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Das sind meine Krimi-Favoriten des Jahres 2012

Auch in diesem Jahr sind wieder jede Menge Krimis erschienen. Es war viel Durchschnittsware dabei, aber auch einige echte Perlen. Auch dieses Jahr habe ich deshalb als Jahresrückblick und Kauf (Schenk-)Empfehlung zugleich meine ganz persönliche Bestenliste mit den fünf interessantesten/spannendsten/lesenswerten Kriminalromanen zusammengestellt.

 

1. Sam Hawkens: Die toten Frauen von  Juarez, Tropen

Der US-Amerikaner Sam Hawkens beschreibt das Schicksal eines heruntergekommenen Boxers und erzählt damit die wahre Geschichte einer unfassbar brutalen Mordserie an jungen Frauen in der nordmexikanischen Ciudad de Juarez.

 

2. Bernhard Jaumann, Steinland, Kindler

Ein Krimi aus Namibia. Bernhard Jaumann benutzt nicht nur eine in der Kriminalliteratur bedauerlich seltene schöne Sprache, er transportiert über seinen Kriminalroman Informationen aus einem zerrissenen Land.

 

3. Parker Bilal, Die dunklen Straßen von Kairo, Rowohlt

Von der Geschichte überholt, könnte man meinen. Aber der Kairo-Krimi um einen wackeren Privatdetektiv, der mindestens Knietief durch einen Sumpf aus Korruption und Gewalt waten muss, sagt vieles über die Zustände in Ägypten vor der Arabellion aus. Insofern ist er nicht allein außerordentlich unterhaltsam sondern auch sehr lehrreich.

 

4. Marc Elsberg, Blackout, Blanvalet

Der Österreicher Marc Elsberg hat wenig Mitleid mit Europa. Er stellt den Strom ab und stürzt einen ganzen Kontinent in Chaos. Das ist gemein, aber total spannend:. Ein Technologie-Thriller auf höchstem Niveau.

 

5. Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt, Die Frauen die er kannte, Rowohlt/Polaris

Die beiden Schweden, die den Unsympathen Sebastian Bergman erfanden, stehen jetzt schon zum zweiten Mal auf dieser Liste. Ihre Krimis aus Skandinavien stehen aber auch in der besten Tradition schwedischer Krimis, sie sind komplex, spannend und von einer mitreißenden Menschlichkeit.

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Jonas Winner vergisst bei „Der Architekt“ das Dach

Ein Gerichtssaal in Moabit. Auf der Anklagebank sitzt ein renommierter Architekt, dem die grausame Morde an seiner Frau und seinen beiden Kindern vorgeworfen wird. Durch einen Zufall gerät der junge Drehbuchautor Ben, bei dem sich Erfolglosigkeit und Charakterschwäche in etwa die Waage halten, in die Verhandlung und ist sofort gefesselt.

Es griffe zu kurz zu vermuten, dass der junge Mann einfach nur ein Geschäft wittert. Die Abscheulichkeit des Verbrechens, das Charisma eines potentiellen Unholds faszinieren den Autor, und er beschließt, ein Buch über den Prozess zu schreiben. Mit mehreren gewagten Manövern gelingt es ihm, das Vertrauen des Anwalts, der Familie und schließlich des Angeklagten zu gewinnen. Bald schon wird Ben in einen Strudel immer verstörender werdenden Ereignisse hineingezogen, bei dem nicht ganz klar ist, ob sie eine Kette von Zufällen, perverses Spiel oder raffinierter Plan sind. Jedenfalls offenbaren sich immer mehr Geheimnisse um Macht, Einfluss und dunkle Begierden.

Düsterer Plot, dünne Auflösung in Jonas Winners „Der Architekt“

Jonas Winner hat sich den düsteren Plot für seinen Thriller „Der Architekt“ ausgedacht. Das Ergebnis dieser Bemühen ist, wie man so schön sagt, zwiespältig. Winners Psychothriller besticht von Beginn an mit hohem Tempo, vielen komplexen Einfällen und einer durchweg düsteren Grundstimmung. Lange, das darf man im Genre auch erwarten, wird der Leser über Intentionen und Pläne der handelnden Figuren im Unklaren gelassen. So weit, so gut.

Natürlich, da ist Winner ganz deutscher Autor, wird das ganze intellektuell überhöht und mit einer Prise Proseminarwissen deutscher Architekturgeschichte gewürzt. Das scheint zwar, angesichts des Titels notwendig, wirkt vor allem angesichts der allzu banalen Auflösung überflüssig. Dass Winner viele gute Ideen anreißt, diese aber letztlich nicht wirklich zu Ende bringt, ist vielleicht die entscheidende Schwäche des Thrillers. Nach furiosem Auftakt gleicht er einem bis zum bersten gefüllten Luftballon, dem am Ende mit leisem Pfeifen die Luft und damit die Spannung ausgeht.

 

Tatort:Berlin

Jonas Winner hat einen der unerträglichsten und einen der unerkannt spannendsten Orte Berlins beschrieben. Das Amtsgericht Moabit mit seiner kaiserlichen Architektur verströmt bis heute wilhelminisch-preußische Strenge, die Aura verstaubter Akten und den Geruch von Bohnerwachs. Dennoch ist das Gebäude ein faszinierender Ort demokratischer Rechtsstaatlichkeit, ein beeindruckend zeitloses Fundament bundesrepublikanischer Stabilität in einer unruhigen Zeit.

Für diese fiebrig, schnelllebige und vollkommen oberflächliche Welt steht der zweite, der unerträgliche Ort, eine von Winner beschriebene Bar in der Veteranenstraße. Hier, in der Mitte des neuen Bezirks Mitte, treffen sich die jungen, schönen, sich ob ihrer puren Existenz für Bedeutsam haltenden Neu- und Jungberliner. Natürlich ist es nicht immer dieselbe Bar: Alles, was länger als einen Wimpernschlag Bestand hat, ist für diese Szene schon nicht mehr in. Insofern mäandern diese „Bars“ die Straßen rauf und runter. Erkennbar sind diese Treffs an den uniform „individuellen Haarschnitten und Outfits und am „Tiefgang“, der meist die Höhe der neuesten I-Phone-Generation nicht überschreitet.

 Jonas Winner, Der Architekt, Knaur, 380 S, 9,99€

VÖ: 1. Oktober 2012

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Franck Thilliez beschäftigt sich mit der Manipulation des Geistes

Lucie Hennebelle bekommt einen verstörenden Anruf. Ein entfernter Bekannter hat einen sehr alten Film gesehen und ist ob der quälenden Bilder erblindet. Die Polizistin aus Lille kommt dem Mann zu Hilfe und beginnt zu ermitteln. Franck Sharko, Spezialist bei einer Sondereinheit in Paris, wird zu einem besonders gruseligen Tatort gerufen. Gleich ein halbes Dutzend Leichen mit grausamen Verstümmelungen und aufgesägten Schädeln werden verscharrt aufgefunden. Sharko schaut sich um. Es dauert nicht lange und die Wege der Polizistin aus der Provinz und des Großstadtbullen kreuzen sich. Gemeinsam kommen sie einer groß angelegten, weit in die Geschichte zurück reichende Verschwörung auf die Spur.

