Kategorien
Neu

„Der Federmann“ von Max Bentow ist ein rundum gelungenes Debüt

Es gibt Krimis, die überzeugen durch ihren raffinierten Plot. Andere begeistern, weil sie durch die Eleganz der Sprache auffallen, wieder andere, weil sie gesellschaftliche Zustände erklären und mehr sind „mehr“ als ein Kriminalroman. Und dann gibt es da noch die Krimis, von denen man noch nicht einmal genau sagen kann, was ihre außerordentliche Faszination ausmacht, die man aber nicht zur Seite legen kann, bis man die Auflösung erfahren hat.

Ein Plot mit sehr hohem Tempo

„Der Federmann“ von Max Bentow gehört in diese Kategorie. Das ist deshalb bemerkenswert, weil diese „Pageturner“  in der Regel im angelsächsischen Raum entstehen. In den USA und Großbritannien verstehen sich die Autoren darauf, Bücher zu schreiben, die den Plot mit einem extremen hohen Tempo vorantreiben und dabei eine enorm fesselnde Spannung entwickeln. Alles andere wird dem untergeordnet.

Dass Max Bentow einen Thriller geschrieben hat, der diese Merkmale aufweist, spricht für die Qualität des neuen Autoren auf dem Krimimarkt.

Jagd nach einem Serienmörder

Die Geschichte ist eher dabei eher einfach. Ein Serienmörder geht in Berlin um und ermordet Frauen. Der Täter geht äußerst brutal vor, foltert und verstümmelt seine Opfer. Am Tatort hinterlässt der Mörder zudem stets einen toten Vogel.  Kommissar Nils Trojan beginnt zu ermitteln und gerät bald selber in das Visier des Serienmörders. Das ist zugegeben nicht sehr originell, aber in diesem Fall außerordentlich gut erdacht.

Auch der „Federmann“ kann seine Heimat nicht völlig verleugnen. Deutsche Krimis der jüngsten Zeit weisen zwei eher merkwürdige Gemeinsamkeiten auf. Die Autoren neigen zu deutscher Gründlichkeit und beschreiben bis ins letzte Detail. Außerdem haben die Ermittler oder ihre Angehörigen, seltene, extrem merkwürdige Krankheiten. Vermutlich liegt beides daran, dass die Autoren häufig Journalisten sind und Belege ihres angelesenen Wissens und ihrer gründlichen Recherche abliefern müssen. Leider geht das allzuoft zu Lasten des Tempos.

Typisch deutsch?

Auch Max Bentow erliegt (teilweise) dieser doppelten Versuchung. Am Anfang verliert er sich bei seinen Szenen in zu viele Details und sein Kommissar leidet unter einer Angststörung mit regelmäßigen Panikattacken. Deshalb besucht der Polizist sogar eine Therapeutin. Hier enden die Gemeinsamkeiten mit anderen deutschen Krimis. Der „Federmann“ nimmt spätestens ab dem zweiten Viertel gewaltig Fahrt auf, und die Leiden des Kommissars und der Gang zur Therapeutin sind wichtiger Bestandteil der Handlung. Hier hat die erdachte Krankheit der Hauptfigur tatsächlich einen literarischen Sinn.

„Der Federmann“ ist ein gelungenes Debüt: Ungewöhnlich spannend und bis zum Schluss fesselnd. Die Ankündigung der PR-Strategen des Verlages, das ein Roman den Auftakt zu einer „neuen Krimiserie“ bilde, muss ja leider allzu oft als Drohung verstanden werden. Bei Max Bentow stimmt das den Krimi-Leser tatsächlich neugierig.

 

 

Tatort:Berlin 

Max Bentow, eigentlich Schauspieler und Dramatiker ist Berliner. Er kennt also seine Stadt. „Der Federmann“ spielt im südlichen Zentrum der Hauptstadt. Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln sind die Zentren des Romans. Der Kommissar bewegt sich mit dem Fahrrad durch die Straßen, die Wegbeschreibungen sind so genau, dass man die Wege, die der Ermittler nimmt, problemlos nachfahren könnte. Der Mittvierziger Bentow fängt die Stimmungen, die in den jeweiligen Kiezen zu spüren ist, gut ein. Die intellektuelle Bürgerlichkeit Schönebergs ist genau so glaubwürdig wie der Völkergemisch Kreuzbergs und die latenten Hoffnungslosigkeit das beinahe schon Stadtrandbezirkes Neukölln. Das Berlin Bentows zeigt einen realistischen Querschnitt. Es ist weder die Hochglanzmetropole der Neuen Mitte noch das Elendsquartier der Plattenbauten – und auch das ist, angesichts dessen, was mit Berlin in den vergangen Jahren literarisch bisweilen veranstaltet wird, sehr sympathisch.

Max Bentow, Der Federmann, Page&Turner, 14,99€

VÖ: 8. August 2011

Kategorien
Neu

Lisa Gardners „Ohne jede Spur“: Eher einfach gehaltene Krimikost

Sandra, Jason und ihre Tochter Ree sind eine amerikanische Vorzeigefamilie. Jason arbeitet als Journalist, Sandra als Lehrerin und das Töchterlein ist altersgerecht einfach nur süß: Das Trio lebt in einem der besseren Bostoner Vororte. Die Familie hat Freunde, vor allem Sandra gilt als beliebt.

