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Film Noir, ein Familienalbum für Krimi-Liebhaber und Cineasten

Sam Spade in "Der Malteser Falke". Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions
Humphrey Bogart als Sam Spade in „Der Malteser Falke“. Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions

Wer es schafft, einigermaßen unfallfrei älter zu werden, lässt auf dem Weg eine ganze Menge zurück, gute alte Freunde beispielsweise. Man verliert sich aus den Augen, hätte sich vermutlich nicht mehr viel zu sagen, weil man sich – in welche Richtung auch immer – entwickelt hat und bleibt doch Jahrzehnte lang von den Begegnungen aus der Jugendzeit geprägt.

Coole Vorbilder und schöne Frauen

Meistens sind diese guten, alten und enorm wichtigen Freunde reale Menschen. Bisweilen geht es auch, und ich empfinde das durchaus als Gewinn, um fiktive Charaktere. Philip Marlowe ist so eine Figur, brillant verkörpert durch Humphrey Bogart in „The Big Sleep“. Die literarische Vorlage von Raymond Chandler gehört bis heute zu den Klassikern der Kriminalliteratur, das gleiche gilt für die Verfilmung von Howard Hawks, auch wenn die Filmtechnik der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mittlerweile völlig antiquiert wirkt. Aber so cool, so hart und zynisch und so verletzlich wie Marlowe, ist heute kaum ein Filmfigur. Die vergeblichen Versuche, in einer dreckigen, verdorbenen Weg sauber und anständig zu bleiben, jedenfalls, hatten für jeden heranwachsenden Kinogänger und Krimi-Leser etwas Magisches und höchstes Sehnsuchtspotential: Einmal so cool sein wie Bogart, einmal einer Frau wie Lauren Bacall begegnen.

Bogart, Stewart, Welles, Stanwyck, Bacall und all die anderen

Jetzt gibt es ein Wiedersehen mit diesen Helden einer längst vergangenen Jugend. Der Taschen-Verlag hat den Bildband „Film Noir“ herausgebracht. Der massive Band, der mindestens ein Kilo auf die Waage bringt, stellt für alle Anhänger des düsteren Kriminalfilms eine Art Familienalbum dar. Ich jedenfalls bin auf viele gute alte „Bekannte“ getroffen. „Rebecca“ gehört dazu, „Die Spur des Falken“ selbstverständlich (und ebenso selbstverständlich wieder mit Humphrey Bogart), „Frau ohne Gewissen“, „Der dritte Mann“, „Das Fenster zum Hof“, aber auch „Diva“, „Pulp Fiction“, L.A. Confidential“ oder „The Dark Knight“ als Vertreter jüngerer Hollywood-Produktionen.

Klassiker der gesamten Filmgeschichte

Die Auswahl der Filme zeigt schon, dass das Genre des Film Noir nicht leicht zu fassen ist. Ursprünglich meinte die Filmkritik jenes düstere Gesellschaftsbild, das im und nach dem 2. Weltkrieg in den USA in vielen Filmen als Gegengewicht zu den Durchhalteparolen der Propaganda-Filme gezeichnet wurde. Das Kompendium, das Paul Duncan und Jürgen Miller als „Film Noir“ herausgegeben haben, wirft ein sehr weites Lasso und fängt Klassiker der gesamten Filmgeschichte ein. Zum Film Noir zählt nach dem Willen der Herausgeber als ältester Vertreter „Das Kabinett des Dr. Caligari“ von 1920 und als jüngstes Mitglied der Familie „Drive“ von 2011. Das Dilemma, sich mit strengen Filmwissenschaftlern und ihren Kategorisierungen auseinandersetzen zu müssen, lösen die Herausgeber elegant, in dem Sie ihrem Buch den Untertitel „100 All Time Favorites“ mitgegeben haben. Und über (persönliche) Favoriten kann man ja ohne Ende ergebnislos streiten.

Ein Buch mit hohem „weißt-du-noch-Effekt“

Selbstverständlich begründen Herausgeber ihre Auswahl in kurzen, klugen Einlassungen zu den verschiedenen Epochen: Das größte Vergnügen, das „Film Noir“ dem Leser beschert, ist aber jener Familienalbum-Effekt. Filmplakate, aber vor allem Fotos von Film-Szenen lösen auf fast allen Seiten diesen „weißt-du-noch-Effekt“ aus, weil man Szenen, die man möglicherweise vor 30 oder mehr Jahren das letzte Mal gesehen hat, wiedererkennt. Wem dieses Gefühl des Wiedererkennens fehlt, weil er zu jung oder in Sachen Film spät Berufener ist, dem liefern die Autoren alle wichtigen Informationen, zu Inhalt, Entstehungsgeschichte, Machern&Darstellern und sonstigen „bunten“ Fakten.
Wegen des hohen Wiedererkennungswerts ist „Film Noir“, dem Genre, das es behandelt, widersprechend, ein zutiefst sentimentales Werk. Und davon kann es, da die Welt viel zynischer geworden ist, als sich Filmemacher das einst erdacht haben, eigentlich nie genug geben.
Paul Duncan/Jürgen Müller: Film Noir, Taschen, 688 S., 39,99€

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Raymond Chandlers „Der große Schlaf“, Geburtsstunde Philip Marlowes

Es ist ein Traumsatz eines jeden Bloggers, einmal einen Post mit „Adorno sagt“ zu beginnen. Was das mit Kriminalromanen zu tun hat? Eigentlich nichts, aber andererseits geht auf den deutschen Philosophen der schöne Satz „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ zurück. Die Romanfigur Philip Marlowe ist der Großvater all jener Ritter von der traurigen Gestalt, die mit einer gewissen naiv-bewundernswerten Sturheit mit dem Kopf voran gegen eine betonharte Realität anspringen.

Adornos und Chandlers ähnlicher und doch anderer Blick auf die Gesellschaft

Der US-Amerikaner Raymond Chandler schuf seinen eigenwilligen Privatdetektiv in den 30er Jahren, ebenjener Zeit, in der Theodor Adorno von den Nazis ins Exil getrieben worden. Beide beobachteten aus unterschiedlichen Blickwinkeln – und mit unterschiedlichen Denkergebnissen – eine zutiefst amoralische, verrohte und bis ins Mark verdorbene Gesellschaft. Auch wenn sie dabei ihren Blick auf gänzlich unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe, Adorno den Totalitarismus und Faschismus, Chandler einen dekadenten, korrupten Kapitalismus kamen beide zu gleichermaßen vernichtenden Urteilen. Während der deutsche Philosoph im amerikanischen Exil daraus ein moralisches Manifest entwickelte, schuf der US-amerikanische Journalist Unterhaltung

Raymond Chandler und seine Krimis der „Schwarzen Serie“

Raymond Chandler gilt als einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer des Noir-Genres, der Schwarzen Serie, in der sich der Protagonist in einer moralisch verderbten Gesellschaft bewegt, versucht, immer das richtige zu tun, dabei aber bei der Wahl der Mittel ebenfalls nicht zimperlich ist. Philip Marlowe wurde so neben Hammetts Sam Spade, Christies Hercule Poirot und Conan Doyles Sherlock Holmes zu den berühmtesten Detektiven der Kriminalliteratur.

