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Jeffery Deavers Todeszimmer: Spannung mit einem schwer erträglichen Rechtsempfinden

Jeffery Deaver ist offen gestanden einer meiner „Helden“. Der Amerikaner hat mich jedenfalls Mitte der neunziger Jahre das erste Mal mit seinen ungemein raffinierten und extrem spannenden Plots beeindruckt. Kaum jemand konnte meiner Meinung nach in jenen Jahren vergleichsweise fesselnd schreiben. Dass ich mit einer niederländischen Variante des „Bone Collector“ einige Jahre später die schöne Sprache unserer Nachbarn gelernt habe, gehört vermutlich nicht hierher, zeigt aber meine besondere Verbundenheit mit diesem Autor.

 Jeffery Deaver schreibt weiterhin extrem fesselnd

Jetzt hat Jeffery Deaver den neuesten Band seiner Lincoln-Rhyme-Reihe veröffentlicht. Für alle Fans des Autoren: Ja, er hat es mal wieder geschafft. Auch der neueste Band ist so stark verdichtet, dass er diese Qualität besitzt, den Leser für Stunden auf Sofa, den Küchenstuhl, das Mäuerchen vor dem Café (oder wo immer sich der bevorzugte Leseplatz befindet) zu bannen, sodass jede noch so kleine Unterbrechung als störend empfunden wird.

Mord im Auftrag der Regierung

Darum geht’s: Auf den Bahamas geschieht ein Mord. Ein Kritiker der USA, der alternative Projekte unterstützt, wird erschossen – und zwar mit Billigung amerikanischen Behörder, so viel ist von vorneherein klar. Offenbar, so vermutet eine New Yorker Staatsanwältin, war diese Hinrichtung nicht rechtens, weil das Opfer unschuldig sein könnte. Deshalb beauftragt die Juristin den forensischen Experten Lincoln Rhyme mit Ermittlungen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Amelia Sachs und dem gemeinsamen Team machen sich die beiden an die Arbeit. Schnell gewinnen die beiden Erkenntnisse, die nicht ganz ungefährlich sind: 1. Die Spur reicht bis nach Washington, möglicherweise sogar bis zum Präsidenten, 2. Es gibt noch weitere Mordbefehle, 3. Der Gegner ist gefährlich und rückt ihnen selber auf den Pelz und 4. Alle möglichen Finsterlinge behindern die Ermittlungen. Natürlich gelingt den Ermittlern am Ende die Aufklärung.

„Todeszimmer“ funktioniert nur auf einer emotionalen Ebene

Das ist wie gesagt, sehr spannend und routiniert aufgeschrieben. Jeffery Deaver gelingt es, trotz des Seriencharakters seiner Lincoln-Rhyme-Thriller, immer wieder neue Facetten in den jeweiligen Fortsetzungen unterzubringen. Und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Offen gestanden funktioniert der neueste Band „Todeszimmer“ nur auf einer emotionalen Ebene. Man liest den Plot so weg, mag die seit Jahren bestens vertrauten Figuren, folgt der atemlos vorangetriebenen Handlung und ertappt sich dabei, zwischendurch zustimmend zu nicken. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema löst, sobald man das Buch ausgelesen hat, dann gelinde gesagt Schrecken aus.

Die Hinrichtung als akzeptable Prävention

Es scheint, wenn man Deaver folgt, grundsätzlich richtig zu sein, dass US-Behörden gezielt Menschen umbringen, wenn sie eine Bedrohung darstellen. Die Angelegenheit muss nur nach Recht und Gesetz geschehen, dann geht der Mord zur Verbrechensprävention schon in Ordnung. Auch deshalb, weil die USA eigentlich ausschließlich von Terroristen umgeben sind: Selbst Bürgerrechtler, die sich um Mikro-Kredite und Bildung für Unterprivilegierte kümmern, haben letztlich nichts anderes im Ziel, als aufrechte Amerikaner anzugreifen. Deaver scheint dem omnipräsenten Verfolgungswahn seiner Landleute verfallen. Auch deshalb dreht der Autor – Achtung „Spoiler Alert“ – vermutlich seinen Plot im übrigen so, dass diejenigen, die vermeintlichen Opfer am Ende doch nichts anderes als verhinderte Bösewichte waren – die selbstverständlich den Tod verdienen. Diese Botschaft quillt trotz mannigfaltiger anderer Handlungsstränge (größenwahnsinniger Waffenhändler, geisteskranker Serientäter) nur mäßig subtil verpackt aus beinahe jeder Seite des Buches.

Der Zwang zur neurotisch-politischen Korrektheit

Man ist geneigt zu glauben, und das zeigt das gesamte Dilemma der aktuellen transatlantischer Beziehungen, dass Jeffrey Deaver diese Wendung möglicherweise nur deshalb eingeführt hat, um nicht am Ende noch wegen seines Thrillers unpatriotischer Gedanken verdächtig zu sein, und das ist in den USA der Gegenwart so förderlich für Karriere, soziales Ansehen oder Verkaufszahlen wie der Verdacht, man habe als Restaurantbesitzer irgendwann mal einen sehr entfernten Cousin Osama Bin Ladens bedient. Die Verhältnisse in den USA müssen stimmen: Gut bleibt gut, und böse bleibt böse. Das erinnert an fatal die Zeiten eines McCarthy, nur eben ohne McCarthy.

Insofern liefert Deaver nur ein paranoid-reaktionäres Werk ab – und das ist bei aller bisherigen Sympathie nur schwer zu ertragen.