Dann aber verschwindet die Ehefrau und Mutter spurlos. In Verdacht gerät alsbald der Ehemann. Langsam beginnt die Fassade des gelebten amerikanischen Traumes zu bröckeln. Die Ermittler um Sergeant Detective D.D. Warren fördern bei ihren Untersuchungen so manches dunkle Familiengeheimnis ans Tageslicht. Auch die scheinbar so unkomplizierte Ehefrau, das vermeintliche Opfer, ist längst nicht so perfekt wie es auf den ersten Blick schien.

Ein Krimi-Kammerspiel

Bis zur Lösung des Falles müssen sich die Polizisten durch manche überraschende Wendung kämpfen und stehen lange Zeit, so will es Lisa Gardner, die sich „Ohne jede Spur“ erdacht hat, eigentlich den größten Teil der Zeit als staunende Beobachter am Rande der Ereignisse.

Die US-Autoren hat bei „Ohne jede Spur“ einen Plot ersonnen, der einige Raffinesse aufweist. Die Geschichte um die Kleinfamilie ist als intensives Kammerspiel konstruiert und verwöhnt mit zahlreichen überraschenden Momenten.

Viele schlicht gezeichnete Figuren

Dennoch ist „Ohne jede Spur“ bestenfalls als zwiespältig zu bezeichnen. Die Figuren sind eher schlicht gezeichnet. Von der Polizistin D.D Warren, einer 38-Jahre alte Frau, erfährt man beispielsweise nur, dass sie natürlich „umwerfend gut“ aussieht, auf All-You-Can-Eat-Buffets steht und sich chronisch unerfüllten Sex-Tagträumen hingibt.

Ähnlich einfallslos ist auch die Beschreibung der Männerwelt. Männer, die wichtig sind, haben beinahe ausnahmslos dunkles, volles Haar (eventuell – das macht sie „interessant“ –  mit grau melierten Schläfen), ein markantes Kinn und einen breiten, zumindest durchtrainieren Brustkorb. Perfiderweise gilt das auch für die „Schurken“, die derart „getarnt“ nicht auf Anhieb zu erkennen sind. Eigentlich sehen sie alle männlichen Figuren aus wie Patrick Dempsey, Schauspieler der US-Serie „Greys Anatomy“. Ehrlicherweise macht sich Gardner irgendwann auch gar nicht mehr die Mühe, ihr Männerbild im Detail aufzuschreiben, sondern verweist nur noch auf „McDreamy“.

„Ohne jede Spur ist also ein spannender Krimi, aber einer von sprachlicher und kreativer Schlichtheit, den ausgemachte Fans des Genres wegen seines Tempos zu schätzen wissen, Freunde gut geschriebener Kriminal-Literatur aber mit einem empörten Seufzer zur Seite legen werden.

 

 

Tatort: Boston

Lisa Gardner hat eher ein Kammerspiel verfasst. Größere Erkenntnisse über Bosten sind aus „Ohne jede Spur“ nicht zu gewinnen. Die Stadt scheint austauschbar, die Geschichte könnte in jeder US-amerikanischen Großstadt bzw. ihren Vororten spielen. Interessanter sind daher die unmittelbaren Schauplätze. Das Haus der Familie Jones erscheint als stereotypes Heim einer US-amerikanischen Durchschnittsfamilie. Wer also wissen will, wie „der Amerikaner“, wie man sich ihn  einst in den Köpfen der weißen Mittelschicht (und in Hollywood) idealisierte, so lebt, wird im Krimi von Lisa Gardner einige Erkenntnisse ziehen können.

Lisa Gardner, Ohne jede Spur, Rowohl, 9,99€

VÖ: 1. August 2011

Kategorien
Neu

Massimo Carlotto brilliert über Liebe und Leid in der Welt der Ganoven

Der serbische Geschäftsmann und Mafioso hält auch im Angesichts des Todes treu zu seiner Sekretärin und Geliebten. Der Polizist kämpft um seine Braut, eine drogensüchtige Prostituierte. Der Schmuggler und Auftragskiller watet für seine Freundin, eine zwielichtige Tänzerin, beinahe buchstäblich  knöcheltief durch Blut. Sie alle verbindet die „Banditenliebe“, jene Seelenlage, die auch den härtesten Typen weich werden lässt. Es ist kein romantisches Gefühl, der Himmel hängt nicht voller Geigen, ein Happy-End ist selten – und wenn dann jenseits jeglicher Hollywood-Vorstellungen. Und doch ist diese skurrile Liebe unter gescheiterten Existenzen im schlammig-grauen Bodensatz der Gesellschaft trotz Lüge und Betrug wahrhaftig, innig und herzergreifend.

Ein ungleiches Trio auf Rachefeldzug

Diese Banditenliebe ist es auch, die die Handlung im gleichnamigen Roman von Massimo Carlotto vorantreibt. Sylvie, die Freundin des alternden Schmugglers Beniamino wird entführt – und, wie sich herausstellen soll, von ihren Peinigern über einen lange Zeitraum vergewaltigt und gebrochen. Beniamino versucht, unterstützt vom  Ex-Aktivisten Max und der gescheiterten Existenz Marco Buratti, Carlotto-Lesern auch als der „Alligator“ bekannt, zunächst seine Freundin zu befreien und später zu rächen.

Das ungleiche Trio bewegt sich auf gefährlichem Terrain, denn die Gegner gehören der serbischen beziehungsweise kosovarischen Mafia an. Da gilt es mit harten Bandagen zu kämpfen. Die drei unfreiwilligen Rächer machen sich dabei regelmäßig die Hände schmutzig. Die Umstände sind halt so. Das nordöstliche Italien des Romans befindet sich erstens weitgehend in der Hand ehemaliger, zu  finsteren Mafioso mutierten Schergen des untergegangenen jugoslawischen Regimes und ist überdies bis ins Mark korrupt. So lassen sich, wenn man Carlotto folgt, selbst diejenigen Polizisten schmieren, die ernsthaft Verbrecher jagen.

