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In Hanna Winters „Opfertod“ legt ein Serienmörder eine Spur aus Leichenteilen

Lena Peters hat es wirklich nicht leicht. Der Chef ist schwierig, die Kollegen versuchen sich in der Kunst des Mobbens und privat läuft es auch nicht viel besser: Sie verlor als Kind bei einem Unfall ihre Eltern, musste mit ansehen, wie beide im Autowrack verbrannten. Zu allem Überfluss schleppt sie als Ballast noch eine drogensüchtige, psychisch instabile Zwillingsschwester mit durchs Leben. Damit es für die junge Frau nicht zu leicht wird, hat sie zu allem Überfluss bei der Berufswahl nicht aufgepasst und muss als Psychologin und Profilerin für die Polizei Serienmörder und sonstige Psychopathen jagen.
Die junge Autorin Hanna Winter hat ihrer Protagonistin das schwer Bündel geschnürt – und gehört zu den stärkeren Seiten ihres neuesten Kriminalromans „Opfertod“, dass die Biographie dennoch funktioniert. Lena Peters ist eine sympathische Persönlichkeit, deren Probleme wohl dosiert über mehrere hundert Seiten verteil werden und so nicht aufdringlich wirken.

Profilerin Lena Peters jagt einen Serienmörder
Die Profilerin wird von der Berliner Polizei angefordert, um eine überaus unappetitliche Mordserie aufzuklären. Ein Unbekannter entführt scheinbar wahllos junge Frauen, um sie zu verstümmeln und zu ermorden. Jedenfalls findet die Polizei in Berlin gleich dutzendweise Frauenleichen, denen die unterschiedlichste Körperteile amputiert werden. Lena Peters soll ein Profil des Killers erstellen und muss schnell feststellen, dass sie bei ihren Kollegen auf Barrieren und ansonsten auf zahllose Ungereimtheiten stößt. Schnell wird sie zur Außenseiterin und ermittelt auf eigene Faust. Dass sie dabei in Gefahr gerät, bedarf keiner weiteren Erwähnung.

Eine sympathische Ermittlerin in einer Geschichte mit Lücken
„Opfertod“ ist ein zwiespältiger Kriminalroman. Hanna Winter hat, wie schon angedeutet, eine sympathische Hauptfigur und einen glaubwürdigen „Sidekick“ erdacht, die ein ermittelndes Duo ergeben, dem man gerne durch die Handlung folgt. Bei der Krimihandlung jedoch zeigt der Thriller Schwächen, obwohl die Grundidee ebenfalls durchaus gelungen ist. Bei den Details wirkt die Geschichte jedoch immer wieder konstruiert bis unglaubwürdig, oft hilft der Zufall, die Handlung voranzutreiben. Gelegentlich scheint es, als habe die Autorin auch keine Erklärung für das Geschehen, wisse nur, dass es eben irgendwie weitergehen muss. Auch die Motive des handelnden Personals, insbesondere des Bösewichts, werden nicht nur nicht erklärt, sondern bleiben gelegentlich unverständlich.

Hanna Winter bietet Unterhaltung für entspannte Leser
„Opfertod“ versteht also vor allem wegen des interessant erdachten Personals den geneigten, kleineren Mängeln tolerant gegenüberstehenden Krimi-Leser zu unterhalten, wird aber keinen bleibenden Eindruck als große Krimiliteratur hinterlassen. Da der Kriminalroman allerdings sehr entschieden als Serie angelegt ist, bleibt ja Hoffnung auf eine Fortsetzung, die Stärken ausbaut und Schwächen abstellt, so dass sich Lena Peters doch noch einen Platz im erinnernswerten Ermittler-Kreis sichert

 

Tatort:Berlin
Berlin scheint ein Dorf. Im Rekordtempo geht es jedenfalls durch die Stadt, von Spandau in den Wedding, nach Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain. Die weiten Wege, die dazwischen liegen, sind keiner weiteren Erwähnung wert. Insofern bringt „Opfertod“ die Stadt nicht wirklich näher. Dass eine – und sei es eine junge – Polizeimitarbeiterin in der Nähe der Boxhagener Straße in Friedrichshain wohnt, ist nur damit zu erklären, dass diese Adresse aus unerfindlichen Gründen immer noch als besonders interessant gilt. Ansonsten hagelt des gelegentlich Stereotypen. Das ist nicht schlimm. Berlin hält das aus. Die Hauptstadt hat zwar noch immer keinen besonderen Glamour-Faktor, aber als heruntergekommene Kulisse für zwielichtige Gestalten ist sie traditionell unschlagbar. Insofern funktioniert auch der Tatort Berlin für Hanna Winters „Opfertod“ sehr gut.
Hanna Winter, Opfertod, Ullstein, 318 S., 8,99€
VÖ: März 2012

 


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Hans Koppel zerstört in „Entführt“ gute Ideen mit billigen Effekten

Kinder sollen ja bekanntlich um keinen Preis zu Fremden ins Auto steigen. Eines Abends begeht auch Ylva, lange erwachsen und selber Mutter diesen Fehler. Sie lässt auf dem Heimweg von der Arbeit von einem Paar im Auto mithnehmen und findet sich kurze Zeit später in einem Kellerverlies gefangen wieder.

Eine grausame Entführung in der schwedischen Provinz

Schritt für Schritt wird die junge Frau gedemütigt und von ihren Peinigern gequält. Über einen Fernsehmonitor kann sie zudem beobachten, wie das Leben ihres Mannes und ihrer Tochter unterdessen seinen Lauf nimmt, wie aus Verzweiflung, Trauer, später Routine und schließlich ein neues Leben wird.

Viele gute Ideen im Psychothriller

Eigentlich entwickelt Hans Koppel mit seinem Thriller „Entführt“ gleich mehrere sehr gute Ideen. Was passiert mit einem Menschen, der über einen langen  Zeitraum eingesperrt wird, wie kommen Hinterbliebene damit zurecht, dass ein Mensch einfach tatsächlich spurlos verschwindet, wie gehen sie mit Schuldgefühlen, Wut und Verdächtigungen von Nachbarn und Freunden um? Das alles sind Fragen, die aufkommen und interessant wären, beantwortet zu werden.

