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Patricia Cornwells Paranoia: Es ist kein Raum mehr für literarische Verschwörungstheorien

Zu den Marathon-Schreiberinnen im Krimi-Betrieb gehört auch Patricia Cornwell. Seit 1990 geht ihre Pathologin Kay Scarpetta jetzt schon auf Mörderjagd. Die ersten Folgen der Serie waren sensationell: extrem dicht geschrieben, spannend, und häufig harte Kost. Wie das bei lang laufenden Serien so ist, stellten sich irgendwann Ermüdungserscheinungen ein, die Verbrechen, die Verschwörungen und die Fähigkeiten der Supernichte Lucy wurden immer bombastischer.

Annäherung nach langer Kay-Scarpetta-Abstinenz

Nach einer gefühlt mindestens zehnjährigen Abstinenz jetzt also eine erneute Annährung. „Paranoia“ heißt der bislang neueste Krimi von Patricia Cornwell. Schnell wird klar: Die Autorin verdichtet die Handlung wie immer, erzeugt Spannung und Grusel wie am ersten Tag. Und doch ist ihr Thriller auf den zweiten Blick reichlich merkwürdig.

Ungereimtheiten bei einem Haushaltsunfall

Kay Scarpetta, mittlerweile in Neuengland tätig, wird zu einem Todesfall gerufen, von dem alle vermuten, es sei ein Haushaltsunfall. Die Gerichtsmedizinerin entdeckt am Fundort der Leiche jedoch schnell Ungereimtheiten, und das, obwohl sie abgelenkt ist. Irgendwer schickt ihr einen Link zu Videos, die ihre Nichte zeigen. Videos, die heimlich aufgenommen wurden, und – so entdeckt Scarpetta schnell – schon einige Jahre alt sind. Kein Wunder, dass Fragen aufkommen: Muss Scarpetta das Bild ihrer Nichte revidieren? Inszeniert jemand seit 20 Jahren schon den Versuch, ihre in Ermittlerkreisen höchst umstrittene Nichte Lucy weiter zu diskreditieren? Droht akute Gefahr?

Ein Fest für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker

Die Pathologin lässt ihren Tatort im Stich, und macht sich auf den Weg zu ihrer Nichte. Der droht Ungemach, nicht von Bösewichten, sondern von höchst offizieller Stelle. Ermittler des FBI haben sich auf dem Anwesen breit gemacht. Bereits hier verändert sich „Paranoia“ zur Leib- und Magenlektüre für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker. Obgleich Scarpetta selber seit Jahrzehnten Ordnungshüterin ist, seit geraumer Zeit mit einem FBI-Agenten verheiratet ist, wittert sie Verrat von staatlicher Seite. Spätestens ab diesem Moment beginnt der Leser sich zu fragen, ob – so viel volkstümliche Formulierung sei ausnahmsweise einmal erlaubt – die Autorin einen an der Waffel hat.

Patricia Cornwell: Verwirrstück um Verfolgungswahn

Man kann den Band als raffiniert gewebtes Verwirrstück lesen, dessen Titel Programm ist. Formal spielt sich die gesamte Handlung innerhalb eines einzigen Tages ab, ein Tag, an dem die Protagonistin und ihre Freunde alle Gewissheiten verlieren, Verwandte, Freunde, Partner zu potentiellen Verschwörern werden. Lange Zeit ist offen, ob Kay Scarpetta und ihre Nichte tatsächlich verfolgt werden, oder sie nur einen schweren Schub der titelgebenden „Paranoia“ durchleben.

Cornwells „Paranoia“ bleibt merkwürdig

Wirklich gelungen ist das nicht, weil die Konstruktion, so spannungsgeladen sie ist, so komplex sie erdacht wurde, ganz genau zwischen den Buchdeckeln funktioniert. Wenn man die Handlung in den größeren Bogen der ganzen Serie einbettet, erscheint das Thema konstruiert, wenn die Realität als Schablone hinzukommt, verstärkt sich der Merkwürdig-Effekt bei allem Verständnis und Faible für dichterische Freiheit ganz gewaltig.

Es gibt zu viele Verschwörungstheoretiker

Vielleicht funktionieren Verschwörungsthemen im Thriller auch im Social-Media-Zeitalter nicht mehr. Wenn AfD-Wähler, Donald-Trump-Anhänger und andere unkritische bzw durchgeknallte Facebook-Nutzer die abstrusesten Theorien über Staaten und Gesellschaften für wahr halten, teilen und mit erbittertem Ernst und wirrer Logik verteidigen, macht es keinen Spaß mehr, sich im Krimi mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen.  Die abwegigsten Phantasien von Thriller- Autoren werden  mittlerweile häufig vom politischen Wahn rechthaberischer Rechter überflügelt – und das ist dann nicht unterhaltsam, sondern sehr gefährlich.