Die Grenzen zischen Gut und Böse verschwimmen

In „Banditenliebe“ sind mit Mord, Drogenhandel, Raub und Erpressung so ziemlich alle Untaten versammelt, die sich ein krimineller Geist auszudenken vermag. Gut und Böse unterscheiden sich nur durch eine schwammige unsichtbare Grenze, die die Bösen immerzu, die Guten nur unter großen Skrupeln überschreiten. Für den Leser ist das aus der sicheren Distanz des heimischen Wohnzimmers äußerst vergnüglich. Carlotto, der selber einst jahrelang auf der Flucht vor der Polizei war, unschuldig wegen Mordes im Gefängnis saß und  durch seine Figur des politischen Exhäftlings autobiographische Elemente einfließen lässt, ist ein ungeheuer dichter Roman gelungen. Dessen Reiz liegt auch darin, dass der Autor die schlimmsten Abgründe verbrecherischer Seelen in einem beinahe lockeren Plauderton beschreibt. Dieser anfangs etwas gewöhnungsbedürftige Stil, der Leichtigkeit mit einem hohen Tempo und Präzision kombiniert,  steigert jedoch die Spannung ungemein.  Dass Carlotto ganz nebenbei auch noch das unermessliche  Universum der Liebe in all ihrer Unmöglichkeit und gleichzeitigen Ewigkeit in seinem Roman untergebracht hat, macht das Lesevergnügen perfekt.

 

Tatort:Norditalien

In Padua leben etwas mehr als 200000 Menschen. Ihre Größe und Lage im Nordosten Italiens  machen die Stadt zum idealen Einfalltor für alle, die aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Italien wollen. Im Padua von Massimo Carlotto sind das viele – und sie haben jede Menge Unheil im Gepäck. Auf diesen  Ballast – Drogen, Waffen und ähnliches – beschränkt der Autor seine Beschreibungen. Der idyllischen Altstadt, den Sehenswürdigkeiten oder dem Umland widmet Carlotto nur wenig Worte. Für die Charakterisierung der Heimat seiner Figuren müssen einige wenige, kaum vertrauenserweckende Spelunken und Cafés herhalten. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, schließlich hat Carlotto einen Krimi und keinen Reiseführer geschrieben. Dennoch schafft der Mittfünfziger es, die Atmosphäre der Region nachvollziehbar einzufangen. Dass ihm das ohne viele Worte zu verlieren gelingt, macht die große Qualität seines jüngsten Krimis aus.

 

Massimo Carlotto, Banditenliebe, Tropen, 17,95 €

VÖ: Juli 2011

 

 

 

 

Kategorien
Neu

Malin Fors soll einen Mörder jagen und ist selber eine Getriebene

Malin Fors kämpft. Sie ringt mit Verbrechern, Dämonen der Vergangenheit und einem beträchtlichen Alkoholproblem. Es ist schwer zu sagen, welcher Kampf der Polizistin mehr abverlangt. Einen ihrer Gegner kennt sie, einen ahnt sie, einen verleugnet sie lange Zeit.

Bei allen Problemen ist Fors eine gute Ermittlerin. Im weitgehend unbekannten Linköping, im Herzen Schwedens, hat die Kriminalbeamtin einen hervorragenden Ruf. Sie kann sich trotz aller persönlicher Probleme in Verbrecher und Opfer hineinfühlen und „hört die Stimmen“ ihre Fälle. So geht ihr das auch bei ihren aktuellen Ermittlungen.

Tod eines neureichen Widerlings

Im Burggraben eines hochherrschaftlichen Schlosses treibt ein Toter. Das Opfer ist ein besonders unangenehmer Zeitgenosse. Jerry Petersson war innerhalb kurzer Zeit zu sehr viel, beinahe unanständig viel Geld gekommen. Sein Vermögen hat er mit wenig Skrupeln und auf Kosten anderer zusammengehäuft. Freunde hatte der Mann, das finden die Ermittler schnell heraus, jedenfalls keine. Eher schon einen Haufen Feinde, beispielsweise den alten Adel, dem er das Schloss abkaufte – und mit dessen Familienmitgliedern der Tote, wie sich alsbald herausstellen soll, eine lange, gemeinsame Geschichte verbindet.

Ermittlerin auf einem absteigenden Ast

Der schwedische Autor Mons Kallentoft schickt seine Ermittlerin Malin Fors mittlerweile zum dritten Mal auf Mördersuche. Die Polizistin befindet sich privat in einer deutlich abwärts zeigenden Spirale. Sie hat einen Überfall auf ihre Tochter nicht verwunden. Sie trinkt und funktioniert nur noch mühsam. Ihre Familie zerbricht daran. Auch die Arbeit beginnt zu leiden. Dennoch findet sie sich in dem Gestrüpp aus Klassenkonflikten, Familiendramen und Intrigen einigermaßen zurecht.

