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In Hanna Winters „Opfertod“ legt ein Serienmörder eine Spur aus Leichenteilen

Lena Peters hat es wirklich nicht leicht. Der Chef ist schwierig, die Kollegen versuchen sich in der Kunst des Mobbens und privat läuft es auch nicht viel besser: Sie verlor als Kind bei einem Unfall ihre Eltern, musste mit ansehen, wie beide im Autowrack verbrannten. Zu allem Überfluss schleppt sie als Ballast noch eine drogensüchtige, psychisch instabile Zwillingsschwester mit durchs Leben. Damit es für die junge Frau nicht zu leicht wird, hat sie zu allem Überfluss bei der Berufswahl nicht aufgepasst und muss als Psychologin und Profilerin für die Polizei Serienmörder und sonstige Psychopathen jagen.
Die junge Autorin Hanna Winter hat ihrer Protagonistin das schwer Bündel geschnürt – und gehört zu den stärkeren Seiten ihres neuesten Kriminalromans „Opfertod“, dass die Biographie dennoch funktioniert. Lena Peters ist eine sympathische Persönlichkeit, deren Probleme wohl dosiert über mehrere hundert Seiten verteil werden und so nicht aufdringlich wirken.

Profilerin Lena Peters jagt einen Serienmörder
Die Profilerin wird von der Berliner Polizei angefordert, um eine überaus unappetitliche Mordserie aufzuklären. Ein Unbekannter entführt scheinbar wahllos junge Frauen, um sie zu verstümmeln und zu ermorden. Jedenfalls findet die Polizei in Berlin gleich dutzendweise Frauenleichen, denen die unterschiedlichste Körperteile amputiert werden. Lena Peters soll ein Profil des Killers erstellen und muss schnell feststellen, dass sie bei ihren Kollegen auf Barrieren und ansonsten auf zahllose Ungereimtheiten stößt. Schnell wird sie zur Außenseiterin und ermittelt auf eigene Faust. Dass sie dabei in Gefahr gerät, bedarf keiner weiteren Erwähnung.

Eine sympathische Ermittlerin in einer Geschichte mit Lücken
„Opfertod“ ist ein zwiespältiger Kriminalroman. Hanna Winter hat, wie schon angedeutet, eine sympathische Hauptfigur und einen glaubwürdigen „Sidekick“ erdacht, die ein ermittelndes Duo ergeben, dem man gerne durch die Handlung folgt. Bei der Krimihandlung jedoch zeigt der Thriller Schwächen, obwohl die Grundidee ebenfalls durchaus gelungen ist. Bei den Details wirkt die Geschichte jedoch immer wieder konstruiert bis unglaubwürdig, oft hilft der Zufall, die Handlung voranzutreiben. Gelegentlich scheint es, als habe die Autorin auch keine Erklärung für das Geschehen, wisse nur, dass es eben irgendwie weitergehen muss. Auch die Motive des handelnden Personals, insbesondere des Bösewichts, werden nicht nur nicht erklärt, sondern bleiben gelegentlich unverständlich.

Hanna Winter bietet Unterhaltung für entspannte Leser
„Opfertod“ versteht also vor allem wegen des interessant erdachten Personals den geneigten, kleineren Mängeln tolerant gegenüberstehenden Krimi-Leser zu unterhalten, wird aber keinen bleibenden Eindruck als große Krimiliteratur hinterlassen. Da der Kriminalroman allerdings sehr entschieden als Serie angelegt ist, bleibt ja Hoffnung auf eine Fortsetzung, die Stärken ausbaut und Schwächen abstellt, so dass sich Lena Peters doch noch einen Platz im erinnernswerten Ermittler-Kreis sichert

 

