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Philip Kerr und Scott Manson: Krimi und Liebeserklärung an den Fußball

Wenn man ganz strenge Maßstäbe anlegt, produziert Philip Kerr eigentlich ziemlich großen Quatsch. Zu seinem Werk gehören einige Science-Thriller um Yetis oder killende Hochhäuser, historische Stoffe um einen Berliner Cop, der wirklich allen Nazi-Größen vor und während des 2 Weltkrieges auf die Füße tritt – und Krimis um einen ermittelnden Fußballtrainer.

Ganz ehrlich? Ich mag nicht streng sein. Die Bücher von Philip Kerr sind immer wieder großartig, beste Unterhaltung für jede Lebenslage. Kerr schafft es, dass ich als Leser alle Zweifel wegen mangelnder Glaubwürdig sehr weit beiseiteschiebe und mich haltlos im Plot verliere. So ist das auch bei der Trilogie um den schottischen, schwarzen Fußballtrainer mit deutschen Wurzeln, der wider Willen zum Detektiv wird. Scott Manson heißt der Mann, hat eine bewegte und komplizierte Vergangenheit und – wie eigentlich alle Kerr-Kreaturen – einen Schlag bei den Frauen.

Scott Manson ermittelt am Spielfeldrand

Den Auftakt macht „Wintertransfer“, in dem Manson den Mord an seinem Chef Zarco, einem portugiesischen Startrainer aufklärt. Danach folgt „Die Hand Gottes“, in dem es um den Tod eines Mittelstürmers auf dem Platz mitten beim Auswärtsspiel in Griechenland geht. Der dritte, und bislang  letzte (?) Teil schickt den fußballernden Detektiv in die Karibik, wo er einen vermissten Spieler des glorreichen FC Barcelona wiederfinden und zurückbringen soll.

Philipp Kerr räubert sich durch den internationalen Fußball

Wie bei seiner Bernie Gunther-Serie hat Philip Kerr keinerlei Berührungsängste. Hemmungslos lässt er reale Figuren des internationalen Fußballs durch seine Krimis stolpern. Gelegentlich verfremdet  er bekannte Figuren, gibt ihnen Kunstnamen, was nicht heißt, dass man sie nicht dennoch mühelos identifizieren kann.

Scott Manson, natürlich ein sympathischer Ermittler

Ohne hier in die Details zu gehen: Kerr hat wieder Plots erdacht, die krimi-gerechte Spannung garantieren. Es gibt Irr- und Umwege bei den Ermittlungen und immer wieder ordentliche Überraschungen. Und natürlich hat er seinen Scott Manson wieder so gestaltet, dass es sehr leicht fällt, ihn trotz – oder gerade wegen – seiner diversen Schwächen zu mögen.

Wütende Abrechnung und Liebeserklärung an den Fußball

Die besondere Faszination für die Scott-Manson-Reihe speist sich aber aus der Tatsache, dass Kerr als unbedingter und wütender Fan geschrieben hat. Alle drei Krimis sind ehrliche Liebeserklärungen an einen sehr simplen und gerade deshalb faszinierenden Sport, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherjagen. Gleichzeitig ist die Trilogie eine gnadenlose Abrechnung mit dem modernen Fußball. Kerr beschreibt einen Sport, der sich zu einer gewaltigen Unterhaltungsindustrie entwickelt hat, in dem Multimilliardäre das Spiel geschehen, Spieler zu unmündigen, twitternden Smartphone-Idioten, Trainer zu zynischen Menschenhändlern und Journalisten zu rückgratlosen Sidekicks auf einer gigantischen Show-Bühne mutieren.

Eine Krimi-Serie für Sportfans

Auch, wenn es vermutlich Heile-Welt-Verklärend ist, habe ich mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich beim Lesen zustimmend genickt habe, aber eben auch, weil auf jeder Seite zwischen aller Kritik die bedingungslose Liebe für den Sport durchschimmerte, eine Leidenschaft spürbar wurde, die jedes Leiden überstrahlt. Und wer Fußball mag, wer Sport liebt, der kennt das nur zu genau.