Mons Kallentoft ist mit „Blutrecht“ ein interessanter Krimi gelungen. Insbesondere der Kampf seiner Kommissarin gegen sich selber, ihre Unfähigkeit zur Kommunikation, ihre fortschreitende Selbstzerstörung birgt – bereits ohne Mordermittlung – eine enorme innere Spannung. Kallentoft hat anders als viele andere skandinavische Autoren, die bei ihren Krimis meistens die gesamtgesellschaftlichen Zustände betrachten, eher eine Art geistiges Kammerspiel geschaffen.  Die Spannung entsteht vor allem in den Köpfen der handelnden Personen, zu denen – das sei als Warnung für den ausschließlich rational denkenden Leser vorausgeschickt – gelegentlich auf die Toten gehören. Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit einem sehr spannenden, im besten Sinne tiefgründigen Krimi belohnt.

 

Tatort:Linköping

Es sind wenige Orte, die „Blutrecht“ bestimmen. Mons Kallentoft beschreibt Linköping, immerhin die siebtgrößte Stadt Schwedens, als einen eher blassen Ort mit kleinbürgerlicher Ausstrahlung. Die Einwohner der Industrie- und Universitätsstadt  leben meist in biederen Wohnungen und dürfen, so der Autor, durchaus als provinziell bezeichnet werden.

Obwohl der Mittvierziger wenige Worte über die Stadt verliert, ist sie gut greifbar. Die Wohnungen der Akteure, das Kommissariat und das Schloss, in dem der Tote gefunden wird, sind derartig gut skizziert, dass zumindest die fiktive schwedische Stadt greifbar zum Leben erweckt wird. Das Linköping Kallentofts ist eine solide, scheinbar heile bürgerliche Welt, der bei genauem Hinsehen jedoch schnell die Abgründe ansieht, die unter der Oberfläche warten.

Mons Kallentoft, Blutrecht, Wunderlich, 19,95 €

VÖ: 15. Juli 2011

 

Kategorien
Neu

Ein Journalist muss in italienischen Gewässern im Trüben fischen

Das Zwitschern eines Vogels, das Rauschen eines Flusses das gleichmäßige Klackern der Absätze einer elegant dahingleitenden Frau. Geräusche können überraschend sein, spannend, bisweilen sogar betörend. Für Kaspar Lunau sind sie nur noch eine Last. Eine rätselhafte Krankheit lässt ihm jede Geräuschkulisse zum bedrohlichen Klangbrei, beinahe Schädel sprengende Belastung werden. Ein echtes Handicap für jemanden, der beim Radio arbeitet, und erst recht für einen investigativ arbeitenden Journalisten. Natürlich stürzt sich der Mann allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch ohne nachzudenken in alle möglichen Abenteuer.

Eine Mauer des Schweigens

Ein Anruf genügt und Lunau setzt sich in den Flieger nach Italien. Eine junge Frau hatte ihn angerufen, von einem mysteriösen Mord erzählt und ihn so nach Ferrara gelockt. Damit fangen die Probleme für Kaspar Lunau an. Der Fall ist kompliziert, verborgen hinter einer Mauer des Schweigens. Zudem ist die junge Frau, die ihn rief –  wie junge Frauen nun einmal gelegentlich so sind – eher kapriziös-kompliziert. Zu allem Überfluss trachten ihm Unbekannte nach dem Leben.

Es dauert nicht lang, und der deutsche Journalist gerät in einen mörderischen Strudel von Gier, Gewalt und Korruption. Kaspar Lunau muss an den Ufern des Po, so will es sein Schöpfer Christian Försch, beinahe buchstäblich im Trüben fischen: „Aqua Mortale“, tödliches Wasser, heißt das Debüt des Italienkenners, das, so schreibt der Autor, zugleich Auftakt einer neuen Serie werden soll.

Debüt eines Italienkenners

Der Autor kennt sein Italien, das ist deutlich zu erkennen. Die Beschreibungen sind präzise, die Gassen Ferraras, die Ufer des Flusses, Schleusen und Wehre erstehen äußerst lebendig. Försch hat zudem einen interessanten Plot mit Wendungen erdacht, die auch den anspruchsvollen Krimileser zufrieden stellen können. Dennoch hinterlässt „Aqua Mortale“ ein zwiespältiges Gefühl.  Försch, selber Journalist und Filmemacher, hat, wie es Aufgabe seines Berufsstandes ist,  sorgfältig recherchiert. „Aqua Mortale“ strotzt vor Präzision, die man manchem aufstrebendem Politiker bei seinem Verfassen seiner Doktorarbeit wünschen würde. Allerdings leidet darunter das Tempo. Der Erstling Förschs ist so zwar durchaus gelungen, aber wegen manches akribisch aufgeschriebenen Nachweises intellektueller Durchdringung von Land und Leuten insgesamt etwas zu lang. Das wirkt sehr klug, aber auch – ein Phänomen, das insbesondere bei deutschen Autoren gelegentlich zu beobachten ist – streberhaft, als müsste der Autor auf jeder Seite den Beweis seines Könnes antreten. Das gelingt. Dennoch wäre gelegentlich etwas mehr Schlamperei, etwas mehr Coolness wünschenswert.