Hans Koppel liefert kaum Antworten

Leider deutet der Schwede Koppel, der den Psychothriller in seiner Heimatstadt Helsingborg angesiedelt hat, die inneren Konflikte nur an und lässt viele Fragen offen. Der Kriminalroman ist temporeich aufgeschrieben, der Tatort, ein scheinbares Vorortidyll, das zur Hölle wird, und viele überraschende Wendungen klug erdacht. Allerdings begleitet der Autor seine Figuren und ihr Leben in der Vorstadthölle nur an der Oberfläche. Über die Seelenqualen, die Verwandlung der Menschen, die er zu Beginn so raffiniert einführt, erfährt man sich so gut wie nichts. Er bleibt wie ein gebannter, aber letztlich uninteressierter Zuschauer auf Distanz.

Alles für die „Quote“?

Koppel setzt in erster Linie auf reißerische Effekte. Anders sind die wiederholt ausgemalten Vergewaltigungsszenen nicht zu erklären. Spätestens nach dem ersten Mal ist dem Leser klar, dass es sich der Entführung um eine besonders perfide Form der Rache handelt. Alle weitere Schilderungen sind überflüssig und schielen vermutlich auf eine perfide Weise auf die Quote bei einem Massenpublikum.  Insofern ist Hans Koppels Kriminalroman sogar im höchsten Maße ärgerlich.

 

Tatort: Helsingborg

Entführt ist beinahe ein Kammerspiel: Das Leben des Opfers spielt sich auf wenigen Quadratmetern im Kellerverlies eines Vororthauses ab. Über Helsingborg erfährt man, wenn das Leben des Ehemanns beschrieben wird,  jenseits der Schlafstadt, wie sie wohl überall in Europa zu finden ist, nur sehr wenig. Das ist kein Mangel, angesichts des Themas, das sich der Schwede Hans Koppel gesucht hat.

Hans Koppel, Entführt, Heyne, 352 S., 14,99€

VÖ: Februar 2012

 


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Jeffery Deaver lässt James Bond einen gemeinen Müllmann jagen

Dieses Mal geht die Reise nach Serbien, Dubai und Südafrika. Exotische Ziele sind für den ordentlichen Spionage-Thriller mindestens genau so wichtig, wie fantasievoll erdachte Waffen, schöne Frauen und abgefeimte Schurken mit dem Drang, die Welt zu vernichten.

Der neue James Bond, der ja traditionell so eine Art global agierender Handlungsreisender in Sachen Geheimniskrämerei ist, macht da keine Ausnahme. Der US-Autor Jeffery Deaver wurde gebeten die Vorlage für das jüngste 007-Abenteuer zu verfassen. Echte Fans können also jetzt schon lesen, was dem britischen Geheimagenten in der nächsten Verfilmung widerfahren wird.

Product-Placement jetzt auch im Buch

Zunächst zum unangenehmen Teil: Das Product-Placement hat jetzt auch in die Literatur Einzug gehalten. Vermutlich haben die Produzenten des Filmes eine unauffällige Mail mit Kooperationspartnern an den Krimi-Autoren geschickt: Jedenfalls finden sich wahrscheinliche und unmögliche Produkte ausgiebig benannt und beschrieben. Freunde der Abteilung Q werden beispielsweise vergeblich auf fantasievoll erdachte Fortbewegungsmittel hoffen, die raffiniertesten Tricks finden im Inneren eines Telefons US-amerikanische Herkunft statt.

James Bond ist erwachsen geworden

Die nächste „Enttäuschung“: James Bond scheint erwachsen geworden, beziehungsweise im 21. Jahrhundert angekommen. Der Agent nimmt Frauen ernst, weiß ihre beruflichen Qualitäten zu schätzen und reflektiert (!), ob er eine Frau, die er attraktiv findet, auch tatsächlich verführen soll. (soweit, dass er mit dem Versuch scheitern könnte, reicht der Fortschritt selbstverständlich nicht.)

Da der Roman zumindest als Vorlage für ein Drehbuch gedacht ist, nehmen – ungewöhnlich für Jeffery Deaver – „Action-Szenen“ einen breiten Raum ein. Ausführlich kann der Leser Zweikämpfen Bonds mit allen möglichen Waffen und Nahkampftechniken gegen erst unüberwindbar scheinende, aber dann doch zu bezwingende Bösewichte folgen. Das geht, obwohl dicht geschrieben, zu Lasten des Tempos.

007 muss nach Dubai und Kapstadt

Zum Plot ist nicht viel zu sagen. Der zentrale Gegenspieler Bonds ist, so scheint es, harmlos im Recycling-Business. Das zumindest ist eine hübsche Idee. Der potentielle Gutmensch als durchtriebener Bösewicht. Kleine Puzzlestücke deuten darauf hin, dass ein gewaltiger Anschlag bevorsteht, und James Bond wird von „M“ damit beauftragt, den Urheber aufzuspüren und aufzuhalten. Das gelingt nach Abenteuern in Dubai und Kapstadt, bei denen Bond erkennen muss, dass er es mit einem überaus raffinierten Gegenspieler zu tun hat, der an alle Eventualitäten zu denken scheint und deshalb lange nicht zu fassen ist.

Jeffrey Deaver sprüht wieder vor guten Ideen

Hier liegen Stärken des Bond-Thrillers: Jeffrey Deaver recherchiert sehr genau, sprüht meistens vor guten Ideen und versteht es beinahe unerreicht, einen spannenden, immer wieder überraschende Wendungen bereit haltenden Plot zu konstruieren. Zuletzt ließ er beispielsweise per Stromkabel morden.

Bei allen Merkwürdigkeiten, die die Wiederaufarbeitung eines hinlänglich bekannten Serienhelden mit Wurzeln in den sechziger Jahren mit sich bringt, ist es Jeaffrey Deaver tatsächlich gelungen, eine spannende Fortsetzung zu erzählen, die zudem einige neue, wenn auch ungewöhnliche Facetten des Superagenten im Einsatz ihrer britischen Majestät bereit hält.

Tatort:Südafrika

Natürlich ist London die Heimat von 007, aber sein Arbeitsplatz ist die Welt. Als Spion kommt James Bond herum. Neben dem Auftakt in Serbien und einem Intermezzo in Dubai spielt der neue Bond vor allem in Südafrika, genauer gesagt in Kapstadt und seiner Umgebung. Mit wenigen Worten skizziert Deaver die südafrikanische Gesellschaft, Strukturen und Probleme eines Landes im Wandel. Wer eine tiefgründige Analyse erwartet und sich über oberflächlich hingeworfene, grob gezeichnete Schraffuren ärgert, hat vermutlich Recht, sollte sich aber fragen, ob ein James-Bond-Roman für ihn die richtige Lektüre darstellt. 007 ist schließlich kein Erdkundelehrer. Wer sich mit solcherlei Gedanken nicht aufhält, wird sich gleichermaßen informiert wie unterhalten fühlen…

 Jeffery Deaver, Carte Blanche, Blanvalet,544 S., 14,99€

VÖ: 27. Februar 2012

 

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Ursulas Poznanskis Fünf: Eine gradliniger, gelungener Thriller

Geocaching ist ein Spiel des 21. Jahrhunderts. Vor allem Besitzer von Smartphones oder GPS-Geräten begeben sich mit großer Begeisterung auf die moderne Schnitzeljagd, bei der das High-Tec-Spielzeug den Jäger auf weniger Meter genau zu Zielkoordinaten führt. Dort angekommen müssen Auge und Verstand ganz altmodisch Verstecke erspähen und Rätsel lösen, um an einen „Schatz“ zu gelangen.