Patricia Cornwell, Paranoia, Hoffmann&Campe, 400 S., 24€, VÖ: 17. September 2016

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Kathy Reichs: Die Sprache der Knochen bietet wenig Neues

Irgendwann in grauer Vorzeit, vor beinahe 20 Jahren, gab es eine großartige neue Autorin in der Krimi-Welt. Die Anthropologin Kathy Reichs hob, die Fernsehserie CSI und ihre Ableger waren lange noch nicht in Sicht, den wissenschaftlich angehauchten Thriller auf ein neues Niveau. Das war ungewöhnlich, das war innovativ, das war spannend.

Neues aus den Genre des Baukastenkrimis

Heute, 18 Bände später, werden Morde im Dutzend im Labor aufgeklärt, auch um die Hauptdarstellerin Temperance Brennan gibt es längst eine eigene Fernseh-Serie. Mittlerweile gehören die Thriller der US-Amerikanerin zum Genre der Baukastenkrimis, die nach immer gleichem Muster zusammengesteckt werden. Es gibt einen Bösewicht aus einer kleinen, die Recherchefähigkeit des Reichs-Teams belegende Minderheit. Außerdem Selbstzweifel der Protagonistin, ein bis zwei Beziehungskonflikte zum Traummann und einem Verwandten (wechselnd Schwester, Tochter oder Mutter), einen Mordanschlag und eine überraschende Auflösung.

Kathy Reichs schreibt handwerklich auf hohem Niveau

Warum soll man das also lesen? Eigentlich gar nicht (mehr). Aber Reichs schreibt auf handwerklich hohem Niveau, ihre Figurenzeichnung tanzt bei allen bekannten Verhaltensmustern unerträgliche Stereotype souverän aus und der Leser erfährt trotz der eingefahrenen Gleise dennoch meist etwas Neues. Und ein Kathy-Reichs-Fan der ersten Stunde will ohnehin wissen, wie es weitergeht.

Morde unter Exorzisten in der Provinz

Im neuesten Krimi „Die Sprache der Knochen“ hat die Autorin sich zwei Recherchestränge ausgesucht. Sie greift das Phänomen der Hobby-Ermittler auf, die sich über das Internet in Gruppen zusammentun und Wettbewerbe zur Aufklärung offener Verbrechen beziehungsweise Vermisstenfälle austragen. In diesem Fall geht es um eine verschwundene junge Frau im Umfeld einer – der zweite Strang – fundamentalistischen christlichen Gemeinde, die den Ritus des Exorzismus betreibt, und das noch ohne Segen der katholischen Kirche. Man ahnt schnell, dass das nicht gut ausgehen kann. Keine Frage, dass Temperance Brennan mindestens einem perfiden Mordanschlag überstehen muss.

„Die Sprache der Knochen“: Furchtbar vorhersehbar

Das Ganze ist, wie schon erwähnt, alles furchtbar vorhersehbar und zugleich noch hinreichend spannend. Es wäre  interessant zu erfahren, wie ein Erstleser auf „Die Sprache der Knochen“ reagiert. Überträgt sich 20 Jahre alte Innovation in die Gegenwart oder wirkt das wie bei einem 20 Jahre alten Neuwagen eher drollig?

Kathy Reichs, Die Sprache der Knochen, Blessing, 385S, VÖ: Januar 2016

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Joakim Zanders Der Bruder: Facettenreich, intelligent, überambitioniert

Thematisch liegt Joakim Zander ziemlich genau in der Zeit. Er schreibt über die misslungene Integration von Migranten, die Radikalisierung von Jugendlichen, den Terror des IS und die Vermarktung der Sicherheit als Geschäft
Der Bruder heißt der neue Thriller des Schweden, der sich mit Themen auseinandersetzt, die auch unsere Schlagzeilen beherrschen. Drei Personen stehen im Zentrum des Romans. Die junge Yasemine Ajam ihr Bruder Fadi  und Klara Walldéen die der Leser schon aus dem sehr gelungenen „Der Schwimmer“ kennt. Yasemine lebt in New York, gerade ist ihr die zweite Flucht gelungen. Die erste schaffte sie als Jugendliche, die der Vororthölle Stockholms, in der Zuwanderer und Flüchtlinge wie in einem Ghetto lebten, entkam, und zu Beginn der Handlung lässt sie ihren gewalttätigen Freund hinter sich, der sie regelmäßig verprügelte.