Tatort:Berlin
Berlin scheint ein Dorf. Im Rekordtempo geht es jedenfalls durch die Stadt, von Spandau in den Wedding, nach Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain. Die weiten Wege, die dazwischen liegen, sind keiner weiteren Erwähnung wert. Insofern bringt „Opfertod“ die Stadt nicht wirklich näher. Dass eine – und sei es eine junge – Polizeimitarbeiterin in der Nähe der Boxhagener Straße in Friedrichshain wohnt, ist nur damit zu erklären, dass diese Adresse aus unerfindlichen Gründen immer noch als besonders interessant gilt. Ansonsten hagelt des gelegentlich Stereotypen. Das ist nicht schlimm. Berlin hält das aus. Die Hauptstadt hat zwar noch immer keinen besonderen Glamour-Faktor, aber als heruntergekommene Kulisse für zwielichtige Gestalten ist sie traditionell unschlagbar. Insofern funktioniert auch der Tatort Berlin für Hanna Winters „Opfertod“ sehr gut.
Hanna Winter, Opfertod, Ullstein, 318 S., 8,99€
VÖ: März 2012

 


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Klassiker

„Emil und die Detektive“, „die Einstiegsdroge“ für Krimileser

Ein Buch zu schreiben, ist sehr einfach. Eigentlich genau so leicht, wie Geflügel zu braten. Man muss eben nur das Rezept kennen und die richtige Reihenfolge einhalten, also das Tier beispielsweise erst rupfen, bevor es in die Pfanne kommt. Diese Tipps lässt sich Erich Kästner selber von einem fiktiven Ober geben.

Erich Kästner zeigt, wie es geht

Kästner macht sogleich vor, wie es geht. „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1928 ist ein Kinderbuch, ein dünnes zumal. Allerdings zeigt der Autor der Konkurrenz, wie man heute so sagen würde, „wo der Hammer hängt“.  Das Kinderbuch versprüht auf den ersten drei Seiten so viel Geist und Witz, wie ihn andere Schriftsteller auf 400 Seiten nicht hinbekommen. Es ist, um Kästners Worte zu gebrauchen, „kolossal gut“ gelungen.

Vorbildlicher Sohn, findiger Detektiv

Die Geschichte ist natürlich kindgerecht einfach. Emil Tischbein reist aus Neustadt zur Großmutter nach Berlin, schläft im Zug ein und wird von einem Mitreisenden bestohlen. Hartnäckig wie er ist, verfolgt er den Dieb. Er begibt sich auf eine Odyssee durch Berlin, erhält Hilfe von einem ganzen Haufen anderer Kinder, fasst den Dieb und wird am Ende sogar fürstlich belohnt. Natürlich ist Emil ein vorbildlicher Sohn, selbstverständlich bleibt er, so viel Kinderbuchmoral muss sein, trotz neu gewonnenen Reichtums bescheiden.

Erich Kästner schuf mit seinem „Emil und die Detektive zunächst ein amüsantes Kinderbuch, das mit lockeren Sprache, seinem Verzicht auf moralinsaure Lehren und den erhobenen Zeigefinger stilbildend für Kinder- und Jugendliteratur wurde. Damit nicht genug, schrieb der gebürtigen Dresdner zugleich ein bei aller altersgerechten Schlichtheit mitreißender Krimi und  ein gerade aus heutiger Perspektive  ungemein fesselndes Portrait der frühen Großstadt Berlin.

Eine schnörkellos erzählte Geschichte

Das gelingt dem Journalisten, Drehbuch- und Romanautoren Kästner auch deshalb derart großartig, weil er eine wunderbar klare Sprache findet, die Geschichte schnörkellos vorantreibt und sich gleichzeitig den liebevollen Blick für die Details bewahrt.

Für Generationen von Lesern ist Kästners Klassiker, dem ein Platz im Zentrum des literarischen Olymps gebührt, die „Einstiegsdroge“  in die Kriminalliteratur. Auch deshalb verdient das Abenteuer des Landeis Emil Tischbein, dass ihn auch Erwachsene mal wieder zur Hand nehmen.

 

Tatort:Berlin

Die Stadt, in der Emil seine Abenteuer besteht, ist das Berlin der „Goldenen 20er“. Die Stadt wächst und wächst, gleichzeitig sind Schöneberg, Charlottenburg oder der Wedding beinahe noch Vororte, gerade erst in das neue Großberlin eingemeindet. Entsprechend bewegen sich Emil und seine Detektive im alten Kernberlin, vom Bahnhof Zoo über die Friedrichstraße bis hin zum Alex.

