm, auch wenn die Synapsen Reachers – dessen größte Demütigung vermutlich darin bestand, dass er in der ersten Verfilmung eines Falles als 1,98-Mann ausgerechnet von dem Hollywood-Gnom Tom Cruise gespielt wurde –  natürlich nur eine deutliche Schwarz-Weiß-Färbung der Welt wahrnehmen können.

Darum geht es in „61 Stunden“

Die Handlung des Baukastenkrimis in der aktuellen Folge? Reacher bleibt in einem Schneesturm in einem abgelegenen Kaff in South Dakota hängen, hilft der Polizei bei Ermittlungen gegen eine Motorradgang, versucht eine Zeugin vor einem Drogenboss zu schützen, gerät dabei unter Zeitnot und sorgt, soviel darf verraten werden, nachhaltig für Ordnung auf den Straßen.

Tatort: South Dakota

South Dakota steht mehr noch, als der nördliche „Schwester“-Bundesstaat North Dakota in dem Ruf, US-amerikanische Provinz zu sein. Dieses Thema erzählt Lee Child am Beispiel des Örtchens … gründlich aus. Die Menschen leben friedlich, meist in farmartigen Gebäuden. Die nächste Stadt ist weit, die wirtschaftliche Lage meist angespannt, wenn nicht schmutziges, zumindest aber teuer erkauftes Geld in die Stadt fließt. In South-Dakota ist zudem das Wetter ein bestimmender Faktor, im Winter ist es kalt. Das erfährt Jack Reacher nach dem Willen seines Schöpfers in allen möglichen Facetten am eigenen Leib. Wirklich etwas über die Gegend, den Tatort des Geschehens, erfährt der Leser darüber hinaus nicht.

Lee Child, 61 Stunden, Blanvalet, 443S, 19,99€, VÖ: 28. Oktober 2013

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Tom Rob Smith verlässt mit „Ohne jeden Zweifel“ vertraute Pfade

Daniel ist Gärtner in London und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben.  Zwar hat er einen grünen Daumen, aber kein Talent fürs Geschäft. Auch insofern ist sein Leben eine große Lüge, genau wie seine private Beziehung zu Marc, die er seinen Eltern vorenthalten hat. Insofern macht er sich – als seine Mutter, die mittlerweile in Schweden lebt, ankündigt, ihn besuchen zu wollen, zunächst einmal Sorgen um das fragile Konstrukt seines Lebens.

Eine gigantische Verschwörung in Ohne jeden Zweifel“?

Seine Mutter Tilde jedoch hat ganz andere Sorgen. Sie werde von ihrem Mann und anderen finsteren Gestalten verfolgt, sei zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen worden und wisse um eine Verschwörung von gigantischem Ausmaß, erzählt sie am Telefon. Sie überzeugt ihren Sohn, sich die Geschichte anzuhören, reist nach London und legt ihre Beweiskette in einer ausführlichen Erzählung dar. Daniel hört zu – und fragt sich, ob er seiner Mutter glauben soll.

Tom Rob Smith verlässt das Genre des historisch-politischen Thrillers

Tom Rob Smith hat sich die Geschichte ausgedacht und mit „Ohne jeden Zweifel“ zunächst einen radikalen Wechsel vollzogen. Smith hatte den russischen Agenten Leo Demidow erfunden und mit „Agent 6“ und „Kind 44“ sensationell gute (und sensationell erfolgreiche) Bücher geschrieben.  Jetzt hat er das Genre gewechselt und hat es natürlich schwer, weil er immer an seinen ungemein komplexen, raffiniert erdachten und spannend aufgeschriebenen Thrillern im politisch-historischen Bereich gemessen wird.

Ein sehr privates Buch

„Ohne jeden Zweifel“ ist ein sehr privates Buch, in der das Halbschwede Smith ein wenig auch seine eigene Herkunft einfließen lässt. Sein neuester Thriller basiert ist mehr Familiendrama als Weltverschwörungsroman; statt Kreml  und Kabul sind die Handlungsorte eine kleine Wohnung im Herzen von London und ein abgelegenes Dorf in Südschweden.

