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David Kesslers „Späte Schuld“. Unsägliches Thema, nerviger Plot

Die Geschichte geht ungefähr so: Ein jugendlicher Schwarzer wird Zeuge, wie seine Mutter von weißen Cops vergewaltigt wird, wandelt sich daraufhin zum radikalen Muslim und vergewaltigt seinerseits aus politischen (!) Gründen, ein halbes Dutzend weißer Frauen. Um den Strafverfolgungsbehörden zu entgehen, flieht der Mann nach L  beziehungsweise den Sudan, lernt dort, dass Moslems auch nicht immer nett sind und stellt sich in den USA der Justiz. Nach einer überschaubaren Haftstrafe konvertiert er zum Christentum der konservativeren Sorte und wird berühmter Talkshow-Gastgeber

Vergewaltung als Kavaliersdelikt?

Das alles war nur die Vorgeschichte. Ein Unbekannter vergewaltigt in der Jetztzeit eine junge US-Amerikanerin und Elias Claymore, der Mann mit der bewegten Vorgeschichte, gerät zunächst in den Fokus der Ermittler und später wegen erdrückender Indizienbeweise vor Gericht. Dort vertritt ihn sein alter Freund Alex Sedaka. Im Grunde handelt es sich bei David Kesslers Kriminalroman um einen Gerichtsthriller. Tatsächlich ist es eine Farce.

David Kessler konstruiert einen unsäglichen Fall um einen Vergewaltiger

Manchmal fragt man sich, ob die Autoren, die uns mit Kriminalromanen überhäufen, vor dem Schreiben nachdenken. Den Plot, den uns David Kessler in „Späte Schuld“ vorsetzt, kann man ein einem Wort nur als unsäglich bezeichnen. Mal abgesehen davon, dass die ganze Handlung komplett unglaubwürdig konstruiert rüberkommt, könnte der Eindruck entstehen, als ginge es bei Vergewaltigung um eine Art Kavaliersdelikt, von dem, wenn es nur aus den „richtigen“, also beispielsweise politischen Gründen begangen würde, ein Weg zurück in das gesellschaftliche Rampenlicht führen könnte.

Weitere merkwürdige Wirrungen in „Späte Schuld“

Wer noch weiter Kostproben zum Plot braucht (wer Kesslers Buch noch lesen will, sollte die nächsten Zeilen überspringen): Der Angeklagte hat noch zwei weitere Frauen vergewaltigt, was er aber vergaß, beim Geständnis zu erwähnen. Beide sind in den Fall involviert, die eine als Anwältin, die andere als Betreuerin von Vergewaltigungsopfern. Beide führen, das noch obendrein, eine lesbische Beziehung (scheinen dort aber nicht über die wichtigen Dinge ihres Lebens zu reden). Eine von beiden wiederum ist die Mutter eines Sohnes, der bei der Vergewaltigung gezeugt wurde. Dieser wiederum tritt in die Fußstapfen seines Vaters und ist der eigentliche Täter der Vergewaltigung, derer sein Vater sich vor Gericht verantworten muss.  Wer trotz des Plots und des Themas noch einen Hinweis braucht: Nicht lesen!

David Kessler,Späte Schuld: Thriller; Goldmann, 506 S., 9,99, VÖ: Mai 2013


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Kylie Brant schreibt Romantic Suspense, leider ohne jede Vorwarnung

Es ist immer wichtig, das Kleingedruckte zu lesen. In diesem Fall habe ich das getan, aber leider erst ganz zum Schluss, als ich etwas über die Autorin Kylie Brant erfahren wollte, die den „Thriller“ „Knochenzeichen“ geschrieben hat. Auf einer der letzten Seiten, kurz vor der Werbung fürs Verlagsprogramm, ist eine Kurzbiographie abgedruckt. Gleich der erste Satz gibt es Preis: „Kylie Brant ist eine erfolgreiche Autorin von Romantic Suspense. Wenn man das nur vorher gewusst hätte.

Kylie Brants Helden haben das Happy End fest im Blick

Romantic Suspense meint offenbar, dass es in erster Linie darum geht, dass Protagonistin und ihr potentieller Partner erstens völlig unterschiedlich sind, zweitens das halbe Buch umeinanderkreisen und drittens irgendwann dann doch miteinander im Bett landen, was dann  entsprechend plastisch beschrieben wird. Natürlich gibt es Verwicklungen und am Ende ein Happy End.

Superfrauen, Supermänner, Supersex?

Romantic Suspense bedeutet aber bei genauem Lesen auch, dass mindestens ein halbes Jahrhundert feministischer Bestrebungen in die Tonne getreten wird. Offenbar sucht Frau, wenn man Frau Brant Glauben darf, am Ende des Tages doch nur den animalischen Einzelgänger mit militärischem Hintergrund, der mit einigen wenigen gezielten Griffen an die richtigen Stellen, die zu finden nicht besonders viel Fantasie erfordert, „Blitze des Verlangens durch die Adern“ (nicht meine Worte!) zu schicken vermag. Die Frau, die sich dem Ganzen beglückt hingibt, ist übrigens ehemaliges Supermodel mit zwei akademischen Graden (in forensischer Anthropologie und Molekularbiologie). Außerdem ist sie supersportlich und kann schießen. (kein Druck an dieser Stelle auf die meisten normalen Frauen, also) Auf dem Niveau bewegt sich „Knochenzeichen“ beinahe durchgehend.