Ein verblasstes Foto als einziges Lebenszeichen

Yasemine entdeckt ein Lebenszeichen, ein verwaschenes, unscharfes Foto ihres Bruders, der doch eigentlich in Syrien (?) ums Leben gekommen sein soll, gestorben als fanatischer Moslem in einem sinnlosen Bürgerkrieg.

Zander erzählt aus drei Perspektiven

Zander erzählt „Der Bruder“ aus drei Perspektiven, er spinnt das Garn für drei Geschichten. Das hat seinen Reiz, ist aber vor allem zu Beginn ein wenig anstrengend, weil der Leser da erst in den Rhythmus kommen muss. Auf der Habenseite bekommt der Leser dafür drei Geschichten zum Preis von einer, so eine Art Überraschungsei unter den Büchern. Der Bruder ist Sozialdrama, Selbstfindungsgeschichte und Verschwörungsthriller in einem, der – das ist ja typisch schwedisch – eine gehörige Portion Gesellschaftskritik transportiert. Er schildert den Irrsinn fundamentalistischer  Moslems, zeigt aber auch wie die Umstände, die Hoffnungslosigkeit des Lebens, die Tristesse der Umwelt, junge Menschen in die Fänge der Verführer geraten.

Zander liefert keine einfachen Erklärungen

Dass es in Der Bruder nicht wirklich Helden gibt, sondern nur Figuren, die durch die Handlung, durch unbeeinflussbare Ereignisse eher durch das Leben gepeitscht werden, macht den Reiz von „Der Bruder“ aus. Dabei ist der Thriller gleichermaßen vielschichtig wie überraschend. Wer einfache Erklärungen sucht, ist bei Zander falsch.

Die Stärken werden zu Schwächen.

In den Stärken des Romans liegen zugleich seine Schwächen, er ist vielleicht etwas zu überambitioniert, das dämpft  die Faszination, die sich beim Leser im Idealfall auch bei komplexen Stoffen einstellt. Zudem sind nicht alle Stränge gleichermaßen gut gelungen, neben atemberaubenden Passagen gibt es auch eher durchschnittliche Abschnitte, insbesondere die Hauptdarstellerin des ersten Teils bleibt eher blass. Hier wird der Leser durch den Klappentext in die Irre geführt. Das kann man als Marketingidee machen, führt aber zu einer, wie man neudeutsch sagt, Nutzerenttäuschung.

Joakim Zander, Der Bruder, Rowohlt Polaris, 459S., 14,99€, VÖ: Oktober 2016

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Gute Nachrichten für Bernie-Gunther-Fans: Philip Kerr schreibt The Lady from Zagreb und zwei weitere Krimis der Serie

Philip Kerr hat wieder einmal Bernhard Gunther von der Leine gelassen: Dieses Mal muss sich der knorrige Detektiv mit Widersachern in Zagreb und der Schweiz auseinandersetzen.  Wie schon beim letzten Band „Wolfshunger“ ist das streng genommen wieder ziemlich unglaubwürdiger Blödsinn – und vermutlich gerade deshalb wieder ein großer Spaß.

Bernie Gunther trifft mal wieder eine Damsell in Distress

Im zehnten Band der Serie lebt Gunther als gescheiterte Existenz, wie auch sonst, an der Côte d’Azur. Bei einem Kinobesuch sieht er einen Film mit einem deutschen Filmstar und betritt in einen Pfad wehmütiger Erinnerungen. Und der beginnt so:  Joseph Goebbels bittet Gunther, ihm einen „privaten“ Gefallen zu tun. Er hat sich in besagte Schauspielerin verguckt, die wegen privater Probleme sich aber weigert, in Berlin, beziehungsweise Babelsberg mit dem Dreh zu beginnen, wo der Propagandaminister der Schönen näher zu kommen hofft. Bernie Gunther soll also die Probleme der Diva aus der Welt schaffen. Es kommt, wie es bei Kerr und Gunther immer kommen muss: Der Cop verguckt sich in die Damsel in Distress, gerät beim Versuch der Schönen zu helfen in massive Schwierigkeiten, legt sich mit allerlei Nazigrößen an, schwebt in Lebensgefahr, deckt eine gigantische Verschwörung auf – und muss am Ende einmal mehr ohne Happy End auskommen.