Leichenteile in der „Schatztruhe“
Ein harmloses Spiel? Nicht in Salzburg. Dort legt ein ein besonders perfider Geist raffiniert Spuren und schickt die Polizei auf eine Jagd. Beatrice Kaspary und ihre Kollegen müssen schnell feststellen, dass die „Schatztruhen“ Leichenteile enthalten und die Suche nach Geocaches keinesfalls der persönlichen Belustigung dient, sondern immer wieder aufs Neue Menschenleben auf dem Spiel stehen. Lange kommt die Kommissarin bei ihren Ermittlungen nicht voran – und als sie denkt, sich dem Täter zu nähern, muss sie aufpassen, nicht selbst zur Beute zu werden.

Eine neue Ermittlerin mit „Dienstsitz“ Salzburg
Die Österreicherin Ursula Poznanski hat der schönen Stadt Salzburg eine neue Ermittlerin spendiert. Ihre Beatrice Kaspary ist eine sympathische Polizisten, allerdings hat ihre Schöpferin der armen Frau einiges Gepäck aufgehalst, neben dem Leben als berufstätiger alleinerziehender Mutter, muss sie noch einen gekränkten und deshalb latent bösartigen Exmann, einen fies-drangsalierenden Chef und ein dunkles Geheimnis aus ihrer Vergangenheit ertragen. Zu den großen Stärken von „Fünf“ zählt die Leichtigkeit, mit der die Autorin all das erzählt. Die Kaspary hat es schwer, aber das erfährt man beinahe beiläufig, ohne aufdringliche Betroffenheitsrethorik. Im Fokus steht jederzeit, wie sich das für einen ordentlichen Kriminalroman gehört, die Verbrecherjagd.

Ursula Poznanski treibt ihren Plot mitreißend voran
Den Kriminalfall rund um die tatsächliche Jagd durch Salzburg und sein Umland sind als gradliniger, überaus spannender Psychothriller aufgeschrieben. Ursula Poznanski verzichtet auf jegliche Mäzchen und treibt den Plot mit einer einfachen aber mitreißenden Sprache voran. Da dürfte sie von ihrer Erfahrung als Jugendbuchautorin profitieren: Ihre bisherigen Bücher sind ähnlich verdichtet geschrieben und zurecht preisgekrönt. Sie selber sagte in einem Gespräch, dass sie eine „Sogwirkung erzielen wollte. Das ist ihr außerordentlich gut gelungen.

Viele falsche Fährten und eine gelungene Mörderjagd
Anhänger ausgiebiger philosophischer und gesellschaftspolitischer Betrachtungen und kunstvoll gedrechselter Satzkonstruktionen werden vermutlich diese von der Autorin bewusst einfach gewählte Sprache kritisieren, aber Freunde eines rasant erzählten Thrillers werden die literarische Atemlosigkeit zu schätzen wissen. Wie bei einem guten Geocache versteht Poznanski es zudem, bis zum Schluss falsche Fährten zu legen und den Leser bei der Mörderjagd in die Irre zu legen. Dass sie zudem, bei der Auflösung weitgehend auf eine Erklärung psychologischer Beweggründe des Täters verzichtet, erscheint zunächst irritierend, im nachhinein aber durchaus passend. „Fünf ist so kein sehr tiefschürfender, aber ein intelligent konstruierter, mitreißender Psychothriller und ein überaus gelungenes Krimi-Debüt.

 

Tatort:Salzburg

Zu Beginn des Jahres 2012 sind eine Reihe von Krimis erschienen, die beinahe schon eine pan-europäische Dimension besitzen. Mit wenigen Suche&Ersetze-Befehlen wären die Romane problemlos von einer europäischen Stadt in die nächste zu versetzen: Das galt für Arno Strobels „Das Skript“, Kristina Ohlssons „Aschenputtel“ – und das stimmt auch für Ursula Poznanskis „Fünf“. Das ist von der Autorin beabsichtigt und insofern gut, weil die ausufernde Flut von Regionalkrimis der vergangenen Jahre beinahe schon nervtötend war, das ist aber auch schade, weil der Leser, der einen gut beschriebenen Tatort zu schätzen weiß, etwas zu kurz kommt. Wer also Salzburg noch nicht besucht hat, wird kaum erfahren, dass die Stadt tatsächlich in den Alpen liegt und von hohen Berggipfeln umschlossen scheint. Auch die Stadt selber wird von Felsformationen unterbrochen. Direkt über der Altstadt blickt beispielsweise die Feste Hohensalzburg auf verwinkelte Gassen, mittelalterliche Häuser und die flott fließende Salzach.

Ursula Poznanski, Fünf, Wunderlich, 381 S., 15,95€
VÖ: 16. Februar

 

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Ursula Poznanski: „Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte“

Bislang hat Ursula Poznanski Jugendbücher geschrieben, in dieser Woche stellt sie ihren ersten Kriminalroman vor. Ein äußerst gelungenes Debüt. Vor dem Erscheinungstermin von „Fünf“ habe ich die angenehm bodenständige Österreicherin getroffen und mit ihr über ihren Roman und die Arbeit daran gesprochen.

 

Was macht einen guten Ermittler im Kriminalroman aus?

Poznanski: Das möchte ich aus Lesersicht beantworten. Ich selber lese gern über Menschen – und weniger gern über Funktionsträger. Für mich zählt dabei, dass ich einer Figur begegne, mit der ich mich nicht unbedingt identifizieren können muss, die ich aber als Menschen wahrnehme. Darüber hinaus ist natürlich der Faktor Kompetenz sehr wichtig. Ich glaube nicht, dass es Spaß macht, einem Ermittler zu folgen, bei dem man das Gefühl hat, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Das heißt nicht, dass er nicht an Hindernisse stoßen darf, oder zwischendurch glaubt, das Handtuch werfen zu müssen, aber man muss es ihm zutrauen, dass er es am Ende irgendwie hinkriegt.

