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Simon Kernicks Nachtkiller, furioser Thriller nach schwachem Start

Es gibt Bücher, da lohnt es sich dran zu bleiben. Der erste Eindruck ist schlicht verheerend, aber dann entwickelt sich doch noch etwas lohnenswertes, ein Thriller der Spaß macht.

So ist mir das mit „Nachtkiller“ von Simon Kernick ergangen. Das Buch startet mit einer Jane Kinnear, die zu einem vergleichsweise Fremden ins Haus geht: Nach dem dritten Date, so hat sie beschlossen, ist die Zeit reif für Sex. Dazu soll es nicht kommen. Erst erscheint die Ehefrau des Geliebten, von der Kinnear nichts wusste, und dann tauchen auch noch zwei Profikiller auf und töten das Ehepaar. Die verhinderte Geliebte kann entkommen, weil sie sich unterm Bett versteckt.

Schwacher Einstieg, furioses Finale

Der Einstieg in „Nachtkiller“ ist wirklich sehr banal, unglaubwürdig obendrein und eine Ansammlung von Klischees. Tatsächlich wird der Einstieg später noch gebraucht. Zunächst beginnt vor dem Hintergrund der alles überschattenden Angst vor dem Terror eine sehr komplexe Jagd nach dem Täter und potentiellen Attentäter, die England in Angst und Schrecken versetzen könnten.  Die jagende Meute wird von Ray Mason angeführt, einem abgebrühte Cop in Diensten einer Antiterroreinheit der Londoner Polizei. Es sei nicht mehr verraten, nur so viel: Um Mason herum stapeln sich die Leichen, ganz so als sei man krimitechnisch nicht im beschaulichen England sondern im Herzen der USA unterwegs.

Drei gute Gründe für Nachtkiller

Was ändert nun das anfänglich desaströse Bild. Erstens baut Simon Kernick eine raffinierte Kulisse auf, legt falsche Spuren, wirft dem Leser Informationsbrocken hin, die erst später Sinn zu machen beginnen. So webt er eine interessante Geschichte mit überraschenden Wendungen. Zweitens hat sich Kernick interessante Figuren ausgedacht, die für einen tempoorientierten Thriller überraschende Tiefe und spannende Biographien erzählen. Drittens schraubt Kernick das Tempo nach wenigen Seiten hoch und kann es zum veritablen Showdown hin, immer weiter steigern.

Simon Kernick liefert solides Krimihandwerk

Dass dabei sprachliche Finesse, gesamtgesellschaftliche Betrachtungen und psychologische Tiefe auf der Strecke bleiben? Geschenkt. „Nachtkiller ist  kein Kunst-, aber sehr solides Krimihandwerk, solches zudem das bestens unterhält.

Simon Kernick, Nachtkiller, Heyne, 463 S., 9,99€, VÖ: Mai 2017

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Matthew Quirks Direktive ist nur beschränkt einsetzbar

Alle, aber auch wirklich alle Figuren unglaubwürdig. Das Ende? Von vorneherein vorhersehbar.  Die meisten Entscheidungen scheinen einem billigen Horrorfilm entlehnt, in dem die Protagonisten grundsätzlich Wege gehen, die erstens mit Vernunft nicht zu erklären sind und zweitens zielsicher ins Verderben führen.

Verschwörung rund um die US-Notenbank

So einfach lässt sich Matthew Quirks Thriller „Die Direktive“ zusammenfassen. Die Hauptfigur heißt Mike Ford, ein ehemaliger Krimineller – um sich das genau zu erschließen, müsste man wohl den ersten Band der Reihe kennen –, der sich jetzt als Lobbyist in höchsten Washingtoner Kreisen bewegt. Zudem hat eine unglaublich schöne wie kluge Verlobte, die zu dem noch über ihren Vater enorm reich ist.  Bei dem Versuch seinen missratenen Bruder zur Hochzeitsfeier einzuladen, gerät in er in das Visier von Kriminellen, die ihn, wie sich später herausstellen soll, gezielt ins Zentrum einer breit angelegten Verschwörung zerren. Ford soll die sogenannte Direktive, die Zinsempfehlung der US-Notenbank stehlen, auf dass sich die Drahtzieher mit diesem Insiderwissen  unermessliche Reichtümer verschaffen können.