Bernie Gunther, die brillante Erfindung Philip Kerrs

Philip Kerr strickt seine Detektivgeschichten, die er im Deutschland der Nazizeit ansiedelt, mittlerweile nach dem immer selben Muster. Der Brite schert sich dabei immer weniger um Originalität oder Glaubwürdigkeit. Und dennoch funktionieren die Krimis immer wieder. Die Figur des Bernie Gunter ist einfach brillant erdacht, der abgebrühte Polizist, der immer wieder versuchen muss, sich mit den Monstern der Nazizeit auseinanderzusetzen ohne dabei selber zum Monster zu werden, ist eine herrlich altmodische Heldenfigur. Kerr gelingt es dabei aber auch, durch seine Schilderungen von Nazi-größen und deren Handlangern immer wieder gekonnt die Banalität des Bösen aufzudecken.

Keine Einstiegsdroge, aber ein Muss für Fans

Wer noch nie einen Krimi der Serie gelesen hat, sollte eher die Finger von der Neuerscheinung lassen und sich lieber die ersten drei Bände der Serie vornehmen. Die sind deutlich die bessere Einstiegsdroge und absolut und unbedingt für jeden Krimileser empfehlenswert.  Die beiden jüngsten Bände sind eher für eingefleischte Fans geeignet, die werden aber wieder sehr großen Spaß haben.

Kein Ruhestand für den Berliner Polizisten in Sicht

Und offenbar ist die Fangemeinde so groß, dass es mindestens noch zwei weitere Bände gibt beziehungsweise geben wird, obwohl Kerr eigentlich schon nach dem vorletzten, dem neunten Band, seinen Detektiv in den wohlverdienten Ruhestand schicken wollte. Ein paar Jahre ohne Aufregungen an der Côte d’Azur, vielleicht mit einer schönen Frau an der Seite, in jedem Fall mit einem ausreichenden Vorrat an Schnaps und Zigaretten, würde man Bernhard Gunther schon gönnen.

So geht es für Bernie-Gunther-Liebhaber weiter:

Wer „The Lady from Zagreb“ auf Deutsch lesen will, muss sich noch etwas gedulden. Alle anderen können sich sogar schon auf die Originalausgabe von Band 11 „The Other Side of Silencestürzen. Die ist seit Ende März im Handel. Man kommt also kaum hinterher…

Philip Kerr, The Lady from Zagreb, Quercus Press, 8,50€, VÖ: 7. April 2015

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Besonders fiese Morde in Neuntöter von Ule Hansen

In der Liste der fiesesten Morde nimmt folgende Variante einen Spitzenplatz ein. Das Opfer wird fest in Panzertape eingewickelt und lebendig an einem einsamen Ort in lufiiger Höhe mit (trügerischer) Aussicht auf Freiheit aufgehängt. Der Tod ist, man ahnt es, extrem langsam und besonders qualvoll.

Berlin-Krimi-Debüt eines neuen Autorenduos

Diese besonders hinterhältige Mordvariante hat sich das unter dem Kunstnamen Ule Hansen schreibende Autorenduo Astrid Ule und Eric T. Hansen für ihr Krimidebüt „Neuntöter ausgedacht. Eine derart zugerichtete Leiche findet jedenfalls ein abenteuerlustiger Junge, der verbotenerweise in dem virtuellen Haus am Leipziger Platz in Berlin herumtobt. Für alle Nichtberliner: Mitten im Herzen Berlins, am ansonsten schick bebauten Leipziger Platz, gibt es noch immer eine Baulücke, die mit einer Art Potemkinschen Dorf (einem Potemkinschen Haus, um genau zu sein) kaschiert wird.

Ule Hansen finden einen neuen Tatort im Herzen Berlin

Mitten im trubeligen Berlin nahe dem Touristenmagnet Potsdamer Platz haben die Autoren tatsächlich einen einsamen, hinreichend mysteriösen Ort gefunden, der sich perfekt als Tatort eignet.  Schnell merken die Polizisten bei der Besichtigung des Tatorts: Es gibt nicht eine, sondern gleich drei Leichen, weshalb die Kollegen von der operativen Fallanalyse hinzugezogen werden, die Profile von Serienmördern erstellen helfen.

Eine Ermittlerin, die zwischen Abgründen balanciert

Im Zentrum dieser Truppe steht Emma Carow, die psychisch selber dicht am Abgrund entlang balanciert, insbesondere, nachdem der Mann, der sie einst verschleppt und über Tage misshandelt und vergewaltigt hatte, sehr ungeniert die öffentliche Bühne betritt. Carow blickt also beruflich wie privat in ausgesprochen hässliche Abgründe, die wie es Nietzsche einst formulierte, natürlich zurückstarren.  Allen Widrigkeiten zum Trotz nähert sich die Fallanalytikerin in schleifenartigen Gedanken und  Analysen langsam  einem Täterprofil an – und deckt dabei in Person des Täters, der zuvor noch weitere Menschen auf grausige Weise umbringt, weitere dunkle Seiten des menschlichen Daseins auf.