Perfide Morde als notwendige Nebensache im Krimi

Dass im abgeschiedenen Oregon irgendein Wahnsinniger scheinbar wahllos Menschen umbringt, von Käfern auffressen lässt und die Knochen dann in Höhlen versteckt, gerät da beinahe zur Nebensache. Und das – wer Knochenzeichen dennoch lesen will, sollte jetzt  unbedingt wegklicken – die Täter ein schwules Paar sind, passt irgendwie ins Weltbild von Kylie Brant. Immerhin ist das Ganze allen hanebüchenen Gesellschaftsentwürfen zum trotz rein handwerklich gut gemacht. Bei allem inneren Kopfschütteln, vermag das Buch zu fesseln, ungefähr so, wie eine Folge „Let’s dance“ oder eine dieser zahllosen Castingshows in die man unversehens reinzappt und von denen man sich dann nur schwer wieder lösen kann.

Tatort:Oregon

Der US-Bundesstaat Oregon hat den Ruf einer abgelegenen Ecke der USA. Das bestätigen die Beschreibungen Brants. Grundsätzlich scheint das Naturparadies am Rande der Weltmacht als Tatort für einen Thriller perfekt geeignet. Mitten ins Urlauber-Idyll ein abgründiges Verbrechen abzulegen, ergibt ein reizvolles Thema. Man muss Brant zu Gute halten, dass sie diesen Kontrast gekonnt erzählt. Beinahe beiläufig skizziert sie die nur scheinbar heile Welt der Outdoor-Abenteurer und Kunsthandwerker in den Dörfern in den abgeschiedenen Wäldern und Bergen.

Kylie Brant, Knochenzeichen, Goldmann, 440S., 9,99€

VÖ: Mai 2013




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Jeffrey Deaver führt wieder gekonnt seine Ermittler und Leser in die Irre

Die Helden von heute haben nur noch selten übernatürlich Kräfte. Ihre Fähigkeiten verdanken sie mesit einer ganz besonders guten Ausbildung. Das gilt für Lincoln Rhyme, der den Naturwissenschaften vertraut, das gilt aber auch für Kathryn Dance, die den menschlichen Geist entziffert. So gesehen wären Universitäten die Brutstätte für Superhelden. Diese Annahme aber ist derart unglaubwürdig fantastisch, dass sie die perfekte Grundlage für Fiktion ist, auch ohne das radioaktive Spinnen beißend für Superkräfte sorgen.

Eine überraschende Begegnung für Kathryn Dance

Kathryn Dance und Lincoln Rhyme sind Geschöpfe von Jeffrey Deaver, der die beiden abwechselnd auf Verbrecherjagd an der Ost- beziehungsweise der Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika schickt. (Eine Ausnahme war ein Abstecher in den Geheimdienst. Deaver verfasste auf Bitten der Bond-Macher den James Bond „Carte Blanche“.)Diesmal ist wieder Kathryn Dance an der Reihe. „Die Angebetete“ führt die Polizistin in die Provinz- und Arbeiterstadt Fresno. Dort sucht sie unbekannte Musiker für ihre persönliche Webseite (der Mensch braucht schließlich ein Hobby) und trifft auf einen Star.

Ein Stalker tyrannisert in „Die Angebetete“ einen Country-Star

Country-Sternchen Kayleigh Towne ist für ein Konzert in ihre Heimat zurückgekehrt und versucht einen unheimlichen Stalker abzuwehren, der der jungen Frau auf Schritt und Tritt folgt. Etwas verbotenes hat Edwin Sharp bislang noch nicht gemacht, weshalb die Sängerin ihren „Verehrer“ nicht los wird. Brenzlig wird es, als im Konzertsaal ein Mord passiert. Ein Roadie und Vertrauter Townes landet im „Orchestergraben“. Die lokalen Behörden vermuten einen Unfall, Kathryn Dance, die mehr oder weniger in ihrer Freizeit in den Fall stolpert, erkennt jedoch schnell: Es war Mord.

Amtshilfe von Lincoln Rhyme aus New York

Die Ermittlungen treten auf der Stelle, die Angriffe auf den Country-Star jedoch nicht. Die Einschläge kommen, wie man so sagt, näher. Erst der Tatortermittler Lincoln Rhyme bringt gemeinsam mit seiner Partnerin Amelia Sachs die Tätersuche voran. Wie so häufig, wenn sich Rhyme in Fälle einschaltet, wird klar, dass nicht nur der erste Eindruck trügt.