Es ist ein optimistisches Berlin – und das nicht nur, weil Erich Kästner ein Kinderbuch geschrieben hat. Die Errungenschaften der Industrialisierung, elektischer Strom, das Telefon, die Eisenbahn oder das Auto sind noch nicht so vertraut, als das es nicht noch begeistert gewürdigt werden könnte.

In der optimistischen Schilderung, die aber auch die sozialen Probleme der Zeit nicht ausblendet, ersteht eine faszinierende Skizze des Berlins jener Jahre. Das erhöht den Lesereiz noch einmal ungemein – für Berliner und für alle anderen gleichermaßen.

Erich Kästner, Emil und die Detektive; Dressler Verlag, 12 €

VÖ: 1929

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Schauplätze

Berliner Orte für Krimifans: Drei Tipps und eine Liste

Berlin bietet zahlreiche geeignete Schauplätze für Krimihandlungen. Hier drei ganz persönliche Berlin-Tipps: Außerordentliche Orte, die sich zum Schauen und Wohlfühlen eignen – und die sich Krimi-Freunde auch als Kulisse für finstere Szenen denken können. Für Berlin-Besucher, die keine Lust haben, dicke Reiseführer zu wälzen, außerdem noch eine Liste mit besprochenen Krimis aus der Stadt, auf deren Spuren sich möglicherweise ganz neue Berlin-Perspektiven ergeben.

 

Gewöhnungsbedürftige Schönheit: Der Gesundbrunnenkiez

Schön geht anders. Rund um das ultramoderne Gesundbrunnen-Center gruppieren sich Berliner Wohnhäuser aus der Gründerzeit und typische architektonische Scheußlichkeiten der sechziger und siebziger Jahre. Ein buntes Völkergemisch treibt sich auf den Straßen. Zumindest an sonnigen Wochenendtagen scheint die multikulturelle Idee hier noch zu funktionieren. Es gibt unter anderem türkisch, vietnamesisch und polnisch besiedelte Straßenzüge, was sich auch in Geschäften und Restaurants niederschlägt. Das Gesundbrunnenviertel, Bestandteil des Arbeiterviertels und Armenquartiers Wedding, ist ein Kiez von Gegensätzen: Islamische „Kultur“-Vereine, in denen sich streng gläubige Moslems treffen wechseln sich in den Fassaden mit Wettbüros in denen allerlei zwielichtiges Volk auf Pferde und Fußballteams aus aller Welt setzt. Auch die Döner-Bude und die heruntergekommene Hertha-Eckkneipe leben in einem Kiez dessen Bewohner zum größten Teil Migrationshintergrund haben, in friedlicher Koexistenz. Letztlich hat sich das Gesundbrunnenviertel, das einst als Amüsierviertel ums Sophienbad entstand, seinen Charakter bis heute bewahrt. Hier steht vermutlich auch die Wiege des leicht prolligen, latent großmäuligen und  gelegentlich  halbseidenen Berlins.

 

Das Neue Museum ist das perfekte Labyrinth für Regentage

Das Neue Museum: Es gibt in Berlin eigentlich nichts, was nicht benörgelt wird: Das gilt auch für das Neue Museum – und vor allem für seine Sanierung. Dabei ist dem Architekten David Chipperfield schlicht eine sensationelle Rekonstruktion des in der Blütezeit des deutschen Klassizismus vom Architekten Friedrich August Stühler entworfenen Baus gelungen. Der Architekt hat dort, wo nichts mehr stand, sehr moderne, schlichte Elemente eingesetzt und gleichzeitig die Reste des ursprünglichen Baus erhalten. Das gilt auch für Wandverzierungen und Farben. Wer sich ein wenig für Geschichte und alte Kulturen interessiert, kann an verregneten Herbsttagen sich stundenlang in den verschiedenen Ausstellungsräumen verlieren – auch ohne sich durch die Menschentrauben in Nofretetes Wohnzimmer zu schieben.

