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Sandro Veronesis „XY“ ist ein verwirrendes Mysterienspiel

„XY“ von Sandro Veronesi ist kein Krimi im eigentlichen Sinne. „XY“ ist eher ein Mysterienspiel, ein höchst verwirrender Roman. Es gibt keine Ermittler, im Prinzip keine Handlung und erst recht keine Auflösung. Der Roman kreist auf  knapp 400 Seiten um ein schreckliches Ereignis.

Grausiger Fund in einem Bergdorf

In einem Wald nahe eines abgelegenen italienischen Bergdörfchens werden an einem kalten Wintertag elf Leichen gefunden. Diese Leichen weisen abgesehen vom Fundort keine Gemeinsamkeiten auf. Es sind Männer und Frauen dabei, auch Kinder. Einige weisen Spuren von Gewalt auf, einige scheinen rein zufällig gestorben, andere durch Unfälle. Ein Opfer wurde sogar laut Obduktionsbefund Opfer eines Hai-Angriffs – und zwar eines Hais, der seit 200 Jahren ausgestorben ist. Der schreckliche Tod der elf löst zunächst hektische Aktivitäten der Behörden aus und dann Bemühungen, die ganze Angelegenheit zu vertuschen.

In dem abgelegenen Dorf versuchen ein Pfarrer und eine Psychologin das Mysterium zu verstehen. Die beiden müssen sich dabei zum einen mit den Bewohnern des Dorfes und zum anderen mit sich selber auseinandersetzen. Beides fällt ihnen nicht leicht.

Greise Clans in der Provinz

Pfarrer und Psychologin schleppen einigen Ballast mit sich herum, und die Schilderung eines wegen Abwanderung und Überalterung aussterbenden Dorfes gehören zu den stärkeren Momenten von Veronesis „XY“. Schizophrenie, Inzest und Alterstarrsinn scheinen die beherrschenden Momente des Lebens der italienischen Provinz, das offenbar nach wie vor vo archaischem Clan-Denken beherrscht wird. Die Akteure sind meist im Greisenalter, die verbliebenen „Kinder“ meist in den Fünfzigern.

Vergebliche Suche nach Antworten

„XY“ ist ein anstrengendes Buch. Die rudimentären Fragmente einer Handlung dienen im mehr oder weniger nur dazu, die Gedanken der beiden Hauptakteure auszubreiten, aus derer Sicht die Geschichte im Wechsel erzählt wird. Diese Gedanken kreisen um das Vergebliche bei den Versuchen das Unerklärliche zu erklären, um Glaube, Zweifel, Grenzen der Wissenschaft.

Schrecken im Plauderton

Eine gewisse Faszination liegt daran, dass Sandro Veronesi einen – man ist versucht zu sagen typisch  italienischen – Ton trifft. Wortreich plaudernd, als spräche er beim Espresso über Fußball oder Frauen, beschreibt der 58-Jährige den Schrecken eines Massakers und das Trauma einer Dorfgemeinschaft, die daran seelisch zu zerbrechen droht. Das klingt zynisch? Mag sein. Aber das ist große Erzählkunst. Der Kontrast zwischen Sprache und Thema verstärkt das verstörende Moment und macht die Intensität des Romanes aus

Für reine Krimifans ist „XY“ dennoch eher nicht zu empfehlen. Dazu geht dem Krimi beinahe alles ab, was zu solider Spannungsliteratur dazugehört. Wer jedoch einen ungewöhnlichen Roman lesen will, um sich dabei mit grundsätzlicheren Fragen des Lebens auseinander zusetzen, der sollte dem Werk eine Chance geben.

 

Tatort:Italien

Der Tourismuskonzern Tui hat im ersten Halbjahr 2011 ein leerstehendes Dorf in der Toskana gekauft, um darin eine Luxusferienanlage für internationale Gäste zu bauen. Das kleine Bergdorf San Giuda, in dem „XY“ spielt, erinnert ein wenig an das malerische, auf einem Hügel gelegene Örtchen. Beide wirken wie aus einer vergangen Zeit, mit ihren verwinkelten Gassen und windschiefen Häusern, weitgehend von den Segnungen moderner Gesellschaften abgeschnitten. Beide weisen einen tödlichen Aderlass für eine menschliche Siedlung auf, den Verlust der Jugend. Allerdings ist San Giuda, wenn man den Schilderungen Sandro Veronesis glaubt, die arme Verwandte des Tui-Dorfes. Das Leben ist einfach und hart in den Bergen. Das vermittelt „XY“ glaubhaft und beschreibt so glaubhaft einen Tatort und italienische Wirklichkeit zugleich.