Es ist für Sie vermutlich schwierig, in dem konkreten Fall aus „Lesersicht“ zu argumentieren, aber wie würden Sie ihre Kommissarin Beatrice Kaspary beschreiben?

Poznanski: Sie hat ein Problem, das viele Menschen haben: Sie lädt sich immer zu viel auf und kann es daher nie allen Recht machen.  Dabei bewegt sie sich beruflich auf einem Niveau, auf dem sich beispielsweise eine Ärztin bewegt: Polizisten müssen sehr viel Verantwortung übernehmen, was das Leben viel schwieriger macht als beispielsweise das einer Autorin. Wenn ich einen Tag lang Unsinn schreibe, hat das deutlich weniger Folgen, als wenn eine Kommissarin einen Tag lang nicht bei der Sache ist. Beatrice Kaspary hat also allein durch ihren Beruf eine sehr große Fallhöhe, jeder Fehler zählt doppelt. Dazu kommt noch ihre sehr schwierige private Situation, ihre komplizierte Vorgeschichte. Dieses Zerrissensein zwischen Pflichten aller Art bewältigt sie aber, so denke ich, bei allen Selbstzweifeln ziemlich gut.

Ein zentrales Thema in „Fünf“ ist das Geocaching, eine moderne Version der Schnitzeljagd. In Ihren vorherigen Büchern haben Sie Computerspiele und Rollenspiele als Passepartout für ihre Handlungen verwendet. Sie scheinen immer Subkulturen in Ihre Geschichten einzubauen. Wie kommen Sie an diese Themen?

Poznanski: Nach meinem Empfinden ist es eher immer umgekehrt. Die Themen finden mich. Sie zünden einen Funken, aus dem heraus sich dann eine Geschichte entwickelt. Ich sitze also nicht da und denke, jetzt müsste endlich mal jemand was über Geocaching schreiben. Es ist eher so, dass ich über ein Thema stolpere, das dann meine Phantasie weckt. Insofern ist es eher zufällig, dass ich jetzt drei Mal ein spielerisches Grundthema in meinen Büchern hatte.

Was ist der besondere Reiz beim Geocachen?

Poznanski: Es ist eine Herausforderung, wie jede Art der Schatzsuche, auch wenn man natürlich nichts wirklich Wertvolles findet. Aber es beinhaltet das Messen zweier Geister: Der Eine versucht, etwas so zu verstecken, dass es der Andere nicht oder zumindest nur mit Mühe findet. Darüber hinaus hat es etwas Spielerisches, es ist mit Bewegung verbunden und reizvoll für alle, die gerne Rätsel lösen.

Im Kern des Geocachens steckt also das Prinzip der kindlichen Schatzsuche?

Poznanski: Manche Erwachsene würden das so nicht formulieren, aber in meinen Augen läuft es genau darauf hinaus. Man kann den eigenen Sammeltrieb „füttern“ und erlebt fast jedes Mal einen Adrenalinschub,  wenn man nach einer halbstündigen vergeblichen Suche „den Cache“dann  tatsächlich gefunden hat.

Das ist wohl die erwachsene Rechtfertigung für das Prinzip...

Poznanski: Gut möglich. Hinzu kommt dann noch die technische Spielerei mit dem GPS-Gerät – das wirkt auf den ersten Blick kompliziert mit all den Einstellungen und den Koordinaten, hat aber auch gerade daher einen zusätzlichen Reiz. Ich glaube, dass es sehr gesund ist für Erwachsene, wenn Sie ihrem Spieltrieb gelegentlich freien Lauf lassen.

Warum haben Sie die „Schnitzeljagd Ihrer Kommissarin nach Salzburg verlegt und nicht nach Wien, das in vielfacher Hinsicht näher liegend scheint?

Poznanski: Ich habe das Thema von vorneherein eher in Salzburg angesiedelt gesehen. Wien in ist in Krimi-Hinsicht bestens versorgt. Wichtig war es mir auch, keinen Regionalkrimi zu schreiben, und das wäre mir bei Wien vermutlich eher passiert. „Fünf“ ist ein allgemeingültiger Krimi, der zwar in Salzburg spielt, weil er einen konkreten Ort braucht, der ist aber nicht zwingend für den Plot. Salzburg ist zudem eine sehr schöne Stadt mit vielen Facetten, geographisch wie sozial, zu der ich eine langjährige, gute Beziehung habe. Schwierig fände ich es, einen Roman in einer Stadt anzusiedeln, die ich gar nicht kenne. Wien wiederum ist mir so vertraut, dass ich mich möglicherweise in Details verlieren würde.

Es ist tatsächlich auffällig, dass Sie keinen Regionalkrimi geschrieben haben. Der Ort spielt eigentlich keine Rolle, ihr Roman hätte genau so gut in Hannover spielen können…

Poznanski: Sehr schön, genau das wollte ich auch.

Dieses beinahe schon sterile Ambiente erscheint jedoch ambivalent. Ein Krimi, der einen exotischen Ort beschreibt ist oft sehr reizvoll. Andererseits hat es ja immer etwas Peinliches, wenn in einem Krimi zur geographischen Einordnung  regional erscheinende Floskeln a la „Küss die Hand, gnä’ Frau“ verwendet werden…

Poznanski: …Ich musste Hochdeutsch schreiben, sonst hätte ich den Roman schon allein durch die Sprache in die Reihe der Regionalkrimis eingeordnet. Zuviel Hochdeutsch ging aber auch nicht, denn ein Salzburger kann seine Einkäufe nicht in einer Tüte wegtragen. Das würde kein Österreicher sagen, der nimmt sein „Sackerl“. Das wiederum ist extrem regional gefärbt und reißt den Leser, der mit dieser Wortwahl nicht vertraut ist, aus dem Fluss. Das heißt, ich taste mich immer auf dem schmalen Grat der absolut neutralen Begriffe entlang, die man sowohl in Österreich als auch in Deutschland verwenden würde. Schließlich will ich auch nicht, dass ein Österreicher sagt, „das sind ja alle Deutsche“. Mein Ziel war es, dass „Fünf“ für alle hürdenfrei lesbar ist. Diese Regionalkrimis haben ja oft etwas drolliges – und dieser Effekt hätte zu meiner Geschichte überhaupt nicht gepasst.

Sie verwenden eine sehr klare Sprache, eine stark reduzierte, beinahe schon einfache Sprache. Wie bewusst haben Sie sich für diesen Stil entschieden?