Philip Kerr, Wintertransfer, Tropen, 425 S., 9,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Hand Gottes, Tropen, 397S., 14,95€, VÖ: 2015

Philip Kerr, Die Falsche Neun, Tropen, 367 S., 14,95€, VÖ: 2016

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Ursula Poznanski und Arno Strobel stöbern „Anonym“ und erfolgreich im Darknet

Das österreichisch-deutsche Autorengespann Ursula Poznanski und Arno Strobel hat sich erneut zusammen gesetzt und einen Krimi geschrieben, weil das bei „fremd“ schon ganz gut funktioniert hatte. Der neue Krimi heißt „Anonym“ und ist wieder nach dem Prinzip aufgebaut. Zwei Figuren tragen die Handlung, und je ein Autor schreibt aus der Perspektive eines Ermittlers.

Ermittler am Rande der Funktionstüchtigkeit

Poznanski und Strobel haben sich dazu zwei interessante Gestalten ausgedacht, beide sind Polizisten in Hamburg. Nina Salomon ist neu in der Stadt, aus dubiosen Gründen aus der Nachbarstadt Bremen an ihren neuen Dienstort geflüchtet, eine ziemlich kaputte Gestalt und so gerade eben an der Grenze zur Funktionstüchtigkeit. Ihr Partner, Daniel Buchholz, ist auf ersten Blick das genaue Gegenteil. Er funktioniert perfekt, präsentiert eine makellose Oberfläche – und ist im Inneren beinahe so kaputt wie seine Kollegin.

Ursula Poznanski und Arno Strobel stöbern im Darknet

Das Ermittlerteam muss sich mit einem besonders widerlichen Mörder auseinandersetzten. Dieser nutzt die neuen Medien, Internetforen und Social Media, um die Menschen an seinen Verbrechen teilhaben zu lassen. Genauer gesagt lässt er abstimmen, welches seiner Opfer, die er als sterbenswürdig erachtet, er umbringen soll. Zur Auswahl stehen Kandidaten, die nach gemeinem Volksempfinden als unsympathisch gelten und Verbrechen unterschiedlichen Kalibers begangen haben. Ein Rechtsextremer, der Flüchtlingsheime anzündet, ein Arzt, der intrigiert und sich bereichert, eine untreue Ehefrau und ein Hundebesitzer, der seinen Hund in fremde Gärten kacken lässt, geraten unterschiedslos auf die Todesliste

Ankläger, Richter und Henker im Personalunion

Die Polizisten laufen dem Täter, der seine Aktivitäten in das sogenannte Darknet verlegt hat, lange vergeblich hinterher. Immer perfider werden die Runden, irgendwann lässt der Mörder die Menschen im Internet nicht mehr nur Richter spielen, sie werden Ankläger und Henker in Personalunion, die sogar selber Todeskandidaten nominieren dürfen.

Anonym erfüllt alle wichtigen Qualitätskriterien

Streng genommen bietet das Buch von Poznanski und Strobel wenig innovative Ideen. Auch, wenn die Autoren mit ihrem Krimi formal nicht wirklich Neuland betreten, ist „anonym“ perfekte Unterhaltung. Das Buch ist handwerklich einfach außerordentlich gut gemacht. Die Protagonisten blicken hinreichend oft in klare, aber auch vom Nebel der Erinnerung verhangene Abgründe, dass sie gleichzeitig interessant und auf einer empathischen Ebene sympathisch sind (soll heißen, sie sind nicht wirklich immer sympathisch, aber der Leser mag sie trotzdem). Außerdem ist die Geschichte schön verwoben komplex und gleichzeitig schnörkellos klar erzählt, dass sie ein atemberaubendes Tempo aufnimmt, was für ein Krimi ja ein wichtiges Qualitätskriterium darstellt. Vermutlich ist das Thema Darknet und Internetjustiz dem Einfluss von Ursula Poznanski zu verdanken, die sich beim Schreiben ja immer ein gesellschaftlich relevantes Zeitgeistphänomen vornimmt und erklärt. Das bleibt genre-bedingt natürlich oft etwas oberflächlich, verhilft ihren Krimis aber zu einer diffusen gesellschaftliche Relevanz und gleichzeitig zu einer Erdung im Leben – und das ist eine weitere Stärke. Anonym erfüllt also alle (wichtigen) Qualitätskriterien. Wem für graue Novembertage also noch eine Empfehlung fehlt: Lesen. Macht Spaß!