Grausige Experimente um geheime Botschaften

Franck Thilliez, der sich „Öffne die Augen“ erdacht hat, greift bei seinem Thriller tief in die Kiste gruseliger wissenschaftlicher Erkenntnisse und verbindet Tatsachen und Vermutungen zu einem ganz eigenen Stoff. Der Franzose beschäftigt sich dabei mit der Überlistung des menschlichen Auges und der Manipulation des Geistes. Für das Auge nicht sichtbare Bilder, sei es, weil sie nur Sekundenbruchteile zu sehen sind, sei es, weil sie im Hauptbild verborgen sind übermitteln laut Thilliezs Recherchen dabei geheime Botschaften. Eine Technik, die – so Thilliez – in Werbung und Wahlkampf seit Jahrzehnten üblich ist, in seinem Fall aber für grausige Experimente verwendet wurde.

Franck Thilliez zieht eine blutige Spur durch „Öffne die Augen“

„Öffne die Augen“ ist so in doppelter Hinsicht kein einfacher Stoff. Der Autor bringt auf dem Seiten jede Menge wissenschaftliche (oder zumindest pseudowissenschaftliche) Erklärungen unter und er setzt auf düstere Effekte. Es zieht sich eine Spur von Sadismus und Gewalt durch den Krimi. Zwar spendiert er beiden Kommissaren, wie mittlerweile branchenüblich, ein üppiges Privatleben, aber von heiler Welt kann in beiden Fällen keine Rede sein. Eher schon ist von grenzwertigen psychologischen Profilen auszugehen. Lucie Hennebelle hat zwei Töchter, keinen Mann, aber eine dominante Mutter. Eines der beiden Kinder ringt zudem mit dem Tod. Die Tochter Sharkos ist bereits tot, aber sie verfolgt den Kommissar durch den Alltag und ist beinahe seine wichtigste, zumindest unentrinnbarste Gesprächspartnerin. Trotz ihrer Deformationen wirken die Polizisten, wenn nicht immer sympathisch, so doch glaubwürdig. Und das hilft ja immer bei der Krimi-Lektüre.

Ein solider Thriller um eine Verschwörungstheorie

Franck Thilliez hat einen nicht immer einfachen, aber meist interessanten Thriller geschrieben, der, das scheint bei seinen Landsleuten beliebtes Motiv, thematisch das ganz große Rad dreht. Wer also weitreichende, mit wissenschaftlich klingenden Erläuterungen glaubwürdig konstruierte Verschwörungstheorien, deren Aufklärung die Ermittler über mehrere Kontinente führt, mag, der ist mit „Öffne die Augen“ bestens bedient. Etwas ärgerlich ist allerdings eine handwerkliche Panne, für die der Autor nichts kann. Die deutschen Übersetzer, beziehungsweise vermutlich die Strategen aus der Marketingabteilung, haben der Kommissarin unterschiedliche Namen gegeben: Im Text heißt die Dame konsequent Lucie Hennebelle, im Klappentext hartnäckig Lucie Hennebert. Das ist natürlich nebensächlich, wirkt aber latent lieblos.

 

Tatort:Frankreich

Einen konkreten Tatort gibt es bei Franck Thilliez nicht. Seine Verbrechen passieren unter anderem in Lille, Notre-Dame-de-Gravenchon, in Belgien, Kairo und Kanada. Thilliezs Kosmos ist also der Globus, entsprechend sparsam fallen also die Beschreibungen der Tatorte aus, das ist bei einem „globalen“ Thriller kein Mangel, nur für Freunde ausgefeilter Orts-Nachempfindungen wird es schwierig. Dennoch hat der Franzose die Atmosphäre seiner Schauplätze gut eingefangen, das gilt insbesondere für den ägyptischen Moloch Kairo, aber auch für die abgelegene Hütte in der kanadischen Provinz.

Franck Thilliez, Öffne die Augen, Goldmann, 478 S., 17,99€

VÖ: 9. Juli 2012

 

 

 

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Peter Abrahams schreibt einen Thriller um Wahn und Wirklichkeit

Ein Schneidbrenner ist sein Pinsel, Altmetall ersetzt die Farbe, der Himmel die Leinwand. Roy Valois ist Künstler, Bildhauer hätte man früher gesagt. Er schafft aus alten Autoteilen und anderem Schrott Kunst. Das wird überdurchschnittlich gut bezahlt. Roi Valois hat also eigentlich kein Grund zur Klage – bis zu dem Tag, an dem er erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Ein Scherz mit Folgen in „Verblendet“

Ein Scherz seiner Kumpel, mit denen er nach Feierabend Eishockey spielt, löst eine dominostein-artige Kettenreaktion aus: Wegen des Scherzes lässt er sich dazu hinreißen, einen jungen Hacker zu bitten, seinem Nachruf, den die New York Times vorbereitet hat, hinterher zu spionieren. Der junge Mann ist erfolgreich, und Roy erfährt nichts über den Scherz (es ging um ein Eishockey), aber Ungereimtheiten zum Tode seiner Frau, die angeblich vor 14 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam.

Eine Verschwörung im Fieberwahn

Valois, der durch eine experimentelle Therapie gegen seine Krebserkrankung immer wieder zwischen Wirklichkeit und Traumwelt pendelt, begegnet immer neuen Widersprüchlichkeiten und Merkwürdigkeiten. Er gibt bei der Suche nach den Fakten nicht auf, und plötzlich türmen sich die Leichen in seinem Weg zu einem immer größer werdenden Haufen. Irgendjemand versucht, die Vergangenheit zu vertuschen – und in allem Fieberwahn erkennt der Bildhauer zunächst vage, dann immer deutlicher eine umfangreiche Verschwörung.