Matthew Quirk beschreibt ein originelles Einbruchsszenario

Was hat „Die Direktive“ auf der Habenseite? Ein einigermaßen originelles Einbruchsszenario. Der Weg an die Direktive der Notenbank hat tatsächlich so etwas wie Raffinesse. Dann verzichtet der Autor weitgehend auf sprachliche Schnörkel: Das Erzähltempo bleibt so hoch. Das ist bei einem Thriller immer eine gute Sache.

Die Direktive eignet sich höchstens als Urlaubslektüre

Auf der anderen Seite habe ich lange schon nicht mehr so einen unglaubwürdigen Quatsch gelesen. Die Figuren bleiben bestenfalls Zweidimensional, Glaubwürdigkeit, Tiefe, Komplexität Fehlanzeige. Wer einen Krimi sucht, der als Lesestoff in einem erfüllten Familienurlaub möglichst wenig Ablenkung darstellen soll, der also zum Einsatz kommt, wenn alle anderen nach einem Strandtag ermattet dösen und die Sonne noch nicht mit einem malerischen Untergang ablenkt, wird nicht völlig unzufrieden sein. Man kann ihn lesen, man kann ihn weglegen. Das ist einerlei. Dafür ist „Die Direktive gut geeignet. Wer wirklich Lust hat, ein intelligentes, spannendes Buch zu lesen, Finger weg.

Matthew Quirk, Die Direktive, Blessing, 430 S., 14,99€, VÖ: 3. April 2017

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Hörbücher Neu

Arne Dahl gruselt angenehm in Sieben Minus Eins

Am Anfang steht ein packendes Duell. Der Kommissar und eine Verdächtige liefern sich ein packendes Gefecht, bei dem Rollen, Dominanz und Schuld zu wechseln scheinen. Lange ist nicht klar, wer mit wem spielt.

Der Schwede Arne Dahl hat den Auftakt für eine neue Krimi-Reihe vorgestellt. Und um es gleich vorwegzunehmen. Das hat er sehr gut gemacht. „Sieben Minus Eins“ ist von der ersten Minute an spannend und das bleibt bis zum Schluss so. Längen? Zeit zum Durchatmen? Fehlanzeige.

Arne Dahl zelebriert ein grandioses Duell im Verhörraum

Der neue Kommissar von Dahl heißt Sam Berger, ist natürlich ein merkwürdiger Typ, gehetzt von Dämonen, im Dauerstreit mit Vorgesetzten und Menschen gegenüber eher grundsätzlich ablehnend ein. Berger glaubt als so ziemlich einziger in seiner Dienststelle, einem Serienmörder auf der Spur zu sein. Beweise hat er keine, mehr eine Ahnung und einen ausgeprägten Sturkopf, mit dem er sein Team auch gegen dessen Willen mit zieht. Nach kurzem Auftakt, bei dem eine Verdächtige ins Radar der Ermittler gerät, begibt er sich mit ebendieser in den Verhörraum. Das Duell kann beginnen. Erst nach einer guten Stunde beklemmender und fesselnder Psychospielchen, verlassen die Protagonisten den Verhörraum,  folgt eine sehr spannende Hatz auf einen Täter. Es sei nicht mehr verraten, als die Tatsache, dass Berger mit seiner Vermutung, einen Serienmörder zu jagen, Recht behalten soll.

Sieben Minus Eins spielt gekonnt mit erzählerischen Nebelkerzen

„Sieben Minus Eins“ in der Hörbuchfassung ist ein sehr intensives Erlebnis, Peter Lontzek als Stimme Dahls schafft es, die Dramatik des Krimis noch einmal zu verstärken. Allerdings hatte er auch eine Vorlage, die es einfach macht. Der neue Krimi von Arne Dahl hält eine gute Balance aus überraschenden Elementen, einer gehörigen Portion Düsterheit, erzählerischen Nebelkerzen und Gradlinigkeit. Das ergibt eine Mischung, die auch Vielleser (bzw. Hörer) überraschen kann, ohne den Stoff überambitioniert zu überfrachten. Anders als viele schwedische Autoren verzichtet Dahl auf gesellschaftskritische Anmerkungen sondern fokussiert sich auf die beiden Schlüsselthemen Duell und Jagd. Das ist auch mal eine interessante Abwechslung.