Erneut großer Lesespaß bei Jeffrey Deaver

Mittlerweile sind Lincoln Rhyme, Amelia Sachs und Kathryn Dance, die das Universum von Jeffrey Deaver bevölkern, gute alte Bekannte. Es ist vermutlich eine gute Idee, die Charaktere abwechselnd in den Vordergrund zu rücken. Der erste Fall Rhymes liegt mittlerweile immerhin auch schon wieder 16 Jahre zurück. Dass keine Langeweile aufkommt, liegt in erster Linie an dem genialen Talent Deavers, immer wieder überraschende, bei aller Spannung enorm komplexe Plots zu erdenken. Gleich, was man an Charakterzeichnung oder Unglaubwürdigkeiten bei Lebensläufen kritisierten mag, Deaver schafft es immer wieder, seine Leser zu überraschen. Wer sich auf das Spiel „Täterraten“ einlässt, wird beinahe immer verlieren. In dieser Hinsicht nimmt Jeffrey Deaver eine absolute Ausnahmestellung unter den Krimi-Autoren der Welt ein. Dieser Position wird er auch in „Die Angebetete“ wieder gerecht. Also wieder großer Lesespaß bei Deaver

Tatort: Fresno

Wenn man den Schilderungen Jeffrey Deavers folgt, ist Fresno das absolute Provinzkaff, ein kleines Arbeiterörtchen mitten im Nirgendwo. Wenn man den Fakten glaubt, kann das nicht ganz stimmen. Fresno, mitten in Kalifornien gelegen, hat immerhin über eine halbe Millionen Einwohner, zählt zu den fünf größten Städten Kaliforniens. Dennoch hat Fresno wenig Glamouröses. Das mag auch daran liegen, dass es anders als die prominenten Schwestern nicht aufs Meer blickt. Kurz vor den Bergketten und Nationalparks im Osten des US-Bundesstaats liegt eines der größten Massenweinanbaugebiete der Welt – und mittendrin Fresno. Den rauen Charme mit einer deutlich verwitterten, dem Verfall ausgesetzten Fassade, die einst bessere Tage gesehen hat, schildert Deaver quasi im Vorübergehen.

Jeffrey Deaver, Die Angebetete, Blanvalet, 572 S.,  19,99€

VÖ: 22. April 2013

 





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Robert Ellis Todesakt: Ein Krimi für Vielflieger – spannend aber schlicht

Neulich hat ein US-amerikanischer Wissenschaftler mit beinahe ehrfürchtig gesenkter Stimme von einem wissenschaftlichen Buch erzählt, das so gut sei, dass es sogar an den Flughäfen verkauft worden sei. Die Flughafenbuchhandlung ist das amerikanische Äquivalent der guten alten deutschen Bahnhofsbuchhandlung. Beide führen ein literarisches Sortiment, dass in vollen Zügen oder engen, wackeligen Flugzeugen leicht konsumiert werden kann. In den USA ist das eine Auszeichnung, hierzulande eher eine herablassende Abwertung.

Ein gerechter Mord in Todesakt?

Nun kann also jeder daraus machen, wenn was er will, wenn ich Robert Ellis „Todesakt“ als typischen Flughafenkrimi einschätze. Es geht um eine schöne, toughe Mordermittlerin in Los Angeles, die einen Doppelmord aufklären muss. Die Opfer: Ein dubioser Nachtclubbesitzer und ein mutmaßlicher Vergewaltiger und Mörder.  Letzterer soll die Tochter seines Nachbarn, die 16-jährige Lily Hight umgebracht haben, wurde aber in einem umstrittenen Prozess freigesprochen.

Kein Interesse an ernsthaften Ermittlungen

Die schöne und toughe Detektivin, Lena Gamble, beginnt zu ermitteln und muss schnell feststellen, dass den Opfern niemand wirklich eine Träne nachweint. Nach Meinung der Öffentlichkeit, ihrer Kollegen und ihrer Vorgesetzten hat es die Richtigen erwischt. Akte zu und fertig. So einfach macht es sich Gamble natürlich nicht und schaut genauer hin – natürlich zu Recht.

Robert Ellis schreibt spannend, aber ohne Tiefgang

Robert Ellis hat einen spannenden Thriller geschrieben, mit einem interessanten Plot und hohem Tempo. Wer fliegt oder mit der Bahn reist, wird auf unkomplizierte Weise unterhalten, muss aber in Kauf nehmen, dass die Protagonisten eher schlicht erdacht sind, Männer haben grundsätzlich volles Haar und einen durchtrainieren Körper (es sei denn sie hätten die Rolle des komischen Sidekicks) und beim weiblichen Personal lösen die männlichen Hauptdarsteller mindestens zwei bis drei Mal je Roman wahlweise kribbeln oder brennen oder sonstwas in der Brust und zwischen den Beinen aus. Wer auf intelligente, differenzierte Figurenzeichnung mit Tiefgang Wert legt, wird in der Flughafenliteratur meistens eher enttäuscht. Das muss ja aber kein Makel sein. Im reichhaltigen Krimi-Universum freut man sich ja gelegentlich, wenn man einfach nur unkompliziert und spannend unterhalten wird. Das ist dann ja auch gut.