Neuntöter lohnt wegen einer sperrigen Ermittlerin

Lohnt sich die Auseinandersetzung mit der neuesten Schöpfung in der deutschen Krimi-Ermittler-Szene? Ja, aber. Ein deutliches ja, weil „Neuntöter“ mit hohem Tempo und emotional sehr fesselnd aufgeschrieben ist. Es fällt zudem leicht, mit der sperrigen Ermittlerin durch deren kompliziertes Leben zu stolpern. Ein Randaspekt: Für diejenigen, die die Hauptstadt mögen, wird das Berlin-Feeling gut eingefangen.

Einige kleine Schönheitsfehler bei Ule Hansen

Und nun zum  „aber“. Wer komplexe, raffiniert verwickelte Kriminalgeschichten mag, wird meiner Ansicht nach nicht sehr zuvorkommend bedient. Ein hohes Erzähltempo geht im Krimi ja häufig zu Lasten der Raffinesse. Das ist hier, obgleich die Geschichte einfallsreich mit vielen Ideen angereichert wurde, der Fall, auch wenn das widersprüchlich erscheint. Außerdem hatten Plot und Charaktere leichte Glaubwürdigkeitsdefizite, die über das Maß, das man in einem herausragenden Krimi erwarten würde, hinausgehen.

„Neuntöter“ von „Ule Hansen“ ist also insgesamt spannende Krimi-Unterhaltung mit leichten Schönheitsfehlern. Für Vielleser würde ich eine Leseempfehlung abgeben, weil genug originelle Ideen den Erstling über den Krimi-Durchschnitt erheben.

Ule Hansen, Neuntöter, Heyne, 495 S., 16,99€, VÖ: 29. Februar 2016

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Antonio Manzini: Die Kälte des Todes. Gute Krimi-Unterhaltung mit einem kiffenden Cop im Schnee

Rocco Schiavone hängt noch immer am falschen Ort fest. Der Polizist geht weiterhin eher lustlos im norditalienischen Aosta-Tal seiner Arbeit nach. Wenn man es ganz genau nimmt, hängt Schiavone wohl im falschen Leben fest: Um durch den Tag zu kommen, braucht er am Morgen erst einmal einen Joint. Dennoch gehen ihm die meisten Kollegen auf die Nerven, eine frisch geknüpfte Beziehung steuert auf ein frühes Ende zu, immer wieder führt er Gespräche mit seiner verstorbenen Frau. Dass der aus Rom strafversetzte Cop am heftigsten mit dem Wetter hadert, erdet die krisengebeutelte Existenz.

In dubioser Selbstmord im Zentrum von „Die Kälte des Todes“

In die „Kälte des Todes“ ermittelt Schiavone nach „Der Gefrierpunkt des Blutes“ bereits zum zweiten Mal in den Alpen.  Der zentrale Fall ist schnell erzählt: In ihrer Wohnung wird eine Frau gefunden, die sich auf den ersten Blick selbst erhängt hat. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch Hinweise, die einen Mord erkennen lassen. Schiavone beginnt zu ermitteln – und kümmert sich gleichzeitig um diverse andere dienstliche und eher außerdienstliche Angelegenheiten.

Antonio Manzini legt in seinem Krimi hinreichend falsche Fährten

Die Nebengleise machen aber den Reiz der Krimis von Antonio Manzini aus, der sich den politisch unkorrekten, meist sarkastisch-grantigen Polizisten erdacht hat.  Dazu kommen noch hinreichend falsche Fährten, die auch den eigentlichen Kriminalfall, in dem ermittelt wird, so komplex gestalten, dass auch Vielleser im Genre noch überrascht werden.

Konventionell , aber sehr unterhaltsam erzählt

Die Krimis von Antonio Manzini sind eher konventionelle Lektüre, die weder formal überraschen noch besonders spektakuläre Geschichten erzählen. In diesem Segment des Mainstream-Krimis überzeugen sie jedoch durch den Ideenreichtums Manzinis und natürlich mit der Hauptfigur, der – so unglaubwürdig sie ist – man gerne beim Ermitteln und Leben zuschaut. Insofern bietet „Die Kälte des Todes“ also reichlich entspannend-spannende Unterhaltung.

