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Tom Rob Smith verlässt mit „Ohne jeden Zweifel“ vertraute Pfade

Daniel ist Gärtner in London und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben.  Zwar hat er einen grünen Daumen, aber kein Talent fürs Geschäft. Auch insofern ist sein Leben eine große Lüge, genau wie seine private Beziehung zu Marc, die er seinen Eltern vorenthalten hat. Insofern macht er sich – als seine Mutter, die mittlerweile in Schweden lebt, ankündigt, ihn besuchen zu wollen, zunächst einmal Sorgen um das fragile Konstrukt seines Lebens.

Eine gigantische Verschwörung in Ohne jeden Zweifel“?

Seine Mutter Tilde jedoch hat ganz andere Sorgen. Sie werde von ihrem Mann und anderen finsteren Gestalten verfolgt, sei zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen worden und wisse um eine Verschwörung von gigantischem Ausmaß, erzählt sie am Telefon. Sie überzeugt ihren Sohn, sich die Geschichte anzuhören, reist nach London und legt ihre Beweiskette in einer ausführlichen Erzählung dar. Daniel hört zu – und fragt sich, ob er seiner Mutter glauben soll.

Tom Rob Smith verlässt das Genre des historisch-politischen Thrillers

Tom Rob Smith hat sich die Geschichte ausgedacht und mit „Ohne jeden Zweifel“ zunächst einen radikalen Wechsel vollzogen. Smith hatte den russischen Agenten Leo Demidow erfunden und mit „Agent 6“ und „Kind 44“ sensationell gute (und sensationell erfolgreiche) Bücher geschrieben.  Jetzt hat er das Genre gewechselt und hat es natürlich schwer, weil er immer an seinen ungemein komplexen, raffiniert erdachten und spannend aufgeschriebenen Thrillern im politisch-historischen Bereich gemessen wird.

Ein sehr privates Buch

„Ohne jeden Zweifel“ ist ein sehr privates Buch, in der das Halbschwede Smith ein wenig auch seine eigene Herkunft einfließen lässt. Sein neuester Thriller basiert ist mehr Familiendrama als Weltverschwörungsroman; statt Kreml  und Kabul sind die Handlungsorte eine kleine Wohnung im Herzen von London und ein abgelegenes Dorf in Südschweden.

Raffiniertes Spiel um Wahn und Wirklichkeit

Auch wenn Demidow-Fans beim neuen Smith sehr enttäuscht sind, kann man Smith seine Klasse nicht aberkennen. Auch „Ohne jeden Zweifel“ ist fesselnd aufgeschrieben, weniger komplex vielleicht, mit klarer konturiertem Rahmen, aber nichtsdestotrotz raffiniert. Das Spiel um Wahn und Wirklichkeit hat jenseits üblicher Krimilektüre jedenfalls seine ganz eigene Qualität und ebenfalls hohen Unterhaltungswert.

 

Tatort:Südschweden

Den Augen vieler Deutscher ist Schweden der perfekte Urlaubsort, eine heile Welt mit viel schöner Natur, freundlichen Menschen und entspannter Lebenswirklichkeit. Viele schwedische Krimi-Autoren setzen alles daran, dieses Bild ländlich heiler, von modernen Problemen unberührter Welt durch düstere Großstadtbeschreibungen zu zerstören. Tom Rob Smith, der eine schwedische Mutter hat, geht da raffinierter vor. Er beschreibt das ländliche Schweden mit kleinen Landwirtschaften, idyllischen Seen und verschlafenen Dörfern genau so, um dann nur umso präziser den ganzen Schrecken auszumalen, der in dieser abgelegenen Provinz, die längst nicht so heile ist, wie der Schein  es suggeriert, das Leben zur Hölle werden lässt. Insofern ist „Ohne jeden Zweifel“ auch ein interessantes Länderportrait.

Tom Rob Smith, Ohne jeden Zweifel, Manhattan, 383S.,19,99€, VÖ:: 14. Oktober 2013

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Tom Rob Smith zeichnet ein gelungen düsteres Bild des Kalten Krieges

Der Kalte Krieg beflügelt bis heute die Fantasie. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die beiden Blöcke unversöhnlich, aber gleichzeitig unlösbar ineinander verbissen gegenüberstanden, regte Dutzende von Autoren zu Spionageromanen und Krimis an.

Seit einigen Jahren hat sich Tom Rob Smith das spannende historische Umfeld für seine Romane ausgesucht. Zwei Bände, „Kind 44“ und „Kolya“ sind bereits erschienen. Soeben ist „Agent 6“ auf den Markt gekommen.  Der jüngste Roman ist, um es kurz zu sagen, schlicht großartig.