Ein Welterfolg mit Phlip Marlowe

Chandler ging einen wechselvollen Weg mit zahlreichen beruflichen Stationen bevor er sich als Journalist und schließlich als Kriminalautor versuchte. 1988 geboren begann er in den 30er Jahren Kurzgeschichten zu schreiben, sozusagen, um das Genre Kriminalroman üben. 1939 erschien sein Debüt-Roman „Der große Schlaf“. Philip Marlowe wird von einem Auftraggeber, dem schwer kranken General Sternwood, gebeten, sich um einen Erpressungsversuch gegen eine seiner beiden Töchter zu kümmern. Marlowe muss schnell feststellen, dass beide, auf ihre Weise, vollkommen verdorben sind und in tiefe Machenschaften um Verbrechen und Korruption verstrickt sind. Dennoch versucht Marlowe beiden zu helfen, den Auftrag seines Klienten zu erfüllen und seinen eigenen moralischen Standards gerecht zu werden: vor allem letzteres stellt Marlowe in einer prinzipienlosen Welt vor immer neue Herausforderungen.

Die Vorlage des Film-Klassikers mit Humphrey Bogart

Das im Vergleich zu heutigen Kriminalromanen angenehm dünne Büchlein wurde rasch zum Bestseller und begründete Chandlers Weltruhm. Insgesamt sieben Philip-Marlowe-Romane schrieb der US-Schriftsteller, der unter anderem in Hollywood als Drehbuchautor arbeitete. Die Filmstadt an der Westküste, die Chandler in so düsteren Farben beschrieb, setzte dem Krimi-Autor ein filmisches Denkmal. Howard Hawks verfilmte „The Big Sleep“ mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in den Hauptrollen. Ein Remake gab es in den siebziger Jahren mit Robert Mitchum als Philip Marlowe. Beide Verfilmungen sind in der Kritik nicht unumstritten, das aber interessierte das Kino-Publikum nicht. Wie die Bücher sind auch die Filme, insbesondere die Bogart-Version echte Klassiker.

Tatort: Los Angeles.

Die Stadt der Engel ist in den Romanen Raymond Chandlers ein Ort von düsterner Schönheit. Die Stadt über dem Pazifik schimmert insbesondere Nachts verführerisch, wenn man dem US-Autor glauben darf. Wie viele Metropolen übt die Stadt insbesondere aus der Fernsicht große Faszination aus, aber wehe, wenn man dem Moloch zu nahe kommt, dann springt der ganze Schmutz, die versammelte Verderbtheit einer zutiefst korrupten Gesellschaft ins Auge. All das beschreibt Chandler in einem desillusionierten Ton, allein über die Menschen, die seine Romane bevölkern – und doch zeichnet er, ohne es oberflächlich darauf anzulegen, ein äußerst präzises Bild der Stadt der 30er und 40er Jahre. Manch einer befürchtet, dass sich unter einer kernsanierten Fassade der Kern der Stadt unvermindert verrottet bleibt.

Raymond Chandler, Der große Schlaf, Diogenes, 9,99€, VÖ: 1939
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„Hier spricht Edgar Wallace“: Die Krimi-Vorlage des Fernsehklassikers

Mehrere Generationen jugendlicher deutscher Fernsehzuschauer sind mit dem knappen und doch ins Mark dringenden Satz „Hier spricht Edgar Wallace“ zum Fernsehabend begrüßt und mit einem wohligen Gruseln ins Bett entlassen worden.  Die Filme mit Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Eddie Arend und natürlich Klaus Kinski waren in den sechziger und siebziger Jahren Kult.

Das bewegte Leben von Edgar Wallace

Die Verfilmungen basieren auf dem Werk von Edgar Wallace und das ist noch einmal ein paar Jahre älter. Wallace führte ein bewegtes Leben, kam 1875 als uneheliches und verstoßenes Kind von ganz unten, eignete sich ohne große Schulbildung wissen an und berichtete sogar als Kriegsberichterstatter vom Burenkrieg in Südafrika. 1905 schrieb er seinen ersten Roman, „Die vier Gerechten“, was ihn beinahe ruinierte, weil er offenbar Lesern, die die Lösung fanden, 500 Pfund Preisgeld versprach. Vermutlich war sein Rätsel einfach nicht komplex genug…

Edgar Wallace, ein fleißiger Krimi-Autor

Insgesamt schrieb Edgar Wallace bis zu seinem frühen Tod 1932 um die einhundert Kriminalromane und Krimi-Erzählungen, sowie zahlreiche Afrika-Romane, einige Sachbücher und andere Stoffe.  Zu den berühmtesten (wegen der Verfilmungen) gehören wohl „der Hexer“, „Die toten Augen von London“ oder „Der Frosch mit der Maske“. Auch wenn man ihn in Deutschland wegen der deutschen Verfilmungen kennt. Er gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten Krimi-Autoren Großbritanniens.

Ein Krimi-Klassiker: „Das Gesetz der vier“

Ich habe mir mal „Das Gesetz der Vier“ noch einmal vorgenommen, eine Fortsetzung von „Die vier Gerechten“. Darin sind im Prinzip eine Sammlung von kürzeren, lose verbundenen Kriminalgeschichten enthalten. Die „Vier“ sind hier auf Zwei geschrumpft, weil einer der „Vier“ – eine Vereinigung von Rächern, die für Gerechtigkeit kämpfen, wo Polizei und Behörden versagt haben – gestorben ist und ein weiterer im Ruhestand auf seinem Landgut in Spanien lebt. Die verbleibenden Zwei klären jedoch jede Menge perfide Morde und andere Verbrechen auf.

Ermittler, die die moderne Wissenschaft in ihren Dienst nehmen

Die Edgar-Wallace-Romane sind deshalb so interessant, weil sie in eine völlig andere Zeit führen, sie spielen unbestimmt in einer Ära, in der Kutschen und Automobile einigermaßen gleichberechtigt das Straßenbild beherrschten. Es war eine Zeit, in der die Wissenschaft sich auch in der Kriminalistik durchzusetzen begann. Wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes benutzen die fortschrittlichen Rächer – anders als die Behörden – die Wissenschaft zur Aufklärung ihrer Fälle, sie diskutieren die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu nehmen, analysieren chemische Substanzen.