Sandro Veronesi, XY, Klett-Cotta, 22,95 €

VÖ: 24. August 2011

 

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Ein Krimi aus der Frontstadt des Kalten Krieges

Ein Szenario des Schreckens: Mitten im Kalten Krieg beschließt eine kleine Gruppe innerhalb des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA, dass es Zeit wird, die Konfrontation mit der UdSSR auf ein neues Niveau zu heben. Eine raffinierte Verschwörung soll den nach Ansicht der Hardliner schlaffen Präsidenten John F. Kennedy in eine offene Konfrontation mit der sowjetischen Führung treiben. Als passender Ort für die Eskalation wählen die Kriegstreiber die Frontstadt Berlin.

Die letzten Stunden vor dem Mauerbau

In dieses Szenario schickt Uwe Klausner seinen Berliner Kriminalpolizisten Tom Sydow. Der erfahrene Ermittler stößt bei einem Mordopfer, das in einem S-Bahnwagen gefunden wird, auf zahlreiche Ungereimtheiten. Als immer weitere Tote auftauchen, und Sydow und sein Team immer weitere Hinweise auf Manipulation entdecken, spitzt sich die Situation zu. Die deutschen Polizisten müssen sich nun mit Geheimagenten aus beiden Lagern auseinandersetzen. Die Uhr tickt zum Ultimatum. Der Bau der Mauer, dass allerdings weiß der Kommissar zu Beginn nicht, ist nur noch wenige Stunden entfernt.

Das „Kennedy-Syndrom“ von Uwe Klausner“

„Kennedy-Syndrom“ heißt der Roman von Uwe Klausner, der pünktlich zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August erscheint und munter mit Spekulationen zum Thema „Wer wusste was“ spielt. Klausner webt dazu Handlungsstränge in den USA und Berlin zusammen. Weder der CIA, noch der US-amerikanische Präsident noch die Westberliner Polizeiführung kommen dabei besonders gut weg.

Der Kriminalroman Klausners hinterlässt nach der Lektüre allerdings zwiespältige Gefühle. Klausner vermag es eine Geschichte zu erzählen, die Verdichtung der Handlung auf die wenigen letzten Tage vor dem Mauerbau gelingen ihm zur spannenden Geschichtsstunde. Dennoch wirkt das Thema, ein Agententhriller, der in den sechziger Jahren spielt, leicht angestaubt.

Marken und Moden der sechziger Jahre

Das gilt auch für die Sprache. Klausner stattet seine Akteure mit dem Wortschatz jener Jahre aus. Das ist sehr anfangs sehr amüsant, auch weil der Autor Moden, Marken und Begriffe der Sechziger wieder ausgräbt und liebevoll inszeniert. Aber leider verwendet er diesen Stil auch für seine eigenen Beschreibungen – und das wirkt mitunter altbacken. Als Berlin-Krimi oder für Freunde historischer Momentaufnahmen ist „Das Kennedy-Syndrom“ dennoch sehr gut geeignet.

 

Tatort:Berlin

Das Berlin des „Kennedy-Syndroms“ ist das alte Westberlin. Die Stadt ist geteilt, aber noch offen. Die Figuren halten sich daher an Plätzen auf, die in jenen Jahren – und eigentlich bis zum Fall der Mauer – zentral für das Leben im Westteil der Stadt waren, heute jedoch an den Rand der Wahrnehmung gedrängt sind, auch weil sich das Zentrum wieder Richtung Osten verschoben hat. Uwe Klausner lässt dieses „alte“ Berlin als in Charlottenburg, Schöneberg und Zehlendorf noch das Herz der Stadt schlug, wieder auferstehen. Beim Lesen ergeben sich – zumindest für den Leser, der jene Mauerjahre bewusst miterlebt hat – zahlreiche Déjà-Vu-Erlebnisse. Für sie, aber ganz besonders für die Nachgeborenen das „Kennedy-Syndrom“ vielleicht weniger ein Krimi: Das Kennedy-Syndrom ist nicht nur für eine politische Zeitreise geeignet sondern auch als historischer Stadtführer.

 

Uwe Klausner, Kennedy-Syndrom, Gmeiner, 11,90 €

VÖ: 13. August 2011

 

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„Der Federmann“ von Max Bentow ist ein rundum gelungenes Debüt

Es gibt Krimis, die überzeugen durch ihren raffinierten Plot. Andere begeistern, weil sie durch die Eleganz der Sprache auffallen, wieder andere, weil sie gesellschaftliche Zustände erklären und mehr sind „mehr“ als ein Kriminalroman. Und dann gibt es da noch die Krimis, von denen man noch nicht einmal genau sagen kann, was ihre außerordentliche Faszination ausmacht, die man aber nicht zur Seite legen kann, bis man die Auflösung erfahren hat.