Ursula Poznanski, Arno Strobel, Anonym, Wunderlich, 378 S., 19,95€, VÖ: Oktober 2016

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Patricia Cornwells Paranoia: Es ist kein Raum mehr für literarische Verschwörungstheorien

Zu den Marathon-Schreiberinnen im Krimi-Betrieb gehört auch Patricia Cornwell. Seit 1990 geht ihre Pathologin Kay Scarpetta jetzt schon auf Mörderjagd. Die ersten Folgen der Serie waren sensationell: extrem dicht geschrieben, spannend, und häufig harte Kost. Wie das bei lang laufenden Serien so ist, stellten sich irgendwann Ermüdungserscheinungen ein, die Verbrechen, die Verschwörungen und die Fähigkeiten der Supernichte Lucy wurden immer bombastischer.

Annäherung nach langer Kay-Scarpetta-Abstinenz

Nach einer gefühlt mindestens zehnjährigen Abstinenz jetzt also eine erneute Annährung. „Paranoia“ heißt der bislang neueste Krimi von Patricia Cornwell. Schnell wird klar: Die Autorin verdichtet die Handlung wie immer, erzeugt Spannung und Grusel wie am ersten Tag. Und doch ist ihr Thriller auf den zweiten Blick reichlich merkwürdig.

Ungereimtheiten bei einem Haushaltsunfall

Kay Scarpetta, mittlerweile in Neuengland tätig, wird zu einem Todesfall gerufen, von dem alle vermuten, es sei ein Haushaltsunfall. Die Gerichtsmedizinerin entdeckt am Fundort der Leiche jedoch schnell Ungereimtheiten, und das, obwohl sie abgelenkt ist. Irgendwer schickt ihr einen Link zu Videos, die ihre Nichte zeigen. Videos, die heimlich aufgenommen wurden, und – so entdeckt Scarpetta schnell – schon einige Jahre alt sind. Kein Wunder, dass Fragen aufkommen: Muss Scarpetta das Bild ihrer Nichte revidieren? Inszeniert jemand seit 20 Jahren schon den Versuch, ihre in Ermittlerkreisen höchst umstrittene Nichte Lucy weiter zu diskreditieren? Droht akute Gefahr?

Ein Fest für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker

Die Pathologin lässt ihren Tatort im Stich, und macht sich auf den Weg zu ihrer Nichte. Der droht Ungemach, nicht von Bösewichten, sondern von höchst offizieller Stelle. Ermittler des FBI haben sich auf dem Anwesen breit gemacht. Bereits hier verändert sich „Paranoia“ zur Leib- und Magenlektüre für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker. Obgleich Scarpetta selber seit Jahrzehnten Ordnungshüterin ist, seit geraumer Zeit mit einem FBI-Agenten verheiratet ist, wittert sie Verrat von staatlicher Seite. Spätestens ab diesem Moment beginnt der Leser sich zu fragen, ob – so viel volkstümliche Formulierung sei ausnahmsweise einmal erlaubt – die Autorin einen an der Waffel hat.

Patricia Cornwell: Verwirrstück um Verfolgungswahn

Man kann den Band als raffiniert gewebtes Verwirrstück lesen, dessen Titel Programm ist. Formal spielt sich die gesamte Handlung innerhalb eines einzigen Tages ab, ein Tag, an dem die Protagonistin und ihre Freunde alle Gewissheiten verlieren, Verwandte, Freunde, Partner zu potentiellen Verschwörern werden. Lange Zeit ist offen, ob Kay Scarpetta und ihre Nichte tatsächlich verfolgt werden, oder sie nur einen schweren Schub der titelgebenden „Paranoia“ durchleben.

Cornwells „Paranoia“ bleibt merkwürdig

Wirklich gelungen ist das nicht, weil die Konstruktion, so spannungsgeladen sie ist, so komplex sie erdacht wurde, ganz genau zwischen den Buchdeckeln funktioniert. Wenn man die Handlung in den größeren Bogen der ganzen Serie einbettet, erscheint das Thema konstruiert, wenn die Realität als Schablone hinzukommt, verstärkt sich der Merkwürdig-Effekt bei allem Verständnis und Faible für dichterische Freiheit ganz gewaltig.