Anwandlungen von Sozialdarwinismus bei Edgar Wallace

Bedenklich scheint aus heutiger Sicht die Idee, die Verbrecher anhand ihrer Physiognomie ausmachen zu können. Aus der Form des Schädels, der Größe der Ohren, der Form des Unterkiefers vermeinten Wallaces Detektive Verbrecher messen und erkennen zu können. Das war Sozialdarwinismus in reinster Form – damals leider weit verbreitet, auf die politische Gesinnung Wallace schließen zu wollen, ginge wohl zu weit.

Spannend, kurzweilig, vorbildlich präzise

Abgesehen von diesen irritierenden Ausflügen jener Zeit hat Wallace unterhaltsame, recht spannende Geschichten geschrieben, die zwar aus der historischen Distanz gelegentlich etwas drollig wirken, aber als Kriminalgeschichten bis heute funktionieren. Insofern könnte es ich lohnen, mal einen Edgar-Wallace-Krimi in die Hand zu nehmen. Das dauert auch nicht lang. Wallace hat kurz geschrieben, einfach verständlich, aber eben auch mitreißend – und das hat angesichts einiger langatmiger, um nicht zu sagen geschwätziger Neuerscheinungen beinahe Vorbildcharakter.

Edgar Wallace, Das Gesetz der Vier, VÖ: 1929
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Das Gesetz der Vier: Ein Edgar-Wallace-Krimi gibt es gratis als Kindle-Edition

Edgar Wallace gibt es natürlich gedruckt:

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Sherlock Holmes, Großvater aller Detektive, Klassiker der Literatur

Seine Beobachtungsgabe ist unvergleichlich. Seine Gabe der Deduktion verhilft ihm immer dazu, sein Umfeld bis zur Atemlosigkeit ins Erstaunen zu versetzen. Außerdem glaubt er an die Naturwissenschaften, allerdings nicht, weil er die der Welt systematisch zu erforschen suchte, oder weil ihn unternehmerischer Ehrgeiz trieb. Das Interesse des Briten liegt allein in der Wahrheit, genauer gesagt der Aufdeckung verbrecherischer Machenschaften.

Der bekannteste Detektiv Europas

Mit diesen Eigenschaften wurde Sherlock Holmes im 19. Jahrhundert zum bekanntesten Detektiv Europas, vermutlich sogar der Welt – eine Position, die er selbst in Zeiten von Hollywood und seinen Heroen nicht räumen musste. Im Gegenteil: Immer neue Verfilmungen für Kino und Fernsehen mehren den Ruhm des Privatermittlers. Aktuell läuft im Fernsehen eine bemerkenswerte Adaption der Sherlock Holmes-Stoffe durch die britische BBC im deutschen Fernsehen.

Sherlock Holmes, Dandy und Wissenschaftler

Der Brite Sir Arthur Conan Doyle erdachte zum Ende des 19. Jahrhunderts die Figur des genialen Detektivs und schuf sich mit dessen Wegbegleiter Dr. Watson ein literarisches Alter Ego. Doyle selber praktizierte bei seinem Krimi-Debüt 1887 als  Arzt, konnte aber wegen des schnellen Erfolges bald von seiner Schreiberei leben. Das Werk um den eigenwilligen Detektiv, der die Eigenschaften eines Dandys alter Schule (und Zeit) und eine Wissenschaftlers moderner Prägung vereinte, umfasst vier Romane und eine Vielzahl von Kurzgeschichten, die ursprünglich in Zeitschriften erschienen und erst später in fünf Sammelbänden zusammengefasst wurden.

Sir Arthur Conan Doyle und sein Alter Ego, Dr. Watson

Die „Geburtsstunde“ erlebte Sherlock Holmes in „A Study in Scarlet“, in dem er zunächst mit Dr. Watson zusammengeführt wird. Aus ökonomischen Zwängen bilden beide, wie man heute sagen würde, eine Zweck-WG. Holmes hat bereits einen Ruf als findiger Detektiv und wird von der Polizei nach einem mysteriösen Mord um Hilfe gebeten. Natürlich verwickelt er seinen neuen Mitbewohner in den Fall. Dr. Watson wird so nicht nur Opfer regelmäßiger Stichelein des eigenwilligen Detektivs sondern wird zu dessen Chronist. Die Romane und Kurzgeschichten sind sämtlichst aus der Sicht Watsons erzählt.

Eine Krimi rund um die merkwürdigen Ideen der Mormonen

A Study in Scarlet führt zunächst die überlegene Beobachtungsgabe Sherlock Holmes ein, spielt gekonnt mit den Erwartungen seiner Leser. Möglicherweise ist der Erstling noch nicht einmal der spannendste oder gelungenste Kriminalroman Doyles, aber er ist in jedem Fall hochinteressant, auch weil er im Prinzip zwei Romane in einem vereint.

Zunächst erzählt gebürtige Edinburgher die Geschichte um Holmes, Watson und die gemeinsamen Ermittlungen. Im eine zweiten Teil, als die Lösung sich abzuzeichnen beginnt, malt Doyle detailverliebt eine tragische Liebesgeschichte rund um die US-amerikanischen Mormonen und bringt so seinen Lesern die merkwürdigen Sitten und Riten der „Heilige der letzten Tage nahe.

Eine vielschichtiges Interesse für Geheimbünde aller Art

Die Polygamisten und fanatischen Christen aus den USA bildeten vermutlich den idealen Nährboden, auf dem Sir Arthur Conan Doyle seine Ideen züchtete. Der schreibende Arzt hatte zeitlebens ein Faible für das Exotische, für Übersinnliches und alle Arten von Geheimbünden. Aus seiner Sicht füllten die „Heiligen der letzten Tage“ (übrigens ein selbst verliehener Titel) vermutlich alle drei Kategorien perfekt aus. Diesen Teil der Geschichte lassen übrigens die meisten Verfilmungen aus rein praktischen Gründen aus. Auch deshalb lohnt es sich, den Krimi in Buchform zur Hand zu nehmen.