 

Tatort:Ferrara

Christian Försch lebt in Ferrara. Das merkt man. Es gelingt dem Mittvierziger, beinahe perfekt das Flair einer italienischen Stadt einzufangen. Hier sind es Lunaus präzise Beobachtungen, die dem literarischen Ort Leben einhauchen.  Das heruntergekommene Fußballstadion, die abgelegenen Wiesen vor den Toren der Stadt, der verblichene Charme historischer Gebäude in verwinkelten Gassen, die Tristesse von Sozialwohnungen – all das lebt in „Aqua Mortale“ und verströmt italienisches Lebensgefühl und gehört zu den größten Stärken des Buches.
Ferrara, in der Po-Ebene gelegen, ist eine Renaissance-Stadt, die zwar schon im 8. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde, aber erst durch die Herrschaft des Fürstengeschlechts der Este Berühmtheit erlangte. Einer der herrschaftlichen Baumeister jedenfalls erweiterte einst den Stadtkern. Dieser frühe Akt organisierter Stadtplanung begeistert noch heute. Die Altstadt Ferraras ist Weltkulturerbe der Unesco – und auch deshalb eine prima Kulisse für Krimis mit italienischem Flair.

Christian Försch, Aqua Mortale, Aufbau Verlag, 12,99

VÖ: 25. Juli 2011

 

Kategorien
Neu

Aus Island kommt erneut ein melancholischer Kriminalfall

Alkohol scheint der wichtigste Treibstoff des Lebens im hohen Norden. Das gilt offenbar auch auf Island. Die Bewohner der einsamen Insel im nördlichen Atlantik scheinen bei jeder Gelegenheit hochprozentigem Stoff zuzusprechen. Das trifft, wenn man Aevar Örn Josepsson glauben darf, auf Ganoven genauso so zu, wie auf Polizisten. Jedenfalls greifen seine Figuren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zur Flasche.

Zerstörerische Süchte

Ein besonders schweres Alkoholproblem hat Olafur Aki Bardarson. Im Prinzip verlässt der Mann seine Wohnung nur noch aus zwei Gründen. Zum einen, um Alkohol zu kaufen, und zum anderen, um seinen zweiten Treibstoff zu „tanken“. Bardarson ist süchtig nach dem Wort Gottes, so wie es der zwielichtige Prediger Meister Magnus verbreitet und folgt dessen Predigten im Fernsehen und auf der Bühne. Es ist nicht völlig klar, welche Sucht zerstörerischer wirkt

Die doppelte Droge bekommt Olafur Bardarson schlecht. Er wird ermordet. Das fällt lange Zeit niemandem auf. Erst mit reichlich Verspätung beginnen die Polizisten Stefan, Katrin, Arni und Gudni von der Mordkommission in Reykjavik zu ermitteln. Dass sämtliche Spuren alt und erkaltet sind, macht die Sache nicht gerade einfacher. Dennoch tummeln sich auf den Fluren der Polizei bereits kurze Zeit später scharenweise Verdächtige, und ein mühsames Puzzle auf der Suche nach dem Mörder beginnt.

Eine Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit

Krimis aus Island wohnt meist ein ganz eigener Zauber inne. Es ist wohl diese einzigartige Mischung aus Melancholie und Verschrobenheit, die beim Leben zwischen Gletschern, Vulkanen und Geysiren entsteht und in die Romane aus dem Norden einfließt.  Das gilt auch für „Wer ohne Sünde ist“ von Aevar Örn Josepsson. Der dritte Roman des Isländers, der einst in Freiburg Philosophie und englische Literatur studierte, nimmt nach einem sperrigen Auftakt spätestens im zweiten Drittel Fahrt auf und entwickelt krimi-gerechte Spannung. Josepsson lässt sich zu Beginn Zeit, das Elend einer gescheiterten, insgesamt zutiefst unsympathischen Existenz zu entwickeln. Das hat Tiefgang, aber das bremst, genau wie die isländischen Namen, die sich  jedes Mal erneut sperrig lesen. Wer Geduld aufbringt, sich durch den Beginn „hindurchzuarbeiten“, wird mit einem soliden Krimi mit gutem Unterhaltungswert belohnt.

 

 

Tatort:Island

Es leben nicht besonders viele Menschen auf Island. Knapp 350.000 Inselbewohner kommen auf über 100.000 km2 zurecht (Im Vergleich: Im Bayen leben auf 70.000 km2 über zwölf Millionen Menschen). Es gibt also jene Menge einsame Stellen auf der Insel. Je nach charakterlicher Disposition leiden oder erfreuen sich Josephssons Figuren an Vulkan- und Geröllwüsten. Nicht jeder Isländer, so die Botschaft es Autors, ist ein Naturbursche. Viel mehr erfährt der Leser nicht über die Schönheit Islands. Josephsson verzichtet weitgehend auf eine ausgreifende Schilderung seiner Heimat. Ihm sind die Binnenorte, das geistige Klima seiner Handlung wichtiger – und das sieht beinahe genauso trist, wenn nicht gar schlimmer, als ein abgelegenes Geröllfeld aus. Triste Sozialbauten und spießige Wohnklötze eines kleinbürgerlichen Mittelstandes bestimmen die Szenerie in „Wer ohne Sünde ist“. Gescheitert scheinen sie alle, die einen ganz offensichtlich, die anderen unsichtbar, aber kaum weniger trist, so als würde eine riesige, dunkelgraue Wolke aus Vulkanasche jegliche Lebensfreude ersticken. Das klingt traurig, ist aber – als literarisches Konzept – in der richtigen Dosierung sehr unterhaltsam.

Aevar Örn Josepsson, Wer ohne Sünde ist, btb, 9,99€

VÖ: Juli 2011

 

 

 

Kategorien
Neu

Philip Kerr schickt Bernie Gunther erneut auf eine spannende Zeitreise

Kuba, 1954. Carlos Hausner sitzt inmitten der Nachkriegswirren in einem Nachtclub, genauer gesagt in einem Bordell und schlürft entspannt an einem Drink. Ein Idyll? Vielleicht. Wenn, dann keines, das lange währt. Die Besitzerin des Etablissements erpresst den Mittfünfziger, eine junge kommunistische Revolutionärin (und gesuchte Mörderin) mit seinem Boot nach Haiti zu bringen. Von da an gerät der Besitzer eines argentinischen Passes in beträchtliche Schwierigkeiten.