Es gibt zu viele Verschwörungstheoretiker

Vielleicht funktionieren Verschwörungsthemen im Thriller auch im Social-Media-Zeitalter nicht mehr. Wenn AfD-Wähler, Donald-Trump-Anhänger und andere unkritische bzw durchgeknallte Facebook-Nutzer die abstrusesten Theorien über Staaten und Gesellschaften für wahr halten, teilen und mit erbittertem Ernst und wirrer Logik verteidigen, macht es keinen Spaß mehr, sich im Krimi mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen.  Die abwegigsten Phantasien von Thriller- Autoren werden  mittlerweile häufig vom politischen Wahn rechthaberischer Rechter überflügelt – und das ist dann nicht unterhaltsam, sondern sehr gefährlich.

Patricia Cornwell, Paranoia, Hoffmann&Campe, 400 S., 24€, VÖ: 17. September 2016

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Sven Kochs Dünenkiller: Mord und Totschlag zwischen Marsch und Watt

Eine herrenlos in der Nordsee treibende Yacht, ein Auftragskiller und drei neugierige Fischer bilden den Auftakt zu „Dünenkiller“, dem neuesten Krimi von Sven Koch. Letztere finden erstere im Wattenmeer, nach dem der Killer dort sein blutiges Geschäft betrieben hat. Drei Leichen und eine Schwerverletze schockieren die biederen Krabbenfischer bis ins Mark – und sollen die Soko des niedersächsischen Landeskriminalamts um die Kommissare Femke Folkmer und Tjark Wolf gehörig auf Trab halten.

Tödliches Ende eines Segeltörns

Die Toten auf der Yacht sind erfolgreiche Geschäftsleute, die so stellt sich schnell heraus, in eine tödliche Falle gelockt worden waren. Nicht klären lässt sich zunächst, welche Rolle die junge Russin Aisa, die nur knapp dem Tod entging, an Bord der Yacht spielte. Jedenfalls weckt die stumm bleibende junge Frau schnell die Beschützerinstinkte der Polizisten. Obwohl sie die Frau in einem Ferienhaus verstecken, können sie einen Angriff nicht verhindern. Allerdings geht das Gemetzel anders aus als es die Polizisten vermutet hätten. Die beschauliche Region am Rande der norddeutschen Tiefebene wird jedenfalls von immer neuen, immer bösartigeren Finsterlingen heimgesucht. Es herrscht Mord und Totschlag zwischen Marsch und Watt

Zwei Interpretationen zu Sven Kochs Dünenkiller

„Dünenkiller“ von Sven Koch lässt sich auf zwei Arten bewerten. Erstens: „Dünengrab“ ist ein sehr unterhaltsamer, angenehm zu lesender Krimi mit sympathischen Figuren und einer ordentlich komplexen Handlung, die in einem genregerechten Showdown mündet. Wer zur entspannten Ablenkung, beispielsweise im Flieger oder am Strand, gut gemachte Unterhaltung sucht, wird hier bestens bedient

Zweitens: „Dünenkiller“ kommt ohne wirklich originelle Einfälle aus. Die Kommissarin mag Pferde, der Kommissar ist bindungsscheu und wird von Dämonen der Vergangenheit getrieben, der russische Oligarch wiederum ist korrupt und blutrünstig bis ins Mark. Alle Ideen, die Sven Koch verwendet, hat man so oder so ähnlich schon allzu häufig gelesen. „Dünenkiller“ ist, wenn man strenge Maßstäbe anlegt, klischeebeladen bis vorhersehbar. Wer einen innovativen oder außergewöhnlichen Krimi lesen will, ist hier völlig fehl am Platz.