Arne Dahl, Sieben Minus Eins, Osterworld -Audio, 707 Minuten, 12,99€, VÖ: 2016

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Philip Kerr und Scott Manson: Krimi und Liebeserklärung an den Fußball

Wenn man ganz strenge Maßstäbe anlegt, produziert Philip Kerr eigentlich ziemlich großen Quatsch. Zu seinem Werk gehören einige Science-Thriller um Yetis oder killende Hochhäuser, historische Stoffe um einen Berliner Cop, der wirklich allen Nazi-Größen vor und während des 2 Weltkrieges auf die Füße tritt – und Krimis um einen ermittelnden Fußballtrainer.

Ganz ehrlich? Ich mag nicht streng sein. Die Bücher von Philip Kerr sind immer wieder großartig, beste Unterhaltung für jede Lebenslage. Kerr schafft es, dass ich als Leser alle Zweifel wegen mangelnder Glaubwürdig sehr weit beiseiteschiebe und mich haltlos im Plot verliere. So ist das auch bei der Trilogie um den schottischen, schwarzen Fußballtrainer mit deutschen Wurzeln, der wider Willen zum Detektiv wird. Scott Manson heißt der Mann, hat eine bewegte und komplizierte Vergangenheit und – wie eigentlich alle Kerr-Kreaturen – einen Schlag bei den Frauen.

Scott Manson ermittelt am Spielfeldrand

Den Auftakt macht „Wintertransfer“, in dem Manson den Mord an seinem Chef Zarco, einem portugiesischen Startrainer aufklärt. Danach folgt „Die Hand Gottes“, in dem es um den Tod eines Mittelstürmers auf dem Platz mitten beim Auswärtsspiel in Griechenland geht. Der dritte, und bislang  letzte (?) Teil schickt den fußballernden Detektiv in die Karibik, wo er einen vermissten Spieler des glorreichen FC Barcelona wiederfinden und zurückbringen soll.

Philipp Kerr räubert sich durch den internationalen Fußball

Wie bei seiner Bernie Gunther-Serie hat Philip Kerr keinerlei Berührungsängste. Hemmungslos lässt er reale Figuren des internationalen Fußballs durch seine Krimis stolpern. Gelegentlich verfremdet  er bekannte Figuren, gibt ihnen Kunstnamen, was nicht heißt, dass man sie nicht dennoch mühelos identifizieren kann.

Scott Manson, natürlich ein sympathischer Ermittler

Ohne hier in die Details zu gehen: Kerr hat wieder Plots erdacht, die krimi-gerechte Spannung garantieren. Es gibt Irr- und Umwege bei den Ermittlungen und immer wieder ordentliche Überraschungen. Und natürlich hat er seinen Scott Manson wieder so gestaltet, dass es sehr leicht fällt, ihn trotz – oder gerade wegen – seiner diversen Schwächen zu mögen.

Wütende Abrechnung und Liebeserklärung an den Fußball

Die besondere Faszination für die Scott-Manson-Reihe speist sich aber aus der Tatsache, dass Kerr als unbedingter und wütender Fan geschrieben hat. Alle drei Krimis sind ehrliche Liebeserklärungen an einen sehr simplen und gerade deshalb faszinierenden Sport, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherjagen. Gleichzeitig ist die Trilogie eine gnadenlose Abrechnung mit dem modernen Fußball. Kerr beschreibt einen Sport, der sich zu einer gewaltigen Unterhaltungsindustrie entwickelt hat, in dem Multimilliardäre das Spiel geschehen, Spieler zu unmündigen, twitternden Smartphone-Idioten, Trainer zu zynischen Menschenhändlern und Journalisten zu rückgratlosen Sidekicks auf einer gigantischen Show-Bühne mutieren.

Eine Krimi-Serie für Sportfans

Auch, wenn es vermutlich Heile-Welt-Verklärend ist, habe ich mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich beim Lesen zustimmend genickt habe, aber eben auch, weil auf jeder Seite zwischen aller Kritik die bedingungslose Liebe für den Sport durchschimmerte, eine Leidenschaft spürbar wurde, die jedes Leiden überstrahlt. Und wer Fußball mag, wer Sport liebt, der kennt das nur zu genau.

Philip Kerr, Wintertransfer, Tropen, 425 S., 9,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Hand Gottes, Tropen, 397S., 14,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Falsche Neun, Tropen, 367 S., 14,95€, VÖ: 2016

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Scott Bergstrom lässt in Cruelty eine 17-Jährige auf Europas Unterwelt los

Es ist ja immer ein wenig heikel, sich über das Unglaubwürdige im Thriller zu beklagen. Das Genre lebt ja schließlich davon, dass einem nichts Böses ahnendem Zeitgenossen, ein ganzer Stapel schier unlösbarer Probleme vor die Füße gekippt werden.