Vom „Groschenroman“ zur Weltliteratur

„A Study in Scarlet“ und all seine Geschwister haben eine interessante Metamorphose durchgemacht. Der Autor verfasste sie in erster Linie als Unterhaltungsware, die meisten Originale erschienen daher in Heftform, heute würde man vermutlich von Groschenromanen sprechen, über die Jahre mauserten sich die Geschichten um den Londoner Detektiv und seinen Mitstreiter zu Globus-umspannender Weltliteratur. Diese Einordnung ist schon allein wegen ihrer Wirkung gerechtfertigt: Natürlich hat Sir Arthur Conan Doyle weder die Figur des Detektivs noch das Genre des Kriminalromans erfunden, aber sein Sherlock Holmes ist über Generationen hinweg, stilbildend und vorbildhaft für Detektivgeschichten in aller Welt. Sherlock Holmes ist sozusagen der Großvater aller modernen Ermittler, Sir Arthur Conan Doyle Vorbild und Ansporn für Hunderte Krimi-Autoren. Dafür gebührt ihm Respekt und Dank aller begeisterten Krimi-Leser. Ganz neben bei sind die Geschichten aus einer anderen Zeit bis heute spannende, höchst unterhaltsame Kriminalgeschichten.

 

Tatort:London

221b Baker Street lautet eine der bekanntesten Adressen der Welt. Hier stand in der Phantasie des Autors das Haus, in dem Sherlock Holmes und Dr. Watson lebten und ihre Fälle lösten. Das literarische Werk von Sir Arthur Conan Doyle führt den Leser aber in das London des 19. Jahrhundert. Der Brite beschreibt die Weltmetropole in jenen Hochzeiten des britischen Weltreiches, als Glanz und Elend einer oft noch zügellos industrialisierten Metropole sehr dicht beieinander lagen. So bewegen sich Holmes und Watson gerne in den Kreisen – aber vor allem auch nach den Regeln – der „besseren Gesellschaft“, während auf den Straßen oft das blanke Elend herrscht. Sir Arthur Conan Doyle schrieb keine aufrüttelnden Sozialreportagen, aber die Gegensätzlichkeiten der viktorianischen Gesellschaft schimmern immer wieder durch. Insofern liefert das Werk um Sherlock Holmes vielleicht keinen brauchbaren geographischen, aber nach mittlerweile ziemlich genau 125 Jahren einen sehr guten historischen Atlas, der dem Leser nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Epoche erschließt.

Sir Arthur Conan Doyle, A Study in Scarlet

VÖ: 1887
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Stieg Larssons Verblendung: Ein moderner Klassiker

Über 15 Millionen verkaufte Exemplare, seit dieser Woche zwei Verfilmungen und mindestens vier verschiedene Titel: „Männer die Frauen hassen“, The Girl with the Dragon Tattoo“, Teil 1 der „Millenium-Trilogie oder auch einfach nur: „Verblendung“. Stieg Larssons erster Kriminalroman ist, obwohl er in Deutschland erst 2006 erschien, bereits jetzt ein Klassiker.

Ein Journalist deckt dunkle Geheimnisse auf

Die Geschichte ist deshalb auch hinlänglich bekannt. Der Journalist Michael Blomkvist nimmt nach einer beruflichen „Panne“ eine Auszeit und sucht für einen Großindustriellen nach dessen vor Jahrzehnten ermordeter Nichte. Dabei hilft ihm Lisbeth Salander, die formal unmündig, sozial schwierig und intellektuell genial ist. Bei der Suche nach Harriet Vanger, der Ermordeten, deckt Blomkvist allerlei dunkle Geheimnisse und eine brutale Mordserie auf.

Die Kriminalromane Larssons erlangten auch deshalb schnell beinahe schon mythischen Charakter, weil der erste, wie auch die folgenden beiden Bände, posthum erschienen. Der Autor erlag erst fünfzigjährig 2004 einem Herzinfarkt. Alle drei Bände kamen beinahe zeitgleich auf den Markt und bescherten dem Leser gefühlte 3000 Seiten geballten Lesestoff. Alle Krimi-Genießer konnten also tief in eine andere Welt eintauchen.

Zwei Hauptdarsteller mit Anstand

Die besondere Qualität Larssons zeigte sich bei der Trilogie in der Zeichnung der Figuren. Mikael Blomkvist und vor allem Lisbeth Salander sind hochkomplexe Figuren mit jeder Menge Brüchen in ihrer Biographie, mit Problemen beladen oder von Dämonen verfolgt. Trotz aller Schwierigkeiten erscheinen beide als anständige Figuren, die in einer dreckigen Welt voller Intrigen, Verrat und Abgründe versuchen, stets das Richtige zu tun. Dass sie sich dabei gegen Drogendealer, Auftragsmörder, Sadisten und verbrecherische Staatsbedienstete durchsetzen und ganz altmodisch immer wieder auf eine Art Happy End zusteuern, hilft der emotionalen Nähe zu Blomkvist und Salander auf die Sprünge. Man muss die beiden einfach mögen.

Wie seine Vorbilder, die Großeltern des Schwedenkrimis, Maj Sjöwall und Per Wahlöö hatte er seine Serie zudem als Dekalog angelegt. Das schreibende Paar hatte in den sechziger Jahren mit der zehnbändigen Serie um Kommissar Martin Beck das Genre des politischen Krimis wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert. Wie die beiden beschrieb Larsson kein skandinavisches Idyll. Auch sein Schweden wird von bestenfalls unfähigen, eher schon korrupten Polizisten bevölkert, von Drogenbanden, Psychopathen und Serienmördern, die ihren Raum finden, weil eine untätige Regierung, aber auch die meisten Einwohner wegsehen. Der kritischee, harte Blick auf Schweden fesselt gerade wegen der Gnadenlosigkeit eines verletzten Liebhabers.

Ein Stoff für Literaturwissenschaftler?

Wegen des Erfolges haben sich mittlerweile bereits Heerscharen von Kritikern und Literaturwissenschaftler mit der „Millenium-Trilogie“ beschäftigt und – man ist versucht zusagen, natürlich – jede Menge abwertende Urteile gefällt. Larssons Beschreibung der journalistischen Arbeit sei nicht korrekt, er habe sich selber inszeniert. Außerdem verstehe er nichts von Spannung und überhaupt seien die Plots überfrachtet und verworren. Wie auch immer. Stieg Larsson hat eine einmalige, großartige, wuchtige Krimi-Trilogie geschrieben, die jeder, der sich für Krimis interessiert und sie noch nicht kennt, schleunigst lesen sollte. Mehr muss man Angesichts des Bekanntheitsgrades dazu nicht sagen.