Lesespaß durch sympathisches Personal

Mir hat „Dünenkiller“, obwohl man als Krimi-Blogger natürlich eigentlich immer auf das Besondere hofft, Spaß gemacht. Bisweilen reicht es auch einmal völlig aus, wenn bekannte Ideen auf hohem handwerklichen Niveau neu zusammengesetzt werden. Das funktioniert vor allem dann, wenn das handelnde Personal sympathisch ist. Ausgetretene Pfade können eben auch einmal reizvoll sein, wenn die Begleitung stimmt – und dafür sorgt Sven Koch.

Sven Koch, Dünenkiller, Knaur, 423S., 8,99€, VÖ: Mai 2015

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Christine Cazons „Mörderische Côte d’Azur“: Ästhetik der fünfziger Jahre

Es gibt, um das Fazit vorweg zu nehmen, zwei Möglichkeiten „Mörderische Côte d’Azur“ von Christine Cazon zu bewerten. Die erste, etwas einfachere Variante lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Ein solider, mäßig spannender, eher durchschnittlicher, aber insgesamt einigermaßen unterhaltsamer Krimi.

Pseudo-authentische Sprachfragmente bei Christine Cazon

Die zweite, offen gestanden einigermaßen ungnädige Einordnung, wäre mit einem knappen „unerträglich“ abgehandelt. Ein solch deutliches Urteil verlangt natürlich eine Begründung. Und die fällt in diesem Fall höchst subjektiv, wenn man so will in erster Linie Stilfragen betreffend, aus. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn Romanfiguren zur Bekräftigung lokaler Zuordnung Dialektfetzen oder in diesem Fall Rudimente fremder Sprachen in den Mund gelegt werden. Tatsächlich aber wird in „Mörderische Côte d’Azur“ dem Leser nicht nur ständig „Bonjour-“ oder „Monsieur“ entgegengeschleudert, sondern immer wieder, in erratischen Abständen auch „n’est ce pas-“ oder „Ah-bon“. Fehlt eigentlich nur noch ein gelegentliches „Oh-la-la“, damit auch der Dümmste begreift: Dieser Krimi spielt in Cannes, und das liegt in Frankreich.

Ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre

Ich finde, Krimis müssen in erster Linie unterhalten. Insofern dürfen sie die Anforderung des Hochfeuilletons an permanenten sprachliche Innovation in der Literatur weitgehend ignorieren, aber ein ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre muss andererseits wirklich auch nicht sein. Letztlich ersetzen diese französischen Fragmente das genaue Hinschauen auf tatsächliche „exotische“ Eigenheiten anderer Kulturen. Insofern verschenkt „Mörderische Côte d’Azur“ permanent Steilvorlagen in den freien Krimi-Raum. Das Stilmittel des Sprachfragment erinnert vielmehr an Karl May und seine Beschreibungen von Regionen, die er nie gesehen hatet. Das passt zu ersten Spekulationen, dass es sich bei Christine Cazon, die laut Klappentext mit „Mann und zwei Katzen in Cannes lebt“ um ein Pseudonym handelt.

Ein Mord bei den Filmfestspielen in Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“

Die Krimi-Idee ist dabei eigentlich nicht schlecht. Kommissar Léon Duval, der sich von Paris nach Cannes hat versetzen lassen, wird noch während seines eigenen Umzuges in den Festspielpalast gerufen. Mitten während einer Filmvorführung wird ein profilierter Regisseur erschossen.  Kommissar Duval, natürlich permanent „Monsieur le Commissaire“ genannt und sein Team begeben sich auf die Suche. Schnell stellen sie fest, dass der gefeierte Dokumentarfilmer gleich mehrere dunkle Flecken in seiner Vergangenheit hat. Duval nimmt sich noch Zeit, gleichzeitig mit seiner Ex-Frau zu schlafen und ausgiebig mit einer  jungen, schönen Journalistin zu flirten, bevor er den Täter überführt.

Tatort:Cannes

Französische Floskeln ersetzen den präzisen Blick. So könnte man die Beschreibung des  Tatort Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“ kurz zusammenfassen. Man weiß nicht, wie gut sich die Autorin sich in der südfranzösischen Stadt auskennt, hat aber dauerhaft das Gefühl mit Stereotypen überhäuft zu werden. Ja, Stau. Ja, einfache kleine Restaurants mit sensationellem Essen. Ja, Touristen. Ja, schicke Yachten im Hafen vor der Promenade. Und ja, natürlich ein Irrsinn während der Filmefestspiele. Das hätte man aber offen gestanden alles auch ohne sich länger als der durchschnittliche frankophile Tourist in der Stadt aufzuhalten, herausgefunden – und aufschreiben können.