Lee Childs lässt seinen Jack Reacher seit Jahrzehnten als unbezwingbare Ein-Mann-Armee ziellos durch die USA reisen, Philip Kerrs Bernie Gunther überlebt äußerlich unbeschädigt die Duelle mit allen möglichen Nazi-Größen. Alles ausgemachter Blödsinn, aber alles ungemein unterhaltsam. In diese Kategorie fällt auch „Cruelty“ von Scott Bergstrom – und das liegt an der Hauptdarstellerin.

Teenager ohne Freunde und Wurzeln

Eben noch war die 17-Jährige Gwen ein halbwegs normaler Teenager in New York. Altersgerecht kämpft sie mit gemeinen Mitschülerinnen, als Diplomatenkind ist sie zwar herumgekommen, spricht eine Reihe Sprachen fließend, ist aber durch das Nomadenleben auch nicht besonders fest in ihrer neuen Heimat verwurzelt. Ihr Vater hat sie seitdem die Mutter vor Jahren ermordet worden war, alleine aufgezogen.

Bergstrom inszeniert die Suche nach dem Vater

Eines Tages verschwindet der Mann, der doch eigentlich Bürokrat im Diensten des Außenministeriums ist, spurlos. Ermittler erzählen dem Teenager, dass ihr Vater eigentlich CIA-Agent ist, und im Einsatz spurlos verschwunden. Die Tochter wird erst verhört, dann ignoriert. Gwen  findet einen Hinweis und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater.

Atemlose Jagd quer durch Europa

Die Spur führt nach Europa, zunächst nach Paris, dann über Berlin nach Tschechien. In jeder Stadt muss sich die junge Frau mit immer gemeineren und gefährlicheren Verbrechern auseinandersetzen. Sie trifft auf Drogendealer, Waffenschieber und Menschenhändler. Um ihren Vater befreien zu können, muss Gwen erwachsen und vor allem immer grausamer werden, um sich dem Bösen entgegenzustemmen, dass versucht, sie hinwegzufegen.

Eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen

Auf der Glaubwürdigkeitsskala steht Cruelty sehr weit unten. Eine Siebzehnjährige, die zur Superkämpferin mutiert und reihenweise, Auftragskiller, Söldner und Gewohnheitsverbrecher ausschaltet? Aber ehrlich gesagt, macht das nicht viel aus. Freunde des Genres werden sich trotzdem gut unterhalten fühlen. Erstens bleibt Bergstrom seiner Akteurin dicht auf der Pelle, erlaubt sich kaum einen Perspektivwechsel, kaum Reflexion, das erhöht das Tempo, die Spannung. Zweitens funktioniert die Welt, in die Bergstrom seine Heldin schickt sehr gut. Das Leben im Unterbauch der Städte, zwischen Obdachlosen, Ausreißern, Vertriebenen und Kleinkriminellen hält eine gute Balance aus Klischees und originellen Ideen. Wer sich auf den Plot einlassen kann, der wird „Cruelty“ kaum aus der Hand legen wollen.

Scott Bergstrom, Cruelty, Rowohlt Polaris, 429 S., 14,99€, VÖ: 17. Februar 2017

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Hörbücher Neu

Ausflug in die Vorstadthölle. Max Landorff: Die Siedlung der Toten

Es gibt Krimis, die sind in ihrem Fachbereich eine außerordentliche Fehlbesetzung – und dennoch lesens-, beziehungsweise hörenswert. So ist das beispielsweise bei Max Landorffs „Siedlung der Toten“.

Auslöser der Geschichte ist der Mord an einer alten Frau in einer Siedlung vor den Toren Münchens. Mit den Ermittlungen wird die unkonventionelle, problembehaftete Kommissarin Eva Schnee betraut. Die begibt sich in eine kompliziertes, man könnte auch sagen verwirrendes Geflecht der Kunstfigur Max Landorff, den sich der Verlag zu Vermarktungszwecken der „Regler-Serie (beispielsweise Die Stunde des Reglers) erdacht hat. Der Autor (oder die Autoren) haben für „Die Siedlung der Toten“ also eine neue Ermittlerin erdacht, die Anneke Kim Sarnau für das Hörbuch mit viel (und interessantem) Leben erfüllt. Ohnehin ist das Hörbuch aufwändig produziert, außerdem lesen unter anderem noch Silvester Groth, Leslie Malton und Felix von Manteuffel.