Poznanski: Das ergibt sich, weil ich versuche, extrem nah an meinen Perspektivfiguren dran zu bleiben. Man denkt dann doch sehr selten in verschwurbelten Sätzen. Wenn ich dicht an der Perspektive meiner Figuren bleibe, gibt es nun mal keine Blickwechsel und seitenlange Betrachtungen von außen. Ich verwende zudem viele kurze Sätze, die die Unmittelbarkeit des Geschehens verstärken, weil ich glaube, dass dadurch eine gewisse Sogwirkung entsteht.

Das haben Sie bei Ihrem bislang letzten Jugendbuch „Erebos“ ebenfalls sehr konsequent durchgehalten. War der Wechsel von dem Jugend- zum Erwachsenenbuch schwer?

Poznanski: Es ist meinem Gefühl nach nicht wirklich ein Wechsel, weil ich weiter Jugendbücher schreiben werde: Ich meine, es ist eine Erweiterung, ich fahre jetzt auf zwei Gleisen. Ich würde mich auch wahnsinnig ungern festlegen und sagen, ich bin per definitionem Jugendbuchautorin oder Autorin von Thrillern für Erwachsene. Ich schreibe einfach Geschichten, die mich interessieren.

Ändert sich die Sprache?

Poznanski: Ein wenig. Die Ausdrücke sind andere, manchmal verwerfe ich meine erste Formulierung zugunsten einer einfacheren. Auch die Satzkonstruktionen sind anders. Im Jugendbuch beschneidet man sich bis zu einem gewissen Grad, man hat immer wieder Formulierungen im Kopf bei denen man denkt, „Die ist jetzt zu weit weg von den Lebenswelten der Jugendlichen“ und sucht dann etwas, was passender ist. Für Erwachsene schreibe ich meist ganz so, wie es mir in den Kopf kommt.

Sie bleiben bei Ihrem Buch sehr eng am Plot, den Sie einer angelsächsischen Tradition, folgend, ohne Schlenker vorantreiben. Könnten Sie mit dieser Einordnung leben?

Poznanski: Ich habe in letzter Zeit relativ wenige amerikanische Krimis gelesen. Wenn ich beeinflusst bin, dann eher aus der europäischen, stark sogar aus der skandinavischen Ecke. Ich habe beispielsweise Stieg Larsson mit Begeisterung gelesen, Mankell natürlich auch. Einflüsse gibt es auf unbewusster Ebene immer, aber ich versuche, meine eigene Linie zu finden.

Haben Sie beim Schreiben Vorbilder?

Poznanski: Peter Hoeg liebe ich heiß, schon rein sprachlich, aber auch von der Art wie er seine Figuren zeichnet, insbesondere in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. An diesem Niveau kratzen zu können, wäre toll. Nimmt man den Plotaufbau, ist J.K. Rowling phantastisch gewesen. Die ganze Welt hat versucht, vorherzusagen, wie sie ihre Geschichte weiterspinnt und am Ende auflöst, und sie hat es dennoch immer wieder geschafft, alle mit ihren Vermutungen gegen die Wand laufen zu lassen. Was das Legen falscher und das Verbergen richtiger Spuren angeht ist sie ein großes Vorbild.

Was macht einen guten Krimi aus?

Poznanski: Die Figuren, die das Buch über die reine Krimi-Handlung hinaus leben lassen. Ein überzeugender Plot, aber das ist vermutlich nicht krimi-spezifisch. Eine Handlung, die nicht von Beginn an durchschaubar ist. Optimalerweise sollte der Leser sich für mehr interessieren kann als das reine „Whodoneit“, und auf mehreren Ebenen gut unterhalten werden.

Muss der Leser in Abgründe gucken, auf die dunkle Seite der Seele geführt werden?

Poznanski: Das halte ich nicht für schädlich. Ich schreibe immer sehr gerne über meine Bösewichte. Ein interessanter Antagonist ist für einen guten Krimi mindestens genauso wichtig wie ein glaubwürdiger Protagonist.

Haben Sie sich mal überlegt, warum die Menschen in diese Abgründe blicken wollen?

Poznanski: Ich denke, man wird mit den eigenen Ängsten konfrontiert, aber auf eine sichere Art. Man sitzt auf dem Sofa und hat Angst, aber eine wohlige Angst, ein Gruselgefühl ohne direkte Bedrohung, ähnlich wie bei Horrorfilmen. Das hat wohl eine Art Ventilfunktion: Es geht einem gut und notfalls kann man das Buch zuklappen; den bösen Mann im Keller gibt es nicht. Das halte ich für eine große Triebfeder bei Krimi- und Thrillerlesern. Wir haben es gerne spannend. Wir wollen rätseln und möglichst noch vor dem Ermittler wissen, wer der Täter war – aber die besten Krimis sind die, wo der Autor uns ein Schnippchen schlägt.

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Arno Strobel liefert eine furiose Jagd auf einen Serienmörder

Eine junge Frau wird vermisst. Es fehlt jede Spur von der Tochter eines Hamburger Zeitungsverlegers. Die Sonderkommission kommt bei den Ermittlungen nicht wirklich voran – bis eine weitere junge Frau ein Päckchen erhält. Der Absender hat offenbar auf menschlicher Haut Teile eines „Romans“ geschrieben. Die Polizisten ahnen, dass das nicht gut ausgehen kann.

Ein Rennen gegen die Zeit

Die Hamburger Kommissare Andrea Matthiessen und Stephan Erdmann müssen erkennen, dass für sie ein klassisches Rennen gegen die Zeit begonnen hat, denn der Täter folgt einem fest gefügten Muster – und tatsächlich häufen sich sowohl Entführungs- als auch Mordfälle. Die Ermittlungen werden nicht leichter, weil die Polizisten von einem fiesen Vorgesetzten schikaniert werden, was geordnete Polizeiarbeit nicht gerade einfach macht.

Ein Roman im Roman von Arno Strobel

Arno Strobel hat sich die Geschichte ausgedacht und eine „Roman im Roman“-Handlung konstruiert. Der Mörder folgt der Anleitung des Schriftstellers Christoph Jahn. Dessen Buch, wie auch Strobels Roman heißen „Das Skript“. Obgleich die Idee nicht ganz neu ist und insbesondere im Film vermutlich bereits hundertfach umgesetzt wurde, funktioniert die Grundidee sehr gut. Strobel hat einen außerordentlich dichten Kriminalroman erdacht, der mit einem furiosen Auftakt den Leser in die Seiten zieht und bis zum Schluss nicht mehr loslässt.