Christine Cazon, „Mörderische Côte d’Azur“, Kiwi, 331S., 9,99€, VÖ: Februar 2014

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Menschliche Abgründe in Jan Erik Fjells Kälteeinbruch

Wirklich sympathisch ist Anton Brekke nicht. Er denkt großkotzig, hat einen eher zweifelhaften Humor und behandelt Kollegen wie Untergebene gleichermaßen von oben herab. Eigentlich wäre Brekke vergleichsweise unerträglich, wenn er nicht gleichzeitig erstens ein armes Würstchen wäre, dem Frau und Kind davon gelaufen sind und er zweitens ein außergewöhnlich guter Ermittler bei norwegischen Polizei wäre.

Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch

In seinem zweiten Fall, „Kälteeinbruch“ muss sich Brekke, so will es sein Schöpfer, der Schriftsteller Jan-Erik Fjell, wieder mit dem tiefsten Abgründen menschlicher Existenz herumschlagen. Es geht um Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch.

Ein widerspenstiger Handlanger setzt eine Spirale der Gewalt in Gang

Ins Rollen kommt die Geschichte als ein litauischer Handlanger, der als Kurier für ein Verbrecher-Syndikat arbeitet, seine Ware, zwei kleine Jungen, nicht am Ziel abliefern kann. Dem Litauer wächst so etwas wie ein Gewissen und er beschließt, die Kinder anders als von den Auftraggebern befohlen, nicht umzubringen. Das setzt eine Kette aus Gewalt in Gang, die für mehrere Beteiligte tödlich enden soll.

Mord an einem Lehrer in Jan Erik Fjells „Kälteeinbruch“

Gleichzeitig, in einem völlig anderen Fall, rückt Anton Brekke aus, um den Mord an einem Lehrer zu untersuchen. Weshalb der zurückgezogen lebende, unscheinbare Mann ermordet wurde, will sich den Ermittlern zunächst nicht so recht erschließen.

Jan Erik Fjell fügt lässt in „Kälteeinbruch“ wieder intelligent Handlungsstränge parallel nebeneinander herlaufen.  Der Norweger schafft es gleichzeitig komplexe Situationen ablaufen zu lassen und sie dazu noch  mit interessantem Personal zu füllen. Insbesondere die „Nebendarsteller“ sind Fjell gut gelungen

Ein Kommissar, mit dem man nicht recht warm werden will

Die einzige Ausnahme, der einzige Schönheitsfehler wenn man so will, ist tatsächlich der Hauptdarsteller. So richtig will man mit Kommissar Anton Brekke nicht warm werden. Häufig sind ja Menschen mit kleinen Schwächen sympathisch, bei Brekke will sich dieses Gefühl nicht wirklich einstellen. Insofern liest man den Krimi aus Norwegen ein wenig um den Kommissar herum. Das bereitet dem Gesamtvergnügen aber wenig Abbruch, weil „Kälteeinbruch“ die Mindestanforderung an einen Krimi locker über-erfüllt: Er ist spannend. Er hat ein überraschendes Ende. Er unterhält

Tatort:Norwegen

Oslo ist eine Großstadt. Direkt vor den Toren der norwegischen Hauptstadt wird es ländlich, greift die Einsamkeit der dünn besiedelten Natur sich den Raum, und damit auch die Bühne von Jan-Erik Fjells „Kälteeinbruch“. Der Norweger Fjell legt in seinen Krimis meist keinen großen Wert auf szenische Beschreibungen, aber mit wohl dosierten Beschreibungen charakterisiert er die Einsamkeit der abgelegenen Hütte, die Tristesse die sich aus der winterlichen Mischung aus Kälte und Dunkelheit in Skandinavien zusammenbraut, sehr treffend: Dabei ist es vergleichsweise gleichgültig, ober er nur Klischees bedient oder die Wirklichkeit beschreibt. Für seinen Krimi funktioniert es. Und darauf kommt es an.