Jeffery Deaver, Todeszimmer, Blanvalet, 607S., 19,99€, VÖ: 28. Juli 2014

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Lee Child schickt Jack Reacher und sein Faustrecht ins Wespennest

Wirklich vorstellen muss man Jack Reacher ja nicht mehr. Er ist eher mit 1,95 Metern eher einigermaßen groß gewachsen, verfügt auch deshalb über eine gewisse körperliche Präsenz, die aber vor allem deshalb deutlich wird, weil er Konflikte meist schnell und sehr handgreiflich löst. Reacher variiert immer wieder aus Neue die Phrase „erst schießen, dann fragen“.  Der ehemalige Militärpolizist ist zudem immer unterwegs, seit nunmehr 15 Bänden zieht er ziellos durch die USA, immer auf dem Weg irgendwohin. Meist trifft er in ausgemachten Drecksnestern erstens auf hilflose Frauen, die klassische „Damsell in Distress“ und zweitens auf finstere Gesellen, die irgendeine Verschwörung vorantreiben.

Jack Reacher hilft mal wieder einer „Damsell in Distress“

Auch in „Wespennest“ setzt Lee Child, der Erfinder von Reacher, wieder auf das Thema. Diesmal verschlägt es den Militärpolizisten in ein Kaff in Nebraska, das fest in den Händen einer miesen Familie scheint. Jack Reacher, der nichts von weltlichem Besitz hält und deshalb meist per Anhalter unterwegs ist, wird in der Bar eines Motels Zeuge, wie sich der Dorfarzt weigert, eine Frau zu behandeln. Natürlich mischt der Mann sich ein, fährt den Doktor zu seiner Patientin, die, wie könnte es anders sein, von ihrem Ehemann geschlagen wird. Und natürlich ist die Frau mit einem der Clan-Mitglieder, die die Stadt terrorisieren, verheiratet.

Zustände wie im Chicago Al Capones

Da Reachers Auftauchen den Alltag in dem Kaff durcheinanderbringt, geraten die Geschäfte des Clans ins Stocken. Das wiederum ruft nicht nur die drei Brüder, sondern auch die Geschäftspartner in Las Vegas auf den Plan – gleich eine ganze Reihe von Angehörigen verschiedener Verbrecherbanden. Sie alle schicken Abgesandte nach Nebraska, wo es bald zugeht wie im Chicago der 30er Jahre, mit sehr bleihaltiger Luft. Jack Reacher sieht sich also einer erdrückenden Übermacht gegenüber. Es hilft ein wenig, dass jede der beteiligten Parteien, eigene Vorstellungen vom Ausgang der Ereignisse hat.

Lee Childs „Wespennest“, ein Fest für Reacherfans

Es dürfte kaum überraschen, schließlich kennen wir Jack Reacher mittlerweile, dass sich am Ende seine Version von Recht und Ordnung durchsetzt und er am Ende einsam in die Dunkelheit reitet (naja, er reitet natürlich nicht wirklich). Dass das trotz des bekannten Schemas diesmal wieder Spaß macht, liegt an den immer neuen kleineren Variationen, die Lee Child, der ja immer mit hohem Tempo und präzise schreibt, in den neuesten Fall einbaut. Bösewichte, Nebenfiguren und vor allem die Tristesse des Schauplatzes sind außerordentlich gut gelungen. Insofern ist „Wespennest“ zumindest für alle überzeugten Jack-Reacher-Fans, die sich mit seiner speziellen (Faust-)Rechtsauslegung anfreunden können, wieder ein Fest.

Tatort: Nebraska

Lee Child denkt sich für seine Jack-Reacher-Orte immer wieder fiktive Provinznester aus, die ganz weit von den Metropolen tief im Unterbauch der Vereinigten Staaten liegen. So ist es auch diesmal. Mitten in Nebraska liegt der kleine Ort, in den es Jack Reacher verschlägt, eigentlich ist es nur eine Ansammlung von Farmhäusern im ewigen Einerlei nicht enden wollender Acker. Im Zentrum dieser Scheinstadt liegt als gesellschaftliches Zentrum ausgerechnet ein Motel. Wichtig ist eigentlich nur die Weite Nebraskas, in der es über Meilen hinweg keine Erhebung, also auch kein Versteck gibt. Die ganze Ödnis beschreibt Child sehr gekonnt. Man meint beim Lesen von Wespennest förmlich, Bruce Springsteen im Hintergrund singen zu hören. Obwohl das Land weit ist und keine Hindernisse im Weg liegen, wird es gerade deshalb zum Gefängnis, für die Menschen, die dort leben, aber eben auch für „Besucher“ wie Jack Reacher. Das macht einen großen Teil der Qualität von „Wespennest“ aus.

Lee Child, Wespennest, Blanvalet, 446S., 19,99€  VÖ: 29. April 2014

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„Die Frau, die nie fror“ von Elisabeth Elo nutzt den Nordatlantik als Tatort

Es gibt Unwahrscheinliches und es gibt Unwahrscheinlichkeiten. Dass eine junge Frau es überlebt, vier Stunden im sechs Grad Celsius kaltem Atlantik zu treiben, gilt als medizinisch eigentlich unmöglich und ist gerade deshalb eine großartige Idee für einen Krimi. Um nachvollziehen zu können, wie diese junge Frau überhaupt in die missliche Lage im Atlantik geriet, bedarf es einer eher toleranteren Phantasie: Pirio Kasparow, Tochter eines russischen Immigranten, ist Mitinhaberin eines Parfum-Herstellers und aus einer Laune heraus einmal bei einem Freund auf dessen Fischtrawler mit auf die Hohe See gefahren. Gleich am ersten Tag werden sie dabei von einem Schiff gerammt, das ohne Hilfe zu leisten im Nebel verschwindet.