 

Poserfreie  Zone: Das Prater-Restaurant

Der Prater: Im Sommer wird es im Prater schon mal unerträglich- wie eigentlich beinahe überall, wo viele Menschen aufeinandertreffen. Im Sommer ist der Prater Biergarten, obgleich mit großer Tradition, doch meist vom üblichen Neuberliner Volk belagert. Ständig gut gelaunte Agentur-Kreative mit Iphone und sorgfältig zurückgegeltem Haar rangeln mit alternativen Kampfmuttis mit Designerkinderwagen um die besten Plätze an den Biertischen. Dazwischen verlieren sich gelegentlich noch alte Ost-Intellektuelle, die alles besser wissen.

Im Winter jedoch bleibt der Biergarten dunkel. Den Eingang zum Prater-Restaurant erhellen allein die Sterne und der Barackenartige Holzbau strahlt insbesondere an frostigen Abenden ein altmodisch-warmes Licht aus. Im Innern setzt sich der Eindruck fort. Der Innenraum mit Einrichtung und Charme eines gründerzeitlichen Bahnhofs widerstand bislang jeglichen Moden und kommt ohne jeden Designer-Schnickschnack aus.

Die Speisekarte ist schlicht, das Essen solide, aber wenig aufregend. Es ist ein Ort für Gespräche oder zum Nachdenken, kein Raum für Poser oder Romantiker. Genau das macht den Prater so angenehm.

 

tatort:berlin

Kommissar Bernie Gunther muss sich wieder Bösewichter aus der Nazi- und der Nachkriegszeit auseinandersetzen.  Dazu kehrt er in „Mission Walhalla“ nach längerer Zeit wieder in seine Heimatstadt Berlin zurück.

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95 €

 

Kreuzberg und Neukölln sind das Jagdrevier des Federmannes, einem psychisch gestörten Serienmörder.  Max Bentow setzt die Hatz auf den kranken Geist fesselnd in Szene

Max Bentow, Der Federmann, Page&Turner, 14,99€

 

Uwe Klausner hat rund um den Bau der Berliner Mauer einen Roman geschrieben, der versucht, Geschichtsbuch und Thriller zugleich zu sein. Zumindest das erste gelingt dem “Kennedy-Syndrom“ gelegentlich recht unterhaltsam

Uwe Klausner, Kennedy-Syndrom, Gmeiner, 11,90 €

 

Die junge Notärztin Ella Bach wird zu einem Einsatz in Kreuzberg gerufen. Dort findet sie schwer misshandelte Frau. Doch es gibt keine „Erlösung„. Im Krankenhaus kommt ihr die Patientin abhanden. Bei der Suche begibt sich die Nachwuchsärztin in Gefahr.

C.C. Fischer, Erlösung, Blessing, 19,95 €

 

Erich Kästner schrieb ein Kinderbuch und schuf einen Krimi-Klassiker. In „Emil und die Detektive“ jagen Berliner Pennäler einen gemeinen Gangster, der das Landei Emil Tischbein gemein bestohlen hatte. Der Kinderkrimi hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt.

Erich Kästner, Emil und die Detektive; Dressler Verlag, 12 €

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Ein Krimi aus der Frontstadt des Kalten Krieges

Ein Szenario des Schreckens: Mitten im Kalten Krieg beschließt eine kleine Gruppe innerhalb des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA, dass es Zeit wird, die Konfrontation mit der UdSSR auf ein neues Niveau zu heben. Eine raffinierte Verschwörung soll den nach Ansicht der Hardliner schlaffen Präsidenten John F. Kennedy in eine offene Konfrontation mit der sowjetischen Führung treiben. Als passender Ort für die Eskalation wählen die Kriegstreiber die Frontstadt Berlin.