 

Tatort: Los Angeles

Es gibt Stereotypen im US-amerikanischen Krimis. So kann man davon ausgehen, dass jemand, der in einem schwarzen Lincoln Towncar vorfährt, entweder Mafiaboss oder korrupter Bürgermeister ist oder sonstwie ein gespaltenes Verhältnis zu Recht und Ordnung hat. Krimis, die in Los Angeles spielen, bieten eine relativ einheitliche Unterbringung des Ermittlers. Meist wohnt das Personal in leicht heruntergekommenen Häusern in den Bergen, über der Stadt, aber mit traumhaften Blick über die See – kurz der perfekte Ort um Selbstzweifel, gemeine Vorgesetze und gescheiterte Beziehungen in einem Meer aus Alkohol und Selbstmitleid zu ertränken. Robert Ellis „Todesakt“ macht da keine Ausnahme. Ansonsten bleibt der Tatort Los Angeles eher blass, aber das passt zur Action-getriebenen Konstruktion vieler US-Thriller.

Robert Ellis, Todesakt, Goldmann, 344 S.,9,99

VÖ: April 2013





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Jaden E. Terrell beobachtet Nashvilles „Mitternachtsseelen“

Der junge Josh hat es nicht leicht. Kaum jemand traut ihm über den Weg. Seine Eltern nicht, die wenig Verständnis für sein Leben als Goth und noch viel weniger für seine Affäre mit einem deutlich älteren Mann haben. Dass Freunde abrücken scheint weniger schlimm, als die Tatsache, dass die Polizei ihm einen Mord an eben jenem älteren Ex-Geliebten vorwirft. Am aller wenigsten vertraut und schätzt sich Josh selber. Er überlebt nur knapp einen Selbstmord. Immerhin hat er so viel Verstand, sich an seinen Onkel zu wenden. Dieser, Jared McKean ist erstens Privatdetektiv und zweitens bereit, über alles Grenzen für seinen Neffen zu kämpfen.

Ein Mord in der Goth-Szene

McKean sieht nur einen Weg, seinen Neffen zu schützen – er muss den wahren Mörder finden. Der Detektiv, der nach streng-bürgerlichen Maßstäben selber nur eher mühsam durchs Leben findet, macht sich auf die Suche und taucht tief in die Gothic-Szene ein und muss sich mit allerlei merkwürdigen Typen auseinandersetzen. Nicht aller seiner neuen „Freunde“ sind harmlos. Irgendjemand stört sich an den Ermittlungen und legt McKean unter anderem eine hochgiftige Klapperschlange ins Auto. Das soll nicht der einzig Anschlag auf den Mann bleiben…

Jaden E. Terrell hat einen sympathischen Detektiv erfunden

Jared McKean ist eine Erfindung der US-Amerikanerin Jaden E. Terrell. „Mitternachtsseelen“ heißt der neue, zweite Band aus der Serie um den Privatdetektiv, der seine Kreise in Nashville zieht. Ihr neues Buch ist kein herausragender, aber ein sehr solider Krimi, der so spannend konstruiert ist, dass der Leser der Handlung gerne bis zum Ende folgt. Terrell hat auch ausreichend überraschende Wendungen erdacht, die für ausreichend Abwechslung sorgen. Dazu kommt, dass man die Figur des gescheiterten Mannes, der sein Geld als zynischer, aber im tiefsten Inneren naiv ans Gute glaubender Privatdetektiv verdient, gerne mag, auch wenn das seit den Urvätern Sam Spade oder Philip Marlowe wahrlich kein neuer Charakter ist. Insofern ist „Mitternachtsselen“ gelungene Krimi-Unterhaltung.

Tatort:Nashville

Nashville hat seinen Ruf weg. Es ist die Zentrale der Country-Musik in den USA. Beinahe alle Größen der Szene leben hier, auch der große Johnny Cash verbrachte den wichtigsten Teil seines Lebens hier. Nicht alle mögen die Musik der Stadt, und auf Dauer höhlt das Mainstream-Gedudel vermutlich auch die härtesten Gehörgänge aus. In „Mitternachtsseelen“ spielt die Musik allerdings keine Rolle. Jaden E. Terrell  schildert eine Südstaatenmetropole, die auf eine gewisse Weise typisch amerikanisch ist, im Prinzip aber weitgehend gesichtslos bleibt. Die Frage ist, hat sie damit nicht-country-hörenden Krimi-Lesern einen Gefallen getan, oder eine Chance ausgelassen, seinem Krimi noch mehr Profil zu geben?

Jaden E. Terrel, Mitternachtsseelen, Rowohlt, 334 S., 9,99

VÖ: Februar 2013



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Joe R. Lansdale beschreibt einen Road-Trip per Floß in die Freiheit

Normalerweise gelten Flüsse als Keimzelle menschlicher Hochkultur. Wasser bedeutet Landwirtschaft, ermöglicht Transport, Leben schlechthin. Beim Sabine River im Osten von Texas scheint alles anders. Es sind trostlose Gegenden, die der beinahe 1000 Kilometer lange Fluss durchquert, sein brackiges Wasser spendet nur wenig Hoffnung für die Menschen, die in verkommenen Hütten an seinen Ufern siedeln. Dieses Bild zumindest zeichnet Joe R. Lansdale in „Dunkle Gewässer“.