„Die Frau, die nie fror“, ein außergewöhnlicher Kriminalroman

Das klingt doch höchst unglaubwürdig, ist aber Ausgangspunkt für einen außergewöhnlichen Krimi. „Die Frau, die nie fror“ ist das Debüt der  US-Amerikanerin Elisabeth Elo. Seine Faszination entwickelt der Kriminalroman in erster Linie durch die Hauptdarstellerin, um die sich die Handlung immer wilder entwickelt, die sich als wahrhaft interessanter Charakter präsentiert. Überhaupt ist die Figurenzeichnung eine Stärke der Autorin, die dabei allerdings immer wieder auf Wahrscheinlichkeiten pfeift, wenn ihr eine Konstruktion interessant erscheint. Wer das als Leser hinnehmen mag, der wird mit der „Frau, die nie fror“ viel Spaß haben.

Eine hartnäckige Laienermittlerin

Elizabeth Elo hat ihre Protagonisten nämlich nicht nur mit einer außergewöhnlichen Kälte-Unempfindlichkeit, die nebenbei Öffentlichkeit und Militär gleichermaßen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – interessiert, ausgestattet, sondern ihr auch noch eine unnachgiebige Hartnäckigkeit auf den Leib geschrieben: Diese Eigenschaft, die schon seit Jahrzehnten interessante Kommissare und Privatdetektive auszeichnet, schmückt auch eine Laienermittlerin.

Verbrechen und Familiengeheimnisse

Jedenfalls will sich Pirio Kasparow nach dem unfreiwilligen Bad im Atlantik, das ihr Freund nicht überlebte, nicht mit der schnell gefundenen Erklärung, nach der die beiden Opfer eines Unfalls wurden, abfinden und beginnt Fragen zu stellen. Dabei stößt sie schnell auf eine merkwürdige Mauer des Schweigens: Die jedoch spornt Kasparow eher an.  Ganz nebenbei klärt die junge Frau noch das Geheimnis eines verloren gegangenen Parfums, ein Stück Familiengeschichte und einen Umweltskandal auf.

Elisabeth Elo lässt ihre Leser an vielen hübschen Ideen Teil haben

„Die Frau, die nie fror“ ist ein überaus unterhaltsames Stück Kriminalliteratur, weil die Autorin viele schöne und ungewöhnliche Ideen hat, an denen sie ihre Leser teilhaben lässt. Die gelegentlich zu präzise geratenen Schilderungen der Outfits der Beteiligten deutet allerdings darauf hin, dass sich „Die Frau , die nie fror“ möglicherweise eher an eine weibliche Leserschaft richtet. Aber mit zwei oder drei entschlossenen Diagonal-Blicksprüngen über die entsprechenden Passagen wird auch der männliche; modischen Fragen gegenüber eher gleichgültige Leser sein Vergnügen bewahren.

 

Tatort:Neu-England

Elisabeth Elo schickt ihre Protagonistin auf Reisen. Einen konkreten Tatort gibt es, jenseits der Weiten des Nordatlantiks also nicht. Pirio Kasparow lebt in Boston, aber eigentlich fängt die Autorin eher die Atmosphäre der vielen Hafenstädte der Neu-England-Staaten ein. Die Grundstimmung ist eher provinziell-bodenständig als glamourös-metropol. Das passt aber perfekt zum Thema und löst beim Lesen ganz gegensätzliche Stimmungen aus. Der Kriminalroman hat etwas – im positiven Sinne – heimeliges und fremdartig-exotisches zugleich. Und das ist ja auch schon wieder beinahe große Kunst.

Elisabeth Elo, Die Frau, die nie fror, Ullstein, 505 S., 19,99€, VÖ: März 2014

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David Baldaccis The Hit, der Tomatensaft unter den Thrillern

Es gibt Berufsbilder, die bestehen vermutlich ausschließlich in den USA. Will Robie ist Berufskiller. So wie andere ins Büro gehen, um die Buchhaltung in Ordnung zu bringen, bereist Robie im Auftrag der CIA die Welt, um gefährliche Politiker, die die Weltordnung stören könnten, auszuschalten. Das Leben als Killer einer Weltmacht könnte so schön sein, wenn da nicht plötzlich eine Kollegin offenbar Amok läuft und anfängt, die eigenen Leute umzubringen. Will Robie wird beauftragt, Jessica Reel, die  so die einzige Erklärung, zum Feind übergelaufen ist, auszuschalten.

Ein Thriller für Gehirne im Leerlauf

Man muss wirklich das Gehirn, das Ethikzentrum und das logische Denken ausschalten können, um dem Thriller „The Hit“ von David Baldacci nicht nach wenigen Seiten empört zur Seite zu werfen. Es gibt ja aber immer Extremsituationen, wo das nicht so einfach ist. An Bord eines Flugzeuges in 10.000 Meter höhe zum Beispiel. Da ist es dann vergleichsweise einfach, das Gehirn auszuschalten. Das läuft ja in diesen stählernen, von roboterartigen Bordbegleiter-Wesen dominierten Röhren ohnehin klugerweise die meiste Zeit im Leerlauf.

David Baldacci, der Tomatensaft unter den Thriller-Autoren

Weil das so ist, gibt es das Phänomen der Flughafen-Autoren, die ihre Honorare damit verdienen, reißerische Stoffe für Fluggäste zusammen zu fabulieren. Und was soll man sagen. David Baldacci kann das richtig gut. Wenn man sich auf das Szenario einlässt, ist „The Hit“sogar richtig spannend. Hohes Tempo, schnörkelloser Erzählstil und eine sehr dichte, hinreichend komplexe Story lassen die Zeit tatsächlich im Flug vergehen. Insofern ist David Baldacci vermutlich der Tomatensaft unter den Krimis, unwiderstehlich gut ab Reiseflughöhe.  Das gute an dieser Form der Flughafenlektüre ist, dass sie global beinahe einheitlich erhältlich ist, ob man nun in Miami oder Lissabon Umsteigezeit hat, man wird garantiert fündig.