Carlos Haussner ist allerdings Kummer gewohnt. Er musste in den Jahren zuvor für die argentinische Junta arbeiten und für die US-amerikanische Mafia. Hausner scheint das Pech magisch anzuziehen. Kein Wunder, eigentlich ist Hausner Bernhard Gunther, ehedem Berliner Kriminalkommissar mit einem außerordentlich großen Talent, sich Probleme aufzuhalsen.

Ein Polizist, der das Pech scheinbar magisch anzieht

Tatsächlich gerät Hausner, beziehungsweise Gunther, auf seiner Überfahrt von Cuba in die USA an Gegner, die Junta und Mob wie zahme Pfadfinderclubs erscheinen lassen. Die US-Marine bringt Gunthers Boot auf. Der Deutsche gerät in die Hände der CIA. Von da an wird es kompliziert – und für den Ex-Cop lebensgefährlich.

Der US-Autor Philip Kerr jagt seinen liebevoll Bernie genannten Ermittler jetzt bereits zum siebten Mal unbarmherzig durch die deutsche Geschichte. „Field Grey“, was die PR-Strategen etwas unglücklich mit „Mission Walhalla“ übersetzt sehen wollen, heißt das neueste Abenteuer Gunthers.

Bernie Gunther kommt weit herum

Kerr lässt seinen knurrigen Polizisten, der vergeblich versucht moralisch sauber zu bleiben, dabei immer wieder tief im Schlamm wühlt und feststellen muss, dass viel zu viel vom Dreck haften bliebt, weit herumkommen – geographisch wie chronologisch. Berlin, am Ende der Weimarer Republik, Paris nach der deutschen Besetzung, Minsk während des Russlandfeldzuges, ein Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Sowjetunion und die junge Bundesrepublik im Jahr des „Wunders von Bern“ sind die wichtigsten, aber beileibe nicht alle Orte der Handlung.

Philip Kerr schließt damit zum Entzücken seiner treuen Leser Lücken in der Biographie seines Darstellers. In erster Linie aber hat der Brite wieder einen enorm packenden Thriller geschrieben. “Field Grey“ bietet eine raffiniert gewobene Geschichte mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die selbst routinierte Krimi-Leser zu verblüffen vermögen.

Das ist aber auch wenig überraschend, denn bereits mit seiner „Berlin Noir“-Trilogie, dem Ursprung der Romane um Bernhard Gunther, hat Philip Kerr das Genre des historischen Krimis auf ein neues, enorm anspruchsvolles Niveau gehoben.

Philip Kerr plündert hemmungslos die deutsche Geschichte

Der britische Autor taucht dabei tief in die deutsche Geschichte ein, baut hemmungslos bekannte und unbekannte Figuren jener Jahre ein. Reinhard Heydrich spielt eine Rolle – und in „Field Grey“ erstmals auch der spätere Stasi-Chef Erich Mielke. Kerr zeichnet komplexe Figuren, lässt das Leid deutscher Kriegsgefangener in Sibirien genauso auferstehen wie die Misshandlung der Gefangenen im Vichy-Frankreich, vor allem aber die Greueltaten der Nazi-Schergen. Nie jedoch lässt er bei aller Spielerei mit der Geschichte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Blick, gleich von wem sie begangen wurden. Dass sich Bernie Gunther bei seinen ebenso energischen wie hilflosen Versuchen, das Richtige zu tun, immer wieder in der Geschichte verstrickt, macht einen großen Reiz der Serie aus.

 

 

Tatort:Berlin

Berlin ist die Heimat Bernhard Gunthers. Er lebt in einer Seitenstraße des Kudamms, arbeitet im Polizeipräsidium am Alex und kennt jede Kaschemme, jeden Puff, jeden Club im Wedding und anderswo. Gunther ist Polizist im Berlin der untergehenden Republik und der beginnenden Nazizeit und kommt herum. Das Berlin jener Jahre und das zerbombte Berlin der Nachkriegszeit ersteht in „Field Grey“ plastischer auf als je zuvor in den Thrillern Philip Kerrs. Gunther steht prototypisch für die Bewohner der Metropole. Er trinkt massenweise Bier, Schnaps und hat, so Kerr, die „Ausstrahlung eines Friedhofsgräbers“.

Philip Kerr legt weniger Wert auf eine detaillierte Beschreibung. Wichtiger ist es ihm, die Atmosphäre, die Stimmung seiner Schauplätze einzufangen – und das gelingt ihm immer wieder mit höchster Perfektion, sei es beim Kriegsgefangenenlager in Sibirien, sei es im Arbeiterwohnblock im roten Wedding, sei es im verschwenderisch prächtigen Hotel Adlon der Weimarer Republik.  So ensteht, auch ohne den lehrerhaften Ton des Geschichtsprofessors das historische Berlin neu.

 

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95€, VÖ: 15. Juli 2011

 

Kategorien
Neu

Eine meisterliche Skizze afrikanischer Hoffnungslosigkeit

Es ist wahrlich keine schöne Welt, in die Roger Smith seine Leser mitnimmt. Das Südafrika Smiths wird von korrupten Politikern, mordgierigen Polizisten, rassistischen weißen Farmern und brutalen Stammeskriegern bevölkert. Es handelt sich dabei um das Südafrika der Gegenwart, nicht um jenes der Apartheid – wobei, wenn man dem Autor glauben darf, sich nicht viel geändert hat seit jenen Tagen.