Der US-Amerikaner erzählt in seinem neuesten Roman aus der Sicht der 17-jährigen Sue Ellen. Gemeinsam mit ihren Freunden Terry und Jinx wird sie Zeugin, wie die Leiche der Provinzschönzeit May Lynn aus dem Fluss gefischt wird.  In den Habseligkeiten ihrer Freundin, die immer nach Hollywood wollte, finden die Teenager zunächst Belege, dass May Lynn in einen Bankraub verwickelt war und später das dazugehörige Geld. Alle drei beschließen aus ihrem hoffnungslosen Leben auszubrechen und machen sich gemeinsam mit Sue Ellens alkoholsüchtiger Mutter auf dem Fluss auf den Weg. Rasch heftet sich allerlei finsteres Gesindel an die Fersen des Quartetts.

„Dunkle Gewässer“ ist eine mitreißende Abenteuergeschichte

Joe R. Lansdale hat trotz einiger Kriminalromane entlehnter Stilmittel in erster Linie eine Abenteuergeschichte geschrieben, einen Road-Trip per Floß, angesiedelt im frühen 20. Jahrhundert. Der Weg in die Freiheit ist mühsam, das suggeriert der Roman. So ganz ohne weiteres entkommen die Protagonisten Vorurteilen, Rassismus und primitiver Habgier nicht. Auch, weil sie sich davon zunächst von sich selber befreien müssen.

„Dunkle Gewässer“ ist ein ungewöhnlicher Roman, weil es Lansdale gelingt, mit einfachen Mitteln – ohne moderne Effekthascherei -, das Gefühl von Gefahr, also Spannung zu transportieren. Dabei  gelingt es ihm das Portrait einer beinahe hoffnungslosen Ära in einer äußerst mitreißenden Abenteuergeschichte zu verpacken.

 

Tatort:Texas

Der Sabine River ist der heimliche Hauptdarsteller von „Dunkle Gewässer“ – und natürlich Namensgeber des Romans von Joe R. Lansdale. Der Sabine River ist Grenzfluss zwischen Texas und  Louisiana, 925 Kilometer lang, wasserreich, aber ansonsten eher unbedeutend.   Heute ist er gestaut und dient als Wasserreservoir für die Einwohner von Texas. In Lansdales Roman ahnt man aber, wie es gewesen sein muss, als er noch ungezähmt floss und sich in Hochwasserjahren einfach Häuser, Scheunen und Acker griff.  Der Amerikaner taucht mit seiner Abenteuergeschichte tief in das Leben der Südstaaten vergangener Jahre ein, Zeiten in denen Recht und Gesetz wenig zählten, sich der Stärkere nahm, was ihm zustand. Die Szenerie dazu liefert der Sabine River, an dessen Ufer nur ein Leben in Armut möglich schien. Diese Kulisse malt Lansdale mit energischen, kraftvollen Strichen gleichermaßen glaubwürdig wie Mitleid erregend aus.

Joe R. Lansdale, Dunkle Gewässer, Tropen, 320 S., 19,95€

VÖ: 21. Februar 2013



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Michael Connelly nimmt gierige Banker aufs Korn

Der Lincoln-Lawyer ist zurück. Im Rücksitz einer Limousine mit zwielichtiger Vergangenheit kreuzt Michael Haller duch die Straßen von  L.A. und gabelt buchstäblich am Straßenrand Klienten auf. Mittlerweile ist der Anwalt beinahe seriös geworden – er fischt Kunden auch auf dem Anzeigenmarkt ab.

Mord an einem gierigen Banker

Seine neueste Einnahmequelle: Opfer der Immobilienblase, die die Raten ihrer Krediten nicht mehr bedienen können und von Banken per Zwangsversteigerung aus ihrem Haus getrieben werden. Eine dieser Kunden ist Lisa Trammel, eine eher penetrante Lehrerin, die seit Jahren um ihr Haus kämpft und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu drastischen Mitteln griff: Die Polizei verhaftete die junge Frau, weil sie angeblich einen ihrer Banker mit dem Hammer erschlug.

Aus der Untersuchungshaft meldet sich Trammel bei Michael Haller, der zunächst einmal eine gute Einnahmequelle wittert, vor allem – schließlich praktiziert er in der Nachbarschaft Hollywoods – weil er ahnt, dass er mit Filmrechten auf seine Kosten kommen könnte. Erst allmählich, als er während des Prozesses versucht, Verteidigungslinien aufzubauen, beginnt er, auch an die mögliche Unschuld seiner Mandantin zu glauben

Man ahnte es schon immer – der Immobilienmarkt ist ein Haifischbecken

Das Immobiliengeschäft ist, damit spielt Michael Connelly, der geistige Vater von Michael Haller gekonnt, ein dunkler Sumpf, in dem mit harten Bandagen um Provisionen und Renditen gekämpft wird. „Der fünfte Zeuge“ heißt der neueste Roman des derzeit wohl besten „Serientäters“ aus den USA. Michael Haller ist die Zweitfigur des Autoren, der bereits eine umfangreiche Serie um den zynischen, aber immer ehrlichen und donquixote-artig gegen die Umstände kämpfenden Harry Bosch geschaffen hat.