Jan Erik Fjell, Kälteeinbruch, Rowohlt, 554S, 9,99€, VÖ: Dezember 2013

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Die besten Krimis 2013: Eine Bestenliste

Es war wieder ein erstaunlich hoher Stapel an Kriminalromanen, durch die ich mich in den vergangenen Monaten hindurchgelesen habe. Auch Dieses Jahr gibt es also wieder einen Überblick mit den meiner Meinung nach besten Krimis des Jahres 2013.

Roger Hobbs: Ghostman

Ein blutjunger Autor schreibt sehr abgeklärt eine herrlich düstere Gangsterballade, um einen Cleaner, der für Verbrechersyndikate aufräumt.

 

Christopher Brookmyre, Die hohe Kunst des Bankraubes

Schön schräg erzählt Christopfer Brookmyre seine Räuberpistole um ein raffiniertes Verbrechen und einen Rachefeldzug im schottischen Glasgow.

Jan Faber, Kalte Macht

Einen hübschen Einblick in den Unterleib Berliner Politik gewährt uns Jan Faber. Genau so intrigant und verdorben möchte man sich das Leben rund um Reichstag und Kanzleramt vorstellen.

Harald Gilbers, Germania

Der Titel ist eine Mogelpackung. Der Krimi dahinter, der in der Zeit des Nazi-Terrors spielt,  spannend erzählt und gut erdacht, ein Vergnügen für alle, die historisch angesiedelte Krimis mögen.

Massimo Carlotto, Die Marseille-Connection

Wenig Hoffnung lässt Massimo Carlotto seinen Lesern in der Marseille-Connection: Banden regieren bis dicht unter eine bürgerliche Oberfläche die Welt, und die Polizei unterscheidet sich nur graduell von den Verbrechern, die sie jagen soll.

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Das sind meine Krimi-Favoriten des Jahres 2012

Auch in diesem Jahr sind wieder jede Menge Krimis erschienen. Es war viel Durchschnittsware dabei, aber auch einige echte Perlen. Auch dieses Jahr habe ich deshalb als Jahresrückblick und Kauf (Schenk-)Empfehlung zugleich meine ganz persönliche Bestenliste mit den fünf interessantesten/spannendsten/lesenswerten Kriminalromanen zusammengestellt.

 

1. Sam Hawkens: Die toten Frauen von  Juarez, Tropen

Der US-Amerikaner Sam Hawkens beschreibt das Schicksal eines heruntergekommenen Boxers und erzählt damit die wahre Geschichte einer unfassbar brutalen Mordserie an jungen Frauen in der nordmexikanischen Ciudad de Juarez.

 

2. Bernhard Jaumann, Steinland, Kindler

Ein Krimi aus Namibia. Bernhard Jaumann benutzt nicht nur eine in der Kriminalliteratur bedauerlich seltene schöne Sprache, er transportiert über seinen Kriminalroman Informationen aus einem zerrissenen Land.

 

3. Parker Bilal, Die dunklen Straßen von Kairo, Rowohlt

Von der Geschichte überholt, könnte man meinen. Aber der Kairo-Krimi um einen wackeren Privatdetektiv, der mindestens Knietief durch einen Sumpf aus Korruption und Gewalt waten muss, sagt vieles über die Zustände in Ägypten vor der Arabellion aus. Insofern ist er nicht allein außerordentlich unterhaltsam sondern auch sehr lehrreich.

 

4. Marc Elsberg, Blackout, Blanvalet

Der Österreicher Marc Elsberg hat wenig Mitleid mit Europa. Er stellt den Strom ab und stürzt einen ganzen Kontinent in Chaos. Das ist gemein, aber total spannend:. Ein Technologie-Thriller auf höchstem Niveau.

 

5. Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt, Die Frauen die er kannte, Rowohlt/Polaris

Die beiden Schweden, die den Unsympathen Sebastian Bergman erfanden, stehen jetzt schon zum zweiten Mal auf dieser Liste. Ihre Krimis aus Skandinavien stehen aber auch in der besten Tradition schwedischer Krimis, sie sind komplex, spannend und von einer mitreißenden Menschlichkeit.

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Krimi-Radar: Einkaufen