Antonio Manzini, Die Kälte des Todes, Rowohlt, 313S., 9,99, VÖ: Januar 2016

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David Lagercrantz betreibt mit Verschwörung schriftstellerische Denkmalpflege

Ich gehöre zu den Lesern, denen die Stieg Larssons Trilogie um Michael Blomqvist und Lisbeth Salander sehr gerne gelesen haben. Larsson hatte vor allem mit dem Erstling „Verblendung“  eine atemberaubende Welt und vor allem eine sensationell ungewöhnliche Protagonistin geschaffen.

Skepsis über den Stieg-Larsson-Nachfolger David Lagercrantz

Die Ankündigung, dass der schwedische Autor David Lagercrantz die Reihe, die durch den frühen Tod Larssons ein vorzeitiges Ende gefunden hatte, fortsetzen wollte, löste bei mir Skepsis aus. Die war so groß, dass ich beinahe ein halbes Jahr um „Verschwörung“ herumgeschlichen bin, bevor ich es zur Hand nahm.

Ein mühsamer Auftakt beim neuen Fall für Blomqvist und Salander

Auf den ersten Seiten schien die Skepsis gerechtfertigt.  Zwar hatte auch Larsson gelegentlich einen eher sperrigen Erzählstil, aber Lagerkrantz wirkte im Vergleich dazu beinahe geschwätzig. Jedenfalls wirkt alles übererklärt, ohne dass der der Autor Blomqvist oder Salander wirklich nahe kommt. Offenbar brauchte Lagercrantz Zeit, sich in die Figuren Larssons hineinzuversetzen. Ab dem zweiten Viertel  nimmt die Geschichte dann aber Fahrt auf und aus der sentimentalen Reise in die Vergangenheit entwickelt sich ein eigenständiger Krimi.

Viel Vertrautes in „Verschwörung“

Wie mit den Figuren  ist das auch mit dem Thema und dem Setting, es dauert bis beides steht – und dann erwartet einen zunächst viel schon einmal Gelesenes: Michael Blomqvist hat mal wieder Probleme. Schöpferisch wie finanziell. Sein Baby, das Wirtschaftsmagazin „Millenium“ steckt in der Krise, es droht der Verlust der Eigenständigkeit. Klingt bekannt?  Das bleibt so. Lisbeth Salander lebt abgeschottet in ihrer Luxusbleibe, hackt sich in Server, auf denen sie eigentlich nichts verloren hat und knöpft sich Männer vor, die sich an Frauen vergehen.

Eine Verschwörung mit Wurzeln in den USA

Natürlich gibt es auch wieder eine gewaltige, beinahe weltumspannende Verschwörung,, deren Tragweite sich den Protagonisten zu erschließen beginnt, als ein schwedischer Experte für Künstliche Intelligenz, der in beziehungsweise für die USA arbeitete, ermordet wird. So weit, so vertraut ist das Ungemach, dem sich Blomqvist und Salander in „Verschwörung“ stellen müssen.

Natürlich bleibt David Lagercrantz seinem Vordenker in Sachen Kriminalroman treu. Spätestens nach dem die Ausgangslage herausgearbeitet ist, entwickelt sein Krimi ein Eigenleben, kann mit eigenen Ideen, einem gelungenen Plot und neuen Figuren überraschen.

David Lagercrantz betreibt literarische Denkmalpflegte

Insgesamt war es also mit einem halben Jahr Wartezeit doch ganz unterhaltsam, sich auf das Wagnis Larsson-Nachfolge einzulassen. Letztlich war es sogar so lesenswert, dass ich eine Fortsetzung lesen würde, auch wenn Lagercrantz mit „Verschwörung“ und möglichen Fortsetzungen nie den Makel  loswerden wird, die Ideen eines anderen auszuschlachten – und wie weit diese schriftstellerische Denkmalpflege trägt bleibt abzuwarten,

David Lagercrantz, Verschwörung, Heyne, 601S., 22,99€, VÖ: 27. August 2015

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Jagd auf Deppen? Ein neuer Sebastian Bergman-Krimi von Hjorth/Rosenfeldt

Eine der wichtigsten Fragen, die sich zuletzt bei den Kriminalromanen von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt aufdrängte, kreist darum, wie sehr Sebastian Bergman mit neuerlicher menschlicher Niedertracht dem Leser auf die Nerven geht. In den letzten Bänden wurde die Lektüre der Serie wegen der Penetranz des schwedischen Profilers beinahe zur Qual.

Neue Eskapaden eines therapiebedürftigen Psychologen

Im neuesten Band kann man beinahe Entwarnung geben. Die Eskapaden des dringend therapiebedürftigen Psychologen halten sich in „Die Menschen, die es verdienen“ in Grenzen. Der fünfte Band um das Team der Reichsmordkommission ist auch deshalb insgesamt sehr unterhaltsam geraten.