Raffiniertes Spiel um Wahn und Wirklichkeit

Auch wenn Demidow-Fans beim neuen Smith sehr enttäuscht sind, kann man Smith seine Klasse nicht aberkennen. Auch „Ohne jeden Zweifel“ ist fesselnd aufgeschrieben, weniger komplex vielleicht, mit klarer konturiertem Rahmen, aber nichtsdestotrotz raffiniert. Das Spiel um Wahn und Wirklichkeit hat jenseits üblicher Krimilektüre jedenfalls seine ganz eigene Qualität und ebenfalls hohen Unterhaltungswert.

 

Tatort:Südschweden

Den Augen vieler Deutscher ist Schweden der perfekte Urlaubsort, eine heile Welt mit viel schöner Natur, freundlichen Menschen und entspannter Lebenswirklichkeit. Viele schwedische Krimi-Autoren setzen alles daran, dieses Bild ländlich heiler, von modernen Problemen unberührter Welt durch düstere Großstadtbeschreibungen zu zerstören. Tom Rob Smith, der eine schwedische Mutter hat, geht da raffinierter vor. Er beschreibt das ländliche Schweden mit kleinen Landwirtschaften, idyllischen Seen und verschlafenen Dörfern genau so, um dann nur umso präziser den ganzen Schrecken auszumalen, der in dieser abgelegenen Provinz, die längst nicht so heile ist, wie der Schein  es suggeriert, das Leben zur Hölle werden lässt. Insofern ist „Ohne jeden Zweifel“ auch ein interessantes Länderportrait.

Tom Rob Smith, Ohne jeden Zweifel, Manhattan, 383S.,19,99€, VÖ:: 14. Oktober 2013

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Karin Slaughters „Harter Schnitt“ ist Thriller und Familiendrama zugleich

Als Karin Slaughter vor mittlerweile einen Dutzend Jahren ihren ersten Thriller veröffentlichte, hob sie das Gruselniveau im Mainstream-Thriller noch einmal deutlich hoch. Ihre Figuren waren noch einmal eine Nuance „fertiger“, die Abgründe noch eine Spur tiefer als in den vergleichbaren Kriminalromanen jener Zeit.  Slaughter leistete sich sogar den Luxus ihren Sympathieträger nach mehreren Bänden umbringen zu lassen.

Neue Dramen für alte Bekannte

Mittlerweile irren die überlebenden Protagonisten seit über zwölf Jahren durch die Verbrecherwelt der amerikanischen Provinz und sind alte Bekannte. Was liegt da also näher, als einen Familienroman zu schreiben. Genau das ist „Harter Schnitt“, der jüngste Roman der US-Amerikanerin, die bislang beinahe jedes Jahr eine Neuerscheinung auf den Markt gebracht hat.

Geiselnahme und Familiendrama in „Harter Schnitt“

Die Polizistin Faith Mitchell muss am Ende einer Fortbildung feststellen, dass Unbekannte ihre Mutter, die ihrerseits eins Polizistin in Atlanta war, entführt haben. Jedenfalls findet sie zuhause ihr Kind eingesperrt in der Garage und in der Wohnung zwei bewaffnete Männer, die einen Schusswechsel mit der wütenden Polizistin nicht überleben sollen. Gemeinsam mit ihrem Ex-Partner Will Trent und der Kinderärztin (und Nebenerwerbs-Pathologin) Sarah Linton – eine Gründungsfigur von Slaughter – beginnt die junge Mutter zu ermitteln. Schnell wird deutlich, dass es nicht nur um eine bloßen Entführungsfall geht. Mitchell muss sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und einigen dunkleren Kapiteln im Leben ihrer Mutter auseinandersetzen.