Zeitreise in ein spießiges Siedlungsidyll

Die Ermittlungen zum Tode der alten Frauen führen weit in die Vergangenheit, zu einem nie aufgeklärten Massentod von gleich 18 Menschen in der Siedlung – und hier wird „Die Siedlung der Toten“ interessant, weniger wegen des grausamen Massentodes sondern wegen der Zeitreise in die spießig-engstirnige (noch gar nicht so lange überwundene) Vergangenheit des kleinbürgerlichen Vorstadtmilieus. Das Leben in der scheinbar idyllischen Bungalow-Siedlung entpuppt sich für die im Vergleich zu den alteingesessenen Dorfbewohnern der Nachbarschaft vermeintlich besser gestellten Neubürgern als echte Vororthölle.

Anneke Kim Sarnau liest über Doppelmoral und Gewalt

Anneke Kim Sarnau als Eva Schnee dabei zuzuhören, wie sie sich Schicht für Schicht immer tiefer durch eine perfekte Oberfläche zu einen verrotteten Kern aus Doppelmoral, Grausamkeit und Gewalt vorarbeitet ist ein gruseliges Vergnügen, aber ungemein fesselnd und faszinierend.  Allein deshalb lohnt es sich, das Hörbuch anzuhören.

Max Landorff übertreibt es mit inneren Monologen

Einen Schönheitsfehler gibt es auch. Wer mit inneren Monologen aller möglicher Getriebener und undurchsichtiger Gestalten nichts anfangen kann, den wird Landorffs Krimi vermutlich immer wieder auch nerven. In „Die Siedlung der Toten“ beglückt der Autor seine Leser/Hörer mit einer Menge dieser Monologe. Vermutlich sind sie ja für die Psychologie des Plots irgendwie wichtig. Mich haben sie ehrlich gesagt eher genervt.

Max Landorff, Die Sprache der Toten, Fischer/Headroom, , (ungekürzt), 14,99€, VÖ: 22. September 2016

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Stefan Keller unterhält mit dem „Ende aller Geheimnisse“

Ein alter Kalender, einige vergilbte Postkarten, altersgraue Wände, Möbel und Gesichter. Deutscher Behördenalltag, genauer gesagt Polizistenleben. So zumindest schildert Stefan Keller in „Das Ende aller Geheimnisse“ den Zustand des KK12 bei der Düsseldorfer Polizei.
Heidi Kamemba, die Neue, die Keller in diese Bürohölle zum Dienstantritt schickt, merkt schnell, dass  sich unter der alltagsstaubbedeckten  Oberfläche tiefe Risse und Abgründe auftun. Von Beginn an steht Kamemba im Abseits, nicht nur weil sie die erste schwarze Kriminalkommissarin ist, sondern vor allem, weil sie motiviert und engagiert ihrer Arbeit nachgeht. Das stört die Routine der Kollegen.

Deutsche Defizite in „Das Ende aller Geheminisse“

Dass Kamemba seit der Ausbildung den Spitznamen „Die Deutsche“ trägt, ist dabei genauer betrachtet mehr als ein harmloser kleiner Scherz Kellers. Er beschreibt die Defizite unseres Landes. Das eine Schwarze grundsätzlich erst mal keine Deutsche sein kann, ist Teil eines latenten Rassismus, den wir noch immer nicht losgeworden sind. Jeder der anders aussieht ist einer verdrehten Logik zufolge auch ein „Ausländer“.

Unterhaltsames Spiel mit Vorurteilen

Keller greift diese Vorurteile auf und spielt mit ihnen. So kommt die Polizisten an ihrem ersten Arbeitstag in ihrem neuen Job nur mit Mühe und misstrauisch beäugt an ihren neuen Arbeitsplatz.  Das kennt man so ähnlich spätestens seit „Happy Birthday Türke“ von Jakob Arjouni, ist aber dennoch unterhaltsam. Im Kommissariat erwarten die Nachwuchs-Polizisten skeptische Kollegen, ein genervter Chef – und gleich ein Mordfall. Unbekannte haben einen Mann umgebracht seine Leiche mit Messern und Feuer derart zugerichtet, dass eine Identifizierung unmöglich scheint. Dennoch gelingt es wegen der Beobachtungsgabe Kamembas, den Namen des Opfers herauszufinden.