Ein Serienmörder macht Jagd auf Ignoranz

Hjorth/Rosenfeldt haben sich einen Täter erdacht, der – vereinfacht formuliert – Deppen umbringt. Der fiktive Serienmörder hat es auf die Prominenz moderner Zeit abgesehen; Doku-Soap-Stars, Blogger und andere Sternchen, die ihren Erfolg leistungsfrei zu erreichen scheinen. Jedenfalls entführt der Serienmörder C- und D-Prominenten, unterzieht sie einem Wissenstest. Wer bei diesem „Check“ der Allgemeinbildung durchfällt, stirbt. Das Team um Torkel Höglund läuft dem Täter lange Zeit  weit hinter her, bis Sebastian Bergman, der noch immer versucht, eine Beziehung zu seiner Tochter herzustellen, mal wieder einen waghalsigen Alleingang startet, ein „Stunt“, der dramatische Folgen haben soll.

Die Romane des Autorenduos Hjorth/Rosenfeldt sind ja immer ein Vergnügen, ob nun trotz oder wegen der penetranten Ausfälle des Sebastian Bergman. Die beiden Schweden denken sich jedenfalls immer wieder spannende Geschichten aus, verwirren mit kunstvoll gelegten Nebengleisen und schreiben das auch noch sehr dicht auf.

„Die Menschen, die es nicht verdienen“, eine starke Folge der Serie

Dass sie sich bei allen persönlichen Verwicklungen und Problemen der Protagonisten in „Die Menschen die es nicht verdienen“ nach einigem Geplänkel zu Beginn darauf konzentrieren, einen ungewöhnlichen Kriminalfall zu erzählen, trägt meiner Meinung nach zu bei, dass der neueste Band eher zu den stärkeren Folgen der Serie zählt. Und wer sich jetzt sorgt, dass bei Sebastian Bergman, seiner Tochter Vanja, Teamchef Torkel, sowie Billy und Ursula Normalität eingekehrt sein könnte, kann sich entspannt zurück- bzw. angespannt vorlehnen. Bei Hjorth/Rosenfeldt ist für Durchschnitt und das Normale kein Platz.

Ein Krimi mit pädagogischem Trostpflaster

Ein pädagogisches Trostpflaster für alle Blogger und Menschen mit überschaubarer Allgemeinbildung haben die Autoren auch: Natürlich ist das Wissen, dass ihr Mörder abfragt, verstaubt. In Zeiten von Smartphone und Google komme es, so der Schluss, doch mehr darauf an, zu wissen, wie man an Informationen komme. Das ist doch für sehr beruhigend für den Krimi-Blogger, der trotz eines Geschichtsstudiums große Probleme hätte, alle schwedischen Könige und dann noch in der richten Reihenfolge aufzusagen…

Hjorth/Rosenfeldt, Die Menschen, die es nicht verdienen, Wunderlich, 536S., 19,95€, VÖ: 29. Oktober 2015

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Tobias Radloff, Amoralisch: Kein Krimi, kein High-tech-Thriller, aber ein spannender Familienroman

Als Krimi ist das Buch im Prinzip eine Fehlbesetzung. Auch ein Hightec-Thriller ist „Amoralisch nicht wirklich. Und das, obwohl ein Privatdetektiv im Umfeld einer Firma für Biotechnologie ermittelt.  Das bedeutet jetzt nicht, dass „Amoralisch“ ein schlechtes Buch ist. Es ist auf eine schwer erklärbare Weise sogar ganz ordentlich

„Amoralisch“ ist am ehesten ein spannender Familienroman

Am ehesten hat Tobias Radloff wohl einen sehr spannenden Familienroman geschrieben. Der Verlag nennt das ganze jedenfalls auch einen Biotech-Roman Noir.

Philip Strasser, ein mieser kleiner Spitzel

Im Zentrum steht jedenfalls der sehr gescheiterte Privatdetektiv Philip Strasser Im Grunde ist er ein mieser kleiner Schnüffler, wie er im Buche steht, eine Stufe über dem Kaufhausdetektiv. Er hält sich mühsam über Wasser, in dem er für seine Auftraggeber mutmaßlich untreuen Partnern hinterhersteigt und für einen Pharmakonzern dessen Mitarbeiter bespitzelt.  Ansonsten ist er im wesentlichen damit beschäftigt, seiner Verflossenen hinterher zu trauern und um seine Tochter zu kämpfen.  Damit ist auch schon das wichtigste Pfund des Buches genannt. Versagern folgt man im Krimi immer gerne, und Philip Strasser ist ein außerordentlich sympathisches Exemplar dieser Spezies.