Eine Orgie von Elend und Gewalt

Der 51-jährige Smith hetzt in „Staubige Hölle“ ein außerordentlich heruntergekommenes Ensemble aufeinander. Der arbeitslose Journalist Robert Dell muss sich einer blutrünstigen Mordbande erwehren, die von dem Zulu-Kämpfer Inja angeführt wird. Offiziell ist dieser Polizist, Sonderermittler gar, eigentlich ist er jedoch drogensüchtig, Bandenchef und Auftragskiller. Hilfe bekommt Dell nach dem brutalen Mord an seiner Frau und seinen beiden Kindern ausgerechnet von seinem Vater. Dieser hatte lange Zeit im Gefängnis gesessen, weil er einst für die CIA, Vertreter der Apartheid, rassistische Weiße im Kampf gegen die neue Ordnung unterstützt hatte – und an dessen Händen jede Menge Blut klebt.
Zu behaupten, dass sich Dell und sein Vater beim Versuch, sich gegen die Verfolger zu Wehr zu setzen, zusammenraufen, wäre eine positive Umschreibung, für die Smith keinen Raum lässt. Der Autor bietet seinen Figuren – genau wie seinen Lesern – keine Hoffnung. „Staubige Hölle“ führt mitten ins finstere Herz Afrikas. Die lakonische Schilderung einer Orgie der Gewalt, des Elends lässt erahnen, warum der Kontinent so gar nicht auf die Beine kommt.

Ein spannender Krimi mit apokalyptischer Grundstimmung
Smith führt seinen Leser in eine deprimierende Welt in neben der Gewalt nur noch Aids und Drogen das Leben bestimmen – und hat dabei einen enorm spannenden Krimi geschrieben, der trotz oder vielleicht gerade wegen seiner apokalyptischen Grundstimmung extrem fesselt. Smith und die beiden Übersetzer Jürgen Bürger und Peter Torberg haben dabei eine Sprache gefunden, die in ihrer Gradlinigkeit besticht und das Szenario extrem glaubwürdig beschreibt.
Wer in seiner Lektüre auf eine heile Welt hofft, auf einen auch nur ansatzweise positiven Ausgang der Ereignisse, der sollte seine Finger von der „Staubigen Hölle“ lassen. Allen anderen sei sie wärmstens empfohlen.

 

Tatort:Südafrika

Wie ein guter Maler nur wenige Striche aufträgt, um den Charakter einer Landschaft zu skizzieren, so benötigt Roger Smith nur sehr wenige Worte für sein Südafrika. Dennoch wird dank der präzisen, eindringlichen Sprache die unerträgliche Hitze, der Dreck, das Elend der Townships sehr schnell beinahe körperlich fühlbar. Smith nimmt seine Leser auf einen Trip mit, der weit weg von den modernden Metropolen der Fußball-WM hin in das von allem Fortschritt abgeschnittenen Hinterland führt, ins Zululand. Dort, so wird schnell deutlich, haben sich die schlechtesten Bräuche der Stämme mit den miesesten Einflüssen der westlichen Welt zu einer ungesunden, explosiven Mischung verbunden haben.
Das südafrikanische Tourismusministerium, die Fremdenverkehrsverbände werden Roger Smiths desillusioniertes Bild von Südafrika nicht mögen, vermutlich hat er aber – so steht zu befürchten – mit seinen Skizzen der Hoffnungslosigkeit neben einem fiktionalen Krimi ein treffendes Gemälde einer Region, vermutlich eines ganzen Kontinents geschaffen.
Roger Smith, „Staubige Hölle“, Tropen, 19,95 €
VÖ: Juni 2011

Kategorien
Neu

Kein Mitleid mit einem verlorenen Trio in Stockholm

Es ist ein merkwürdiges Volk, das in „Mach sie fertig“ Stockholm bevölkert. Da ist der ehemalige Söldner, der mit dem Leben jenseits des Schlachtfeldes kaum zurecht kommt und sich dennoch in zunehmenden Wahnvorstellungen als Beschützer missbrauchter und erniedrigter Frauen versteht. Dann wäre da noch der mäßig begabte Drogendealer mit arabischem Hintergrund, dessen Lebenszweck mehr oder weniger darin besteht, seinen Körper im Fitness-Studio zur Perfektion zu stählen. Natürlich misslingt das, auch weil er immer wieder versucht, mit Mitteln aus der Chemielabor nachzuhelfen. Das Trio wird durch einen desillusionierten und korrupten Cop vervollständigt, der Kleinganoven erpresst und beklaut, um seine eigenen „Einkünfte“ aufzubessern.

Keine Ermittler, nur Getriebene

Der Mord an einer unidentifizierten – und unidentifizierbaren – Leiche führt das merkwürdige Trio zusammen. Es ist kaum davon zu reden, dass die drei ermitteln oder zusammenarbeiten. Eher schon stolpern sie unbeholfen durchs Leben, sind Getriebene, die mehr schlecht als recht versuchen, den näher kommenden Einschlägen auszuweichen.

Jens Lapidus hat in seinem „Mach sie fertig“ wenig Mitleid mit seinen Figuren. In einer deutlich abwärts zeigenden Spirale aus Versagen und Gewalt treibt der 37-Jährige Autor, der von Haus aus Jurist ist, sein Trio unaufhaltsam einem Showdown entgegen, von dem schon früh klar ist, dass es nicht gut ausgehen kann.