Michael Connelly, der derzeit beste Serientäter aus den USA

Michael Connelly bietet routiniert Krimi-Stoff auf allerhöchstem Niveau. „Der fünfte Zeuge“ ist formal vielleicht nicht sehr innovativ, ein Gerichtsthriller, der zum größten Teil auf den wenigen Quadratmetern zwischen Richtertisch, Anklagebank und Jury spielt, ein Szenario, wie es John Grisham immer wieder inszeniert hatte, aber Connolly ist ein Meister des Spannungsbogens. Er konstruiert Kriminalromane, die wirklich fesseln. Auch wenn man meint, den Verlauf erahnen zu können, will der Leser den Protagonisten auf den Fersen bleiben – und irgendwie schafft es Connelly doch immer wieder, sein Personal unvermittelt völlig überraschende und doch glaubwürdige Haken schlagen zu lassen.

Auch das handelnde Personal ist eigentlich bekannt und schon oft erzählt, Harry Bosch und sein Cousin Mickey Haller sind Männer, die ihr bestes Alter beinahe schon hinter sich haben, sich aus reinem Selbstschutz mit Härte und einem dicken Mantel aus Zynismus umgeben, im Innersten aber nie aufgegeben haben, an das Gute zu glauben – und dafür auch einstehen. Koste es, was es wolle. Streng genommen ist das natürlich furchtbar eindimensional, dennoch, leidet, fiebert und lebt der Leser mit den Abenteuern der beiden aufrechten Großstadtcowboys in einer schmutzigen, verkommenen Welt mit.

Tatort:Los Angeles

Es gibt Städte, die sind nur von Oben schön. Rio de Janeiro gehört dazu. Vom Corcovado, dem Berg, von dem aus die Jesus-Statue über die Einwohner wacht, betrachtet, glänzt die Stadt in den schönsten Farben: Natur, Häuser und Meer bilden ein perfektes Ensemble, aus der Nähe jedoch wird Rio zum Moloch. Michael Connelly sieht sein Los Angeles wohl ähnlich. Wenn er sich Straßen und Häusern einer immer weitläufigen und zugleich beinahe ländlich provinziell wirkenden Metropole nähert, zeichnet der US-Amerikaner die Stadt wie eine zu grell geschminkte, alternde Prostituierte, die ihre besten Tage deutlich hinter sich hat. Friedvoll wirkt Los Angeles immer dann, wenn seine Darsteller von einer Dachterrasse eines auf einem der vielen Hügel liegenden Häuser aus auf die Stadt schauen. Dieses Bild zieht Connelly konsequent durch, dieses Bild liefert er auch in „der fünfte Zeuge“. Das passt, das überzeugt, auch weil es den vagen Rahmen zu einer Geschichte liefert, die zum größten Teil als Kammerspiel im Inneren eines Gerichtssaals spielt.

Michael Connelly, Der fünfte Zeuge, Knaur, 635 S., 9,99€

VÖ: 18. Januar 2013



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Tom Epperson schickt blutrünstigen Hyänen auf die Jagd

Was haben ein Gebrauchtwagenhändler, ein Auftragskiller, ein Farmer und ein junger Football-Spieler gemeinsam? Alle vier kommen beinahe beiläufig  auf den ersten Seiten von Tom Eppersons „Hyänen“ ums Leben. Der US-amerikanische Schriftsteller pflegt einen wenig rücksichtsvollen Umgang mit Menschenleben. Seinen ganzen Roman hindurch zieht sich eine blutige Spur. Zu Tode kommen nicht nur alle möglichen Figuren sondern immer wieder eigentlich Unbeteiligte.

Jagd auf eine Mafia-Braut

Die Toten sind mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt einer gnadenlosen Jagd. Die Meute hetzt Gina und ihren Sohn. Die junge Frau beging einst den Fehler in einen Mafia-Clan einzuheiraten. Um ihren Sohn zu schützen, verpfiff sie ihren Gatten ans FBI. Auf der Flucht ins Zeugenschutzprogramm ließ sie noch einige Diamanten mitgehen, deren Herkunft zumindest zweifelhaft ist. Seither trägt sie ein unsichtbares Zielkreuz auf Rücken, Stirn und allen anderen potentiellen Trefferflächen. Weil auch die Zeugenschützer den Verlockungen von Kopfgeld und Edelsteinen erlagen, führt sie ein Nomadenleben auf der Flucht vor der Meute.

Flucht ohne Aussicht

An der US-Westküste kommt es zum Show-Down. Hilfe kommt von ungewohnter Seite. Gray, ein ehemaliger Elitesoldat mit kleineren Persönlichkeitsstörungen, nimmt die flüchtende Kleinfamilie unter seine Fittiche. Zwar stapeln sich bald die Leichen, aber ein Ausweg ist erst einmal nicht in Sicht.

Menschliche Hyänen ohne Gnade

Tom Epperson hat keinen Kriminalroman geschrieben. „Hyänen“ ist eine blutige Lektüre, allein es fehlt der Wille zur Aufklärung. Eher schon ist sein Roman ein düsteres Road-Movie in Buchform, dessen Protagonisten sich durchweg der niedrigeren Beweggründe menschlichen Handelns bedienen. Das Kunststück Eppersons besteht darin, keine Superschurken geschaffen zu haben. Der US-Amerikaner hetzt ein Panoptikum mäßig begabter Verlierer aufeinander, die abgesehen von ihrer kriminellen Energie ein biederes Leben führen, dass in jede durchschnittliche heruntergekommene Vorstadt passen würde. „Hyänen“ macht deshalb vergleichsweise viel Spaß, weil Epperson bei seinem Bericht über die Truppe mordender Versager beinahe immer den richtigen lakonisch-nonchalanten Ton trifft.