 

Tatort:Schweden

Michael Blomkvist und Lisbeth Salander kommen bei ihren Recherchen herum. Der interessanteste Ort ist vermutlich Hedeby. Hier geschah einst das Verbrechen, hier ermittelt das ungleiche Paar. Auf der abgeschiedenen Insel, die nur mit einer einzigen Brücke mit dem Festland verbunden ist, steht ein prächtiges Herrenhaus der Industriellenfamilie und zahlreiche mondäne Villen, die aber mit dem Bau des 19. Jahrhunderts nicht mithalten können. Einen treffenden Eindruck der (erdachten) Insel, verblichener großbürgerlicher Pracht und der Einsamkeit weitläufiger Wälder zeigt zumindest die schwedische Verfilmung, die Idyll und Tristesse Nordschwedens gut wiedergibt. Ob die Hollywood-Produktion da mithalten kann, muss sich erst noch zeigen. Sie soll sich aber dicht an der Vorlage entlangbewegen

Stieg Larsson hat es aber, ganz ohne bewegte Bilder, verstanden ein vielschichtiges Schweden zu skizzieren. Das familiäre, hemdsärmelige Bullerbü-Bild kommt in wenigen Momenten ebenso vor, wie eine düstere Seite, in denen das organisierte Verbrechen, korrupte Behörden oder einfach nur soziale Kälte die Lebensregeln bestimmen.

Stieg Larsson, Verblendung, Heyne, 688 S. 9,95€

VÖ: 2006
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Dorothy Sayers vereint überaus amüsant interessante Gegensätze

Dorothy Sayers ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.  Die Schriftsteller wurde 1893 in Oxford geboren und hat damit ein Leben jener Aufbruchjahre des 19. Jahrhunderts geführt, als sich Biographen beinahe von selber wie spannende Abenteuergeschichten lesen.

Aufbruch in neue Welten

Sayers wurde 1893 in Oxford geboren und eroberte auch ohne große Reisen für Frauen bis dahin beinahe völlig unbekannte Welten. In der Blütezeit des viktorianischen Zeitalters, als Frauen in der Gesellschaft gerne als komplett hilf- und hirnlose Wesen betrachtet wurden, gehörte Sayers zu den ersten Frauen, die es schafften, die Männerbastion Oxford zu erstürmen. Nach dem Studium arbeitete sie als Lehrerein und in einer Werbeagentur  und setzte ein uneheliches Kind in die Welt, Obendrein machte sie sich als Schriftstellerin einen Namen.

Eine Leiche im Meer

Die Romane um Lord Peter Wimsey gehören  zu den Klassikern der Kriminalliteratur. So auch „Mein Hobby: Mord“, in dem an der Seite von Lord Peter auch die Kriminalschriftstellerin Harriet Vane ermittelt. Letztere findet auf einer Wanderung in einem fiktiven Ort der Südwestküste Englands eine Leiche. Sie zaudert nicht lange und untersucht die Leiche, auch weil sie erkennt, dass die hereinströmende Flut alle Beweise vernichten wird. Die Ermittlungen bringen Wimsey und Vane in ein britisches Seebad, das von Eintänzern, russischen Emigranten und alternden Damen mit einsamen Herzen bevölkert wird. Natürlich finden die beiden Hobbydetektive mit ausdauernden Detailarbeit und scharfsinnigen Schlussfolgerungen gegen alle Zweifel der Polizeibehörden die Täter.

Unterhaltsame Gegensätze

Der besonderen Reiz  von „Mein Hobby: Mord liegt in den Gegensätzen, die Dorothhy Sayers in dem Buch aufeinanderprallen lässt: Die Britin zeichnet ein ländliches England mit Landadligen, Bauern, Dorfpolizisten und verstaubten Jungfern, das vollständig dem Klischee des liebenswert-verschrobenen Inselvolkes in Zeiten des britischen Empires entspricht. Gleichzeitig jagt Harriet Vane durch die Seiten, eine junge emanzipierte Frau, die sich von der Männerwelt nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und um keinen Preis als dumm oder schwächlich wirken will. Auch deshalb widersteht sie hartnäckig dem Werben von Lord Peter. Auch dieser permanente Balztanz zwischen den Hauptdarstellern erhöht den Reiz der Serie. (Natürlich kriegen sie sich am Ende doch – aber noch nicht in „Mein Hobby: Mord“.)

Ein Tor zu einer anderen Zeit

Die Krimis von Dorothy Sayers sind dabei doppelt interessant: Es sind zunächst einmal gut konstruierte, spannende Kriminalromane mit Überraschungsmomenten, die das Genre verlangt. Gleichzeitig öffnen sie aber das Tor zu einer anderen Zeit. Auf den Seiten des Romans erwacht eine Gesellschaft zum Leben, die nicht als „gute alte“ aber als höchst faszinierend zu bezeichnend ist. Es ist eine Ära als die Männer noch Sportanzüge, aber spätestens zum Abendessen Smoking trugen und ein Hut zur Garderobe gehörte. Eine rebellische Attitüde wurde seinerzeit allerhöchstens in einer gewagten Krempe zur Schau gestellt.

Präzise Sätze und geistreiche Einfälle

Das ungewöhnliche Lesevergnügen der Sayers-Reihe erwächst schließlich noch durch die besondere Sprache, die Romane entstanden in der von einer Dekonstruktion des geschriebenen Worts noch keine Rede war und vollständige Sätze selbstverständlich schienen. Dennoch schrieb Sayers bei aller vornehmen Zurückhaltung enorm präzise Texte voller geistreicher Einfälle. Dorothy Sayers reiht sich damit ein eine Krimi-Ahnengalerie, in der Größen wie Agatha Christie und Georges Simenon stehen.

Anhängern der Kriminalliteratur, die gelegentlich auch Lust auf eine kleine Zeitreise verspüren, sei „Mein Hobby: Mord“ wärmstens empfohlen.

 

Tatort: England

Es ist nicht leicht, auf den Spuren von Lord Peter Wimsey und Harriet Vane zu wandeln. Dorothy Sayers hat sich beinahe sämtliche Orte selbst erdacht. Dennoch sind die Schauplätze nicht nur fiktiv. Wer sich genau durch die Seiten liest und mit offenen Augen durch den Süden Englands läuft, wird immer wieder Schilderungen aus dem Buch wiederfinden. So entsteht in „Mein Hobby: Mord“ eine Küstenlandschaft, die gleichermaßen rau wie lieblich ist. Zur Kunst von Dorothy Sayers gehört dabei, dass sie eine idyllische Natur schafft, die vom Schaf bis zum Dorfpolizisten mit pittoresken Einwohnern bevölkert wird, die aber auf eine weitaus düstere Wirklichkeit der englischen Gesellschaft trifft. Betulichkeit trifft Leidenschaft. Eine überaus reizvolle Kombination.