Die letzten Stunden vor dem Mauerbau

In dieses Szenario schickt Uwe Klausner seinen Berliner Kriminalpolizisten Tom Sydow. Der erfahrene Ermittler stößt bei einem Mordopfer, das in einem S-Bahnwagen gefunden wird, auf zahlreiche Ungereimtheiten. Als immer weitere Tote auftauchen, und Sydow und sein Team immer weitere Hinweise auf Manipulation entdecken, spitzt sich die Situation zu. Die deutschen Polizisten müssen sich nun mit Geheimagenten aus beiden Lagern auseinandersetzen. Die Uhr tickt zum Ultimatum. Der Bau der Mauer, dass allerdings weiß der Kommissar zu Beginn nicht, ist nur noch wenige Stunden entfernt.

Das „Kennedy-Syndrom“ von Uwe Klausner“

„Kennedy-Syndrom“ heißt der Roman von Uwe Klausner, der pünktlich zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August erscheint und munter mit Spekulationen zum Thema „Wer wusste was“ spielt. Klausner webt dazu Handlungsstränge in den USA und Berlin zusammen. Weder der CIA, noch der US-amerikanische Präsident noch die Westberliner Polizeiführung kommen dabei besonders gut weg.

Der Kriminalroman Klausners hinterlässt nach der Lektüre allerdings zwiespältige Gefühle. Klausner vermag es eine Geschichte zu erzählen, die Verdichtung der Handlung auf die wenigen letzten Tage vor dem Mauerbau gelingen ihm zur spannenden Geschichtsstunde. Dennoch wirkt das Thema, ein Agententhriller, der in den sechziger Jahren spielt, leicht angestaubt.

Marken und Moden der sechziger Jahre

Das gilt auch für die Sprache. Klausner stattet seine Akteure mit dem Wortschatz jener Jahre aus. Das ist sehr anfangs sehr amüsant, auch weil der Autor Moden, Marken und Begriffe der Sechziger wieder ausgräbt und liebevoll inszeniert. Aber leider verwendet er diesen Stil auch für seine eigenen Beschreibungen – und das wirkt mitunter altbacken. Als Berlin-Krimi oder für Freunde historischer Momentaufnahmen ist „Das Kennedy-Syndrom“ dennoch sehr gut geeignet.

 

Tatort:Berlin

Das Berlin des „Kennedy-Syndroms“ ist das alte Westberlin. Die Stadt ist geteilt, aber noch offen. Die Figuren halten sich daher an Plätzen auf, die in jenen Jahren – und eigentlich bis zum Fall der Mauer – zentral für das Leben im Westteil der Stadt waren, heute jedoch an den Rand der Wahrnehmung gedrängt sind, auch weil sich das Zentrum wieder Richtung Osten verschoben hat. Uwe Klausner lässt dieses „alte“ Berlin als in Charlottenburg, Schöneberg und Zehlendorf noch das Herz der Stadt schlug, wieder auferstehen. Beim Lesen ergeben sich – zumindest für den Leser, der jene Mauerjahre bewusst miterlebt hat – zahlreiche Déjà-Vu-Erlebnisse. Für sie, aber ganz besonders für die Nachgeborenen das „Kennedy-Syndrom“ vielleicht weniger ein Krimi: Das Kennedy-Syndrom ist nicht nur für eine politische Zeitreise geeignet sondern auch als historischer Stadtführer.

 

Uwe Klausner, Kennedy-Syndrom, Gmeiner, 11,90 €

VÖ: 13. August 2011

 

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„Der Federmann“ von Max Bentow ist ein rundum gelungenes Debüt

Es gibt Krimis, die überzeugen durch ihren raffinierten Plot. Andere begeistern, weil sie durch die Eleganz der Sprache auffallen, wieder andere, weil sie gesellschaftliche Zustände erklären und mehr sind „mehr“ als ein Kriminalroman. Und dann gibt es da noch die Krimis, von denen man noch nicht einmal genau sagen kann, was ihre außerordentliche Faszination ausmacht, die man aber nicht zur Seite legen kann, bis man die Auflösung erfahren hat.

Ein Plot mit sehr hohem Tempo

„Der Federmann“ von Max Bentow gehört in diese Kategorie. Das ist deshalb bemerkenswert, weil diese „Pageturner“  in der Regel im angelsächsischen Raum entstehen. In den USA und Großbritannien verstehen sich die Autoren darauf, Bücher zu schreiben, die den Plot mit einem extremen hohen Tempo vorantreiben und dabei eine enorm fesselnde Spannung entwickeln. Alles andere wird dem untergeordnet.