 

Tatort: Westküste

Die Hauptfigur ist auf der Flucht. Entsprechend viel kommt sie herum – und sieht doch immer nur das Gleiche: Schäbige Motels, heruntergekommene Diner und kilometerlang den Asphalt der Highways. Die Westküste, die Tom Epperson in „Hyänen“ beschreibt, muss ganz ohne Glanz und Pracht auskommen. Es sind triste Plätze, die der US-Amerikaner beschreibt. Diese Tristesse, die Einsamkeit der Wüste, der billigen Neon-Glanz eines Vergnügungsparks, skizziert Epperson gekonnt, ohne viele Worte machen zu müssen. Die stimmige Atmosphäre des „Sets“ gehört wie die liebevoll gezeichneten Charaktere zu den Stärken des Romans.

Tom Epperson, Hyänen, Rowohlt, 413 S., 9,99 €

VÖ: September 2012 

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John Grisham hat seit 20 Jahren ein Thema – und das funktioniert

Ein junger Anwalt, David Zinc, erträgt den Druck in seiner Firma, einem juristischen Industriekomplex, nicht mehr und steigt aus. Beinahe wörtlich. Zwar klettert er an einem ganz normalen Morgen noch in den Aufzug, aber in seinem Stockwerk angekommen, fährt er direkt wieder zum Ausgang. Daraufhin geht er zunächst in eine Bar, um sich hemmungslos zu betrinken, landet dann als Angestellter in einer mehr als windigen Anwaltskanzlei, um dort erstens sein Gewissen zu entdecken, zweitens Gutes zu tun, und drittens zum Finale einen spektakulären Auftritt im Gerichtssaal hinzulegen.

Die immer gleiche Geschichte

Die Geschichte kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder. Den Plot hat sich John Grisham für seinen neuesten Gerichtsthriller, na ja, ausgedacht. Seit 1989 schreibt der US-amerikanische ehemalige Anwalt im Prinzip immer wieder die gleiche Geschichte vom jungen Juristen, der sich mit dem Establishment, gemeinen Verbrechern oder auch beiden zugleich anlegt. Das Kuriose daran ist, dass es immer wieder funktioniert. Allen berechtigten Kritiken zu Stil, Plot und Tiefe zum Trotz landet Grisham immer wieder Bestseller und schreibt Romane, denen man sich tatsächlich nur schwer entziehen kann.

John Grisham lebt davon, dass keiner Anwälte mag

Dass sich Grishams Bücher genau so gut lesen wie verkaufen, liegt vermutlich gerade eben an dem immer wieder kehrenden Konstrukt eines Helden, der als Mischung aus Don Quixote und Robin Hood in einem ewig währenden Kampf von „wir-da-unten“ und „ihr-da-oben“ immer auf der richtigen Seite steht. In den USA, in denen der regelmäßige Gerichtstermin offenbar zum Alltag gehört wie in Deutschland die wöchentliche Fahrt durch die Waschanlage, funktionieren die Romane vermutlich auch deshalb besonders gut, weil jeder Anwälte braucht, aber sie genau deshalb keiner mag.

Der ältere Grisham ist deutlich zynischer

Dennoch ist in den über 20 Jahren vom Erstling „Die Jury“ bis zum aktuellen „Verteidigung“ ein Wandel festzustellen. In „Die Jury“ von 1989 stand ein junger, allen Umständen zum Trotz idealistischer Anwalt im Mittelpunkt der Geschichte. Der Scheinwerfer war vollständig auf ihn gerichtet, Gegenspieler wie der medieneitle Staatsanwalt blieben blasse Karikaturen. Mittlerweile hat sich Grisham in die Karikatur verbissen. Beinahe liebevoll beschreibt er die juristischen Versager der jämmerlichen Kanzlei, in der David Zinc nach seinem Ausstieg landet, als versoffene, amoralische, gescheiterte Existenzen. Zinc dagegen bleibt als gedachter Protagonist weitgehend konturenlos. Möglicherweise ist der beinahe 60-Jährige Grisham deutlich zynischer und desillusionierter als der Mittdreißiger. Vielleicht liegt es aber auch nur am Thema.

Ein Fall rund um Schadenersatz

Der ehemalige Anwalt hat sich die Schadenersatz-Spezialisten der Branche vorgenommen und die Praxis aus dem Leid der Menschen exorbitanten Gewinne zu schlagen. In der „Verteidigung“ geht es konkret um Anwälte, die bei einem neuen Medikament Blut wittern. In einer sorgsam inszenierten Kampagne wollen sie den Pharma-Konzern, der das Präparat auf den Markt gebracht hatte, melken. Der Vorstand des Unternehmens beschließt jedoch, endlich einmal zurückzuschlagen und sich nicht, wie sonst üblich auf einen teuren Vergleich einzulassen. Der Showdown startet in Chicago, eben jener Stadt, in der die kleine Kanzlei Zincs sich mit einigen „Opfern“ am großen Entschädigungskuchen laben wollte. Für alle Beteiligten überraschend kommt es zum Prozess.