Dorothy Sayers: Mein Hobby: Mord

VÖ: 1932

Ein Text von mir zum Buch gibt es auch auf dem WLG

 

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„Emil und die Detektive“, „die Einstiegsdroge“ für Krimileser

Ein Buch zu schreiben, ist sehr einfach. Eigentlich genau so leicht, wie Geflügel zu braten. Man muss eben nur das Rezept kennen und die richtige Reihenfolge einhalten, also das Tier beispielsweise erst rupfen, bevor es in die Pfanne kommt. Diese Tipps lässt sich Erich Kästner selber von einem fiktiven Ober geben.

Erich Kästner zeigt, wie es geht

Kästner macht sogleich vor, wie es geht. „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1928 ist ein Kinderbuch, ein dünnes zumal. Allerdings zeigt der Autor der Konkurrenz, wie man heute so sagen würde, „wo der Hammer hängt“.  Das Kinderbuch versprüht auf den ersten drei Seiten so viel Geist und Witz, wie ihn andere Schriftsteller auf 400 Seiten nicht hinbekommen. Es ist, um Kästners Worte zu gebrauchen, „kolossal gut“ gelungen.

Vorbildlicher Sohn, findiger Detektiv

Die Geschichte ist natürlich kindgerecht einfach. Emil Tischbein reist aus Neustadt zur Großmutter nach Berlin, schläft im Zug ein und wird von einem Mitreisenden bestohlen. Hartnäckig wie er ist, verfolgt er den Dieb. Er begibt sich auf eine Odyssee durch Berlin, erhält Hilfe von einem ganzen Haufen anderer Kinder, fasst den Dieb und wird am Ende sogar fürstlich belohnt. Natürlich ist Emil ein vorbildlicher Sohn, selbstverständlich bleibt er, so viel Kinderbuchmoral muss sein, trotz neu gewonnenen Reichtums bescheiden.

Erich Kästner schuf mit seinem „Emil und die Detektive zunächst ein amüsantes Kinderbuch, das mit lockeren Sprache, seinem Verzicht auf moralinsaure Lehren und den erhobenen Zeigefinger stilbildend für Kinder- und Jugendliteratur wurde. Damit nicht genug, schrieb der gebürtigen Dresdner zugleich ein bei aller altersgerechten Schlichtheit mitreißender Krimi und  ein gerade aus heutiger Perspektive  ungemein fesselndes Portrait der frühen Großstadt Berlin.

Eine schnörkellos erzählte Geschichte

Das gelingt dem Journalisten, Drehbuch- und Romanautoren Kästner auch deshalb derart großartig, weil er eine wunderbar klare Sprache findet, die Geschichte schnörkellos vorantreibt und sich gleichzeitig den liebevollen Blick für die Details bewahrt.

Für Generationen von Lesern ist Kästners Klassiker, dem ein Platz im Zentrum des literarischen Olymps gebührt, die „Einstiegsdroge“  in die Kriminalliteratur. Auch deshalb verdient das Abenteuer des Landeis Emil Tischbein, dass ihn auch Erwachsene mal wieder zur Hand nehmen.

 

Tatort:Berlin

Die Stadt, in der Emil seine Abenteuer besteht, ist das Berlin der „Goldenen 20er“. Die Stadt wächst und wächst, gleichzeitig sind Schöneberg, Charlottenburg oder der Wedding beinahe noch Vororte, gerade erst in das neue Großberlin eingemeindet. Entsprechend bewegen sich Emil und seine Detektive im alten Kernberlin, vom Bahnhof Zoo über die Friedrichstraße bis hin zum Alex.

Es ist ein optimistisches Berlin – und das nicht nur, weil Erich Kästner ein Kinderbuch geschrieben hat. Die Errungenschaften der Industrialisierung, elektischer Strom, das Telefon, die Eisenbahn oder das Auto sind noch nicht so vertraut, als das es nicht noch begeistert gewürdigt werden könnte.

In der optimistischen Schilderung, die aber auch die sozialen Probleme der Zeit nicht ausblendet, ersteht eine faszinierende Skizze des Berlins jener Jahre. Das erhöht den Lesereiz noch einmal ungemein – für Berliner und für alle anderen gleichermaßen.

Erich Kästner, Emil und die Detektive; Dressler Verlag, 12 €

VÖ: 1929

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Ein perfektes Duo: Georges Simenon und Kommissar Maigret

Das waren noch Zeiten. Zur Pause ließ der Kommissar für seinen Assistenten und sich an langen Arbeitstage belegte Baguettes und Bier kommen. Nicht eins, sondern gleich drei, natürlich. Überhaupt gab es rein dienstlich reichlich Gelegenheiten zum trinken.  Absinth, Weißwein, Bier – und als Mittel gegen Kälte – auch den einen oder anderen Cognac.
Kommissar Maigret hatte kein einfaches Leben als Ermittler, aber der begeisterte Pfeiferaucher lebte, zumindest was die Duldung kleinerer Laster anging, in seligen Zeiten. 1929 betrat der hünenhafte Ermittler erstmals die literarische Bühne.

Unorthodoxe Ermittlungsmethoden

Gleich in seinem ersten Fall muss sich Maigret mit einer Art internationaler Verbechersyndikat auseinandersetzen: „Pietr der Lette“ leitet eine Verbrecherorganisation, die europaweit operiert, vermögende Bürger um ihr Geld bringt und auch vor Mord nicht zurück schreckt. Der Kommissar, den sich der belgische Schriftsteller Georges Simenon erdachte, hat dabei unorthodoxe, aber nichts desto trotz erfolgreiche Ermittlungsmethoden. Die Polizisten rücken den Verbrechern ganz schlicht beinahe buchstäblich auf die Pelle, folgen all ihren Bewegungen auf Schritt und Tritt, um sie so nervös zu machen und zu verräterischen Fehlern zu verleiten.  Natürlich stellt sich im Verlauf heraus, dass Verbrecher doch nicht so einfach denken, wie sich das die Bürohengste in den Polizeizentralen so ausdenken. Auf Maigret, der sich seinen Fällen stets mit Haut und Haar verschreibt,  jedenfalls wartet kriminalistische Schwerstarbeit.

Ein Polizist mit viel Verständnis für Missetäter

Die Reihe um den Pariser Ermittler mit dem großen Verständnis für alle gescheiterten Seelen erhält ihren besonderen Reiz dadurch, dass sie für uns heute in einer komplett anderen Welt spielen: Über 80 Jahr steht der erste Band der Reihe, „Maigret und Pietr der Lette“ jetzt schon in den Buchhandlungen. Elektrisch Licht, Telefon und Taxi waren noch erwähnenswerte Besonderheiten. In Maigrets Büro sorgte noch ein handbefeuerter Ofen für angenehme Wärme. (Den er auch in Zeiten nach der Einführung einer Zentralheizung behalten sollte) International wurden gelegentlich über die nagelneue Organisation „Interpol“ Telegramme ausgetaucht.