Eine Verschwörung für Verschwörungstheorienanhänger

Und dann noch der Nachsatz für diejenigen, die Probleme mit der Regulierung der Gehirntätigkeit haben: Will Robie deckt eine Verschwörung innerhalb der US-Regierung auf, die nichts weniger zum Ziel hat, als einen ganz Haufen Staatsmänner abzumurksen, und so die gesamte Welt zum Nutzen einiger Reaktionäre ins Chaos zu stürzen.  Wer ein solches Szenario für realistisch hält, glaubt vermutlich auch, dass ein US-Geheimdienst die Telefone befreundeter europäischer Regierungen abhört. Naja, vielleicht sollte man doch häufiger im Flugzeug lesen, um zu erfahren, was unsere Freiheit bedroht…

David Baldacci, The Hit, Macmillan, 390 S., VÖ: 2013
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Chicago als Krimi-Tatort: Sehenswerte Orte und gute Chicago-Krimis

Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter
Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter

 

Aus Sicht des Krimi-Autoren dürfte Chicago den perfekten Schauplatz für perfide Verbrechen geben. Chicago ist groß, Chicago hat eine lange Tradition des organisierten Verbrechens (Al Capone), kaum eine Stadt hat vermutlich eine ähnliche Quote von Politikern und öffentlich Bediensteten mit einer Strafakte (Unter anderen saßen drei Gouverneure im Gefängnis). Kaum eine Stadt bietet aber auch eine derart großartig-spektaluläre Architektur, die die Phantasie beflügelt.

Das fängt im Innenstadtbezirk, dem sogenannten Loop an. Dort stehen silbrig in der Sonne glänzende Bürokomplexe aus Stahl und Glas, Sinnbilder amerikanischer Wirtschaftsmacht. Aber nur eine Ecke weiter, einen Schritt hinter deren glänzende Fassade warten enge, dunkle Wände, buchstäbliche Hochhausschluchten, an deren Fuß kaum einmal ein Sonnenstrahl reicht. Dort dominieren Schmutz und Dunkelheit – auch das natürlich metaphernfähig für die US-amerikanische Gesellschaft.

Zwischen den riesigen Hochhauskolossen ducken, das Wort möchte man trotz der tatsächlichen Größe gebrauchen, die frühen, großzügig verzierten Skyskraper aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch Chicago hätte die Blaupause für Batmans Gotham City bilden können.

Den krimi-tatort-gerechten Eindruck  verstärken die schier endlosen Vorortsiedlungen, die sich am See-Ufer entlang in die Ebene erstrecken. Auch hier massenhaft bürgerliche Fassaden mit schäbigen Hinterhöfen, in denen mit allerlei alten Möbeln vollgestellte Feuertreppen, die Terrassen und Balkone ersetzen sollen, ein eher trauriges Bild des american Way of Life“ zeigen. Perfekt düstere Krimi-Stimmung überall, also.

Hier meine drei Chicago-Orte, die sich unter gleich welchem Gesichtspunkt für einen Besuch lohnen.

 

1. Der Sears-Tower

Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter
Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter

Gut, er heißt nicht mehr so, seit eine Anwaltskanzlei zum Hauptmieter wurde und das Namensrecht gleich mitgepachtet hat. Aber Willis-Tower, tut mir leid, liebe Anwälte, klingt weder gut, noch nach irgendeiner Tradition.  Jedenfalls ist das Gebäude das höchste Chicagos und war mal da höchste Haus der Welt (aktueller Rang: Platz 10).  Jedenfalls gibt es relativ weit oben eine  Aussichtsplattform, von der aus man wirklich einen großartigen Ausblick auf die Stadt und den Lake Michigan hat. Natürlich ist es eine Touristenattraktion, aber eben ein Sehenswerte. Halbwegs höhentaugliche Menschen können sich sogar auf einen vollverglasten Plexiglas-Balkon stellen und auf kleine Bauklötze zwischen den Füßen schauen. Allerdings sind diese Bauklötze selber Hochhäuser von 70-100 Meter Höhe. Der Sears-Tower bietet also einen hübschen Perspektiv-Wechsel

 

2. Die North-Western-University

Die Skyline von Chicago am Lake Michigan
Von der North-Western-University aus ist as Zentrum Cicagos weit. Das hilft beim ungestörten denken und lernen (c) Kanter

Ein gutes Stück entfernt vom Stadtzentrum liegt der Campus der North-Western-University von Chicago. Das Universitätsgelände ist erstens riesig, zweitens direkt am Lake Michigan gelegen und dritten von einer ganz besonderen, aufbruchartigen Aura umgeben. Der Besucher, auch wenn der das studentische Alter weit hinter sich gelassen hat, meint förmlich zu spüren, wie er auf dem Weg zwischen den Fakultätsgebäuden hindurch klüger wird. (vermutlich bleibt es bedauerlicherweise bei dem Gefühl). Es ist aber leicht, sich dort wohl zu fühlen, weil der Campus ein Elfenbeinturm im besten Sinne ist. Dort arbeiten Professoren, die Vergnügen haben, ihr Wissen weiter zu geben und Studenten, die durchdrungen sind von Optimismus und Leistungsbereitschaft und dem Willen auf eine bessere Zukunft. So soll das auch sein. Die Realität kommt mit dem Arbeitsleben schließlich früh genug.