Was soll man sagen. Man hat es bislang 19 Mal gelesen ­– aber es funktioniert auch beim 20. Mal wieder.

 

Tatort:Chicago

John Grisham beschreibt konsequent einen Ort: Den Gerichtssaal. Der sieht beinahe immer gleich aus. Dunkle getäfelte Wände, hohe Fenster, abgesessene Stühle für Anwälte und Geschworene sowie eine Empore für den Richter. Die „Verteidigung“ spielt in Chicago, aber davon bekommt man wenig mit, die sauberen Vorortsiedlungen, die heruntergekommenen Einkaufspassagen und die gesichtslosen Bürotürme aus Glas, Stahl und Beton sind all-amerikanische Stereotypen, die jeder durchschnittlichen US-amerikanischen Großstadt entnommen seien könnten. Das ist nicht schlimm. Einerseits erfährt man wenig über Chicago, andererseits vieles über den spröde-zerrissenen „Amerikanischen Traum“.

John Grisham, Verteidigung, Heyne, 464 S., 22,99€

VÖ: September 2012

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Peter Abrahams schreibt einen Thriller um Wahn und Wirklichkeit

Ein Schneidbrenner ist sein Pinsel, Altmetall ersetzt die Farbe, der Himmel die Leinwand. Roy Valois ist Künstler, Bildhauer hätte man früher gesagt. Er schafft aus alten Autoteilen und anderem Schrott Kunst. Das wird überdurchschnittlich gut bezahlt. Roi Valois hat also eigentlich kein Grund zur Klage – bis zu dem Tag, an dem er erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Ein Scherz mit Folgen in „Verblendet“

Ein Scherz seiner Kumpel, mit denen er nach Feierabend Eishockey spielt, löst eine dominostein-artige Kettenreaktion aus: Wegen des Scherzes lässt er sich dazu hinreißen, einen jungen Hacker zu bitten, seinem Nachruf, den die New York Times vorbereitet hat, hinterher zu spionieren. Der junge Mann ist erfolgreich, und Roy erfährt nichts über den Scherz (es ging um ein Eishockey), aber Ungereimtheiten zum Tode seiner Frau, die angeblich vor 14 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam.

Eine Verschwörung im Fieberwahn

Valois, der durch eine experimentelle Therapie gegen seine Krebserkrankung immer wieder zwischen Wirklichkeit und Traumwelt pendelt, begegnet immer neuen Widersprüchlichkeiten und Merkwürdigkeiten. Er gibt bei der Suche nach den Fakten nicht auf, und plötzlich türmen sich die Leichen in seinem Weg zu einem immer größer werdenden Haufen. Irgendjemand versucht, die Vergangenheit zu vertuschen – und in allem Fieberwahn erkennt der Bildhauer zunächst vage, dann immer deutlicher eine umfangreiche Verschwörung.

Peter Abrahams erzählt gradlinig

Peter Abrahams hat sich  „Verblendet“ erdacht und eine spannende Thriller-Idee um Wahn und Wirklichkeit aufgeschrieben. Der US-Amerikaner, mit bislang 16 veröffentlichten Trillern ein Routinier im Geschäft, hat keinen Krimi im eigentlichen Sinne konstruiert, sein Roy Valois ermittelt nicht, er stolpert vom Medikamentencocktail seiner Ärzte geschwächt, eher von Fakt zu Fakt, von Zeuge zu Zeuge. Das Umherirren, die Vermutung, dass die eigene Geschichte eine lange Kette von Lügen sein könnte, macht den Reiz des gradlinig, mit eher einfachen Mitteln aufgeschriebenen Thrillers aus. Abrahams kann oder will sich nicht mit kunstvollen Formulierungen oder tiefgründigen, intelligenten Charakterisierungen aufhalten. Seine gelegentlich grob zurechtgezimmerten bis eindimensionalen Figuren, sein Szenario dienen allein dazu, einen spannenden Plot voranzutreiben. Das gelingt ihnen, insofern ist „Verblendet“ keine tiefgründige, aber gelungene Unterhaltung.

 

Tatort: Vermont

Die Hauptfigur, der Bildhauer Roy Valois, lebt in einem alten Bauernhof im abgelegenen Vermont. Dort schweißt er seine Kunstwerke zurecht, dort beginnt vor dem Panorama abgelegener Bergwelten das Drama. Peter Abrahams verwendet nicht viel Mühe darauf, seinen Tatort zu zeichnen, aber mit sparsamen Mitteln konstruiert er die dörfliche Welt des ländlichen Amerika mitten in der Natur, mitsamt der familiären Nähe. Darüber hinaus gönnt der US-Amerikaner seinem Hauptdarsteller einen ausgiebigen Road-Trip durch die USA. Cap Cod, Washington und Texas sind nur einige der Orte, die Roy Valois auf seiner mühsamen Suche nach der Wahrheit bereist. Auch bei den Schauplätzen ordnet sich also alles dem Plot unter.

Peter Abrahams, Verblendet, Knaur, 411 S., 9,99€

VÖ: Juli 2012