Erbärmliche Kreaturen des Kalten Krieges
“Agent 6“ ist zunächst deshalb so außerordentlich gut gelungen, weil  Smith ein düsteres Bild der beiden Blöcke zeichnet. Die Agenten, die auf Seiten der USA oder der Sowjets „kämpfen“, sind keine gut aussehenden, Martini-schlürfenden Kampfmaschinen mit Intelligenz, Charme und Schlag beim weiblichen Geschlecht. Smiths Spione sind ausnahmslos erbärmliche Kreaturen, fanatische Reaktionäre, verblendete Ideologen oder  einfach nur korrupte Drogensüchtige.

Vom Stalinismus zum Afghanistan-Konflikt
Ein Linie, die „Gut“ und „Böse“ unterscheiden würde, lässt sich bei den literarischen Truppen, die der britische Autor gegeneinander in Stellung bringt, nicht wirklich ziehen. Es bleibt die Erkenntnis: Krieg, auch oder ganz besonders der Kalte, ist ein schmutziges Geschäft. „Agent 6“ fasziniert in diesem unerbittlichen Kräftemessen der Systeme auch deshalb, weil es Smith gelingt, einen spannender Bogen von der unmittelbaren stalinistischen Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre und den blutigen Konflikt um Afghanistan zu zeichnen.

Ein Kriegsheld mit Zweifeln
KGB-Agent Leo Demidow  soll einen kommunistischen US-amerikanischen Sänger bei dessen Moskau-Besuch vor der harschen sowjetischen Realität abschirmen. Der  Anhänger des Regimes soll nicht sehen, wie schlecht es den Bürgern in der Nachkriegssowjetunion tatsächlich geht. Das gelingt mit Mühe – und Demidow soll bei der Mission auch noch seine große Liebe kennen lernen. Damit enden die guten Nachrichten für Leser und Protagonisten allerdings abrupt. Es beginnt eine, eigentlich beginnen mehrere Intrigen und Verschwörungen, die Demidow rund um den halben Globus und an den Rand seiner Existenz bringen sollen.

Ein mitreißendes Drama
Auch wer Verschwörungsromanen kritisch gegenübersteht, etwa weil er das ganz große Szenario, wie es zuletzt Sam Bourne in „Der Gewählte“ zeichnete, als unglaubwürdig erachtet, wird sich „Agent 6“ nicht entziehen können: Das Drama um den einstigen Helden des Vaterländischen Krieges, der an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt, ist raffinier konstruiert und gleichermaßen glaubwürdig wie mitreißend beschrieben.

Tom Rob Smith hält in seinem dritten Roman die perfekte Balance: Sein Stil ist direkt und schnörkellos. Alles ordnet sich dem Tempo unter. Gleichzeitig räumt der Brite mit schwedischen Wurzeln der Beschreibung der Charakter und ihrer Lebenswelt so viel Raum ein, dass die Seiten permanent eine spürbare, dichte Atmosphäre atmen. „Agent 6“ zählt zu dieser Sorte Krimis in deren Welt man mit einem wohlig-gruseligem Schauer komplett eintauchen möchte und zu deren Gunsten man zum Leidwesen von Freunden und Familie bis zur letzten Seite jegliche ablenkende Realität aussperrt

 

Tatort:Afghanistan

Lew Demidow kommt herum. Er lebt in Moskau, ermittelt in New York und verbringt einen Teil seines Lebens in Afghanistan: Die Schilderung des Staates am Hindukusch während der sowjetischen Besatzung Ende der siebziger Jahre ist extrem glaubwürdig beschrieben. Der abgelegene, nur mäßig entwickelte und von Stämmen beherrschte Staat ersteht auch ohne ausführliche Beschreibungen plastisch zum Leben. Smith vermittelt einen spürbaren Eindruck von Hitze; Staub und Dreck am Ende der Welt. Die wahre Stärke besteht aber eher im „psychologischen“ Tatort, wenn man diese Formulierung einmal zulassen will. Die Grausamkeit der sowjetischen Besatzer, die unerbittliche Härte einer „Befreiung“ durch die Kommunisten und des erbitterten, ebenso harten Widerstandes dagegen, gehören zu den deutlichen Stärken des Romans von Tom Rob Smith.

Tom Rob Smith, Agent 6, Manhatten, 21,99 €<, VÖ: 19: September 2011