 

3. „Das, wo sie den Picasso haben“

Cook-County-Gebäude in Chicago (c) Kanter
Das Platz vor dem Cook-County-Gebäude in Chicago, bekannt aus dem 80er-Jahre-Klassiker „Blues Brothers (c) Kanter

Kann einen ein kommunales Verwaltungsgebäude in stilles Verzücken versetzen? Ja, es kann. Zumindest in Chicago, wenn der Tourist zufällig auf den Vorplatz des „Cook County-Gebäudes gelangt. Das ist nämlich „das, wo sie den Picasso“ haben“. Den meisten Mitvierzigern besser als das Gebäude bekannt, wo erstens das „Blues-Mobil“ in seine Einzelteile zerfällt und zweitens Joliet Jake und Elwood in einem furiosen Finale von einer irrwitzig großen Zahl von Polizisten, Nationalgardisten und Soldaten festgenommen worden. Damit ist es eine de wichtigsten Pilgerstätte für alle Fans des überdrehten Films „Blues Brothers“, der Anfang der achtziger Jahre zumindest männliche Teen-Ager mit seiner Mischung aus Pennäler-Humor, grotesken Verfolgungsjagden und genialem Soundtrack wiederholt an den Kinosessel fesselte.

Krimis, die in Chicago spielen:

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 1. Februar 2014

John Grisham, Verteidigung, Heyne, 464 S.,September 2012

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Lauren Beukes „Shining Girls“ erfordert einen toleranten Leser

Es gibt Bücher, die erfordern eine grundsätzlich tolerante Leseeinstellung. Wer also beispielsweise mit übersinnlichen Phänomenen nichts anfangen kann, motivationsfreies Handeln im Kriminalroman oder willkürliche Sprünge in der Handlung schwierig findet, der sollte unbedingt seine Finger von Lauren Beukes „Shining Girls“ lassen.

Ein zeitreisender Mörder in „Shining Girls“

Die Südafrikanerin Beukes hat einen Kriminalroman geschrieben, dessen heimlicher Hauptdarsteller ein Haus ist, das Zeitreisen ermöglicht. Das wird nicht erklärt, das ist einfach so. Genau so selbstverständlich nutzt Harper, ein Opfer der großen Depression in den USA Ende der zwanziger Jahre, das Haus für mörderische Ausflüge in die Zukunft. Die sind aus irgendwelchen Gründen aber bis ins Jahr 1993 begrenzt, weiter kommt der Serienmörder nicht, der unerklärt über die Dekaden hinweg kleine Mädchen zu „Shining Girls“ erklärt und ermordet, wenn sie erwachsen geworden sind. Klingt schräg? Ist es auch.

Lauren Beukes hat beinahe die perfekte Protagonistin erdacht

Wer lesend Toleranz aufbringen kann, wird bei „Shining Girls“ dennoch einiges Vergnügen finden. Das liegt an Kirby. Die überlebt als einzige einen Angriff Harpers. Natürlich ist sie traumatisiert, natürlich versucht sie, ihren Angreifer aufzuspüren. Es ist spannend ihr dabei zuzusehen, wie sie Stück für Stück das Puzzle rund um einen wahnsinnigen Serienmörder mit Hilfe eines ausgebrannten Journalisten zusammensetzt. Auch die Verletzbarkeit, der wütende Trotz, mit dem die junge Frau ihrem Schicksal begegnet, ist gut erdacht und  glaubhaft aufgeschrieben. Eine beinahe perfekte Protagonistin

Viele liebevoll erdachte und interessant aufgeschriebene Details

Zu den Stärken von „Shining Girls“ gehört auch das fragmentarische Portrait einer zerrissenen Stadt und seiner immer neuer Verelendung ausgesetzten Stadtviertel.  Hier denkt sich die Autorin, wie auch beim gesamten handelnden Personal, immer wieder interessante Details aus. Allein das macht „Shining Girls“ lesenswert.

Shining Girls: Wohl eher ein Buch für Freunde des Übersinnlichen

Die Frage, ob es sich lohnt, „Shining Girls“ zu lesen, lässt sich also nicht so ohne weiteres beantworten. Krimi-Vielleser sollten es mal versuchen, weil viele hübsche Ideen verborgen sind, wer unerklärte Übersinnliche Phänomene mag, auch. (Und die Zahl scheint ja immer mehr zuzunehmen.) Wer auf analytische Stoffe und bodenständig-realistische Verbrechen Wert legt, der ist bei Beukes jedoch eher falsch. Anders gesagt, insgesamt eher merkwürdig, aber auch mit vielen faszinierenden, fesselnden Passagen.

 

Tatort:Chicago

Die Südafrikanerin Lauren Beukes hat sich für ihr Krimi-Debüt gründlich in der US-Metropole Chicago umgeschaut. Ihre Erkenntnisse sind großzügig in „Shining Girls“ eingeflossen, so dass zumindest der Chicago-Tourist, viele Orte wiedererkennt und eine Art „Heimat“-Gefühl entwickeln kann. Spannend ist auch der Blick in die Geschichte, und die permanente Verelendung, der die Wirtschaftsmetropole über alle Zeitenläufe hinweg ausgesetzt scheint. Gesellschaftlichen Fortschritt scheint es aller Entwicklung zum Trotz in den Elendsvierteln der Stadt nicht zu geben. Beinahe könnte man meinen, die Zeitreisen des Mörders fänden nicht statt.

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 14,99€, VÖ: 1. Februar 2014

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Serientäter Lee Child gibt Jack Reacher diesmal „61 Stunden“ Zeit

Heute neu: Der Baukasten-Krimi. Der Autor: Lee Child. Seit geraumer Zeit lässt der britisch-amerikanische Autor Jack Reacher auf die Bösewichter los. Der bislang neueste Thriller heißt „61 Stunden“.

„61 Stunden“ Zeit in der amerikanischen Provinz

Das sind die Bestandteile des Krimis. Natürlich Jack Reacher, unbeugsamer Einzelgänger mit Vergangenheit als Soldat, der Konflikte meist mit seinem Körper als Waffe löst, mindestens einmal  je Roman mit ausgefeilter Kampftechnik in erdrückender zahlenmäßiger Unterlegenheit. Außerdem dabei: Eine abgelegene Provinzstadt der USA, meist von der Zivilisation abgeschnitten, sei es durch  große Wüsten (wie bei „Outlaw“) oder Naturgewalten (wie bei „61 Stunden“). Unverzichtbar: Dümmliche Schlägertypen, ausgekochte Bandenbosse, eine weitreichende Verschwörung, ein oder mehrere korrupte Polizisten und eine Frau in Not, die, wenn sie alt ist oder stirbt, aber unerhört bleibt.

Lee Child erzählt seine Thriller-Serie routiniert

Auch wenn die Handlungsstränge austausch- und vorhersehbar sind, bleiben die Thriller von Lee Childs auf eine merkwürdige Weise spannend. Das liegt daran, dass Childs dicht, schnell und ohne große Schnörkel erzählen kann. Zudem ist der ewigwährende Kampf des unterlegenen „Gute“ gegen das erdrückend starke „Böse“ als Entspannungslektüre immer gut geeignet. Insbesondere mittelbegeisterte Vielflieger wissen die Child-Romane als gleichermaßen einfach verdauliche wie gut ablenkende Lektüre zu schätzen.

Eine Partnerin für Jack Reacher?

In „61 Stunden“ variiert Child sein Jack Reacher-Thema ein wenig. Es tritt erstmals eine Frau auf, die Bedeutung erlangen soll. Susan Turner heißt die Dame und ist aktuell die Kommandantin jener Spezialeinheit der Militärpolizei, die Reacher einst gründete. Bereits jetzt hat der Autor angekündigt, dass es eine fünfbändige Serie in der Serie um Susan Turner geben soll.

Diesmal: Nicht nur Fäuste, auch Gehirn

Noch etwas ist im Vergleich zum vorherigen Band anders. Jack Reacher ermittelt. Im vorherigen Band hatte er sich in erster Linie auf seine Fäuste und eine Kanone verlassen, in „61 Stunden“ benutzt er auch sein Gehirn. Das ist ganz angenehm, auch wenn die Synapsen Reachers – dessen größte Demütigung vermutlich darin bestand, dass er in der ersten Verfilmung eines Falles als 1,98-Mann ausgerechnet von dem Hollywood-Gnom Tom Cruise gespielt wurde –  natürlich nur eine deutliche Schwarz-Weiß-Färbung der Welt wahrnehmen können.

Darum geht es in „61 Stunden“

Die Handlung des Baukastenkrimis in der aktuellen Folge? Reacher bleibt in einem Schneesturm in einem abgelegenen Kaff in South Dakota hängen, hilft der Polizei bei Ermittlungen gegen eine Motorradgang, versucht eine Zeugin vor einem Drogenboss zu schützen, gerät dabei unter Zeitnot und sorgt, soviel darf verraten werden, nachhaltig für Ordnung auf den Straßen.

Tatort: South Dakota

South Dakota steht mehr noch, als der nördliche „Schwester“-Bundesstaat North Dakota in dem Ruf, US-amerikanische Provinz zu sein. Dieses Thema erzählt Lee Child am Beispiel des Örtchens … gründlich aus. Die Menschen leben friedlich, meist in farmartigen Gebäuden. Die nächste Stadt ist weit, die wirtschaftliche Lage meist angespannt, wenn nicht schmutziges, zumindest aber teuer erkauftes Geld in die Stadt fließt. In South-Dakota ist zudem das Wetter ein bestimmender Faktor, im Winter ist es kalt. Das erfährt Jack Reacher nach dem Willen seines Schöpfers in allen möglichen Facetten am eigenen Leib. Wirklich etwas über die Gegend, den Tatort des Geschehens, erfährt der Leser darüber hinaus nicht.

Lee Child, 61 Stunden, Blanvalet, 443S, 19,99€, VÖ: 28. Oktober 2013

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Karin Slaughters „Harter Schnitt“ ist Thriller und Familiendrama zugleich

Als Karin Slaughter vor mittlerweile einen Dutzend Jahren ihren ersten Thriller veröffentlichte, hob sie das Gruselniveau im Mainstream-Thriller noch einmal deutlich hoch. Ihre Figuren waren noch einmal eine Nuance „fertiger“, die Abgründe noch eine Spur tiefer als in den vergleichbaren Kriminalromanen jener Zeit.  Slaughter leistete sich sogar den Luxus ihren Sympathieträger nach mehreren Bänden umbringen zu lassen.

Neue Dramen für alte Bekannte

Mittlerweile irren die überlebenden Protagonisten seit über zwölf Jahren durch die Verbrecherwelt der amerikanischen Provinz und sind alte Bekannte. Was liegt da also näher, als einen Familienroman zu schreiben. Genau das ist „Harter Schnitt“, der jüngste Roman der US-Amerikanerin, die bislang beinahe jedes Jahr eine Neuerscheinung auf den Markt gebracht hat.

Geiselnahme und Familiendrama in „Harter Schnitt“

Die Polizistin Faith Mitchell muss am Ende einer Fortbildung feststellen, dass Unbekannte ihre Mutter, die ihrerseits eins Polizistin in Atlanta war, entführt haben. Jedenfalls findet sie zuhause ihr Kind eingesperrt in der Garage und in der Wohnung zwei bewaffnete Männer, die einen Schusswechsel mit der wütenden Polizistin nicht überleben sollen. Gemeinsam mit ihrem Ex-Partner Will Trent und der Kinderärztin (und Nebenerwerbs-Pathologin) Sarah Linton – eine Gründungsfigur von Slaughter – beginnt die junge Mutter zu ermitteln. Schnell wird deutlich, dass es nicht nur um eine bloßen Entführungsfall geht. Mitchell muss sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und einigen dunkleren Kapiteln im Leben ihrer Mutter auseinandersetzen.

Karin Slaughter inszeniert die Krimi-Themen variantenreich

Karin Slaughter inszeniert ihre Thriller routiniert. Sie schreibt gleichermaßen schnörkellos wie spannend und findet immer wieder interessante Variationen der im Kriminalroman verwendeten Grundthemen Gier, Hass, Eifersucht und kranke Mordsucht. Eine, wenn man so will, strukturelle Konzeption hilft dabei, dass Slaughters Bücher trotz des kurzen Produktionszyklus interessant bleiben:  Die frühe Entscheidung, einen ganzen Satz von Protagonisten und Handlungsorten zu verwenden – und dabei noch regelmäßig die Perspektiven zu wechseln, hilft enorm dabei, Abnutzungserscheinungen, wie man sie bei anderen lang laufenden Serien gelegentlich beobachtet zu vermeiden. Insofern fehlt „Harter Schnitt“ vielleicht der Reiz des Neuen und die ganz große Überraschung, aber insgesamt ist Karin Slaughters neuester Krimi wieder spannende, grundsolide Thriller-Unterhaltung.

Tatort:Atlanta

Die Hauptstadt de Bundesstaates Georgia steht notorisch im Ruf einer eher gesichtslosen Stadt. Sie hat einen großen Flughafen, der eines der größeren Drehkreuze der USA ist und ist Sitz zahlreicher Konzerne von Weltrang – Coca Cola,  UPS und CNN beispielsweise. Viel mehr fällt den meisten Menschen nicht ein, viel mehr verrät auch Karin Slaughter nicht über ihren Tatort im Süden der USA. Sie beschreibt auch eher das Leben im weichen Unterbauch der Gesellschaft, die austauschbar scheinenden Suburbs der Mittelschicht und die Wohnviertel der Unterprivilegierten. Ein Mangel ist das natürlich nicht, ein guter Krimi braucht kein spezifisches Lokalkolorit und Slaughters Stoffe sind ja auch eher als leicht verdauliche Unterhaltung angelegt und weniger als sozialkritische Studien. Dennoch bekommt man, sozusagen im vorübergehen, einiges über den amerikanischen Weg, das Leben zu gestalten, mit.

Karin Slaughter, Harter Schnitt, Blanvalet, 509S., 19,99€ VÖ: 26. August 2013


oder als E-Book: Harter Schnitt: Thriller

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Klassiker

Raymond Chandlers „Der große Schlaf“, Geburtsstunde Philip Marlowes

Es ist ein Traumsatz eines jeden Bloggers, einmal einen Post mit „Adorno sagt“ zu beginnen. Was das mit Kriminalromanen zu tun hat? Eigentlich nichts, aber andererseits geht auf den deutschen Philosophen der schöne Satz „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ zurück. Die Romanfigur Philip Marlowe ist der Großvater all jener Ritter von der traurigen Gestalt, die mit einer gewissen naiv-bewundernswerten Sturheit mit dem Kopf voran gegen eine betonharte Realität anspringen.

Adornos und Chandlers ähnlicher und doch anderer Blick auf die Gesellschaft

Der US-Amerikaner Raymond Chandler schuf seinen eigenwilligen Privatdetektiv in den 30er Jahren, ebenjener Zeit, in der Theodor Adorno von den Nazis ins Exil getrieben worden. Beide beobachteten aus unterschiedlichen Blickwinkeln – und mit unterschiedlichen Denkergebnissen – eine zutiefst amoralische, verrohte und bis ins Mark verdorbene Gesellschaft. Auch wenn sie dabei ihren Blick auf gänzlich unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe, Adorno den Totalitarismus und Faschismus, Chandler einen dekadenten, korrupten Kapitalismus kamen beide zu gleichermaßen vernichtenden Urteilen. Während der deutsche Philosoph im amerikanischen Exil daraus ein moralisches Manifest entwickelte, schuf der US-amerikanische Journalist Unterhaltung

Raymond Chandler und seine Krimis der „Schwarzen Serie“

Raymond Chandler gilt als einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer des Noir-Genres, der Schwarzen Serie, in der sich der Protagonist in einer moralisch verderbten Gesellschaft bewegt, versucht, immer das richtige zu tun, dabei aber bei der Wahl der Mittel ebenfalls nicht zimperlich ist. Philip Marlowe wurde so neben Hammetts Sam Spade, Christies Hercule Poirot und Conan Doyles Sherlock Holmes zu den berühmtesten Detektiven der Kriminalliteratur.

Ein Welterfolg mit Phlip Marlowe

Chandler ging einen wechselvollen Weg mit zahlreichen beruflichen Stationen bevor er sich als Journalist und schließlich als Kriminalautor versuchte. 1988 geboren begann er in den 30er Jahren Kurzgeschichten zu schreiben, sozusagen, um das Genre Kriminalroman üben. 1939 erschien sein Debüt-Roman „Der große Schlaf“. Philip Marlowe wird von einem Auftraggeber, dem schwer kranken General Sternwood, gebeten, sich um einen Erpressungsversuch gegen eine seiner beiden Töchter zu kümmern. Marlowe muss schnell feststellen, dass beide, auf ihre Weise, vollkommen verdorben sind und in tiefe Machenschaften um Verbrechen und Korruption verstrickt sind. Dennoch versucht Marlowe beiden zu helfen, den Auftrag seines Klienten zu erfüllen und seinen eigenen moralischen Standards gerecht zu werden: vor allem letzteres stellt Marlowe in einer prinzipienlosen Welt vor immer neue Herausforderungen.

Die Vorlage des Film-Klassikers mit Humphrey Bogart

Das im Vergleich zu heutigen Kriminalromanen angenehm dünne Büchlein wurde rasch zum Bestseller und begründete Chandlers Weltruhm. Insgesamt sieben Philip-Marlowe-Romane schrieb der US-Schriftsteller, der unter anderem in Hollywood als Drehbuchautor arbeitete. Die Filmstadt an der Westküste, die Chandler in so düsteren Farben beschrieb, setzte dem Krimi-Autor ein filmisches Denkmal. Howard Hawks verfilmte „The Big Sleep“ mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in den Hauptrollen. Ein Remake gab es in den siebziger Jahren mit Robert Mitchum als Philip Marlowe. Beide Verfilmungen sind in der Kritik nicht unumstritten, das aber interessierte das Kino-Publikum nicht. Wie die Bücher sind auch die Filme, insbesondere die Bogart-Version echte Klassiker.

Tatort: Los Angeles.

Die Stadt der Engel ist in den Romanen Raymond Chandlers ein Ort von düsterner Schönheit. Die Stadt über dem Pazifik schimmert insbesondere Nachts verführerisch, wenn man dem US-Autor glauben darf. Wie viele Metropolen übt die Stadt insbesondere aus der Fernsicht große Faszination aus, aber wehe, wenn man dem Moloch zu nahe kommt, dann springt der ganze Schmutz, die versammelte Verderbtheit einer zutiefst korrupten Gesellschaft ins Auge. All das beschreibt Chandler in einem desillusionierten Ton, allein über die Menschen, die seine Romane bevölkern – und doch zeichnet er, ohne es oberflächlich darauf anzulegen, ein äußerst präzises Bild der Stadt der 30er und 40er Jahre. Manch einer befürchtet, dass sich unter einer kernsanierten Fassade der Kern der Stadt unvermindert verrottet bleibt.

Raymond Chandler, Der große Schlaf, Diogenes, 9,99€, VÖ: 1939
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Eine schön düstere Gangsterballade: „Ghostman“ von Roger Hobbs

Endlich mal wieder ein durch und durch guter, gelungener und extrem fesselnder Thriller. „Ghostman“ heißt das Buch, geschrieben hat es der erst 24-Jährige Roger Hobbs. Das Debüt des US-Amerikaners ist sein langem mal wieder ein vollständig begeisternder Krimi, ohne jede Sentimentalität düster, direkt, dreckig, packend. Hobbs versteht es, seine Geschichte schnörkellos, aber mit viel Raffinesse voranzutreiben. „Ghostman“ ist, kurz gesagt, die perfekte Krimi-Unterhaltung.

Ein Spezialist in Sachen Untertauchen

Im Mittelpunkt steht Jack Delton, oder genauer gesagt, ein Mann, der Jack Delton war oder sein könnte. Jedenfalls gibt es einen Pass dieses Namens. Die wahre Identität des Mannes, der den Pass besitzt ist unbekannt. Und das ist Absicht, denn Delton ist ein „Ghostman“, einer der in Verbrecherkreisen aufräumt und keine Spuren hinterlässt. Andere oder sich selber verschwinden zu lassen, ist das Spezialgebiet des „Ghostman.“

48 Stunden Zeit für den „Ghostman“

Jack Delton jedenfalls soll für einen anderen Kriminellen, der er nach einem schief gegangenen Millionenraub, noch einen Gefallen schuldet, die Spuren eines gründlich schief gelaufenen Überfalls auf ein Spielcasino in Atlanta beseitigen und im Idealfall gleich noch die Beute sicher stellen, denn die ist genauso verschwunden, wie einer der Handlanger des Überfalls. Viel Zeit hat er nicht, genau 48 Stunden bleiben ihm. Dann gehen diverse Sicherungsmaßnahmen hoch, Peilsender und Farbpatrone inklusive.

Roger Hobbs inszeniert gekonnt einen Bandenkrieg

In Atlanta muss der Ghostman sich nicht nur mit den lokalen Behörden herumärgern, auch das FBI hat die Spur aufgenommen, weit aus drängender wird die Lage jedoch, als klar wird, dass ihm auch rvialisierende Gangsterbanden auf den Pelz rücken. Rund um den Ghostman beginnen sich die Leichen zu stapeln und Delton muss tief in seine Trickkiste greifen, um sich den näher kommenden Häschern zu entziehen. Roger Hobbs hat eine interessante Figur erdacht, einen raffinierten Plot überlegt und treibt ersteren durch letzteres mit einem beinahe atemberaubenden Tempo. Herausgekommen ist dabei ein eine richtig gute, schön düstere Gangsterballade. Der Leser hat den Nutzen – extrem viel Spaß. Wer nicht gerne liest, muss sich etwas gedulden, wird Jack Delton vermutlich dennoch kennen lernen. Warner Bros. hat sich die Filmrechte bereits gesichert.

Tatort:Atlantic City

Im Bewusstsein ist Atlantic City eine heruntergekommene Stadt für billige Vergnügungen, so eine Art Las Vegas für Arme. Wenn man Roger Hobbs glauben darf, hat sich daran trotz Millioneninvestitionen in stahl-, glas und marmorglänzende Prunkbauten nicht viel verändert jenseits der großen Boulevards regiert der Schmutz, bleibt Atlantic City eine zwielichtige Kommune mit hinreichend miesen Rattenlöchern für allerlei zwielichtige Gestalten. Hobbs zeichnet sein Bild von Atlantic City beinahe nebenbei, ihm gelingt das Portrait einer Stadt mit wenigen, wohlgesetzten Worten. Auch das ist große Kunst, ganz nebenbei – mit einem ganz andren Ziel vor Augen -, mit wenigen Strichen ein eindrückliches Bild zu zeichnen.
Roger Hobbs, Ghostman, Goldmann 384 S., 14,99€, VÖ: 22. Juli 2013