Fehlgriff der Marketing-Strategen

„Mach Sie fertig“ ist ein sehr solides Exemplar der Gattung Kriminalliteratur. Die Konstruktion der drei Hauptdarsteller ist sogar außergewöhnlich gelungen. Das Lapidus Buch dennoch nicht vollends zufrieden stellt, hat zwei Ursachen. Der Anwalt und Autor versucht sich an der Sprache der Immigranten und Kleinganoven. Das ist angesichts des beschriebenen Milieus angemessen, aber nicht immer glaubhaft. Die Ghettosprache wirkt aus der Feder des erfolgreichen Anwaltes bisweilen künstlich, zu groß scheint die Distanz zwischen Urheber und Figur.
Der zweite Grund, der bei „Mach sie fertig“ Unbehagen auslöst, liegt bei den Marketing-Experten des deutschen Verlages. „Nach Stieg Larsson der erfolgreichste Thrillerautor Europas“, haben die PR-Strategen auf das Cover drucken lassen, und damit auch ohne explizit ausgesprochenen qualitativen Vergleich die Latte so hoch gelegt, dass Jens Lapidus sie eigentlich nur reißen kann. Aber dafür kann natürlich ihr Autor nichts.

 

Tatort:Stockholm

Es ist keine schöne Stadt, die Jens Lapidus beschreibt. Wenn man dem Autor folgt, besteht Stockholm ausschließlich aus tristen Vororten, heruntergekommen Sozialwohnungen mit viel Beton und wenig Lebensqualität, billigen Fitness-Studios, schmierigen Kneipen und halbseidenen Nachtclubs, in denen mindestens gekokst, meistens aber auch gedealt wird. Jens Lapidus folgt vielen schwedischen Autoren, die dem vermeintlichen schwedischen Idyll aus Holzhaus und Darlana-Pferdchen eine verkommene Metropole ohne Aussicht auf Besserung entgegensetzen. Der 37-Jährige setzt bei seinen Beschreibungen weniger auf Präzision als vielmehr auf Stimmungen. Das gelingt ihm, auch wenn man häufiger insgeheim denkt, „so schlimm kann es doch gar nicht sein“, sehr überzeugend.

Jens Lapidus, „Mach sie fertig“, Scherz, 14,95 €

VÖ: 8. Juni 2011

Ein Text von mir dazu gibt es auch in der Literarischen Welt

Kategorien
Neu

Ein Meisterdieb geht nie in den Ruhestand

Jean Salviati hat seine Tochter seit Jahren nicht gesehen. Das liegt daran, dass Lina seit Jahren ein Zigeunerleben führt und von Casino zu Casino und von Bar zu Bar vagabundiert. Der Kontakt ist aber auch deshalb abgebrochen, weil Salviato sich in ein abgelegenes Dorf in der Provence zurückgezogen hat und dort als Gärtner ein gepflegtes Rentnerdasein führt. Als seine Tochter in Schwierigkeiten gerät – das bleibt angesichts zahlreicher wenig erfolgreicher Casino-Besuche nicht aus – muss der unwillige Vater feststellen, dass sich Bankräuber nie wirklich zur Ruhe setzen. Denn das ist Jean Salvati, ein Meisterdieb außer Dienst.

Ein raffinierter Coup im Tessin

Für seine Tochter plant der Ganove mit einer Vorliebe für zarte Knospen und Petanque noch einmal einen Coup und versammelt dazu eine ungewöhnliche Crew, der sich unter anderem auch Privatdetektiv Elia Contini anschließt. Schließlich geht es darum, das Töchterein aus den Händen eines wahrhaft miesen, was Menschenleben betrifft, deutlich skrupellosen Schurken zu befreien.
Andrea Fazioli schickt in „Die letzte Nacht“ seinen Privatdetektiv Contini bereits zum zweiten Mal in den Kampf gegen das Böse. Mehr als nur heimlicher Hauptdarsteller ist jedoch der Senior-Ganove Jean Salviati, den mit Contini trotz sehr unterschiedlicher Positionen im Rechtssystem eine ungewöhnliche Freundschaft verbindet.
Fazioli hat mit seinem neuesten Fall einen überaus unterhaltsamen Krimi abgeliefert, der weniger durch drängende Hochspannung oder innovative Sprache begeistert, sondern eher durch den liebevolle Umgang mit seinen Darstellern und die genaue Beschreibung der Orte. Das wirkt auf angenehme Weise beinahe betulich. Insofern passt „Die letzte Nacht“ als leichte, aber keinesfalls platte Lektüre gut ins Urlaubsgepäck für den Sommer.

 

Tatort:Tessin

Andrea Fazioli, Jahrgang 78, lebt im Tessin. Das merkt man seinen Krimis an. Die Schweizer Bergwelt als Kulisse für den großen Coup fügen sich unauffällig aber dennoch präsent ins Gesamtwerk ein. Der Autor verwendet viel Mühe darauf, abgelegene Gehöfte in schroffen Bergtälern, pittoreske Dörfer und das beinahe mediterrane Lugano zu beschreiben. So wird das Tessin neben dem eigentlichen heimlichen Hauptdarsteller zur zweiten wichtigen „Figur“ der „letzten Nacht.
Andrea Fazioli, „Die letzte Nacht“, btb, 9,99 €
VÖ: Juni 2011