Stefan Keller führt seine Ermittler in zahllose Sackgassen

Viel weiter bringt die Identifizierung des Opfers die Polizisten nicht. Jede Spur scheint nur ein einer neuen Sackgasse zu enden, schnell bemerkt die Polizistin mit kongolesischen Wurzeln, dass die Geheimnisse um ihren Vorgänger, der offenbar Selbstmord beging, die innerhalb des Kommissariats sich der Entschlüsselung entziehen, mindestens genauso abgründig sind wie ihr erster Mordfall im Wald vor den Toren der Stadt.

Konventionell, aber gerade deshalb gut

„Das Ende aller Geheimnisse“ ist ein überaus unterhaltsamer, fesselnder Krimi, obgleich er in vielerlei Hinsicht durchschnittlich scheint. Formal und sprachlich ist Kesslers Roman eher konventionell gehalten, der Plot ist weder besonders gruselig noch besonders spektakulär. Aber gerade das macht den Reiz des Kriminalromans aus, gerade weil es ausnahmsweise nicht um Serienmörder, Superschurken oder Weltverschwörung geht, ist der Roman eine wohltuende Abwechslung.

Eine Protagonistin, der man gerne folgt

Die größte Stärke von „Das Ende aller Geheimnisse“ liegt aber daran, dass Keller eine Hauptdarstellerin geschaffen hat, der man gerne folgt. Er baut eine sympathische Figur auf, deren Perspektive er in der Erzählung kaum einmal verlässt. Er gibt genug Preis, dass der Leser die Figur kennen lernt, lässt aber genügend Fragen offen, dank derer sie interessant bleibt. So baut Keller geschickt auch die Erwartungshaltung für eine Fortsetzung auf, was aus Sicht eines Krimiautoren ja meist lohnt.
Heidi Kamemba ist also eine absolute Bereicherung der Krimilandschaft.

Stefan Keller, Das Ende aller Geheimnisse, Rowohlt, 333 S., 9,99€, VÖ: Februar 2017

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Totenfang: Simon Beckett schickt David Hunter erneut in die Ödnis

David Hunter ist zurück. Sechs Jahre lang war der britische forensische Anthropologe untergetaucht, weil sich sein Schöpfer eine Denkpause genommen hat, wenn man mal von einer Kurzgeschichte absieht.

Die Kriminalromane um David Hunter waren ab 2006 so ziemlichste das Aufregendste, das in jenen Jahren zu lesen war. Immer wenn Beckett seinen Mediziner mit dem fatalen Hang in desaströse Dramen zu schliddern in die Ödnis der britischen Inseln schickte, konnte man sich darauf verlassen, für einige wenige Tage im Bann von Sumpfen, Grotten und sturmumtosten Klippen zu landen. Wenn Beckett sich anderer Themen annahm, war das als Lektüre gelegentlich allerdings außerordentlich schrecklich schlecht. (Bei einigen Stoffen hatte er offenbar geübt. Dass die vor der Hunter-Reihe geschaffenen und nachher in Deutschland veröffentlichen Romane Leser erreichen konnten, war vermutlich weniger publizistischen als ökonomischen Gründen geschuldet.)

In Totenfang verschlägt es David Hunter nach Essex

Jetzt also Totenfang, der fünfte Band der Reihe. Aufatmen gleich zu Beginn. Das Leben schickt Hunter, der seit seinem letzten Fall auf dem Abstellgleis für Mediziner mit detektivischen Ambitionen gelandet ist, wieder in einen abgelegenen Winkel der britischen Insel. Es geht in die englischen Backwaters an der Nordseeküste, ein Landstrich in Essex, der verarmt und vereinsamt ist und zu Teilen im Rhythmus der Gezeiten unter Wasser steht.

Ermittlungen im Überschwemmungsgebiet

Die örtlichen Behörden haben eine Wasserleiche entdeckt – und da die sich gerne in eher schlechter Form präsentieren, haben die Entscheider bei der Polizei beschlossen, Hunter als forensischen Anthropologen hinzuziehen, damit die Identifizierung rasch geschehen kann. Das soll allerdings gewaltig schief gehen. Hunter bleibt nach der Bergung des Toten auf dem Weg zur Leichenhalle mit seinem Wagen auf einem dem Tidenhub zum Opfer fallenden Damm stecken. Diese Panne löst eine Kette von Ereignissen aus, bei denen noch weitere Leichen an Land treiben, alte und neue Mordfälle geklärt werden und Hunter Ansätze eines Privatlebens entwickelt. Zum  furiosen Showdown fährt Beckett noch einen ordentlichen Sturm und ein Springflut auf.