Karin Slaughter inszeniert die Krimi-Themen variantenreich

Karin Slaughter inszeniert ihre Thriller routiniert. Sie schreibt gleichermaßen schnörkellos wie spannend und findet immer wieder interessante Variationen der im Kriminalroman verwendeten Grundthemen Gier, Hass, Eifersucht und kranke Mordsucht. Eine, wenn man so will, strukturelle Konzeption hilft dabei, dass Slaughters Bücher trotz des kurzen Produktionszyklus interessant bleiben:  Die frühe Entscheidung, einen ganzen Satz von Protagonisten und Handlungsorten zu verwenden – und dabei noch regelmäßig die Perspektiven zu wechseln, hilft enorm dabei, Abnutzungserscheinungen, wie man sie bei anderen lang laufenden Serien gelegentlich beobachtet zu vermeiden. Insofern fehlt „Harter Schnitt“ vielleicht der Reiz des Neuen und die ganz große Überraschung, aber insgesamt ist Karin Slaughters neuester Krimi wieder spannende, grundsolide Thriller-Unterhaltung.

Tatort:Atlanta

Die Hauptstadt de Bundesstaates Georgia steht notorisch im Ruf einer eher gesichtslosen Stadt. Sie hat einen großen Flughafen, der eines der größeren Drehkreuze der USA ist und ist Sitz zahlreicher Konzerne von Weltrang – Coca Cola,  UPS und CNN beispielsweise. Viel mehr fällt den meisten Menschen nicht ein, viel mehr verrät auch Karin Slaughter nicht über ihren Tatort im Süden der USA. Sie beschreibt auch eher das Leben im weichen Unterbauch der Gesellschaft, die austauschbar scheinenden Suburbs der Mittelschicht und die Wohnviertel der Unterprivilegierten. Ein Mangel ist das natürlich nicht, ein guter Krimi braucht kein spezifisches Lokalkolorit und Slaughters Stoffe sind ja auch eher als leicht verdauliche Unterhaltung angelegt und weniger als sozialkritische Studien. Dennoch bekommt man, sozusagen im vorübergehen, einiges über den amerikanischen Weg, das Leben zu gestalten, mit.

Karin Slaughter, Harter Schnitt, Blanvalet, 509S., 19,99€ VÖ: 26. August 2013


oder als E-Book: Harter Schnitt: Thriller

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Eine schön düstere Gangsterballade: „Ghostman“ von Roger Hobbs

Endlich mal wieder ein durch und durch guter, gelungener und extrem fesselnder Thriller. „Ghostman“ heißt das Buch, geschrieben hat es der erst 24-Jährige Roger Hobbs. Das Debüt des US-Amerikaners ist sein langem mal wieder ein vollständig begeisternder Krimi, ohne jede Sentimentalität düster, direkt, dreckig, packend. Hobbs versteht es, seine Geschichte schnörkellos, aber mit viel Raffinesse voranzutreiben. „Ghostman“ ist, kurz gesagt, die perfekte Krimi-Unterhaltung.

Ein Spezialist in Sachen Untertauchen

Im Mittelpunkt steht Jack Delton, oder genauer gesagt, ein Mann, der Jack Delton war oder sein könnte. Jedenfalls gibt es einen Pass dieses Namens. Die wahre Identität des Mannes, der den Pass besitzt ist unbekannt. Und das ist Absicht, denn Delton ist ein „Ghostman“, einer der in Verbrecherkreisen aufräumt und keine Spuren hinterlässt. Andere oder sich selber verschwinden zu lassen, ist das Spezialgebiet des „Ghostman.“

48 Stunden Zeit für den „Ghostman“

Jack Delton jedenfalls soll für einen anderen Kriminellen, der er nach einem schief gegangenen Millionenraub, noch einen Gefallen schuldet, die Spuren eines gründlich schief gelaufenen Überfalls auf ein Spielcasino in Atlanta beseitigen und im Idealfall gleich noch die Beute sicher stellen, denn die ist genauso verschwunden, wie einer der Handlanger des Überfalls. Viel Zeit hat er nicht, genau 48 Stunden bleiben ihm. Dann gehen diverse Sicherungsmaßnahmen hoch, Peilsender und Farbpatrone inklusive.

Roger Hobbs inszeniert gekonnt einen Bandenkrieg

In Atlanta muss der Ghostman sich nicht nur mit den lokalen Behörden herumärgern, auch das FBI hat die Spur aufgenommen, weit aus drängender wird die Lage jedoch, als klar wird, dass ihm auch rvialisierende Gangsterbanden auf den Pelz rücken. Rund um den Ghostman beginnen sich die Leichen zu stapeln und Delton muss tief in seine Trickkiste greifen, um sich den näher kommenden Häschern zu entziehen. Roger Hobbs hat eine interessante Figur erdacht, einen raffinierten Plot überlegt und treibt ersteren durch letzteres mit einem beinahe atemberaubenden Tempo. Herausgekommen ist dabei ein eine richtig gute, schön düstere Gangsterballade. Der Leser hat den Nutzen – extrem viel Spaß. Wer nicht gerne liest, muss sich etwas gedulden, wird Jack Delton vermutlich dennoch kennen lernen. Warner Bros. hat sich die Filmrechte bereits gesichert.

Tatort:Atlantic City

Im Bewusstsein ist Atlantic City eine heruntergekommene Stadt für billige Vergnügungen, so eine Art Las Vegas für Arme. Wenn man Roger Hobbs glauben darf, hat sich daran trotz Millioneninvestitionen in stahl-, glas und marmorglänzende Prunkbauten nicht viel verändert jenseits der großen Boulevards regiert der Schmutz, bleibt Atlantic City eine zwielichtige Kommune mit hinreichend miesen Rattenlöchern für allerlei zwielichtige Gestalten. Hobbs zeichnet sein Bild von Atlantic City beinahe nebenbei, ihm gelingt das Portrait einer Stadt mit wenigen, wohlgesetzten Worten. Auch das ist große Kunst, ganz nebenbei – mit einem ganz andren Ziel vor Augen -, mit wenigen Strichen ein eindrückliches Bild zu zeichnen.
Roger Hobbs, Ghostman, Goldmann 384 S., 14,99€, VÖ: 22. Juli 2013

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Jeffrey Deaver führt wieder gekonnt seine Ermittler und Leser in die Irre

Die Helden von heute haben nur noch selten übernatürlich Kräfte. Ihre Fähigkeiten verdanken sie mesit einer ganz besonders guten Ausbildung. Das gilt für Lincoln Rhyme, der den Naturwissenschaften vertraut, das gilt aber auch für Kathryn Dance, die den menschlichen Geist entziffert. So gesehen wären Universitäten die Brutstätte für Superhelden. Diese Annahme aber ist derart unglaubwürdig fantastisch, dass sie die perfekte Grundlage für Fiktion ist, auch ohne das radioaktive Spinnen beißend für Superkräfte sorgen.

Eine überraschende Begegnung für Kathryn Dance

Kathryn Dance und Lincoln Rhyme sind Geschöpfe von Jeffrey Deaver, der die beiden abwechselnd auf Verbrecherjagd an der Ost- beziehungsweise der Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika schickt. (Eine Ausnahme war ein Abstecher in den Geheimdienst. Deaver verfasste auf Bitten der Bond-Macher den James Bond „Carte Blanche“.)Diesmal ist wieder Kathryn Dance an der Reihe. „Die Angebetete“ führt die Polizistin in die Provinz- und Arbeiterstadt Fresno. Dort sucht sie unbekannte Musiker für ihre persönliche Webseite (der Mensch braucht schließlich ein Hobby) und trifft auf einen Star.

Ein Stalker tyrannisert in „Die Angebetete“ einen Country-Star

Country-Sternchen Kayleigh Towne ist für ein Konzert in ihre Heimat zurückgekehrt und versucht einen unheimlichen Stalker abzuwehren, der der jungen Frau auf Schritt und Tritt folgt. Etwas verbotenes hat Edwin Sharp bislang noch nicht gemacht, weshalb die Sängerin ihren „Verehrer“ nicht los wird. Brenzlig wird es, als im Konzertsaal ein Mord passiert. Ein Roadie und Vertrauter Townes landet im „Orchestergraben“. Die lokalen Behörden vermuten einen Unfall, Kathryn Dance, die mehr oder weniger in ihrer Freizeit in den Fall stolpert, erkennt jedoch schnell: Es war Mord.

Amtshilfe von Lincoln Rhyme aus New York

Die Ermittlungen treten auf der Stelle, die Angriffe auf den Country-Star jedoch nicht. Die Einschläge kommen, wie man so sagt, näher. Erst der Tatortermittler Lincoln Rhyme bringt gemeinsam mit seiner Partnerin Amelia Sachs die Tätersuche voran. Wie so häufig, wenn sich Rhyme in Fälle einschaltet, wird klar, dass nicht nur der erste Eindruck trügt.

Erneut großer Lesespaß bei Jeffrey Deaver

Mittlerweile sind Lincoln Rhyme, Amelia Sachs und Kathryn Dance, die das Universum von Jeffrey Deaver bevölkern, gute alte Bekannte. Es ist vermutlich eine gute Idee, die Charaktere abwechselnd in den Vordergrund zu rücken. Der erste Fall Rhymes liegt mittlerweile immerhin auch schon wieder 16 Jahre zurück. Dass keine Langeweile aufkommt, liegt in erster Linie an dem genialen Talent Deavers, immer wieder überraschende, bei aller Spannung enorm komplexe Plots zu erdenken. Gleich, was man an Charakterzeichnung oder Unglaubwürdigkeiten bei Lebensläufen kritisierten mag, Deaver schafft es immer wieder, seine Leser zu überraschen. Wer sich auf das Spiel „Täterraten“ einlässt, wird beinahe immer verlieren. In dieser Hinsicht nimmt Jeffrey Deaver eine absolute Ausnahmestellung unter den Krimi-Autoren der Welt ein. Dieser Position wird er auch in „Die Angebetete“ wieder gerecht. Also wieder großer Lesespaß bei Deaver

Tatort: Fresno

Wenn man den Schilderungen Jeffrey Deavers folgt, ist Fresno das absolute Provinzkaff, ein kleines Arbeiterörtchen mitten im Nirgendwo. Wenn man den Fakten glaubt, kann das nicht ganz stimmen. Fresno, mitten in Kalifornien gelegen, hat immerhin über eine halbe Millionen Einwohner, zählt zu den fünf größten Städten Kaliforniens. Dennoch hat Fresno wenig Glamouröses. Das mag auch daran liegen, dass es anders als die prominenten Schwestern nicht aufs Meer blickt. Kurz vor den Bergketten und Nationalparks im Osten des US-Bundesstaats liegt eines der größten Massenweinanbaugebiete der Welt – und mittendrin Fresno. Den rauen Charme mit einer deutlich verwitterten, dem Verfall ausgesetzten Fassade, die einst bessere Tage gesehen hat, schildert Deaver quasi im Vorübergehen.

Jeffrey Deaver, Die Angebetete, Blanvalet, 572 S.,  19,99€

VÖ: 22. April 2013

 





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Patrick Woodhead führt seine Leser mitten ins Herz der Finsternis

Verbrechen zahlt sich nicht aus. Das ist die wichtigste Erkenntnis der meisten Kriminalromane und Thriller. Das gilt auch für „Der Weg ins Dunkel“ von Patrick Woodhead. Der Mann macht das in seinem Thriller schon sehr  früh klar – auch ohne es explizit zu schreiben. Dass man die insgesamt 413 Seiten bis zum verdienten Ende der Schurken dennoch mit größtem Vergnügen liest, liegt daran, dass Woodhead den „Guten“ auf dem Weg zum Happy End so manchen groß dimensionierten Stein in den Weg legt.

Eine Hetzjagd durch den Kongo

Der Leser folgt Luca Matthews und Beatrice Makuru auf ihrem Weg. Ersterer ist desillusionierter, nach einem Unglück verbitterter Bergsteiger, letztere Geologin im südlichen Afrika. Beide treffen aufeinander, als Matthews in den Kongo reist, um einen verschollenen Freund zu suchen, ein für Afrika nicht ganz unbekanntes Thema. Beide werden unfreiwillige Reisegefährten und mit ihrem Flugzeug über dem Kongo-Fluss abgeschossen. Es folgt eine Hetzjagd durch den Dschungel, bei der die wahnsinnigen, durch Drogen manipulierten Kindersoldaten der Lords Resistance Army, rassistische Fremdenlegionäre, chinesische Mafiosi, die CIA und allerlei anderes zwielichtiges, man ist geneigt zu sagen, Gesindel eine Rolle spielen und dabei Matthews und Makuru das Leben für einen Thriller angemessen schwer machen.

Patrick Woodhead beschreibt mit seinem Thriller ein verlorenes Land

Man erkennt, das ist eine Schwäche von „Der Weg ins Dunkel“, bereits auf den ersten Seiten, dass erstens der Freund gerettet, zweitens eine gemeine Verschwörung aufgedeckt wird und dass drittens eine zarte Liebe entstehen wird. Gelegentlich liest sich Woodhead so, als habe er Hollywood und die Filmrechte, die ein drehbuchreifer Thriller ermöglichen, fest im Blick. Dennoch macht das Buch Spaß. Das liegt daran, dass die Figuren bei aller Vorhersehbarkeit gut erdacht sind, das liegt aber in erster Linie am Schauplatz. Woodhead schafft es Kongo so zu schildern, wie man sich das „Herz der Finsternis“ wie die Region seit mittlerweile Jahrhunderten genannt wird, vorzustellen wagt. Woodheads Kongo ist mindestens so verloren, wie die spärlichen Nachrichten von der Südhalbkugel das andeuten. Hier herrschen Apathie, Korruption, das Recht des Stärkeren und immer wieder grauenerweckende, sinnlose Gewalt. Diesen Schrecken, das überflüssigen, furchtbaren Sterben schildert Woodhead eindringlich. Und allein deshalb lohnt sich das Buch.

 

Tatort:Kongo

Undurchdringlicher Dschungel, ein einsamer, todbringender Vulkan, eine abgelegene Siedlung, in der Korruption, Prostitution, Gewalt und windige Geschäfte den Alltag bestimmen, sind die Schauplätze von „Der Weg ins Dunkel“ Der Buchtitel stimmt. Am Boden des dichtbewachsenen Urwaldes nahe des Kongo-Flusses erwärmtbei aller Gluthitze der Tropen kaum ein Lichtstrahl den Menschen, der sich dorthin verirrt hat. Die größte Bedrohung ist aber auch hier der Mensch. Woodhead beschreibt in seinem Thriller die politische Lage eines Landes, das keine Stabilität finden will, auch weil  – da bedient sich Woodhead der Realität – ausländische Mächte auf der Suche nach günstigen Rohstoffen mit den unappetitlichsten Partnern ins Bett steigen. Beim Tatort Kongo hat sich Patrick Woodhead für seine Fiktion sehr eng an die Wirklichkeit gehalten. Vermutlich musste er, so gruselig seine Schilderungen sind, das Schlimmste noch weglassen.

Patrick Woodhead, Der Weg ins Dunkel, Rowohlt, 413 S., 9,99€

VÖ: Januar 2013



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Roger Smith inszeniert ein morbides Ballett aus Verrat und Gewalt

Die Ehe ist oft die vorweggenommene Hölle. Davor schützen weder beruflicher Erfolg, ein mittleres Vermögen, gemeinsame Kinder oder ein komfortables Heim. Zumindest für Nicholas und Catherine Exley gilt das. Beide leben mit Tochter Sunny in Kapstadt am Strand. Über den Zustand der Familie ist alles gesagt, wenn man weiß, dass ein Kindergeburtstag damit endet, dass der Gatte vor dem Haus mit einem Kumpanen kifft, während sich die Gemahlin in der Küche von ihrem serbischen Geliebten vögeln lässt. Kein Problem, könnte man in modernen Zeiten meinen, wenn nicht in diesem Moment die Tochter, die beiden Elternteilen aus unterschiedlichen Motiven im Weg ist, Richtung Atlantik läuft und dort ertrinkt. Das wiederum bekommt der ehemalige Polizist Vernon Saul mit, der wegen einer Schussverletzung den Dienst quittieren musste und seine Rente als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma fristet. Saul bekommt auch mit, weshalb die kleine Sunny stirbt.

Ein korrupter Cop schmiedet finstere Pläne

Der Südafrikaner Roger Smith hat wieder ein erlesenes Ensemble gescheiterter Existenzen versammelt. „Stiller Tod“ heißt sein neuer, soeben erschienener  Thriller, der eigentlich eher  die kalte Tagebuchaufzeichnung einiger Leben in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale ist. Vernon Saul etwa wurde nicht als Held im Einsatz angeschossen: Einigen Drogenhändlern war schlicht das „Schutzgeld“ zu hoch, das der Cop erpresste. Den Dienst musste er denn auch quittieren, weil ihm sonst eine unangenehme interne Ermittlung gedroht hätte. So versucht er als Security-Mann aus seinem Umfeld herauszuquetschen, was eben geht. Er kontrolliert eine ehemalige Prostituierte, hält seine eigene Mutter wie eine Sklavin im Haus gefangen und macht sich auch sonst wenig Freunde.

Ausgehend vom tragischen Tod eines kleinen Mädchens entspinnt sich ein finsterer Reigen, in dem  die Beteiligten ein morbides Ballett aus Betrug, Verrat und Gewalt tanzen. Wenig überraschend, dass sich bald die Leichen am Weg stapeln.

Wenig Raum für Liebe oder Hoffnung bei Roger Smith

Roger Smith hat mit kraftvoller, teils derber Sprache wieder einen düsteren Triller geschrieben. In seinen Büchern ist wenig Raum für Liebe oder Hoffnung. Aber das macht den Reiz aus. Dieses Mal hat sich der Südafrikaner ganz auf die Beziehungen (oder Nicht-Beziehungen) seiner Protagonisten konzentriert – und das enttäuscht. Das „enttäuscht“, weil Smith zuvor mit „Staubige Hölle“ ein ganz außergewöhnlich starker Thriller gelungen war, dessen Personal noch verderbter, dessen Bühne aber die Politik war, auf der Smith ein eindringliches Drama über einen verlorenen Kontinent inszeniert hatte. Sein neuer Roman, „Stiller Tod“ ist dagegen einfach nur ein sehr guter Thriller, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Insofern hält sich die „Enttäuschung“ auch in Grenzen.

Tatort:Kapstadt

Roger Smith stellt zwei Welten gegeneinander. Die Idylle der Reichen, die in noblen, vom Wachpersonal geschützten Häusern am Strand mit Blick auf das Meer leben und die brutale Welt der Slums, in denen Drogenhändler, Zuhälter und  korrupte Cops den Gang der Dinge bestimmen. Stadtviertel, in denen es keine Hoffnung gibt. Roger Smith beschränkt sich in „Stiller Tod“ darauf, diese Gegensätze herauszuarbeiten. Auch der Leser, der Kapstadt nicht aus eigener Anschauung kennt, kann so erahnen, die südafrikanische Metropole eher ein wildes Reiseziel darstellt, dass für einfache touristische Freuden denkbar ungeeignet scheint. Die besondere Kunst Smiths besteht darin, diese Bilder seiner Heimat beinahe beiläufig, aber eindringlich bis unentrinnbar im Gehirn seiner Leser zu projizieren.

Roger Smith, Stiller Tod, Tropen, 380 S., 19,95€

VÖ: 24. Oktober 2012

 



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