Peter Abrahams erzählt gradlinig

Peter Abrahams hat sich  „Verblendet“ erdacht und eine spannende Thriller-Idee um Wahn und Wirklichkeit aufgeschrieben. Der US-Amerikaner, mit bislang 16 veröffentlichten Trillern ein Routinier im Geschäft, hat keinen Krimi im eigentlichen Sinne konstruiert, sein Roy Valois ermittelt nicht, er stolpert vom Medikamentencocktail seiner Ärzte geschwächt, eher von Fakt zu Fakt, von Zeuge zu Zeuge. Das Umherirren, die Vermutung, dass die eigene Geschichte eine lange Kette von Lügen sein könnte, macht den Reiz des gradlinig, mit eher einfachen Mitteln aufgeschriebenen Thrillers aus. Abrahams kann oder will sich nicht mit kunstvollen Formulierungen oder tiefgründigen, intelligenten Charakterisierungen aufhalten. Seine gelegentlich grob zurechtgezimmerten bis eindimensionalen Figuren, sein Szenario dienen allein dazu, einen spannenden Plot voranzutreiben. Das gelingt ihnen, insofern ist „Verblendet“ keine tiefgründige, aber gelungene Unterhaltung.

 

Tatort: Vermont

Die Hauptfigur, der Bildhauer Roy Valois, lebt in einem alten Bauernhof im abgelegenen Vermont. Dort schweißt er seine Kunstwerke zurecht, dort beginnt vor dem Panorama abgelegener Bergwelten das Drama. Peter Abrahams verwendet nicht viel Mühe darauf, seinen Tatort zu zeichnen, aber mit sparsamen Mitteln konstruiert er die dörfliche Welt des ländlichen Amerika mitten in der Natur, mitsamt der familiären Nähe. Darüber hinaus gönnt der US-Amerikaner seinem Hauptdarsteller einen ausgiebigen Road-Trip durch die USA. Cap Cod, Washington und Texas sind nur einige der Orte, die Roy Valois auf seiner mühsamen Suche nach der Wahrheit bereist. Auch bei den Schauplätzen ordnet sich also alles dem Plot unter.

Peter Abrahams, Verblendet, Knaur, 411 S., 9,99€

VÖ: Juli 2012

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Ein spannendes Krimi-Debüt um einen Serienmörder im Kölner „Blutsommer“

Martin Abel ist ein Ekel. Der Polizist verzweifelt an sich, an seinem Leben und an seiner Arbeit, und das bekommt sein Umfeld zu spüren. Großzügig lässt er seinen Chef, seine Kollegen, aber auch wildfremde Menschen an seiner schlechten Laune teilhaben. Kein Wunder, dass sich seine Begeisterung in Grenzen hält, als ihm sein Chef, der Leiter des Stuttgarter LKA, nicht nur mitteilt, dass er seinen fähigsten Operativen Fallermittler – wie Profiler in schönsten Beamtendeutsch in Baden-Württemberg genannt werden – an die Kollegen in Köln ausgeliehen hat, sondern ihm überdies noch eine junge Kollegin an die Seite stellt, die der Eigenbrötler ausbilden soll.

Ein „Metzger“ zieht eine blutige Spur durch Köln

Natürlich macht es Martin Abel sich zunächst einfach – und spricht nicht mit seiner jungen Kollegin Hannah Christ, mit der er sein Wissen teilen soll. Spätestens jedoch als sich die beiden Polizisten mit ihren Aufgaben in Köln vertraut machen, merkt auch Abel, dass er zur Zusammenarbeit verdammt ist: Ein Serienmörder schlägt in Köln eine blutige Schneise: Der zunächst „Metzger“ genannte Täter verschleppt scheinbar wahllos seine Opfer. Die Obduktion der Leichen ergibt, dass der Mörder seine Opfer über Tage lang hinweg quält, ihnen bei lebendigem Leibe Körperteile abschneidet und Organe entnimmt.

Eine gruselige Atmosphäre in „Blutsommer“

Erst als Abel sich in die Ermittlungen einschaltet, kommen die Polizisten voran – eben weil der Süddeutsche, so will es Rainer Löffler, der sich den Kommissar für sein Krimi-Debüt „Blutsommer“ erdacht hat, der Beamte in Deutschland ist, der sich am besten in Serienmörder hereinversetzen – und damit ein fahndbares Profil erstellen kann.

„Blutsommer“ ist eher härtere Krimikost, wie der Titel schon ahnen lässt. Leichenteile und eine dicke Blutsuppe ziehen eine deutliche Spur durch Köln und den Kriminalroman. Rainer Löffler bewegt sich, zahlreiche Irrwege einbauend, souverän durch sein selbstgeschaffenes Labyrinth und schafft eine gruselige, dichte Atmosphäre im Kölner Glutsommer, der nicht nur die Figuren im Krimi sondern auch seinen Lesern ins Schwitzen bringt.

Ein interessanter Ermittler, der am Leben leidet

Zu den Stärken von „Blutsommer“ gehört in jedem Fall die Figur des Fallermittlers, den Rainer Löffler ins Zentrum stellt. Den miesepetrigen, gelegentlich beinahe schon bösartig schlecht gelaunten Kommissar, eine in der Kriminalliteratur vertraute Figur, hat er sich gut noch einmal neu erdacht und glaubhaft beschrieben – vermutlich auch, weil er ihm interessante menschliche Züge verleiht. Bei den Beschreibungen liegen jedoch zugleich auch die kleineren Schwächen des Kriminalromans: In klassisch deutscher Genauigkeit verliert sich Löffler gelegentlich im Detail, ob er nun einen Spiegelschrank, Leichenteile oder Seelenzustände aufzeichnet: In seiner Gründlichkeit verirrt sich Löffler gelegentlich: Hat seine Hannah Christ nun ein katzenhaftes Antlitz, oder doch eine extrem menschliche Ausstrahlung, mit glühwürmchen-warmen Augen? Beides geht gleichzeitig geht ja eigentlich nicht. Außerdem mutet der Autor seinen Lesern gelegentlich zuviel zu – und lässt eigentlich zu wenig Geheimnisse für die angekündigte Serie um Martin Abel übrig. Insgesamt jedoch ist „Blutsommer“ spannend genug, dass man sich gerne auf eine Fortsetzung einlassen möchte, um dann zu sehen, mit welchen neuen Ideen der Autor aufwarten kann.

 

Tatort:Köln

Rainer Löffler legt viel Wert auf seine Tatorte, allerdings sind das, wenn man so will, eher die Mikro-Tatorte. Er beschreibt akribisch Häuser und Wohnungen von Opfern, Verdächtigen und Zeugen, um über den Umweg des Spiegelschrankes im Badezimmer das Bild einer Persönlichkeit zu zeichnen. Auch, wenn er es dabei gelegentlich übertreibt, schafft Löffler damit eine eigene, nachvollziehbare Welt, so dass der Leser das Köln des „Blutsommers“ nachvollziehen kann, auch wenn die eigentliche Stadtbeschreibung eher blass bleibt. Dass die beiden süddeutschen Kommissare irgendwann beispielsweise weitgehend zusammenhanglos vor dem Kölner Dom stehen, hat sich der Autor vermutlich vom Fernsehtatort abgeschaut. Die Fernsehkommissare passieren dort auch beinahe in jeder Folge unmotiviert irgendeine Sehenswürdigkeit, die vermutlich Lokalkolorit in eine ansonsten sterile Städtezeichnung bringen soll. Bei Löffler sind das aber angesichts sonst überwiegend treffender Tatortskizzen, kleinere Schönheitsfehler.

Rainer Löffler, Blutsommer, Rowohlt, 494 S., 9,99€

VÖ: Juni 2012

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George Pelecanos konstruiert einen spannenden Krimi um „Ein Schmutziges Geschäft“

Washington DC ist ein hartes Pflaster. Hier sitzt die Regierung der USA, hier treiben sich aber auch Drogendealer, Erpresser und Auftragsmörder herum – und noch ist nicht entschieden, wer dort mit härteren Bandagen kämpft. Irgendwo zwischendrin versucht Spero Lucas zurecht zu kommen. Der junge Mann arbeitet: Gelegentlich als Ermittler für einen Anwalt, häufiger jedoch auf eigene Rechnung. Dann beschafft er verlorene Gegenstände wieder.

Ein spannender Krimi um einen Anti-Helden

Sein aktueller Auftraggeber ist ein Drogenboss, der seine Geschäfte aus dem Gefängnis heraus leitet. Dem Mann wurden, offenbar entgleitet ihm die Kontrolle über seine Organisation, eine größere Lieferung Marihuana gestohlen. Lucas, bei einem Finderlohn von 40 Prozent nicht zimperlich, macht sich auf die Suche und stolpert in eine Mordserie. Der ehemalige Marine, der im Irak schon einiges gesehen hat, lässt sich davon nicht abschrecken und sucht weiter. Keine Frage, dass er so sehr schnell selber auf der Abschussliste landet.

Frisches Leben für den Detektivroman

George Pelecanos hat sich den neuen Ermittler in der US-Hauptstadt erdacht und mit „Ein schmutziges Geschäft“ dem Genre des Detektivromans frisches Leben eingehaucht. Vom Start weg beginnt die Geschichte mit hohem Tempo, interessanten Figuren und einer klaren, schnörkellosen Sprache. Wer den Krimi unreflektiert liest, wird sich an die Vorbilder aus den 30er du 40er Jahren erinnert fühlen, auch wenn der pessimistische Zynismus jener Jahre fehlt.

Der Krimi ist so gut konstruiert, dass der Leser, wenn er einmal eingetaucht ist, der Handlung gebannt folgt und eigentlich aus dem Lesefluss nicht mehr auftauchen will. Dieser Lesespaß hält, auch das ist nicht selbstverständlich, bis zum Ende an.

George Pelecanos schafft distanzlose Sympathie zu einem Mörder

Beim zweiten Blick auf das Buch stellt sich jedoch im Nachinein ein unangenehmer Beigeschmack ein. Pelecanos, der als Krimi-Autor bereits einen guten Ruf genießt und unter anderem Co-Autor der großartigen TV-Serie „The Wire“ ist, hat eigentlich einen Antihelden geschaffen, dem er dann doch mit distanzloser Sympathie folgt. Sein Spero Lucas ist ehemaliger Soldat, ein Marine, Elitekämpfer also noch dazu. Das, so scheint es, verhilft ihm in den USA zu eingebauter moralischer Überlegenheit. Soldaten haben automatisch einen besseren Charakter, größere Zuverlässigkeit, einen eingebauten Teamgeist und mehr menschliche Tiefe. So darf Spero Lucas – von weltlicher Justiz und inneren Konflikten unbehelligt – ungestraft töten, weil er ja „dort drüben schon so viel gesehen hat“. Das Marine-sein rechtfertigt in diesen Jahren zumindest beim Autoren, wahrscheinlicher aber in der gesamten US-amerikanischen öffentlichen Wahrnehmung beinahe jedes Verhalten, es gelten offenbar eigene Gesetze. Das löst zumindest leichtes Unbehagen beim europäischen Leser aus. Es ist vielleicht nicht so gemeint, fühlt sich aber sehr stark nach unreflektierter Verherrlichung des Militärs an. Das mindert im Nachhinein das Vergnügen an „Ein schmutziges Geschäft. Wer darüber hinwegsehen mag, wird sich dennoch großartig unterhalten fühlen.

 

Tatort:Washington

Spero Lucas treibt sich im Unterleib Washingtons herum, dem Teil der US-Hauptstadt in dem bis heute die Benachteiligten leben, die kleineren Bürger. Er beschreibt aber auch die Versuche, einst verslumte Gebiete zurückzuerobern, Stadtteile, in denen die Reviere der Gangs und eine aufstrebenden Mittelschicht aufeinanderprallen. In Pelecanos Washington ist auch die Rassentrennung noch lange nicht aufgehoben, noch immer gibt es beispielsweise „schwarze“ und weiße Schulen.

Dieser Blick auf die Hauptstadt jenseits vom Weißen Haus und Capitol ist zumindest interessant, meist sogar faszinierend, zumal Pelecanos, vermutlich selber griechischer Abstammung, seinen Protagonisten in das Umfeld dieser Einwanderergruppe gepflanzt hat und so die USA noch einmal als Schmelztiegel der Kulturen portraitiert.

George Pelecanos, Ein schmutziges Geschäft, Rowohlt, 383 S., 9,99€

VÖ: 1. Juni 2012

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Meg Gardiner überzuckert „Todesmut“ mit viel klebrigem Pathos

Peter Reiniger ist ein Finanzhai, ein Hedgefondsmanager, der mit seiner Firma Milliardenbeträge bewegt. Seine Mitarbeiter prüft der US-Amerikanern bisweilen mit komplexen Rollenspielen. Während fingierter, lebensnah inszenierter Entführungen, Schlangenattacken oder anderes, will er herausfinden, ob seine Manager Charakter – und natürlich ist hier ganz im amerikanischen Sinne Härte gemeint – besitzen.

Charaktertest für ein verwöhntes Gör

Reiniger hat auch eine Tochter, Autumn, die er über Gebühr verwöhnt. Anlässlich ihres 21. Geburtstag, der in den USA den Übertritt ins Erwachsenenalter markiert, spendiert er seinem Spross ein solches Rollenspiel – mit dem Hintergedanken, dabei ganz nebenbei den „Charakter“ der verwöhnten Göre zu testen. Das kann natürlich nur schief gehen.

Unbekannte kapern das Rollenspiel und entführen die Tochter und einige ihrer Freunde in die Wildnis der kalifornischen Sierra Nevada. Die Kidnapper haben es natürlich auf das Bargeld des Vaters abgesehen.

Katz-und-Maus-Spiel in der Pampa

In einem zweiten Handlungsstrang macht sich die forensische Psychologin Jo Beckett auf dem Weg in die abgelegene Bergregion. Ein ungeklärter Mord an einem Anwalt lässt der Frau keine Ruhe. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Gabe Quintana will sie die letzten Stationen im Leben des Anwaltes abklappern. Wie das Schicksal es will, treffen beide Parteien in der kalifornischen Pampa aufeinander, und es beginnt ein Gefecht mit tödlichem Ausgang für mehrere Teilnehmer.

Ein ordentlicher Plot

Meg Gardiner hat sich den Plot für ihren Thriller „Todesmut“ erdacht – und das Thema gehört zu seinen stärkeren Elementen. Die Idee eines aus dem Ruder gelaufenen Härtetests mit eingebauter Verschwörungstheorie rund um Gier und Rache bietet Raum für viele Wendungen und einen einigermaßen spannenden Erzählverlauf.

Meg Gardiner liefert kriminalistische Dutzendware

Insgesamt ist „Todesmut“ aber eher kriminalistische Dutzendware, die Charaktere sind nur ganz grob mit dem Beil zurechtgehauen und mit einer klebrigen Überdosis Pathos zurechtgeschminkt. So ist Gabe Quintana mindestens ein halber Superheld, einst Elitesoldat und jetzt Rettungsspringer der Nationalgarte, der – so will es seine Autorin – natürlich sich einst einer für den Präsidenten der USA bestimmte Kugel in den Weg geworfen hatte. Ansonsten haben beinahe alle wichtigen Hauptfiguren einst einen geliebten Angehörigen durch einen tragischen Todesfall verloren.

Wenig Überraschendes

Natürlich sieht in diesem Umfeld nach dem Willen der Autorin auch der Erzschurke gut aus, aber auf ein nordische (russische? deutsche?) Art gut aus, blickt mit einem „schwerlidrigen Blick“ durch die Gegend, der ausreichend belegt, dass sich dahinter nur ein rechter Bösewicht verbergen kann. Ebenso natürlich geht die Geschichte am Ende gut aus, findet der Unhold sein verdientes Ende, entwickelt das verwöhnte Töchterlein am Ende mehr Charakter als dem Vater lieb sein kann. Das ist aber dem einigermaßen trainierten Krimileser nach etwa spätestens 50 Seiten ohnehin klar. Eine Überraschung bietet sich immerhin dennoch. Derjenige, der den Klappentext verfassen musste, hat offenbar darauf verzichtet „Todesmut“ zu lesen. Inhaltsangabe und Handlung stimmen nur in kleineren Teilen überein.

Als simple Unterhaltung für den Strandurlauber, der zwischen Beachvolleyballmatch und Bad im Atlantik leichte Lektüre sucht, eignet sich Meg Gardimers als hirnzellenschonende leidlich spannende und flüssig lesbare Ablenkung dennoch, der anspruchsvolle Krimileser wird sich zwar im Alltag empört abwenden, aber auch der muss ja irgendwann mal Urlaub machen.

 

Tatort:Kalifornien

Man kommt mit Stereotypen gut durchs Leben. Das gilt auch bei der Wahl der Schauplätze. Die Millionäre Kaliforniens fahren rasante Sportflitzer oder massiv-protzige Geländewagen, die Villen sind riesig, die Wildnis immer mindestens unbarmherzig. Der größte Teil der Handlung von „Todesmut“ spielt im Stanislaus National Park, der nördlich vom Yosemite Nationalpark in der kalifornischen Sierra Nevada liegt. Die Berglandschaft bietet allerdinga auch eine würdige Bühne für jeden Thriller – und so natürlich auch für Meg Gardiners Thriller. Steile Schluchten, reißende Flüsse, abgelegene Farmen mit Schrotflintenschwingenden Bauern und finstere Wälder bilden ein glaubwürdiges Ensemble für die multiplen Duelle, die die Helden gegen die Schurken ausfechten müssen. Diesen Hintergrund skizziert die Autorin sparsam aber mit passenden Worten, so dass diese gigantische Handynetzfreie Zone in ihrer schroffen Schönheit zur heimlichen Hauptdarstellerin gerät.

Meg Gardiner, Todesmut, Heyne, 461 S, 14,99€

VÖ: Mai 2012

 

 

 

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Allgemein

„Ich mag es, wenn es kracht“ – Marc Elsberg über „Blackout“

Marc Elsberg ist nicht sehr nett. Er schaltet Europa den Strom ab – einfach so und vollständig. In seinem Thriller „Blackout“ beschreibt der Österreicher ungemein spannend und höchst unterhaltsam einen Alptraum. Elsberg, der im Übrigen eigentlich doch ganz nett, ist entwirft ein Szenario, bei dem eine Attacke auf einen eigentlich unbedeutenden Teil der Stromversorgung sich zu einem nicht mehr zu kontrollierenden Flächenbrand auswächst. In einem Gespräch erzählt der Autor, wie er auf diese und andere Ideen kam.

 

Was ist Ihr liebstes elektrisches Gerät?

Elsberg: Das ist eine schwierige Entscheidung zwischen I-Phone und I-Book. Am Ende gewinnt wahrscheinlich die Kaffeemaschine.

Sie haben einen Thriller rund um einen europaweiten Stromausfall geschrieben. Können Sie sich ein Leben ohne Strom vorstellen?

Elsberg: Definitiv nicht. Ich bin auf jeden Fall ein Mensch, der die Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation sehr schätzt – und diese Annehmlichkeiten gibt es nur mit Strom. Dazu gehört auch die ganze Vernetzung der modernen Gesellschaft, auf die ich nicht nur als Autor bei meinen Recherchen angewiesen bin. Aber auch alles andere, Licht, Fernsehen, Aufzug im Haus. Ich wohne unter dem Dach – ohne Aufzug in den fünften Stock? Naja, hielte natürlich fit…

Sie deuten das prä-elektrifizierte Leben in „Blackout“ als kleines Idyll an. Dort gibt es Inseln der Selbstversorger, die ohne Strom auskommen, ein Bergdorf in Österreich, der Hof in der niederländischen Provinz. Das haben Sie nicht als kleine Fluchten erdacht?

Elsberg: Das ist in dieser Situation, wenn überall die Versorgung zusammenbricht, ein Idyll. Es ist sicher ganz nett, ein Feuer im Kamin zu haben, aber auf diesem Niveau leben zu müssen, ist nur ein paar Tage lang lustig.

Als romantische Vorstellung also ganz nett…

Elsberg: …genau, aber nur als Abenteuer mit Rückfahrkarte.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen Europa, den Strom abzuschalten?

Elsberg: Ich wollte etwas über kritische Infrastrukturen schreiben und da kommt man sehr schnell darauf, dass die Elektrizität das Fundament für alle kritischen Strukturen des modernen Lebens ist. Die Frage war, wie dramatisiert man das am besten, bei einer Sache, die normalerweise für uns alle aus der Steckdose kommt. Die Antwort war dann sehr einfach: Strom abschalten. Daraus ergab sich schnell die gesamte Geschichte.

Sie zerstören in ihrem Thriller mutwillig fragile Systeme. Das kann man ja durchaus gesellschaftskritisch lesen. Lässt sich bei der Verflechtung der Systeme heute überhaupt noch gegen bedrohliche Abhängigkeiten gegensteuern?

Elsberg: Man kann es kritisch lesen. Ich würde aber nur soweit gehen, dass ich denke, dass man sich sehr genau überlegen sollte, wie man die Systeme sichert, von denen man sich so sehr abhängig macht. Unsere gesamte Wirtschaft funktioniert nun einmal nur noch hochkomplex und mit den unsichtbaren Helferlein im Hintergrund – und niemand will auf den Komfort verzichten, den der Status Quo mit sich bringt. Keiner will doch zurück ins 19. Jahrhundert. Insofern würde ich nie sagen, man muss dagegen steuern, aber man muss sehen, wie man damit vernünftig umgeht.

Auch wenn Sie einen Thriller geschrieben haben und unterhalten wollen, machen Sie aber Abhängigkeiten deutlich, die man meistens verdrängt.

Elsberg: Das ist eine der Absichten gewesen, zu zeigen, wie sehr wir von der Elektrizität abhängen und wie sehr alles vernetzt ist. Das Spannende dabei ist, dass viele Leute das noch immer nicht sehen, nur ihren Sektor vor Augen haben und die Vernetzung nicht erkennen wollen – und das kann in einer modernen Welt nicht auf Dauer funktionieren.

Sind die Menschen zu gutgläubig? Oder geht es vielleicht gar nicht anders und man muss die Fragilität unserer Systeme ausblenden?

Elsberg: Es geht doch nicht mehr anders: Die Menschen müssen in unseren Zeiten wahnsinnig viel glauben, weil sie nicht mehr alles wissen können. Das Leben ist mittlerweile hochkomplex. Gleichzeitig stehen enorm viele Informationen zur Verfügung. Insofern müssen wir, um das Leben bewältigen zu können, zu einem gewissen Grad leichtgläubig sein.

Sie beschreiben verschiedene Krisenszenarien, beispielsweise über Kühe, die auf Höfen verenden, über das Elend in den Krankenhäuser und über die dünne zivilisatorische Firniss, die in einigen Ländern schnell im Militärputsch mündet. Was war bei Ihren Recherchen die erschreckendste Erkenntnis?

Elsberg: Auf einer rationalen Ebene: Die erschütternde Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen über die Vernetzung der Systeme. Auf einer emotionalen Ebene natürlich immer dann, wenn es ums Sterben geht, ob es nun Millionen von Nutztieren in Europa sind oder eben Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern, die nicht mehr versorgt werden können. Besonders berührt hat mich aber auch die Situation derjenigen, die kranke Menschen betreuen. Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte, die im Krisenfall vor Entscheidungen stehen, vor die man nie gestellt werden möchte.

Glauben Sie, dass Sie die menschlichen Verhaltensweisen angesichts der Mega-Katastrophe eher geschönt oder eher überzeichnet haben?

Elsberg: Weder noch. Es ist bei einem solchen Szenario sehr schwer abzuschätzen, was passieren wird. Ich bin ja eher Optimist und glaube, dass die Menschen eine lange Zeit kooperativ bleiben und menschlich miteinander umgehen. Erst, wenn es ganz hart wird und es nichts mehr zu essen und trinken gibt oder Seuchen ausbrechen, wird es zu unschönen Szenen kommen. Das wird in unterschiedlichen Tempi verlaufen. Großstädte sind anfälliger als das ländliche Gebiete. Ich glaube nicht, dass – wie es oft in Spielfilmen dargestellt wird, von vorneherein ein Armageddon ausbricht.

Diese positive Einschätzung habe ich beim Lesen ebenfalls empfunden.

Elsberg: Ich glaube nun einmal, dass der Mensch kein Tier, kein nackter Affe ist. Außerdem habe ich bei den Recherchen sehr genau gesehen, wie das in andern Notsituationen abgelaufen ist. Schauen Sie sich die Solidarität bei der Oderflut an oder im Münsterland im Winter 2005/2006. Dort waren die Menschen nach schweren Stürmen tagelang ohne Strom. Hurrikan Katrina war ebenfalls ein gutes Beispiel. All diese Vorbilder zeigen: in halbwegs zivilisierten Ländern bleibt die Lage bis zu einem gewissen Punkt ruhig, benehmen sich die Menschen einigermaßen zivilisiert. Irgendwann kippt das aber. In New Orleans beispielsweise ist die Zivilgesellschaft an einem bestimmten Punkt eingebrochen, aber auch weil es dort eine Menge  nur teilzvilisierte Rassisten gibt. Aber auch dort wurden improvisierte Krankenhäuser eingerichtet. Es ist also nicht nur Optimismus, der mich zu meinen Einschätzungen und Beschreibungen bringt, sondern auch von vielen realen Szenarien abgeleitet.

Haben Sie aus den Recherchen für Ihr Leben Konsequenzen gezogen?

Elsberg: Ich habe etwas mehr an Vorräten zu Hause und habe im allgemeinen einen gut gefüllten Tank im Auto.

Man darf natürlich ein Buch nicht zu ernst nehmen, aber es ist eine Qualität von Blackout, dass man beim Lesen tatsächlich überlegt, ob man genug Kerzen, Batterien oder Konserven zuhause hat.

Elsberg: So war es auch gedacht. Ich wollte eine spannende Geschichte erzählen. Wenn die Leute darüber hinaus etwas mitbekommen, dass sie zum nachdenken anregt, freut mich das natürlich.

Sie haben über viele Seiten auf die Darstellung der Täterseite verzichtet, ein dramaturgischer Gewinn. Wäre es möglich gewesen, dass ganz ohne Täterjagd zu beschreiben?

Elsberg: Das hatte ich am Anfang mal überlegt. Ich wollte es dem Leser ermöglichen, sehr lange darüber nachzudenken, wer oder was der Auslöser der Katastrophe ist, weil ich diese Unsicherheit sehr gut fand.

Aber am Ende brauchten Sie doch noch die Täter?

Elsberg: Ja. Auch als Leser bin ich am Ende ein Freund von klaren Verhältnissen. Ich glaube, dass das die Leser erwarten. Es hat einen intellektuellen Reiz, eine Geschichte ohne Auflösung enden zu lassen, aber ich glaube, dass ist nur für eine Minderheit interessant. Man will doch die große Katharsis am Schluss. Ich auch. Deshalb habe ich es dann auch so geschrieben.