Simon Beckett spielt meisterhaft mit der Ödnis der britischen Proviz

Totenfang ist der perfekte Roman für die dunkle Jahreszeit. Beckett versteht es, die ganze Ödnis des verlassenen Küstenstreifens und die Gewalt der See noch im Inneren des Landes fühlbar zu beschreiben, so dass man beim Lesen unweigerlich die Beine hochnimmt, um nicht am Ende noch nasse Füße zu bekommen. David Hunter schafft es jedenfalls kaum ein mal für ein paar Stunden trockene Kleidung am Leib zu behalten.

David Hunter hat ein Talent für die falschen Entscheidungen

Ansonsten mag man David Hunter auch deshalb gerne beim Ermitteln zuschauen, weil er mit stoischer Konsequenz die falschen Entscheidungen zu treffen scheint. Damit dürfte er vielen Lesern Nahe sein, auch, wenn der durchschnittliche Krimi-Leser natürlich nur äußerst selten in Mordermittlungen oder finstere Komplotte schildert. Hunter passiert das ständig

Schwächen? Hat der neue Beckett auch. Die Geschichte ist gut erdacht, der Brite müht sich um Komplexität und überraschende Wendungen. Der versierte Krimileser fühlt sich allerdings bisweilen, als würden ihm subtile Hinweise regelrecht um die Ohren gehauen. Man ahnt früh, in welche Richtung sich viele Handlungsstränge bewegen. Dennoch macht Totenfang wegen des des gelungenen Hauptdarstellers und der gekonnt inszenierten Kulisse Spaß.

Simon Beckett, Totenfang, Wunderlich, 560 S., 19,99€, VÖ: 14. Oktober 2016

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Gar nicht so kleine Monster, die Kinder in Marc Elsbergs Helix

Reiche Ernteerträge, gesunde und hyperintelligente Wunschbabys, ein perfides politisches Attentat per Erkältungsvirus: Der neue Roman von Marc Elsberg hält die gesamte Bandbreite von Fluch bis Segen beim Thema Genmanipulation bereit.

Mord mit einem Designer-Virus

Helix heißt das jüngste Werk, das damit bereits im Titel andeutet, welches Thema der Science-Thriller-Autor Elsberg sich diesmal ausgesucht hat. Auftakt bildet ein Mord. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz bricht urplötzlich der US-Außenminister tot zusammen, ermordet, wie sich schnell herausstellt, durch einen auf den Mann zugeschnittenen Designer-Virus.

Marc Elsberg hält wieder viele Erzählstränge im Griff

Zu Elsbergs Erzählmuster gehört die Parallelmontage. So erfährt der Leser schnell von überraschend gut gedeihenden landwirtschaftlichen Produkten ausgerechnet in Krisenregionen in Südamerika, Asien und Afrika und einem mäßig amüsierten Lebensmittelkonzern, der um durch scheinbar anarchisch veränderte Lebensmittel um den Ertrag seiner Patente fürchtet.  In einem weiteren Handlungsstrang macht sich ein US-Amerikanisches Ehepaar auf, um die Verlockung eines perfekt designten Wunschkindes auszuloten.

Helix beschreibt wieder ein apokalyptisches Szenario

Zu den Stärken von Marc Elsberg gehören zwei handwerkliche Fähigkeiten, die er bereits in Blackout und Zero unter Beweis gestellt hat. Scheinbar zusammenhanglos zusammengefügte Erzählschnipsel ergeben schnell das Gefühl grundsätzlicher Hoffnungslosigkeit, der perfekte Nährboden eines guten Thrillers. Außerdem arbeitet sich der Österreicher solide in die Materie ein, der Leser bekommt so das Gefühl, dass all das, was da passiert, tatsächlich möglich ist.

Kinder als gar nicht so kleine Monster

Beste Voraussetzungen also für einen perfekten Thriller. Und dennoch funktioniert das, was vor allem den Erstling Blackout zu einer sensationellen Lektüre hat werden lassen, diesmal nicht. Das liegt vor allem an den „Schurken“. Schnell wird klar, zuerst den Lesern, dann der US-Ermittlerin Jessica Roberts, die die Geschichte zusammenhält, dass hinter dem eingetretenen und noch zu erwartenden weitaus schlimmeren Ungemach, genetisch mutierte, hyperintelligente und starke Kinder stecken – und das funktioniert leider nicht. So sehr sich Elsberg bemüht, die kleinen genmanipulierten Monster bleiben Kinder und bei aller zugeschriebenen Raffinesse zutiefst uninteressant.

Helix unterhält, prägt sich aber nicht ein

Wegen der handwerklichen Fähigkeiten Elsbergs ist Helix interessant und leidlich spannend. Wegen der einen zentralen Schwäche stellt sich jedoch nicht diese emotionale Bindung zwischen Buch und Leser ein, die es erstens unmöglich (sehr schwer) macht, das Buch aus der Hand zu legen und zweitens dafür sorgt, dass sich die Story über Jahre hinweg in die Erinnerung einbrennt. Wer so ein Buch sucht, dem sei – wenn er es denn noch nicht kennt – Elsbergs Blackout empfohlen.

Marc Elsberg, Helix, Blanvalet, 646S., 22,99€, VÖ: 31. Oktober 2016

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Kathy Reichs: Die Sprache der Knochen bietet wenig Neues

Irgendwann in grauer Vorzeit, vor beinahe 20 Jahren, gab es eine großartige neue Autorin in der Krimi-Welt. Die Anthropologin Kathy Reichs hob, die Fernsehserie CSI und ihre Ableger waren lange noch nicht in Sicht, den wissenschaftlich angehauchten Thriller auf ein neues Niveau. Das war ungewöhnlich, das war innovativ, das war spannend.

Neues aus den Genre des Baukastenkrimis

Heute, 18 Bände später, werden Morde im Dutzend im Labor aufgeklärt, auch um die Hauptdarstellerin Temperance Brennan gibt es längst eine eigene Fernseh-Serie. Mittlerweile gehören die Thriller der US-Amerikanerin zum Genre der Baukastenkrimis, die nach immer gleichem Muster zusammengesteckt werden. Es gibt einen Bösewicht aus einer kleinen, die Recherchefähigkeit des Reichs-Teams belegende Minderheit. Außerdem Selbstzweifel der Protagonistin, ein bis zwei Beziehungskonflikte zum Traummann und einem Verwandten (wechselnd Schwester, Tochter oder Mutter), einen Mordanschlag und eine überraschende Auflösung.

Kathy Reichs schreibt handwerklich auf hohem Niveau

Warum soll man das also lesen? Eigentlich gar nicht (mehr). Aber Reichs schreibt auf handwerklich hohem Niveau, ihre Figurenzeichnung tanzt bei allen bekannten Verhaltensmustern unerträgliche Stereotype souverän aus und der Leser erfährt trotz der eingefahrenen Gleise dennoch meist etwas Neues. Und ein Kathy-Reichs-Fan der ersten Stunde will ohnehin wissen, wie es weitergeht.

Morde unter Exorzisten in der Provinz

Im neuesten Krimi „Die Sprache der Knochen“ hat die Autorin sich zwei Recherchestränge ausgesucht. Sie greift das Phänomen der Hobby-Ermittler auf, die sich über das Internet in Gruppen zusammentun und Wettbewerbe zur Aufklärung offener Verbrechen beziehungsweise Vermisstenfälle austragen. In diesem Fall geht es um eine verschwundene junge Frau im Umfeld einer – der zweite Strang – fundamentalistischen christlichen Gemeinde, die den Ritus des Exorzismus betreibt, und das noch ohne Segen der katholischen Kirche. Man ahnt schnell, dass das nicht gut ausgehen kann. Keine Frage, dass Temperance Brennan mindestens einem perfiden Mordanschlag überstehen muss.

„Die Sprache der Knochen“: Furchtbar vorhersehbar

Das Ganze ist, wie schon erwähnt, alles furchtbar vorhersehbar und zugleich noch hinreichend spannend. Es wäre  interessant zu erfahren, wie ein Erstleser auf „Die Sprache der Knochen“ reagiert. Überträgt sich 20 Jahre alte Innovation in die Gegenwart oder wirkt das wie bei einem 20 Jahre alten Neuwagen eher drollig?

Kathy Reichs, Die Sprache der Knochen, Blessing, 385S, VÖ: Januar 2016