Mal wieder ein Detektiv, der sich durchs Leben stümpert

Es macht also viel Spaß, dem armen Philip Strasser, dabei zuzuschauen, wie er sich unbeholfen durchs Lebens stümpert – und dabei am Ende doch noch einen Fall um eine dubiose Amor-Pille  (man ahnt beim Namen, worum es gehen könnte) und Experimente am Menschen aufklärt.

Tobias Radloff erklärt zu viel und fesselt doch

Eigentlich schreibt Tobias Radloff zu viel, zumindest erschlägt er seinen Leser zu Beginn mit vielen Wörtern. Auch die Themen sind nicht wirklich neu: Gescheiterter Privatdetektiv, der ersten Schuld auf sich geladen hat, zweitens gescheitert ist und drittens in eine amoralischen Welt versucht, anständig zu bleiben? Das hat man schon mal gelesen. Auch von Menschen, die unwissentlich über Pillen zu willenlosen Werkzeugen werden hat man schon gehört. Und dennoch. Auf seine ganz eigene Art entfaltet „Amoralisch“ eine Sogwirkung, wie man sie von veritablen „Thrillern“ gewohnt ist – und das macht ihn am Ende dann doch lesenswert.

Tobias Radloff, Amoralisch, Divan, 252 S., 15,90, 5. Oktober 2015

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Jeffery Deavers Der Giftzeichner: Ein Thriller als Familientreffen

Jeffery Deaver hat einmal damit begeistert, dass er mit Abstand die raffiniertesten Plots erdacht hat, seine Leser zusagen immer auf den Zehenspitzen hielt, weil sie jederzeit überraschenden Wendungen gewahr sein mussten. Diese Zeiten sind knapp 20 Jahre nach dem Sensationserfolg „Der Knochenjäger“ vorbei. Bei seinem jüngsten Krimi „Der Giftzeichner“ hatte ich das erste Mal das Gefühl, den Verlauf vorhersehen zu können. Es bestätigte sich mehrfach dieses „das war bestimmt….-Gefühl.

Erneut ein spannender Krimi von Jeffery Deaver

Das heißt ausdrücklich nicht, dass „Der Giftzeichner“ ein schlechter Krimi wäre. Ganz im Gegenteil. Deaver-Neulinge und eingefleischte Fans werden bei einem spannend aufgeschriebenen Krimi auf ihre Kosten kommen. Denn Jeffery Deaver beherrscht sein Handwerk und komponiert wieder jede Menge gruselige Szenen zu einer atemberaubenden Verfolgung.

Der „Giftzeichner“ mordet mit tödlichen Tattoos

Das wohl bekannte Ermittlerteam um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs hat es natürlich wieder mit einem Serienmörder zu tun. Dieser entführt seine Opfer und tötet sie mit giftigen Tattoos auf besonders grausame Weise. Die Tattoos, so wird schnell klar, sind Botschaften an die Ermittler, mit denen der Mörder sein perfides Katz- und Mausspiel beginnt.

Ermittlungen im New Yorker Untergrund

Wie im Rhyme-Sachs-Debüt „Der Knochenjäger“ geht es wieder in den New Yorker Untergrund. Der Unterbauch der Metropole bietet genügend verschlungene Pfade und Katakomben für jede Menge Gewaltverbrechen und klaustrophobische Anfälle – für Ermittler wie Leser.

Verbindungen zum „Knochenjäger“

Relativ früh wird klar, dass es eine Verbindung zu einem Täter vergangener Zeiten geben muss. Das ergibt die Auswertung forensischer Funde vom Tatort. Lange Zeit, das gehört sich für einen Thriller so, scheinen die Ermittler immer einen Schritt zu spät zu kommen, während die Zahl der Opfer stetig zunimmt.

Ein Familientreffen mit Lincoln Rhyme und Amelia Sachs

Auch der elfte Fall um das Duo Rhyme/Sachs bietet also trotz des Déjà vu wieder gute Krimi-Unterhaltung, vielleicht sogar gerade deshalb. Die beiden Ermittler sind einem mittlerweile so vertraut, dass ihre literarische Rückkehr so eine Art Familientreffen darstellt, auch bei Plot und Gruselfaktor gilt der steinalte Satz der Waschmittelwerbung: „Da weiß man, was man hat“. Das ist nicht innovativ, nicht aufregend neu, aber immer wieder unterhaltsam. Und von einem Krimi erwartet man ja oft genau das.

Jeffery Deaver, Der Giftzeichner, Blanvalet, 571S., 19,99€, VÖ 14. September 2015