Enorm intensive und glaubwürdige Krimis

Das Paris Maigrets wirkt nostalgisch bis exotisch, ersteht aber in den Beschreibungen Simenons vibrierend zu Leben und wirkt trotz der zeitlichen Ferne sehr vertraut. Deshalb „funktionieren“ die Kriminalromane Simenons bis heute hervorragend. Die Zeiten waren andere, die Umstände gelegentlich faszinierend skurril, aber die Sehnsüchte, Wünsche und Motive der Menschen haben sich in 82 Jahren nicht wirklich verändert- und damit auch nicht die Intensität und Glaubwürdigkeit der Maigret-Krimis.
„Pietr der Lette“ ist der erste von insgesamt 75 Maigret-Romanen, die den Weltruhm von Georges Simenon begründen. Ganz „nebenbei schuf der schreibwütige Belgier noch 120 Romane jenseits des Maigret-Universums.

Die Entstehung des Krimi-Erstlings ist dabei so faszinierend wie sein „Schöpfer“ selber, der 1903 in Lüttich geboren wurde und 1989 in Lausanne verstarb. Wenn man dem Autor glauben darf, entstand der „Lette“ in vier Tagen an Bord einer Yacht im Hafen von Amsterdam.  Das erscheint insofern glaubwürdig, als Simenon bis dahin sein Geld als Autor von schnell verfassten Groschenromanen verdiente. Die Maigret-Premiere war der erste Versuch, einen literarischen Kriminalroman zu schreiben – und der erste Roman, den Simenon nicht unter einem Pseudonym veröffentlichte.

 

Tatort:Paris

Kommissar Maigret ermittelt in Paris. Oft sucht er vornehme Orte auf, muss sich in Hotels oder der Oper einquartieren und wirkt dort meist wie ein Fremdkörper. Zumindest versucht ihn das Personal des öfteren abzuwimmeln. Das Paris Maigrets befindet sich auch eher in den Seitenstraßen, im Café um die Ecke, in der kleinen Bar des einfachen Volkes. Hier fühlt sich der Kommissar wohl, hier fängt Simenon die Stimmung des Pariser Alltagslebens perfekt ein. Die französische Hauptstadt Simenons ist ein historischer Ort. So sollte man insbesondere die frühen Maigret-Romane auch lesen. Die Beschreibungen heruntergekommener Mietskasernen jedenfalls geben einen guten Einblick ins Paris der Vorkriegszeit. Der Glanz, die Pracht, aber eben auch die Hoffnungslosigkeit, die Tristesse jedenfalls sind so eindringlich beschrieben und haben eine derart überzeugende innere Wahrhaftigkeit, dass man sie auch heute bei einem Paris-Besuch wiederentdecken kann – wenn man so genau hinschaut, wie das Georges Simenon und sein literarischer Begleiter Jules Maigret einst taten.

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette, Diogenes, 9 €

VÖ: 1929 (D 1959)

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Eine erfreuliche Lektüre: Agatha Christies „Mord im Orientexpress“

Hercule Poirot hat einen scharfen Verstand. Er hört, was andere verpassen, er sieht, was andere nicht erkennen, und er stellt die richtigen Zusammenhänge her.  Kein Wunder, dass einem kleinen Körper ein großes Ego gegenübersteht. Die Aufklärungsrate – wie man das heute nennen würde – gibt dem Belgier, der ein polyglotter Handlungsreisender in Sachen Wahrheit war, immer wieder recht.

Mord im Kurswagen Istanbul-Calais

Einer der bekanntesten Kriminalfälle der Weltliteratur führt Hercule Poirot in einen Zug, den Orientexpress. Auf der Reise von Istanbul nach Wien bleibt der Zug im Balkan in einer Schneewehe stecken. Am nächsten Morgen wird eine Leiche gefunden. Die Umstände ergeben, dass nur einer der Reisenden aus Kurswagen Istanbul-Calais zum Täterkreis gehören kann.  In dieser Variante des geschlossenen-Raum-Thrillers folgt eine extrem spannende,  bis zum Schluss fesselnde Suche nach dem Täter. Die überraschende Auflösung eines länger zurückliegenden Entführungsdramas mit tödlichem Ausgang soll hier, auch wenn die Geschichte mittlerweile siebzig Jahre alt ist und weithin bekannt sein dürfte, nicht verraten werden.

Grundlage für einen Hollywood-Klassiker

Agatha Christie, Grande Dame des Krimis, erdachte den Plot in den dreißiger Jahren, als der Zug noch das wichtigste Reisemittel war und sich halb Europa in Bewegung befand. In Deutschland erschien die Kriminalgeschichte um den wunderlichen und wunderbaren Detektiv zunächst unter dem Titel „Der rote Kimono“. Spätestens seit der oscarprämierten Hollywood-Verfilmung mit Albert Finney, Ingrid Bergmann, Sean Connery, Lauren Bacall, Robert Redford und weiteren hochkarätigen Stars aus dem Jahr 1974 nennt auch in Deutschland den Krimi jeder bei seinem richtigen Namen: „Mord im Orientexpress“.

Spannender Einblick ein eine andere Zeit

Die Idee zur Rahmenhandlung kam Agatha Christie, als sie selber einmal während einer Reise mit dem Orientexpress stecken blieb.  Mit ihrem vierzehnten Werk gelang der Britin einer der wichtigsten Krimis der Geschichte. Auch wenn der Roman mittlerweile über siebzig Jahre auf dem Buckel hat, ist er unvermindert zu empfehlen. Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Er gewährt zunächst Einblick in eine andere Welt, als noch Zofen, Gouvernanten und Butler die Welt bevölkerten und eine Reise in ein anderes Land für sich noch ein mehrtägiges Abenteuer darstellte. Zudem ist die Sprache, die zwar gelegentlich antiquiert anmutet – so bezeichnet eine Figur ein Buch, das sie liest, als „überaus erfreulich“ –  insgesamt von einer erfrischenden Klarheit.  Christie hat das Talent mit einer Mischung aus scheinbar völlig belanglosen Details und schnell skizzierten großen Linien ein atmosphärisch dichtes Bild zu zeichnen: Das gilt für den Tatort wie für das gesellschaftliche Umfeld gleichermaßen.

Schließlich ist der „Mord im Orientexpress“, verteufelt spannend. Die Lektüre lohnt sogar für diejenigen, die ihn in ihrer Jugend gelesen und die Verfilmung gesehen haben. Der Roman ist derart kunstvoll gewoben, dass er auch bei der „Wiedervorlage“, um es mit den Worten Agatha Christies zu sagen, „überaus erfreulich“ ist.