Strobel hat eine spannende Jagd in einer Handlung aufgeschrieben, die zwar wenig Seitenstränge oder falsche Fährten enthält, aber mit unaufhaltsamer Wucht auf einen action-geladenen Show-Down zusteuert.

Ermittler mit Konturen und Tiefe

Der gebürtige Saarländer hat überdies in seinem „Skript“ ein gleichermaßen sympathisches wie glaubwürdiges Ermittlerteam versammelt. Er verleiht dem handelnden Personal Konturen und Tiefe, ohne gleich deren gesamtes Innenleben auszubreiten. Das schafft eine unaufdringliche Nähe, den Beschreibungen eines unmenschlichen, raffinierten Serienmörders werden so fehlbare, aber engagierte Ermittler entgegengesetzt, die Bindung schaffen.

 

Tatort:Hamburg

Arno Strobel ist Saarländer, arbeitet in Luxemburg und lebt in Trier. Für seinen Roman „Das Skript“ hat er sich in Hamburg herumführen lassen. So fallen gelegentlich Straßennamen, Stadtviertel und markante Plätze, insgesamt bleibt die Hansestadt Hamburg jedoch blass. Strobel hat einen Kriminalroman geschrieben, der mit wenigen Suche&Ersetze-Befehlen beliebig gesamten deutschen Sprachraum „versetzt“ werden könnte. Das ist schade, weil Krimileser, die einen interessanten Tatort zu schätzen wissen, zu kurz kommen, aber andererseits auch unwichtig, weil das Skript als tempogeladener Thriller auch ohne lokale Verankerung gut funktioniert.

Arno Strobel, Das Skript, Fischer, 382 S., 8,99€

VÖ: 6. Februar 2012

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Helen Black entwertet mit fröhlich-plapperndem Ton ein ernstes Thema

Archaische Strukturen in Familien, Unterdrückung von Mädchen und Ehrenmorde sind ein ernstes Thema. Das Leben islamisch geprägter Familien in einem westlichen Umfeld, das Integration verlangt und das Fremde nicht zu akzeptieren bereit ist, ebenso. Um so wichtiger ist es, dass die Probleme angesprochen werden. Ob nun das Genre des Krimis der richtige Ort ist, scheint angesichts Helen Blacks „Schuldspruch“ allerdings fraglich.

Rebellen mit Rechtsbuch in „Schuldspruch“

Die Britin lässt in ihrem dritten Kriminalroman eine junge Frau sterben. Sie wurde mit Schlaftabletten vergiftet, also ermordet. Außerdem war die Frau mit pakistanischen Wurzeln schwanger. Für die Polizei ist der Fall schnell klar. Einer ihrer Brüder wird verhaftet. Die Behörden gehen von einem „Ehrenmord“ aus. Hier kommt die Anwältin Lilly Valentine ins Spiel. Die Rebellin mit Rechtsbuch wird von der Familie des Jugendlichen engagiert und glaubt trotz erdrückender Beweislast und fundamentalistischer Attitüde an die Unschuld ihres Mandanten. Sie beginnt zu ermitteln und stellt alsbald die Polizei bloß. Bei ihren Recherchen stößt sie nicht nur auf sturköpfige, ignorante Polizisten, sondern auch auf kriminell-gewalttätige selbsternannte „Heilige Krieger“ und natürlich auf eine Mauer des Schweigens mitten in der Weltmetropole London.

Helen Black zeichnet Figuren ohne Tiefe

Helen Black arbeitet, wenn sie nicht gerade Krimis schreibt, als Anwältin für Jugendstrafrecht in London, kennt also Materie und Umfeld einigermaßen genau. Dennoch kann „Schuldspruch“ trotz eines leidlich guten Spannungsbogens und des eigentlich dramatischen und deshalb mitreißenden Grundthemas nicht wirklich überzeugen. Letztlich verliert sie sich bei ihren Versuchen, dem Leben islamischer Einwanderer auf den Grund zu gehen, in einem Labyrinth schwarz-weiß gezeichneter Pappfiguren – mit scharfen Konturen, aber ohne Tiefe. Das ist dramatisch gezeichnet, aber für die Diskussion um Integration nicht wirklich hilfreich.

Ein amüsant-oberflächlicher Ton

Die schreibende Anwältin hilft ihrer Sache auch in stilistischer Weise nicht wirklich weiter. Sie verfällt immer wieder in einen seicht-plaudernden Ton amüsant-oberflächlicher Frauenliteratur. Protagonistin und ihr Umfeld vermögen auch Angesichts der dramatischsten Zuspitzung noch fröhlich-plappernde Dialoge, die an einen dieser „Beim-nächsten-Frosch wird-alles-anders“-Frauenstoffe erinnern und ein merkwürdig antiquiertes Frauenbild zeichnen. Und das ist wirklich nicht besonders lustig, gleich wie die Zielgruppe aussieht.

 

Tatort:London

Ein kuscheliges Cottage für die Anwältin, eine heruntergekommene Mietskaserne für ihre Assistentin, Gettho-artige Siedlungen für die Moslems, ein Schlachterladen für einen verdächtigen Moslem. Man kann sich schon vorstellen, dass es im weniger feinen Norden Londons genau so aussieht, man ahnt aber gleichzeitig, dass hier leere Fassaden zu einer „stimmigen“ Kulisse zusammengeschoben wurden. Wie das bei Stereotypen und Klischees so ist, steckt auch in den London-Schilderungen Helen Blacks, ein Quentchen Wahrheit, ob man die Vereinfachungen aber tatsächlich für bare Münze nehmen sollte?

Helen Black, Schuldspruch, Fischer, 378 Seiten, 8,99€

VÖ: Januar 2012

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Kristina Ohlssons „Aschenputtel“: Debütantin mit Geltungssucht

Es gibt Menschen, die überfallen einen unmittelbar nachdem man sie kennen gelernt hat, mit ihrer vollständigen Lebensgeschichte inklusive aller Erfolge und Misserfolge. Meistens hat man dann ja das Pech, dass man sich ausgerechnet dann gerade nicht unsichtbar machen kann.

Ausgedehnte Beziehungsfragen

Ein wenig geht einem das so mit Kristina Ohlssons „Aschenputtel“. Die Schwedin  hat sich für ihr Krimi-Debüt ein Trio erdacht, dass in Stockholm eine Fahndungsgruppe bildet, und fällt, ohne das der Leser Zeit hätte, sich langsam anzufreunden, gleich mit der Tür ins Haus. Über Seiten hinweg erklärt, ohne hier allzu sehr ins Detail zu gehen, beispielsweise die Zivilpolizisten Frederika Bergman in inneren Monologen die Vorzüge und Schattenseiten einer Beziehung zu einem deutlich älteren, verheirateten Mann. Peter Rydh wiederum dürfen wir dabei beobachten, wie er seine Ehe mit seiner depressiven Frau durch wiederholte Seitensprünge mit einer Kollegin an die Wand fährt.

Kristina Ohlsson übertreibt

Es ist ja immer gut – oft sogar eine besondere Qualität – wenn die Figuren in Kriminalromanen nicht nur Funktionsträger sind sondern auch eine menschliche Komponente besitzen, und es ist sicherlich auch Geschmackssache, aber Ohlssons Versuche, dem Leser ihre Protagonisten näher zu bringen, wirken aufdringlich. Das ist außerordentlich schade, denn abgesehen davon hat die junge Schwedin mit „Aschenputtel“ einen sehr ordentlichen, fesselnden Krimi geschrieben.

Ein Telefonat mit Folgen

An einem verregneten Sommertag wird durch eine Signalstörung der Schnellzug von Göteborg nach Stockholm zu einem außerordentlichen Halt gezwungen. Eine junge Frau nutzt die Gelegenheit für ein Telefonat. Dabei verpasst sie den Zug. Das hat fatale Folgen. Bei der Ankunft in der schwedischen Hauptstadt sitzt ihre Tochter, die sie schlafend im Zug zurückgelassen hatte, nicht mehr auf ihrem Platz. Das Mädchen bleibt verschwunden. Sämtliche Ermittlungen der eilig hinzugerufenen Fahndungsgruppe um Rydh, Bergman und ihren Chef Alex Recht bleiben erfolglos.

Jagd nach einem Serienmörder in „Schneewittchen“

Spätestens als das Kind ermordet in einem nordschwedischen Provinznest aufgefunden wird, akzeptieren alle Beteiligten, was die Außenseiterin bei der Polizei, Frederika Bergman, bereits vermutet hatte: Nämlich, dass es sich wohl nicht nur um ein aus den Fugen geratenes Familiendrama handelt. Schnell wird klar, dass die Polizei einen Wahnsinnigen stoppen muss – und dass es eilt, weil weitere Morde nicht lange auf sich warten lassen.

Wer sich an den eingangs erwähnten Beziehungsgeschichten nicht stört, wird mit einer abgründigen Kriminalgeschichte belohnt, die einmal mehr die finsteren Seiten menschlicher Seelen offen legt. Das ist enorm spannend, auch weil Kristina Ohlsson nach dem arg menschelnden Auftakt sich im Verlauf ihres Buches auf die wesentlichen Stränge ihrer Geschichte konzentriert und die Handlung zielgerichtet vorantreibt.

 

Tatort: Stockholm

Viel Lokalkolorit gibt es nicht. Dass der Roman in Schweden spielt, erkennt man eigentlich nur an der Bezeichnung des Schnellzuges X-2000 von Göteborg nach Stockholm. Sonst deuten nur die Namen und vielleicht einige landestypische Befindlichkeiten auf die geographische Einordnung hin. Diese europäische „Beliebigkeit“, die natürlich überhaupt nicht stört, wird dem Krimileser in den kommenden Monaten vermutlich noch häufiger begegnen. In Abgrenzung zu vielen Regionalkrimis setzen immer wieder Autoren auf Spannung als alleiniges bestimmendes Moment ihres Romanes, dann ist es tatsächlich gleichgültig, ob ein Krimi in Stockholm, Salzburg oder Hannover spielt. Das ist letztlich nur für die Leser bedauerlich, die bei ihrer Lektüre gerne in fremde, exotische oder außergewöhnliche Orte „reisen“ wollen.

Kristina Ohlsson, Aschenputtel, Limes, 474 S., 19,99 €

VÖ: 2011

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Spannend, aber oberflächlich: Tim Weavers „Blutiges Schweigen“

Journalisten sind oft Menschen, die nichts Ordentliches gelernt haben und doch oft glauben, von allem ein bisschen was können. So ist das wohl auch mit David Raker. Einst reiste er als Reporter um die Welt, um spannende Geschichten zu finden und aufzuschreiben. Seit dem Tod seiner Frau zieht er als Getriebener durch London und spürt vermisste Kinder auf.  Auf sein Umfeld wirkt er dabei gelegentlich besessen, aber die Quote stimmt: Bisher hat er alle, die er gesucht hat, wiedergefunden – ein Trost für alle, die sich mit gesundem Halbwissen durchs Leben schlagen. Aber das nur nebenbei.

Suche nach einem verschwundenen Mädchen

Über ein halbes Jahr ist jetzt die siebzehnjährige Megan Carver verschwunden. Die Polizei lässt es bei der Suche eher locker angehen, und so wenden sich die Eltern an David Raker. Der ehemalige Journalist beginnt, Fragen zu stellen und stößt schnell auf Ungereimtheiten. Ganz so perfekt, wie ihm versucht wird, vorzugaukeln, war der angeblich strebsame, zurückhaltende Teenager offenbar doch nicht. Merkwürdiges entdeckt der Mann auch bei der Polizei, die offenbar ein Geheimnis zu verbergen versucht.

Blutige Spur eines Serienmörders

David Raker findet neue Spuren und muss feststellen, dass Megan Carver einem abgrundtief bösen Verbrecher begegnete, der nicht einfach nur ein Mädchen entführte, sondern mit mörderischer Präzision einem perfiden Plan folgt. Dass der Kidnapper sich zu allem Überfluss an einem Ort herumtreibt, an dem einst ein Serienmörder seine blutige Spur legte, lässt nichts Gutes ahnen.

Ein illustres Ensemble

Der britische Journalist Tim Weaver hat sich David Raker erdacht und schickt seinen Ermittler in „Blutiges Schweigen“ bereits zum zweiten Mal durch die Straßen von London. Weaver geht bei seinem jüngsten Kriminalroman wieder in die Vollen. Er hetzt dem wackerem Raker ein bunt gemischtes, spannungstreibendes Personal auf den Hals: Der Ex-Journalist muss sich mit bösartigen Kommissaren, einem wild wordenen, abgehalfterten Polizisten auf Rachfeldzug, einem sadistischen Arzt, einem russischen Bandenchef und allerlei anderen dubiosen Figuren herumschlagen. Dieses illustre Ensemble lässt die Vielzahl der Handlungsstränge erahnen, die Weaver zu seinem Krimi verwebt.

Nervenkitzel pur

Gleichzeitig drückt der Brite auf Tempo. Nach handelsüblich geruhsamen Auftakt lässt Weaver weder seinem Hauptdarsteller noch seinen Lesern Zeit für eine Verschnaufpause. Die Handlung verdichtet sich auf einige Stunden, in denen Raker sich ein Duell mit einem gnadenlosen, genialischen Gegner liefert. Das ist ungemein spannend. Weaver versteht es, seinen Lesern mit allen Mitteln an seine Story zu fesseln. Insofern liest sich „Blutiges Schweigen“ sehr gut. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Früh schält sich der Gegner Rakers heraus, der Plot lässt bei aller Spannung, bei allem Nervenkitzel überraschende Wendungen vermissen. Dazu kommt, das Weaver viele Ideen hat, dabei Handlungsstränge andeutet aber nicht konsequent verfolgt. Außerdem erscheinen die Figuren jenseits des „Hauptdarstellers“ blass, so dass am Ende der Eindruck perfekt inszenierter, aber in Teilen doch recht oberflächlicher Thriller-Unterhaltung hängen bleibt.

 

Tatort:London

Ost-London ist der Schauplatz von „Blutiges Schweigen“, aber Tim Weaver modelliert die Stadt nach eigenem Bedarf um. Neben kleinbürgerlichen Wohnsiedlungen spielt in erster Linie ein vergessener Ort die Hauptrolle in seinem Kriminalroman. Ein dunkel zugewucherter, verflucht wirkender Wald und ein Stadtteil mit Geisterstadtcharakter, der von Fabrikruinen und verfallenen Häusern geprägt wird, verbergen finstere Geheimnisse aus Vergangenheit und Gegenwart. Das ist natürlich weder real noch realistisch, aber außerordentlich gut ausgedacht. Der aus einer Gothic Novel in den modernen Krimi entsprungene Schauplatz trägt wesentlich zum fesselnden Spannungsbogen von „Blutiges Schweigen“ bei. Da macht es dann auch nichts, dass der Tatort komplett erdacht ist, weil man ihn sich so oder so ähnlich gerne in London vorstellen mag.

Tim Weaver, Blutiges Schweigen, Goldmann, 505 S., 9,99€, VÖ: Januar 2012

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Paul Cleave schickt seinen Ermittler in einen ungleichen Kampf

Chistchurch scheint kein gutes Pflaster für Verkehrsteilnehmer zu sein.  Nach einem Unfall liegt die Frau von Theo Tate im Koma. Das Unglück, bei dem auch seine Tochter ums Leben kamn, brachte den Polizisten derart aus dem Gleichgewicht, das er im Suff seinerseits eine junge Frau anfuhr. Das kostete ihn seinen Job und einige Monate Gefängnis.

Serienmörder mit gnadenlosen Plänen 

„Die Totensammler“ von Paul Cleave setzt mit der Entlassung Tates aus dem Knast ein. Genau an dem Tag, an dem ihn ein ehemaliger Kollege vor dem Gefängnis einsammelt, wird in der neuseeländischen Stadt die junge Frau, die er einst überfuhr, von einem Unbekannten verschleppt. Nach diesem etwas kompliziert anmutenden Auftakt geht es sehr einfach weiter. Es entwickelt sich eine Dreiecksjagd, in dem zwei Serienmörder dem Ermittler gegenüberstehen. Tate hat dabei das „Glück“, dass auch die Serienmörder nicht wirklich miteinander arbeiten. Der Ex-Polizist lernt schnell, dass dem verschleppten Opfer, mit dem er durch den Unfall verbunden ist, nicht mehr viel Zeit bleibt, bevor einer der beiden Serienmörder seine kranken Pläne in die Tat umzusetzen beginnt.

Die Faszination des vorhersehbaren Schreckens

Paul Cleave erzählt seinen Psycho-Thriller aus drei Perspektiven. Neben dem Polizisten dürfen auch die Serienmörder, ein scheinbar brillanter Geist und ein vorgeblich zurück gebliebener Außenseiter ihre Sicht der Dinge wiedergeben. Zwar weiß der Leser so immer schon, welcher Wahnsinn als nächstes ansteht, aber gleichzeitig ersteht durch den erwartbaren Schrecken ein zusätzliches Spannungsmoment.

Paul Cleave setzt in „Die Totensammler“  ganz auf den Grusel, den die „Stimmen“ der Serienmörder auslösen, seine Konstruktion löst Abscheu aus, aber auch den Drang, der Geschichte unbeirrt zu folgen, um die Gewissheit zu erlangen, dass so viel Bosheit, wie sie Cleave aufhäuft, am Ende nicht erfolgreich sein darf.

Krimi ohne Ballast

Dem Australier Cleave ist mit seinem jüngsten Roman ein ungemein fesselnder Krimnalroman gelungen, weil er den Plot auf ein unbarmherziges Duell reduzierte und dabei der Tradition angelsächsischer Thriller-Autoren folgend auf jeglichen Ballast verzichtete, der den Spannungsfluss stören könnte: Es gibt also weder herausragend formulierte Sätze, noch elegische Betrachtungen noch gesamtgesellschaftliche Analysen. Es gibt nur zwei Dinge: Spannung und Tempo. Für einen gelungenen Thriller kann das ausreichen, bei  „Die Totensammler“ genügt es vollauf.

 

Tatort: Christchurch

Man kann sich vom anderen Ende der Welt kaum vorstellen, dass sich in Christchurch abgesehen von hungrig blökenden Schafen überhaupt irgendetwas aufregendes ereignen könnte. Wenn man Paul Cleave glaubt, ist die neuseeländische Stadt auf der Südinsel ein immer mehr herunterkommender Hort der Verderbtheit, in dem Gangs und Graffiti das Bild der Straßen dominieren. Viel mehr verrät der Australier nicht über seinen Heimatort, der demnach auch durch die Gier der Spekulanten zu einem seelenlosen Ort verkommt. Immerhin erfährt der Leser, dass es in der Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern, die im vergangenen Jahr von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, im Sommer heiß wird, so heiß, dass der Lack der Autos Blasen wirft. Diese alles erdrückende Sommerhitze beschreibt Cleave bei aller Sparsamkeit szenischer Modellierung glaubwürdig nachfühlbar. Insofern erschließt sich dem deutschen Leser, für den es wohl kaum eine weiter entferntere Stadt auf dem Globus gibt,  auch dieser Tatort.

Paul Cleave, Die Totensammler, Heyne, 8,99€

VÖ: Dezember 2011