Ein Plot mit sehr hohem Tempo

„Der Federmann“ von Max Bentow gehört in diese Kategorie. Das ist deshalb bemerkenswert, weil diese „Pageturner“  in der Regel im angelsächsischen Raum entstehen. In den USA und Großbritannien verstehen sich die Autoren darauf, Bücher zu schreiben, die den Plot mit einem extremen hohen Tempo vorantreiben und dabei eine enorm fesselnde Spannung entwickeln. Alles andere wird dem untergeordnet.

Dass Max Bentow einen Thriller geschrieben hat, der diese Merkmale aufweist, spricht für die Qualität des neuen Autoren auf dem Krimimarkt.

Jagd nach einem Serienmörder

Die Geschichte ist eher dabei eher einfach. Ein Serienmörder geht in Berlin um und ermordet Frauen. Der Täter geht äußerst brutal vor, foltert und verstümmelt seine Opfer. Am Tatort hinterlässt der Mörder zudem stets einen toten Vogel.  Kommissar Nils Trojan beginnt zu ermitteln und gerät bald selber in das Visier des Serienmörders. Das ist zugegeben nicht sehr originell, aber in diesem Fall außerordentlich gut erdacht.

Auch der „Federmann“ kann seine Heimat nicht völlig verleugnen. Deutsche Krimis der jüngsten Zeit weisen zwei eher merkwürdige Gemeinsamkeiten auf. Die Autoren neigen zu deutscher Gründlichkeit und beschreiben bis ins letzte Detail. Außerdem haben die Ermittler oder ihre Angehörigen, seltene, extrem merkwürdige Krankheiten. Vermutlich liegt beides daran, dass die Autoren häufig Journalisten sind und Belege ihres angelesenen Wissens und ihrer gründlichen Recherche abliefern müssen. Leider geht das allzuoft zu Lasten des Tempos.

Typisch deutsch?

Auch Max Bentow erliegt (teilweise) dieser doppelten Versuchung. Am Anfang verliert er sich bei seinen Szenen in zu viele Details und sein Kommissar leidet unter einer Angststörung mit regelmäßigen Panikattacken. Deshalb besucht der Polizist sogar eine Therapeutin. Hier enden die Gemeinsamkeiten mit anderen deutschen Krimis. Der „Federmann“ nimmt spätestens ab dem zweiten Viertel gewaltig Fahrt auf, und die Leiden des Kommissars und der Gang zur Therapeutin sind wichtiger Bestandteil der Handlung. Hier hat die erdachte Krankheit der Hauptfigur tatsächlich einen literarischen Sinn.

„Der Federmann“ ist ein gelungenes Debüt: Ungewöhnlich spannend und bis zum Schluss fesselnd. Die Ankündigung der PR-Strategen des Verlages, das ein Roman den Auftakt zu einer „neuen Krimiserie“ bilde, muss ja leider allzu oft als Drohung verstanden werden. Bei Max Bentow stimmt das den Krimi-Leser tatsächlich neugierig.

 

 

Tatort:Berlin 

Max Bentow, eigentlich Schauspieler und Dramatiker ist Berliner. Er kennt also seine Stadt. „Der Federmann“ spielt im südlichen Zentrum der Hauptstadt. Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln sind die Zentren des Romans. Der Kommissar bewegt sich mit dem Fahrrad durch die Straßen, die Wegbeschreibungen sind so genau, dass man die Wege, die der Ermittler nimmt, problemlos nachfahren könnte. Der Mittvierziger Bentow fängt die Stimmungen, die in den jeweiligen Kiezen zu spüren ist, gut ein. Die intellektuelle Bürgerlichkeit Schönebergs ist genau so glaubwürdig wie der Völkergemisch Kreuzbergs und die latenten Hoffnungslosigkeit das beinahe schon Stadtrandbezirkes Neukölln. Das Berlin Bentows zeigt einen realistischen Querschnitt. Es ist weder die Hochglanzmetropole der Neuen Mitte noch das Elendsquartier der Plattenbauten – und auch das ist, angesichts dessen, was mit Berlin in den vergangen Jahren literarisch bisweilen veranstaltet wird, sehr sympathisch.

Max Bentow, Der Federmann, Page&Turner, 14,99€

VÖ: 8. August 2011