Viele Krimis transportieren meist über die Ermittler, die Protagonisten, menschliche Wärme. Blackout lebt eher vom distanziert analytischen Blick. War das Absicht, wenn ja warum?

Elsberg:  Das ist bis zu einem gewissen Grad Genre-gebunden. Mein Thriller ist sehr stark handlungsgetrieben. Im klassischen Krimi, insbesondere bei Serien, liest man nicht wegen der Handlung, sondern wegen der Hauptfigur, man will deren Schicksal mitverfolgen…

…Der Krimi hat sich zum Familiendrama verwandelt?

Elsberg: Genau. Deshalb muss man bei dieser Sorte Krimis die Charaktere in den Vordergrund stellen. Bei einem Science- oder Tec-Thriller, wie ich ihn geschrieben habe, steht die Handlung im Vordergrund. Ich selber lese gelegentlich auch schwedische Autoren, bei denen das oft vertreten ist. Aber mir ist das zu langweilig – und deshalb überblättere ich das dann auch häufig. Seitenlange selbstmitleidige Introsepktionen und Betrachtungen über die Schlechtigkeit der Welt in Krimis interessieren mich nicht.  Letztlich macht einen Mensch nicht aus, was er denkt, sondern wie er sich entscheidet, was er tut. Deshalb bin ich einer, der eher auf Handlung steht – außerdem mag ich es, wenn es kracht – und deswegen schreibe ich das dann auch so.

Was macht dann einen guten Krimi aus?

Elsberg: Da gibt es meiner Ansicht nach mehrere Komponenten. Das kann die Handlung sein, ein sehr involvierender Charakter, das kann in einigen Fällen sogar nur die Sprache sein. Wenn alles drei zusammenkommt, ist es optimal, dann haben wir einen richtig guten Krimi.

Hier steht mein Text über Marc Elsbergs „Blackout“

 

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Spannung unter einer Staubschicht: „Der Deal“ von David Ignatius

Das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gehört zu den abgelegensten Flecken der Erde. Hier halten sich seit Jahrhunderten beinahe unverändert archaische Traditionen auf eigentümliche Weise zivilisierter wilder Stammesverbände. Hier Fuß zu fassen, ist bislang noch keiner ausländischen Macht, keiner westlichen Kulturidee gelungen.

Nach Briten und Russen holen sich derzeit, so muss man das leider festhalten, die USA am Hindukusch eine nachhaltig blutige Nase: Die Idee unter Missachtung unverstandener Kulturen ganze Landstriche abwechselnd mit Dollar-Bündeln und Granaten zu bombardieren, bringt den Kampf gegen steinzeitlich anmutende religiöse Fundamentalisten bislang nicht zu einem erfolgversprechenden Ende.

Die dubiosen „Deals“ einer Geheimorganisation

In dieses unerquickliche Szenario siedelt der US-Schriftsteller David Ignatius seinen neuesten Thriller „Der Deal“ an. Eine supergeheime Geheimorganisation der USA soll in dem Gebiet mit allen Mittel Frieden erkaufen. Das ist zumindest der Plan des Kopfes der Organisation, einem ehemaligen CIA-Agenten, dem der US-Geheimdienst nicht mehr geheim genug war. Allerdings läuft die Sache schnell aus dem Ruder und die Agenten der sogenannten „Hit-Parade“ sterben bei ihren Einsätzen grausame Tode. Irgendjemand, so die Erkenntnis, hat dafür gesorgt, dass das Geheimnis der supergeheimen Geheimorganisation in die falschen Hände gerät.

David Ignatius lässt eine Spionin ermitteln

In der Zentrale der Gehim-Organisation arbeitet die junge Sophie Marx als Leiterin der Gegenspionage. Sie wird von ihrem Chef dazu auserkoren, die Mörder zu finden. Keine Frage, dass ihr das am Ende mehr oder weniger gelingt. Bis dahin hat sie jedoch so manche Intrige zu überstehen und manches Rätsel zu lösen. Der Gegner ist schlau – und bedient sich perfiderweise der Mittel seiner Gegner.

Nur Lügner und Betrüger

„Der Deal“ ist ein spannender Thriller, der nach allen Regeln der Kunst die Mittel und Methoden der modernen Geheimdienste aufschreibt. Anders als vom Verlag angedeutet handelt es sich jedoch nicht um einen Action-getriebenen James-Bond-artigen Plot mit (kampftechnisch) omnipotenten Superhelden, sondern viel mehr um einen intelligent erdachten Politthriller, der sich einigermaßen kritisch mit der US-Politik in Zentralasien auseinandersetzt. Die handelnden Personen sind überwiegend in der Sache ignorante, aalglatte Lügner und Betrüger, deren Ziele undurchschaubar bleiben. Die Agenten der Supermacht kommen noch nicht einmal als fehlgeleitete Patrioten durch, denen alles gestattet ist, weil sie für das „großartigste Land der Welt“ spionieren. Ignatius Agenten intrigieren, weil sich nicht anders können. Sie sind berufsmäßige Lügner, Betrüger und Mörder – und machen deshalb genau das. Ihren Gegenspielern lässt Ignatius wenigstens Rache und religiösen Fanatismus als Motiv.

Ein altmodischer Thriller rund um die CIA

Obwohl Ignatius einen Spionagethriller geschrieben hat, der auf moderne Mittel der „Kriegsführung“ eingeht, und mit dem langwierigen Kriegschauplatz einen aktuellen Fokus besitzt, wirkt „Der Deal“ auf merkwürdige Weise altmodisch. Das liegt vermutlich an den Kürzeln, die den Roman bevölkern. Eigentlich erwartet doch niemand mehr ernsthaft irgendetwas Neues von CIA&Co zu erfahren. Auch die Demontage der einst „strahlenden Helden“ des Kalten Krieges haben andere Autoren schon gründlich unternommen. Insofern bietet – so widersprüchlich das klingt Hochspannung unter einer irritierend dicken Staubschicht.

 

Tatort:Pakistan

„Der Deal“ hat viele Schauplätze. Washington, Los Angeles, London, Dubai, Islamabad. Für einen Agententhriller gehört sich das auch so. Eine große Rolle spielen diese Orte nicht. Auch das ist durchaus Genretypisch. Einem Ort jedoch versucht David Ignatius sich zu nähern: Pakistan. Das ist insofern verdienstvoll, als er deutlich zu machen sucht, weshalb die USA dort zu scheitern drohen. Ignatius taucht also in eine Welt fremdartiger Stammesverbände und lokaler Machtstrukturen ein, allerdings nur, um kurze Zeit später wieder mit der Erkenntnis aufzutauchen, dass im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan ein eigensinniger und hinterlistiger Menschenschlag mit einem überaus merkwürdigen Ehrbegriff haust. Das ist natürlich oberflächlich und beinahe unerträglich klischeebeladen – aber dennoch hilfreich, wenn es die Erkenntnis transportiert, dass andere Menschen gelegentlich anders sind. Wenn das mehr Menschen verstünden (insbesondere in der internationalen Politik), wäre schon eine Menge gewonnen.

David Ignatius, Der Deal, Rowohlt, 476 S. 9,99€

VÖ: April 2012

 

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Marc Elsberg zeichnet ein paneuropäisches Horrorszenario

Es beginnt vergleichsweise harmlos. Der Italiener Piero Manzano übersteht leicht verletzt einen Verkehrsunfall. Es hatte an einer Kreuzung gekracht, weil die Ampeln ausgefallen waren. Das kommt ja schon mal vor. Erst als er das Krankenhaus verlässt, beginnen die Dinge kompliziert zu werden. Noch ahnt der wackere Mann nicht, dass aus dem scheinbar unkomplizierten Heimweg eine Odyssee quer durch Europa werden soll. Zunächst kehr er in seine Wohnung zurück und muss feststellen, dass nicht nur die Ampel, an der er seinen Unfall hatte, sondern auch der Strom in seiner Wohnung ausgefallen ist. Genauer gesagt sitzt ganz  Mailand im Dunkeln.

„Blackout“ beginnt mit einigen kleinen Aussetzern

Es beginnt mit einigen wenigen Aussetzern in Italien und Schweden, aber immer rascher brechen immer größere Teile der Stromversorgung quer durch Europa zusammen. Am Anfang glauben die zuständigen Behörden und Stromversorger noch an technische Pannen und sind zuversichtlich, die Panne schnell wieder beheben zu können. Aber das gelingt nicht. Ganz im Gegenteil. Unterdessen wird zumindest Piero Manzano, einem ehemaligen Hacker, bei der Untersuchung seines elektronischen Stromzählers klar, dass irgendjemand das Stromnetz im gigantischen Umfang manipuliert. Der Italiener hat allerdings – ein Thema wie aus der antiken Sagenwelt – das Problem, dass dem Hellsichtigen niemand seine Prognose glauben will. Obwohl er mit seinen Erkenntnissen bis in die Zentralen europäischer Macht reist, gerät er sogar selber unter Verdacht.

Ein gesamteuropäisches Schreckensbild

Marc Elsberg hat sich mit „Blackout“ ein wahres Horrorszenario moderner Gesellschaften erdacht. Der Autor geht der Frage nach, was passiert, wenn die lebenserhaltende Energieversorgung zusammenbricht. Zunächst einmal zeichnet der Österreicher ein paneuropäisches Bild  Rembrandtschen Ausmaßes. Der Leser steht, einem Museumsbesucher gleich, staunend vor einem riesigen Gemälde und versucht, die zahllosen Fragmente, aus denen sich das Gesamtkunstwerk zusammensetzt, zu erfassen.

Marc Elsberg analysiert die Krise mit der Präzision des Chirurgen

Details gibt es in Blackout in Massen. Kühl zeichnet Elsberg den Verlauf einer Katastrophe auf, wenn nach der Stromversorgung Stück für Stück die Infrastruktur zusammenbricht, wenn erst die täglichen kleinen Helfer ausfallen, dann Wasser- und Lebensmittelversorgung zusammenbrechen und mit den letzten gesellschaftlichen Strukturen auch die öffentliche Ordnung verschwindet. Raubzüge, Gewalt, Machtübernahmen durch das Militär sind nur einige Bestandteile, der apokalyptischen Reise, die Europa in nur wenigen Tagen durchläuft. Wie bei einer Zwiebel schält Elsberg mit der Präzision eines Chirurgen Schicht für Schicht nicht nur die Errungenschaften des Fortschritts sondern auch den dünnen Firnis der Zivilisation von den Menschen – so lange, bis nur noch ein brutaler, egoistischer Kern übrig bleibt, der dem Humanisten die Tränen in die Augen treibt. Vermutlich hat der Mittvierziger dabei sogar noch ein weiches Herz und lässt den Einwohner Europas noch für einige Tage Zivilcourage, Solidarität und Nächstenliebe. Die Wirklichkeit würde sich , so steht zu befürchten, noch wesentlich härter und grausamer darstellen.

„Blackout“: Ein überaus gelungener Thriller

„Blackout“ ist eine enorm spannende Lektüre. Wer sich an die häufigen Ortswechsel dieses gesamteuropäischen Thrillers gewöhnt hat, wird mit zunehmenden Schrecken der Geschichte verfallen, die über mehrere hundert Seiten so gar keine Aussicht auf ein Happy End anbieten will. Der Leser geht im Kopf tatsächlich die Vorräte an Batterien, Kerzen und Lebensmittel im eigenen Haushalt durch, so realistisch zeichnet Elsberg den Weg in den unversorgten Abgrund. Dass gebürtige Wiener  über lange Zeit darauf verzichtet, sich mit den Verursachern der Katastrophe auseinander zu setzen, ist ein außergewöhnlich gelungener Einfall, der das dramatische Moment des Romans deutlich erhöht. Erst gegen Ende, als alle Hoffnung verloren scheint, wendet er den Blick und bietet eine Erklärung, die in ihrer beinahe schon banalen Beiläufigkeit dem Schreckensszenario zusätzliche Glaubwürdigkeiten verleiht.

Blackout ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinne, aber ein überaus gelungener, enorm dicht geschriebener und beinahe schon penetrant spannend erdachter Thriller, der obwohl er ein genretypisches Weltuntergangsszenario zeichnet, eine intelligente gesellschaftskritische Komponente enthält. „Blackout“ ist Thrillerkost auf allerhöchstem Niveau.

 

Tatort:Europa

Es gibt viele Schauplätze in „Blackout“. Handelnde Figuren gibt es in beinahe allen europäischen Hauptstädten, insbesondere aber in den Machtzentralen in Paris, Brüssel, Den Haag und Berlin. Marc Elsberg hat einen europäischen Thriller geschrieben und entsprechend weit kommt das handelnde Personal herum. Natürlich bleiben die Orte angesichts der Vielzahl der Schauplätze ein wenig blass, aber Elsberg hat keinen Reiseführer, sondern ein Krisenszenario erdacht. Die Orte, die er dazu braucht, vom aufgegebenen, verlassenen Krankenhaus, über das überfüllte Notasyl bis hin zu kleinen, langsam untergehende  Inseln der Versorgung in einem wilden Meer des stromlosen Chaos, hat er gut erdacht und glaubwürdig beschrieben.

Marc Elsberg, Blackout, Blanvalet, 797 S., 19,99€

VÖ: 15. März 2012