Dass Max Bentow einen Thriller geschrieben hat, der diese Merkmale aufweist, spricht für die Qualität des neuen Autoren auf dem Krimimarkt.

Jagd nach einem Serienmörder

Die Geschichte ist eher dabei eher einfach. Ein Serienmörder geht in Berlin um und ermordet Frauen. Der Täter geht äußerst brutal vor, foltert und verstümmelt seine Opfer. Am Tatort hinterlässt der Mörder zudem stets einen toten Vogel.  Kommissar Nils Trojan beginnt zu ermitteln und gerät bald selber in das Visier des Serienmörders. Das ist zugegeben nicht sehr originell, aber in diesem Fall außerordentlich gut erdacht.

Auch der „Federmann“ kann seine Heimat nicht völlig verleugnen. Deutsche Krimis der jüngsten Zeit weisen zwei eher merkwürdige Gemeinsamkeiten auf. Die Autoren neigen zu deutscher Gründlichkeit und beschreiben bis ins letzte Detail. Außerdem haben die Ermittler oder ihre Angehörigen, seltene, extrem merkwürdige Krankheiten. Vermutlich liegt beides daran, dass die Autoren häufig Journalisten sind und Belege ihres angelesenen Wissens und ihrer gründlichen Recherche abliefern müssen. Leider geht das allzuoft zu Lasten des Tempos.

Typisch deutsch?

Auch Max Bentow erliegt (teilweise) dieser doppelten Versuchung. Am Anfang verliert er sich bei seinen Szenen in zu viele Details und sein Kommissar leidet unter einer Angststörung mit regelmäßigen Panikattacken. Deshalb besucht der Polizist sogar eine Therapeutin. Hier enden die Gemeinsamkeiten mit anderen deutschen Krimis. Der „Federmann“ nimmt spätestens ab dem zweiten Viertel gewaltig Fahrt auf, und die Leiden des Kommissars und der Gang zur Therapeutin sind wichtiger Bestandteil der Handlung. Hier hat die erdachte Krankheit der Hauptfigur tatsächlich einen literarischen Sinn.

„Der Federmann“ ist ein gelungenes Debüt: Ungewöhnlich spannend und bis zum Schluss fesselnd. Die Ankündigung der PR-Strategen des Verlages, das ein Roman den Auftakt zu einer „neuen Krimiserie“ bilde, muss ja leider allzu oft als Drohung verstanden werden. Bei Max Bentow stimmt das den Krimi-Leser tatsächlich neugierig.

 

 

Tatort:Berlin 

Max Bentow, eigentlich Schauspieler und Dramatiker ist Berliner. Er kennt also seine Stadt. „Der Federmann“ spielt im südlichen Zentrum der Hauptstadt. Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln sind die Zentren des Romans. Der Kommissar bewegt sich mit dem Fahrrad durch die Straßen, die Wegbeschreibungen sind so genau, dass man die Wege, die der Ermittler nimmt, problemlos nachfahren könnte. Der Mittvierziger Bentow fängt die Stimmungen, die in den jeweiligen Kiezen zu spüren ist, gut ein. Die intellektuelle Bürgerlichkeit Schönebergs ist genau so glaubwürdig wie der Völkergemisch Kreuzbergs und die latenten Hoffnungslosigkeit das beinahe schon Stadtrandbezirkes Neukölln. Das Berlin Bentows zeigt einen realistischen Querschnitt. Es ist weder die Hochglanzmetropole der Neuen Mitte noch das Elendsquartier der Plattenbauten – und auch das ist, angesichts dessen, was mit Berlin in den vergangen Jahren literarisch bisweilen veranstaltet wird, sehr sympathisch.

Max Bentow, Der Federmann, Page&Turner, 14,99€

VÖ: 8. August 2011

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther erneut auf eine spannende Zeitreise

Kuba, 1954. Carlos Hausner sitzt inmitten der Nachkriegswirren in einem Nachtclub, genauer gesagt in einem Bordell und schlürft entspannt an einem Drink. Ein Idyll? Vielleicht. Wenn, dann keines, das lange währt. Die Besitzerin des Etablissements erpresst den Mittfünfziger, eine junge kommunistische Revolutionärin (und gesuchte Mörderin) mit seinem Boot nach Haiti zu bringen. Von da an gerät der Besitzer eines argentinischen Passes in beträchtliche Schwierigkeiten.

Carlos Haussner ist allerdings Kummer gewohnt. Er musste in den Jahren zuvor für die argentinische Junta arbeiten und für die US-amerikanische Mafia. Hausner scheint das Pech magisch anzuziehen. Kein Wunder, eigentlich ist Hausner Bernhard Gunther, ehedem Berliner Kriminalkommissar mit einem außerordentlich großen Talent, sich Probleme aufzuhalsen.

Ein Polizist, der das Pech scheinbar magisch anzieht

Tatsächlich gerät Hausner, beziehungsweise Gunther, auf seiner Überfahrt von Cuba in die USA an Gegner, die Junta und Mob wie zahme Pfadfinderclubs erscheinen lassen. Die US-Marine bringt Gunthers Boot auf. Der Deutsche gerät in die Hände der CIA. Von da an wird es kompliziert – und für den Ex-Cop lebensgefährlich.

Der US-Autor Philip Kerr jagt seinen liebevoll Bernie genannten Ermittler jetzt bereits zum siebten Mal unbarmherzig durch die deutsche Geschichte. „Field Grey“, was die PR-Strategen etwas unglücklich mit „Mission Walhalla“ übersetzt sehen wollen, heißt das neueste Abenteuer Gunthers.

Bernie Gunther kommt weit herum

Kerr lässt seinen knurrigen Polizisten, der vergeblich versucht moralisch sauber zu bleiben, dabei immer wieder tief im Schlamm wühlt und feststellen muss, dass viel zu viel vom Dreck haften bliebt, weit herumkommen – geographisch wie chronologisch. Berlin, am Ende der Weimarer Republik, Paris nach der deutschen Besetzung, Minsk während des Russlandfeldzuges, ein Kriegsgefangenenlager in den Weiten der Sowjetunion und die junge Bundesrepublik im Jahr des „Wunders von Bern“ sind die wichtigsten, aber beileibe nicht alle Orte der Handlung.

Philip Kerr schließt damit zum Entzücken seiner treuen Leser Lücken in der Biographie seines Darstellers. In erster Linie aber hat der Brite wieder einen enorm packenden Thriller geschrieben. “Field Grey“ bietet eine raffiniert gewobene Geschichte mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die selbst routinierte Krimi-Leser zu verblüffen vermögen.

Das ist aber auch wenig überraschend, denn bereits mit seiner „Berlin Noir“-Trilogie, dem Ursprung der Romane um Bernhard Gunther, hat Philip Kerr das Genre des historischen Krimis auf ein neues, enorm anspruchsvolles Niveau gehoben.

Philip Kerr plündert hemmungslos die deutsche Geschichte

Der britische Autor taucht dabei tief in die deutsche Geschichte ein, baut hemmungslos bekannte und unbekannte Figuren jener Jahre ein. Reinhard Heydrich spielt eine Rolle – und in „Field Grey“ erstmals auch der spätere Stasi-Chef Erich Mielke. Kerr zeichnet komplexe Figuren, lässt das Leid deutscher Kriegsgefangener in Sibirien genauso auferstehen wie die Misshandlung der Gefangenen im Vichy-Frankreich, vor allem aber die Greueltaten der Nazi-Schergen. Nie jedoch lässt er bei aller Spielerei mit der Geschichte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Blick, gleich von wem sie begangen wurden. Dass sich Bernie Gunther bei seinen ebenso energischen wie hilflosen Versuchen, das Richtige zu tun, immer wieder in der Geschichte verstrickt, macht einen großen Reiz der Serie aus.

 

 

Tatort:Berlin

Berlin ist die Heimat Bernhard Gunthers. Er lebt in einer Seitenstraße des Kudamms, arbeitet im Polizeipräsidium am Alex und kennt jede Kaschemme, jeden Puff, jeden Club im Wedding und anderswo. Gunther ist Polizist im Berlin der untergehenden Republik und der beginnenden Nazizeit und kommt herum. Das Berlin jener Jahre und das zerbombte Berlin der Nachkriegszeit ersteht in „Field Grey“ plastischer auf als je zuvor in den Thrillern Philip Kerrs. Gunther steht prototypisch für die Bewohner der Metropole. Er trinkt massenweise Bier, Schnaps und hat, so Kerr, die „Ausstrahlung eines Friedhofsgräbers“.

Philip Kerr legt weniger Wert auf eine detaillierte Beschreibung. Wichtiger ist es ihm, die Atmosphäre, die Stimmung seiner Schauplätze einzufangen – und das gelingt ihm immer wieder mit höchster Perfektion, sei es beim Kriegsgefangenenlager in Sibirien, sei es im Arbeiterwohnblock im roten Wedding, sei es im verschwenderisch prächtigen Hotel Adlon der Weimarer Republik.  So ensteht, auch ohne den lehrerhaften Ton des Geschichtsprofessors das historische Berlin neu.

 

Philip Kerr, Mission Walhalla, Wunderlich, 19,95€, VÖ: 15. Juli 2011

 

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Diagnose Mord

Ärzte, insbesondere junge Mediziner haben es oft nicht leicht. Das gilt vor allem dann, wenn ihnen die Patientin unter der Nase weg entführt wird. So passiert es der Notärztin Ella Bach in der Charité. Zusammen mit ihrem Rettungsassistenten hatte sie nach einem anonymen Anruf eine übel zugerichtete Frau aus einer Wohnung in Kreuzberg abgeholt und in die Rettungsstelle in Berlin-Mitte transportiert. Dort kommt ihr ihre schwer verletzte Patientin dann abhanden.
Es soll noch viel dicker kommen. Am nächsten Morgen findet sie ihren Freund, Ex-Lover und Kollegen Max tot in seiner Wohnung. Spätestens in diesem Moment geht der jungen Frau auf, dass etwas ganz entschieden nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Notärztin beginnt, zu Entführung und Mord Fragen zu stellen und gerät dadurch alsbald in einen reißenden Strudel der Ereignisse. Ella Bach tappt lange im Dunkeln. Von wirklicher Ermittlung – schließlich ist sie letztlich doch nur Medizinerin – kann bei ihrer hartnäckigen Suche nach den Hintergründen keine Rede sein. Schnell wird immerhin klar: Es geht um weit mehr als eine simple Beziehungstat.
Claus Cornelius Fischer hetzt in seinem neuesten Roman „Erlösung“ seine Hauptdarstellerin erst durch Berlin und später quer durch Frankreich. Die Geschichte um Ella Bach liest sich gut weg, der Spannungsbogen stimmt, wenn man über einen kleineren Schönheitsfehler hinwegsehen mag. Die Grundidee der ermittelnden Ärztin wirkt konstruiert, die Figur der Konventionen sprengenden Medizinerin nicht wirklich glaubhaft. Wer das ignorieren kann, wird mit „Erlösung“, das bereits im März auf den Markt kam, viel Spaß haben.

 

Tatort:Berlin

Man sieht den Autoren förmlich vor sich, wie er mit dem Stadtplan die Strecke abläuft. Die Wegbeschreibungen durch Berlins Mitte sind akribisch nachgezeichnet. Dennoch bleibt der Schauplatz das Berlin der Touristen – die Charité in Mitte, Wohnungen am Hackeschen Markt, in Kreuzberg und Schöneberg, das Diplomatenviertel. Das ist nicht sonderlich aufregend, wird der wilden, bunten Stadt Berlin nicht wirklich gerecht, hat aber einen hohen Wiedererkennungswert auch, vielleicht besser vor allem, für Menschen, die nicht in der Hauptstadt leben.
C.C. Fischer, Erlösung, Blessing, 19,95 €