 

Tatort:Orientexpress

Der „Mord im Orientexpress“ ist, wie der Name schon andeutet, ein Kammerspiel. Der Reiz liegt zum Gutteil darin begründet, dass die Personen und die Handlung in einem eng umrissenen Raum gefangen sind. Den derart definierten Tatort erweckt Agatha Christie perfekt zum Leben. Der Leser fühlt den Glanz der ersten Klasse des Kurswagens Istanbul-Calais genau so, wie die Enge, die Zugabteilen damals wie heute trotz des privilegierten Status ihrer Reisenden zu eigen ist. Das Holz der Wände, das Leinen der Betten, die abgestoßenen Koffer der Reisenden scheinen, obwohl Agatha Christie für derlei Beschreibungen angenehm wenige Worte aufwendet, mit allen Sinne förmlich spürbar. So ersteht trotz des engen Korsetts der Handlung, des eingeschränkten Bewegungsspielraums der Personen eine ganze Ära mit all ihrem lang verblassten Glanz, ihrem ganz eigenen Charme wieder zum Leben. Auch das ein Grund einmal ein Buch hervorzunehmen, das seit Jahrzehnten beinahe vergessen in den Bücherregalen ruht. Zwischen den Buchdeckeln ist nämlich bis heute kein einziges Staubkorn zu finden.

Agatha Christie, Mord im Orientexpress, Fischer, 7,95€

VÖ: 1. Januar 1934

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Packende Krimis und beißende Gesellschaftskritik aus Schweden

Der erste Auftritt verlief äußerst unspektakulär. Der Leser trifft auf Martin Beck während dieser im Bad seine Zähne putzt und folgt ihm auf dem Weg zur Arbeit durch die Wohnung, vorbei an einem halbfertigen Modell eine Segelschiffs und den Überresten einer nur für kurze Zeit glücklichen Ehe. Der Arbeitsplatz des Mannes ist ungleich spektakulärer als der erste Eindruck vermuten lässt.

Martin Beck ist Beamter, Polizist genauer gesagt; ein erfahrener Ermittler, der in Stockholm bei der Reichsmordkommission arbeitet und als bester Vernehmungsleiter in ganz Schweden gilt.

Martin Beck und ein Mord in der Provinz

Später begleitet der Leser den Polizisten in die Provinz. Dort wurde bei Baggerarbeiten vor einer Kanalschleuse ein Tote gefunden. Die junge Frau, das finden die Ermittler schnell heraus, wurde vergewaltigt und ermordet. Weitaus mühsamer gestaltet sich die Suche nach der Identität der Toten und ihrem Mörder.

„Die Tote im Götakanal“ ist der erste von insgesamt zehn Bänden des schwedischen Autoren-Ehepaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Die beiden Autoren begleiten das Leben ihres Ermittlers von 1964 bis in die Mitte der siebziger Jahre. Dabei erzählen sie nicht nur enorm spannende Kriminalfälle, sondern beobachten ihre Romanfigur auch bei einer mühsamen Emanzipation. Martin Beck ist ein enorm kluger Kopf, ein sehr gute Ermittler, aber eben auch in seiner Beamtenseele gefangen. Bis zum Schluss schwankt er zwischen seiner Treue zum Dienstherren und seiner zunehmenden kritischen Distanz zum System.

Gesellschaftskritischer Romanzyklus von Maj Sjöwall/Per Wahlöö

Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrem Dekalog weit mehr geschaffen als eine Serie hervorragender Krimis, die vor allem durch die Liebe zum Detail bei den Beschreibungen, die glaubwürdige Wiedergabe des Polizeialltages ein enorm hohes erzählerisches Tempo bestechen. Sjöwall/Wahlöö haben mit ihrer Reihe ein kritisches, zum Schluss vernichtendes Portrait der schwedischen Gesellschaft geschaffen. Vor allem der letzte Band der Serie, „Die Terroristen“, ist weitestgehend eine Farce, eine voller bissiger Ironie triefende Abrechnung mit Staat und Regierung. Davon ist im ersten Band nur ansatzweise zu ahnen. „Die Tote im Götakanal“ ist noch weitgehend gradlinige Kriminalliteratur mit gelegentlichen Seitenhieben auf den bürokratischen Apparat. Das politische der Serie war aber wohl von vorneherein beabsichtigt.

Die Begründer der skandinavischen Schule

Die Autoren und ihr Kommissar sind die wichtigsten Vorreiter der schwedischen Kriminalliteratur, sie haben im Prinzip die (inoffizielle) Schule anspruchsvoller, als Detektivgeschichten getarnter skandinavischer Literatur begründet. Alle bekannten Namen von Mankell bis Larsson ruhen auf dem Fundament von Sjöwall/Wahlöö. Auch die mittlerweile inflationären schwedischen TV-Krimis greifen ihre Ideen auf.

Per Wahlöö, Jahrgang 1926, war studierter Historiker, Mai Sjöwall, Jahrgang 1935, studierte Journalismus. Beide arbeiteten für Zeitungen, Wahlöö konnte ins Autorenteam seine Erfahrungen als Polizei- und Gerichtsreporter einbringen. Beide waren in jenen Jahren überzeugte Kommunisten. Wahlöö ging in den fünfziger Jahren nach Spanien und wurde dort wegen politische Umtriebe ausgewiesen. Nach ihrer Hochzeit 1962 begann die gemeinsame Arbeit an den Kriminalromanen. In dieser Zeit waren sie bekennende Kritiker der schwedischen Gesellschaft und lebten bis zum Tode Wahlöös 1975 als öffentliche Enfants terribles in Stockholm.

 

Tatort:Schweden

Der genaue Blick für das Detail prägt die Martin-Beck-Krimis. Der Kommissar kommt im Land herum – und damit seine Leser. Mai Sjöwall und Per Wahlöö beschreiben die Großstadt genau wie die Provinz. Besonders idyllisch kommt die Heimat ihres Kommissars nicht weg. Die Großstadt ist trist, lebensfeindliche Vororte schnüren Stockholm ein, das einstmals lebenswerte Zentrum wird von wuchernden Betongiganten aufgefressen. Die Provinz ist meist, nun ja, eben Provinz, abgelegen, verstaubt, zurückgeblieben. Das Schweden Martin Becks wird dabei nicht durch umfangreiche Landschaftsbeschreibungen lebendig, sondern durch die Menschen, die es  bevölkern – und dabei ersteht in den zehn Bänden Sjöwall/Wahlöös ein ganzer Kosmos im Roman sehr großartig neu. Viel mehr geht eigentlich nicht.

 

Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Die Tote im Götakanal, Rowohlt, 8,95 €

VÖ: 1968

Autor: